Jahr 1484 , da ich noch ein Kind war . Lautet es nicht so ? « » Ja , « versetzte Albrecht erröthend : » Willibald hätte es Euch nicht zeigen sollen , jetzt geriethe es schon besser . Ich habe das Bildniß meines Vaters zu malen angefangen , und ich hoffe , das soll ähnlich werden . « » Wie lange werdet Ihr noch hier bleiben ? « » Bis Ostern , dann ist meine Lehrzeit beendet , dann will ich mich in Deutschland umsehen . Ich wollte erst gern nach Colmar zu Martin Schongauer , aber der Meister starb zu früh für die Kunst und für mich ! « » Möchtet Ihr nicht nach Italien ? Ich könnte Euch Empfehlungen nach Venedig mitgeben . « » O wie gütig seid Ihr , edle Frau ! Ich werde Euch später daran erinnern - vielleicht wenn ich einer Empfehlung würdig bin . Erst will ich im deutschen Reiche mich umsehen , fest werden in deutscher Art und Kunst , ehe ich das wälsche Wesen auf mich wirken lasse . Der deutschen Kunst und dem deutschen Vaterlande will ich dienen : ich habe keinen höhern Wunsch , und wenn ich es je dahin bringe ein Meister zu werden , so soll man mich als deutschen Meister kennen . « So und ähnlich weiter sprechend war Elisabeth bis an ihr Haus gelangt und mit Albrecht in ihr Wohnzimmer getreten . Sie schellte nach Wein und Confekt für ihn , und bat ihn zuzulangen , bis sie aus einem andern Gemach ihre Goldchatulle geholt , absichtlich blieb sie lange , damit Albrecht ohne Verlegenheit dem seltenen Genuß sich widmen könne . Dieser aber nippte nur bescheiden von dem edlen portugiesischen Rebensaft und ohne zu essen schob er ein paar kleine Stücke Backwerk in seine Tasche , um die kleinen Geschwister damit zu erfreuen . Als Elisabeth wieder zurückkehrte , überreichte sie ihm das Geld in einer kleinen Ledertasche zum Umhängen und sagte : » Der Inhalt ist meine Schuld für Euren Vater . Die Tasche wird Euch auf der Wanderschaft vielleicht nützlich sein . « Albrecht stand unschlüssig und verlegen , was er thun und antworten sollte ; Elisabeth kam ihm zuvor , indem sie sagte : » Ich habe mich nicht geweigert , das Geschenk des Königs anzunehmen als ein Andenken ; Ihr werdet dies werthlose Andenken von einer Frauenhand nicht zurückweisen , und Euch dabei derer erinnern , die in den Besitz Eurer Rose gekommen . - Aber nun noch ein Wort . Ich habe von allen Seiten nur Euer Lob gehört , von Eurem Meister , Euren Hausgenossen , Eurem Freund , auch von meiner Freundin Ursula Muffel , die Eurer Verschwiegenheit dankbar eingedenk ist ; ich glaube , Ihr hab ' t mir schon denselben Dienst geleistet , ohne daß ich Euch darum bat , wenigstens hat Euer Freund Pirkheimer mich dessen versichert - ich meine den Vorfall auf der Hallerwiese . « » Ueber meine Lippen ist kein Wort davon gekommen ! « betheuerte Albrecht . » Es ist jeder Frau unangenehm , wenn von dergleichen gesprochen wird , « warf Elisabeth hin . » Ihr scheint jene beiden Baubrüder zu kennen ? « » Nur den Einen von ihnen , mir scheint er ein außerordentlicher Mensch ! « » Sein Name ? « » Ich kenn ' ihn nur als Ulrich von Straßburg . « » Und warum erscheint er Euch als außerordentlich ? « Albrecht zuckte die Achseln . » Er ist so begeistert für die Kunst , er ist so aufgeklärt und voll großer Anschauungen , dabei so freundlich und mild , zum Beispiel gegen Lernbegierige wie ich , trotzdem daß ich , wie uns die Baubrüder nennen , ein Profaner bin und er mir gewiß nicht mehr von seinem Wissen mittheilen wird , als seine Gesetze erlauben . « » Hab ' t Ihr ihn seit jenem Tage wiedergesehen ? « » Ja , aber wir haben wenig zusammen gesprochen ; sein Gönner , Herr Anton Kreß , der Propst von St. Lorenz war bei ihm . « Elisabeth hatte ihr Examen beendet . Albrecht hatte erwartet , da sie einmal nach seiner Bekanntschaft mit den Baubrüdern fragte , sie werde ihm ihren Dank für Ulrich auftragen , denn eigentlich war es doch nur dieser , der sie aus den Händen des Ritters befreit . Allein Elisabeth brach das Gespräch ab . Sie drang nur noch in Albrecht , alles noch dastehende Confekt seinen kleinen Geschwistern mitzunehmen , und damit war er entlassen . Elisabeth warf sich wie erschöpft auf einen Polsterstuhl und lehnte das stolze Haupt müde zurück . Wie war ihr denn ? So lange der König hier war , hatte sie in einem glücklichen Rausch gelebt . Er erschien ihr als das Ideal eines Mannes , eines Helden auf dem Thron . Und sie war es vor allen Frauen , der dieser auserlesenste aller Ritter auch die auserlesensten Huldigungen weihte . Sie hatte sie annehmen dürfen ohne Furcht , sie durfte daran zurückdenken ohne Scham und Reue , denn es knüpfte sich nichts Unwürdiges oder Erniedrigendes daran . Vor aller Augen hatte er sie ausgezeichnet vor allen Nürnbergerinnen , und vielleicht noch stolzer und glücklicher als sie selbst war ihr Gemahl über die ihr zu Theil gewordene Gunst . Das Versprechen des Königs , das nächste Mal in seinem Hause seine Wohnung aufzuschlagen , machte ihn zum glücklichsten Sterblichen ; er knüpfte daran sogleich die Hoffnung , daß er dann wohl an das Ziel seiner Wünsche gelangen und den Adelstand , nach dem er lange trachtete , erlangen werde , ja wenn er in etwas mit seiner Gemahlin nicht ganz zufrieden war , so war es eben nur , daß sie nicht schon jetzt die Adelswürde vom Könige erbeten , da ihr dieser gewiß keine Bitte abgeschlagen hätte . Wohl gab es Leute genug , welche durch boshafte Bemerkungen und heimliche Zuträgereien oder verstohlene Winke Scheurl auf den König hatten eifersüchtig machen und die Treue und Tugend seiner Gattin verdächtigen wollen ; allein er wies alle solche Angriffe als erbärmliche Waffen des Neides und der Mißgunst zurück , und war und blieb stolz darauf , daß es gerade seine Gattin war , welche den Sieg in der Gunst des Königs über alle andere Frauen davon getragen . Vielleicht hätten so auffallende Huldigungen , wenn ein anderer Mann sie gewagt , ihn sowohl gegen denselben wie gegen seine Gemahlin , die sie nicht zurückwies , sondern mit sichtlichem Wohlgefallen annahm , aufgebracht ; allein von dem Könige dargebracht , hatte er einen andern Maßstab dafür . Nicht etwa den einer gemeinen Bedientenseele , die sich geehrt fühlt , wenn sein Herr sich zu ihm herabläßt , und die sich als Ehre anrechnet , was sie von anderer Seite als Schimpf empfinden würde : sondern weil er wußte , daß seine Gemahlin zu stolz war , sich jemals zu einer Buhlerin wegzuwerfen , und weil er weiter schloß , daß dieser königliche Nebenbuhler ihn ja nur auf kurze Zeit verdunkelte , und weil er Elisabeth genug kannte , um zu begreifen , daß sie von dem ersten Ritter und königlichen Helden ihres Zeitalters ausgezeichnet , nun um so ruhiger auf die Huldigungen anderer Männer verzichten werde - und beinahe kaufmännisch berechnete der reichsstädtische Handelsherr , daß der eine durch seine Entfernung auf den Thron , wie durch den Raum ungefährliche Nebenbuhler ihm die Furcht vor jedem andern erspare ; denn aus den gewöhnlichen Alltagsmenschen ihrer Umgebung konnte ihm keiner erwachsen , der mit dem Einen sich hätte messen können . In dieser Beziehung war Elisabeth wirklich von ihrem Gatten verstanden , wie wenig er sonst auch der Mann war , die Höhen und Tiefen eines weiblichen Charakters zu ermessen , wie dieser Elisabeth ' s. Sie hatte den Triumph ihres Geistes und ihrer Schönheit mit vollen Zügen genossen , wie der König hier war , von Begeisterung war sie durchzuckt worden bei dem Gedanken , daß dieselbe Männerhand , welche ihre kleine Hand zärtlich drückte , die Geschicke einer Welt und das Scepter über viele Lande zu halten berufen war . Herrlich war es ihr erschienen , die Gedanken des Mannes zu erforschen , auf den viele Millionen Augen voll Hoffnung und Erwartung blickten : von ihm die Rettung aus verwilderten Zuständen hofften , eine neue Aera , eine neue Form für ausgelebte Verhältnisse , und göttlich die eigenen Gefühle neben ihm auszusprechen , aus den Flammen des eigenen Geistes Funken in das Licht des seinen zu werfen , mit einem kühnen Wort vielleicht die Anregung zu geben zu einer kühnen That , oder wieder durch eine weiblich sanfte Fürbitte Befreundeten zu nützen - das gewährte ihrem ganzen Wesen eine vollere Befriedigung und gab ihr einen höheren Schwung als die leidenschaftlichen Erregungen , an denen Gemüth und Sinnlichkeit den größeren Antheil haben . Aber jetzt war dieses Glück vorüber . Es schien , als wolle ihr Geschick ihr nur zeigen , wozu sie Beruf und Macht habe , was ihr Genüge und Beseligung geben könne , um es dann nach kurzem Besitz wieder von ihr zu nehmen ! - Die Muse eines Dichters und die Freundin eines Königs ! Das Schicksal hatte sie dieser seltenen Gunst gewürdigt ; aber jetzt war Beides vorüber ! Max war nur wie ein leuchtendes Phänomen neben ihr aufgetaucht , und jetzt erglänzte es in unerreichbarer Ferne . Sie sah wohl noch sein Leuchten - aber wie stolz und eitel sie auch war , sie wagte doch nicht sich einzubilden , der König werde unter den Sorgen der Krone und des Krieges noch ihrer gedenken . Sie sagte sich , daß er so wie ihr wohl schon vielen Frauen gehuldigt und vielen andern noch huldigen werde in seiner ritterlichen Weise , daß , wenn nicht andere Bürgerinnen , doch Edelfräulein und Fürstinnen ihr Bild verlöschen würden . Und Konrad Celtes ? Sie zweifelte nicht , daß sie in seinem Herzen fortlebte wie in seinen Liedern ; sie war sich ihrer geistigen Gaben genug bewußt , um zu wissen , daß er für das Verständniß seines geistigen Wesens keinen Ersatz für sie bei andern Frauen finden werde - aber sie konnte nicht ohne Schmerz und Bitterkeit an ihn denken . Er hatte sie doch nicht geliebt , so wie sie ihn liebte , sonst hätte er ihr nicht entsagt , da sie noch frei war - ach , warum gab es keinen Mann , der zu lieben verstand wie sie selbst , mit solcher Kraft und Hingebung und Treue ? ! Weil sie an Celtes zu der Erkenntniß gekommen war , nach einem Ideal zu jagen , für welches das Leben keine Verwirklichung habe , hatte sie dem ungeliebten Mann ihre Hand gegeben , um sich vor neuen Kämpfen zu bewahren . Und nun mußte gerade jetzt wieder eine Gestalt aus der goldenen Morgenzeit ihrer Jugend , die sie für immer zu vergessen wünschte , gleich einem Gespenst vor ihr auftauchen ? Jener Augenblick auf der Hallerwiese , da sie Eberhard von Streitberg wiedersah , gehörte zu den schrecklichsten ihres Lebens ! Sie war erst siebzehn Jahre alt , da sie ihn in Venedig kennen lernte . Leicht war es dem feurigen und damals auch äußerlich anmuthigen Ritter , das liebesehnsüchtige Herz der Jungfrau zu gewinnen , und im ganzen Sonnenglanz der ersten Liebe , von Italiens Sonne doppelt verklärt , flossen ihnen Tage und Monde dahin . Sie schworen sich ewige Liebe und Treue , und Elisabeth zweifelte nicht , daß ihre Eltern in Nürnberg ihren Bund segnen würden . Es kam schon vor , daß ein Ritter , der nicht besonders mit Schätzen gesegnet war , und Streitberg schien das auch nicht zu sein , sich ' s noch zur Ehre schätzen mußte , wenn ein reichsstädtischer Bürger ihm die Tochter mit der reichen Mitgift gab , die Einwilligung ihrer Eltern erhalten werde . Da sie von Venedig scheiden mußte , und er das belagerte Wien zum Ziel hatte , gelobten sie einander Treue und Schweigen , bis es ihm möglich sein werde nach Nürnberg zu kommen . Ueber ein Jahr verging so getrennt , zuweilen durch ein zärtliches Brieflein unterbrochen . Endlich meldete ihr ein solches , daß er komme , daß er sie bitte ihn vor dem Thiergärtnerthor zu erwarten , damit ihr erstes Wiedersehen nach so langer Trennung ohne Zeugen sei , dann wolle er sie zu ihren Eltern begleiten . Liebeselig erfüllte sie seinen Wunsch noch vor der bestimmten Stunde . Die angegebene Stelle pflegte sonst menschenleer zu sein . Sie erstaunte eine verschleierte Dame dort zu finden . » Elisabeth Behaim , « fragte diese , » Ihr wartet auf Eberhard von Streitberg ? « Und da Elisabeth schwieg , gab ihr die Fremde den von Elisabeth selbst geschriebenen Brief . Elisabeth rief : » O er kann nicht kommen , und sendet mir seine Mutter oder Schwester ? oder wer seid Ihr , die er seines Vertrauens würdigt ? « Die Fremde nahm Elisabeth ' s Arm und sagte : » Wir wollen in die Stadt gehen , hier ist es so einsam , ich erzähle Euch unterwegs ; Eberhard schrieb Euch , daß er Euch nach Hause begleiten und um Euch werben wolle , und Ihr glaubtet das ? « » Ich habe nie an seinem Wort gezweifelt ! « sagte Elisabeth zuversichtlich . » Armes Kind ! « rief die Fremde , » Eure Unschuld spricht aus Euren Mienen wie aus Eurem Brief , darum kam ich , Euch und mich vor Schande zu bewahren , Ihr wißt wirklich nicht , daß Eberhard seit zehn Jahren verheirathet ist ? « » Ihr lügt ! « rief Elisabeth . » Ich bin seine Gattin , die er einst liebte wie Euch vielleicht auch ; könnte er ehrlich um Euch werben , käme er in Euer Haus ; so bestellte er Euch vor das Thor , um Euch zu entführen . Euer Brief fiel in meine Hände statt in seine , und so kam ich statt seiner . Glaubt Ihr mir nicht , so schreibt ihm nur , was Ihr von ihm gehört , und das Ihr ihn im Elternhaus erwartet , wie einer sittsamen Jungfrau ziemt ! « Was auch Elisabeth noch fragen und zweifeln mochte : es blieb bei diesem Resultat , und es blieb dabei , nachdem sie an Eberhard geschrieben und durch Andere Erkundigungen über ihn einzog . Er war verheirathet ; indeß er in der Welt herum abenteuerte , lebte seine Gattin einsam auf Streitberg , und jetzt , da sie hörte , daß er zurückkehre , war sie ihm entgegengereist , um auf dem Schloß eines seiner Freunde bei Nürnberg , des Herrn von Weyspriach , mit ihm zusammenzutreffen ; sie kam ihm doppelt ungelegen , als sein Brief an Elisabeth eben fort war , dessen Antwort in die Hände der unglücklichen Gattin fiel . Da Eberhard seinen Plan vereitelt sah , so schied er wieder aus der Gegend , und Elisabeth hörte nur , daß er in ' s heilige Land mit Weyspriach gereist . Freilich nicht zu einer Buß- und Betfahrt , sondern zu neuen Abenteuern . Acht Jahre waren seitdem vergangen . Elisabeth , so gräßlich in ihrer Jugendliebe betrogen , unschuldig eine Schuldige , den Mann ihrer Liebe als einen Gegenstand der Verachtung erkennend , wollte wenigstens sich davor bewahren , Anderen ein Gegenstand des Spottes zu werden , und trug die ganze Centnerlast ihres Schmerzes allein als ihr Geheimniß , daß sie jetzt tausendmal ängstlicher hütete als zur Zeit des Glückes . Sie suchte ihr Herz gegen die Liebe zu verhärten und setzte jedem Manne kalten Stolz entgegen . So vergingen fünf Jahre . Da schmolz die Eisrinde unter der Gluth der Poesie , aber auch Celtes erkannte ihr Herz nicht ganz , so zog es sich zusammen , und durch eine ewige Fessel wollte sie es zwingen ruhig zu schlagen . Und jetzt , nach acht Jahren hatte der Verräther ihrer Jugendgefühle sich wieder zu ihr zu drängen gewagt ; hatte er mit dem Markgrafen , mit dem Könige von ihr gesprochen - oder durch wen sonst - sollte jetzt verrathen worden sein , was sie als unauslöschlichen Schimpf empfand ? Nimmer hatte sie seinen Namen wieder über ihre Lippen gebracht , weder den Markgrafen noch den König nach ihm fragen mögen , wie sehr sie diesem auch seine Verbannung dankte . Aber hatte sie nicht für sich zu fürchten , nun er ihr wieder einmal genaht ? Das quälte und ängstete sie , und sie versank in vergebliches Sinnen darüber , wie über die Geschichte , die ihr der Goldschmied Dürer erzählt . Elftes Capitel Hexen und Wegelagerer Als die Baubrüder Ulrich und Hieronymus eines Abends in der Dunkelheit an ihre Wohnung kamen , sahen sie in einem Winkel der Hausthür irgend ein Wesen zusammengekauert hocken . Da sie eintreten wollten , erhob es sich , zupfte Ulrich leise , so daß dieser unwillkürlich an sein Schwert griff , indeß eine leise Stimme sagte : » Ich habe Eure Wohnung ausgekundschaftet und auf Euch gewartet ; nicht war , Ihr seid Ulrich von Straßburg und jener ist der blonde Hieronymus ? « » Wir schämen uns unserer Namen nicht ! « sagte Ulrich , der gewahr ward , daß es ein weibliches Wesen mit langen Zöpfen war , das sich an ihn drängte ; weiter vermochte er in der Dunkelheit Nichts zu erkennen , und da er eine Weile vergeblich auf einen Nachsatz zu der Anrede gewartet , sagte er unwillig das Mädchen zurückschiebend : » Geh ' fort , wir sind Baubrüder und mögen weder von ehrbaren Frauen noch weniger von verlaufenen Dirnen etwas wissen , die zur Nachtzeit in den Straßen lauern . « Das Mädchen stieß einen Schrei aus und sagte : » Ich kann Nichts wider die innere Stimme , die mich antreibt ein Unglück zu verhüten , wo es möglich . Ihr habt Eberhard von Streitberg erzürnt , und er wird sich rächen an Euch und an Ihr ! « » Es ist wohl gar das Judenmädchen ? « rief Hieronymus , es jetzt erkennend ; » packe Dich in das Judenquartier , in das Du gehörst , und laß uns in Ruhe ! « Das Mädchen fing an zu weinen . » Wenn Du es gut meinst , « sagte Ulrich besänftigend , » so gehe ruhig Deines Weges ; ich sagte Dir schon einmal , daß uns auch der gefährlichste Raubritter Nichts rauben kann , denn wir haben Nichts , und mit seinem Schwert hat sich unseres schon gemessen , falls er uns nach dem Leben trachten sollte . « » Ihr habt Nichts ? « fragte das Mädchen ermuthigt , aber doch wie mit vorwurfsvollem Tone , und fügte wehmüthig hinzu : » O Ihr habt unendlich viel , wenn Ihr einen ehrlichen Namen habt , aber den trachtet Euch der Ritter zu rauben ; er will Euch beschimpfen und vernichten , indem er aussprengt : Eure Mütter wären - Hexen ! « » Unsinn ! « rief Hieronymus ; » es sollt ' einer wagen mein Mütterlein zu beschimpfen , das jedes Nürnberger Kind als die bravste Frau kennt von Kindesbeinen an ! « » Er wird einen Makel auf Euch werfen , um Euch zu schaden , zweifelt nicht daran ! « rief die Jüdin . » Er mag ' s versuchen ! « lachte Hieronymus ; » komm , Ulrich , laß ' uns nicht länger hören auf dies alberne Geschöpf ! « » Verachtet Ihr für Euch meine Warnung , « sagte sie seufzend , » so hört doch die für die Dame , der ihr damals beistandet . Laßt sie wissen , daß sie sich unter keinem Vorwand soll aus der Stadt locken lassen , daß sie - « » Ach , laß uns in Ruh , « sagte Hieronymus ; » geh ' selbst zur Scheurlin und sag ' ihr was Du willst , uns geht sie Nichts an ! « » Doch , doch ! « rief das Mädchen , » ich kann nicht zu ihr ! wir Ausgestoßenen dürfen ja weder bei Tag noch bei Nacht die Schwellen dieser stolzen Geschlechter überschreiten ! Und doch möcht ' ich das Unheil verhüten , da ich es einmal weiß ! O wollt denn auch Ihr mich nicht hören ? « wendete sie sich an Ulrich ; » Ihr dürft mich nicht verrathen und werdet es schon nicht - es sagt ja Niemand , der nicht zu unserm Volk gehört , daß er mit der armen Rachel geredet - aber ich sage die Wahrheit . Vor dem Thor draußen vor der Veste in dem kleinen Häuslein am Waldessaume wohnt die Amme der Scheurlin ; übermorgen im Dunkeln wird man sie dahin locken , und derselbe Ritter von neulich wird sie überfallen und mit sich schleppen . « » Aber woher weißt Du das ? « fragte Ulrich . » Darauf darf und kann ich nicht antworten ! « rief Rachel ; » aber einen Eid kann ich ablegen , daß ich die Wahrheit rede und daß es so geschehen wird . « » Gut , « sagte Ulrich , » wenn Dich Dein Gewissen treibt , eine schlechte That zu verhindern , und Du uns gerade dazu berufen hältst , so wollen wir versuchen dasselbe zu thun . Wehe Dir aber , wenn Du nur einen frechen Scherz mit uns getrieben ! « Rachel schüttelte sich : » Ihr braucht mir nicht mit den Strafen zu drohen , die mein warten könnten , den Staubbesen oder die Henkershände die Zunge auszureißen , die falsch geredet , und allen Marterwerkzeugen - es ist noch keine Lüge aus meinem Munde gekommen ! Ihr werdet es erfahren und mir künftig glauben . Warnt die Scheurlin - ich thäte es , könnt ' ich schreiben . « » Es soll geschehen , « sagten die Baubrüder zugleich , » und nun geh ' in Deine Gasse und gieb Dich zufrieden . « Sie traten durch die Hausthür , die sie hinter sich verschlossen , denn sie sahen einen andern Baubruder die Straße herauf kommen , und wollten nicht , am wenigsten an ihrer Hausthür , mit einem weiblichen Wesen betroffen werden , noch dazu mit einer verachteten Jüdin , denn den Baubrüdern war durch ihre Gesetze aller Umgang mit dem weiblichen Geschlecht verboten und es hieß in ihren Statuten : » Welcher Geselle mit ehrbaren Frauen geht , soll Urlaub bekommen und den Wochenlohn in die Büchse legen ; wer aber mit berüchtigten und bösen Frauen sich führt , den soll man ganz aus dem Handwerk verweisen . « Zu den letztern würde man Rachel gerechnet haben , schon weil sie Jüdin , war sie dabei auch unschuldig wie ein Kind . Als die Beiden allein in ihrem Gemache waren , sagte Hieronymus : » Es ist eine wunderliche Geschichte . Etwas thun müssen wir ! aber was ? « » Das Mädchen redete aufrichtig aus einem geängsteten Herzen , « sagte Ulrich ; » aber warnen können wir die Scheurlin nicht , um so weniger , als wir die Quelle auch nennen dürfen , und es auch , ohne daß man uns belogen , Alles nur Hirngespinst oder Pläne sein können , die nicht zur Ausführung kommen . Laß uns übermorgen mit einigen Steinmetzen einen Spaziergang nach dem Feierabend vor jenes Thor machen , aber Keinem etwas weiter sagen ; da findet es sich dann , ob Jemand unserer Hülfe bedarf . « » Es ist der beste Rath , « stimmte Hieronymus bei ; » obgleich das Mädchen uns selbst ja vor dem Raubritter warnte , dem wir nun entgegen gehen . Wie , wollte er nicht aussprengen , unsere Mütter wären Hexen ? « Ulrich nickte sinnend mit dem Kopfe . » Deine Mutter kennt hier Jedermann , « sagte er , » und zum Glück ist man hier noch vernünftig und glaubt nicht an den neuen Unsinn , der von herrschsüchtigen Priestern ersonnen worden , um nicht nur über den Glauben , sondern auch über Ehre und Leben des deutschen Volkes die Herrschaft zu erhalten . Aber in meiner Heimath hat der Hexenglaube schon lange Zeit manches Opfer geheischt - dort waren wir ja Frankreich , seiner Wiege näher . Dir allein kann ich sagen , was noch nie und gegen Niemand über meine Lippen gekommen : Da mir die Benediktiner die nöthigen Zeugnisse gaben , sagte Pater Anselm , mein Gönner , vertraulich zu mir : Forsche und frage draußen im Reich nicht mehr nach Deiner Mutter . Wir haben Dir das Zeugniß ehrlichen Herkommens gegeben , ohne das Du nicht freier Maurer werden kannst , und es ist auch wohl verdient ; aber später hat man Deiner Mutter üble Dinge nachgesagt , forsche und frage nicht weiter ! Vergeblich beschwor ich ihn mir mehr zu sagen , wenn er mehr von ihr wisse ; aber er behauptete , daß ein Schwur seine Zunge binde und daß ich nicht weiter forschen und fragen dürfe . Darum traf mich jene Drohung doch sonderbar . « » So geh ' übermorgen lieber nicht mit , « sagte Hieronymus bedenklich , » wenn es auf eine Begegnung mit demselben Ritter abgesehen - « » Nein ! « rief Ulrich entschieden , » das wäre Furcht und Feigheit ; mich gelüstet dem Mann gegenüber zu stehen , der es vergeblich wagen soll , meine Mutter oder mich zu beschimpfen . « » Es ist auch dummes Zeug ! « tröstete Hieronymus ; » es wäre zum ersten Mal , daß in Nürnberg und nun gar in der Bauhütte von Hexen die Rede wäre . Dazu ist es zu hell in den Köpfen ; und wenn auch der Rath und die ganze Verfassung erstarrt ist in den alten Formen , so hat das auch sein Gutes : das widersteht auch der neuen Finsterniß und der gewaltsam heraufgeführten Nacht . Hier kümmert sich Niemand um die Bulle Pabst Innocenz ' VIII. und selbst die Geistlichen scheuen sich davon Notiz zu nehmen . Die freidenkenden Gebildeten lächeln höchstens darüber , und in unserer Gemeinschaft würde Jeder sich selbst brandmarken , der an den Teufel anders dächte , als um ihn als darstellbares und allgemeinfaßliches Symbol zu benützen , die Sittenverderbniß der Zeit in wie außer der Kirche zu geißeln . « » Ja , « sagte Ulrich , » es that mir wohl , diesen Geist in Nürnberg zu finden ! Aber eben so hat es alle meine Hoffnungen auf König Max verringert , weil er schon vor fast drei Jahren in einem römisch-königlichen Brief vom 6. November 1486 aus Brüssel die päpstliche Bulle in allen Stücken genehmigt , die Inquisitoren in seinen Schutz nimmt und allen und jeden Unterthanen des Reichs befiehlt , ihnen bei Vollziehung ihrer Geschäfte alle Gunst und Hülfe zu leihen . Und das ist geschehen trotz dem Widerspruch der Gebildeten und vieler würdigen Geistlichen , die in ihre Predigten dem Volke die Versicherung gaben , daß es keine Hexen gebe , oder daß es wenigstens Nichts sei mit ihren angeblichen Künsten , durch welche sie den Menschen und andern Geschöpfen schaden sollten . Das ist geschehen trotz dem Buche De Lamiis pythonicis mulieribus von Ulrich Molitor ( Müller ) aus Kostnitz , eines Doctors der päpstlichen Rechte zu Padua , worin er den Glauben an die Macht des Teufels zur Bewerkstelligung der angeblichen Zaubereien bestreitet und alles davon Erzählte für Erdichtungen oder für Werke der Einbildungskraft erklärt , obwohl er zugiebt , daß diejenigen Strafe verdienen , die durch Armuth und Unglücksfälle zum Bösen versucht , sich wenigstens der Absicht nach dem Dienst des Teufels ergeben . Aber anstatt diesem Urtheil der Vernünftigen sind die Fürsten und Universitäten dem Boten der Unvernunft beigetreten . Die Universität zu Cöln hat auf Begehr der Inquisitoren Heinrich Krämer und Jacob Sprenger ein beifälliges Gutachten über den Hexenhammer ausgestellt , und gerade König Max mußte es sein , der ihm die vollste Bestätigung gab ; ich glaube , der alte Kaiser Friedrich hätte es nimmer gethan - da thut es der Sohn ; was bei dem Vater die Entschuldigung für sich gehabt , daß es von einem schwachsinnig gewordenen Greise stamme , das gereicht dem Sohn im blühendsten Mannesalter zu ewiger Schmach . « » Ich habe mich bisher wenig um diese Dinge gekümmert , « sagte Hieronymus ; » ich habe sie für zu einfältig gehalten , als daß man großes Gewicht darauf legen sollte , und wenn man aus Frankreich oder auch vom Rhein und Westfalen Hexengeschichten und Processe hörte , so habe ich gemeint , solch ' dummes Zeug könne sich doch nicht auf die Dauer erhalten , man könne die Thorheit ruhig mit ansehen , sie werde bald in sich selbst zerfallen . « » Ja , « sagte Ulrich , » verachte man nur die Unvernunft , dem gewissen Sieg der Vernunft durch sich selbst vertrauend , und setze sich jener nicht mit aller Kraft entgegen , so wächst sie zur riesenhaften Macht empor . Das ist das Unkraut , das man unter dem Weizen nachsichtig duldet und das ihn dann erstickt . So scheint es hier zu gehen ! Vor einem halben Jahrhundert verbrannte man die heldenmüthige Retterin Frankreichs Jeanne d ' Arc , weil dem einfachen Mädchen aus dem Volke gelungen war , was Helden umsonst versuchten , und der politische Parteienhaß verdammte sie als Zauberin . Vor dreißig Jahren wurden zu Arras in Artois eine Menge von Menschen durch die Habgier schändlicher Ankläger und noch schändlicherer Richter der Gemeinschaft mit dem Teufel verdächtigt und schuldig befunden . Der Chronikenschreiber Monstrelet erklärt , daß diese ganze Anklage nur erfunden worden , um einige angesehene Personen in Schaden und Unglück zu bringen . Man ließ erst nur schlechte Leute gefangen nehmen , welche nun durch Marter und Pein gezwungen wurden die Namen der Personen