Beispiel für solchen Fall vorgezeichnet . Er las etliche Gesänge . Dann saß er träumerisch da . Da kam ihm ein guter Gedanke . » Ich hab ' s ! « rief er , » der teure Sänger selber soll die Huldigung darbringen ! « Er schrieb das Gedicht nieder , als wenn Virgilius ihm in seiner Turmeinsamkeit erschienen wäre , freudig darüber , daß in deutschen Landen seine Gesänge fortlebten , der hohen Frau dankend , die sein pflege . In wenig Minuten war ' s fertig . Das Gedicht wollte Ekkehard mit einer schönen Malerei verziert zu Pergament bringen . Er sann ein Bild aus : die Herzogin mit Krone und Scepter auf hohem Throne sitzend , ihr kommt Virgilius im weißen Gewand , den Lorbeer in den Locken , entgegen und neigt das Haupt ; an der Rechten aber führt er den Ekkehard , der bescheiden wie der Schüler mit dem Lehrer einherschreitet , ebenfalls tief sich verneigend . In der strengen Weise des trefflichen Folkard entwarf er die Zeichnung . Er erinnerte sich an ein Bild im Psalterbuch , wie der junge David vor den König Abimelech tritt131 . So ordnete er die Gestalten ; die Herzogin zeichnete er Zwei Finger breit höher als Virgilius , und der Ekkehard des Entwurfs war hinwiederum ein Beträchtliches kleiner als der heidnische Poet ; - anfangende Kunst , der es an anderem Mittel des Ausdrucks gebricht , spricht Rang und Größe äußerlich aus . Den Virgilius bracht ' er leidlich zuwege . Sie hatten sich in Sankt Gallen bei ihren Malereien stets an Überlieferung alten Bilderwerks gehalten und für Gewandung , Faltenwurf und Bezeichnung der Gestalt einen gleichmäßig sich wiederholenden Zug angenommen . Ebenso gelang es ihm mit seinem eigenen Abbild , sofern er wenigstens eine Figur im Mönchshabit , kenntlich durch eine Tonsur , herstellte . Aber ein verzweifelt Probleme war ihm die richtige Darstellung einer königlichen Frauengestalt , denn in die klösterliche Kunst hatte noch kein Abbild einer Frau , selbst nicht das der Gottesmutter Maria , Einlaß erhalten . David und Abimelech , die er so gut im Zug hatte , halfen ihm nichts , bei ihnen brach der Königsmantel schon hoch über dem Knie ab , und er wußte nicht , wie den Faltenwurf tiefer herabsenken . Da lagerte sich wiederum Kümmernis auf seine Stirn . » Nun ? « fragte Praxedis eines Tages . » Das Lied ist fertig « , sprach Ekkehard . » Jetzt fehlt mir was anderes ? « » Was fehlt denn ? « » Ich sollte wissen « , sprach er wehmütig , » in welcher Weise sich der Frauen Gewand um den zarten Leib schmiegt . « » Ihr sprecht ja ganz abscheulich , erlesenes Gefäß der Tugend « , schalt ihn Praxedis . Ekkehard aber erklärte ihr seinen Kummer deutlicher . Da machte die Griechin eine Handbewegung , als wolle sie die Augenlider in die Höhe ziehen . » Macht die Augen auf « , sagte sie , » und seht Euch das Leben an . « Der Rat war einfach und doch neu für einen , der seine ganze Kunst auf einsamer Stube erlernt . Ekkehard schaute seine Ratgeberin lang ' und abmessend an . » Es frommt mir nichts « , sprach er , » Ihr tragt keinen Königsmantel . « Da erbarmte sich die Griechin des zweifelerfüllten Künstlers . » Wartet « , sagte sie , » die Frau Herzogin ist drunten im Garten , ich will ihren Staatsmantel umlegen , da kann Euch geholfen werden . « Sie huschte fort ; in wenig Minuten war sie wieder da , der schwere Purpurmantel mit goldener Verbrämung hing ihr nachlässig um die Schultern . In gemessenem Schritt ging sie durch das Gemach , ein eherner Leuchter stand auf dem Tisch , sie nahm ihn wie einen Szepter , das Haupt auf die Schulter zurückgeworfen , trat sie vor den Mönch . Der hatte seine Feder ergriffen und ein Stücklein Pergament . » Wendet Euch ein wenig gegen das Licht « , sprach er , und begann emsig seine Striche zu ziehen . Jedesmal aber , wenn er nach seinem anmutigen Vorbild scheute , warf ihm dies einen blitzenden Blick zu . Er zeichnete langsamer . Praxedis schaute nach dem Fenster : » Und da unsere Nebenbuhlerin im Reich « , sprach sie mit künstlich erhobener Stimme , » bereits den Burghof verläßt und uns zu überfallen droht , so befehlen wir Euch bei Strafe der Enthauptung , Eure Zeichnung in eines Augenblicks Frist zu vollenden « . » Ich danke Euch « , sprach Ekkehard und legte die Feder nieder . Praxedis trat zu ihm unb beugte sich vor , in sein Blatt zu sehen . » Schändlicher Verrat « , sprach sie , » das Bild hat ja keinen Kopf . « » Ich brauche nur den Faltenwurf « , sagte Ekkehard . » Ihr habt Euer Glück versäumt « , scherzte Praxedis im früheren Ton ; » das Antlitz treu abgebildet und wer weiß , ob wir in fürstlicher Gnade Euch nicht zum Patriarchen von Konstantinopel ernannt hätten . « Es wurden Schritte hörbar . Schnell riß Praxedis den Mantel von den Schultern , daß er auf den Arm niedersank . Schon stand die Herzogin vor den Heiden . » Wollt Ihr wieder Griechisch lernen ? « sprach sie vorwurfsvoll zu Ekkehard . » Ich hab ' ihm den edeln Sardonyx an meiner Herrin Mantel Agraffe gezeigt ; es ist so ein feingeschnittener Kopf « , sagte Praxedis , » Herr Ekkehard versteht sich aufs Altertum . Er hat das Antlitz recht gelobt ... « Auch Audifax traf seine Vorbereitungen für Weihnachten . Seine Hoffnung auf Schätze war sehr geschwunden . Er hielt sich jetzt an das wirklich Vorhandene . Darum stieg er oft nächtlich ins Tal hinunter ans Ufer der Aach , die mit trägem Lauf dem See entgegenschleicht . Beim morschen Steg stand ein hohler Weidenbaum . Dort lauerte Audifax manches Stündlein , den erhobenen Rebstecken nach des Baumes Öffnung gerichtet . Er stellte einem Fischotter nach . Aber keinem Denker ist die Erforschung der letzten Gründe alles Seins so schwierig geworden , wie dem Hirtenknaben seine Otterjagd . Denn aus dem hohlen Ufer zogen sich noch allerhand Ausgänge in den Fluß , die der Otter wußte , Audifax nicht . Und wenn Audifax oft vor Kälte zitternd sprach : » Itzt muß er kommen ! « , so kam weit stromaufwärts ein Gebrause hergetönt , das war sein Freund , der dort die Schnauze übers Wasser streckte und Atem holte ; und wenn Audifax leise dem Ton nachschlich , hatte sich der Otter inzwischen auf den Rücken gelegt und ließ sich gemächlich stromab treiben ... In der Hohentwieler Küche war Leben und Bewegung , wie im Zelt des Feldherrn am Vorabend der Schlacht . Frau Hadwig selbst stand unter den dienenden Mägden , sie trug keinen Herzogsmantel , wohl aber einen weißen Schurz , teilte Mehl und Honig aus und ordnete die Backung der Lebkuchen an . Praxedis mischte Ingwer , Pfeffer und Zimt zur Würze des Teigs . » Was nehmen wir für eine Form ? « frug sie . » Das Viereck mit den Schlangen ? « » Das große Herz132 ist schöner « , sprach Frau Hadwig . Da wurden die Weihnachtlebkuchen in der Herzform gebacken , den schönsten spickte Frau Hadwig eigenhändig mit Mandeln und Kardamomen . Eines Morgens kam Audifax ganz erfroren in die Küche und suchte sich ein Plätzlein am Herdfeuer ; seine Lippen zitterten wie in Fieberschauer , aber er war wohlgemut und freudig . » Rüste dich , Büblein « , sprach Praxedis zu ihm , » du mußt heut nachmittag hinüber in den Wald und ein Tännlein hauen . « » Das ist nicht meines Amtes « , sprach Audifax stolz , » ich will ' s aber tun , wenn Ihr mir auch einen Gefallen tut . « » Was befiehlt der Herr Ziegenhirt ? « fragte Praxedis . Audifax sprang hinaus , dann kam er wieder und hielt einen dunkelbraunen Balg siegesfroh in die Höhe , das kurze glatte Haar glänzte daran , dicht und weich war ' s anzufühlen . » Woher das Rauchwerk ? « fragte Praxedis . » Selbst gefangen « , sprach Audifax und sah wohlgefällig auf seine Beute . » Ihr sollt eine Pelzhaube für die Hadumoth daraus machen . « Die Griechin war ihm wohlgesinnt und versprach Erfüllung der Bitte . Der Weihnachtsbaum war gefällt ; sie schmückten ihn mit Äpfeln und Lichtlein , die Herzogin richtete alles im großen Saal . Ein Mann von Stein am Rhein kam herüber und brachte einen Korb , der mit Leinwand zugenäht war . » Es sei von Sankt Gallen « , sprach er , » für Herrn Ekkehard . « Frau Hadwig ließ den Korb uneröffnet zu den andern Gaben stellen . Der heilige Abend war gekommen . Die gesamten Insassen der Burg versammelten sich in festlichem Gewand , zwischen Herrschaft und Gesind ' sollte heut keine Trennung sein . Ekkehard las ihnen das Evangelium von des Heilands Geburt , dann gingen sie paarweise in den großen Saal hinüber , da flammte heller Lichtglanz und festlich leuchtete der dunkle Tannenbaum - als die letzten traten Audifax und Hadumoth ein , ein Blättlein Goldschaum vom Vergolden der Nüsse lag an der Schwelle , Audifax bückte sich darnach , es zerging ihm unter den Fingern . » Das ist dem Christkind von den Flügeln abgefallen « , sprach Hadumoth leise zu ihm . Auf großen Tischen lagen die Geschenke für die dienenden Leute , ein Stück Leinwand oder gewoben Tuch und einiges Gebäck ; sie freuten sich des nicht allzeit so milden Sinnes der Gebieterin . Bei Hadumoths Anteil lag richtig die Pelzhaube . Sie weinte , als Praxedis ihr freundlich den Geber verriet . » Ich hab ' nichts für dich « , sagte sie zu Audifax . » Es ist statt der Goldkrone « , sprach der . Knechte und Mägde dankten der Herzogin und gingen in die Gesindestube hinunter . Frau Hadwig nahm Ekkehard bei der Hand und führte ihn an ein Tischlein . » Das ist für Euch « , sprach sie . Beim mandelgespickten Lebkuchenherz und dem Korb lag ein schmuckes priesterliches Samtbarett und eine prächtige Stola , Grund und Fransen waren von Goldfaden , dunkle Punkte waren mit schwarzer Seide drein gestickt , einige mit Perlen ausgeziert , sie war eines Bischofs wert . » Laßt sehen , wie Ihr Euch ausnehmt « , sprach Praxedis . Trotz der kirchlichen Bestimmung setzte sie ihm das Barett auf und warf ihm die Stola um . Ekkehard schlug die Augen nieder . » Meisterhaft ! « rief sie , » Ihr dürft Euch bedanken . « Er aber legte scheu die geweihten Gaben wieder ab , aus seinem weiten Gewand zog er die Pergamentrolle und reichte sie schüchtern der Herzogin dar . Frau Hadwig hielt sie unentfaltet . » Erst den Korb öffnen ! das Beste - « sprach sie , freundlich auf das Pergament deutend , » soll zuletzt kommen . « Da schnitten sie den Korb auf ; in Heu begraben und durch des Winters Kälte wohlerhalten , lag ein mächtiger Auerhahn drin , Ekkehard hob ihn in die Höhe , mit ausgebreiteten Flügeln reichte er über eines Mannes Länge . Ein Brieflein war bei dem stattlichen Stück Federwild . » Vorlesen ! « sprach die Herzogin neugierig . Ekkehard öffnete das unkenntliche Sigill und las : » Dem ehrwürdigen Bruder Ekkehard auf dem hohen Twiel durch Burkard , den Klosterschüler , Romeias , der Wächter am Tor . Wenn es zwei wären , so wäre einer für Euch . Da es aber auf zwei nicht geglückt hat , so ist der eine nicht für Euch und Eurer kommt nach . Gesendet wird er an Euch wegen Unwissenheit des Namens . Sie war aber mit der Frau Herzogin damals im Kloster und trug ein Gewand von Farbe eines Grünspechts , den Zopf um die Stirn geflochten . Derselben den Vogel . Wegen fortwährender Gedenkung dessen , der ihn geschossen , an stattgefundene Begleitung zu den Klausnerinnen . Er muß aber stark eingebeizt und mürb gebraten werden , weil sonst zähe ; bei Zuzug von Gästen soll sie das weiße Fleisch am Rückgrat selber verzehren , da dies das beste , und das braune von harzigem Geschmack . Dazu Glück und Segen . Euch , ehrwürdiger Bruder , auch . Wenn auf Eurer Burg ein Wächter , Turmwart oder Forstwart zu wenig , so empfehlet der Herzogin den Romeias , dem wegen Verspottung durch den Schaffner und Verklagung durch den Drachen Wiborad Veränderung des Dienstes wünschenswert . Übung im Tordienst , Einlaß und Hinauswerfung fremden Besuchs betreffend , kann bezeugt werden . Ebenso was Jagd angeht . Und er schaut jetzt schon nach dem hohen Twiel , als zöge ihn ein Seil dorthin . - Langes Leben Euch und der Frau Herzogin . Lebet wohl . « Fröhlich Lachen schloß die Vorlesung . Praxedis aber war rot geworden . » Das ist ein schlechter Dank von Euch « , sprach sie bissig zu Ekkehard , » daß Ihr Briefe in anderer Leute Namen schreibt und mich beleidiget . « » Haltet ein « , sprach er , » warum soll der Brief nicht echt sein ? « » Es wär ' nicht der erste , den ein Mönch gefälscht « , war Praxedis ' gereizte Antwort . » Was braucht Ihr Euch über den groben Jägersmann lustig zu machen ? Er war gar nicht so übel . « » Praxedis , sei vernünftig « , sprach die Herzogin . » Schau ' dir den Auerhahn an , der ist nicht im Hegau geschossen , und Ekkehard führt eine andere Feder . Wollen wir den Bittsteller auf unser Schloß versetzen ? « » Das verbitt ' ich mir « , rief Praxedis eifrig . » Es soll niemand meinen , daß ... « » Gut « , sprach Frau Hadwig mit Schweigen gebietendem Ton . Sie rollte Ekkehards Pergament auf . Die Malerei am Anfang war leidlich gelungen , Zweifel über , deren Bedeutung beseitigte die Darüberschreibung der Namen Hadwigis , Virgilius , Ekkehard . Eine kühne Initiale mit verschlungenem goldenen Geäste eröffnete die Schrift . Die Herzogin war höchlich erfreut . Ekkehard hatte seither über den Besitz solcher Kunst nichts verlauten lassen . Praxedis schaute nach dem purpurnen Mantel , den die gemalte Herzogin trug , und lächelte , als wüßte sie was Besonderes . Frau Hadwig winkte , daß Ekkehard sein Geschriebenes vorlese und erkläre . Er las . Verdeutscht lautet ' s also : In nächt ' ger Stille sah ich jüngst allein Und ziffert ' an den Schriften alter Zeit , Da flammte hell ein geisterhafter Schein In mein Gemach . ' s war nicht des Mondes Licht , - Und vor mich trat ein leuchtend Menschenbild , Unsterblich Lächeln schwebt ' um seinen Mund , In dunkler Fülle wallte das Gelock , Als Diadem trug er den Lorbeerkranz . Hindeutend auf das aufgeschlagne Buch , Sprach er zu mir : » Sei guten Muts , mein Freund , Ich bin kein Geist , der deinen Frieden stört , Ich bringe dir nur Gruß und Segenswunsch . Was toter Buchstab ' dort dir noch erzählt , Das schrieb ich selbst mit warmem Herzblut einst : Der Troer Waffen , des Äneas Fahrt , Der Götter Zorn , der stolzen Rom Beginn . Schon ein Jahrtausend schier ist abgerollt , Der Sänger starb , es starb sein ganzes Volk . Still ist mein Grab . Nur selten dringt ein Klang Zu mir herab von froher Winzer Fest , Vom Wogenschlag am nahen Kap Misen . Doch jüngst hat mich der Nordwind aufgestört , Er brachte Kunde , daß in fremden Gau ' n Man des Äneas Schicksal wieder liest , Daß eine Fürstin , stolz und hochgemut , Des Landes Sprache als ein neu Gewand Um meine Worte gnädig schmiegen heißt . Wir glaubten einst , am Fuß der Alpen sei Nur Sumpf des Rheins und ein barbarisch Volk ; Jetzt hat die Heimat selber uns vergessen Und bei den Fremden leben neu wir auf . Des Euch zu danken bin ich heute hier : Das höchste Kleinod , was dem Sänger wird , Ist Anerkennung einer hohen Frau . Heil deiner Herrin , der das seltne Gut Der Stärke und der Weisheit ward beschert , Die gleich Minerva in der Götter Reih ' n , In Erz gerüstet eine Kriegerin , Der Friedenskünste Hort und Schutz zugleich . Noch lange Fahre mög ' ihr Szepter walten , Es blüh ' um sie ein stark und sittig Volk , Und kommt Euch einst ein fremd Getön gerauscht , Wie Heldenlied und fernes Saitenspiel , Dann denket mein , es grüßt Italia Euch , Es grüßt Virgil den Fels von Hohentwiel . « Er sprach ' s und winkte freundlich und verschwand . Ich aber schrieb noch in derselben Nacht , Was er gesprochen . Meiner Herrin sei ' s Als Festgeschenk itzt schüchtern dargebracht Von ihrem treuen Dienstmann Ekkehard . Eine kurze Pause erhob sich , als er die Lesung seines Gedichts beendet . Dann trat die Herzogin auf ihn zu und reichte ihm die Hand . » Ekkehard , ich danke Euch ! « sprach sie ; es waren dieselben Worte , die sie einst im Klosterhof zu Sankt Gallen zu ihm gesprochen , aber der Ton war noch milder wie damals , und der Blick war strahlend und ihr Lächeln wundersam wie das zaubervoller Feyen , von dem die Sage geht , ein Schneeregen blühender Rosen müsse drauf folgen . Sie wandte sich dann zu Praxedis : » Und dich sollte ich verurteilen , itzt einen abbittenden Fußfall zu tun , die du jüngst so geringschätzend von den gelehrten geistlichen Männern gesprochen . « Aber die Griechin blickte schelmisch drein , wohl wissend , daß ohne ihren weisen Rat und Beistand der scheue Mönch sich kaum zu seiner Dichtung erschwungen . » In aller Zukunft « , sprach sie , » werde ich seinem Verdienste die gebührende Achtung zollen . Auch einen Kranz will ich ihm flechten , so Ihr gebietet . « Als Ekkehard hinausgegangen war in seine Turmstube und die stille Mitternacht herannahte , saßen die Frauen noch beieinand . Und die Griechin brachte eine Schale mit Wasser und etliche Stücklein Blei und einen metallenen Löffel . » Das Bleigießen vom vorigen Jahr ist gut eingetroffen « , sprach sie , » wir mochten ' s uns damals kaum erklären , welch eine sonderbare Form das geschmolzene Stück im Wasser annahm , aber ich meine itzt mehr und mehr , es habe einer Mönchskapuze geglichen , und die ist unserer Burg geworden . « Die Herzogin war nachdenkend . Sie lauschte , ob Ekkehard nicht etwa durch den Gang zurückkehre . » Es ist doch nur eitel Spielerei « , sprach sie ... » Wenn es meiner Herrin nicht gefällt « , sagte die Griechin , » so mag sie unsern Lehrer beauftragen , uns mit Besserem zu erfreuen ; sein Virgilius ist freilich ein zuverlässiger Orakel der Zukunft als unser Blei , wenn er in geweihter Nacht mit Segensspruch und Gebet aufgeschlagen wird . Ich wäre fast neugierig , welch ein Stück seiner Dichtung uns die Geschicke des nächsten Jahrs offenbaren würde ... « » Schweig « , sagte die Herzogin . » Er hat neulich so streng über Zauberei gesprochen , er würde uns auslachen ... « » Dann werden wir beim alten bleiben müssen « , sprach Praxedis und hielt den Löffel mit dem Blei über das Licht der Lampe . Das Blei schmolz und bewegte sich zitternd , da stund sie auf , murmelte etliche unverständliche Worte und goß es herab . Zischend sprühte das flüssige Metall in die Wasserschale . Frau Hadwig wandte ihren Blick in scheinbarer Gleichgültigkeit . Praxedis hielt die Schale aus Lampenlicht : statt in seltsame Schlacken zu splittern , war das Blei zusammenhängend geblieben , ein länglich zugespitzter Tropfen . Matt glänzte es in Frau Hadwigs Hand . » Das ist wiederum ein Rätsel , bis die Lösung kommt « , scherzte Praxedis . » Die Zukunft sieht ja für diesesmal fast aus wie ein Tannenzapfen . « » Wie eine Träne ! « sprach die Herzogin ernst und stützte ihr Haupt auf die Rechte133 . Lauter Lärm im Erdgeschoß der Burg unterbrach das weitere Prüfen der Vorbedeutung ; Gekicher und Aufschrei der dienenden Mägde , rauhes Gebrumm männlicher Stimmen , schriller Lautenschlag : so tönte es verworren den Gang herauf ; ehrerbietig und schutzflehend hielt der fliehende Schwarm der Dienerinnen an des Saales Schwelle , die lange Friderun unterdrückte mühsam ein lautes Schelten , die junge Hadumoth weinte - tappend kam eine Gestalt hinter ihnen drein , schwerfälligen zweibeinigen Schritts , in rauhe Bärenhaut gehüllt , eine bemalte hölzerne Maske mit namhafter Schnauze vor dem Antlitz ; sie brummte und murrte wie ein hungriger Braun , der auf Beute ausgeht , und tat dann und wann einen ungefügen Griff in die Laute , die an rotem Band über die zottigen Schultern gehängt war - aber wie des Weihnachtssaals Türe sich auftat und der Herzogin Gewand entgegenrauschte , machte der nächtliche Spuk kehrt und polterte langsam durch den dröhnenden Gang zurück . Die alte Schaffnerin ergriff das Wort und trug ihrer Gebieterin vor , daß sie fröhlich unten gesessen und sich der Weihnachtsgaben erfreut , da sei das Ungetüm eingebrochen und habe erst zum eigenen Lautenspiel einen seinen Tanz aufgeführt , hernach aber die Lichter ausgeblasen und die erschrockenen Maiden mit Kuß und Umarmung bedroht und sei so wild und unersättlich geworden , daß es sie alle zur Flucht genötigt ; dem rauhen Lachen des Bären aber sei mit Grund zu entnehmen , daß unter der Wildschur Herr Spazzo , der Kämmerer , verborgen stecke , der nach einem scharfen Weintrunk hiemit sein Weihnachtvergnügen beschlossen . Frau Hadwig beruhigte den Unwillen ihres Gesindes und hieß sie schlafen gehen . Vom Hofe aber tönte noch einmal verwunderter Aufruf ; alle standen in einer Gruppe beisammen und schauten unverrückt auf den Turm , denn der schreckhafte Bär war hinaufgestiegen und erging sich jetzo auf den Zinnen der Warte und reckte sein struppiges Haupt nach den Sternen , als wolle er seinem Namensgenossen droben , dem Großen Bären , einen Gruß hinüberwinken ins Unermeßliche . Die dunkle Vermummung hob sich in deutlichem Umriß vom fahlen glanzerhellten Himmelsgrunde , gespenstig klang ihr Brummen in die schweigende Nacht ; doch keinem der Sterblichen ward kund , was die leuchtenden Gestirne dem weinschweren Haupte Herrn Spazzo , des Kämmerers , geoffenbart ... Um dieselbe Mitternachtstunde kniete Ekkehard vor dem Altar der Burgkapelle und sang leise die Hymnen der Christmette134 , wie es die Übung der Kirche vorschrieb . Elftes Kapitel . Der Alte in der Heidenhöhle . Der Rest des Winters ging auf dem hohen Twiel einförmig , darum schnell vorüber . Sie beteten und arbeiteten , lasen Virgil und studierten Grammatik , wie es die Zeit brachte . Frau Hadwig stellte keine verfänglichen Fragen mehr . In der Faschingszeit kamen die benachbarten Großen , der Herzogin ihren Besuch abzustatten , die von der Nellenburg und von Veringen , der alte Graf im Argengau mit seinen Töchtern , die sieben Welfen von Ravensburg überm See und manch anderer135 . Da wurde viel geschmaust und noch mehr getrunken . Dann ward ' s wieder einsam oben . Der März kam heran , schwere Stürme sausten übers Land , in der ersten klaren Sternennacht stand ein Komet am Himmel136 , und der Storch , der auf der Burg Dachfirst wohlgemut hauste , war acht Tage nach seiner Rückkunst wieder von dannen geflogen ; die Leute schüttelten den Kopf . Dann trieb der Schäfer von Eugen seine Herde am Berg vorüber ; der erzählte , daß er dem Heerwurm137 begegnet : das bedeutet Krieg . Unheimliche Stimmung lagerte sich über die Gemüter . Drohendes Erdbeben wird auch in weiter Entfernung vorausgespürt ; hier Ausbleiben einer Quelle , dort scheuer Vogelflug : ebenso ahnt sich Gefahr des Krieges . Herr Spazzo , der im Februar tapfer hinter den Weinkrügen turniert hatte , ging jetzo tiefsinnig umher . » Ihr sollt mir einen Dienst erweisen « , sprach er eines Abends zu Ekkehard . » Ich hab ' im Traum einen toten Fisch gesehen , der auf dem Rücken schwamm . Ich will mein Testament machen . Die Welt ist alt geworden und steht nur noch auf einem Bein , das wird nächstens auch zusammenknacken . Gute Nacht , Firnewein ! Zum tausendjährigen Reich ist ' s ohnedem nicht mehr weit ; es ist lustig gelebt worden , vielleicht werden die letzten Jahre doppelt gerechnet . Weiter kann ' s die Menschheit auch nicht mehr bringen . Die Bildung ist so weit gediehen , daß auf dem einen Schloß Hohentwiel mehr als ein halb Dutzend Bücher aufgehäuft liegen , und wenn einer blutrünstig geschlagen wird , so läuft er zum Gaugericht und klagt ' s ein , statt seinem Schädiger Haus und Hof überm Kopf zusammenzubrennen . Da hört die Welt von selber auf138 . « » Wer soll Euer Erbe sein , wenn alle zugrunde gehen ? « hatte ihn Ekkehard gefragt . Ein Mann von Augsburg kam nach der Reichenau , der brachte schlimme Kundschaft . Der Bischof Ulrich hatte dem Kloster ein kostbar Heiligtum zugesagt , den rechten Vorderarm des heiligen Theopontus , reich in Silber und Edelstein gefaßt . Das Land sei unsicher , ließ er vermelden , er traue sich nicht , das Geschenk zu senden . Der Abt wies den Mann nach dem hohen Twiel , der Herzogin Bericht zu erstatten . » Was bringt Ihr Gutes ? « frug sie ihn . » Nicht viel , möchte lieber was mitnehmen : den schwäbischen Heerbann , Roß und Reiter , so viel ihrer Schild und Speer an der Wand hängen haben . Sie sind wieder auf dem Weg zwischen Donau und Rhein ... « » Wer ? « » Die alten Freunde von drüben herüber ; die kleinen mit den tiefliegenden Augen und den stumpfen Nasen . Es wird wieder viel roh Fleisch unter dem Sattel mürb geritten werden dieses Jahr . « Er zog ein seltsam geformtes kleines Hufeisen mit hohem Absatz aus dem Gewand : » Kennt Ihr das Wahrzeichen ? Kleiner Huf und kleines Roß , krummer Säbel , spitz Geschoß - blitzesschnell und sattelfest : schirm uns Herr vor dieser Pest ! « » Die Hunnen139 ? ! « fragte die Herzogin betroffen . » So Ihr sie lieber die Ungrer heißen wollt oder die Hungrer , ist mir ' s auch recht « , sprach der Bote . » Der Bischof Pilgrim hat ' s von Passau nach Freising melden lassen , von dort kam uns die Mär ' . Über die Donau sind sie schon geschwommen , wie die Heuschrecken fallen sie aufs deutsche Land , geschwinde wie geflügelte Teufel sind sie auch , eher fängst du den Wind auf der Ebene und den Vogel in der Luft , heißt ' s bei uns von früher her . Daß Koller und Dampf ihre kleinen Rosse heimsuchte ! ... Mich dauert nur meiner Schwester Kind , die schöne Berta in Passau ... « » Es ist nicht möglich ! « sagte Frau Hadwig . » Haben sie schon vergessen , wie ihnen die Kammerboten Erchanger und Berchtold den Bescheid gaben : Wir haben Eisen und Schwerter und fünf Finger in der Faust ? In der Schlacht am Inn ward ' s ihnen deutlich auf die Köpfe geschrieben ... « » Eben darum « , sprach der Mann . » Wer tüchtig geschlagen worden , kommt gern wieder , um das zweitemal selber zu schlagen . Itzt sind andere Zeiten . Den Kammerboten hat man zum Dank für ihre Tapferkeit später das Haupt vor die Füße gelegt , wer wird sich noch voranstellen ? « » Auch wir wissen den Weg , auf dem unsere Vorgänger gegen den Feind geritten sind « , sprach die Herzogin stolz . Sie entließ den Mann von Augsburg mit einem Geschenk . Dann berief sie Ekkehard zu sich . » Virgilius wird eine Zeitlang in Ruhe kommen « , sprach sie zu ihm und teilte ihm die Nachricht von der Hunnen Gefahr mit . Die Lage der Dinge war nicht erfreulich . Die Großen des Reichs hatten in langen Fehden verlernt , zu gemeinsamem Handeln einzustehen ; der Kaiser , aus sächsischem Stamm und den Schwaben nicht sonderlich hold , schlug sich fern von den deutschen Grenzen in Italien herum , die Straße nach dem Bodensee stund den fremden Gästen offen . An ihrem Namen haftete der Schreck . Seit Jahren schwärmten ihre Haufen wie Irrlichter durch das zerrüttete Reich , das Karl der Große unfähigen Nachfolgern hinterlassen ; von den Ufern der Nordsee , wo die Trümmerstätte von Bremen Zeugnis ihres Einfalls gab , bis hinab an die Südspitze Kalabriens , wo der Landeingeborene ihnen Mann für Mann ein Lösegeld für seinen Kopf zahlen mußte , zeichnete Brand und Plünderung ihre Spur ... » Wenn der fromme Bischof Ulrich keine Gespenster gesehen hat « , sprach die Herzogin , » so kommen sie auch zu uns , was ist zu tun ? In Kampf ziehen ? Auch Tapferkeit ist Torheit , wenn der Feind übermächtig . Durch Tribut und Goldzins Frieden kaufen und sie auf der Nachbarn Grenzen hetzen ? Andere haben ' s getan ; wir haben von Ehr ' und Unehr ' andere Meinung . « » Uns auf dem Twiel verschanzen und das Land preisgeben ? Es sind unsere Untertanen , denen wir herzoglichen Schutz gelobt . Ratet ! « » Mein Wissen ist auf solchen Fall nicht gerüstet « , sprach Ekkehard betrübt . Die Herzogin war