nicht schön ; schön waren die Augen , mit welchen sie jedoch den Theologen nicht sehen konnte , wohl aber den breiten Rücken des Herrn Wirtes zum Posthorn . Der Herr Wirt verdeckte sowohl ihr die Aussicht als auch dem jungen Mann , den er mit so großem Eifer ausfragte . Wie der Wind draußen sich ärgerte und seine Wut auf das unzweideutigste kundgab ! Er lief um das Haus wie toll , rüttelte an jedem Fenster , in welches seine Mitverschworene , die Nacht , die grämliche Herbstnacht , menschenfeindlich , lichtfeindlich hineinsah . O wie ärgerten sich Wind und Nacht über die Reisenden , die jetzt so sicher vor ihnen waren ; wie ärgerten sie sich über den dicken Wirt zum Posthorn und die Wirtin und der Wirtin rosige Tochter ! Keine Häscher , deren Opfer sich in eine heilige , unverletzliche Freistatt gerettet hatten , konnten sich mehr ärgern . Wer aber schnarrte in diesem Augenblick mit Nachdruck die Worte : » Unverschämter Judenjunge ! « ... ? War es der Wind oder war ' s die Nacht ? Nein , es war der ältliche militärische Herr mit dem Schnurrbart , und wenn ein Zweifel übrigbleiben konnte , daß er mit dieser wohlwollenden Bezeichnung unsern Freund Moses Freudenstein meinte , dessen Namen soeben von Hans Unwirrsch genannt worden war , so zerstreute er diesen Zweifel sogleich , indem er hinzusetzte : » Ein naseweiser , vorwitziger Judenbengel , wenn ' s der Schlingel ist , dem ich neulich in Paris seinen Standpunkt mit Nachdruck habe klarmachen müssen ; - nicht wahr , Fränzchen ? Moses Freudenstein , ja , der Name war ' s. Rücken Sie doch mal näher , Herr Kandidate ; kommen Sie zu diesem Tisch ; der Abend ist ganz dazu geschaffen , daß die Leute zusammenrücken , und es wird mich freuen , Ihre nähere Bekanntschaft zu machen und etwas Weiteres über besagten Moses zu hören . « Sehr verwundert über die plötzliche Unterbrechung , hatten sich die Wirtsleute nach dem Sprecher umgedreht , und sehr erregt über den unvermuteten Angriff auf den Freund , hatte sich Hans erhoben . Ohne alle Schüchternheit hub er die Verteidigung seines Moses Freudenstein auf der Stelle , vom Platze aus , an ; aber der alte Herr winkte begütigend : » Na , na ; nur immer Schritt ! Rechten , linken ! Rechten - jetzt hat der Wind erst mal wieder das Wort . Hören Sie nur , wie er draußen rasaunt . Das ist ein Wetter , wo selbst den Pastoren die Lust vergeht , sich zu zanken . Rücken Sie herüber , Herr Kandidate , zu einem Glas Punsch ; und nehmen Sie ' s nicht übel , wenn ich schon wieder was Unpäßliches gesagt habe ; - ' s muß wohl so sein , denn mein Fräulein Nichte hier zupft mich sehr am Rockschwanz . « Vielleicht wär ' s der jungen Dame jetzt ganz angenehm gewesen , wenn der Herr Wirt immer noch zwischen ihr und dem Theologen gestanden hätte ; aber die Aussicht war nunmehr vollkommen frei , und nichts hinderte unsern Hans , sich durch einen Blick zu bedanken bei dem errötenden Kinde , welches den grauen Schnauzbart am Rockschoß gezupft hatte . » Immer heran , Herr Kandidate , immer heran ! Gewehr über - marsch - halt ! Rücke zu , Franziska ; - du wirst dich doch nicht vor dem Schwarzrock fürchten ? Herr Wirt , was meinen sie zu einem zweiten Aufgebot dieses angenehmen und gesunden Getränkes ? « Der Wirt meinte , daß das Getränk dem Wetter und der Zeit ganz und gar angemessen sei , und bereitete es auf einen Wink . Ehe Hans Unwirrsch so recht wußte , wie es zugegangen war , saß er an der Seite des alten Kriegers , dem bleichen Fräulein gegenüber und vor dem dampfenden Glase . » So ist ' s recht , Herr Kandidate « , sagte der Schnauzbart . » Ich wußte es ja , daß Sie einen abgedankten Landsknecht nicht um ein lumpiges Wort oder zwei mit der Nase auf den Tisch stoßen würden . Ihr Wohlsein , Herr Kandidate ; und da ich nun allgemach Ihren Namen , Umstände und so weiter in Erfahrung gebracht habe , so sollen Sie über uns auch nicht im dunkeln tappen . Ich bin der Leutnant außer Dienst Rudolf Götz , und dies Kind ist meine Nichte Franziska Götz , deren Vater vor kurzem in Paris gestorben ist und welche ich von dort abgeholt habe , um sie meinem dritten Bruder , der ein großes juristisches Tier ist , zu überliefern , das arme Ding ! « Die letzten Worte brummte der Leutnant nur ganz leise und setzte sogleich sehr laut hinzu : » Da wir somit wissen , woran wir gegenseitig sind , verhoffe ich , daß es heut abend ohne Spektakel im Quartier abgehen wird . Prosit , Herr Kandidat , Ihr habt heute einen guten Marsch gemacht , und darauf gehört ein guter Trunk . « Hans tat dem Leutnant Bescheid und fand bald heraus , daß die Stimme und der Schnurrbart in gar keinem Verhältnis zu den lustigen Augen , der gutmütigen Nase und dem fröhlichen Mund standen . Er fand , daß kein Grund zu der Befürchtung , die Theologie sei hier in die Gewalt und Tyrannei eines bramarbasierenden Eisenfressers gefallen , vorhanden war . Er fand auch , daß große innere Verderbnis dazu gehöre , um in der Gegenwart dieser Franziska das Rauhe nach außen zu kehren . Ein angenehmes Bild war ' s , dieser alte Soldat zwischen den beiden betrübten jungen Leuten . Große Lust hatte er unbedingt , sehr vergnügt zu sein ; aber da das nun doch so recht nicht angehen wollte , spielte er nach besten Kräften den Tröster . » So ist ' s in der Welt « , sagte er über den Rand seines Glases weg , » eben fahrt oder trabt man auf der Landstraße aneinander vorüber und denkt nicht aneinander , und dann sitzt man auf einmal behaglich und streckt die Beine unter einen Tisch . So ist ' s auch bei uns ; eben steht man im Viereck und hat rechts und links seine Nebenmänner , seine besten Freunde bei sich und kann sich auf sie verlassen . Man sieht ganz ruhig zu , wie die zwei Zwölfpfünder drüben auffahren und die Partie beginnen . Sst , sst - die Kugeln ziehen böse Striche durchs Bataillon ; aber euch tut ' s nichts und euern Nebenmännern auch nicht . Drüben denken sie , jetzt sei ihre Zeit gekommen - da ist die Kavallerie - Trab - Galopp - ihr seht sie herankommen mit Gestampf und Gebrüll wie das Donnerwetter - Feuer also ! Es kracht euch um die Ohren , und es ist euch so konfus im Sinn , daß ihr nicht einmal prosit sagen könnt , wenn der Teufel niest . Aber ihr steht fest , so schwarz es euch auch vor den Augen werden mag - das ist das rechte Gedrängele , und ihr stolpert über allerlei , was zappelt oder still liegt . Es quietscht und heult und ächzt euch zwischen den Beinen ; aber ' s ist einerlei , ihr steht so fest als möglich , wenn ihr auch nichts dafür könnt . Zurück müssen die Hunde und tun ' s auch richtig . Durch den Pulverdampf seht ihr nichts als Pferdeschwänze , und jeder macht , daß er hinkommt , woher er gekommen ist , und der Wind bläst den Qualm nach - ja Teufel , wo sind aber eure Nebenmänner ? Fremde Gesichter habt ihr zur Seite , und eine fremde Hand reicht euch die Flasche : Da sauf , Kamerad , auf die Arbeit ! Drei Schritt geht das Bataillon vor , daß die Toten und Verwundeten aus der Reihe kommen . Die Kerle ringsum dampfen vor Schweiß , und da und dort träufelt einem das Blut aus der Nase oder sonstwoher . - Der Boden ist schlüpfrig und zerwühlt genug , und es ist ein Stank wie aus der Hölle : aber die guten Freunde sind fort , und ihr dürft euch noch nicht einmal danach umgucken , denn Ruhe geben die Karnaljen drüben am Walde noch lange nicht ; die werden noch oft genug herankommen bis Sonnenuntergang , um ihr Abendbrot zu verdienen und den Namen Waterloo in die Weltgeschichte reinzubringen . Da ist nun meine Nichte Franziska , die hat auch ihren Nebenmann aus dem Gesicht verloren , und hier ist der Herr Pastor mit einem Gesicht wie ein schwarzer Kater , der in den Essigtopf fiel , und hier bin ich - auch ' ne arme Waise . Ich sage euch , junges Volk , wem es erst öfters in den Feldkessel regnete , der lernt den Deckel auflegen , und wer schon mehr als einen guten Kameraden von der Seite verlor , der lernt ade sagen . Die weichsten Herzen haben ' s gelernt , im Elend nur dreimal trocken überzuschlucken , und sind dabei doch die besten und treuesten Kreaturen geblieben . Kopf in die Höhe , Fränzel ; tu ' s deinem alten Onkel zuliebe . Kopf in die Höhe , Hans Unwirrsch ! Wenn solch junges Blut die Nase durch den Staub zieht , was sollen dann wir Alten tun ? « Franziska drückte die harte , haarige Hand , die ihr der Soldat hinhielt , zärtlich an ihre Brust ; sie sah ihn an , und obgleich ihre Augen feucht schimmerten , lächelte sie doch und sagte : » O lieber , guter Oheim ; ich will alles tun , was du willst . Ich sehe es wohl ein , daß es unrecht von mir ist , deine Liebe durch solchen Trübsinn zu erwidern ; du mußt Nachsicht mit mir haben - du hast mich recht verwöhnt durch deine Liebe . « Der Alte nahm die kleine , schwache Hand , die er in seiner breiten Tatze hielt , auf und betrachtete sie ganz aufmerksam . » Armes Kind , armes Kind « , murmelte er . » So verlassen und umhergetrieben wie ein kleiner Vogel , der aus dem Nest gefallen ist ; - und dieser Theodor und sein Weib - und die Kleophea - ach es ist ein Jammer , Armes Vögelchen , armes Vögelchen - und ich alter Vagabund habe nicht den jämmerlichsten Winkel , in welchen ich es aufnehmen könnte . « Er schüttelte lange den Kopf , knurrend und seufzend ; dann schlug er auf den Tisch : » Lustig , Herr Kandidate ! Also Sie kennen jenen Moses Freudenstein , der jetzt mit achtmal hunderttausend andern Tagedieben die Pariser Gassen unsicher macht ? Das ist ja eine schöne Bekanntschaft und paßt eigentlich zu Ihnen wie eine Haubitze zu gelben Erbsen . « » Es sollte mir sehr leid tun , wenn Moses , wenn er es wirklich ist , Ihr Mißfallen wirklich so sehr verdient hätte , Herr Leutnant « , antwortete Hans . » Wir sind zusammen aufgewachsen , wir sind Schulfreunde und Universitätsfreunde ; und er kann sich außerdem kaum seit einem halben Jahr in Paris befinden . Ich hoffe , es ist ein Irrtum ; ich hoffe es von ganzem Herzen ! « Der Leutnant ließ sich nun ganz genau die Persönlichkeit des armen , guten Moses beschreiben und nickte leider bei jeder Einzelheit mit dem Kopfe , indem er seine Nichte fragend dabei ansah . » Er ist es . Er ist ' s so sicher wie ein Kolbenschlag . Ist ' s nicht der Halunke , Fränzel ? Ich will Ihnen die Geschichte kurz erzählen , um dem Ding ein Ende zu machen . Da meines Bruders Tod sehr schnell erfolgte , so war meine Nichte hier für einige Zeit sehr verlassen in dem Satansnest , und was das heißen will , das weiß ich noch von Anno vierzehn und fünfzehn her , wo ich aber mit mehreren dort auf Besuch war . Armes Kind , armes Kind ! Was das heißen will , in dem Gewühl dort verlassen zu sein - Herr Kandidate , sie zupft mich schon wieder ! Ich bitte dich , Fränzel , gib Ruhe ; laß mich erzählen . « » Ich möchte es lieber nicht , Onkel « , flüsterte das junge Mädchen . » Du hast die Sache auch schlimmer genommen , als sie war ; jener Herr - « » War eine Kanaille , die zu Brei verrieben werden mußte ; - nein , zupfe mich nicht , Fränzel . « Franziska warf einen flehenden Blick auf Hans Unwirrsch , und dieser hatte sich selten auf einem Stuhl so unbehaglich gefühlt , und dazu erfuhr er jetzt doch nicht , in welche Beziehungen sein Freund Moses zu der jungen Dame und zu dem alten Krieger getreten war . Obgleich ihn die Ungewißheit tief beunruhigte und der Zweifel an dem Freunde ihm wie mit spitzigen Nadeln in das Herz drang , so hätte er doch um alles in der Welt nicht den Kummer des bleichen Mädchens durch heftige , zudringliche Fragen vermehren können . Nur das wurde ihm klar , daß ein Spiel des Zufalls den angenehmen Moses in das Haus geführt haben mußte , in welchem Franziska Götz nach dem Tode ihres Vaters hülflos , einsam und schutzlos lebte , und daß sein Betragen nicht von der ritterlichsten Art gewesen war . Auf einem der Boulevards hatte dann eine heftige Szene zwischen dem Leutnant Götz und Monsieur Freudenstein stattgefunden , und eine eingewurzelte Abneigung gegen den armen Moses hatte ersterer sicherlich in das deutsche Vaterland heimgebracht . Mißtönig erschallte vor den Fenstern des Posthorns ein anderes Horn durch den Sturm . Der Nachtwächter rief die zehnte Stunde ab , und die kleine Gesellschaft trennte sich . In herzlicher Weise nahm der Leutnant von dem Theologen Abschied und forderte ihn nochmals auf , den Kopf über dem Wasser zu halten und den Hals , wenn es sein müsse , mit Gesundheit zu brechen . Auch Franziska Götz mußte auf seinen Befehl dem jungen Mann die Hand zum Lebewohl geben und tat es ganz natürlich und ungeziert . Früh mußten der Leutnant und das Fräulein am andern Morgen abfahren , um den Eisenbahnstrang , der jetzt bereits nach der großen Hauptstadt im Norden führte , zu erreichen . Hans Unwirrsch konnte länger schlafen ; nach Neustadt ging noch keine Eisenbahnlinie , und die Stadt trug eigentlich auch gar kein Verlangen danach , in solcher Weise der übrigen Welt zugänglicher gemacht zu werden . Wenn Hans sich vornahm , noch einmal am Wagen den beiden Reisenden eine glückliche Fahrt zu wünschen , so war das sein guter Wille , und wenn er die Zeit verschlief , so war das Schicksal , welches den guten Willen nicht zur Tat werden ließ , schuld daran . Er verschlief richtig die Zeit , nachdem er sich die halbe Nacht hindurch schlaflos auf seinem Lager hin und her gewälzt hatte . Die lange Wanderung und der Wind , welcher über das Dach fuhr und um die Ecke pfiff , der Brief des Oheims Grünebaum und der starke Punsch des Leutnants Rudolf Götz , Herr Moses Freudenstein in Paris und die bleiche , traurige Franziska ließen ihn nicht schlafen . Er stand auf und zündete das Licht an , um es wieder auszublasen ; er konnte nicht die geringste Ordnung in seine Gedanken bringen , und wenn ihm sonst seine Phantasie in bedrückten Stimmungen zu Hülfe gekommen war , um ihn mit allerlei heiteren und lieblichen Bildern aus der Vergangenheit zu trösten oder ihm den magischen Spiegel der Zukunft mit Lächeln und neckischen Winken vorzuhalten , so trieb sie ihm jetzt nur gespenstische Schatten um das Haupt und verhüllte ihm die Nähe und die Ferne in der drohendsten Weise . So mutlos wie in dieser Nacht hatte sich Hans Unwirrsch in seinem ganzen Leben noch nicht gefühlt ; er war eben bis jetzt zu glücklich gewesen . Zum erstenmal griffen jetzt von allen Seiten die dunkeln , erbarmungslosen Hände in sein Leben : der enge , sichere Kreis , welchen ein gütiges Geschick um seine Jugend gezogen hatte , war durchbrochen worden ; hinausgerissen wurde er in den großen Kampf der Welt , von welchem das junge Mädchen , das mit ihm in dieser Nacht unter dem Dach des Posthorns wohnte , schon soviel mehr wußte als er . Vae victis ! Zwölftes Kapitel Sie waren gegangen ; er aber wußte nicht , wer sie waren und was sie ihm werden sollten . Dort am Ofen stand der Tisch , an welchem sie gesessen hatten , und die Wirtin setzte den Kaffee darauf und rückte den Stuhl zurecht für Hans Unwirrsch . Der Wirt kam von seinem Morgengang durch Hof und Garten zurück und brachte noch einen Gruß von den beiden Reisenden . Sie waren gegangen , das heißt fortgefahren . Ehe Hans den Kaffee trank , sah er noch einmal aus dem Fenster auf die Straße . Keine Spur mehr von ihnen . » Das war ein wackerer alter Herr « , sagte der Posthalter , und die Posthalterin sagte : » Arme junge Dame ! Ich möchte wohl wissen , was ihr fehlte ; meine Marie , welche neben ihrer Kammer schlief , hörte sie die ganze Nacht hindurch weinen . Sie muß schon manches Leid erlebt haben in ihrem jungen Leben . « Hans kam vom Fenster zurück , setzte sich auf den Stuhl , auf welchem er am vorigen Abend saß , und sah auf die beiden leeren Stühle . Er fing an , jedes Wort , welches gestern gesprochen worden war , sich zu wiederholen . Und er schreibt mir nicht - ich weiß seine Adresse nicht ich kann ihn nicht fragen , was er dieser jungen Dame zuleide getan hat . Es ist wie ein Traum . O Moses , Moses ! - Sie waren fort , und auch der Wind hatte sich gelegt . Der Himmel war fast noch grauer als gestern , aber kein Lüftchen regte sich mehr . Es war doch ein wunderliches Zusammentreffen ! Hätte ich den Herrn Leutnant doch noch einmal gesehen ... Und die Last auf meinen Schultern ist schon so schwer ! O was gäbe ich darum , wenn ich die Adresse des Moses wüßte ! Der Posthalter fühlte die Verpflichtung , seinen Gast zu erheitern , und erzählte die merkwürdigen , lustigen und traurigen Vorkommnisse des Fleckens ; aber Hans konnte nur halben Ohres darauf hören ; - - - sie waren fort , und er hielt es zuletzt auch nicht mehr aus in der dumpfen Wirtsstube . Er mußte ebenfalls fort , er mußte frische Luft schöpfen . Er bezahlte also seine Rechnung und ging ab , begleitet von den besten Segenswünschen des Posthornes ! Er durchschritt den verschlafenen Flecken , ohne nach rechts und links zu blicken ; erst als er sich wieder auf der Landstraße befand , sah er auf und umher und hätte fast den Wind von gestern zurückgewünscht . Gestern war doch noch wenigstens Leben , wenn auch ein unheimliches ; aber heute rief jede kahle Furche : Der große Pan ist tot ! - und die Wolken senkten sich trauernd auf die gestorbene Erde herab . Es war ein Glück für den Wanderer , daß der Weg hinter dem nächsten Dorf in einen weiten Tannenwald führte . War ' s darin auch noch dunkler als zwischen den freien Feldern , so wirkte doch der frische Duft des Harzes kräftigend auf Sinn und Seele . In diesem Tannenwald ließ Hans Unwirrsch wenigstens die beunruhigenden Gedanken an den Jugendgenossen zurück , denn als er wieder aus der Dämmerung des Forstes hervortrat , erhoben sich am Horizont jene Höhen , hinter welchen die Heimatstadt lag , und vor dem Bild der kranken Mutter mußte nunmehr alles andere zurückweichen , selbst das Bild der lieben jungen Dame , die ihm gestern abend gegenübergesessen hatte . Ununterbrochen wanderte Hans Unwirrsch fort ; er gönnte sich keine Rast mehr . Mit unwiderstehlicher Gewalt trieb es ihn vorwärts ; um die zweite Stunde des Nachmittags stand er am Rande jenes Waldes , von welchem man Neustadt zu seinen Füßen liegen sieht . » O Mutter ! Mutter ! « seufzte Hans , die Hände der Stadt zustreckend . » Ich komme , ich komme . Ich bin ausgezogen in großer Hoffnung , und ich komme heim in großem Schmerz und mit vielem Zweifel . O liebe , liebe Mutter , willst du dein Kind auch verlassen ? Du kannst das nicht . Weh mir , daß ich nicht dort unten geblieben bin , weh über die falsche Sehnsucht , die mich über diesen Berg und Wald so trügerisch hinausgelockt hat ! Was bringe ich heim , was mir und dir Ersatz bereiten könnte für das aufgegebene , verlorene , ruhige , friedliche Glück , in welchem meinem Vater die Tage verflossen sind ? « Nun kam ihm der schreckliche Gedanke , die Mutter sterbe , während er hier oben zögere , und er lief die Höhe hinunter , bis ihm der Atem ausging und er sich im gemäßigten Gang ein wenig faßte . Nun schritt er durch das alte Tor und nun durch die Gassen der Stadt . Aus manchem Fenster blickte man ihm nach , manch ein Bekannter begegnete ihm und grüßte ihn ; er aber konnte auf niemand achten . Er befand sich in der Kröppelstraße , er stand vor dem väterlichen Hause ; er kniete am Bett der Mutter und wußte nicht , ob seit dem Augenblick , wo er am Rand des Gehölzes stand , eine Minute oder ein Jahrhundert vergangen sei . Auch über das , was in den ersten Momenten nach dieser Heimkehr gesprochen wurde , konnte er keine Rechenschaft ablegen . Es wurde auch vielleicht nichts gesprochen . Jetzt las er von dem Gesichte , in den zerstörten Zügen die furchtbaren Leiden der Mutter und weinte bitter . Jetzt flüsterte er ihr zu , daß er da sei , daß er niemals wieder fortgehen wolle , daß auch sie ihn nicht verlassen dürfe . Und dann bemühte sich die Kranke mit matter Stimme , ihn zu beruhigen , und er fühlte eine Hand auf seiner Schulter und richtete sich endlich empor . Die Base Schlotterbeck stand hinter ihm ; an ihr hatte sich nichts verändert , und leise ermahnte sie ihn , sich zu fassen und die Kranke nicht zu sehr aufzuregen . Da war auch der Oheim Nikolaus Grünebaum , sehr weich und scheu ; der Oheim Grünebaum , ein Mann , der da wußte , daß alles seine Zeit hat und daß alles auf die gehörige Weise betrachtet und behandelt und besprochen werden muß . Nun reichte Hans sowohl der Base als auch dem Oheim die Hand , und beide sprachen ihm tröstend und beruhigend zu . Er sah sich wieder einmal um in dem ärmlichen , niedern , dunkeln Zimmer , und trotz aller Trauer , trotz alles Schmerzes , zu welchem er gerufen war , fühlte er eine Beruhigung , eine Sicherung in sich , die er während der qualvollen Wanderung für immer glaubte verloren zu haben . Jetzt machte der Oheim Anstalt , seine Gefühle in wohlerwogener Rede kundzugeben ; aber die Base legte sich nach dem ersten bedenklichen Räuspern ins Mittel und führte ihn halb durch Überredung , halb mit Zwang aus der Tür , wobei et wenigstens noch über die Schulter zurückrief : » Rege ihr nicht auf , Hans . Geh human mit ihr um ; betrage dir als ein filialer Sohn und ein gefaßtes Gemüte , der Doktor hat es uns streng verordnet . « Als Mutter und Sohn allein waren , sagte die Mutter : » Du mußt es mir vergeben , Hans , daß ich dich von deiner Arbeit hab abrufen lassen ; aber ich hatte solch ein groß Sehnen nach dir , daß es nicht anders ging . Du bist immer mein Trost gewesen , nun mußt du es auch jetzt sein . Ich habe ein so groß gewaltig Verlangen nach dir gehabt . « » O Mutter , liebe Mutter « , rief Hans Unwirrsch , » sprich nicht so , als sei an meinem Glück und Wohlergehen mehr gelegen als an dem deinigen . O wenn du wüßtest , wie gern ich alles , was ich durch meine Arbeit in der Fremde errungen habe , hergeben würde , wenn ich dir dadurch nur den kleinsten Teil deiner Schmerzen verscheuchen könnte ! Aber es wird auch besser werden , bald wirst du wieder gesund sein . O Mutter , du weißt nicht , wie nötig ich dich habe ; keine Weisheit , die auf Erden gelehrt werden kann , kann das uns geben , was uns ein Wort und ein Blick der Mutter gibt . « » Sieh , sieh den Jungen « , rief Frau Christine . » Will er über die alte Waschfrau lachen . Solch ein gelehrter Herr ? ! Aber es ist schon gut ; - Hans , Hans , weißt du wohl , daß du deinem seligen Vater immer ähnlicher wirst ? Der konnte sich auch so haben , wenn sich die Sonne einmal ein bißchen hinter der Wolke verkroch . Er war auch so ' n Gelehrter , wenn er auch nicht studiert hatte , und ich habe mich oft über den Mann wundern müssen . Den einen Tag war er so hoch in den Lüften wie ' ne Lerche , und am andern Tag kroch er auf der Erde wie die Schnecke . Wirst auch schon wieder ins Blaue aufsteigen , Hans , sorge dich nur nicht um mich ; ich hab dem lieben Herrgott nichts vorzuwerfen , er hat ' s wohl mit mir gemacht , ein glückselig Leben hat er mir gegeben , und was er mir jetzt auferlegt , nun dazu kann er nichts ; das ist am Ende jedem bestimmt , und es wird wohl niemand darum wegkommen . « Hans fühlte sich sehr gedemütigt am Lager dieser armen , einfältigen Frau , die so große Qualen erdulden mußte und welche doch so heldenmäßig sprechen und trösten konnte . Wenn auch der Schmerz um den drohenden Verlust heftiger wurde , so verflog doch die schwächliche Mißstimmung der vorigen Tage . Er fühlte sich wieder sicher auf seinen Füßen , das echte , wirkliche Leid gab ihm die geistige Haltung wieder ; in seinem Beruf schied er das Wahre , den Inhalt von dem Nebensächlichen und trug ihn zum erstenmal wirklich in das Leben über . Diese schweren Tage wirkten bedeutender auf ihn ein als alle jene Tage , die er in den Hörsälen oder über seinen Büchern im halb unfruchtbaren Studium verbracht hatte . Aus dem Zauberbann schmeichlerischer , entnervender Phantasien und stumpfen , dumpfen Grübelns trat er jetzt zuerst in das wahre Leben ; er verlor den Hunger nach dem Idealen , dem Überirdischen , nicht , aber dazu gesellte sich nunmehr der Hunger nach dem Wirklichen , und die Verschmelzung von beiden , die in so feierlichen Stunden stattfand , mußte einen guten Guß geben . Neben dem Lager der sterbenden Mutter bereitete er seinen Arbeitstisch . Da saß er und schrieb , indem er zugleich den Schlummer der Kranken bewachte . Das Konsistorium hatte ihm die Examinationsaufgaben zugestellt , er begann dieselben mit einem Eifer , den er gänzlich in sich erloschen geglaubt hatte . Es war eine seltsame , traurig-glückliche Zeit . Welch ein Licht am Abend und in der Nacht die Glaskugel des Meisters Anton über den Tisch und durch das Gemach warf ! Niemals vorher und niemals nachher gab sie solchen Schein . In dem Glanz sah die Frau Christine ihr ganzes Leben wie in einem Zauberspiegel . Sie sah sich als Kind , als junges Mädchen und fühlte auch so . Die Eltern und der Eltern Eltern kamen und gingen : sie sah sie so deutlich und lebendig , wie nur die Base Schlotterbeck dieselben sehen konnte . An ihre Kinderspiele und alle ihre Freundinnen dachte die Frau Christine , und das Licht der Kugel war wie Mondenschein , Sonnenaufgang und Sonnenuntergang oder wie der klare Mittag . Die kranke Frau hatte so vieles vergessen , und nun war es auf einmal wieder da , und nichts davon war verlorengegangen - man konnte sich wohl darüber verwundern . Die kranke Frau mußte oftmals die Augen schließen , weil die Gestalten und bunten Bilder in zu großer Fülle aus der fernen Zeit herüberschwebten ; - jetzt kam es ihr recht in den Sinn , wieviel , wie unendlich viel sie doch in ihrem Leben erlebt hatte . Da war ihr Anton , der wohl öfters geklagt hatte , daß er so still und so in der Dämmerung sitzen müsse und daß er gar nicht daran denken dürfe , wie so viele Menschen über Berg und Tal führen und über das weite Meer und wie man fremde Länder entdecke und wie soviel Gewimmel und Lärm in der Welt sei ; - die Frau Christine dachte dieser Klagen , wie sie auf ihrem Schmerzensbett lag , und nickte mit dem Kopf und schüttelte ihn und lächelte . Der närrische Anton , hatte er nicht Spektakel und Aufregung genug in seinem Leben ? Gab es darin nicht genug Hinundherrennen ? Da war zum Beispiel der Hochzeitstag , wo die Christine zum allerletztenmal als Mädchen tanzte und Anton so stattlich aussah in seinem Bräutigamsrock . War das nicht ein helles Leben , und war das nicht ein größer Ding , als über die See zu fahren nach den Affenländern ? Und was mußte man nicht erleben in der Franzosenzeit , als die Anna , welcher der Bruder Niklas sich beinahe versprochen hätte , mit den Husaren fortging . Das war Anno sechs , und es war doch merkwürdig , daran zu gedenken , welchen Kummer damals Anton