Zur Rache gegen meinen Vater ! Geistigen Rache ! Zur Demüthigung unsers Namens ! Schändung einer Asche unter der Erde ! Ihr Vater ist der Kronsyndikus ! sagte Lucinde mit einer Festigkeit , als spräche sie von Dingen , die ihrer Jugend völlig angemessen waren . Ein convulsivisches Gelächter erstickte den ersten Aufschrei des zu seiner übrigen Erregung nun auch noch halb Berauschten . Ruhig fuhr Lucinde fort : Darum sorgt er für unsere Zukunft ! Ha , ha ! Und nun sprach Klingsohr plötzlich , wie sich und die ganze Situation parodirend , plattdeutsch , dem ohnehin schon eine komische Wirkung beiwohnt . Er parodirte ihren feierlichen Ernst . Sie wandte sich zum Schmollen ab und ließ ihn stehen . Klingsohr warf sich in seinen Sessel und blickte geisterhaft vor sich hin ... Das in der Natur tobende Wetter hatte sich etwas gemildert . Man hörte nur den gewaltig strömenden Regen . Dann setzte er sich ruhiger zu Lucindens Füßen auf eine Fußbank und das Haupt auf beide Hände stützend sprach er dumpf : Bastard ! Glaube das nicht , du innerer , allzu eitler Dämon ! Ja eitel ! Wir werden die Ursachen dieses tollen Spukes erfahren ! Nur allzu sehr fühl ' ich in mir - das dienende Blut ! Altes Sachsenblut ? Auch ich ? Wie wurden die großen athletischen Gestalten mit den hängenden rothen Haaren unter dem Bärenkopf in die Weser getrieben , um von ihrem Odin und von ihrer Freyja zu lassen ! Wie saßen sie hoch zu Roß , als sie dem Banner ihrer Herzoge folgten ! Wie dingten sie mit dem Kaiser und den Bischöfen um ihr Recht und loderten auf um einen » Strohhalm « , der ihrer Ehre im Wege lag ! Und selbst noch im brocatenen Kleide mit der Perrüke und dem steifen Degen an der Seite , wie sie da unten den Westfälischen Frieden schlossen , schritten sie gravitätisch einher , langsamer , schwerfälliger , aber fester auch auf ihre grüne Hufe vertrauend als irgendwer im übrigen Deutschland ! Dem englischen Lande gaben sie die rechte Volksmischung und tausend Jahre später einen König . Und wie haben sie diese vier- und sechsspännig fahrende Weise bewahrt bis auf den heutigen Tag ! Ob sie platt- oder hochdeutsch reden , sie lispeln nur und jedes Wort ist Schießpulver , wie Heinrich Percy ' s ! Schlank ist ihr Wuchs , behend ihre Haltung ! Wenn auf der Universität alle andern deutschen Stämme durcheinander fahren , der Bayer phlegmatisch , der Franke windig , der Schwabe der andern Stichblatt , der Thüringer von ewiger Wehmuth durchdrungen ist trotz des allerdünnsten Biers , der Obersachse schwätzt , der Märker aus Blödigkeit , die er nicht eingestehen will , grob und maliciös wird , ... stehen wir Niedersachsen und Westfalen da wie die schlanken Tannen am Bergesrand , fest und sicher wurzelnd ; ein Wort ein Mann , von einer Vornehmheit , der kein deutscher Stamm sich gleichstellen kann ! Man muß uns handeln sehen um ein Roß ! Kurz und bündig ! Sechzig Pistolen ohne Halftergeld ! Spitz , scharf , weich der Ton ! Fest die That ! Ach , vergib mir , Geist meiner guten , vielgeprüften Mutter , daß ich dich Arme , die Witwe eines mit dem Geist der Zeit Vermählten , der dich einsam daheim ließ am Spinnrocken , lästere ! Loreley , nein ! Hörtest du ' s ? Ich würde mir leider , leider nichts draus machen ! Mag ich immerhin um eine Minute vor halb sieben statt zwei zu früh auf die Welt gekommen sein , aber es ist ein schlechter , elender , gemeiner Spaß deines frevelmuthigen Alten , und du thust recht , arme Gläubige , daß du entschlummerst . Die Bürde dieser Lüge war zu schwer für dich ! Ermüdet vor Aufregung , eingelullt durch den Wein und die gespenstische Weise des wie immer dergleichen im Prophetenton vor sich Hinsprechenden , ließ Lucinde es geschehen , daß der düstere Träumer , in dessen Seele es gleichfalls schon lange mehr zur Nacht als zum Lichte sich zu wenden schien , ihre Hände ergriff , diese küßte , näher und näher seine Wange an die ihrige schmiegte und sie in ganzer Länge auf den schwellenden Divan ausstreckte . Eine Weile betrachtete er sie mit gefaltenen Händen ... Dies sah sie noch ... ihr Auge blieb offen oder blinzelte doch ... Ihre Mienen waren in ein Lachen wie erstarrt ... Jetzt ein Ephenkranz um dein Haupt , flüsterte Klingsohr , der Thyrsusstab mit Weinlaub in deiner Hand , ein Pardelfell unter dir , und die Bacchantin erwartet ihren Praxiteles ! Lucinde verstand nichts . Sie hauchte nur : Doch ! Doch ! Doch ! Doch hat der Kronsyndikus recht ! war ihre Meinung . Klingsohr verstand , was sie sagen wollte , und gerieth in Sinnen . Seine Phantasie malte sich die Möglichkeit aus - und wie bei solchen Naturen dann geschieht , sah er allmählich die Wirklichkeit . Jetzt als wenn ihn Furien peitschten , er müßte und sollte glauben , erhob er sich und sprach unausgesetzt , wol ein halb Dutzend mal , vor sich hin : Wär ' es denn möglich ? Wär ' es denn möglich ? Indem meldeten die Diener das Nachlassen des Regens ... ... Spannt ein ! rief Klingsohr wild und erhob die Flasche . Und wieder schenkte er voll und nicht mehr in die kleinen spitzen Gläser , sondern in Wassergläser . Er credenzte ebenso Lucinden , die trank , weil sie Wasser zu nehmen glaubte ... Drei Späne aus dem Thor der kleinen Buschmühle ! lallte Klingsohr und zog den Ton wie durch die Zähne , sodaß es schneidend hämisch und bitter erklang . Ich wette , daß ich sie unten finde , du alter Freigraf der Feme ! Am nächsten besten Baum kann der Freirichter Wittekind keinen jetzt mehr henken , so hat er dem Vater einen andern Streich spielen wollen ! Ist nicht eine Schlange das Wappen der Wittekinds ? Nein , ein Lindwurm ! Aber ich will Feindschaft säen unter den Samen der Schlange , spricht der Herr ! Ich werde mich nach diesem Schurkenstreich mir meinem Alten aussöhnen . An der Mühle wollen wir sitzen und wenn das Rad klappert , nehmen wir das Gesangbuch zur Hand , wo die Mutter deutlich eingeschrieben : Den 13. August 1809 geboren mein Heinrich Otto Alexander ! Alexander ! Mein Alter hoffte auf Rußland damals ! Heil von Moskau ! Und warum nicht auch ! Nur - » Gott ist groß und der Zar ist weit ! ! « Seufzend wankte er zu Lucinden , beugte sich über sie und sprach jetzt leise und wie singend : Träume ! O träumtest du : Es rauschen die Blätter , es flüstert der Wald , Wer regt sie der Winde so mannichfalt ? Nur Einer ! Es blitzen die Farben im hellen Krystall , Sind ' s tausend der Strahlen vom Sonnenball ? Nur Einer ! Ich , ich , ich erwidere dir , Mädchen : Es klopfen viel tausend Schläge der Brust , Wer führt sie , die Hämmer in Schmerz und in Lust ? Nur Eine ! Was hebt dir die Seele , was sprengt dir das Sein ? Ist ' s Himmel ? Ist ' s Erde ? ... Allein , allein Nur Eine ! So sprach Klingsohr . Fiebernd , im Taumel der entfesselten Sinne hatte er sich über die Halbschlummernde gebeugt ... zurückgesunken und halb auf dem Divan ausgestreckt , hielt sie den linken Arm rückwärts unter das Haupt gelehnt ... mit dem rechten wehrte sie kraftlos stürmischere Zärtlichkeiten ab ... das Bewußtsein verging ihr ... die Augen schlossen sich , müde wie damals im Walde mit Oskar Binder . Sie träumte schon , ehe sie ganz entschlummert war . Selbst eine heftige Erschütterung , die sie annehmen lassen mußte , daß Klingsohr plötzlich aufsprang , erweckte sie diesmal nicht . Sie hörte ein fernes Brausen wie an einem Wasser . Es konnten Thüren , Schritte , Stimmen durcheinander sein ... sie träumte von bunten Wolkenwagen , von Farben des Regenbogens ... sie sah ihre Tauben wieder , die den Wolkenwagen zogen , sie sah alle die glänzenden Shawls , Teppiche , Kleiderstoffe aus dem Magazin des Herrn Guthmann rings drapirt über dem Regenbogen und kleine Gnomen trugen alles ab und zu , und wieder waren es doch die lächerlichen Modegecken im Bazar Guthmann , und ein langes Maß von Papier zog der eine und dem andern wurde unter der Hand eine Reihe von Sternen daraus ... und dann waren es die Blumenbüschel und blauen Glocken , die sie im Walde am Fuße des Eggegebirges einst im Sinken am Riedbruch in der Hand gehalten , und alles um sie her wurde dann grün und immer grüner und mit zwei funkelnden Augen lag plötzlich jene Eidechse auf ihrer Brust , die damals unter dem moosbewachsenen Steine aufschlüpfte ... Nun erwachte sie . Um sie her war es still . Die Lichter waren ausgelöscht bis auf eines , das fast niedergebrannt war . Sie mußte so schlummernd , erst heiter , dann angstvoll träumend , mindestens schon eine Stunde gelegen haben . Sie richtete sich empor . Was war geschehen ? Hatte sie Klingsohr verlassen , ohne sie zu wecken ? Nichts war zu hören als das Klappern einer fernen nicht geschlossenen Thür . Die Reste der Mahlzeit , die leeren Flaschen und halbgefüllten Gläser standen unabgeräumt , wirr durcheinander . Sie boten jenen Anblick , der nach einer Orgie die Sinne so ernüchtert , die Empfindung so beschämt und empört ... Unendlich müde , wie zerschlagen an allen Gliedern , durchfröstelt von der kühlen Luft des Zimmers , das geöffnet gewesen sein mußte , suchte sie nach Menschen , die noch wach waren . Alles war wie ausgestorben ... Von Klingsohr war ihr doch gewesen , als hätte sie im Traum gehört , wie er laut über sie hinweggerufen , an ihr gerüttelt hätte , und Menschen mußten im Zimmer gewesen sein , alle Stühle standen ja in Unordnung , der getäfelte Fußboden knirschte sogar von förmlichem Schmuz ... Sie sah zum Fenster hinaus ... Es war tiefe , stille Nacht ... Die große Wölbung der fast unermeßlichen Fernsicht über Wiese , Wald und Feld hin eine einzige schwarze Finsternis , die kein Stern erleuchtete ... Die Regenwolken hingen trüb und schwer . Sie öffnete , streckte die Hand hinaus ; sie fühlte , daß die Luft kühl war , doch nicht mehr tropfte ... Sie gedachte jetzt deutlicher Klingsohr ' s , gedachte erschreckend seiner letzten Zärtlichkeiten , die sie mit schon geschwundenem Bewußtsein hingenommen , seiner wilden , vermessenen , wie ein schneidender Luftzug noch durch ihre Seele gehenden Reden . Ihr war nur am Muthe des Mannes gelegen , an seinem Trotz , an seiner Herausforderung gegen Menschen und Geschick , und in dem , was sie heute und schon oft von Klingsohrn gehört , lag doch eher eine Thatkraft , die sich nur künstlich aufstachelte ... Sie gedachte schreckhaft des Kammerherrn ; sie glaubte die Thür sich öffnen zu sehen und das kratzende Scharren eines Hundes zu hören . Nun faßte sie den Gedanken , ob sie noch zu dem Pavillon in den Park könnte , wo sie doch eigentlich wohnte . Hatte man sie vergessen ? Sie nahm das Licht , um auf die Treppe und dann über den Hof zu schreiben . Erst mußte sie durch die langen Corridore , wo rings an den Wänden die Spiegel ihre eigene Gestalt wiedergaben . Wie sah sie aus ! Wie aufgelöst hing das Haar ! Wie lag das Kleid von den Schultern herab ! An die Spiegel mit dem Lichte tretend , bebte sie zurück , weil sie plötzlich der Sage gedachte , daß es mit dem Glockenschlage zwölf unheimlich wäre mit einem Licht sich im Spiegel zu sehen ... Doch bis zum Hofe kam sie nicht , nicht einmal bis zur Treppe ; die offen stehende Thür machte einen Zugwind , der ihr das Licht ausblies . Nun stand , sie vollends erschreckt . Sie rief : Lisabeth ! Lisabeth ! Keine Antwort , als das Echo des langen Corridors ... Sie tastete sich zurück zu den vordern Zimmern . Hier aus dem Fenster zu rufen war den Sternen gesprochen ... Nun wankte sie dem Divan wieder zu und hielt sich an der kalten Marmorbekleidung des Kamins ... verwünschend die Rücksichtslosigkeit , die sie hier so preisgeben konnte . Als sie sich aber niederlassen mußte , weil es sie fieberisch fröstelte , fühlte sie etwas wie einen Mantel . Erschreckt fuhr sie zurück . Es war eine Decke , eine der gesteppten , die unter die Federbetten gebreitet werden . Man hatte also doch an ihre Ruhe gedacht und vorausgesetzt , daß sie hier und auf dem Divan die Nacht , zubringen würde . Ihr Fuß stieß auch an ein Federkissen , das hinuntergeglitten war . Sie konnte es unter ihren Kopf legen und that es . Sich in ihr Loos ergebend , streckte sie sich , um zu schlafen , drückte den Kopf in das untergelegte Kissen und zog die Decke über sich . Es wurde ihr wärmer ; aber die Bilder der erregten Phantasie wichen noch lange nicht ... Immer sah sie Leben und Bewegung um sich her . Jede zufällige Berührung weckte eine Vorstellung . Klingsohr ' s Gestalt konnte sie nicht sehen , aber hörbar blieb ihr seine Stimme . Immer noch glaubte sie ihn reden zu hören und zwischendurch öffnete der Kronsyndikus die Thür und fragte : Schläfst du ? ... Auch den Deichgrafen sah sie durchs Zimmer schreiten und die Ahnenbilder in den goldenen Rahmen stumm betrachten ... dann wurde die Reihe der Gestalten immer ferner , nebelhafter wurden ihre Umrisse ... Sie sah die Frau Hauptmännin Tauben morden und Mäuse fangen aus freier Hand und vor schönen Prinzessinnen knixen und sie dann in den Keller sperren , wohin sie ihnen in der Nacht Besuche machte , mit der Lampe über ihnen hinwegleuchtend und lachend , wenn eine Ratte an ihnen nagte ... gerade wie sie ihr einst gethan ... Die eine Schlummernde war ihre todte Schwester ; die erhob sich aber und setzte sich an ihren eigenen Nähtisch , kleine Hemden zu nähen , die wol den beiden noch lebenden Geschwistern im Waisenhause gehören sollten ... auch diese erschienen und winkten so seltsam und so abwärts ... und die drei andern kleinen Geschwister , die am Scharlach gestorben , sah sie mit Blumen bekränzt und eine wundervolle Musik begann ... es waren die Flötentöne der Harmonica ... es war die Kirche in Eibendorf ... die Kirche der Residenz dann wieder ... das Gesangbuch der Magd im Hause des Stadtamtmanns blitzte in seinem Goldschnitt und schlug sich hell auf ... sie las Warnungen , Mahnungen , unterdrückte und hier offen ausgesprochene Vorwürfe ihres Gewissens ... bis sie daran fester einschlief , aber doch immer noch in der Vorstellung , den Vater zu führen , alle die schmalen Brückenstege von Langen-Nauenheim entlang , und dem schwer dahintaumelnden kleinen Mann , der seinen Hut verloren und , mit den weißen Haaren im Winde , immer nach dem Kopfe griff , zuzurufen : Vater hier ! Vater hier ! So war ihre letzte Erinnerung ... Am folgenden Morgen weckte sie die Lisabeth und brachte die schreckliche Kunde , daß man gestern Nacht im Düsternbrook den Deichgrafen in seinem Blute schwimmend und - ermordet gefunden hätte . 14. Als Lucinde dies grauenvolle Wort hörte , sprang sie empor . Sie verstand nicht einmal gleich , was sie hörte . Sie wußte anfangs kaum , wo sie war . Die Mägde hatten schon aufgeräumt und über dem gelben Plüschsammt hingen schon wieder die grauen Ueberzüge . Nur sie hatte man den erquickenden Schlaf noch genießen lassen . Die Lisabeth wiederholte die grauenvolle Mittheilung : Der Deichgraf ist todtgestochen ! Gestern ! Im Düsternbrook ! Aber der Doctor ? fragte Lucinde erblassend und sich auf alles Gestrige jetzt erst besinnend . Sie schliefen gerade , hieß es , als die Leute , die auf der Buschmühle arbeiten und den Weg über Neuhof nehmen , wenn sie nach Hause wollen , die Nachricht brachten . Es war um neun Uhr . Ermordet ! wiederholte Lucinde schaudernd und sich auf das , was damit zusammenhängen konnte , besinnend ... Abgestochen mit einem Messer , gerade wie man einen Karpfen absticht , dicht am Kiemen ! fuhr die Lisabeth fort . Im Regen lag er hart am Grenzstein bei der großen Eiche . Mit dem Menschen , der ' s gethan hat , muß er gerungen haben auf Leben und Tod ! Aber wer war es denn ? Die Lisabeth wußte niemand zu nennen , erzählte aber von der Bewegung auf dem Hofe und in der ganzen Gegend ... Und der Doctor ? Dem hätte man ' s gestern Abend sogleich gesagt . Er hätte wie versteinert gestanden , sie erst wecken wollen , dann wäre er hinuntergeschlichen in seinen Wagen , wie ein Schatten . An den Glaswänden hätte er sich wie ohnmächtig gehalten und wie er sein Antlitz drin gesehen , hätt ' er sich an den Kopf geschlagen und einigemal gelacht , gelacht nämlich vor Schmerz ... Die Lisabeth erzählte , wie es auch ihr immer ginge , daß sie vor Schmerz lachen müßte und daß sie schon einmal drum einen Doctor gefragt hätte . Die Aerzte wissen , was sie alles dem Volke leisten sollen ! Sie werden gefragt , ob sie nicht Tränke hätten , daß man gerade nur dies oder das träume , und zu manchem Arzt schon kam eine Mutter und verlangte ihrem Kinde etwas verschrieben , weil es so leicht » schrecke « . Von den Nerven Lucindens wissen wir schon , daß sie gegen den Schreck gestählt sind . Was aber sagte denn nur der - Doctor ? fragte sie . Der wollte Sie nur wecken , hieß es weiter , und als Sie nicht hörten , schlich er davon und in den Wagen war er und sein Gaul zog ihn fort , wir wußten selbst nicht wie . Hernach sagte Stephan , der spät aus dem Wirthshaus kam , es wäre besser gewesen , es hätte ihm eins sein Roß geführt : er hätte auf die Nacht ein Unglück haben können ... es geht schroff ab bis zur Buschmühle . Dort fand er schon den todten Vater ? fragte Lucinde kopfschüttelnd . Stephan , fuhr die Lisabeth fort , war der erste , der den Deichgrafen gefunden hat . Es fehlte ihm ein Stemmeisen . Da war ' s ihm doch , als ob er ' s im Grund hätte liegen lassen an der großen Eiche . Nun ging er hinunter und im Schummer schon . Gleich sah er , wie da alles durcheinander lag an seinem Werkplatz . Der Stein mit dem Adler war weggeschoben , rundum alles zertreten , und wie wenn es Streit gegeben . Und nun , Marie Joseph ! da fand er denn auch den Deichgrafen gerad ' auf dem Gesichte liegend . Hier , sehen Sie , hier am Hals , da wo schon manche ein neugeboren Kind mit einer Stecknadel umgebracht hat , gerade da hatt ' er ' s weggekriegt ; nicht drei Zoll tief war der Nickfänger hineingefahren , sagte Stephan . Der Nickfänger ? fragte Lucinde . Woher weiß man denn von ... ? Was wird der Kronsyndikus sagen ? fügte sie jetzt noch ganz harmlos hinzu . Die Lisabeth sah Lucinden groß an . Sie schien zu erstaunen über eine Frage , die geringe Menschenkenntniß verrieth . Lucinde war in der That von den sonstigen Dingen , die in ihr lebten , so erfüllt , daß sie kaum noch an die auffallende gestrige Rückkehr des Kronsyndikus dachte . Die Lisabeth erklärte zunächst das späte Ausbleiben Stephan Lengenich ' s. Er hätte im Wirthshaus den Vorfall wol zehnmal wiederholen müssen . Die Leiche war in die Buschmühle getragen worden und jetzt säße schon ein Actuar aus dem Amte Lüdicke unten und im Düsternbrook würde alles nach Befund aufgenommen . Daß es in dem ganzen Kreis eine nicht geringe Zahl von Menschen gab , die mir dem Theilungscommissar in Streit lagen , und daß man ihm gerade an dem einsamen Düsternbrook hatte aufpassen können , stand fest . Ein Verdacht auf diesen oder jenen , der der Thäter hätte sein können , wurde nicht ausgesprochen ; die Lisabeth selbst war zu klug , die Gedanken , die der ganze Hof schon über den Kronsyndikus theilte , Lucinden mitzutheilen . Es war eine dumpfe Schwüle , die den Vormittag über Schloß Neuhof und allen seinen Bewohnern lag . Die Arbeiten gingen lässig . Jeder hatte die schreckensvolle Thatsache zu wiederholen und zu erörtern . Lucinde begriff dann allmählich , daß die sonderbare , allen ersichtlich gewesene Aussöhnung des Kronsyndikus mit dem Sohn des Deichgrafen allgemein in einen Zusammenhang mit dem Vorgefallenen gebracht wurde . Die Unruhe und das Geheimnißvolle wuchs , als Stephan Lengenich , der allerdings im offenen Kriege mit dem Deichgrafen gelebt hatte , auf gerichtliche Requisition abgerufen wurde und am Abend nicht wiederkam . Die Vorstellung , die schon auf dem ganzen Schloß feststand , daß der Kronsyndikus der Mörder gewesen , theilte sich endlich auch Lucinden mit , und als erst der Inspector der Brennerei , die wichtigste Person auf der Oekonomie , erklärte , es würde doch wol nothwendig sein , daß der Kronsyndikus auf Eggena durch einen Expressen von dem Vorgefallenen in Kenntniß gesetzt würde , und dabei die Miene eines Mannes machte , der wie von etwas an sich ganz Ueberflüssigem sprach , wandte sie sich erblassend ab und ging dem Parke zu , überlegend , ob sie nun nicht selbst zur Buschmühle sollte . Die Wege dorthin waren aber übermäßig vom Regen aufgeweicht und Beistand mochte sie nicht begehren . Schon war ihr , als wäre sie eine Mitschuldige , die vor allem den Kronsyndikus zu schonen hätte ! ... Darum war Heinrich sein Sohn ! Darum wollte er ihm gleichsam die Hände binden ! So sprach sie mit sich im Pavillon und blickte gedankenvoll in den düstern Park . Der Sturmwind peitschte wieder die Zweige der hohen Ulmen und bog selbst die Stämme . In ihrem Innern sah es nicht anders aus . Einer Nachricht von dem Doctor harrte sie mit jeder Minute entgegen . Diese kam aber nicht . Der Tag ging über das grauenvolle Ereigniß hinweg , auch eine aufgeregte , halb schlaflose Nacht . Von dem Doctor war nichts zu hören und zu sehen ; selbst dem gewöhnlichen Boten , dem buckeligen , grauhaarigen Sohn der Alten , bei denen sie wohnte , dem Musikanten , hätte sie seinen Verrath verziehen , wenn er nur eine Mittheilung gebracht hätte . Als dieser aber kam , den Vorfall wiederholte und obenein noch hämisch lachte und seinen nun auch wie aus ihrer Lethargie erwachenden und grinsenden Alten von einem Schaffot sprach , über das erst ein Sammttuch gebreitet werden müßte mit einem geflügelten und gekrönten Lindwurm - dem Wappen der Wittekinds - da ergrimmte sie aufs heftigste , verbot ihm im Pavillon zu bleiben , riß , da er nicht gehen wollte , das Fenster auf , warf seine Geige weit in die Nacht hinaus , zwang ihn , seinem Instrumente , das er auf allen Kirchweihen und an jedem Sonntage in den Schenken um Witoborn strich , nachzulaufen und schloß indessen , mit einigen Sätzen von der Treppe ihm nachspringend , die Thür des Pavillons . Die Alten vergegenwärtigten sich inzwischen , welchen » Stein im Brete « Lucinde vorn im Schlosse hatte , und ließen sie aus Furcht gewähren . Auf dem Hofe fehlte das Auge des Herrn . Der Bote hatte vom Vorwerk Eggena die Nachricht gebracht , der Kronsyndikus würde in der Frühe zurückkommen . Er kam aber noch am Mittag nicht . Am Abend traf er dann endlich ein . Er allein , ohne den Kammerherrn . Lucinde hörte das von den Alten , die beim Hofkehren ihn hatten aussteigen und vom Landrath , der ihn begleitete , Abschied nehmen sehen ... noch immer war er in seiner glänzenden Uniform . Jetzt drängte sie ' s , zu ihm zu eilen , und doch fürchtete sie sich , dem Entsetzlichen entgegenzutreten . Auch mußte sie nach dem Vorgefallenen , nach dem Beweise des höchsten Vertrauens , das er ihr geschenkt , glauben , er würde bald aus eigenem Antriebe entweder selbst kommen oder um sie schicken . Da es endlich dunkel wurde und sich niemand bei ihr sehen ließ , auch vom Doctor immer noch keine Kunde kam und nur erzählt wurde , am folgenden Morgen würde auf einem der nächsten Kirchhöfe , der zu einer kleinen evangelischen Gemeinde gehörte , der Deichgraf bestattet werden , und als dann auch Abends von dorther klagend und fast wimmernd zwei kleine Glöcklein aus dem Thale heraufklangen , hielt sie es so nicht länger aus . Sie wagte sich über den großen Weiher des Parkes , dessen gefiederte Bewohner schon längst die Stockwerke ihres Thurms bezogen hatten , hinaus , sie wollte sich in den Zimmern des Kammerherrn zu schaffen machen und so den Vater an ihre Gegenwart erinnern . Wie erstaunte sie aber , als sie dasselbe Gefährt , in welchem vor zweimal vierundzwanzig Stunden Heinrich Klingsohr angekommen gewesen , an der hintern Aufgangstreppe des Schlosses stehen sah und erfuhr , der Sohn des Deichgrafen wäre oben mit dem Kronsyndikus allein und niemand dürfte sie stören ! Sie traute ihrem Ohre kaum . Jetzt sah sie jedenfalls die Bestätigung erst der Unschuld des Kronsyndikus überhaupt , dann aber auch wieder , aufs neue grübelnd und die Vorgänge vergleichend , die so nahe Verwandtschaft zwischen beiden . Von den Leuten erfuhr sie , daß die Aussichten auf Entdeckung des Mörders sich gemehrt hatten . Theils behauptete man , daß von einem Morde überhaupt nicht die Rede sein konnte , sondern nur von den Folgen eines Wortwechsels . Hatte der Deichgraf beim Streite sich gewandt und war ein gezücktes Messer ( ein gezogener Hirschfänger , wagte schon niemand mehr hinzuzusetzen ) so unglücklich gewesen , gerade im selben Augenblick in den Nacken zwischen die Halswirbel zu fahren , so drehte er sich noch einen Augenblick ein wenig um und » weg war er « , wie Kenner versicherten . Man erzählte , daß so die Jäger mit dem Nickfänger dem Todeskampfe eines erlegten Hirsches im Nu ein Ende machen . Alle aber wußten , daß sich die Umstände , wie es hergegangen , immer mehr lichteten , seit man einem Fetzen Tuch , den sicher im Ringen das Opfer seinem Mörder vom Kleide gerissen , diese einstimmige Erklärung gab . Man wußte auch , daß der Tuchfetzen von Farbe grün gewesen . Allen stand freilich , ohne daß eine Silbe laut wurde , dabei der Kronsyndikus vor Augen , der so ängstlich vorgestern seinen grünen Jagdrock bis oben hin zugeknöpft gehabt hatte , allen war begreiflich , daß der Geruch , der sich so pestilenzialisch im Schlosse nach seiner Rückkehr aus der Gegend des Grundes her verbreitet hatte , nur von einem verbrannten Kleide herrühren konnte ... aber niemand verweilte dabei ersichtlich , die einzige Lisabeth ausgenommen , die wie sinnlos hin- und herrannte , seitdem Stephan Lengenich aus Lüdicke nicht wiederkam . Indem klingelte es beim Kronsyndikus aufs heftigste ... jeder glaubte , dort wäre Hülfe nöthig ... Lucinde bebte ... die Lisabeth suchte nach Fassung ... sie schickte einen Diener , um die Befehle des gnädigen Herrn zu holen . Nach wenig Augenblicken kam der Diener zurück ... Das Roß sollte ausgeschirrt werden ! Ausgeschirrt ? war nur ein Ton , den alle zugleich sprachen . Man zerstreute sich kopfschüttelnd . Auch Lucinde zog sich zurück , dem Vorpark zu . Wieder aber klingelte es ... Der Diener kam aufs neue und brachte die Nachricht , man hätte Licht verlangt und - zwei Flaschen Burgunder ! Jetzt wußte Lucinde nicht mehr , woran sich halten . Sie fragte nach dem Kammerherrn , von dem niemand etwas wußte , dann schwankte sie , da nach ihr nicht begehrt wurde und sie auch nicht wußte , wie sie in eine so geheime Zwiesprache eintreten sollte , ihrem Häuschen zu , jetzt sich selbst mit ihrer Jugend und Lebensunerfahrenheit bescheidend . Sie sagte sich , daß sie bei ihren Jahren alles das schon zu verstehen - » zu dumm « wäre . Im Pavillon war es düster und gespenstisch . Der Sturm tobte , Zweige brachen . Die Mitbewohner schliefen schon . Sie glaubte immer noch , man würde sie nun wol nach vorne rufen . Es geschah aber nicht . Es verging die zehnte Stunde . Endlich suchte sie fiebernd das Lager ... Das Leid der Prinzessin Ilse aus dem » Liederbuch von Heine « , in dem sie eine Weile gelesen , rauschte ihr noch lange im Ohr : Es bleiben todt die Todten , Und nur das Lebendige lebt ; Und ich bin schön und blühend , Mein lachendes Herze bebt . Und bebt mein Herz dort unten , So klingt mein krystallenes Schloß , Dort tanzen die Fräulein und Ritter Und jubelt der Knappentroß . Bilder wie vom Hause im einsamen Tannenwald , Bilder vom ledernen Großvaterstuhl und der am schnurrenden Spinnrad sitzenden Großmutter , Bilder vom wilden Jäger und seinem Liebchen , vom Mondschein , vom Galgen , von Gretchen in ihrem Wahnsinn gaukelten um so mehr um sie her , als die Lebensschicksale der alten Stammers und einer ihnen frühgestorbenen Tochter sich trotz der Dunkelheit , die für sie auf ihnen lag , gespenstisch einmischten . Der Refrain » Dort oben auf dem Schlosse « blieb sich immer gleich und dazu geigte der buckelige » junge « Stammer unter ihrem Fenster und wisperten die Alten nebenan