Sie sich deutlicher aus , theuerster Anton ! « » Sie wissen wohl , daß ich nicht Anton , sondern August heiße , « entgegnete betrübt der Lehrling . - » Haben Sie den Herrn Erichsen gesehen ? « » Sonderbare Frage ! « meinte Herr Beil , indem er den Bogen Papier weit von sich abhielt , um den Totaleindruck der Zeichnung besser zu genießen . » Ach ! ist das nicht ein angenehmer junger Mann ! « fuhr August fort , » so elegant gekleidet , feine helle Handschuhe , so ein schönes und freies Benehmen , und hat was gelernt . Wenn ich dagegen unsereins ansehe - « » Unsereins ! « entgegnete der Commis scheinbar entrüstet , indem er die eine Spitze seines gewaltigen Schnurrbarts in die Höhe drehte . - » Unsereins ! Nun ich denke , meine Repräsentation ist auch nicht ganz Ohne , und wenn Sie fleißig Brochuren verpacken , pünktlich Ihre Pakete austragen , und wenn dann einstens Herr Blaffer stirbt und Sie zum Erben einsetzt , so können Sie auch gute Paletots tragen und seine Handschuhe . « » Ach , machen Sie doch nicht immer Ihre Spässe , mit denen es Ihnen doch nicht Ernst ist ! « » Das ist mein blutiger Ernst , Sie junger Wortklauber ; ich halte was auf mich , und wenn ich einmal zufälliger Weise in die rechte Carrière hinein gerathe , so sollen Sie ihr blaues Wunder sehen . - Der Buchhandel , « setzte er mit anderem Tone hinzu , » ist freilich auch nicht das , was mir in meinen süßen Träumen vorschwebt . « » Ach , Herr Beil , « fuhr der Lehrling fort , ohne seinen Blick vom Boden zu erheben , » hätte man mich nur was Rechtes lernen lassen , glauben Sie mir , ich habe den Kopf dazu . Wollte ich doch auch ein Zeichner und Maler werden , und als ich noch in die Schule ging , da sagten die Lehrer , ich hätte ein schönes Talent und es könnte auch einmal etwas Gutes aus mir werden . « » Immer die alte Jeremiade ! « antwortete Herr Beil , indem er das Papier sinken ließ und den Lehrling nicht ohne Interesse betrachtete . - » Sie sind aber ein junges Ungeheuer , « fuhr er nach einer Weile im früheren Tone fort ; » lehrt Sie der Herr Blaffer nicht täglich und stündlich etwas Gutes und Neues , Sie und Ihre Schwester Maria ? « » Ich kann eigentlich nicht verlangen , daß er mich hätte sollen viel lernen lassen , « entgegnete der Andere , » aber so ein paar Privatstunden hätte ich wohl noch haben sollen . « » Wie nahe ist Ihnen der Herr Blaffer verwandt ? « fragte nachdenkend der Commis , der die vorige Rede überhört zu haben schien . » Eine eigentliche Verwandtschaft existirt gar nicht zwischen uns , nur war er mit meinem Vater sehr befreundet . « » Und als Ihre Mutter starb , hatte unser ehrbedürftiger Principal , den Gott erhalten möge , diverse Forderungen an sie zu machen . Sie aber hatten keine lebende Seele , weßhalb Sie in ' s Blaffer ' sche Haus kamen ! « » Mit meiner Schwester Marie . « » Und Ihrem Vermögen , was schon lange darauf gegangen sein soll für Ihren Lebensunterhalt . - So sagt man nämlich , und damit ihr Beide auch als nützliche Mitglieder der menschlichen Gesellschaft heran gebildet würdet , avancirten Sie zum zehnjährigen Lehrling , und sie - Maria nämlich - versieht die Stelle unseres Dienstmädchens . « - Diese letzten Worte sprach Herr Beil mit einer merkwürdigen Weichheit , während er nachdenkend an die Ecke des Zimmers blickte . - Einige Augenblicke darauf aber kehrte er wie gewaltsam zu seinem früheren Humor zurück , indem er laut lachend nochmals auf die Zeichnung schaute , sie alsdann zusammen faltete und in die Tasche steckte . » Meiner Seel ' ! « sagte er , » es ist zwölf Uhr vorüber , jetzt will ich einmal Hausinspection halten und nach Küche und Köchin sehen . « Ehe Herr Beil hierauf das Comptoir verließ , zog er einen bessern Rock an , der hinter der Thüre hing , brachte Haar und Bart in Ordnung und ging in ' s Nebenzimmer , von wo man unterdessen Tellergeklapper vernahm . Hier befand sich die Schwester des Lehrlings , welche wir dem Leser mit einigen Worten vorzustellen uns veranlaßt sehen . Es ist das ein junges Mädchen von vielleicht achtzehn Jahren , von feiner Gestalt , kleinen Händen und Füßen , einem runden , frischen Gesicht , welches dunkelblondes Haar umgibt , kurz von einem Aeußeren , das eigentlich gar nicht zu der groben Kleidung paßt , die es bedeckt . Noch weniger harmonirt damit ihr eleganter , schlanker Oberkörper , der an der Taille zu umspannen ist , und der gegen oben zu einer wahrhaft bewunderungswürdigen Breite und Fülle aus einander geht . Wenn man die Schwester neben dem Bruder , dem Lehrling nämlich , sah , so hätte man ihrem Wesen nach glauben können , er sei das Mädchen und sie der Knabe . August war zärtlich , erschrocken , mit weichem , biegsamen Gemüth , sie dagegen keck , lustig , ja trotzig und widerstrebend . Herr Blaffer hatte mit dem Mädchen eine gar eigenthümliche Erziehungs- und Behandlungsweise eingeschlagen , welche übrigens nicht dazu beitrug , ihren Charakter weicher zu machen . Bald schien er in ihr die Tochter eines Freundes zu sehen , und redete ihr lieblich , ja schmeichelnd zu , ja auffallend schmeichelnd , wie Herr Beil behauptete ; bald aber behandelte er sie mit der größten Härte , ließ sie alle niedrigen Dienste verrichten und strafte sie unnachsichtlich für die kleinsten Vergehungen . Er behauptete , sie habe ein etwas leichtsinniges Temperament und ein sehr undankbares Gemüth , was sie namentlich darin bewies , daß sie die Freundlichkeit , mit der sie meistens die Männer behandelte , die mit ihr in einige Berührung kamen , durchaus nicht auf ihren Umgang mit ihrem Herrn und Meister ausdehnen wollte ; sie war eine widerspenstige Sklavin , wie sich der Buchhändler schon hatte vernehmen lassen , wenn er nämlich nicht daran gedacht , daß sich Herr Beil in seiner Gehörweite befand . Der Commis aber befand sich oft in dieser Gehörweite , ohne daß es der Principal wußte , und wir können dieses an sich tadelnswerthe Betragen nur dadurch entschuldigen , daß sich Herr Beil auf ' s Heftigste in das Mädchen verliebt hatte und in beständiger Angst lebte , die Zwistigkeiten zwischen Herr und Dienerin , die oftmals ausbrachen , könnten einmal für das Mädchen auf sehr unangenehme Art endigen . Das mußte schon wahr sein , Maria gab sich häufig nicht einmal die Mühe , ihre Scheu , ja ihren Widerwillen vor ihrem Herrn zu verbergen , namentlich in jenen Tagen nicht , wo er es versuchte , sie durch Liebe und Sanftmuth zu erziehen . Dann war ihre Laune unerträglich , wogegen sie ordentlich aufzuleben schien , und sich auf ihrem schönen Gesichte Frohsinn und Heiterkeit abspiegelte , wenn sie Scheltworte und die schlechteste Behandlung mit oder ohne Veranlassung zu ertragen hatte . Seit einigen Tagen war in dem Hause vollkommen ruhiges Wetter gewesen , ja Herr Blaffer hatte sich auffallend sanft benommen und sogar einmal die Aeußerung gethan , er sehe ein , das passe sich eigentlich nicht , daß Maria in seinem Hause alle die niedrigen Dienste versehe , und er finde es angemessen , nächstens ein wirkliches Dienstmädchen anzustellen . Diese Aeußerung hatte dem Herrn Beil einen Stich in ' s Herz gegeben , und er setzte seine Beobachtungen um so eifriger und genauer fort , als Maria ihm sichtlich auswich , oft in tiefen Gedanken vor sich hinstarrte und sich durch keinen lustigen Einfall aufheitern ließ . Obgleich der Commis , wie schon gesagt , das Mädchen liebte , so sind wir doch durchaus nicht berechtigt , an eine Gegenliebe zu glauben . Sie benahm sich gegen ihn nicht freundlicher und zuvorkommender als gegen jeden Anderen , und Herr Beil warf während vieler schlimmen Stunden in seinem Kopfe die schreckliche Vermuthung umher , irgend ein unternehmender junger Mann habe sich vielleicht in ihr Herz geschlichen und mache es unempfänglich für all ' die Beweise von Zuneigung und Liebe , die er ihr schon gegeben . Unterdessen hatte sie den Tisch gedeckt , das mehr als bescheidene Essen aufgetragen , und die Drei setzten sich dazu hin , ziemlich stumm und einsylbig ; der Lehrling ließ den Kopf hängen , der Commis hatte keine guten Einfälle , und wenn er einen höchstens halbwegs ordentlich zu Tage brachte , so hatte dieser nur die Wirkung , daß das Mädchen , das , ohne einen Bissen anzurühren , auf ihren Teller hinstarrte , erschrocken in die Höhe fuhr und mit einem sehr erkünstelten Lächeln um sich schaute . Vierzehntes Kapitel . Häusliche Scenen . Auf dem Kirchhofe der Stadt , den wir in einem der vorigen Kapitel verließen , fanden , wie der geneigte Leser bereits weiß , an jenem Morgen zwei Begräbnisse Statt . Das erste , das vornehmere , war das einer sehr alten und sehr adeligen Stiftsdame , die es ihren nun lachenden Erben recht sauer gemacht hatte . Es war eins von jenen kränklichen Wesen , von denen man achselzuckend spricht : » und sie lebt immer noch ? « - eine Frage , die aber Jahrzehnte und Jahrzehnte mit einem » Ja ! « beantwortet wird . Endlich aber hatte der unerbittliche Tod das hochadelige Wappen nicht länger geachtet und der alten Dame zum letzten Reigen die Hand gereicht , was ihr gerade in diesem Augenblicke sehr unangenehm und unerwartet kam , denn es kreuzte einige Entwürfe , die sie nächstens auszuführen beschlossen hatte . Aber da wir Alle des Todes allerleibeigenste Sklaven sind , so genügte , wie schon gesagt , ein Wink von diesem Tyrannen , und sie , die gestern noch in dem Hofcercle so außerordentlich recherchirt war , und so angenehm mit den hohen und höchsten Herrschaften geplaudert hatte , ließ nun Fächer und Blumen plötzlich den steifen Fingern entgleiten und streckte sich lang aus , jenen gewissen eigenthümlichen Zug im Gesichte , den alle glücklichen , zufriedenen Menschen , wie zum Beispiel ihre gestrige Gesellschaft , nicht ohne einen unerklärlichen Schauder anzusehen vermögen . Die Stiftsdame war sehr vornehm und sehr stolz gewesen ; doch hatte sie sich in allen Ständen der Gesellschaft einen freundlichen Namen erworben , denn sie gab den Armen und sonstigen Hilfsbedürftigen nicht ungern , namentlich aber da , wo die öffentlichen Blätter ihre Gabe , Größe und Zweck derselben , in mehreren dankerfüllten Zeilen dem allgemeinen Publikum tiefgehorsamst ersterbend hinstammelten . Sie war zur selben Stunde gestorben , wie das kleine Schwesterchen der Tänzerin , nächtlicher Weile , als noch tiefe Schatten über Wald und Flur lagen . Vielleicht hatten die beiden aufschwebenden Seelen einen und denselben Weg , und zogen , nachdem alle Standesunterschiede abgestreift , Hand in Hand dahin . Sollte aber auch sogar der Tod dieses Gleichheitsprinzip nicht durchzusetzen vermögen , so könnten wir auch vielleicht annehmen , der arme kleine Engel sei gerade zur rechten Zeit mit der alten Stiftsdame gestorben , um , hinter ihr drein gleitend , die lange weiße Schleppe zu tragen . Wenn sich aber zufällig ihre Wege theilten , und die kleine unschuldige Seele , an Freuden und Erlebnissen leicht , lustig aufwärts flatterte , während die andere , an Thaten und an Ehren reich , nicht im Stande war , sich so weit empor zu schwingen , so blickte sie vielleicht zum ersten Male sehnsüchtig nach dem armen Kinde und sprach ein leises Gebet , es möge droben ein stilles Fürwort für sie einlegen , oder es möge die kleinen Händchen niederstrecken und sie mit sich empor ziehen . Das sind übrigens Ansichten und Phantasieen , und das Wahre all der Sache ist , daß das Kind , wie wir bereits wissen , in einem Winkel beerdigt wurde , während der Leichenconduct der Stiftsdame sich über den schönsten Theil des Kirchhofes verbreitete , und dort bei der Begierde , die vortreffliche Rede zu hören , von manchem stillen , bescheidenen Grab Immergrün und Epheu schonungslos niedertrat . Der Zug war in jeder Hinsicht imposant zu nennen . Da waren alle Schichten der Gesellschaft vertreten , da fuhren glänzende Wagen in der königlichen Livree , denen der Prinzen , der hohen Würdeträger bei Hof , der Minister , des niederen Adels , der reichen Bürgerschaft , der Beamtenwelt , kurz , wer eine Equipage hatte , die sich anständiger Weise hinter die lange Reihe anschließen konnte . Da saßen die Kutscher der höchsten Herrschaften gravitätisch auf ihrer Bockdecke , die Peitsche hoch , das wettergebräunte Gesicht und die rothen Nasen mit einem leichten künstlichen Anflug von Schwermuth schattirt ; da kamen ihre minder vornehmen Collegen mit minder vornehmer Haltung , aber in ihren reichsten Anzügen ; ihnen folgten endlich die Kutscher der Anverwandten in der schwarzen Trauerlivree , Florepaulettes auf den Schultern , ganz in schwarzes Tuch gekleidet und mit ziemlich zerknirschter Miene . Daß die meisten Wagen leer fuhren , versteht sich von selbst ; ihnen schloß sich erst eine unendliche Reihe Fußgänger aller Stände an , würdevoll einher schreitend , den Blick zu Boden , die eine Hand vielleicht in die Brust des Paletots vergraben , und in leisem Gespräch , natürlicher Weise handelnd von den Tugenden der Verblichenen . Wenn man aber auch über andere Dinge sprach , so gab man sich doch das Ansehen , als sei man mit Leib und Seele bei dem traurigen Geschäfte , und es wurde vielleicht über einen Proceß , ein Avancement , über die Fünfprocentigen oder die Preise von Baumwolle und Käse nur mit hoch emporgezogenen Augenbrauen gesprochen , begleitet von ernstem , würdigem Kopfnicken und salbungsvoll herabhängender Unterlippe . Die Gefühle der meisten Leidtragenden , wenn sie nicht gerade den nächsten Verwandten angehören , treten in ihren Contrasten während des Hin- und Herweges am schärfsten bei einem militärischen Begräbnisse hervor . Wie dumpf und schauerlich wirbeln die Trommeln , wie klagen die Hörner in einzelnen schwermüthigen Accorden auf dem Hinwege , wie abgemessen und langsam ist der Schritt der Colonne , die mit dem Kameraden geht , und wie ernst und düster die Haltung , mit der sie um das Grab stehen , bis es zugeschaufelt ist . Sobald dies aber geschehen , hebt der kleine Tambour seine Trommel in die Höhe , schraubt das Kalbfell schraffer und spuckt auch gelegentlich und verstohlen in die Hände , um seine Schlegel recht behend und flink rühren zu können , denn kaum haben sie dem Kirchhof den Rücken gekehrt , so schwingt der Tambour-Major schon mit einer ganz anderen Miene seinen Stock , und die Trommeln , auf denen es vorhin klang : drum - drrum - drrrrrum - drrum - drum - drrrrum ! schallen jetzt Rataplan - rataplan - rataplan - plan - plan , und darauf fällt die Musik ein , aber lustig , heiter und schmetternd ; der Choral ist vergessen und irgend ein klingender Marsch führt die Truppen , nun um einen stillen Mann weniger , nach der Kaserne zurück . Bei bürgerlichen Begräbnissen ist das , wenn auch mit weniger Geräusch und weniger auffallend , die gleiche Geschichte . Die würdigen Kutscher wenden ihre Wagen nach der Ceremonie um und suchen einer an dem andern vorbei in vollem Trabe nach Hause zu kommen , wobei es denn nicht selten eine Bemerkung , ein Wort setzt , das durchaus nicht passen will zu der ernsten Haltung von so eben . Von den Fußgängern sind manche draußen vor dem Thore geblieben , denn der Nasen ist feucht , Erkältungen in dieser Jahreszeit sehr gefährlich , und der Anblick der stillen Hügel mahnt auf so unangenehme Art an die Vergänglichkeit alles Irdischen . Was nun aber , erbaut von der Predigt , wieder heraus kommt , löst sich in einzelne Gruppen auf und geht plaudernd , guter Dinge , auch wohl lachend nach Hause ; Mancher schlägt für sich sein Rataplan und denkt : es ist gut , daß ich diesmal noch zu den Begleitern gehöre . Unter den Haufen , die sich an diesem Morgen nun nach allen Seiten hin zerstreuen , bemerken wir einen dicken Herrn , mit stattlichem , umfangreichem Oberkörper , aber etwas gekrümmten Beinen , die wahrscheinlich der Last , die sie Jahre lang tragen mußten , am Ende erlagen , nachgaben und etwas Sichelförmiges annahmen . Der schon ziemlich alte Herr hat ein volles , wohlwollendes Gesicht und gibt sich offenbar die Mühe , namentlich wenn er grüßt , sehr würdevoll und gravitätisch auszusehen . Zu diesem Zweck zieht er alsdann seine Augenbrauen finster zusammen , ist aber nicht im Stande , einen lachenden Zug um den gutmüthigen Mund zu vertilgen , weßhalb sein Gesicht bei diesen Veranlassungen meistens in einer lustigen Composition von Ernst und Scherz erscheint . Zu beiden Seiten desselben gehen zwei junge Männer von einigen dreißig Jahren , der Eine blond , mit einem offenen , gutmüthigen Gesicht , nachdenkenden Augen , in welchen man hie und da Zerstreutheit liest , der Andere mit dunklem Haar und Backenbart , mit einer Brille auf der Nase , hinter der sich ein paar stechende Augen befinden . » Ich sage euch , « bemerkte der alte Herr , indem er ruhig eine Prise nahm , » die verstorbene Stiftsdame war eine respektable Frau . Was hat sie nicht Alles den Armenanstalten unserer Stadt gethan , und wie herablassend war sie nicht gegen Jeden , der mit ihr umging ! - - Herablassend sage ich und wiederhole es ; sie , eine Baronesse von einem der besten Häuser ! Hat sie nicht meine Frau , so oft sie uns besuchte , mit - mit - wie soll ich sagen ? - ja , mit wahrer Freundschaft behandelt ! « » So oft sie zu uns kam ! « versetzte spöttisch der Herr mit der Brille . » Aber welches waren die Veranlassungen zu diesen Besuchen ? « » Nun , « entgegnete der alte Herr , indem er die Hände von sich streckte , » die Veranlassungen waren die edelsten und besten ; sie veranstaltete Sammlungen zur Ausstattung armer Mädchen und zur Unterstützung hülfsbedürftiger alter - « » Schnappstrinker . « » Wa-s ? « fragte der alte Herr , der dies Wort nicht recht verstanden hatte . - » Und abgesehen von diesen Besuchen begegneten wir ihr nie am dritten Orte , ohne daß sie ein charmantes Lächeln , eine freundliche Begrüßung für uns hatte . « » Und für unsere Kasse , « warf der Andere ein . » Sonst aber ließ sie uns , wie ich es auch begreiflich finde , auf der Stufe stehen , zu der wir gehören , und wenn sie auch gnädiger Weise zu uns herabstieg , so konnten wir doch verschlossene Thüren finden , wenn wir es uns einfallen ließen , einmal eine Treppe höher anzuklopfen . « Der alte Herr zuckte die Achseln und sagte : » Das finde ich ganz in der Ordnung ; streng geschiedener Rang und Stand ist durchaus nothwendig , und daß das auch in meinem Hause so gehalten wird , darein setze ich meinen Stolz . « » Namentlich Mama , « sagte träumerisch der andere junge Mann mit dem blonden Haar . » Allerdings ; deine Mutter ist von strengen Grundsätzen , und das ist ein Segen , der im ganzen Hauswesen sichtbar wird . « » Nur bei Einem dieses Hauswesens , « bemerkte lachend der mit der Brille , » ist von diesem Segen nicht viel zu sehen . Arthur hat von den Grundsätzen Mama ' s nie viel profitirt . « » Arthur ist leider ein Künstler , « entgegnete der alte Herr , » und kommt hiedurch in Kreise und Berührungen , die freilich nicht besonders gut auf ihn einwirken , aber - « » Laßt doch die Geschichten gehen ! « meinte der mit dem blonden Haar . » Ich weiß nicht , Alfons , daß du nie mit deinen Neckereien und Sticheleien aufhören kannst ; wahrhaftig , das wird am Ende unerträglich , und du kannst keine Stunde damit still sein . Ich möchte nicht deine Frau sein . « » Und ich nicht der Mann deiner Frau , « entgegnete Alfons mit einem unangenehmen Lächeln . Bei welchen Worten über das Gesicht des andern jungen Mannes etwas wie ein leichter Schmerz zuckte . Er biß sich auf die Lippen , reichte dem dicken Herrn die Hand und sagte : » Ich muß einen Augenblick nach Hause , komme aber später . Adieu Papa ! « Das Zwiegespräch der beiden jungen Leute war ziemlich leise geführt worden , und der alte Herr , der einen Schritt voraus war , hatte es nicht so recht verstanden . Er reichte dem Abschiednehmenden die Hand und rief ihm dann nach : » Vergiß nicht zu Tische zu kommen , Eduard ; du weißt , Mama hat euch eingeladen . « Darauf ging er mit dem Herrn , welcher die Brille trug und der sein Schwiegersohn war , die gerade Straße hinab , der Andere dagegen , sein wirklicher Sohn , bog links ein und schritt langsam einem großen Hause zu , in dessen erstem Stock er wohnte . Es war , wie wir wissen , Winter , und ein ziemlich kalter und rauher Morgen . Auf der Treppe des Hauses saß ein kleines Mädchen von vielleicht drei Jahren , in einem eleganten feinwollenen Kleidchen , aber es saß auf dem kalten Steine und seine Aermchen und Nacken waren ganz roth vor Kälte . Der junge Mann trat erschrocken näher , hob das Kind auf und fragte : » Was thust du hier , Anna ? Warum bist du nicht droben im warmen Zimmer ? - Wer hat dich so allein auf die Straße gelassen ? - Ist Oscar droben oder wo ist er ? « Das kleine Mädchen , ein hübsches Kind mit klaren braunen Augen , lächelte über die hastigen Fragen des Papa ' s. » Ich bin herunter gegangen , « entgegnete es , » die Thüre war offen , Oscar ist freilich auch mit gegangen , aber er ist um die Ecke gelaufen , und will sich um einen Sechser Bindfaden kaufen . « » Und Mama ist oben ? « » Ich glaube wohl , « erwiderte das Kind gleichgültig , » habe sie aber schon lange nicht mehr gesehen . « Der junge Mann biß die Zähne über einander , nahm seine Tochter auf den Arm und stieg hastig in den ersten Stock des Hauses , vor dem dies kleine Zwiegespräch geführt wurde . Eine breite und hohe Glasthüre , die von der Treppe auf den Gang führte , stand offen ; links befand sich Küche und Kinderzimmer , und aus dem letzteren erscholl ein lautes und lustiges Lachen . Der Hausherr setzte das Kind auf den Boden und schritt rasch auf die Thüre zu , hinter welcher es so fröhlich zuging . Er öffnete sie heftig und sah , was er auch nicht anders erwartet , seine sämmtliche Dienerschaft , Köchin , Stubenmädchen und Kindsfrau in heiterer Unterhaltung begriffen , während draußen die Thüre offen stand und während eines seiner lieben Kinder fast unangezogen in der Kälte vor der Hausthüre saß , und das andere , ein Bübchen von vier Jahren , ohne Aufsicht in der Nachbarschaft herum lief . Man hätte es dem Vater nicht verdenken können , wenn er in diesem Augenblicke seinen Spazierstock zu einem andern Zwecke benutzt hätte ; doch bezwang er sich und fragte mit ernster und fester Stimme : » Wo sind die Kinder ? « In dem Augenblicke , wo der Hausherr erschien , hatte jede der drei dienenden Damen mit einer unglaublichen Geschwindigkeit und Geistesgegenwart irgend ein Stück Arbeit ergriffen ; die Köchin that , als habe sie sich ein Haushaltungsbuch geholt , das Stubenmädchen fuhr mit der Schürze leicht über den Tisch , und die gewissenhafte Hüterin der Kinder nahm etwas Wäsche aus einem neben ihr stehenden Korbe . » Die Kinder waren im Augenblicke da , « sagte die Letztere mit ziemlich gleichgültigem Tone , » sie werden im Salon oder Schlafzimmer sein . « » Sie werden sein ! « entgegnete heftig der junge Mann . » Ist das auch eine Antwort : sie werden sein ? Sind Sie vielleicht dazu da , um mir so unbestimmte Antwort über das Ihnen Anvertraute zu geben ? « Die also Angesprochene zuckte die Achseln ; die Köchin sah ihren Herrn mit einem unfreundlichen Blick an , und das Stubenmädchen eilte naserümpfend hinweg , und man hörte sie draußen auf dem Gange sagen : » Es ist doch in dem Hause keine Ruhe , jetzt haben wir schon wieder Aerger und Lärmen ! « » Anna saß vor der Thüre auf der kalten Treppe , « sprach der Vater des kleinen Mädchens , indem er sich gewaltsam bezwang , » und mein Bube läuft ohne Aufsicht in der Nachbarschaft herum . Heißt das vielleicht Ihre Pflicht erfüllen ? « » Die Kinder sind erst vor ein paar Sekunden fort gegangen . Anna kann sich kaum niedergesetzt haben und Oscar muß da unten vor dem Hause sein . « » So gehen Sie augenblicklich und holen ihn ; schließen Sie die Glasthüre zu und behalten hier die Kinder bei sich im warmen Zimmer . Ich sage Ihnen , Frau Bendel , nehmen Sie sich ja in Acht oder es geht mit uns Beiden auf eine sehr unangenehme Art auseinander . « » Ich thue was ich kann , « entgegnete die Person weinerlich ; » aber ich weiß , Sie mögen mich nicht leiden , und wenn Madame nicht so mit mir zufrieden wäre , so hätte ich schon lang dieses Hans verlassen . « Der Hausherr gab weiter keine Antwort , doch ballte er die rechte Faust heftig zusammen , seufzte tief auf und trat anscheinend ruhig in das Zimmer seiner Frau . Obgleich es bereits eilf Uhr war , hatte Madame doch eben erst ihren Kaffee getrunken . Sie war eine junge und hübsche Frau mit stark blondem Haar , welches noch vollkommen unfrisirt unter einer zerzausten , aber mit Blumen besetzten Haube stak . Der übrige Anzug paßte hiezu : sie trug einen wohl feinen und eleganten Morgenrock , doch hatte sie ihn weder um ihre schlanke Taille zusammen gezogen , noch oben gehörig befestigt , und hatte , um die hierdurch entstandenen Blößen zu bedecken , darüber eine Sammtmantille geworfen , die , nur für die Straße bestimmt , jetzt an der Rücklehne und auf dem Sitz grausam zerknittert wurde . Madame erhob nicht den Kopf beim Eintritte ihres Gemahls , ja sie gab dem kleinen Fauteuil , in welchem sie saß , durch einen heftigen Ruck eine solche Richtung , daß sie dem Eintretenden den größten Theil ihres Rückens zuwendete . » Ich bin es , mein Kind , « sagte der junge Mann mit ziemlich sanfter Stimme . Er erhielt keine Antwort . » Ich bin so eben von dem Begräbniß der Fräulein von M. zurückgekehrt ; du warst noch nicht auf , als ich ging . Wie befindest du dich , hast du gut geschlafen ? « Madame zuckte statt aller Antwort die Achseln und öffnete phlegmatisch ein Buch , das in ihrem Schooße lag . » Ich möchte wissen , wie du geschlafen hast , « fuhr der junge Mann mit etwas stärkerer Stimme fort . Worauf sie abermals die Achseln zuckte , den Kopf halb herum warf und mit moquantem Tone entgegnete : » Was kümmert dich meine Nachtruhe , überhaupt meine Ruhe ? Man hat ja vor dir doch keinen Frieden , nicht bei Tag , nicht bei Nacht . « » Wie , du hast vor mir keinen Frieden ? « » Oh ! « entgegnete Madame mit aufgeworfener Oberlippe , » es war recht ruhig , so lange du fort warst , aber kaum betrittst du das Haus , so beginnt gleich wieder dein Schelten mit den armen Dienstboten . « » Mit den armen Dienstboten ! « erwiderte er , indem sein sonst so sanftes Auge anfing aufzuflammen . » Ah ! mit den armen Dienstboten ! Hat Jungfer Babett wieder rapportirt ? es ist übrigens gar nicht einmal der Fall , daß ich besonders heftig geworden bin , obgleich ich , bei Gott im Himmel ! die gegründetste Ursache gehabt hätte . « Es erfolgte keine Antwort , vielmehr schien sich Madame eifrig in die Lectüre ihres Buches zu vertiefen . » Du weißt natürlicher Weise nicht , wo die beiden Kinder sind ? « » In sehr guten Händen , hoffe ich ; die Kindsfrau hat mein volles Vertrauen . « » Nun denn , als ich eben nach Hause komme - es hat beiläufig gesagt zwölf Grad Kälte - sitzt Anna in einem dünnen Kleidchen vor der Hausthüre , und Oscar läuft in der Nachbarschaft herum , die drei Frauenspersonen aber sitzen drüben in dem Zimmer , plaudern auf ' s Eifrigste und thun nicht , als ob überhaupt Kinder für sie in der Welt wären . « » Und das wundert dich ? « sagte Madame nach einer peinlichen Pause . » Wie verstehe ich deine Frage ? « » Anna wird an die Treppe gelaufen sein , ihren lieben Papa zu empfangen , ihm ihren guten Morgen zu bringen , ihm zu schmeicheln . Es könnte das eigentlich komisch erscheinen ; die Kinder werden ja förmlich dressirt , dich als erste , ja ich möchte sagen , als einzige Person im Hause zu betrachten . « » Und wer dressirt die Kinder so , um