ohne uns etwas zu ver geben ; denn wie Sie nun vermittelst dieser Papiere dem fabelhaften Sohne meines Onkels Harald zu seinem Rechte verhelfen wollen - wie Sie in einem Ihrer Briefe sich auszudrücken die Güte haben , - ist auf keine Weise abzusehen . Das kommt darauf an , welchen point de vue man überhaupt für die Frage nimmt ; erwiderte Herr Timm . Und darf ich bitten , mir den Ihrigen etwas genauer anzudeuten ? Warum nicht ; ich mache mir sogar ein specielles Vergnügen daraus . Meiner Meinung nach liegt die Sache etwa so : Ich habe hier eine Reihe von Documenten und Papieren , die nicht nur über das Verhältniß des Baron Harald mit Mademoiselle Marie Montbert das klarste Licht verbreiten , sondern auch in der Hand eines klugen , praktischen Mannes ( wie es jeder beliebige gute Advocat ist ) einen Faden abgeben würden , um über das Verbleiben besagter Marie Montbert , respective ihres Kindes , das heißt also : über das Verbleiben der im Testamente des Baron Harald als Erben von Stantow und Bärwalde bezeichneten Personen eine sichere Kunde zu gewinnen . Was nennen Sie sicher , Herr Timm ? fragte die Baronin . Was sich beweisen läßt , gnädige Frau . Beweisen läßt sich aber , daß die von mir angedeutete Person , in welcher ich durch eine glückliche Verkettung höchst eigenthümlicher , fast wunderbarer Umstände den bewußten Erben gefunden zu haben glaube , erstens : denselben Namen führt , welchen Monsieur d ' Estein ( ich bitte Sie den Brief Nr. 25 einzusehen ) nach der Entführung der Marie Montbert von Grenwitz annehmen zu wollen erklärt ; zweitens , daß ein Mann , Namens Stein , in Begleitung einer jungen Person , welche für seine Frau , und eines Kindes , welches für seinen Sohn galt , kurze Zeit nach Baron Haralds Tod in W. einwanderte . Woher wissen Sie das ? fragte Felix . Weil ich selbst in W. gewesen bin und die alte Frau gesprochen habe , in deren Haus Herr Stein vom ersten bis zum letzten Tage seines Aufenthaltes in jener Stadt gelebt hat . Weiter . Drittens , daß dieser Herr Stein dieselbe Person ist , welche Marie Montbert von Grenwitz entführte , d.h. Monsieur d ' Estein , der , sich der jungen Dame anzunehmen , einzig und allein das Recht und die Pflicht hatte . Weshalb dieselbe Person ? Weil der Mann , welcher die Entführung bewerkstelligte , genau so aussah , wie der Mann , welcher wenige Monate später in W. einwanderte . Das dürfte denn doch schwierig zu beweisen sein ! rief Felix mit ungläubigem Lächeln . Nicht so schwierig , als Sie vielleicht glauben . Ich habe , ganz zufällig , den Mann aufgefunden , bei dem sich Monsieur d ' Estein - schon damals unter dem Namen Stein - vierzehn Tage lang aufgehalten hat , um die Gelegenheit in Grenwitz zu erspähen , und der auch hernach in der Nacht der Entführung das Paar in seinem Wagen von Grenwitz bis an die Fähre , über die Sie heute noch gekommen sind , gebracht hat . Dieser Mann heißt Clas Wendorf , wohnt in Faschwitz und ist Jedermann , auch dem Pastor Jäger , als ein durchaus glaubwürdiges Individuum bekannt . Eine Confrontation dieses Mannes mit der Frau Pahnke in W. würde die Indentität des Entführers der Marie Montbert , d.h. des Monsieur d ' Estein , mit dem französischen Sprachlehrer Stein in W. bis zur Evidenz klar machen . Die Baronin und Felix warfen sich während dieser Auseinandersetzung Blicke zu , welche die Bestürzung , in die sie durch die unwiderstehliche Logik von Herrn Timms Argumenten versetzt waren , deutlich genug verriethen . Sie haben die vier Wochen gut angewandt ; sagte Felix . Es geht so , sagte Herr Timm gemüthlich . Die Tage sind jetzt schon ein wenig kurz . Ueberdies mußte ich , um mein Versprechen zu halten , Niemand in die Sache blicken zu lassen , bevor ich Ihnen vollständige Mittheilung gemacht hatte , bei den Erkundigungen , die ich einzog , sehr vorsichtig zu Werke zu gehen . Wenn wir hernach ohne diese Vorsichtsmaßregeln operiren und alle Hilfsmittel , die uns das Gesetz an die Hand giebt , benutzen können , so läßt sich in vier Tagen mehr thun , als jetzt in eben so viel Wochen . Und Herr Timm rieb sich vergnügt die Hände . So denken Sie wirklich daran , diese abenteuerliche Geschichte in ' s Publikum zu bringen ? sagte Anna-Maria mit einem Ton , der ironisch sein sollte . Ich verstehe Sie nicht , gnädige Frau , erwiderte Herr Timm mit einer Miene treuherziger Einfalt , die ihm in einem Lustspiel den Applaus der Kenner des Parquets eingetragen haben würde . Ich meine : beabsichtigen Sie in der That gegen unsern Wunsch und Willen eine Familienangelegenheit , die doch uns allein angeht , die nebenbei schon seit vielen Jahren begraben und vergessen ist , der Oeffentlichkeit , das heißt dem Gespött und dem Geklatsch plebejischer gemeiner Menschen preiszugeben ? Der Applaus der Kenner würde sich bei weiterer Beobachtung von Herrn Timms ausdrucksvollem Gesicht erneuert haben . Gegen Ihren Wunsch und Willen - eine Angelegenheit , die Sie allein angeht - ich habe wirklich nicht das Vergnügen , zu wissen , wie ich die Worte der Frau Baronin deuten soll . Ich kann unmöglich glauben , daß es gegen den Wunsch einer Dame von dem bekannten strengen Rechtlichkeitsgefühl der Baronin von Grenwitz ist , wenn der letzte Wille eines Sterbenden heilig gehalten wird ; wenn der Zufall oder die Vorsehung es so fügt , daß dieser Wille gegen alles Menschenerwarten nach so viel Jahren doch noch zur Ausführung gelangt ; ich kann nicht glauben , daß Sie - aber was rede ich denn ? Sie werden mich auslachen , daß ich den Scherz , mit dem Sie meine vielleicht übergroße Dienstfertigkeit ironisirten , einen Augenblick für Ernst genommen habe . Weiß ich doch besser , als Andere , daß ich ganz in Ihrem Sinn gehandelt habe , wenn ich die aufgefundenen Documente , das heilige Vermächtniß Dahingeschiedener , als einen Schatz bewahrte ; wenn ich , so viel in meinen Kräften lag , gethan habe , den Schatz zu heben . Weiß ich doch , daß Ihr Zögern , Ihre Ungläubigkeit , Ihr Mißtrauen nur aus der edlen Furcht stammt , in dem Herzen eines Ihrer Mitmenschen glänzende Hoffnungen zu erwecken , die vielleicht - denn unmöglich , wenn auch sehr unwahrscheinlich , ist ja nicht , daß wir uns irren - der Erfolg nicht realisirt . Weiß ich doch , daß alle Betheiligten in dieser Sache nur einer Meinung sind , nur einer Meinung sein können , daß vor allem Ihr edler Herr Gemahl , dem Sie ohne Zweifel von dem Allem ausführliche Mittheilung gemacht haben , sich freut , eine alte , glücklicherweise noch nicht verjährte Schuld abzutragen . Die Situation einer eingefangenen Bärin , welche die immer heißer werdenden Platten ihres Käfigs zwingen , sich auf die Hinterfüße zu stellen und graciös zu tanzen , während sie am liebsten durch das Gitter brechen und ihre Peiniger zerreißen möchte , gleicht auf ' s Haar der , in welcher sich die Baronin von Grenwitz befand , als Herr Timm mit so grausamer Ironie an eine Rechtlichkeit und Billigkeit appellirte , die sie ihr Leben lang zur Schau getragen hatte und von der sie eben nur den Schein besaß . In ihrem stolzen , egoistischen Herzen kochte es . Wuth und Rache erfüllten ihre Seele . Sie hätte Timm , der mit lächelnder Miene vor ihr saß , vergiften , erdolchen , erwürgen mögen . Und sie konnte nichts : nichts , als ihren ohnmächtigen Grimm verschlucken und mit so viel Ruhe , als sie aufbringen konnte , sagen : Wie sehen die Sache nicht ganz so an , wie Sie , Herr Geometer ; und es ist auch kein Wunder , daß Sie , der Sie draußen stehen , nur die Außenseite derselben zu Gesicht bekommen . Ich fühle mich leider heute Abend zu angegriffen , um Ihnen meine Ansicht von der Sache darzulegen . Ich habe meinen Neffen Felix gebeten , dies an meiner Statt zu thun , und bitte Sie deshalb , was er Ihnen mittheilen wird , so anzusehen , als ob ich selbst es Ihnen gesagt hätte . Ich bin überzeugt , daß Ihnen die Wahl zwischen der Freundschaft der Familie Grenwitz und der eines namenlosen Abenteurers nicht schwer fallen wird . Leben Sie wohl , Herr Geometer . Bedaure unendlich , daß wir nicht länger das Vergnügen haben können , gnädige Frau ; sagte Herr Timm , die fortgehende Baronin bis zur Thür des nächsten Zimmer begleitend ; hoffe daß es nur eine vorübergehende Indisposition ist , welche eine längere Ruhe beseitigen wird . Wünsche wohl zu schlafen , gnädige Frau ! Und Herr Timm schloß die Thür hinter der Baronin , kam wieder zurück , setzte sich Felix gegenüber in den Lehnstuhl , stemmte die Hände auf die Kniee und sagte in einem kurzen , trocknen Ton , der seltsam mit der glatten Freundlichkeit seiner bisherigen Redeweise contrastirte : Eh bien ! Es erfolgte nicht sogleich eine Antwort . Die Beiden betrachteten ein paar Secunden lang Einer den Andern mit scharfen , argwöhnischen Blicken , wie zwei Kämpfer , die sich ihre Blößen gegenseitig ablauern wollen , wie zwei falsche Spieler , von denen Jeder weiß , daß er dem Andern sehr genau auf die Finger sehen muß und dabei doch noch immer vor einer Teufelei nicht sicher ist . Dazu kam , daß sie von der Zeit her , wo der Portepeefähnrich Baron von Grenwitz den Porteefähnrich Albert Timm in der Schlinge stecken ließ und sich selbst salvirte ( es handelte sich um eine fatale Wechselsache ) eine alte Rechnung mit einander abzumachen hatten und Felix wußte sehr wohl , daß Albert zu denen gehörte , die sich , wenn das Gesetz oder die Macht auf ihrer Seite ist , von ihren Schuldnern auf Heller und Pfennig bezahlen lassen . Er mußte deshalb seine ganze Gewandtheit aufbieten , um trotz des unbehaglichen Gefühls , das ihn , einem so gerüsteten , schonungslosen Gegner gegenüber , befiel , mit einer gewissen gutmüthigen Offenheit , die ihm sehr seltsam stand , zu antworten : Ich denke , Timm , wir behandeln die ganze Affaire ohne alle Heuchelei und Winkelzüge , wie zwei Männer , welche die Welt kennen und wissen , was sie wollen . Wenn Sie so genau wissen , was Sie wollen , wie ich weiß , was ich will , so wird der ganze Handel sehr einfach sein ; antwortete Albert trocken . Nun sagen Sie aufrichtig , was wollen Sie denn ? Ich bin der Verkäufer , Sie der Käufer ; es kommt Ihnen also zuerst zu , deutlich auszusprechen , was Sie von mir wollen . Wir wollen die Originale jener Copien dort auf dem Tisch und Ihr Ehrenwort , daß Sie niemals gegen Irgendwen , sei es , wer es sei , durch Schrift oder Rede oder auf irgend eine Weise von der Entdeckung , die Sie gemacht haben , etwas verlauten lassen . Bon ! die Forderung ist klar . Und Ihre Gegenforderung ? Albert beugte sich etwas vorn über und sagte mit leiser , aber sehr deutlicher Stimme - während seine Augen fest auf dem Gegner ruhten : Zwanzigtausend Thaler Preußisch Courant , zahlbar binnen hier und acht Tagen . Sie sind des Teufels ; rief Felix , trotz seiner Schwäche aus dem Lehnstuhl auffahrend , und in dem Zimmer umherrennend ; zwanzigtausend Thaler , das ist ja ein ganzes Vermögen ! Albert zuckte die Achseln : Die Zinsen zweier Jahre von dem Capitale , das in Stantow und Bärwalde steckt . Sie müssen ja am besten wissen , was Ihnen das Legat werth ist . Aber das ist ja horribel ! rief Felix , noch immer im Zimmer umherlaufend , horribel ! Schreien Sie nicht so , Grenwitz ; oder Ihre Leute hören es in der Küche . Setzen Sie sich gefälligst und lassen Sie uns von der Sache reden , wie zwei Männer , welche die Welt kennen . Die unerschütterliche Kaltblütigkeit und der schneidende Hohn , mit welchem Albert diese Worte sprach , wirkten wie eine Douche auf Felix leidenschaftliche Heftigkeit . Er setzte sich wieder und sagte in ruhigerem Tone : Meine Tante wird niemals eine so hohe Forderung bewilligen . Das sollte mir der Frau Baronin und Ihretwegen leid thun , denn , wenn Sie auf meinen Vorschlag nicht eingehen , so - haben Sie sich für die Folgen nur selbst verantwortlich zu machen . Sie sprechen , als ob es einzig und allein von Ihnen abhinge , wer die beiden Güter haben soll . Und von wem sonst sollte es abhängen ? erwiderte Albert - und seine Lippen schienen dünner , seine Nase spitzer , sein Gesicht schärfer zu werden , während er sprach ; ich sage Ihnen , ich habe das Netz bis auf einige Maschen , die ich absichtlich offen ließ , bis ich Ihre Entscheidung vernommen , so dicht und stark gewebt , daß ich es Ihnen jeder Zeit über dem Kopf zusammenziehen kann und Sie sich eher zu Tode zappeln , als es zerreißen werden . Sie wissen , Grenwitz , daß ich mich eines guten Kopfes für dergleichen erfreue , Sie wissen auch , daß ich Ihnen gegenüber durchaus keine Veranlassung habe , den Großmüthigen zu spielen . Mir gegenüber ? Ich persönlich habe nicht das mindeste Interesse an der Sache . Ich glaube , Sie halten mich für ein Kind , Grenwitz . Wollen Sie Fräulein Helene nicht heirathen und sind die beiden Güter nicht die Aussteuer der jungen Dame ? Ich Helene heirathen ? Wer sagt das ? Es fällt mir nicht im Traum ein . Gut , so heirathen Sie sie nicht ; so überlassen Sie die junge Schönheit einem Menschen , den Sie vor allen Andern zu hassen Ursache haben , der schon jetzt als Ihr begünstigter Nebenbuhler - so sagt wenigstens die böse Welt - aufgetreten ist und der in den Augen Fräulein Helenens dadurch nicht gerade schlechter werden wird , wenn er als Vetter und rechtmäßiger Erbe eines bedeutenden Vermögens zum zweiten Male kommt . Felix war bei diesen Worten seines unerbittlichen Peinigers abwechselnd blaß und roth geworden . Seine durch die Erwähnung des fatalen Handels mit Oswald tief verletzte Eitelkeit krümmte sich wie ein zertretener Wurm . Er konnte nicht umhin , sich zu gestehen , daß Albert in diesem Augenblicke der bei weitem Stärkere , und daß er , der sich auf seine Klugheit und Gewandtheit so viel einbildete , machtlos in der Hand eines im Grunde so verachteten Gegners war . Ziehen Sie mildere Saiten auf , Timm , sagte er fast kleinlaut . Ich will es zugeben , mit liegt ungeheuer viel daran , daß die Geschichte todt geschwiegen wird , und wenn es auf mich ankäme , so würde ich mich vielleicht zur Zahlung der Summe , die Sie fordern , verstehen . Aber Sie kennen meine Tante und wissen , daß sie es lieber auf das Aeußerste ankommen lassen , als sich so tief in ' s Fleisch schneiden wird . Ich sage Ihnen , Timm : es geht nicht ; es geht auf Ehre nicht ! Und was wollen Sie auch mit so vielem Gelde auf einmal ? Sie können es in ein paar Unglücksnächten beim Roulette verlieren und sind dann ärmer , als Sie vorher waren . Kommen Sie ! ich will Ihnen einen Vorschlag machen . Wir zahlen Ihnen ein Jahr lang monatlich vierhundert Thaler und nach Ablauf des Jahres sechstausend Thaler auf einem Brett . Macht zusammen zehntausendachthundert , antwortete Albert ; reicht nicht ; und überdies , welche Sicherheit habe ich , daß die Termine richtig gehalten werden ? Die Documente , die in Ihrer Hand verbleiben und die erst bei Auszahlung der sechstausend von Ihnen ausgeliefert werden . Hm ! sagte Albert , es ist nicht viel ; aber unter guten Freunden darf man die Sache nicht so genau nehmen . Machen wir es schriftlich . Wozu ? wenn wir unser Wort nicht halten wollen , brechen wir es doch , und überdies - ein Dokument der Art könnte , wenn es in falsche Hände käme , die Ehre der Familie Grenwitz leicht stärker compromittiren , als uns lieb sein dürfte , und würde , Alles in Allem - nur eine Waffe mehr in Ihren Händen sein . Wollen Sie die ersten vierhundert sofort ? Ich dächte , es wäre das Beste . Felix stand auf , nahm eins der Lichter und ging an ein Schreibpult , das in der Tiefe des Zimmers stand , öffnete einen Schrank , nahm ein paar Packete Banknoten heraus und legte sie vor Albert auf den Tisch . Zählen Sie ! Ist nicht nöthig , sagte Albert , nach einem kurzen scharfen Blick auf die Packete ; Ihre Frau Tante verzählt sich nicht . - So , Grenwitz , die Angelegenheit wäre glücklich geordnet . Und nun lassen Sie uns eine Flasche Wein darauf trinken : das viele Sprechen hat mich ganz durstig gemacht . Erlauben Sie , daß ich die Schelle ziehe . Bitte . Felix befahl dem eintretenden Bedienten , eine Flasche Rheinwein und zwei Gläser zu bringen . Es war Felix nicht unlieb , daß Albert in eine gemüthliche Stimmung gerieth ; er hatte ihn noch um etwas zu fragen , worüber ihm Niemand bessere Auskunft geben konnte . Sie haben gesehen , Timm , sagte er , während er die Gläser füllte , daß ich Ihnen so weit entgegengekommen bin , als ich konnte . Eine Liebe ist der andern werth . Wollen Sie mir einen Gefallen thun ? Lassen Sie hören . So sagen Sie mir : Wie stehen Sie mit der kleinen Marguerite ? Weshalb interessirt Sie das ? Weil ich mich für die Kleine interessire . Und weshalb glauben Sie , daß es mir ebenso geht ? Weil ich Euch Beide in Grenwitz beobachtet habe und sodann aus - nun , aus verschiedenen anderen Gründen . Zum Beispiel ? Ich will aufrichtig sein . Ich habe aus lieber langer Weile schon früher in Grenwitz und noch mehr während meiner Krankheit angefangen , der Kleinen den Hof zu machen , und damit aufgehört , sie wirklich ganz charmant und höchst begehrungswürdig zu finden . Die Kleine thut aber so spröde , daß sie nothwendig ein ernstliches Attachement haben muß . Ich wüßte Niemand , der mir den Rang abgelaufen haben könnte , als Sie . Sehr schmeichelhaft , sagte Albert . Ich bin in der That mit der jungen Dame so gut wie verlobt . Aber Timm , wollen Sie denn mit offenen Augen in ' s Verderben rennen ! Sie und eine Frau ! und noch dazu eine arme Frau ! Wo haben Sie den Ihre früheren Grundsätze gelassen . Aufrichtig , ich hätte Ihnen eine solche Thorheit nicht zugetraut . Ich mir auch nicht , erwiderte Albert , sein Glas leerend und wieder füllend . Lieben Sie das Mädchen ? Da fragen Sie mich wirklich mehr als ich selber weiß . Hören Sie , Timm , ich will Ihnen einen Vorschlag machen . Wir sind heute einmal in einer speculativen Stimmung . Lassen Sie mir das Mädchen und ich übernehme die dreihundert Thaler , um die Sie die Aermste angepumpt haben . Wer sagt das ? rief Albert auffahrend . Ihre augenblickliche Heftigkeit zum Beispiel ; außerdem aber auch die kleine Louise , Helenens Kammerjungfer , und nebenbei meines Kammerdieners Schatz , die zufällig sah , wie Marguerite Ihnen im Grenwitzer Park das Geld gegeben hat . Dummes Zeug ! sagte Albert . Aergern Sie sich nicht ! sagte Felix , sondern seien Sie froh , daß sich Jemand findet , der gutmüthig genug ist , Ihnen die unbequeme Last abzunehmen . Wollen Sie ? Wir sprechen schon noch darüber , sagte Albert aufstehend und nach seinem Hut greifend . Leben Sie wohl , Grenwitz ! Adieu , Timm ! seien Sie vernünftig und sehen Sie sich bald einmal wieder nach Ihrem alten Kameraden um . Das würdige Paar schüttelte sich die Hand , Albert entfernte sich rasch . Sein Gesicht war finsterer , als bei seiner Ankunft . Entweder hatte ihm der zweite Theil der Unterhandlung nicht gefallen , oder er hielt es auch nur in seinem Interesse , den Beleidigten zu spielen . Felix , der ihn von früher her ziemlich genau kennen mußte , neigte zu der letzteren Ansicht . Vierzehntes Capitel Um dieselbe Zeit , als im Hotel Grenwitz diese Verhandlung stattfand , wanderte vor einem großen Hause in einer der Vorstädte Grünwalds ein junger Mann mit jener Ungeduld auf und ab , welche das Herz eines rechtschaffenen Liebhabers erfüllt , der an einem kühlen Herbstabend in dichtem Nebelgeriesel auf die Dame seines Herzens wartet , die er » Schlag sieben Uhr - aber komm ja pünktlich ! « aus einem Kränzchen abholen sollte und um halb acht noch immer in lebhaftester Conversation an dem hellerleuchteten Fenster hinter der weißen Gardine sitzen sieht , oder sitzen zu sehen glaubt . Daß doch selbst die gescheidtesten Frauen eine so äußerst vage Vorstellung von der Zeit haben ; murmelte der junge Mann , seine Uhr hervorziehend und bei dem spärlichen Lichte einer glimmenden Cigarre die Zeit ablesend ; es ist ein psychologisches Factum , das ich nächstens in einer eigenen Monographie behandeln werde . Er warf das Cigarren-Ende fort , das ihm den Schnurrbart zu versengen drohte und schaute zu dem erleuchteten Fenster empor . Gott sei Dank ! man bricht auf ! dunkle Schatten schweben an den Gardinen hin und her ! Jetzt nur noch den Mantel umgebunden , den Hut aufgesetzt , einen Abschiedskuß - dann noch eine kurze Conversation von zehn Minuten über den Ort des nächsten Kränzchens - sodann noch einen Abschiedskuß - das Fenster wird dunkler , in dem Hausflur wird es heller - jetzt noch eine Schlußdebatte auf der letzten Treppenstufe - enfin ! - Kommst Du endlich , Kleine ? sagte Doctor Braun , die schlanke Mädchengestalt , welche aus dem Hause getreten und leichten Schrittes durch den kleinen Garten , der das Haus von der Straße trennt , geeilt war , an der eisernen Gitterpforte in Empfang nehmend . Armer Franz , Du hast doch nicht schon gewartet ? antwortete das Mädchen , sich zärtlich in den Arm ihres Bräutigams schmiegend . O , nicht doch , kaum der Rede werth , eine halbe Stunde etwa . Ich wußte wirklich nicht , wie spät es war . Die Zeit ist mir so schnell vergangen , trotzdem das Kränzchen heute nur aus zwei Personen bestand . Rathe : aus welchen ? Aus Dir vielleicht ? Sehr weise ! und weiter ? Helene Grenwitz ? Richtig ! Sie läßt Dich schönstens grüßen . Denke Dir , sie wird nun doch wohl bei der Bärin bleiben , trotzdem ihre Eltern den Winter über in der Stadt wohnen werden , und , ich glaube , heute schon angekommen sind . Das wird einmal wieder etwas zu klatschen geben . Die arme Helene thut mir von Herzen leid . Weshalb ? Wie Du fragst ! Ist es nicht schon schlimm genug , daß die ganze Stadt es merkwürdig findet , daß ein Mädchen von sechszehn - nein sechszehn und einem halben Jahr - noch einmal in Pension geschickt wird , nachdem sie kaum vier Wochen zu Hause gewesen ist ? Und so lange Grenwitzens nicht in der Stadt wohnten , ließ es sich noch zur Noth erklären , aber jetzt - ich finde es ganz abscheulich . Die Leute müssen ja , wer weiß was , von ihr denken , und man kann es ihnen sogar nicht übel nehmen , wenn sie Helenen mit dem Duell zwischen ihrem Vetter und Deinem liebenswürdigen Freund Stein in Verbindung bringen . Und was sagt Fräulein Helene ? Nichts ; Du kennst sie ja . Sie spricht nie von Familienangelegenheiten ; höchstens , daß sie einmal ihres alten Vaters erwähnt , den sie sehr zu lieben scheint . Sie ist still und ernst , aber nicht eigentlich traurig . Ich glaube , sie ist viel zu stolz , als daß sie wirklich traurig sein könnte . Wie das ? Trauer ist eine passive Stimmung , die Stimmung Jemandes , der einsieht , daß er gegen das Geschick nicht ankämpfen kann und sich wohl oder übel zum Dulden bequemt . Es giebt aber Charaktere , die sich wehren , so lange es geht , und wenn es nicht mehr geht , nicht die Waffen in demüthiger Ergebung strecken , sondern sie zerbrechen und dem Sieger trotzig vor die Füße werfen . Sophie schmiegte sich inniger an den Geliebten und sagte nach einer Pause : Ich gehöre nicht zu den Charakteren , Franz . Ich bin nicht zu stolz , um traurig zu sein ; ich bin in dieser letzten Zeit oft recht traurig gewesen . Ich war es schon , als Du mit Herrn Stein abgereist warst , trotzdem ich doch damals eigentlich gar keine Ursache dazu hatte . Und nun gar neulich , als Vater krank wurde und ich an seinem Bette saß und meine größte Angst nächst der , Vater könnte sterben , die war , daß Du meinen Brief nicht erhalten hättest , und Dich immer weiter und weiter von mir entferntest , während mein Herz vor Sehnsucht nach Dir fast zerbrach . Du bist doch , ehe Du mich abholtest , noch einmal da gewesen ? Natürlich . Es geht besser . Ich bat ihn , sich wieder niederzulegen ; aber er bestand darauf , bis zu unserer Zurückkunft aufzubleiben . Und ich habe so viel Zeit verplaudert ! Laß uns schneller gehen ! Es kommt nun auf ein paar Minuten mehr oder weniger nicht an ; und überdies möchte ich gern definitiv mit Dir über unsere Zukunft sprechen . Wir müssen endlich einmal aus diesem Provisorium heraus , das weder Gott - ich meine der Natur - noch den Menschen angenehm ist und mit jedem Tage lästiger wird . Ein unverheiratheter Mann ist ein Fisch ; aber ein Bräutigam ist weder Fisch noch Fleisch . Wenn zwei Menschen durch die Liebe Mann und Weib sind in ihrem eigenen Herzen und Gewissen , so sollen sie es auch vor den Menschen sein , können anders die äußeren Bedingungen der Ehe erfüllt werden . Das ist aber bei uns der Fall . Wir haben genug zum Leben und mehr brauchen wir vorläufig nicht ; das Andere findet sich . Summa Summarum : Wollen wir unsere Hochzeit auf heute über vier Wochen festsetzen ? Aber Franz , ich bin noch nicht zur Hälfte mit meiner Aussteuer fertig ! So heirathen wir mit der halben Aussteuer . Und was wird der Vater dazu sagen ; Du weißt , wie unsäglich schwer es ihm wird , mich von sich zu lassen ; und soll ich gerade jetzt dies Opfer von ihm fordern , wo er meiner mehr als je bedarf ? Ich habe nicht den Muth , ihm den Vorschlag zu machen . Aber ich habe ihn ; Dein Vater weiß , daß ich nicht weniger aufrichtig , als er selbst , Dein Bestes will ; und er ist viel zu verständig , um nicht einzusehen , daß es so bei weitem am Besten ist . Komm , mein Mädchen , lasse den Kopf nicht hängen . Heute über vier Wochen sind wir Mann und Frau . Ach , Franz , ich wollte , wir wären es erst . Aber ich fürchte , ich fürchte ; Der Himmel meint es nicht so gut mit uns ! Warum nicht ? er meint es gut mit Allen , die den Muth haben , ihr Glück zu wollen . Denn , wie sagt der Dichter : In unsrer Brust sind unsres Schicksals Sterne . Die Eile , zu welcher Franz drängte , hatte in der Krankheit von Sophie ' s Vater einen sehr triftigen Grund . Franz wußte als Arzt am besten , daß das Leben des vortrefflichen Mannes nur noch an einem schwachen Faden hing . Er hatte sich von dem Schlaganfall , der ihn vor nun ungefähr vierzehn Tagen betroffen , allerdings sehr schnell erholt ; aber mehrere böse Symptome verkündeten , daß ein zweiter und dann , bei der nervösen , überaus fein organisirten Natur des Mannes , vielleicht tödtlicher Anfall möglich , ja sogar wahrscheinlich sei . Starb aber der Vater , bevor die Verbindung zwischen seiner Tochter und Franz zu Stande gekommen war , so wäre das arme Mädchen , dessen Mutter schon lange in der Erde ruhte und das weder Geschwister noch sonstige Verwandte hatte , in eine sehr kritische Lage gekommen . Denn , daß unter diesen Umständen das Haus des Mannes , den sie liebte , ihre einzige Heimath sei , würde die Welt nicht haben begreifen können . Heute zum ersten Male war der Geheimrath auf ein paar Stunden wieder aufgestanden und hatte sich in einem Lehnstuhle aus seinem Schlafzimmer vor den Kamin des Wohnzimmers rollen lassen . Er hatte darauf bestanden , daß seine Tochter , die seit dem Beginn seiner Krankheit sein Lager kaum verlassen hatte , in ihr Kränzchen ging ; er hatte seinen Schwiegersohn , der interimistisch seine Praxis übernommen hatte und der gegen Abend ihn zu besuchen kam , nach wenigen Minuten wieder weggeschickt : er wollte allein sein ; er wollte die erste Stunde , wo er den fürchterlichen Druck auf seinem Gehirn geringer fühlte , zum Nachdenken über seine Situation benutzen . Er würde eine so schädliche Aufregung freilich als Arzt einem Patienten streng verboten haben ; aber jetzt war er Arzt und Kranker zugleich und konnte an sich selbst erfahren , daß der Arzt gar Manches fordern kann , was