hörte ich , wie der junge Pastor eine Gellertsche Fabel in das Gleichnis aus dem fernen Orient schlang , während die Schwalben in dem heiligen Gebäude hin und her schossen und ein verirrter Schmetterling seinen Weg durch die geöffnete Kirchtür eben wieder zurückfand . » Kinderschrieen is ok een Gesangbauksversch ! « rief ich , über die niedere Mauer in das freie Feld springend und durch die gelben Kornwogen mit ihrem Kranz von Flatterrosen am Rande der Weser zu wandernd . Da hatte ich mich ins Gras unter einen Weidenbusch geworfen und träumte in das Murren des alten Stromes neben mir hinein , während drüben im katholischen Lande eine Prozession singend den Kapellenberg zu dem Marienbild hinaufzog und hinter mir die protestantischen Orgeltöne leise verklangen . Welch ein wundervoller , blauer , lächelnder Himmel über beiden Ufern , über beiden Religionen , welch eine wogende Gefühlswelt im Busen , anknüpfend an die fünf Worte der alten Bäuerin ! Ich war damals jünger als jetzt und legte das Gesicht in die Hände : Nenn ' s Glück ! Herz ! Liebe ! Gott ! Ich habe keinen Namen Dafür ! Gefühl ist alles - - - Ein näher kommender Gesang weckte mich plötzlich : ich blickte auf . Brausend und schnaufend , die gelben Fluten gewaltig peitschend , kam der » Hermann « die Weser herunter . Der Kapitän stand auf dem Räderkasten und griff grüßend an den Hut , als das Schiff vorbeischoß . Hunderte von Auswandrern trug der Dampfer an mir vorüber , hinunter den Strom , der einst so viele Römerleichen der Nordsee zugewälzt hatte . Ein Männerchor sang : » Was ist des Deutschen Vaterland « , und die alten Eichen schienen traurig die Wipfel zu schütteln ; sie wußten keine Antwort darauf zu geben , und das Schiff flog weiter . Die Weser trägt keine fremden Leichen mehr zur Nordsee hinab , wohl aber murrend und grollend ihre eigenen unglücklichen Söhne und Töchter ! - Ich verließ meinen Ruheplatz und ging durch den Buchenwald den nächsten Berg hinauf bis zu einer freien Stelle , von wo aus der Blick weit hinausschweifen konnte ins schöne Land des Sachsengaus . Welch eine Scholle deutscher Erde ! Dort jene blauen Höhenzüge - der Teutoburger Wald ! Dort jene schlanken Türme - die große germanische Kulturstätte , das Kloster Corvey ! Dort jene Berggruppe - der Ith , cui Idistaviso nomen , sagt Tacitus . Ich bevölkerte die Gegend mit den Gestalten der Vorzeit . Ich sah die achtzehnte , neunzehnte und zwanzigste Legion unter dem Prokonsul Varus gegen die Weser ziehen und lauschte ihrem fern verhallenden Todesschrei . Ich sah den Germanicus denselben Weg kommen und lauschte dem Schlachtlärm am Idistavisus , bis der große Arminius , der » turbator Germaniae « , durch die Legionen und den Urwald sein weißes Roß spornte , das Gesicht unkenntlich durch das eigene herabrieselnde Blut , geschlagen , todmüde . Ich sah , wie er die Cheruska von neuem aufrief zum neuen Kampf gegen die » urbs « , wie das Volk zu den Waffen griff : Pugnam volunt , arma rapiunt plebes , primores , juventus , senes ! Aber wo ist denn die Puppe ? kam mir damit plötzlich in den Sinn . Ich schleuderte den Tacitus ins Gras , stellte mich auf die Zehen , reckte den Hals aus , so lang als möglich , und schaute hinüber nach dem Teutoburger Walde . Da eine vorliegende » Bergdruffel « ( wie Joach . Heinr . Campe sagt ) mir einen Teil der fernen , blauen Höhen verbarg , gab ich mir sogar die Mühe , in eine hohe Buche hinaufzusteigen , wo ich auch das Fernglas zu Hülfe nahm . Vergeblich - nirgends eine Spur vom Hermannsbild ! Alles , was ich zu sehen bekam , war der große Christoffel bei Kassel , und mit einem leisen Fluch kletterte ich wieder herunter von meinem luftigen Auslug . Hatte ich aber eben einen leisen Segenswunsch von mir gegeben , so ließ ich jetzt einen um so lautern los . Ich sah schön aus ! » Das hat man davon « , brummte ich , während ich mir das Blut aus dem aufgeritzten Daumen sog , » das hat man davon , wenn man sich nach deutscher Größe umguckt : einen Dorn stößt man sich in den Finger , die Hosen zerreißt man , und zu sehen kriegt man nichts als - den großen Christoffel . « Ärgerlich schob ich mein Fernglas zusammen , steckte den Tacitus zurück in die Tasche und ging hinkend den Berg hinunter wieder der Weser zu . Ärgerlich warf ich mich , am Rande des Flusses angekommen , abermals ins Gras . Was hatte sich alles zwischen die gefühlsselige Stimmung von vorhin und den jetzigen Augenblick gedrängt ! Der Himmel war noch ebenso blau , die Berge noch ebenso grün , der Papierstreifen von vorhin steckte noch neben den Waldblumen an meinem Hute , und doch - wie verändert blickte mich das alles an ! Hätte das Dampfschiff mit seinen Auswandrern nicht später kommen können , da es doch sonst immer lange genug auf sich warten läßt ? Hätte ich Narr nicht unterlassen können , nach dem Hermannsbild auszuschauen ? Wie ruhig könnte ich dann jetzt im Grase meinen Mittagsschlaf halten , ohne mich über den großen Christoffel , den so viele brave Katten mit ihrem Blute bezahlt haben , zu ärgern ! - Ich versuchte mancherlei , um meinen Gleichmut wiederzugewinnen ; ich kitzelte mich mit einem Grashalm am Nasenwinkel , ich porträtierte einen dicken , gemütlichen Frosch , der sich unter einem Klettenbusch sonnte - es half alles nichts ! - Der Dämon Mißmut ließ mich nicht los , wütend sprang ich auf , schrie : Hole der Henker die Wirtschaft ! und marschierte brummend auf Rühle zu - - - Wetter , was ist das für ein Lärm in der Sperlingsgasse ? ! Heda - da ist ein Hundefuhrwerk in einen Viktualienkeller hinabgepoltert , und ich - ich , der Karikaturenzeichner Ulrich Strobel , sitze hier und schmiere Unsinn zusammen ! Hol der Henker auch die Chronik der Sperlingsgasse ! - Adieu , Wachholder ! Am 21. März . Abend Es gibt ein Märchen - ich weiß nicht , wer es erzählt hat - von einem , der nach großem Unglück sich wünschte , die Erinnerung zu verlieren , und dem in einer dunkeln Nacht sein Wunsch gewährt ward . Er empfand von da an keinen Schmerz , keine Freude mehr ; er verlernte zu weinen und zu lachen ; es ward ihm einerlei , ob er Blumenknospen oder Menschenherzen zertrat : alles das hübsche Spielzeug , welches das Leben seinen Kindern mitgibt auf ihrem Wege von der Wiege bis zum Grabe , zerbrach ihm in den Händen mit der Erinnerung . Das ist eine schreckliche Vorstellung ! Ihr Weisen und Prediger der Völker , nicht der Gedanke an Glück oder Unheil in der Zukunft ist ' s , der liebevoll , rein , heilig macht ; nie ist dieser Gedanke rein von Egoismus , und über jede Blüte , die das Menschenherz treiben soll , legt er den Mehltau der Selbstsucht : die wahre , lautere Quelle jeder Tugend , jeder wahren Aufopferung ist die traurig süße Vergangenheit mit ihren erloschenen Bildern , mit ihren ganz oder halb verklungenen Taten und Träumen . Wer könnte ein Kind beleidigen , der daran denkt , daß er einst selbst sich an die Mutterbrust geschmiegt , daß ein Mutterauge auf ihn herabgelächelt hat ? Die Erinnerung ist das Gewinde , welches die Wiege mit dem Grabe verknüpft , und mag das dunkle , stachlichte Grün des Leidens , des Irrtums noch so vorwaltend sein , niemals wird ' s hier und da an einer hervorleuchtenden Blume fehlen , bei welcher wir verweilen und flüstern können : » Wie lieblich und heilig ist diese Stätte ! « Ich habe meine kleine Lampe angezündet und träume wieder über den Blättern meiner Chronik . Das , was die ältliche , freundlich-schöne Frau , die mir heute den Strauß junger Veilchenknospen herüberbrachte , auf den Wogen ihrer Melodien sich schaukeln läßt , kann ich ja nur auf diese Weise festhalten . - Ich habe bis jetzt Bilder gezeichnet aus unserer Kinder Kinderleben , heute will ich ein anderes farbiges Blatt malen , wie ein Zauberspiegel voll blühenden Lebens , voll süßen Flüsterns , voll träumenden Sehnens und lächelnden Träumens - ein einziges Blatt aus der vollen Pracht des Herzensfrühlings , ein einziges Blatt aus der Zeit der jungen Liebe ! Oh , daß sie ewig grünen bliebe , Die schöne Zeit der jungen Liebe ! sang der Dichter , und überall treffen wir den Spruch an , auf Kaffeetassen , in Stammbüchern und auf Pfeifenköpfen . Das soll kein Spott sein ! Was das Volk erfaßt hat , will es auch vor sich sehen , es spielt mit ihm , es spricht den gereimten Gedanken , den es zu seinem Eigentum gemacht hat , oft zwar mit einem Lächeln auf den Lippen aus , aber es trägt ihn darum doch tief im Herzen . Das Volk steigt nicht zu dem Wahren und Schönen hinauf , sondern zieht es zu sich herab , aber nicht , um es unter die Füße zu treten , sondern um es zu herzen , zu liebkosen , um es im ewig wechselnden Spiel zu drehen und zu wenden und sich über seinen Glanz zu wundern und zu freuen . Ober der Wiege des ewigen Kindes » Menschheit « schweben die guten Genien , die großen Weltdichter , schütten aus ihren Füllhörnern die goldenen Weihnachtsfrüchte herab und sind mit ihren Wiegenliedern stets da , wenn häßliche schwarze Kobolde erschreckend dazwischengelugt haben . Schön ist die Zeit der jungen Liebe ! Sie ist gleich der Morgendämmerung , wo der Himmel im Osten leise sich rötet , wo Knospen , Blumen und alles Leben dem kommenden Tage in die Arme schlummern und nur hin und wieder eine Lerche , den Tau von den Flügeln schüttelnd , jubelnd , glückverkündend emporsteigt . Noch bedeckt der Nebelduft zauberhaft , geheimnisvoll alle Abgründe und öden Stellen des Lebens ; die jungen Herzen glauben nur Blumen und flatternde Schmetterlinge und bunte nesterbauende Vöglein unter dem Schleier der Zukunft verborgen . » Süßes Geliebtsein , süßeres Lieben ! « hat ein anderer Dichter einmal ausgerufen , und ich , ein alter , einsamer Mann , bedecke die Augen mit der Hand , denke an die Gräber auf dem Johanniskirchhof , denke an den Stern meiner Jugend : » Maria ! « - - - Würde ich diese Erinnerung mit all ihrem Schmerz für der ganzen Welt Macht , Reichtum , Weisheit lassen ? - - - Ich glaube nicht . - Der Mond kommt wieder hervor über die Dächer und vermischt sein weißes Licht mit dem kleinen Schein meiner Lampe ; über und durch den alten immergrünen Efeu aus dem Ulfeldener Walde schießt er seine blanken Strahlen , seltsame Schatten auf den Fußboden und an die Wände werfend . Mit sich bringt er das heutige Blatt der Chronik der Sperlingsgasse . Dort auf dem Stühlchen im Fenster zeichnet sich die feine , liebliche Gestalt Elisens dunkel in der Monddämmerung eines lange vergangenen Abends ab , während auf einem andern Stuhl niedriger neben ihr eine andere Gestalt sitzt . Was haben die beiden so heimlich , so leise sich zuzuraunen , was haben sie zu kichern ? Ein Garnknäuel , das von Lieschens Nähtisch fällt und über den Boden rollend um Stuhl- und andere Beine sich schlingt , ein verirrter Nachtschmetterling , eine vorbeischießende Fledermaus , ein Ball , der von der Straße ins Zimmer fliegt und über dessen Herausgabe Gustav mit dem unvorsichtigen Besitzer kapituliert , alles , alles wird in dieser Mondscheindämmerung zu einem Märchen , zu einem Traum . Ist nicht die Dämmerung die Zeit der Märchen ; ist nicht die Zeit der jungen Liebe die Zeit des Traums ? - » Liebe kleine Elise ! « flüstert Gustav , in das mondbeglänzte , zu ihm sich herabbeugende Gesicht schauend . » Lieber großer Junge ! « lächelt Elise , indem sie dem vormaligen Taugenichts der Gasse die Locken aus der Stirn streicht . Sie sagen einander weiter nichts , aber diese abgebrochenen Worte enthalten alles , was das Menschenherz in seinen heiligsten Augenblicken bewegt . » Ich liebe dich so ! « flüstert Gustav wieder , worauf Elise nichts erwidert , sondern den Kopf in die Blätter ihres Efeus verbirgt . Der Mond kann sich in diesem Augenblick wahrscheinlich in einem flimmernden Perlentröpfchen , das in einem blauen Auge hängt , spiegeln , und als das Köpfchen sich wieder erhebt aus dem grünen Blätterwerk , ist an Gustav die Reihe , Elise die Locken aus der Stirn zu streichen . » Sieh , wie der Mond da oben schwimmt « , sagt Elise . » Warum macht er uns oft so tiefes Heimweh , als ob wir hier auf der Erde gar nicht recht zu Hause wären , Gustav ? Sieh , da ist nur noch ein einziger kleiner Stern , mutterseelenallein , wie ein goldener Funken . Sieh - rechts vom Monde ! « » Ich sehe noch zwei ! « sagt Gustav . » Ganz nah und habe darum auch gar kein Heimweh und - willst du wohl wieder die Augen aufmachen , Blondkopf ! - Sieh , das hast du davon ; was ich noch Weises sagen wollte , hab ich nun rein vergessen ! « » Dann war ' s gewiß eine Lüge , Braunkopf ! « meint Elise lachend . » Und nun steh auf , der Onkel und die Tante sitzen da den ganzen Abend im Dunkeln ; - es ist sehr unrecht , daß wir uns gar nicht um sie bekümmern . Komm , wir müssen wirklich zusehen , ob sie nicht eingeschlafen sind . « Gewiß waren sie nicht eingeschlafen . Nur das Spinnrad der alten Martha hatte aufgehört zu schnurren , und schlummernd saß sie in ihrem Winkel . » Soll ich euch Licht anzünden , oder - sollen wir wieder einmal einen Mondscheingang machen ? « fragt Elise , mir den Arm um die Schulter legend . » Euch ? « fragt die Tante Helene . » Warum denn nur euch Licht anzünden ? « » Das will ich dir sagen , Mama « , mischt sich Gustav ein . » Du kannst bekanntlich keine Mäuse sehen , und da es seit einiger Zeit hier beim Onkel Wachholder ordentlich von ihnen wimmelt , so sind wir deinetwegen so aufopfernd , im Dunkeln zu sitzen . « » Waren das etwa Mäuse , was wir da am Fenster knuspern und pispern hörten ? « frage ich . » Ich habe nichts gehört ! « sagt Lieschen treuherzig , während Gustav : » Versteht sich ! « ruft und den Inhalt eines Obstkörbchens in seine Taschen ausleert . » Was machst du da , Mäusekönig ? « fragt seine Mutter . » Ich verproviantiere mich zu unserer Mondscheinfahrt , Mama ; Lieschens Frage war natürlich höchst überflüssig . Da , Liese , nimm den Rest - ich kann nicht mehr lassen . « Elise läßt sich das nicht zweimal sagen und scheint in der Tat ihre Frage für unnötig zu halten . Nach einigen Einwendungen der Tante wegen kalter Abendluft usw. machen wir uns auf , hinaus in die Sommermondscheinnacht ! Die scharfen Schatten auf dem Pflaster und an den Häuserwänden , das Glitzern der Fensterscheiben , die ziehenden , beleuchteten Wolken am dunkeln Nachthimmel , die flüsternden Gruppen in den Haustüren und an den Straßenecken , alles wird nun zu einen Bilde für Gustav , zu einem Märchen für Elise . Da beleben sich die Straßen , Gassen und Plätze mit den wundersamsten Gestalten ; auf den Ecksteinen lauern zusammengekauert grimbärtige Kobolde ; aus den dunkeln Torwegen der alten Patrizierhäuser treten seltsame Gesellen mit nickenden Federn und weiten Mänteln , und schöne Damen besteigen weiße Zelter , in die Nacht davonreitend ; Söldner im Harnisch , die Partisanen auf den Schultern , ziehen über den Markt ; Prozessionen vermummter Mönche winden sich langsam aus dem Domportal , und - alles liegt morgen in den hübschesten Skizzen festgebannt auf Elisens Nähtischchen oder treibt sich auf dem Fußboden umher . Natürlich sind Gustav und Elise uns immer einige Schritte voraus , und nur von Zeit zu Zeit kann ich abgerissene Sätze ihrer Unterhaltung erfassen . Ich denke an Paul und Virginie unter den Palmbäumen von Isle-de-France : ich denke an die beiden süßern Gestalten des deutschen Märchens , an Jorinde und Joringel , von denen es heißt : » Sie waren in den Brauttagen , und sie hatten ihr größtes Vergnügen eins am andern . « - Nachdem wir manche Straße durchstreift und vor dem erleuchteten Opernhause die ein- und ausströmende Menge , die harrenden Equipagen , die Blumen und Zuckerwerk verkaufenden Kinder betrachtet haben , finden wir uns zuletzt auf dem Schloßplatz an dem Becken des lustig im Mondschein sprudelnden Springbrunnens zusammen . Von den Rasenplätzen bringt ein warmer Luftzug den Duft der Nachtviolen , der Holunder- und Goldregenbüsche zu uns herüber ; am südlichen Himmel wetterleuchtet eine dunkle Wolke prächtig in die Mondnacht hinein , und neben uns plätschert und murmelt - als wolle er sich selbst in den Schlaf sprechen - der Springbrunnen . Es ist eine herrliche Sommernacht ! Woran denkt Elise ? Wie nachdenklich sie , das Kinn in die Hand gelegt , dem schwatzenden Wasserspiel zuschaut ! » Lieschen , woran denkst du ? « fragt die Tante Helene . » Ihr würdet lachen « , antwortet Elise . » Es ist ein Traum und ein Märchen . « » Erzählen ! Erzählen ! « ruft Gustav , den Arm ihr um die Hüfte legend . Was soll ich anfangen heute an diesem einsamen Abend ? Ich ergreife ein Heftchen von blaßrotem Papier , bedeckt mit mädchenhaft zierlichen Schriftzügen , durchwoben mit hübschen feinen Federzeichnungen . Da ist ' s. So erzählte Elise an jenem fernen Abend , als der Brunnen neben uns plätscherte : » Ich saß neulich mal des Abends ganz allein . Du warst ausgegangen , Onkel ; Gustav war am Morgen schon mit seiner großen Mappe angezogen , um Bäume und Bauerhäuser zu zeichnen ; wo die Tante war , weiß ich nicht ; kurz , ich war mutterseelenallein , und nur mein guter , dicker Kater schnurrte auf der Fußbank neben mir und putzte sich den Schnauzbart . Ich hatte eine Menge Augen an meinem Strickzeug fallen lassen und durchaus keine Lust , sie wieder aufzunehmen . So schrob ich denn die Lampe tief herunter und blickte aus dem Fenster in den Mond , der nicht ganz so voll wie heute über die Dächer und Schornsteine heraufkam . Es war ganz dämmerig in der Stube , und nur zuweilen tanzte ein Lichtschein aus den Fenstern drüben über die Wände . Da plötzlich war der Mond hoch genug gestiegen , ein glänzender , lustiger Strahl schoß wie ein weißer Blitz über meinen Topf mit Nachtviolen und ein Glas mit Waldblumen , welches neben mir stand , und - mit ihm kam mein Märchen oder mein Traum . Es war zu hübsch ! - Zuerst guckte ich eine ganze Weile in die glänzende Straße auf dem Boden , die immer weiter rückte , als - auf einmal - ihr glaubt ' s gewiß nicht - der ganze Strahl von unzähligen , kleinen , zierlichen , durchsichtigen Flügelgestalten lebte , die darin auf- und abschwebten und durch ihren Glanz selbst die Bahn bildeten . Halb erschrocken und halb erfreut sah ich diesem wundersamen Weben zu , als plötzlich das Blumenglas im Fenster einen schrillen , langanhaltenden Ton , wie er entsteht , wenn man mit dem Finger um den Rand eines Glases streicht , von sich gab . Das Wasser darin hob und senkte sich , blitzte , funkelte und bewegte die Waldrosen hin und her ; die Blüten der Nachtviolen öffneten sich , und aus jeder schwebte ebenfalls ein zierlich geflügeltes Wesen , fast noch feiner als die Lichtgeisterchen . Nach allen Seiten flatterten sie , den köstlichsten Duft verbreitend . Währenddessen tönte der schrille Ton des Glases fort , bis er mit einem Male aufhörte , gleich einem Faden durchschnitten , worauf eine tiefe Stille eintrat . - Jetzt hatte der Mondstrahl deinen Schreibtisch erreicht , Onkelchen ; das kleine Geistervolk tanzte lustig über deinen Büchern und Papieren , und so weit hatte ich mich schon von meiner Verwunderung erholt , daß ich herzlich über die sonderbaren Kapriolen einiger der winzigen Dingerchen lachen konnte , die auf alle Weise sich bemühten , in unser großes Dintenfaß zu gucken , ohne den Mut zu haben , sich in die Nähe zu wagen . Andere wieder schwebten über den Federn , und noch andere machten sich um einen recht dicken , abscheulichen Dintenklecks zu schaffen , welcher nicht trocknen wollte ; sie schienen ihm das Lebenslicht mit aller Macht ausblasen zu wollen . Ich weiß nicht , wie lange ich diesen zauberischen Wesen zugesehen hatte , als eine Menge feiner Stimmchen Folge , folge ! rief und ich , immer kleiner werdend , endlich selbst als ein solches geflügeltes Figürchen in den Tanz gezogen wurde und mit den Geistern des Mondlichts und den Duftgeistern der Waldblumen und der Nachtviolen langsam dem Fenster zuschwebte . Denn wie der Mond noch höher stieg , zog sich auch der Strahl mit seinen glänzenden Bewohnern wieder zurück und lief hinab an der Hauswand , um in die Gasse hinunterzusteigen . - Ich hatte durchaus keine Furcht , trotzdem daß es da draußen wie eine verzauberte Welt war . - Die ganze Gasse war ein Gewirr von Tönen und Licht , und nichts von dem Leben und Weben des Geistervolks war mir mehr verborgen , und von Geistervolk lebte und wehte alles ! Dabei hatte ich auch nicht die Fähigkeit verloren , die gröbere , gewöhnliche Welt zu schauen und zu vernehmen ; ich kannte und belauschte die Leute in den Haustüren , die Kinderköpfe in den Fenstern , die schlafenden Sperlinge und Schwalben in ihren Nestern ; es war wunderhübsch ! - Jetzt zog der Strahl mit seinen Bewohnern schräg über unsere Wand fort und glitt auf die Fenster unserer Nachbarn zu . Halb zehn Uhr hörte ich ' s schlagen , als der Reigen vor dem Fenster der armen Frau Nudhart , die mit ihrem kranken Kind da wohnt , ankam und zitternd über einen knospenden Rosenbusch in das kleine Zimmer glitt . Leise singend schwebten die Geisterchen des Lichts , und ich mit ihnen , über den Fußboden hin , jagten sich um den Schatten des Rosenbusches auf dem Boden , küßten das bleiche Kindergesicht auf dem Bettchen und die ebenso bleichen Züge der darüber hingebeugten , armen , sorgenvollen Mutter . Wir bringen Hoffnung , wir bringen Genesung , wir bringen Leben ! flüsterten die Geister . Das kranke Kind legte seine magern Händchen lächelnd in den zitternden Strahl auf seinem Kissen . Wir bringen Hoffnung , Genesung , wir bringen Leben , sang ich mit im Chor , und fast widerstrebend folgte ich dem zurückweichenden Strahl . Noch einen letzten Blick konnte ich zurück ins Zimmer werfen , und im nächsten Augenblick schwebte ich schon wieder in der Gasse . Die Tante aber mußte jetzt wohl nach Haus gekommen sein , denn plötzlich mischten sich die Töne ihres Flügels in den Reigen : ich hörte , wie der alte Marquart drunten vor seinem Keller die Jungen zur Ruhe ermahnte . Aber mein Abenteuer war noch nicht zu Ende . Wir waren jetzt vor dem Fenster des ersten Stockes unseres Nachbarhauses ; ein heller Lampenschein drang aus dem Zimmer hervor , und über ein Glas mit Goldfischen und das Strickzeug in den Händen der Frau Hofrätin Zehrbein schwebten wir hinein lustig und glänzend ohne eine Ahnung des Schrecklichen , welches uns bevorstand . Mein Fräulein , lispelte eine Stimme , in deren Inhaber ich den Assessor Kluckhuhn erkannte . Mein Fräulein , inkommodiert Sie diese abominable schwüle Luft nicht zu sehr , bitte , so lassen Sie uns noch einmal jene köstliche Barcarole aus " Haydée " hören . - Um Gottes willen ! dachte ich , aber schon war ' s zu spät , meinen winzigen Begleitern das Drohende mitzuteilen und zu schneller Flucht zu raten ; schon hatte Eulalia begonnen : Das Lido-Fest ist heute , Lust und Vergnügen ringsum lächelt ... Entsetzen faßte die Geisterschar ; ihre schillernden , glänzenden Farben verblichen ; von dem Resonanzboden des ächzenden Musikkastens ( wie Gustav sagt ) und zwischen den Lippen der Sängerin entwickelte sich eine mißgestaltete Gnomenschar , die , gespenstisch kreischend und jammernd , sich in der Luft überstürzte und überschlug und grimmig über die Geister des Lichts herfiel . Es war schrecklich ! Schon fühlte ich mich von einem koboldartigen C , welches mich an dem Hals gepackt hielt , halb erdrosselt und zappelte wie eine unglückliche Mücke in den Krallen der Spinne ; da - erhob sich die Frau Hofrätin : die weiße Gardine sank herab : wie ein elektrischer Schlag durchzuckte es mich und das ganze Heer des Lichts ! Gerettet ! - An der Außenseite des Tuchs hing der Strahl mit seinen Kindern , bleich und angegriffen ; drinnen aber tönte es fort : Ein schöner Herr , ein holder Jüngling , Mit mildem , liebendem Aug Umflattert mich , mit schmeichelnder Zunge ! ... Schnell und schneller sank jetzt der Strahl herab , und eben berührte er die Erde , da - erwachte ich , und Gustav , dicht vor mir , den Kopf auf beide Fäuste gestützt , grinste mich an . - ( Au ! Nein , du hast mich nicht angegrinst ? ) Eine dicke schwarze Wolke stand vor dem Mond , und mein Traum war zu Ende , mein Märchen ist zu Ende ! « Das Märchen war zu Ende , aber noch nicht unser Mondscheinabend damals . » Und nun , Gustav , Quälgeist ... hier ... da ... « Mit diesen Worten greift Elise in das Wasserbecken neben ihr und schleudert eine Handvoll blitzender Tropfen ihrem nichts ahnenden Gefährten ins Gesicht . Erschrocken und prustend springt dieser zur Seite , worauf die Übeltäterin , böse Folgen ahnend , sogleich , um das Becken herum , die Flucht ergreift . » Ihr seid Zeugen , daß sie angefangen hat ! « ruft Gustav , ebenfalls die Hand ins Wasser tauchend und Elisen nacheilend . » Tante ! Tante ! - Onkel , Hülfe ! « schreit diese , mit der abgebundenen Schürze den Verfolger im Rennen abwehrend und ihn mit der andern , freien Hand unaufhörlich bespritzend . » Warte , Wasserjungfer ! « ruft Gustav und bemächtigt sich der Schürze . » Das sollst du büßen , Verräterin ! « Mit einem Schrei läßt Elise ihre Ägide fahren , und - wie ein Reh ist sie seitwärts im Gebüsch hinter den Holundersträuchen verschwunden , doch nicht , ohne ihren durchnäßten Verfolger auf den Fersen zu haben . » Diese Wildfänge ! « seufzt die Tante Helene , auf eine Bank sinkend , während ich Taschentuch , Arbeitskörbchen und umherrollende Äpfel , welches alles das Frauenzimmer , den Ausgang ihres Attentats vorhersehend , sogleich zu Boden geworfen hat , aufsuche , wie es einem guten Onkel und Vormund geziemt . » Hören Sie nur , wie das Mädchen kreischt ! « Indem wir noch der wilden Jagd zwischen den Büschen lauschen , belebt sich plötzlich die Szene , und andere Figuren kommen durch die Monddämmerung . Mädchen- und Männerstimmen , kichernd und summend und Opernmelodien pfeifend ! Jetzt treten die Kommenden aus dem Schatten in den hellern Lichtkreis um das Fontänenbecken » Der Onkel Wachholder ! « rufen verwundert mehrere Stimmen , und im nächsten Augenblick sind wir von den Nachtschwärmern und Abendfaltern umgehen und erkennen in ihnen wohlbekannte Freunde und Freundinnen von Gustav und Elise . Ein Gewirr von Begrüßungen und Fragen erhebt sich nun . » Wo ist Fräulein Ralff , wo ist Lieschen , wo ist die Liese , wo ist Herr Gustav , wo steckt der Mensch ? « schwirrt das durcheinander und wird beantwortet , bis endlich Gustav und Elise zurückkommen von ihrer wilden Jagd , keuchend und rot , die Haare in Unordnung , Elise mit einem großen Riß im Kleide , aber beide Arm in Arm wie artige , verträgliche Kinder . - Jetzt geht der Jubel erst recht an ! » Das ist schön , das ist prächtig , das ist ausgezeichnet ; guten Abend , Natalie ; guten Abend , Ida ; ich grüße Sie , mein Fräulein ; wo kommt ihr her , ihr Herumtreiber , usw usw. « Wie ist doch die Jugend so schön ; wie wenig bedarf sie , um glücklich zu sein ! Ein bißchen Mondschein , ein paar klingende Wassertropfen , die Strophe eines Liedes , und die jungen Herzen fühlen Gedichte , wie sie noch nie dem Papier anvertraut werden konnten . Ich , der alte Mann , welch ein Dichter , welch ein Maler müßte ich sein , wenn ich alle diese frischen , blühenden Gestalten , die da heute an diesem einsamen Abend wieder um mich her auftauchen , mit ihrem fröhlichen Lachen , ihren kleinen Sorgen und Freuden , ihren kleinen Sünden und Tugenden , mit ihren verstohlenen Seufzern , noch verstohleneren Zärtlichkeiten und ihren lauten Neckereien auf die Blätter dieser Chronik festbannen wollte ! Wie abgeblaßt und schal sieht alles aus , was ich bis jetzt zusammengetragen und niedergeschrieben habe ; wie farbenbunt und frisch erlebte es sich ! Aber wo war auf einmal der Mond geblieben ? Die dunkeln Wolkenmassen , die im Süden lange genug gedroht hatten , hatten sich unbemerkt herangewälzt ; es grollte und murrte in der Ferne ,