ihn aber und abermals . Dabei konnte er freilich eine Wahrnehmung , die ihm im ersten Jubel so gut wie entgangen war , nicht ganz unterdrücken . Der Brief war ziemlich abscheulich geschrieben , sowohl was die Handschrift , als was die Rechtschreibung betraf ; jene stellte in Unbehilflichkeit und Verworrenheit das gerade Gegenteil von der zierlichen Gestalt der Schreiberin dar , und die Gesetze der Rechtschreibung hatte sie erbarmungslos mißhandelt , mit ganzen Buchstaben gegeizt und andere am unrechten Orte verschwendet , so daß man , um den Sinn des Schreibens zu verstehen , mehr dem Laut als den Schriftzeichen nach lesen mußte . Friedrich hatte , wie bereits bemerkt , alles gelernt , was ihm die Schule bieten konnte ; sein Vater hatte ihn nach der Konfirmation noch ein Jahr lang im Hause des Schulmeisters untergebracht , um den durch den Tod seiner Mutter meisterlos gewordenen und im Wirtshaustreiben der Verwilderung anheimfallenden Knaben unter eine gleichmäßige Zucht zu bringen ; und er schrieb seinen Brief oder Aufsatz , der Bildung der Zeit gemäß , so gut als irgendein anderer . Ohne Zweifel erblickten der Pfarrer und Amtmann zwischen ihrer und seiner Bildung eine breite Kluft : wenn man aber auf der heutigen Bildungsstufe das , was von seiner Hand aufbewahrt worden ist , mit den Bildungsurkunden von der Hand seiner Vorgesetzten vergleicht , so merkt man kaum einen Unterschied ; denn man findet bei ihm nicht häufig Fehler , und auch sie schreiben keineswegs ganz fehlerfrei . Dagegen war seine Art zu schreiben und Christinens Brief wie Tag und Nacht oder , wie eine Hühnerpfote von einer menschlichen Hand absticht ; und so gewiß ein warmer Körper , wenn man ihn mit kaltem Wasser übergießt , von einer unangenehmen Empfindung befallen wird , so gewiß ist es , daß ein Liebender , der einigermaßen schulgerecht schreiben kann , im höchsten Feuer seiner Neigung wenigstens für einen Augenblick abgekühlt wird , wenn der Gegenstand derselben , den er doch bewußt oder unbewußt als etwas Vollkommenes verehrt , die Erwiderung nur in eine unschöne und stümperhafte Form zu kleiden vermag . Aber die Liebe führt auch eine gewaltsame Begeisterung mit sich , welche derlei ungleiche Gefühle , so wie sie aufsteigen wollen , rasch wieder zu unterdrücken weiß , zumal wo die Liebe die Blüte eines rauhen und kräftigen Willens ist , der ohnehin keinen Widerspruch duldet . Doch auch das Gewand der Demut muß sich dazu hergeben , den Mißton einzuhüllen : wenn der Liebende entdeckt , daß sein Inbegriff aller Vollkommenheit auch einige Unvollkommenheiten in sich mitbegreift , so beruhigt er sich bei dem Zugeständnis , daß ja auch er nicht ganz untadelhaft sei und folglich nicht das Recht habe , von seiner Geliebten vollendete Mangellosigkeit zu verlangen ; und diese Beruhigung dauert mit besonderer Festigkeit , solange , als die Sehnsucht nicht erfüllt ist , solange das frische Gesicht und die reizende Gestalt noch als etwas Vorenthaltenes vor der Seele des Sehnenden schweben . Zudem liest ein Liebender nicht bloß den Schriftzeichen und dem Laute nach , er liest vornehmlich auch mit dem Herzen , und diesem sagte das hübsche junge Mädchen in seinem armen schlechten Briefe so herzliche und liebreiche Worte , daß die kleine Abkühlung bald wieder der zurückkehrenden ersten Flamme weichen mußte . Christinens Brief ist infolge von Begebenheiten , zu welchen wir bald gelangen werden , noch jetzt vorhanden ; er lautet in verständliches Deutsch umgeschrieben so : » Geliebter Schatz , es ist mir von Herzen leid , daß ich dich so erzürnet habe , ich bitte dich , verzeihe es mir wieder , ich will ' s nimmer tun . Wenn es sein kann , so komm du noch einmal zu mir , daß ich mündlich mit dir reden kann . Weiter weiß ich nicht zu schreiben , als daß du seiest von mir zu tausendmal gegrüßt und in den Schutz Gottes befohlen . Ich verbleibe dein getreuster Schatz bis in den Tod . Meinen Namen will ich nicht nennen , wenn du mich lieb hast , wirst du mich wohl kennen . Datum diesen Tag . Nehme fürlieb mit dieser schlechten Handschrift , ich kann vor Traurigkeit nicht besser schreiben . « » Gelieder Satz , du seie von mir zu tausendmal geschriet und in den Sutz Gottes befohlen ! « wiederholte Friedrich halb entzückt , halb lachend , als wär das Mädchen gegenwärtig und müßte sich wegen ihres schülerhaften Schreibens von ihm necken lassen . Dabei machte er eine Bewegung , wie wenn er ihre gelben Zöpfe fassen wollte , einer Glockenschnur ähnlich , an der man läutet , damit oben jemand zum Fenster heraussehe , um nachbarlichen Verkehr zu pflegen oder ein Almosen zu spenden . Mitten in diesen zärtlichen Träumereien fiel es ihm jedoch ein , daß er die Schreiberin des Briefes für ihre doppelte Mühe gar schlecht belohnt habe . Er hatte ihr mit harten Worten ihr nächtliches Umherstreichen vorgeworfen , dessen Zweck doch nur der gewesen war , ihre schlechte Handschrift an den rechten Mann zu bringen , und während sie alle ihre wirklichen oder vermeintlichen Sünden durch ein Entgegenkommen , das ihn zu Dank verpflichten sollte , gutzumachen bemüht war , hatte er das so vielen Störungen ausgesetzte Verhältnis plötzlich wieder auf den alten Traurigkeitsfuß zurückgeschleudert . Und zwar hatte er sich dies zuschulden kommen lassen in einem Augenblick , wo er durch einen unverzeihlichen Knabenstreich , der gar nicht zu seinen auf ein ehrbares Hausvatertum gerichteten Absichten paßte , das Leben seiner Geliebten in Gefahr gebracht hatte . Seine Reue war ebenso ungestüm , wie der Ausbruch seines Zornes gewesen war , und er schlug sich mit Macht vor die breite Stirne , hinter welcher der Wein von gestern abend eine dumpfe Wolke zurückgelassen hatte , so daß die zwiefache Buße des Leibes und der Seele zusammentraf . Nachdem er sein schuldhaftes Ich mit einer Flut nicht eben gelinder Schimpfworte überschüttet , tausend Gelübde der Besserung wiederholt und auf diese Weise in figürlichem Sinn sich seihst den Kopf gewaschen hatte , ging er in den Hof hinab , um dieses Bad am Brunnen in körperlicher Handlung zu wiederholen . Bald fühlte er sich auch so erfrischt , daß er ganz munter mit den Knechten und Mägden scherzte . Kaum hatte er sich aber diese Selbsterleichterung von der Beschwerde des Körpers und den Vorwürfen der Seele verschafft , so überfiel ihn das Bedenken , ob auch Christine ihn so schnell zu absolvieren geneigt sein werde . Alle Zurückweisungen , die er von ihr hatte erdulden müssen , kamen ihm wieder in den Sinn , und der Gedanke , daß sie ihn heute heimgehen heißen könnte , wie er sie gestern heimgeschickt hatte , erfüllte ihn nach der kurzen Anwandlung von Heiterkeit plötzlich mit Wut und Verzweiflung . Im ersten Augenblick entschloß er sich trotzig zum Dableiben , als ob sie ihm den gefürchteten Schimpf bereits angetan hätte ; im nächsten trieb ihn sein kochendes Herz wieder zum Gehen an . Aus diesen blitzschnell und gewaltsam abwechselnden Empfindungen der heftigsten Leidenschaft und des mißtrauisch aufgeregten Stolzes entsprang endlich eine Liebeserklärung , die keiner Anleitung zur Kunst des Liebens entnommen war , auch keineswegs ein Muster in derselben genannt zu werden verdient , aber als eine glaubwürdig überlieferte und ihren Helden scharf zeichnende Begebenheit nicht verschwiegen werden darf . Daß er Christinen diesen Vormittag allein zu Hause finden würde , hatte ihm ihr Brief klar gesagt , obgleich es nicht mit Worten darin zu lesen stand : denn wozu würde sie sich gestern nacht so viele Mühe gegeben haben , den Brief noch in seine . Hände zu bringen , wenn sie nicht sicher gewesen wäre , daß die Ihrigen am Neujahrsfeste alle in die Kirche gehen würden . Die Glocke hatte schon das zweite Zeichen geläutet , als er die Sonne verließ und mit einer Bedächtigkeit , welcher man seinen inneren Zustand nicht angesehen haben würde , verschiedene Seitengäßchen einschlug , um möglichst wenigen Kirchengängern zu begegnen . Und doch konnte er sich überall sehen lassen : in dem neuen Rock von dunkelblauem Tuch mit großen Knöpfen und in den kurzen Beinkleidern von schwarzem Samt - die hirschledernen , über die er gegen den Zigeuner gescherzt hatte , waren seit Weihnachten verbannt - trat seine gedrungene Gestalt stattlich hervor ; das scharlachene Brusttuch ( Weste ) paßte zu dem Stahl und Messer , die er in den Gürtel gesteckt ; der Dreispitz auf dem Kopfe gab dem jugendlich kräftigen Gesicht ein unternehmendes Aussehen , und die weißen Strümpfe über den Schnallenschuhen umschlossen ein derbes Paar Beine , auf welchen der Mann im Vollgefühl der Jugend wie auf festen Säulen wandelte . Er wandte sich dem Felde zu , wo er zu dieser Stunde auf niemand treffen konnte und wo die dicht fallenden Schneeflocken die Spuren seiner Tritte schnell wieder ausfüllten . Die Glocken läuteten zusammen ; als sie schwiegen und die Orgel einfiel , die man bis aufs Feld heraus hörte , lenkte er die Schritte zu des Hirschbauern Haus . Er fand die hintere Türe angelehnt , verschmähte es aber , sich derselben zu bedienen , sondern stieg die außen an der Seite emporführende Treppe hinauf , welche den rechtmäßigen Eingang ins Haus gewährte . Im Hinaufsteigen konnte er durch das Fenster sehen , und seine Auslegung der nächtlichen Briefträgerei hatte ihn nicht getäuscht , denn Christine saß allein in der Stube und las , so schien es wenigstens , ganz vertieft im Gesangbuch , auf dessen aufgeschlagener Seite ein Blättchen mit einem flammenden , von einem Schwert durchstochenen Herzen eingelegt war . Sie mußte jedoch nicht so vertieft gewesen sein , als sie scheinen wollte , denn als er zur Türe eintrat , saß sie nicht mehr am Tisch , sondern stand aufrecht mit dem Buch in der Hand ; allein so eifrig sie darin zu lesen schien , so zeigte sich doch in ihren Mienen eine Spannung und Bewegung , welche deutlich verriet , daß ihre Gedanken ganz anderswo als bei einem geistlichen Liede waren . Sie war ihm nie so schön vorgekommen : ihr helles Gesicht , obgleich heute nicht so rotwangig wie sonst , blinkte von Morgenfrische , und die gelblichblonden , streng gescheitelten Haare umschlossen es mit einem freundlichen Rahmen ; ein feuchter Schimmer schwamm in den niedergeschlagenen Augen ; durch das schwarze Gesangbuch , das in den gefalteten Händen ruhte , erhielt das gleichfalls schwarze Wams , das sonst ein alltäglicher Anblick ist , etwas Feierliches , das den lockenden Reiz der Erscheinung dämpfte ; das ärmliche Unterkleid war von einer reinlichen weißen Schürze beinahe ganz zugedeckt . Sein Herz klopfte , während er im langsamen Eintreten die liebreizende Gestalt mit den Augen verschlang . » Ist ' s erlaubt ? « sagte er , an der Türe stehen bleibend . » Ich kann ' s nicht verwehren « , antwortete sie , und ihre Augen verirrten sich von dem Liede , aber nicht weiter als bis an den Rand des Buches . » Sie trutzt mit mir « , dachte er . Beide schwiegen geraume Zeit still , dann begann er wieder : » Ich hab geglaubt , wenn man einen einlade , so vergönne man ihm auch ein gutes Wort . Wird ja einer nicht vor Amt geladen , ohne daß man ihm dort eröffnet , warum er vorgeladen ist . « » Das ist auch meine Absicht gewesen « , sagte Christine , » aber wie ich den Brief geschrieben hab und bei Nacht ausgetragen , weil ich meine Brüder nicht hab drum wissen lassen wollen , und hab nicht früher fortkommen können , als bis alles im Bett gewesen ist , da hab ich nicht gewußt , daß es mir so aufgenommen wird und so ausgelegt . Es ist mich sauer genug ankommen , denn ich hab mir wohl sagen können , daß sich so etwas nicht schickt . Deswegen bin ich nun auch bitter gestraft dafür und seh ' s jetzt vollends ganz ein , daß ich ' s hätt nicht sollen tun . « » Der Brief gilt also nichts ? « fragte er . Sie sah in ihr Gesangbuch , ohne zu antworten . Abermals folgte ein langes Stillschweigen . » Wenn ' s so steht zwischen uns « , hob er wieder an , » so hätt ich auch können daheim bleiben . « Sie legte das Buch auf den Tisch . » Es ist nicht meine Schuld « , sagte sie . » Ich hab ' s ja nicht so haben wollen . Aber ich möcht mich an keinen hängen , der schlecht von mir denkt und mich eine Nachtläuferin heißt . Ich hab noch niemand Anlaß geben , etwas Unrechts von mir zu glauben , am allerwenigsten - « Sie stockte , denn das Du wollte ihr nicht über die Lippen . » Hab ich denn wissen können , daß du meinetwegen unterwegs bist ? « rief er . » Das ist gleichviel « , erwiderte sie . » Niemand hat das Recht , wenn er mich auch bei Nacht antrifft , mir das Rumlaufen vorzurücken , und das auf eine Art , daß man wohl versteht , wie ' s gemeint ist . Ich bin noch keinem nachgelaufen und werd auch keinem nachlaufen mehr . « » Nun ja « , versetzte er , » wenn ich gewußt hätt , was für einen Botengang du tust , so hätt ich ja gewiß nichts dergleichen gesagt . « » Das glaub ich « , bemerkte sie , unmutig über diese leichte Entschuldigung . » Jetzt laß es aber gut sein ! « rief er , auf sie zugehend . » Bis du austrutzt hast und auspredigt , ist der Pfarrer mit der Predigt auch zu End . « » Nicht so geschwind ! « rief sie und wich rasch vor ihm zurück . » So ? da kann ich also heimgehen ? « sagte er , erbittert über den ernstlichen Ton , mit dem sie ihn zurückgewiesen hatte . Sie gab keine Antwort . » So kann ' s nicht zwischen uns fortgehen ! « rief er , allmählich wild werdend . » Jetzt sag ' s grad raus und laß mich nicht lang warten : wie hast ' s mit mir ? « » Ich weiß nicht « , sagte sie , » ich glaub , wir taugen nicht recht zusammen , wir zwei beide . Ich will nicht von den vielen Haken reden , die die Sach hat und die mich schon oft traurig gemacht haben . Aber wer mein Schatz sein will , der darf mich nicht so anfahren und darf mich nicht gleich beschuldigen , daß ich auf unrechten Wegen sei , eh er sich nur Zeit nimmt , die Augen aufzutun . Wenn einer auf seinen Schatz nichts hält , so tut ' s nicht gut zwischen ihnen . Mein Vater und meine Mutter sind oft hart gegen mich ; wenn mein Schatz auch so wär , was hätt ich dann gewonnen ? Mit meinem Schatz will ich ein besseres Leben führen , oder lieber will ich bleiben , wie ich bin . Es ist mir ohnehin nicht so besonders drum zu tun ; ich kann allein sein , und ich glaub , ich will ' s auch . « Obgleich er sich gestehen mußte , daß das Mädchen vollkommen recht habe , und obgleich sie ihm in diesem Augenblicke mit ihrer ganzen Art zu denken und zu reden unsäglich gefiel , denn das war nicht mehr das schüchterne , kindische Wesen , das andere Leute für sich reden ließ , so gestattete ihm doch sein starrer Trotz nicht , aus ihren Worten etwas anderes als einen bittern Bescheid herauszulesen . » Wenn man mir so ausbietet « , sagte er , » dann will ich nicht überlästig sein . « Sie schwieg , ohne aufzublicken . » Es ist also Ernst ? « wiederholte er . » Ich soll gehen ? « » Wer mir ' s so macht , den werd ich nicht bleiben heißen « , antwortete sie entschlossen , aber zugleich drangen ihr die Tränen in die Augen . » Nein ! « rief er wild , und die seinigen rollten , während er das Messer zog . » So geh ich nicht fort ! Hie auf dem Platz muß es sich zwischen uns entscheiden . Sag ja oder nein , willst du mich , oder willst du mich nicht ? Wenn du mich willst , so versprech ich dir , daß dergleichen Dummheiten , wie gestern nacht , von nun an nicht wieder vorkommen sollen , du bist ohnehin ganz allein schuld daran gewesen , weil du mich ganz wild und falsch gemacht hast die Zeit daher , und unartig will ich auch nicht mehr gegen dich sein , will dich vielmehr auf den Händen tragen und ein Leben mit dir führen , daß ganz Ebersbach ein Exempel dran nehmen soll . Willst du mich aber nicht , so verzeih mir ' s Gott , du kommst nicht lebendig von der Stell . Sieh das Messer hier , das bis jetzt bloß unvernünftigen Geschöpfen den Lebensfaden abgeschnitten hat , das soll dann ein edleres Blut trinken . Sag nein , und ich stech dir ' s ins Herz , ich treff gut , darauf kannst dich verlassen , und das auf den ersten Stoß . Der zweite dann , der gilt mir , denn wenn du nicht mein werden willst , so soll dich auch kein anderer haben , und wenn du tot bist , so will ich auch nicht mehr leben . Dich will ich , auf der ganzen weiten Welt nur dich , und wenn das nicht sein kann , so ist es zu dieser Stunde mit uns beiden aus . « Christine war einen Augenblick starr und bleich vor Schrecken dagestanden , wie er mit dem funkelnden Messer auf sie zuschritt . Bald aber änderte sich ihr Gesicht . Im Gegensatz zu ihm , der in ihren Reden nur Bitterkeit fand , sog sie aus den seinigen nur den Honig heraus . Aufgelöst durch das Übermaß von Feuer und Liebe , das aus dieser fürchterlichen Liebeserklärung hervorbrach , und ohne sich durch die rohe , gewalttätige Beimischung von neuem abstoßen zu lassen , warf sie sich ihm , als er geendet hatte , so heftig an den Hals , daß sie ihm kaum noch Zeit ließ , die Spitze des Messers zu wenden . Er schleuderte es rasch zu Boden , während sie ihn mit beiden Händen umklammerte . » Stich zu , wenn du das Herz hast ! « rief sie laut weinend . Er schlug die Arme um sie und drückte sie fest ans Herz . Sie machte die eine Hand los und hielt sie ihm vor die Augen . » Da sieh , du blinder Hess , du ungläubiger Thomas « , sagte sie , unter dem Weinen lachend , » wie kannst du so an der Wand hinauffahren und so ruchlos Zeug machen , siehst denn nicht , daß ich deinen Ring am Finger hab , seit du da bist ? Ich hab dir doch vorher müssen ein wenig schandlich tun , du unartiger Bub du ! « » Ist ' s wahr ? « rief er . » Willst mein sein ? Sag ' snoch einmal . « » Meinst du ' s auch ehrlich mit mir ? « fragte sie , indem sie den Kopf aufhob und ihm in die Augen sah . Er schwur es mit tausend Eiden , wovon einer den andern an Kraft und Derbheit übertraf . » Bist jetzt mein ? « fragte er dann abermals . » Ja ! « schrie sie unter dem Druck seiner Arme , die sie wie eiserne Klammern preßten . » Ganz mein ? « » Ganz ! Du kannst mich sieden oder braten , nur erstick mich nicht . « Er ließ sie einen Augenblick los , aber nur , um sie im nächsten desto fester in die Arme zu fassen , und die Sinne vergingen ihr unter dem Ungewitter der Leidenschaft , das über sie losbrach . Es war , als ob der Pfarrer mit den Liebenden im Bunde wäre , denn seine heutige Neujahrspredigt schien die längste werden zu wollen , die er je gehalten hatte . » Jetzt will ich gern sterben « , seufzte Friedrich , als er aus dem Rausche des Entzückens endlich wieder zu sich kam . » Noch einmal will ich dir ' s geschworen haben , daß ich nimmer von dir lassen will , was auch kommen mag , und will dir treu sein bis in den Tod . « » Du mußt jetzt nicht vom Sterben reden « , sagte ihm Christine leise ins Ohr , indem sie den Kopf verschämt an seine Schulter lehnte , » ich hab ' s jetzt doppelt nötig , daß du für mich lebst . « » Ja , ich will , und Müh will ich mir geben , daß ich immer den richtigen Weg geh und daß du keine Unehr von mir hast und keine Sorgen um mich . Gelt , das ist doch eigentlich Ursach gewesen , daß du dich so lang besonnen hast ? Gesteh ' s nur frei heraus , ich nehm ' s dir nicht übel . « » Nein « , sagte sie , » ich hab mich nie zum Richter über dich aufgeworfen und hab ' s ja wohl gewußt , wie gut du bist und daß in deinem Herzen kein fauler Butzen ist und kein falscher Blutstropfen in deinen Adern . Meinst du denn , sonst hätt ich dir so getraut ? « » Warum hast du mich dann aber so lang zappeln lassen und hast mir soviel böse Stunden gemacht ? « » Ei , bin ich ' s nicht wert , daß du dich ein wenig um mich hast verleiden müssen ? « » Freilich bist du ' s wert . Ich mein nur , wenn du so große Stück auf mich hältst , wie ich ' s in meinen Augen nicht verdien , und hast zugesehen , wie ich mich verleiden muß , so hast du ja dir auch eine Qual mit angetan . Und hast du nicht selber geschrieben , du seiest so traurig , daß du vor lauter Leid schier nicht schreiben könnest ? « » O du ! « sagte sie und schlug ihn mit dem Finger auf die Lippen . » Ich will den Baum nicht loben , der auf den ersten Streich fällt , aber du hast mir ' s doch ein wenig gar zu arg gemacht , hast mich ja am ewigen Feuer braten lassen . Hättest ' s dir selber nicht zuleid tun sollen . Jetzt sag ' s nur : warum bist so unbarmherzig gewesen gegen mich und dich ? « » Ich kann ' s nicht sagen « , kicherte Christine wie damals , als sie sich im Bäckerhause hinter dem Ofen versteckte . » Ich küss dich so lang , bis du ' s sagst , denn ich merk jetzt schon , daß es was zu bedeuten hat . « » Da kannst lang küssen . « » Oder ich drück dich , bis dir der Atem ausgeht . « » Dann sterb ich in deinem Arm . « » Wart , ich will dir schon zeigen , wer Herr ist . Willst du Daumenschrauben kennenlernen ? « Kaum hatte er ihre Finger etwas zwischen den seinigen gepreßt , so schrie sie : » Halt ! Laß nach ! Ich will ja alles gestehen ! « Sie legte den Mund an sein Ohr und sagte : » Sieh , meine Mutter hat zu mir gesagt , wenn ich einen dummen Streich mache , so schlage sie mir alle Glieder entzwei , und - « » Ja ? Und ? « » Ach , du brauchst nicht alles zu wissen . « Er erhaschte ihre Finger und wiederholte die vorige Folter . » Und damit ' s nicht zu dem kommen soll , was mir meine Mutter gedroht hat « , bekannte sie stöhnend und lachend zugleich , » hab ich dich und mich so plagen müssen . « Er lachte aus vollem Herzen . » So ? « sagte er , » du hast also so ein gut ' s Zutrauen zu mir gehabt , daß du gleich gedacht hast , du werdest dich bei mir vor einem dummen Streich nicht behüten können ? « » Ach , ich hab dich eben von Anfang an so lieb gehabt , du böser Bub du ! « » O du mein lieb ' s Weible du ! « rief er , indem er sie in seine Arme zog und ihren Kopf an sein Herz legte . » Aber das hör ich gern ! « rief sie . » Das tut mir wohl ! Oh , sag noch einmal so ! « » Mein lieb ' s Weible ! Und jetzt will ich dich auch recht um Verzeihung bitten , daß ich dir ' s so wüst gemacht hab , absonderlich gestern nacht , wo du meinetwegen ausgewesen bist und ich dir noch schnöde Reden dafür geben hab . Gelt , du verzeihst mir ' s ? Sieh , es ist mir von ganzem Herzen leid . « » So , jetzt kommst endlich , du Hinterfürhühnle ? Hast Ursach genug gehabt , das gleich zu sagen , aber der hochmütig Herr hat sich nicht runter geben wollen . « » Ja , sieh , um Verzeihung bitt ich niemand , als einen recht guten Freund , und von dir hab ich vorhin noch nicht gewußt , ob du Freund oder Feind mit mir bist . « » Oh , geh du ! Du hast wohl gewußt , daß ich dir nicht feind bin . Aber gelt , jetzt glaubst , daß du den besten Freund auf der Welt an mir hast ? « Er beteuerte ihr diesen Glauben mit wiederholten Liebkosungen . » Was hast denn zu meinem Brief gesagt ? « fragte sie nach einer Weile . » Gelt , du hast gewiß gesagt : jetzt kriecht sie endlich zu Kreuz ? « » Ich hab denkt : so , jetzt ist sie endlich in sich gangen und bereut ' s , daß sie so unchristlich gewesen ist und sich und mir das Leben so sauer gemacht hat . « » Was nicht sauret , das süßet auch nicht . Aber was hast du denkt , daß ich so wüst geschrieben hab ? Ich hab ' s schier im Finstern tun müssen . « » Schreib du , wie du willst , mir ist alles recht , was du schreibst . Wirst ' s schon noch besser lernen , bis du Sonnenwirtin bist , und die Rechnungen und Geschäftsbriefe kann ich ja einmal selber schreiben . « » Ja , das glaub ich , daß es noch eine gute Zeit anstehn wird , bis ich Sonnenwirtin bin . « » Nun ja , du wirst doch meinem Vater nicht um den Tod beten ? « » Gott behüt und bewahr mich ! « rief Christine eifrig . » Gelt , das ist nicht dein Ernst ? Nein , ich gönn ihm und wünsch ihm noch ein langes Leben - « » Und Enkel genug ? « Sie schlug ihn auf den Mund . » Ich hab nur sagen wollen , es wird noch manches Wässerlein den Bach hinunterlaufen , bis man uns zusammenläßt . Ach , ich bin eben ein gering ' s Mädle und von armen Eltern , und die deinigen sind reich und hoffärtig ; du kannst ' s dir selber sagen , daß es da nicht so ganz glatt gehen wird . Mir selber geht auch viel ab , was zu dem Stand gehört . Wiewohl , ich will dir versprechen , daß ich ' s an nichts fehlen lassen will , und nichts versäumen , was ich noch lernen kann . Aber wenn auch du vielleicht mit einem solchen Versprechen zufrieden bist , so ist ' s dein Vater noch lang nicht , denn er sieht noch auf ganz andere Eigenschaften . « Er ging mit starken Schritten vor ihr in der Stube hin und her . » Ich will dir nichts vormachen , was nicht wahr ist « , sagte er . » Ich kann zwar im jetzigen Augenblick , glaub ich , viel auf meinen Vater bauen , aber so leicht wird ' s nicht gehen , daß ich sagen kann : ich darf nur blasen . Er wird vielleicht ein wenig aufgucken , wenn ich ihm sag , was ich vorhab ; sein Leibstückle ist ' s nicht , denn das hat einen anderen Klang . Wir müssen uns also darauf gefaßt machen , daß man uns ein paar Berg in Weg wirft , und falsche Zungen können auch dazwischenkommen . Aber , wie gesagt , ich steh jetzt mit meinem Vater so , daß ich hoffen kann , wenn er meinen Ernst sieht , so gibt er nach . Die Hauptsach aber ist : ich hab dich lieb und will dich , und mir bist du recht , und darum mußt auch allen anderen gut genug sein . Ich will doch sehen , wer mir das über den Haufen wirft , was ich mir einmal fürgenommen hab . Ich bin fest überzeugt und weiß ganz gewiß , wenn ein Mensch seinen Willen ernstlich auf etwas setzt , und es ist nichts Unrechts , so führt er ' s auch durch . Ich aber hab meinen Sinn fest darauf gerichtet , daß du mein Schatz und mein Weib werden sollst , und wie ich meinen Willen bei dir erreicht hab , so werd ich ihn bei meinen Eltern und bei den deinigen erreichen . « Christine