Umschwung in dem Leben Roberts eingetreten ; aber es dauerte eine geraume Zeit , ehe der Schützling der drei Alten am Morgen , beim Erwachen , auf der Stelle sich klar war , wo er sich befand und was mit ihm vorgegangen war . In der ersten Zeit seines Lebens in der Stadt erwachte er gewöhnlich aus einem unruhigen Schlummer , in welchem ihm der Traum die Bilder und Szenen des Daseins , das hinter ihm lag , magisch vorgaukelte , bald treu kopierend , bald wild und phantastisch durcheinanderwerfend und verwirrend . Da glaubte er den Wald und den Dorfbach vor seinem Fenster rauschen zu hören , er sah den Pastor Tanne mit dem Spitz Fidel den Morgengang durch den betaueten Garten und um das eben erwachende Dorf machen . Er hörte das dumpfe Gebrüll des Viehs , das sich aus den Ställen nach der grünen Weide sehnte . Im goldenen Glanz des Sonnenaufgangs leuchteten die Berge , und in den Sonnenaufgang hinein klang eine klare , liebliche , volle Stimme , und eine lichte Gestalt glitt durch den grünen Grasgarten unter den blütenvollen Kirschenbäumen umher . Eva Dornbluth zog die tauperlenden Blütenzweige nieder und schüttelte sie , daß die funkelnden Tropfen wie Diamantenschauer ihr über die schwarzen Locken rollten . Vor Lust zitterten die Zweige , und jeder Baum winkte dem schönen Mädchen , ihr seinen blitzenden Schmuck darbietend . Nun trat der Kuhhirt des Dorfes an die Gartenhecke , setzte das Horn an den Mund , und der unruhige Schläfer in der Musikantengasse erwachte , weil er das gewohnte Getön - nicht vernahm . Ein anderer Traum brachte andere Bilder . Da spielte die Abendsonne im Studierstübchen des Pfarrhauses über die Bücherbretter ; es hatte sich eine Wespe in das Gemach verloren und füllte es mit dumpfem Gesumm . Robert saß am Tisch des Pfarrers und folgte dem Tier mit den Augen hierhin und dahin , wie es seinen Flug nahm . Er mußte ihm folgen mit peinlichster Aufmerksamkeit ; er durfte den Blick nicht abwenden von dem Tier ; - hierhin , dahin schoß es , jetzt in das Dunkel der Winkel und Ecken , jetzt flimmernd in den Strahl der Abendsonne . Es war eine qualvolle Jagd , und das Summen ward immer lauter und dröhnender ; immer mehr vergrößerte sich das fliegende Insekt und nahm allerlei Gestalten an , ewig wechselnde . Unheimlich und häßlich waren diese Gestalten , solange das Tier im Dunkel flog , lieblich und leuchtend , wenn es durch den Sonnenstrahl schoß , welcher in das Fenster fiel . Es trug auch wohl ein menschliches Haupt , bald unbeschreiblich schön wie das Evas , bald über alle Maßen fratzenhaft . In immer engern Kreisen umzog es den Wolf vom Eulenbruch , das Sausen seiner Flügel klang wie der lauteste Sturmwind ; der angstgepeinigte Träumer erwachte nur , wenn er im Augenblick der höchsten Bedrängung das vor ihm liegende Lexikon des Pastors Tanne nach dem gespenstischen Tier warf . Nun richtete sich Robert Wolf von seinem Lager empor und sah sich verstört in der fremden Umgebung um . Verschwunden war der Traum von der Heimat mit allen Einzelheiten . Der alte , greise , gute Pastor war fortgegangen , fort aus dem blühenden Pfarrgarten , aus dem erwachenden Walddorfe ; er hatte die lange Pfeife in den Winkel neben seinem Schreibtische gestellt ; so früh am Morgen war er wieder schlafen gegangen - schlafen gegangen auf dem kleinen bebuschten , grünen , hügeligen Plätzchen neben der Kirche . Unter den andern Hügeln und schwarzen Kreuzen war das letzte Bett des Pastors Tanne gemacht worden , und mit goldenen Buchstaben verkündete eine Tafel des trefflichen Alten Namen , Geburtstag und Todesstunde . Der weiße Spitz war toll geworden und erschossen in der Dorfgasse ; - die schöne wilde Mädchengestalt lehnte nicht mehr unter dem Eschenbaum an der Hecke ; Eva Dornbluths Stimme erklang nicht mehr in dem sonnigen Grasgarten hinter den blühenden Bäumen , hinter den Stachelbeerbüschen . Die Tautropfen hatten sich in Diamanten verwandelt , verloren hatte sich Eva Dornbluth in dem großen Walde , in der schrecklichen , geheimnisvollen Ferne und Fremde . Aber auch das summende geflügelte Tier , die Wespe , war verschwunden mit dem Erwachen . Robert Wolf rieb die Augen und warf einen Blick auf die grauen Brandmauern vor seinem Fenster , auf die schmutzigen , regennassen oder beschneiten Dächer , die qualmenden Schornsteine und Kaminröhren , welche den Dunst vermehrten und sich in ihm , in der Ferne , schattenhaft verloren . Der Qualm der Steinkohlen , der verschiedenartigen Gase füllte die Brust des Knaben , wenn er das verquollene Fenster mit Mühe geöffnet hatte . Und unter dem grauen Schleier rauschte und knarrte , pochte und kreischte und rollte das große Leben der Stadt , so fremd , so beängstigend , so erdrückend , daß Robert unwillkürlich nach der Kehle griff , gleich einem Erstickenden . Nun richtete sich aber sein Blick auf einen von den vielen Giebeln , und von dorther kam ihm der erste Trost , der erste Anhalt in dieser schwindelerregenden fremden Welt . In jenem Giebel schlief Ulex , der Sternseher , seinen langen Morgenschlaf nach ernst durchwachter Nacht . Und ein noch höheres Gefühl von Sicherheit und Dankbarkeit regte sich in der Brust des Knaben , wenn nebenan im Gemache der alte Beschützer Friedrich Fiebiger sich rührte , hustete , grunzte und nieste und ein großes Wassergeplätscher machte . Es verklang der Schmerz , den die Nacht noch immer wachrief , in dem neuen Leben , welches jeder neue Tag brachte . Jetzt erschien Ludwig Tellering trotz der Kälte in Hemdsärmeln vor der Tür der Hofwohnung und rief dem Jüngling einen fröhlichen Morgengruß hinauf . Hell klang hinter den dunkeln Fenstern Luise Tellerings hübsche Stimme , und der Hammer des Alten begleitete das Lied ganz taktmäßig . Mit der Tischlerfamilie stand Robert bald auf sehr freundschaftlichem Fuße . Er besaß eine natürliche Anlage für das Schreinerhandwerk , hantierte gern mit Hobel und Säge , und Fiebiger legte dem nicht nur kein Hindernis in den Weg , sondern begünstigte es sogar sehr ; denn er wußte recht gut , welch eine treffliche Panazee körperliche Arbeit und Anstrengung gegen alle Seelenkrankheiten sei . Manchen guten Handgriff lernte Robert Wolf von Ludwig Tellering , und große Fortschritte machte letzterer mit Hülfe Roberts in der Geographie von Europa und Amerika . Aber es wohnten noch andere Leute in dem Hause Nummer zwölf in der Musikantengasse . Da erwachte der Hausherr , der beschauliche Herr Mäuseler , fütterte seinen Dompfaffen , stäubte das Bildnis seiner Seligen mit dem Federwedel ab und durchschlurfte in Filzpantoffeln das Haus , überall auf den Treppenabsätzen sein dummes breites Gesicht zeigend . Fräulein Aurora Pogge machte an dem jungen Tage mit den Rosenfingern den ersten Angriff auf die Augen ihrer Magd Hulda ; die vornehme Angorakatze machte den ersten Buckel und zeigte sich unzufrieden mit dem Frühstück . Im Atelier des Monsieur Alphonse Stibbe regte es sich ; der Lehrling erhielt seine erste Ohrfeige von dem Maître und seine ersten Fußtritte von den Herren Gehülfen . Sein Geheul klang melodisch in den Morgentraum Fräulein Angelikas . Am längsten schliefen im Hause Nummer zwölf der Musikantengasse jedenfalls Angelika Stibbe , die holdanlächelnde Jungfrau , und Herr Julius Schminkert , der treffliche , biedere und bescheidene Jüngling . Die Welt verlor dadurch nichts , und so mochten sie schlafen , solange sie wollten ; wenn Julius dann mit heiserer Stimme den Morgen ansang und kläglich sein Geborensein und Dasein bejammerte , so kümmerte sich die Welt auch nicht im mindesten darum . Aus dichten Rauchwolken hervor gab Fiebiger , der Mann der Polizei , seinem Schützling Anleitung zur Bereitung des trefflichen Kaffees und andere gute und nützliche Lehren . Immer tiefer weihte er ihn in die Geheimnisse seines Lebensgrundsatzes : Gib acht auf die Gassen , ein , im Gegensatz oder vielmehr zur Ergänzung des Axioms des alten Ulex : Sieh nach den Sternen . Solange der Polizeischreiber und Robert zusammen waren , war von Büchern nicht die Rede . In die Musikantengasse hinab , nach den gegenüberliegenden Häusern blickten die beiden , und der Mann der öffentlichen Sicherheit wußte von Amts wegen von manchen Dingen Bescheid , die andern Menschen verborgen blieben . Er sah Individuen und Verhältnisse mit scharfen Augen , und manche Maske , unter welcher sich der Träger oder die Trägerin sehr sicher und behaglich fühlten , fiel vor dem Blick des Polizeischreibers . So konnte er in dem Gewühl , welches bunt vor den Augen Robert Wolfs vorüberzog , andeuten , aussondern und zusammenfassen und , wie kein anderer , dem Jüngling ein Bild des Lebens , wie es ist , geben . Da schwand mancher Glanz , welcher den Unerfahrenen wohl blenden konnte ; da fing aber auch das Dunkle an , zu leuchten und einen hellen Schein zu geben . Das eine verlor , das andere gewann ; Gegensätze glichen sich aus ; was durch unendliche Fernen für immer getrennt schien , griff ineinander zu Gutem und Bösem ; der Mann in Purpur und köstlicher Leinwand mußte nach der harten , mit Schwielen bedeckten Hand fassen , um sich aufrechtzuerhalten im Gewühl . Die Räder des eleganten Wagens , der in weichen seidenen Kissen die schöne vornehme Dame trug , drehten sich lange nicht schnell genug , um den Schmerz , den Kummer , die herzzerfressende Sorge hinter sich zu lassen . Je mehr das Menschenkind von den beglückenden Schleiern Fortunas umhüllt erschien , desto dunklere Hände griffen von allen Seiten nach den schützenden Hüllen , um sie herabzureißen und die arme Seele nackt , frierend und zitternd in das allgemeine Menschenlos zu ziehen . Wie die Volkswogen durch die Musikantengasse rollten , löste der Lehrer sie auf in ihre einzelnen Tropfen und zeigte , wie die Welt sich in jedem auf eine andere Art spiegele . Aber nicht im pedantischen Lehrerton gab er seine Weisheit kund . Dazu war er allzusehr Humorist und sah mit zwinkernden Augen in das Durcheinander , den Gestaltungsprozeß der Gesellschaft . Er warf sein Netz aus wie Petrus der Fischer und zog es hervor voll von Geschöpfen aller Art ; er freute sich über das Gekrabbel und Gekribbel und ließ der Molluske , dem Dintenfisch und Krebs wie dem Hecht , dem Karpfen und der Forelle ihr Recht . » Merke dir das , mein Junge « , sagte er , » erlaubt muß Dorern sein , dorisch zu sein , und Jonern ionisch ; und nichts ist oft einem Tölpel ähnlicher als ein sehr gelehrter Mann . Mauerer und Zimmerleute werden sich in alle Ewigkeit hassen und große Schlachten gegeneinander führen , und das uralte Problem , alle Schuhe über einen Leisten zu schlagen , hat noch niemand gelöst . Sehr viele Menschen gelangen zu der Bezeichnung Ehrenmänner durch wohlfeile Redensarten , ergo laß dich nicht verblüffen . An manchem Kerl ist nichts Gutes als sein Herz , von welchem die Welt nichts wissen will ; halte dich an einen solchen Kerl und laß die Welt die Nase zuhalten . Es ist mehr daran gelegen , daß das Volk nach grüner Seife rieche , als daß der und der , die und die nach französischen Parfüms und Essenzen dufte . Hüte dich vor übergroßem Ekel ; denn oft hängt nicht nur des Menschen Appetit , sondern auch des Menschen Seele an einem Haar . Wer mit dem Teufel glücklich kämpfen will , der stellt sich besser fest auf seine Füße und beißt die Zähne zusammen , als daß er sich unter den Rock des heiligsten Engels verkriecht . Es gibt viele Leute , welche alles das , was sie selber nicht glauben , aus allerlei nützlichen Ursachen andere glauben machen möchten ; halte dich an das Wort der Königin Christine von Schweden : Man muß sich am meisten vor lebenden Heiligen hüten . - Die Heuchelei ist eine schöne Kunst und würdig , bis auf den Grund studiert zu werden . Studiere sie , es gibt kaum einen größern Genuß als die Entlarvung eines echten Heuchlers . Da schlägt es neun Uhr ; vorwärts - immer mit in der Mühle ! Die Zeit und die hohen Behörden lassen oft auf sich warten , warten selbst aber auf niemand . « Damit klopfte der Gassenphilosoph seine Pfeife aus , zog den bekannten Überrock ächzend an , nahm den Regenschirm unter den Arm und begab sich nach seinem Büro , um in der Gesellschaft des Rats Tröster , der großen Register und des Wachtmeisters Greiffenberger mehr nützlich als angenehm dem Staate zu dienen . Noch einige kurze Augenblicke mochte Robert den weisen Aussprüchen seines Beschützers , die allesamt mehr oder weniger unmittelbar mit den Vorgängen oder den Passanten der Musikantengasse zusammenhingen , nachsinnen , ehe er sich zu dem Sternseher verfügte . Für das Glänzende der neuen Welt , in der er sich jetzt bewegte , hatte er noch nicht den rechten Sinn ; um so abschreckender erschien ihm dagegen der Schmutz . Wahrlich , es war etwas ganz anderes um den Schnee , welcher im Winzelwalde die Zweige der Fichten zur Erde bog , als um die unbeschreibbare Materie , welche den Kot der Musikantengasse vermehrte ; es war etwas anderes um den Regen , welcher auf den Blättern vor den Hüttenfenstern rauschte , der die Waldbäche anschwellte und jeden Felsensteig in einen Wasserfall verwandelte , als um den Regen , der auf die Ziegeln niederklatschte und klopfte , und die schwarzen Ströme , welche den Steinkohlenniederschlag von den Dächern spülten . Nur scheuen Schrittes wagte sich der Knabe auf den Gang ; geduckt und schnell schlich er die Treppe hinunter unter dem krächzenden Gesang des jetzt erwachten Schminkert , angestarrt von dem Partikulier Mäuseler , furchtsam einer Begegnung des Fräulein Pogge oder der unholden Hulda ausweichend . Scheu und geduckt trat er hinaus in die Gasse , und geborgen fühlte er sich erst in dem dunkeln Gäßchen , welches an dem Telleringschen Fenster , an welches vor einigen Wochen die kleine Marie klopfte , vorüberführte . Hier erwiderte er gewöhnlich im Vorbeigehen ein freundliches Zunicken der Meisterin oder der niedlichen Luise . Erst auf der steilen Treppe des Sternsehers hob er den Kopf völlig in die Höhe . Im Tagesschein verlor der Aufenthaltsort des Gelehrten viel von der Sonderbarkeit seiner Erscheinung , die er am Abend darbot ; doch auch jetzt erkannte man immer noch , daß kein gewöhnlicher Mensch hier hause . Ein stummes Kopfnicken des Greises begrüßte den eintretenden Jüngling , welcher sich bereits recht gut in die Art des Alten gefunden hatte und ebenso stumm sich an einem ihm angewiesenen Platz am Tisch , in der Nähe des Fensters , niederließ . Die Bücher , welche am Todestage des Pastors Tanne sich für Robert Wolf für ewige Zeiten geschlossen zu haben schienen , öffneten sich ihm von neuem , und Heinrich Ulex war ein noch besserer Lehrer als der Pfarrer von Poppenhagen . Der Sternseher begnügte sich nicht damit , seinen Schüler in die Geheimnisse der lateinischen und griechischen Sprache einzuweihen ; er hob ihn hoch darüber hinaus in das wundersame Reich , welches so weit über den Einzelheiten des irdischen Lebens liegt . In den Gassen wußte der Sternseher nicht so gut Bescheid wie der Polizeischreiber ; er führte andere Register als dieser . Die Sterne ziehen gesetzmäßigere Bahnen als die armen Erdenbürger , deren irrwischartige Lebensläufe der Schreiber in seine Folianten eintrug . In den Gassen mochte dem Astronomen im Wege liegen , was da wollte , er trat drauf oder drein ; das war nicht so in des alten Zauberers eigenem Reiche . Es war ein leuchtender Kreis , welchen er beherrschte , und dieser Kreis dehnte sich über alle Fernen , über Zeit und Raum . Was die Welt an Schönem und Erhabenem besaß , das war in diesem Kreise heimatsberechtigt . Auf das trefflichste ergänzten die Lehren Heinrich Ulex ' des Sternsehers die Lehren , welche Friedrich Fiebiger der Polizeischreiber dem Knaben aus dem Winzelwalde gab . Alles Übel in der Brust des Jünglings , welches den Worten des einen nicht wich , wich den Worten des andern . » Sieh nach den Sternen « , sagte der Greis . » Da droben ist alles Harmonie und Ordnung ; nach ewigen Gesetzen wandelt jedes Glied der großen , glänzenden Gemeinschaft ; selbst die regellosesten unter ihnen , die Kometen , ziehen ihren vorgeschriebenen Weg . Welch ein Kontrast gegen das Getümmel hier unten ! O sieh nach den Sternen , Knabe , und wenn der dunkle Erdentag , wenn das irdische Gewölk sie dir verbirgt , so denke an sie und vergiß nie , daß sie über allen Wolken und Schatten , über allem Sturm und Ungewitter ruhig lächeln . « In unendlicher Weise benutzte der Alte dies sein unerschöpfliches Thema ; in alles verflocht er die Bilder und Lehren , welche er seiner Lieblingswissenschaft entnahm ; wer ihn hörte , mußte gestehen , daß es doch etwas Schönes um den reinen Idealismus sei ; und selbst diejenigen , welche ihm am wenigsten auf seinem Wege folgen konnten , blickten ihm mit einer gewissen scheuen und staunenden Bewunderung nach . Gleich einer Liederweise verhallte das frühere Leben Robert Wolfs im Anhauch solcher neuen Lebens- und Welterfahrungen . Der wilde Schmerz um die verlorene erste Liebe löste sich in sanfte Traurigkeit auf , und - ach - auch diese Traurigkeit verklang immer mehr . Die Gestalt Eva Dornbluths ward immer nebelhafter in dem Herzen Robert Wolfs ; selbst im Traum quälte er sich seltener mit der Vergangenheit , selbst aus dem Traum verschwand die Gestalt und Stimme des Mädchens . Wenn der Knabe anfangs noch die Bücher nur als ein Mittel ergriff , um sich seinen Gedanken zu entziehen , wenn anfangs der Eifer , womit er sich wieder in die Wissenschaften vertiefte , zum großen Teil seinen Grund in dem Fieber hatte , von welchem er verzehrt wurde : so änderte sich auch das noch im Laufe des Winters . Es liegt eine eigene Macht in diesen magischen Rollen , welche so lange unter dem Schutt der Jahrhunderte begraben lagen . Ein Hauch überzeugendster Beruhigung kommt aus diesen Blättern , in welchen so viele und großartige tragische Geschicke , soviel Weisheit und Poesie , so viele Rezepte für jedes unruhige , kämpfende Geschlecht der Menschen niedergelegt sind . Unter diesem Hauche und unter den inhaltvollen Worten : Sieh nach den Sternen ! Gib acht auf die Gassen ! mußte ein Geist wie der Robert Wolfs gesunden , und er gesundete auch . Doch bis aus dem Knaben ein echter , vollkommener , starker Mann wurde , mußte noch manches andere in sein Leben eingreifen . » Ein Messer wetzet das andere und ein Mann den andern . « Wir leben in einem großen Gedränge ; es fehlt weder an Messern noch an Männern ; wer aber vom besten Stahl ist , der kommt auch am besten weg . Vierzehntes Kapitel Von einem grünen Gartenflecke , einer weißen Marmorbildsäule , einem Gartentisch und einer grünen Bank Wir haben schon mehr als einmal erwähnt , auf welchen Wirrwarr von Dächern , Mauern , Giebeln , Blitzableitern , Brüstungen , Galerien , Feueressen und dunkeln Höfen man südwärts aus den Hinterfenstern der Wohnung des Polizeischreibers Fiebiger sah ; von dem Giebel des Astronomen Heinrich Ulex hatte man , wiederum südwärts , eine ähnliche Aussicht ; doch waren die Dächer nicht so unregelmäßig , so alt und grau . Der Häuserhaufen , den man von hier aus betrachten konnte , war in jüngerer Zeit aufgerichtet worden und wurde von den Bewohnern in bester Ordnung und Reinlichkeit erhalten . Hier begann das Stadtviertel der angeseheneren Beamten , der Großhändler , ein ruhiges , reinliches , solides Stadtviertel , auf welches die Regierung sich verlassen konnte und sich auch wirklich verließ . Da ragte hier und dort Gezweig von Zierbäumen über die Mauern , man sah sogar einen Zipfel von einem kleinen Garten , und um die Zeit , in welcher wir unsere Geschichte wiederaufnehmen , war der Winter zu Ende , waren die Bäume grün , blühten die Blumen in dem Garteneckchen . Die Katzen putzten sich auf den Dächern den Bart , der Polizeischreiber Fiebiger trug Nankingbeinkleider , Julius Schminkert trug seine hellblaue Sommerkleidung nach - dem Pfandhaus und drapierte sich in einen abgelebten Wintermantel wie ein zynischer Philosoph . Der Sternseher freute sich über die klaren Nächte , und die Sonne freute sich , daß sie keine mürrischen Wolkengebilde mehr zu bekämpfen hatte . Angelika Stibbe schwebte in Flor und Flitter , bunt wie in eine abgelegte Robe der Iris gekleidet , einher . Fräulein Aurora Pogge ward immer grämlicher , je schöner das Wetter wurde , sie gönnte es der Welt nicht ; der Hausbesitzer Mäuseler kam nicht aus seiner Stimmung heraus , er vegetierte fort in der gemäßigten Zone seines Daseins . Ludwig Tellering studierte mit immer höherem Eifer und Erfolg Geographie , und es kam ein Brief aus New Orleans an die Adresse von Luise Tellering , ein sehr unorthographischer Brief , unterzeichnet Marie Heil . Der Brief verschwand spurlos , und nur der Erzähler weiß , wer ihn aus Luisens Nähkästchen stahl . Mehr als einen Sarg und manche Wiege hatten die beiden Schreiner im Hinterhaus von Nummer zwölf der Musikantengasse angefertigt seit der Nacht , in welcher Friedrich Wolf und Eva Dornbluth die Stadt verließen . - Frühling und Sonnenschein ! - Schwer hielt es , in dem jungen , ernsten , sinnenden Mann am Fenster des Klostergiebels den abgehetzten jungen Wilden aus dem Walde , Robert Wolf , wiederzuerkennen . Man sah ihm an , daß er durch seine Lehrer jetzt bereits stärker und anders gegen die Welt gerüstet war ; wie der alte Ulex sagte : artibus , virtute , opere , armis . Männlicher war er geworden ; das Auge , nach Milton das große Tor der Weisheit , hatte den unruhig suchenden Schimmer verloren ; es war stet geworden , aber scharf geblieben ; das sah man selbst jetzt , wo es sinnend träumerisch auf einem Punkte der Ferne ruhte . Vor dem Jüngling lag der hohe Lehrmeister Virgil , der Zauberer und Dichter , aufgeschlagen ; aber der Scholar beschäftigte sich heute so wenig mit ihm , daß der Astronom , der weiter weg , an einem andern Tische , über einem sonderbaren , auch den Gelehrten bis dahin gänzlich unbekannt gebliebenen Buche aus der Königlichen Bibliothek , betitelt : » Die Welt als Wille und Vorstellung « , brütete , öfters kopfschüttelnd seine Verwunderung darüber kundgegeben hatte . Worte lieh er freilich seiner Mißbilligung nicht ; denn der Greis gab der Zeit , der Frühlingssonne ihr Recht , den Geist zu lösen aus den Banden , ihn aus der dunkeln Nähe in die blaueste Ferne , weit über die Dächer und Mauern , weit über die äußersten Grenzen von Stadt , Feld , Dorf , Wald , weit , weit über die Berge , weit in die Ewigkeit hineinzuführen . Es will alles sein Recht haben , dachte der Weise . Das sind nicht die wahren Menschenerzieher , welche der ungeduldigen Seele die Zügel so fest anziehen , daß sie fort und fort gradaus nach dem Willen des Lenkers ihren Weg nehmen muß . Wehe , wenn der Zügel reißt oder das Geschick ihn plötzlich , mitten auf dem Wege , aus der Hand des Führers nimmt . Träume , mein Kind , träume , wandle zwischen den Sternen , wie du sie siehst ; die Erde , wie sie ist , wird dich bald genug herabholen . Heinrich Ulex war unstreitig ein weiser Mann , diesmal befand er sich jedoch in einem großen Irrtum ; die Seele Roberts wandelte augenblicklich nicht von Stern zu Stern , die Sonne überstrahlte die Sterne viel zu mächtig - die Seele des jungen Menschen schwebte nicht hoch über der Erde ; im Gegenteil , dicht am Boden klebte sie und erging sich zwischen dem Gebüsch der Gartenecke , die in der Tiefe vom Giebel des Nikolaiklosters aus zu erblicken war . Wie schon gesagt , der Jüngling hatte ein gutes Auge aus dem Walde in die Stadt mitgebracht , und es entging ihm keine Einzelheit des grünen , von der Sonne beschienenen Fleckchens . Da stand zwischen Holundergesträuch eine weibliche Bildsäule von weißem Marmor , welche mit beiden Händen eine Schale , aus der Schlinggewächse herabhingen , über das Haupt erhob . Im Schatten des Holunders , dicht neben der schönen Statue , stand eine zierliche Bank und davor ein ebenso zierliches Tischchen . Auf der Bank saß ein junges Mädchen , welches einen breitrandigen Strohhut neben sich gelegt hatte und in eifriger Arbeit sich über einen Stickrahmen neigte . Solange der Winterschnee die Dächer und den Gartenabschnitt deckte , hatte Robert Wolf nicht auf diesen Erdenfleck , der seine Aufmerksamkeit jetzt sosehr in Anspruch nahm , geachtet ; die Katzen , der Rauch , welcher aus den Schornsteinen aufstieg , hatten mehr Interesse für ihn gehabt als die paar kahlen Zweige und die mit Stroh umwickelte Puppe . Das hatte sich mit Eintritt der Tag- und Nachtgleiche geändert . Von seinem Lexikon aufblickend , sah Robert eines Tages da grüne Blätter und Blütenranken , wo kurz vorher nur ärmliches Gestrüpp zu erblicken war ; ein sonniges Rasenstück war unter dem Schnee verborgen gewesen , und aus der Strohhülle hatte sich das weiße Bild der Götterschenkin Hebe losgewunden . Über Nacht war der Frühling auch in das Steingewirr dieses Teiles der großen Stadt gekommen ; und am Morgen kam ein zierliches Fräulein , stand in einem Sonnenstrahl und gab einem Gärtner Anweisung , was nun weiter mit dem vom Frühling geübten Zauberwerk anzufangen sei . Der Jüngling am Fenster des Klostergiebels sah es stehen , achtete jedoch anfangs weniger auf das niedliche Kind als auf das grüne Gebüsch und die Baumwipfel , an welchen die Blüten sich öffneten . Jeden Fortschritt der Vegetation auf diesem winzigen Punkt inmitten der grauen Einöde beobachtete er , sozusagen , gierigen Auges . Es lag ein Trost darin , eine Art Bürgschaft dafür , daß die Welt doch noch nicht ganz zu Mauerwerk , Schornsteinen und Feueressenqualm geworden sei . Um die Gesichtszüge des jungen Mädchens , welches auf diesem sonnigen Fleckchen wandelte , mit bloßem Auge zu erkennen , war die Entfernung doch zu bedeutend . Eines Tages aber kam der Polizeischreiber sehr ärgerlich gestimmt von dem Polizeibüro nach Hause ; eine Dame , welche von einer Nachbarin in ihren heiligsten Gefühlen beleidigt war und welche an der Menschheit verzweifelte , hatte auch den Protokollführer beinahe zur Verzweiflung gebracht . Er hielt während des Mittagsmahls seinem Zögling eine donnernde Philippika gegen die Weiber , zog zur Verdauung Göckingks Gedichte aus seiner Bibliothek und trug dem gleichgestimmten Robert den beherzigungswerten Vers : Jüngling , hüte dein Herz und dünke gegen die Schönheit Nie dich weise genug , nimmer dich stärker als sie - nebst polizeilich angehauchtem Kommentar daraus vor . An demselben Tage richtete Robert in Abwesenheit des alten Ulex eins der Fernröhre des Astronomen auf den Gartenfleck , die Marmorbildsäule , die Laube und die junge Dame und erkannte nun das Gesicht wieder , welches an jenem Abend , wo er , von dem Wagenrade niedergeworfen , auf der kalten nassen Erde lag , sich so erschreckt , lieblich und rührend zu ihm niedergebeugt hatte . Der Garten gehörte zum Hause des Bankiers Wienand , das kleine Fräulein unter den Holunderblüten war Helene Wienand . Wir wollen jetzt versuchen zu sagen , was und wie der junge Mensch in diesem neuen Frühling dachte und fühlte , wenn er das junge Mädchen im Grün neben der weißen Statue sitzen sah . Der ersten Überraschung folgte in der Brust des Jünglings ein gewisser Mißmut , eine Art von ärgerlichen , verbissenen Grolles ; denn fürs erste sah er noch das ganze Geschlecht in der Gestalt der einen verkörpert , durch welche er solchen Schmerz erduldet hatte und noch dulden mußte . Während dieses Zustandes mußte Ulex seine wahre Freude an dem Schüler haben . Mit brennendem Eifer vertiefte dieser sich in die Bücher und machte in jeder Hinsicht solche Fortschritte , daß der Alte gegen Fiebiger sein Lob nicht laut genug aussprechen konnte . Doch wer kann immerdar über die schwarzen Lettern , wenn sie auch noch soviel Weisheit und Poesie enthalten , sich beugen ? Stets von neuem fordert das Lebendige sein Recht über das Tote , und von dem Buche mußte das Auge des jungen Mannes sich doch zuletzt wieder erheben - zum Himmel , zu den Wolken , die der Südwind über die Dächer trieb . Über die Dächer selbst mußte es schweifen , bis es wieder auf dem grünen Fleck , den es meiden wollte , haftete . Hatte der Knabe die Stelle , welche er so unwillkürlich suchte , gefunden , so fuhr er wohl ärgerlich zusammen , schlug er mit verdoppelter Energie ein Blatt der Leiden des klugen Wanderers Odysseus , des Äneas und seiner Genossen oder eine Seite im Schiffskatalog um ; aber dasselbe Spiel wiederholte sich von neuem , in der nämlichen Viertelstunde , auf die nämliche Weise . Der Sternseher hatte recht , wenn er sich nun über die Unbeständigkeit der Stimmung seines Schülers wunderte ; er schob dieselbe aber auf irgendeine schwierige lateinische oder griechische Konstruktion und pflegte zu sagen : » Gemach , gemach , mein Sohn ; die ruhige Hand greift am sichersten . Woran liegt es denn ? « Errötend ließ der Jüngling den Greis in seinem Irrtum und wies irgendeine klassische Schwierigkeit auf , über welche nicht fortkommen zu können er behauptete . Der Sternseher konnte unmöglich wissen , was an der Sache war ; er erklärte , und zwar mit Vergnügen ; um keinen Preis hätte er die begonnene Unterweisung des Schützlings Friedrich Fiebigers wieder aufgeben mögen . Geraume Zeit dauerte der Kampf Roberts