, wie der vorschreitende Frühling hier bald schalten und walten und Alles mit seiner reichen Fülle schmücken und verschönen werde . Die Baronin war von dem Anblicke des Schlosses überrascht , als hätte sie es nicht zuvor gesehen . Es übertraf an Stattlichkeit noch bei Weitem das Bild , das sie in ihrer Vorstellung davon bewahrt hatte , und daß der Bau in seiner Unregelmäßigkeit die Spur des Bedürfnisses oder der Laune an sich trug , welche die Herren von Arten von Geschlecht zu Geschlecht bewogen hatten , ihn zusetzend umzugestalten , das gab ihm den Charakter des Historischen , gab ihm sein feudales Ansehen , indem es den Glauben an die Selbstherrlichkeit seiner Besitzer verstärkte . Von der uralten , auf steiler Höhe rechts über dem Schlosse liegenden Stammburg , welche einst die Ebene und den Fluß beherrscht und reichen Zoll von der Schifffahrt auf demselben gezogen hatte , waren nur noch die Hälfte der Außenmauern und die beiden Thürme erhalten , die sich , breit und verbunden mit einer von vielen Fenstern durchbrochenen Zwischenmauer , unverkennbar als ein Bauwerk aus der Zeit der deutschen Ritter darstellten . Diese Burg war aber schon zur Zeit der Reformation verlassen worden , und man konnte es an der Architektur des jetzigen Schlosses noch deutlich wahrnehmen , daß die Herren von Arten , als sie aus ihrer Burg in das Thal hinabstiegen , weder die Macht jener Vorfahren gehabt hatten , welche einst die Burg gegründet , noch den Reichthum , mit welchem der Großvater des jetzigen Besitzers das Schloß im Style der Renaissance vergrößert und verschönert hatte . Die lange Hauptfronte desselben mit dem thurmartigen Aufsatze in der Mitte , den der Vater des Barons sich für seine astronomischen Liebhabereien hatte errichten lassen , daneben die beiden Seitenflügel , welche sich weitgreifend , wie vorgestreckte Arme , zur Rechten und zur Linken ausbreiteten und den großen , mit alten Bäumen umgebenen Rasenplatz umfaßten , machten einen schönen Eindruck . Hier werde ich glücklich sein ! rief die Baronin aus ; hier , wo nichts mich von Dir trennt , wo nicht kalte gleichgültige und genußsüchtige Menschen sich zwischen uns stellen ! Hier wirst Du mich lehren , was ich thun muß , Dir zu gefallen , Dir zu genügen und Dich zu beglücken ! Hier , wo Du und Deine Vorfahren als Kinder spielten , hier ist unsere Heimath , hier gehören wir hin , und hier - Sie verbarg ihr erglühendes Gesicht verschämt an ihres Gatten Brust , aber ihre Worte ergänzend , fügte er mit gehobener Stimmung hinzu : Hier sollen Deine Kinder , unsere Kinder und Kindeskinder ihre Heimath haben und das Geschlecht aufrecht erhalten , das nun schon über vierhundert Jahre seinen Wohnsitz auf diesem Grunde und Boden hat . Das walte Gott ! sprach Angelika aus vollem , gläubigem Herzen und bog im nächsten Augenblicke den Kopf zum Fenster hinaus , als sie in das zweite Dorf der Herrschaft einfuhren . Das ist Rothenfeld , sagte der Baron , und wie ein Schleier zog es über seine Mienen . Es war vorbei mit der frohen Erhebung , die ihn noch eben erfüllte . Er hätte die Augen schließen mögen , um nicht den Weg zu sehen , den er so oft gekommen war ; er hätte es nicht sehen mögen , das kleine Haus am Ende des Dorfes , dessen schmuckes Ansehen der Baronin auffiel und dessen geschlossene Laden ihrem Manne das Blut aus den Wangen weichen machten , als Angelika die Frage aufwarf , wem das Haus gehöre und warum es nicht bewohnt sei . Mein Amme hat darin gelebt ! antwortete der Baron , und mit plötzlichem Entschlusse setzte er hinzu : Aber es ist baufällig ; ich muß es niederreißen lassen . Angelika war zu sehr beschäftigt , um dies auffallend zu finden , denn die einzelnen Theile des Schlosses traten immer deutlicher hervor . Der Baron wies ihr die Fenster der Zimmer , die für sie bestimmt waren ; die Grenze des Parkes wurde erreicht , und man langte noch zeitig genug im Schlosse an , um die Reihe der Gemächer bei Tageslicht zu durchwandern , um die junge Herrin die Aussicht aus dem Wohnzimmer genießen zu lassen , das der Baron ihr mit den antiken Statuetten ausgeschmückt hatte , um ihr lebhafte Aeußerungen der Freude über ihre neue Heimath und über die Landschaft um sie her zu entlocken . Zehntes Capitel Zu einer Wirksamkeit auf ihre Umgebung gehört für eine Frau ein besonderer Sinn . Gaben des Geistes und Güte des Herzens thun es nicht allein . Es ist dazu eine Beobachtung nöthig , welche das Bedürfen der Andern versteht und erräth , und jener selbstlose gute Wille , der das eigene Bedürfen im Verhältnisse zu dem fremden nicht überschätzt . Angelika war von einer Mutter erzogen , welche diese Eigenschaften in hohem Grade besaß und welche es verstand , ihren Gutsinsassen eine hülfreiche Herrin zu sein , wie sie ihren Kindern eine treffliche Mutter war . So hatte Angelika es früh gelernt , für Andere zu sorgen , und jetzt , da sich ihr in Richten ein eigener Wirkungskreis eröffnete , wie ihn ihre Mutter von je gehabt hatte , fing sie erst an , sich recht als Hausfrau und als Herrin zu empfinden . Die alte Dienerschaft der Familie war ihr zusagender als die Lakaien , welche der Baron für die Dauer ihres Aufenthaltes in der Hauptstadt angenommen hatte ; die großen , hellen Säle , die man theilweise in ihrer alterthümlichen Pracht belassen , die wohlerhaltenen , schweren und geschnitzten Eichenmöbeln derselben waren ihr noch lieber als die Zimmer , welche man modisch erneuert , und sie sprach es bald nach ihrer Ankunft in Richten zuversichtlich aus , daß sie sich hier nie einsam fühlen könne . Es sei ihr , als lebten alle die verehrten Vorfahren mit ihr , die hier in ununterbrochener Reihenfolge geschafft und gewaltet , um ihr den Wohnsitz zu bereiten , auf den sie stolz sei und den für die Zukunft zu erhalten und zu schmücken ihr wie ein Priesterdienst erscheine . Sie besaß jenen lebendigen , historischen Sinn , der eine große Stütze für den Menschen , und den ererbter Besitz in bevorzugten Naturen zu entwickeln geeignet ist . Es verging daher nur kurze Zeit , bis sie die Lebensverhältnisse der Leute kannte , welche ihr dienten , bis sie wußte , was geschehen müsse , sie zufrieden zu stellen , und was im weiteren Kreise in der Herrschaft ihres Mannes für das Wohl ihrer Bewohner noch zu leisten und zu schaffen sei . Es war das nicht Folge neugieriger , gewaltsamer Fragen , nicht absichtliches Erforschen . Weil sie theilnehmend war , kam ihr überall das Vertrauen entgegen , und der Caplan stand ihr mit Rath und Aufschluß überall zur Seite . Die ersten Tage in Richten flogen ihr auf solche Weise wie Stunden schnell dahin , und das schöne Frühlingswetter erhöhte ihr Behagen . Der Baron , der es seit dem Tode seiner Mutter entbehrt hatte , eine Hausfrau im Schlosse walten zu sehen , hatte Freude an der stillen Thätigkeit seiner jungen Gattin , ja , er gestand ihr , daß sie hier erst recht an ihrem Platze sei , daß sie ihm nie zuvor besser gefallen habe , als hier in seinem Schlosse . Er verließ sie auch wenig , sein Auge folgte ihr überall , aber es kam Angelika bisweilen vor , als ziehe oft plötzlich ein schwermüthiger Ernst durch sein Gesicht , wenn er sie betrachte , als sei es nicht nur seine Liebe für sie , welche ihn in ihrer Nähe festhalte , sondern als bewache er sie und die Personen , welche sie bedienten , mit einer ihr unerklärlichen Achtsamkeit . Sie neckte ihn damit , er ließ es gelten ; indessen von Tag zu Tag fiel es der Baronin mehr und mehr auf , daß in dem Betragen ihres Mannes auch hier in Richten ein fortdauernder Wechsel herrschte , daß er oft sehr reizbar , oft noch schwermüthiger war , als in der Stadt , ja , daß er recht eigentlich launenhaft geworden und eine Unruhe über ihn gekommen sei , welche sie früher nicht an ihm wahrgenommen hatte . Er machte im Hause Anordnungen , für welche sich kein Grund absehen ließ . Er fand die ganze Eintheilung der Zimmer , welche er vor seiner Verheirathung selbst veranlaßt hatte , unzweckmäßig . Bald wurde Dieses geändert , bald Jenes , und man war noch nicht vierzehn Tage im Schlosse , als der Baron seine nach der Terrasse und dem Flusse hinaussehenden Gemächer ein für alle Mal verließ und ein paar andere Zimmer für sich auswählte , welche nach der entgegengesetzten Seite gelegen waren . Jede Frage , welche Angelika in diesem Betrachte an ihn richtete , verschlimmerte seine Stimmung , so daß sie sich in ihrer Sorge an den Caplan wendete , um von seiner Erfahrung sich Rath zu erholen . Der aber schob die Veränderung , welche mit dem Freiherrn vorgegangen sei , leichthin auf eine Hypochondrie , mit der man Nachsicht haben müsse , und ersuchte die Baronin , es ihren Gatten nicht merken zu lassen , daß man seine gesteigerte Reizbarkeit und seine Unruhe bemerke und beobachte . Geduld und Zeit würden Alles wieder heilen . Angelika ließ sich die Trostgründe des Caplans gefallen , und der treue , herzenskundige Mann wußte sie so vielfach zu beschäftigen , so zuversichtlich auf bessere Tage hinzuweisen , daß seine Nähe ihr mehr und mehr zum Bedürfniß wurde . Auch der Freiherr schien die Gesellschaft seines alten Freundes jetzt in Richten nicht entbehren zu können . War er allein in seinem Zimmer , so forderte er fast immer die Anwesenheit des Caplans , und selbst wenn er sich bei der Baronin befand , zog er ihn meistens als Dritten hinzu . Seine Lust an Geselligkeit , an Zerstreuungen schien er in der Residenz völlig gesättigt zu haben , denn er verließ das Schloß sehr selten , und selbst die nothwendigen Besuche in der Nachbarschaft , von denen häufig die Rede war , wurden immer noch hinausgeschoben . Der Baronin fiel es nicht auf , wie einsam und still man in dem sonst so gastlichen Schlosse lebte . Sie war hingenommen von den neuen Verhältnissen , in denen sie sich bewegte , von der Sorge um ihren Gatten , von der Hoffnung auf ihr Kind , und der Verkehr mit den beiden Männern gab ihrem Herzen und ihrem Geiste reiche Nahrung aller Art. Es waren bald literarische , bald künstlerische Gegenstände , welche die Unterhaltung bildeten , aber vor Allem liebte der Freiherr es jetzt , die großen Grundsätze der sittlichen Weltordnung in den Bereich des Gespräches zu ziehen . Ethische und dogmatische Fragen , die angeborne Sündhaftigkeit des Menschen und die Nothwendigkeit seiner sittlichen Erhebung lagen ihm offenbar sehr am Herzen , während der Gedanke an den Tod , an die Unsterblichkeit und an die Art der Fortdauer , welche dem Menschen gegeben sei , ihn jetzt nicht minder lebhaft als in Berlin , wennschon in weniger phantastischer Weise beschäftigte . Aber auch das Nächstliegende wurde erwogen . Angelika und der Caplan fanden nach solchen Gesprächen den Gutsherrn meist geneigt , Verbesserungen in der Lage seiner Leute zu bewilligen und manchen vorhandenen Mißständen Abhülfe zu bereiten . Es war seit Monaten festgesetzt worden , daß die gräfliche Familie von Berka zu dem Osterfeste , das diesmal spät im Jahre fiel , ihren ersten Besuch bei der Tochter machen sollte , und man fing bei Zeiten an , sich darauf vorzubereiten . Der Baron , dessen Stimmung sich nicht bessern wollte , ließ seiner Gattin in allen ihren Vorkehrungen freie Hand , ja , er willigte endlich sogar darein , die lange verschobenen Antrittsbesuche zu machen , damit es seinen Schwiegereltern bei ihrer Anwesenheit nicht an Gesellschaft fehlen möge . Indeß er ließ sich zu allen diesen Dingen nur bestimmen , er hatte , wie es schien , für den Augenblick alle Lust und Kraft zu irgend welchem selbstständigen Entschlusse verloren . Wo aber der Hausherr krank , wo das Oberhaupt der Familie selbst der Schonung bedürftig ist , muß die Hausfrau nothwendig an seine Stelle treten , und Angelika fand sich unter des Caplans Beistand schnell und leicht in diese Pflicht . Je näher die Ankunft der Ihrigen herankam , um so freudiger sah sie ihr entgegen . Sie wünschte , vor ihrer Familie Ehre mit den Besitzungen ihres Mannes einzulegen , als deren Theilnehmerin sie sich jetzt fühlte , und sie hatte eben die lange Reihe der Zimmer mit Wohlgefallen an ihnen durchschritten , als sie sich zu ihrem Manne begab , um ihn zu einer gleichen Besichtigung aufzufordern . Bei dem Freiherrn eintretend , fand sie ihn aber mit dem Caplan in einem Gespräche , das plötzlich abgebrochen wurde . Der Caplan steckte einen Brief in seine Tasche , der Baron wendete sich flüchtig ab , Jener verließ das Zimmer , und voll Bestürzung fragte Angelika , ob etwas Unangenehmes gemeldet , etwas Schlimmes vorgefallen sei ? Der Freiherr versicherte , daß dies nicht der Fall sei ; sie ersuchte ihn , ihr zu sagen , wovon er eben jetzt mit dem Caplan gesprochen habe , und dies zu thun , schlug er ihr ab . Weil sie aber grade heiter und guten Muthes war , wollte sie ihren Willen durchsetzen . Sie bat , sie schmeichelte , sie umarmte ihren Mann , es half ihr nicht , und wie man denn , eben wenn man in guter Laune ist , eine abschlägige Antwort oft um so schwerer fühlt , rief sie plötzlich betrübt und gegen ihre Gewohnheit heftig werdend , die Worte aus : Es ist aber wirklich , als sollte ich mich nie mehr recht von Herzen freuen ! Ihr Ton , ihre Mienen waren noch bezeichnender für ihre Traurigkeit , als ihre Worte . Der Freiherr wurde davon gerührt . Er ging an sie heran , nahm ihre beiden Hände , sah ihr lange und prüfend in die Augen , und fragte dann mit einem Ausdruck ernster Trauer : Siehst Du wohl , daß Deine Ahnung Dich nicht betrogen , daß Dein erstes Empfinden bei dem Begegnen mit mir Dich nicht getäuscht hat ? Sie war auf solche Frage nicht vorbereitet , und dieselbe fand sie daher fassungslos . Was mußte seither in dem Herzen des Freiherrn vorgegangen sein , daß er diese Frage an sie richten konnte ? Sie hätte ihm mit einem Worte sagen mögen , was sie fühlte , aber das war mit einem Worte nicht auszusprechen . Hatte er denn nicht gesehen , wie sie ihn liebte , nicht gemerkt , wie sie sich um ihn sorgte ? Beachtete er denn nur ihr äußeres Thun ? Der Gedanke , daß er vielleicht seit langer Zeit zum ersten Male an ihr Empfinden denke , überwältigte sie , und verstummend lehnte sie den Kopf an seine Brust . Er zog sie an sich und küßte ihre Stirne . Armes Weib ! sagte er , ja ! Du hättest ein heiteres Loos , einen anderen Mann verdient ! Angelika erschrak vor dieser Gedankenfolge des Barons , und beide Arme um seinen Hals schlingend , rief sie : Franz ! Um Gotteswillen , das sage , das denke nicht ! Was fehlt mir denn , als nur Dich wieder heiter zu sehen ? Was peinigt mich denn , als die Sorge , Dich von einem Kummer beherrscht zu wissen , den Du mich nicht theilen läßt ? Ich sehe , daß Dich etwas drückt , daß Du mir etwas verbirgst , daß auf Deinem Leben etwas lastet , und ich darf Niemanden fragen , was es ist , da Du es mir verschweigst . Oft ist es mir , als wisse es ein Jeder außer mir , als könne , als müsse ich es erfahren , es ablesen können von diesen Wänden , es geschrieben finden in den Mienen derer , die mir nahen , und ich verzage dann an mir selbst , an meinem Herzen , an meinem Verstande , an meiner Liebe zu Dir ; denn ich meine , die Liebe müsse mich seherisch machen - aber es ist Alles umsonst ! Du bist und bleibst unglücklich , seit wir hier sind , und ich ahne nicht , wodurch ! Die Thränen traten ihr in die Augen , der Baron sah finster aus und war sehr bleich geworden . Kaum bemerkte sie das , so fielen ihr die Rathschläge des Caplans ein . Sie nahm sich zusammen , warf scherzend den Kopf zurück , zerdrückte die Thränen in ihren Augen und sagte mit lächelndem Munde : Aber wie komme ich mir denn vor ? Ich wollte Dir erzählen , wie glücklich und wie stolz ich bin , die Eltern übermorgen hier in unserem Schlosse zu empfangen , und ich weine , weil Du es mir verweigerst , mir einen Brief zu zeigen , der mich sicherlich nichts angeht . Vergieb mir , geliebter Mann , und sei wieder gut ! Sie reichte ihm ihren Mund zum Kusse , er drückte ihr ernst die Hand . Armes Weib , wiederholte er , Du duldest , was Du nicht verschuldet hast , und wir sprechen von einer himmlischen Gerechtigkeit ! Er wendete sich von ihr und entfernte sich schnell . Rathlos blickte sie ihm nach . Die Ahnung , daß irgend eine schwere Verschuldung das Gewissen ihres Mannes belaste , regte sich wieder in ihr . Aber was konnte es sein ? Was war geschehen ? Wann war es geschehen ? Sie wollte ihm nacheilen , ihn auf ihren Knieen beschwören , ihr zu vertrauen . Jung , wie sie war , fühlte sie die Kraft , Alles mit dem Manne zu tragen , den sie liebte ; indeß die Gewohnheit der Achtung hielt sie ab , ihrem Gatten auszusprechen , daß sie ihm ein Schuldbewußtsein zuerkenne , und selbst dem Caplan wagte sie nicht zu entdecken , was sie beschäftigte und bekümmerte . Die Nacht verging ihr ohne Ruhe , und da die Jugend vor langen , unausgesetzten Qualen zurückschreckt , fing sie am andern Morgen wieder an , die Gedanken auf die Ankunft der Ihrigen hinzuwenden . Das erschloß ihr das Herz . Sie suchte Gründe hervor , sich zu beweisen , daß sie zu schwarz gesehen habe , sie wollte selbst ihre Sorgen verscheuchen , um den Ihrigen ein heiteres Angesicht zu zeigen . Am Mittage , als es warm und schön war , trat die Baronin aus dem großen Saale des Erdgeschosses auf die Terrasse hinaus und blieb eine Weile unter der Thüre stehen , sich des Anblicks zu erfreuen . Leer und weit , wie die Terrasse ohne den Schmuck der Orangenbäume sich ausnahm , hatte sie in ihrer Anlage doch etwas Großartiges , das auch in solchem Zustande gefallen und imponiren konnte . Die Hermen mit den Köpfen der griechischen und römischen Dichter standen feierlich auf der Höhe und sahen ernsthaft auf den Beschauer hin , aber rund um sie her waren die Bäume noch kahl , und der Blick schweifte , durch die Freiheit in die Ferne gelockt , bald von den Steingebilden zu dem Lebendigen hinüber , das sich in der Natur zu regen begann . Während die Baronin die Treppe hinabstieg , hielt sie sich mehrmals damit auf , die Sträuche und Büsche zu beiden Seiten derselben zu betrachten , denn überall färbten die Stengel sich schon röthlich oder grün , überall waren die Knospen geschwellt , daß man meinte , gleich heute müsse der warme Sonnenstrahl sie zum Aufbrechen bringen , gleich heute müßten die Blätter sich entfalten und den ersten wunderbaren Duft des frischen Grüns durch die Lüfte strömen . Unten an der Buchsbaum-Einfassung der sternförmig sich wie ein Teppich ausbreitenden Beete schimmerten weiße Köpfchen hervor . Die Schneeglöckchen hatten sich in der Frühe herausgemacht , und Angelika bückte sich , die halberblühten zu brechen , um sie zu schnellerem Erschließen in ihre Zimmer mitzunehmen , und sie dann ihrem Gatten zu bringen , wie sie seit ihrer ersten Kindheit alljährlich den kleinen Strauß von Schneeglöckchen der Mutter als Liebesgabe , als erstes Zeichen des Frühlings zu bringen gewohnt gewesen war . Das bewegte ihr im Innersten das Herz , das ohnehin von all dem quellenden Werden um sie her bei dem Gedanken an das junge Leben , das sie ihrem Manne nun bald selbst als Erstlingsgabe ihrer Ehe in die Arme legen werde , in schnelleren Schlägen pochte . Ihre ganze Seele war ein Gebet . Sie war voll Dank gegen den Schöpfer , der ihr Lebensloos bestimmt und geleitet , voll Liebe für die Eltern , voll Sorge und Zärtlichkeit für ihren Gatten und voll der seligsten Freude bei der Hoffnung auf ihr Kind . Alles , was sie umgab , hatte jetzt dreifachen Werth für sie , Alles , was sie liebte , ward in ihrem Geiste neben einander nur noch enger verbunden durch das ersehnte Kind . Sie sah es schon wachsen und gedeihen und spielen auf diesen Plätzen , unter dem Schatten der Bäume , der hier Geschlecht nach Geschlecht beschirmt ; es dünkte ihr unmöglich , daß der Sinn des Vaters sich nicht an seinem Kinde erheitern sollte . Hoffnung und Zuversicht reichten sich in ihrem Herzen die Hand , daß die Freude ihre Schritte beflügelte und sie weiter und weiter am Ufer des Flusses vorwärts ging , mit sich selbst beschäftigt und doch fortgelockt von jedem neuen Anreize , den der Frühling darbot . Hart am Wasser , wo das dichte Gebüsch den Sonnenstrahlen wehrte , lag am Rande noch eine leichte Eisschicht als Zeichen , daß die Nacht noch kalt gewesen sei . Bedächtige Dohlen hüpften prüfend darüber hin , wendeten die Köpfe mit den klugen Augen vorsichtig nach allen Seiten , tranken kräftig schluckend ein wenig , und schwangen sich dann in die Höhe , um bald darauf an anderer Stelle niederzufallen und das gleiche Treiben zu wiederholen . Aber mitten in dem befreiten Wasser , da , wo die Sonne es erwärmte und vergoldete , schossen schon pfeilschnell die kleinen Fische aus der Tiefe herauf , sich zu sonnen und der neuen Wärme zu genießen , während die neuangekommenen Schwalben mit schnellem Flügelschlage sich bis tief auf die Fluth herabsinken ließen und im Streifzuge über das Wasser wieder die erste Jagd versuchten . Angelika sah dem Naturleben lange sinnend zu . Mit einem Male schien es ihr , als hinge an der Wurzel einer Weide , die sich weithin in das Wasser erstreckte , etwas , das sich hin und her bewegte , ohne doch von der Stelle zu kommen . Sie betrachtete es genauer , es dünkte sie ein Stück Zeug zu sein , das sich von dem Wasser aufblähte , und bald kam es ihr vor , als sähe sie unter der Hülle und unter dem Wasser die Formen einer menschlichen Gestalt . Sie ging erschrocken vorwärts nach der Brücke , wo der Gärtner beschäftigt war , und machte ihn aufmerksam . Er blickte hin , erschrak gleichfalls , und sagte , es werde wohl irgend ein alter Lumpen sein , den man , Gott weiß wo , in das Wasser geworfen und den der aufgehende Strom bis hierher mit sich geführt habe . Dabei versuchte er aber , indem er sich nach der anderen Seite wendete , die Baronin zum Mitgehen und zum Verlassen des Platzes zu bewegen ; indeß diese ließ sich so leicht nicht bestimmen , wo sie ihrem Auge trauen zu können glaubte . Sie hieß den Gärtner , ihr zu folgen ; es waren inzwischen auch ein paar der Frauen , welche die Wege für die erwartete Ankunft der Gäste reinigten und harkten , bis an das Ufer angelangt , und als die Baronin mit dem Gärtner zum zweiten Male die Stelle am Flusse erreichte , hatten schon die Frauen sich hinabgebückt , und zogen mühsam den Leichnam eines Weibes aus dem Wasser , der kaum noch menschliche Züge verrieth . Um Gottes willen , gnädige Frau Baronin , kommen Sie fort von hier , das ist nichts für Sie ! rief der Gärtner dringend . Aber Angelika , obschon sie vor Entsetzen schauderte , meinte sich überwinden zu müssen . Ist hier denn Jemand ertrunken ? fragte sie . Der Gärtner verneinte es . Wer weiß , von wo die Leiche herabgekommen ist ! sagte er , und auch die Frauen schwiegen vorsichtig . Aber ein kleines Mädchen , die Tochter eines Gartenarbeiters , das von der anderen Seite neugierig herbeigelaufen war , als es den ungewöhnlichen Vorgang bemerkte , sagte ganz verwundert : Kennt Er denn die Pauline nicht mehr , Herr Weißhold ? Das ist ja die Pauline aus Rothenfeld , die sich ins Wasser gestürzt hat , den Morgen , wie der Herr Baron zur Hochzeit gefahren ist ! Unsinn , Unsinn ! rief der Gärtner und schob das Kind mit heftigem Stoße auf die Seite . Aber die Baronin , welche keine Sylbe von den Worten der Kleinen verloren hatte , hielt sie zurück , und bleich , mit erstarrenden Zügen fragte sie : Aus Rothenfeld ist diese Todte ? Ja wohl , aus dem Hause , das jetzt eingerissen wird , versetzte das Kind mit aller Bestimmtheit , welche Kinder in ihre Rede zu legen wissen , wenn man dieselbe bezweifelt . Ja wohl , es ist die Mamsell aus Rothenfeld . Und Pauline heißt sie ? wiederholte die Baronin , aber es waren die letzten Worte , welche sie sagen konnte . Sie griff mit der Hand nach dem Gärtner , als suche sie eine Stütze , und sank ohne Laut besinnungslos zusammen . Man trug die Ohnmächtige in das Schloß ; der Schrecken , die Aufregung waren allgemein . In wenigen Minuten wußte die ganze Dienerschaft , was vorgegangen war . Die Sorge um die junge Herrin , das Mitleid mit ihr ließen sich vernehmen , wo zwei Menschen beisammenstanden . Ein reitender Bote ward zum Arzte in die nächste Stadt geschickt , man spannte den Wagen an , der jenem folgen sollte . Die Kammerfrau und der Caplan waren um die Leidende beschäftigt , der Baron stand , ein Bild der Vernichtung , an ihrem Lager . Es währte lange , ehe ein leiser Seufzer den Geängstigten verrieth , daß Angelika dem Leben wiedergegeben sei . Als sie erwachte , fielen ihre ersten Blicke auf den Baron . Er hatte sich zu ihr geneigt und küßte , niederknieend , leise ihre Hände . Sie wehrte es ihm nicht , aber ihr Auge ruhte mit einem Ausdruck der Trauer auf ihm , der ihm das Herz durchbohrte . Er wagte kaum zu fragen , wie sie sich fühle , denn ihre Klage wäre eine Anklage für ihn gewesen , und gleichsam um sie zu beruhigen , sagte er ihr , daß nach dem Arzte gesendet sei und daß er sicher nicht auf sich warten lassen werde . Sie bewegte leise verneinend das Haupt : Ich bedarf des Arztes nicht , entgegnete sie . Das ist der Arzt , den wir brauchen , und er wird uns nicht verlassen ! - Sie reichte dabei dem Caplan die Hand , er legte sie in die ihres Gatten , so blieben sie eine Weile schweigend beisammen . Es war ein Unabänderliches geschehen , man mußte versuchen , zu sich selber zu kommen , und die Baronin war es , welche sich zuerst ermannte . Sie hatte kein Urtheil über die Zeit , welche seit ihrer Ohnmacht verflossen war , und fragte danach . Man sagte ihr , daß es Mittag sei . Morgen um diese Stunde werden sie kommen ! meinte sie , ihrer Eltern gedenkend . Dann richtete sie sich auf und verlangte , sich zu erheben . Der Baron wünschte sie davon zurück zu halten , auch der Caplan und ihre Kammerfrau machten Einwendungen , sie wollte nicht darauf hören . Ich muß wohl sein , wenn meine Eltern kommen , sagte sie , und ich habe auch keine Schmerzen . Laßt nicht mehr davon die Rede sein ; aber ich habe Ruhe nöthig , ich möchte allein bleiben für einige Stunden . Man fügte sich ihrem Wunsche . Als der Caplan und ihre Kammerfrau sich entfernt hatten , trat der Baron an sie heran , um ihr die Hand zu geben und ihr zuzusprechen , ehe er sie verließ ; aber sie nahm die dargebotene Hand nicht an . Es hat keinen Segen gebracht , sagte sie , daß wir uns die Hände reichten , und wenn es wieder geschieht , so muß es in einem anderen Sinne und in einem anderen Geiste sein . Auf dem alten Wege kann ich nicht weiter gehen .... Höre mich , Angelika , bat der Baron . Nein , jetzt nicht ! versetzte sie mit großer Festigkeit . Ueberlege auch Du , was uns beiden frommt . Ich hatte mir geschworen , mich ganz und überall Deiner Führung zu überlassen , als ich Dir Treue gelobte . Den ersten Eid kann ich nicht mehr halten , den zweiten werde ich halten , und Gott wird mir helfen und mir sagen , auf welche Weise ich es thun , auf welche Weise ich Dir meine Treue bezeugen soll . Laß mich mit mir und meinem Gott allein ! - Der Baron blieb vor ihr stehen ; es überkam ihn die Ahnung , daß in dieser jungen Frau eine Stärke des Willens und des Charakters verborgen liege , die er nicht in ihr vermuthet hatte , und in die widersprechenden Gefühle , die ihn erschütterten , in das Entsetzen , welches das Auftauchen der Leiche in ihm hervorgerufen , in den Schmerz und in die Sorge , welche die Ohnmacht seiner Gattin ihm verursacht hatte , in das Bangen vor der Zukunft seiner Ehe , in