hören über die Versunkenheit des heutigen Studentenlebens , über die geringe Zahl der Paukereien , die unwürdig kleine Quantität Biers , so während eines Abends vertilgt würde , und so weiter und so weiter . Dabei glänzten seine Augen bei der bloßen Erinnerung an die versunkene Herrlichkeit , und er sprach sich in solche Rührung hinein , daß er schließlich den sentimentalen Wunsch äußerte , alle die rheinischen Demokraten , wie er sie nennt , die auf dem letzten Provinzial-Landtage wiederum die alten gotteslästerlichen Petitionen um Preßfreiheit , Freizügigkeit u.s.w. eingebracht hätten , möchten nur einen Hals haben , damit - er machte eine bezeichnende Handbewegung - des Geschreies endlich einmal ein Ende würde . Natürlich , sagte Oswald , wenn die Herren jung sind , singen sie : » Freiheit , die ich meine « , das klingt sehr poetisch , wenn man es hört , und sie selbst singen sich dabei in eine gelinde Rührung hinein , in welcher sie halb und halb glauben , sie hätten in der That eine Meinung . Das ist aber eine reine Einbildung , oder im Falle ja einmal einer wirklich etwas meint , so ist es die Freiheit , den Philister verhöhnen , Fenster einwerfen , die öffentlichen Locale unsicher machen , und andere Heldenthaten ungestraft verrichten zu können , und dann die spätere Freiheit , als ganz gehorsamster Endesunterzeichneter in tiefunterthänigster Demuth zu ersterben , wenn man es nur bis zum Subalternbeamten , und die Subalternbeamten und die ganze übrige Menschheit en canaille behandeln zu können , wenn man es bis zum Verwaltungschef gebracht hat . Aber wir sind von unserem Thema abgekommen . Die böse Alternative , entweder gegen Ihre persönliche Ehre , oder gegen die Standesehre verstoßen zu müssen , wurde Ihnen hoffentlich erspart ? Ja , Dank der Vorsicht , die ich anwandte , vor den gestiefelten Katern meine Mauseexistenz möglichst geheim zu halten . Als das Triennium vorbei war , und ich mein erstes theologisches Examen bestanden hatte , war es mit meiner Besorgniß ohnedies vorbei , denn einem ehrsamen Candidaten des Predigeramtes verdenkt es schon Niemand , wenn er nichts von Terzen und Quarten wissen will . Ich hätte jetzt am liebsten sogleich auf dem Lande eine Stelle als Hauslehrer angenommen , aber mein Bruder war erst nach Prima gekommen , und ich wollte ihn die zwei Jahre , die er noch auf dem Gymnasium bleiben mußte , nicht allein lassen , da ich ihn in der Kunst , mit Schwefelhölzern zu schreiben und in den übrigen Geheimnissen des Lebens eines Dorfpfarrersohnes in der Stadt nicht so perfect sah , wie es im Interesse der Familie wünschenswerth schien . Denn dieser zweite Bruder sollte an seinem jüngeren Bruder die Stelle vertreten , die ich an ihm vertreten hatte , und dieser jüngere Bruder mußte um dieselbe Zeit auf die Tertia des Gymnasiums kommen , wenn jener die Universität bezog ; ebenso wie ich anfing zu studiren , als er nach Tertia kam . Aber wie ist denn das möglich , sagte Oswald erstaunt . Ja , sehen Sie , Werthgeschätzer , antwortete Herr Bemperlein , wie es möglich ist , kann ich Ihnen nicht sagen , daß es aber der Fall ist , kann ich beschwören . Ich bin der Aelteste meiner Geschwister , und am zweiundzwanzigsten März geboren ; dann kommt eine Schwester , genau zwei Jahre jünger , denn sie ist am einundzwanzigsten März geboren , darauf ein Bruder , darauf wieder eine Schwester , darauf wieder ein Bruder , und wieder eine Schwester . Wie viel sind das ? Ein halbes Dutzend , sollte ich meinen , sagte Oswald lächelnd . Ganz richtig , ein halbes Dutzend , alle zwei Jahre auseinander und alle im März geboren , mit Ausnahme meiner jüngsten Schwester , die am ersten April zur Welt kam . Sie ist aber auch eine kometenhafte Erscheinung in unserem Planetensystem und so zu sagen : das Wunderkind der Familie . Denken Sie sich , sie ist erst achtzehn Jahre und schon verlobt . Ich sehe bei der ohne Zweifel großen Liebenswürdigkeit Ihres Fräulein Schwester nichts Außerordentliches darin , bemerkte Oswald . Nichts Außerordentliches ? rief Herr Bemperlein ; nichts Außerordentliches ? Ein solches Kind ? Heirathen ! mit achtzehn Jahren ! Ich weiß wirklich nicht einmal , ob das überhaupt psychologisch und physiologisch zulässig ist ; - Sie lachen ? Mag sein : ich habe mich auf die Weiber nie verstanden , und wüßte auch nicht , wie ich zu dieser Kenntniß gelangt sein sollte ; der Herr müßte sie mir denn , von wegen meiner absonderlichen Einfalt , im Traum geschenkt haben . Also ich blieb noch fast zwei Jahre in Grünwald , gab Privatstunden , hielt Repetitorien mit jungen Studenten , die vor dem Examen standen , und mit Commersbuche besser Bescheid wußten , als in den Kirchenvätern , und verdiente so viel , daß ich nicht nur selbst sehr gut leben konnte - den Fasttag hatte ich aus reiner Gewohnheit beibehalten - sondern auch meinen Bruder pflichtschuldig unterstützte . Dieser Bruder machte mir damals einigermaßen Sorge - die sich hernach als unnöthig erwiesen hat , denn er ist jetzt in seinem vierundzwanzigsten Jahre schon wohlbestallter Hülfsprediger , aber er lernte etwas schwer , hatte schwache Augen und war gegen Hunger und Kälte auf eine mir unbegreifliche Weise empfindlich . Ich sah deshalb ein , daß es eine Barbarei sein würde , ihm die Sorge für meinen jüngsten Bruder , der jetzt auf die Schule kam , zuzumuthen , zumal dieser ein sehr schwächlicher Knabe war - er ist jetzt ein kräftiger Bursche von zwanzig Jahren , ein braver , fleißiger Junge , der nächstens sein erstes theologisches Examen machen wird - ja , was wollte ich sagen : richtig , er war damals ein schwächlicher , kränklicher Knabe und bedurfte größerer Pflege . Für Beide aber das nöthige herbeizuschaffen - Und für Sie selber , schaltete Oswald ein . Nun , das war das wenigste , aber ich sah ein , daß es so nicht länger ging , und da kam mir denn die Hauslehrerstelle in Berkow , die mir zu der Zeit angeboten wurde , gerade recht . Vollkommen freie Station , ein fabelhaftes Gehalt - ich war überglücklich . Jetzt hatte ich beide Arme frei und konnte endlich einmal etwas für die Familie thun . Ich dächte , Sie hätten das stets nach Kräften , oder über Ihre Kräfte gethan , sagte Oswald . Ach , Spaß , sagte der Andere ; die Lust war groß , aber die Kraft gering , und jetzt war die Unterstützung nöthiger , als je . Meine gute Mutter hatte schon lange gekränkelt , jetzt verfiel auch mein Vater in eine schwere Krankheit , die seine eiserne Natur so untergrub , daß er sich nie wieder ganz vollständig erholte , so daß das Schlimmste zu befürchten stand . Dabei waren meine drei Schwestern noch unversorgt . Welches Glück also , daß ich das prinzliche Einkommen von Zweihundert Thalern Gold hatte ! Ich gab die eine Hälfte meinen Brüdern - Und die andere Hälfte meinen Schwestern , schaltete Oswald ein . Und die andere Hälfte meinen Schwestern - fuhr Bemperlein fort und rieb sich vergnügt die Hände . Aber was behielten Sie denn für sich ? Für mich ? erwiederte Bemperlein erstaunt . Sagte ich Ihnen nicht , daß ich vollkommen freie Station hatte ? Und nun hören Sie nur ! Ich war ein Jahr auf Berkow gewesen , da läßt mich eines Tages die gnädige Frau zu sich rufen , und nachdem wir über Dies und Jenes gesprochen , sagte sie : Sie sind nun ein Jahr bei uns , lieber Bemperlein , nun sagen Sie einmal aufrichtig , ob es Ihnen bei uns gefällt . - Das bedarf wohl keiner Frage , gnädige Frau , antwortete ich . - Nun , das freut mich , sagte sie , aber haben Sie nicht noch irgend einen speciellen Wunsch ? - Das ich nicht wüßte , sagte ich . - Aber Ihr Gehalt ist doch offenbar zu gering , sagte sie mit dem freundlichsten Lächeln . Ich war so erstaunt über diese Worte , daß ich keine Antwort zu finden wußte . Ich will Ihnen nur gestehen , fuhr sie mit himmlischer Güte fort , daß ich die Zeit , die Sie jetzt hier sind , nur als Probezeit angesehen und Ihren Gehalt darnach berechnet habe . Es ist mir niemals eingefallen , zu glauben , daß ein Mann , dem ich die Erziehung meines Kindes mit vollkommener Sicherheit anvertrauen kann , überhaupt mit Geld zu bezahlen sei ; und wenn ich Sie jetzt bitte , mir zu erlauben , das geringe Gehalt , das Sie bis jetzt bezogen haben , zu verdoppeln , so bemerke ich dabei ausdrücklich , daß ich mich nach wie vor als Ihre Schuldnerin fühle . War ich vorher noch nicht erstaunt gewesen , so war ich es jetzt ; oder vielmehr ich war so gerührt - weniger durch das großmüthige Geschenk selbst , - als über die unbeschreibliche Liebenswürdigkeit , mit der es mir von der edlen Frau geboten wurde , daß mir die Thränen über die Backen liefen . Ich stammelte etwas von unmöglich annehmen können und dergleichen , da aber wurde sie ordentlich zornig , daß ich nur schnell einlenkte und sagte : ich nähme das Geschenk nicht für mich , was unverantwortlich wäre , sondern nur , weil ich für Andere sorgen müßte , die für sich selber noch nicht sorgen könnten . - Machen Sie damit , was Sie wollen , sagte sie schon in der Thür , aber bedenken Sie auch , daß Sie gegen sich selbst Verpflichtungen haben . Damit war die Sache zu Ende , aber noch nicht Frau von Berkow ' s Güte , die grenzenlos ist . Doch ich wollte Ihnen eigentlich ganz etwas Anderes erzählen ; nämlich , wie ich dazu kam , den Fehler zu entdecken , der sich in die Rechnung meines Lebens eingeschlichen hat , und welches dieser Fehler ist . Achtzehntes Capitel In diesem Augenblicke kam ein Reiter , der vor einigen Minuten aus einem Seitenwege auf den Hauptweg gebogen war , im Galopp an ihnen vorüber . Ein großer Neufundländer , den Oswald zuerst für Melitta ' s Dogge hielt , galoppirte in langen Sprüngen neben dem Pferde her , einem herrlichen rabenschwarzen Vollblut , dessen Brust mit weißen Schaumflocken benetzt war . Der Reiter , so weit man es in der Eile bemerken konnte , war ein Mann von vielleicht dreißig Jahren , lang und dürr , gegen die Gewohnheit der Gutsbesitzer hier zu Lande in langen Beinkleidern statt der Stulpenstiefeln ; seine Haltung zu Pferde durchaus die Haltung der Herren , welche man lateinische Reiter zu nennen pflegt . Aber es war das wohl mehr Nachlässigkeit und die Gewohnheit , sich gehen zu lassen , als wirkliche Ungeschicklichkeit , denn , als er fast unmittelbar vor den ihm Entgegenkommenden war , die er , in Nachdenken oder Träumereien verloren , jetzt erst bemerkte , warf er seinen Renner mit einer Kraft und Gewandtheit auf die Seite , die den tüchtigen Reiter bekundeten . Excusez , messieurs ! rief er , flüchtig an den Hut greifend und weiter galoppirend . Kennen Sie den Herrn ? sagte Oswald stehen bleibend und dem Manne nachschauend , dessen Züge ihm fremd und bekannt zu gleicher Zeit erschienen waren . Tiens ! sagte Herr Bemperlein , ebenfalls stehen bleibend , das muß der Baron Oldenburg gewesen sein . Ja , gewiß ist ' s der Baron ! rief er , als der Reiter jetzt bei den Knaben , die in der Entfernung von ein paar hundert Schritten folgten , angekommen , still hielt , und ihnen vom Pferde herab die Hand reichte . Ich hätte ihn kaum wieder erkannt mit seinem schwarzen Bart und seinem gelben Gesicht . Er sieht ja aus wie ein wahrer Kabyle . Seit wann mag er denn wieder im Lande sein ? Ist er auf Reisen gewesen ? fragte Oswald mit angenommener Gleichgültigkeit . Er ist seit zehn Jahren eigentlich fortwährend auf Reisen , erwiderte Herr Bemperlein ; vor drei Jahren trafen ihn Frau von Berkow und Herr von Barnewitz und dessen Gemahlin in Rom , und sie sind dann mit ihm durch Süd-Italien gereist . In Sicilien haben sie sich getrennt . Die Herrschaften traten die Rückkehr an , und der Baron ging weiter nach Aegypten , Nubien , und Gott weiß , wohin ihn sein unruhiger Geist noch sonst getrieben haben mag . Aber wir sind schon wieder von unserm Thema abgekommen . Herr Bemperlein fing mit der ihm eigenthümlichen Redseligkeit abermals zu erzählen an , aber wenn Oswald schon vorher nur mit halbem Ohr zugehört hatte , so schweiften seine Gedanken jetzt noch viel weiter ab ... Das war also der Mann , der einst in Melitta ' s Leben eine so große Rolle gespielt hatte ! Eine so große Rolle ! Eine wie große Rolle ? Sie hatte ihn nie wahrhaft geliebt - vielleicht , - gewiß nie wahrhaft geliebt - aber ist denn wahre Liebe immer der letzte Preis der höchsten Gunst einer Frau ? Giebt es nicht so dergleichen , wie Begierde ohne Liebe ? oder auch Liebe ohne Begierde , oder der Wunsch , den Geliebten auf jede Weise an sich zu fesseln , auch durch die Lust und die Erinnerung der Lust - - Und so hätte sie doch an der Seite des Mannes , an dessen Wiege die Grazien ausgeblieben waren , geruht ; wohl ohne Ruhe , ohne die tiefe Seligkeit zu finden , die sie hoffte , - aber doch geruht ? O , in dem Gedanken war Höllenqual ... So raunte und flüsterte ihm der Dämon der Eifersucht wilde , schlimme Gedanken in ' s Ohr , die sein Blut sieden machten und ihm kalte Tropfen auf die Stirn trieben - was Wunder , wenn er so Herrn Bemperlein ' s Erzählung wie im Traume hörte . Nur so viel begriff er , daß der wunderliche brave Mann erst jetzt , nachdem die Noth des Lebens für ihn vorbei war und er in der grünen Einsamkeit von Berkow frei von aller Sorge aufathmen durfte , zum ersten Mal über seine sogenannte Wissenschaft , die zu prüfen , ihm bis dahin die Zeit gefehlt hatte , nachzudenken begann ; daß er jetzt zum ersten Male mit den Heroen der neueren Literatur , vor allem mit Shakespeare Bekanntschaft machte , daß er von den Dichtern auf die Philosophen kam , und wie ihm vor allem in Spinoza eine Welt aufging , von der er , der Zögling theologischer Scholastik , keine Ahnung hatte ; daß er von Spinoza , später von Schopenhauer angeregt , sich auf das Studium der Natur , auf Botanik , Mineralogie , Physik geworfen , sich mit Hülfe des alten Baumann ein kleines Laboratorium eingerichtet und fleißig experimentirt habe , und daß auf seinen Retorten und Tiegeln der Glaube an die alleinselligmachende Kraft der Professoren-Religion , den ihm die Lectüre der Philosophen noch etwa gelassen hatte , vollkommen verdampft sei . Das ging nun so , so lange es ging , sage Herr Bemperlein , allein es kam nicht zum Sterben , aber doch zu dem Augenblick , wo ich mich entschließen mußte , ob ich meinen heimlichen Abfall von dem Glauben meiner Väter offen erklären wollte oder nicht . Eine sehr einträgliche Pfarrstelle in hiesiger Gegend , von der ein Onkel der Frau von Berkow , der ältere Herr von Barnewitz Patron ist , wurde durch den Tod des Inhabers erledigt . Herr von Barnewitz glaubte seiner Nichte einen Gefallen zu erweisen , wenn er mir diese Stelle anbot , ich hatte weiter nichts zu thun , als am nächsten Sonntag eine Predigt in dem Pfarrdorfe zu halten , und die Sache war abgemacht . Nun müssen Sie wissen , daß ich , als mir Herr von Barnewitz die Sache vorstellte , im ersten Schrecken , halb aus Ueberraschung , halb , um den guten Mann nicht zu kränken , und dann auch , weil wir ( das heißt Frau von Berkow und ich ) Juliu ' s Uebersiedlung nach Grünwald beschlossen hatten , und so meines Bleibens in Berkow doch nicht länger sein konnte , » Ja « gesagt und mich wirklich hingesetzt habe , eine Predigt auszuarbeiten . Ich hatte mich seit ein paar Jahren glücklich um jede Gelegenheit , wo mein theologisch-declamatorisches Talent sich hätte zeigen können , herumzudrücken gewußt , und jetzt fühlte ich zu meinem Schrecken , daß ich die Kanzelsprache , und noch mehr als die Sprache , die Kanzellogik vollständig verlernt hatte . Drei Abende hinter einander setzte ich mich zu der Sisyphusarbeit hin ; aber nie kam ich auch nur über » meine andächtigen Zuhörer « hinaus . Die contradictio in adjecto peinigte mich , ich wußte aus eigener Erfahrung , wie es mit der Andacht der Zuhörer bestellt ist . Andächtig kommt von Denken ! Da , in der dritten Nacht , als ich mich voller Verzweiflung zu Bette gelegt hatte und voller Kummer eingeschlafen war , erwägend , was wohl mein guter Vater und mein würdiger Großvater , den ich auch noch gekannt hatte , sagen würden , wenn sie den Unglauben ihres in so trefflichen Grundsätzen erzogenen Sohnes und Enkels sähen , hatte ich folgenden kuriosen Traum , zu dessen Erklärung ich vorher bemerken muß , daß Frau von Berkow mir an jenem Tage viel von den Museen des Louvre erzählt hatte . Mir träumte also , ich trat in einen gewaltigen hohen und weiten Saal , an dessen Wänden Sculpturen und Gemälde standen und hingen . Da saß Gott Vater selbst , ein schöner bärtiger alter Mann , und reckte die Hand aus und schuf Himmel und Erde , dann kamen Adam und Eva , in weißem Marmor : Eva , ziemlich wohl erhalten - Adam aber hatte den Kopf verloren ; darauf » Kain ' s Brudermord « , ein großes Oelgemälde , ebenso wie ein darauf folgendes : » Adam und Eva finden die Leiche des ermordeten Abel « ; auf welchem die Gestalt des todesblassen Jünglings der wie eine gebrochene Lilie anzuschauen war , mich fast zu Thränen rührte . So ging es weiter und weiter : Statue an Statue , Gemälde an Gemälde . Ich war nicht allein im Saale , im Gegentheil , viele Menschen bewegten sich an den Wänden und durch den Wald von Statuen hin . Vor einzelnen besonders hervorragenden Werken , zum Beispiel dem Durchzug der Kinder Israel durch das rothe Meer - einer riesengroßen Freske - standen ganze Gruppen - auch vor andern , die sich weniger durch historische Bedeutung , als durch das Pikante der dargestellten Situation auszeichneten . So mußte ich mich über das Betragen einer Schaar junger Mädchen ärgern , die vor einem Gemälde , darstellend : » Lot , von seinen Töchtern trunken gemacht « die Köpfe zusammensteckten und kicherten . Ueberhaupt erschien mir das Benehmen der Gesellschaft in hohem Grade anstößig . Die Frauen lachten und schwatzten und kokettirten , die Herren schwatzten , lachten und lorgnettirten , und einige mit langen Beinen und langen Zähnen - wahrscheinlich Engländer - hatten gar den Hut auf dem Kopf . Fast Alle hielten ein Buch in der Hand , in welches die Gewissenhafteren von Zeit zu Zeit hineinsahen , wenn sie sich über eins der Kunstwerke Auskunft holen wollten . Dies Buch schien mir der Katalog des Museums zu sein , und da ich einen solchen ebenfalls zu haben wünschte , weil ich die Reihenfolge der Propheten vergessen hatte , und nun nicht wußte , ob der alte bärtige Mann , Nr. 8 , Habakuk , und der Jüngling , Nr. 9 , Zephanga , oder umgekehrt sei , so wandte ich mich an einen alten Herrn , den ich mit einem Fliegenwedel an den Statuen beschäftigt gesehen hatte , und den ich in Folge dessen für einen der Custoden hielt . Als ich näher trat , wandte sich der Mann um , und ich erschrak nicht wenig , als ich meinen eigenen Großvater erkannte . Was wünschen Sie , junger Mann ? sagte er in strengem Ton . Ich wiederholte schüchtern meine Frage . Hier haben Sie einen Katalog , sagte er , von einem Tische , auf welchem eine große Menge jener Bücher lag , eins nehmend und mir reichend , kostet fünfzehn Silbergroschen . - - Ich schlug das Buch auf ; ich wünschte einen Katalog , sagte ich , Sie haben mir - Ganz richtig , sagte der alte Mann mit melancholischer Stimme , dies ist der Katalog für das alte Museum ; der Eingang in das neue Museum , in welchem die Kunstwerke von dem Jahre Eins christlicher Zeitrechnung bis zum Jahre 1793 , wo die christliche Religion abgeschafft , und die Göttin Vernunft auf den Thron gesetzt wurde , aufgestellt sind - ist dort ! Er wies auf eine schöne breite Treppe , die aus dem Saale hinaufführte in andere Räume . Sie werden gut thun , sich dort ebenfalls einen Katalog zu kaufen . Er kostet zehn Silbergroschen und Sie haben sich deshalb an Ihren Vater zu wenden , welcher in jenem Theile des Gebäudes dasselbe Amt versieht , welches ich hier versehe . Und damit wandte mir der alte Mann den Rücken , und fing wieder an , mit seinem langen Wedel die Statuen und Bilder abzustauben . Entschuldigen Sie , lieber Großvater , sagte ich . - Ich bin Ihr Großvater nicht , antwortete der alte Mann , ruhig in seiner Beschäftigung fortfahrend . Nun , Herr Custos ? fragte ich . Ja wohl , Custos , nichts weiter , nichts weiter , murmelte der Greis . Wo haben denn , Herr Custos , fuhr ich fort , die Kunstwerke , die seit jener Zeit entstanden sind , ihre Stelle gefunden ? Seit jenem denkwürdigen Jahre , sagte der Alte , hat nichts Gescheidtes mehr zu Stande kommen wollen . Zwar haben sich noch einige Künstlerschulen gebildet , aber es hat Alles kein rechtes Leben , und ihre Productionen können auf eigentlichen Kunstwerth keinen Anspruch machen . Den Künstlern selbst fehlte der rechte Glaube , und ohne den läßt sich nun einmal nichts Ordentliches malen oder meißeln oder schreiben , - bei diesen letzten Worten maß er mich mit einem strengen Blicke . - Oder schreiben , wiederholte ich kleinlaut , an meine ungeschriebene Probepredigt denkend - Oder schreiben , fuhr er fort , - und dann ist das Publikum selbst in neuester Zeit sehr gleichgültig geworden , und die Kritik sitzt den Künstlern zu unbarmherzig auf dem Nacken , und das verdirbt ihnen die naive Unbefangenheit und nachtwandlerische Sicherheit , ohne welche nun ein für alle Mal , - aber jetzt muß ich Sie ersuchen , sich zu entfernen , die Glocke hat schon lange geläutet , Sie sind der Allerletzte . Er begleitete mich bis zum Ausgange des Saales , öffnete mir die Thür und lud mich mit einer steifen Verbeugung ein , hinauszuspazieren . - Ich that es - die Thür fiel donnernd hinter mir zu , und - ich erwachte . Seit jenem Traum , fuhr Bemperlein fort , machte ich keinen neuen Versuch mehr . Ohne Glauben läßt sich keine Predigt schreiben , sagte ich zu mir , und wenn sich auch noch zur Noth eine schreiben läßt , so läßt sie sich doch nicht halten , wenigstens nicht von einem Manne , der , wie Du , ein Stück Gewissen und weder Kind noch Kegel hat , die manchen ehrlichen Kerl schon Dinge haben schreiben und sagen machen , die er nur so , und auch kaum so , vor Gott und der Welt verantworten kann . Daß ich nicht mehr Pastor werden könnte , stand bei mir fest , und ich schrieb also heute Morgen an Herrn von Barnewitz , mich für die mir zugedachte Ehre zu bedanken , von der ich keinen Gebrauch machen könne , - da - ich mich entschlossen hätte , Julius nach Grünwald zu begleiten . Der Einfall kam mir nämlich , wie ich die Phrase schrieb , und ich lief sogleich zu Frau von Berkow , und theilte ihr meinen Entschluß mit , worüber sie eine lebhafte Freude zu erkennen gab . - Nun sagen Sie mir , mein vortrefflicher Freund , der Sie die Güte gehabt haben , diese lange Geschichte anzuhören , was würden Sie thun , wenn Sie in meiner Lage wären ? Bedenken Sie dabei , daß ich bereits achtundzwanzig Jahre alt bin , aber noch meine sämmtlichen achtundzwanzig Zähne habe . - Die Weisheitszähne sind ausgeblieben , sei es aus einer Vergeßlichkeit der Natur , sei es aus einer weisen Vorsicht des Schicksals , das daran dachte , wie ich so manchmal im Leben wenig genug zu beißen haben würde . Was ich thun würde , wenn ich an Ihrer Stelle wäre ? sagte Oswald , wenn ich , wie Sie , ein wackrer , gewissenhafter , fleißiger - Bitte , bitte , Herr Collega ; sagte Bemperlein über und über roth werdend . Ich sage , gewissenhafter , fleißiger Mann wäre ? Nun , die Frage ist sehr leicht zu beantworten . Ich würde thun , was Sie bereits gethan haben ; ich würde dem Paradies naiver Gedankenlosigkeit und harmlosen Glaubens wohlgemuth den Rücken kehren , nachdem ich einmal vom Baum der Erkenntniß gekostet , und mich , so wenig wie Sie , in den Stall sperren lassen , in welchem die Heuchler , die schnöden Hunde im Schafspelze der Demuth , so ohrenzerreißend und markerschütternd winseln und heulen . Ganz wohl , ganz wohl ! sagte Herr Bemperlein , sich vergnügt die Hände reibend , und was würden Sie dann thun , Werthgeschätztester ? Dann , sagte Oswald , wenn ich Sie wäre , würde ich mich erinnern , welche Mühsal ich schon als schwacher Knabe erduldet , und welchen Fleiß und welche Ausdauer ich bewiesen habe , blos um mir einen Wust von Kenntnissen anzueignen , den ich jetzt froh bin , wieder vergessen zu können - dessen , sage ich , würde ich mich erinnern , und mir eine Wissenschaft zu eigen machen , die ich nicht wieder vergessen möchte , weil ich ihr Jünger sein darf , ohne vorher die freie Vernunft zu knebeln , und weil diese Wissenschaft fruchtbar für mich und fruchtbar für meine Mitbrüder ist . Vortrefflich , vortrefflich , sagte Herr Bemperlein , weiter , weiter ! Ich würde also mit einem Wort , fuhr Oswald fort , mich mit aller Macht auf die Wissenschaften werfen , in denen Sie sich ja schon versucht haben , und würde mich sobald als möglich nochmals in Grünwald inscribiren lassen , diesmal aber nicht , um Theologie , sondern etwa , um Medicin zu studiren . Die medicinische Facultät in Grünwald ist ausgezeichnet , sagte Herr Bemperlein . Sie ist anerkanntermaßen eine der besten in Deutschland , fuhr Oswald fort . Dann würde ich noch ein paar andere Universitäten besuchen , wenn das Geld reicht - Geld wie Heu , Geld wie Heu , rief Herr Bemperlein , sechs Jahre lang ein prinzliches Einkommen und freie Station , ich bitte Sie , Theuerster , ich habe für ein halbes Jahrhundert zu leben . Dann würde ich ein berühmter Arzt - Wissen Sie , sagte Herr Bemperlein , stehen bleibend und sich nach den Knaben umsehend , im Flüsterton : Ich habe schon ein Paar von Julius ' Kaninchen heimlich mit Blausäure vergiftet und hernach secirt , und die Frösche in dem Sumpf hinter unserm Park haben keine Ursache , meine Freunde zu sein . Bravo ! lachte Oswald , und dann heirathete ich . Wirklich ? fragte Bemperlein . Nun natürlich , und erzeugte ein halbes Dutzend kleiner Bemperleins , die in der Folge Alle große Bemperleins und Alle Leuchten und Fackeln der modernen Wissenschaft würden . Auch die Mädchen ? sagte Bemperlein lachend . Die Mädchen heiratheten wieder tüchtige , wahrheitsliebende Männer , und so hülfe ich theoretisch und praktisch die Zeit herbeiführen , wo die Freiheit erscheinen wird , die wir meinen . Ja , ja , rief Herr Bemperlein , so gehts , so gehts . Dank , tausend Dank , mein trefflicher Freund , daß Sie die letzten Wolken des Zweifels durch Ihre muthigen Worte zerstreut haben . Morgen reise ich mit Julius nach Grünwald . Ich will Ihnen einen Empfehlungsbrief an Professor Berger mitgeben , sagte Oswald ; er steht mit allen naturwissenschaftlichen Größen in Verbindung . Er riß ein Blatt aus seiner Brieftasche , schrieb ein paar Worte an Berger darauf und übergab es Bemperlein . Dank , besten Dank ! sagte dieser , das Blatt einsteckend . Die Bekanntschaft dieses Mannes kann mir sehr nützlich werden . Auf jeden Fall . Sprechen Sie durchaus offen gegen ihn , ohne allen und jeden Rückhalt , dann dürfen Sie aber auch versichert sein , daß er mit seiner Herzensmeinung nicht hinter dem Berge halten wird . Vielleicht empfiehlt er Ihnen , sogleich auf eine größere Universität , etwa nach der Residenz zu gehen . Folgen Sie dann seinem Rath . Nous verrons , nous verrons ! rief Herr Bemperlein . Aber da sind wir bei unserm Parkthor angekommen . Sie treten doch näher ! Nein , nein ! sagte Oswald hastig , ich möchte nicht gern so spät nach Grenwitz zurückkommen . Nun , dann leben Sie wohl ! In ein paar Tagen , wenn ich Julius in Grünwald installirt , und mich über mich selbst bei Berger ordentlich informirt habe , bin ich wieder hier , um definitiv Abschied zu nehmen . Leben Sie wohl so lange , mein werthgeschätzter Freund ! Adieu , Adieu ! sagte Oswald , hastig Bemperlein und Julius die Hand drückend , und Bruno mit sich zurück in den Wald ziehend , als hielte