, mich wenig um die Wahrheit seiner Prahlereien bekümmerte , fing er an , mich mit Zweifeln an der Wahrheit der meinigen zu quälen und auf Beweise zu dringen . Als ich einst flüchtig von einer mit Gold und Silber gefüllten Kiste erzählte , welche ich in unserm Kellergewölbe stehen hätte , drang er auf das heftigste darauf , dieselbe zu sehen . Ich gab ihm eine Stunde an , zu welcher dies möglich wäre , und er fand sich pünktlich ein und versetzte mich in eine Verlegenheit , an welche ich im mindesten bisher noch nie gedacht hatte . Aber schnell hieß ich ihn eine Weile warten vor dem Hause und eilte in die Stube zurück , wo in dem Sekretär meiner Mutter ein altertümliches hölzernes Kästchen stand , welches einen kleinen Schatz an alten und neuen Silbermünzen und einige Dukaten enthielt . Dieser Schatz umfaßte einesteils die Patengeschenke aus der Kinderzeit meiner Mutter , andersteils meine eigenen und war sämtlich mein erklärtes Eigentum . Die Hauptzierde aber war eine mächtige goldene Schaumünze von der Größe eines Talers und bedeutendem Werte , welche Frau Margret in einer guten Stunde mir geschenkt und der Mutter zum sichern Verwahrsam eingehändigt hatte zum treuen Angedenken , wenn ich einst erwachsen , sie hingegen nicht mehr sein werde . Ich durfte das Kästchen hervornehmen und den glänzenden Schatz beschauen , sooft ich wollte , auch hatte ich denselben schon in allen Gegenden des Hauses herumgetragen . Ich nahm ihn also jetzt und trug ihn in das Gewölbe hinunter und legte das Kästchen in eine Kiste , welche mit Stroh gefüllt war . Dann hieß ich den Zweifler mit geheimnisvoller Gebärde hereinkommen , lüftete den Deckel der Kiste ein wenig und zog das Kästchen hervor . Als ich es öffnete , blinkten ihm die blanken Silberstücke gar hell entgegen , als ich aber die Dukaten und zuletzt die große Münze hervornahm , daß sie im Zwielichte seltsam funkelte und der alte Schweizer mit dem Banner , der darauf geprägt war , sowie der Kranz von Wappenschilden zutage traten , da machte er große Augen und wollte mit allen fünf Fingern in das Kästchen fahren . Ich schlug es aber zu , legte es wieder in die Kiste und sagte : » Siehst du , solcher Dinge ist die Kiste voll ! « Damit schob ich ihn aus dem Keller und zog den Schüssel ab . Er war nun für einmal geschlagen , denn obgleich er von der Unwirklichkeit unserer Märchen überzeugt war , so gestattete ihm doch der bisher festgehaltene Ton unseres Verkehrs nicht , weiterzudringen , da es auch hier die rücksichtsvolle Höflichkeit des Lebens erforderte , den mit guter Manier vorgetragenen blauen Dunst bestehen zu lassen . Vielmehr gab meinem Freunde diese vorläufige Toleranz Gelegenheit , mich zu weiteren Lügen zu reizen und auf immer bedenklichere Proben zu stellen . Wir trafen bald darauf , als es gerade Meßzeit war , am Seeufer zusammen , vor den Krambuden flanierend , welche dort in langen Reihen aufgeschlagen waren , und begrüßten uns wie Macbeths Hexen mit : » Was hast du geschafft ? « Wir standen vor dem Magazine eines Italieners , welcher neben südlichen Eßwaren auch glänzende Bijouterien und Spielereien feilbot . Feigen , Mandeln und Datteln , Kisten voll reinlich weißer Makkaroni , besonders aber Berge ungeheurer Salamiwürste reizten den Sinn meines Gesellen zu kühnen Phantasien , indessen ich zierliche Frauenkämme , Ölfläschchen und Schalen voll schwarzer Räucherkerzchen betrachtete und ungefähr dachte , wo diese Dinge gebraucht würden , da wäre es gut sein . » Ich habe soeben « , begann mein Lügengefährte , » solch eine Salamiwurst gekauft , zur Probe , ob ich für mein nächstes Bankett eine Kiste voll anschaffen soll . Ich habe sie angebissen , fand sie aber abscheulich und schleuderte sie in den See hinaus ; die Wurst muß noch dort schwimmen , ich sah sie den Augenblick noch . « Wir blickten auf den schimmernden Wellenspiegel hinaus , wo zwischen den Marktschiffen wohl etwa ein Apfel oder ein Salatblatt umhertrieb , aber keine Salami zu sehen war . » Ei , es wird wohl ein Hecht danach geschnappt haben ! « sagte ich gutmütig , und er gab diese Möglichkeit zu und fragte mich , ob ich nicht auch Einkäufe machen wolle ? » Freilich « , erwiderte ich , » ich möchte wohl diese Kette haben für meine Geliebte ! « und wies auf eine unechte , aber schön vergoldete Halskette . Jetzt ließ er mich nicht mehr los , sondern umwickelte mich mit einem moralischen Zwangsnetze , indem ihm die Neugierde , ob ich wirklich über meinen geheimnisvollen Schatz zu verfügen hätte , die Worte dazu lieh . So hatte ich keinen andern Ausweg , als nach Hause zu laufen und mir mit meinem Sparkästchen zu schaffen zu machen . Einige Augenblicke nachher ging ich wieder davon , einige glänzende Silberstücke in der festverschlossenen Hand , mit klopfender Brust dem Markte zu , wo mein lauernder Dämon mich empfing . Wir handelten um die Kette oder gaben vielmehr , was der Italiener forderte , ich wählte noch ein Armband von Achatschildern und einen Ring mit einer roten Glaspaste ; der Kaufmann besah mich und die schönen Gulden mit wunderlichen Blicken , steckte sie aber nichtsdestoweniger ein ; ich aber wurde schon auf dem Wege nach dem Hause fortgedrängt , wo meine Dame wohnte . Auf einem abgelegenen Platze standen etwa sechs Patrizierhäuser , deren Besitzer sich durch den Seidenhandel auf der Höhe früherer Vornehmheit erhielten . Weder eine Schenke noch ein sonstiges niederes Gewerbe zeigte sich in dieser Gegend , welche still und einsam in ihrer Reinlichkeit ruhte ; das Pflaster war weißer und besser als in anderen Stadtteilen , und kostbare eiserne Gartengeländer begrenzten dasselbe . In dem größten und vornehmsten dieser Paläste wohnte der Gegenstand meiner Lügen , eine jener jungen , anmutigen Damen , welche , schön und elegant gewachsen , mit rosiger Gesichtsfarbe , großen , lachenden Augen und freundlichen Lippen , mit reichen Locken , wehenden Schleiern und seidenen Gewändern die Unerfahrenheit berücken und selbst gefurchte Stirnen aufheitern , solange sie durch Unschuld liebenswürdig sind . Wir standen schon vor dem prächtigen Portale , und mein Begleiter schloß seine Überredungen , daß ich jetzt oder nie meiner Gebieterin die Geschenke überbringen müßte , endlich dadurch , daß er frech den goldenen Griff der Hausglocke packte und anzog . Aber trotz seiner Frechheit , würde ein Aristokrat sagen , reichte doch die Energie seines Plebejertumes nicht aus , ein kräftiges Geklingel hervorzubringen ; es gab nur einen einzigen zaghaften Ton , welcher im Innern des großen Hauses verhallte . Nach einigen Sekunden ruckte der eine Torflügel um ein Unmerkliches , und mein Begleiter schob mich hinein , was ich , aus Furcht vor allem Geräusche , willenlos geschehen ließ . Da stand ich in unsäglicher Beklemmung neben einer breiten steinernen Treppe , welche sich oben zwischen geräumigen Galerien verlor . Ich hielt Armband und Ring in die Hand gepreßt , und die Kette quoll teilweise zwischen den Fingern hervor ; in der Höhe ertönten Tritte , welche von allen Seiten widerhallten , und jemand rief herunter , wer da sei ? Doch hielt ich mich still , man konnte mich nicht sehen und ging wieder , Türen hinter sich zuschlagend . Nun stieg ich langsam die Treppe hinan , mich vorsichtig umsehend ; an allen Wänden hingen große Ölgemälde , entweder wunderliche Landschaften oder Ahnenbilder enthaltend ; die Decken waren in weißer , reicher Stukkatur gearbeitet mit kleinen Fresken dazwischen , und in abgemessenen Entfernungen standen hohe dunkelbraune Türen von Nußbaumholz , eingefaßt von Säulen und Giebeln von der gleichen Art , alles glänzend poliert . Jeder meiner Schritte erweckte Geräusch in den Wölbungen , ich wagte kaum zu gehen und dachte doch nicht daran , was ich sagen wollte , wenn ich überrascht würde . Vor jeder Tür lag eine Strohmatte , aber vor einer allein lag eine besonders reich und zierlich geflochtene von farbigem Stroh ; daneben stand ein altes , vergoldetes Tischchen und auf diesem ein Arbeitskörbchen mit Strickzeug , einigen Äpfeln und einem hübschen , silbernen Messerchen zuäußerst am Rande , als ob es soeben hingestellt wäre . Ich vermutete , daß hier der Aufenthalt der Dame sei , und im Augenblicke nur an sie denkend , legte ich meine Kleinodien mitten auf die Matte , nur den Ring zuunterst in das Körbchen auf einen feinen Handschuh . Dann aber eilte ich trepphinunter aus dem Hause , wo ich meinen Quälgeist ungeduldig meiner wartend fand . » Hast du es getan ? « rief er mir entgegen . » Ja freilich « , erwiderte ich mit leichterem Herzen . » Das ist nicht wahr « , sagte er wieder , » sie sitzt ja die ganze Zeit an jenem Fenster dort und hat sich nicht gerührt . « Wirklich war die schöne Frau hinter dem glänzenden Fenster sichtbar und gerade in der Gegend des Hauses , wo jene Zimmertür sein mochte . Ich erschrak heftig , sagte aber » Ich schwöre dir , ich habe die Kette und das Armband zu ihren Füßen gelegt und den Rind an ihren Finger gesteckt ! « - » Bei Gott ? « - » Ja , bei Gott ! « rief ich . » Nun mußt du ihr aber noch eine Kußhand zuwerfen , und wenn du es nicht tust , so hast du falsch geschworen ; sieh , sie schaut gerade herunter ! « Wirklich ruhten ihre glänzenden frohen Augen auf uns ; aber der Einfall meines Freundes war ein teuflischer ; denn lieber hätte ich dem Teufel selbst ins Gesicht gespieen , als diese Zumutung erfüllt . Durch meinen jesuitischen Schwur war ich aber erst recht in die Klemme geraten , es war kein Ausweg . Rasch küßte ich meine Hand und bewegte sie gegen das Fenster hinauf . Das Mädchen hatte uns aufmerksam angesehen und lachte nun ganz unbändig , indem es freundlich herunternickte ; doch ich lief , so schnell ich konnte , davon . Das Maß war gefüllt , und als mein Gefährte mich in der nächsten Straße wieder erreichte , trat ich bleich vor ihn hin und sagte : » Wie ist ' s eigentlich mit deiner Salamiwurst ? meinst du , dieselbe sei hinreichend , dergleichen Sachen , wie ich bestehe , das Gegengewicht zu halten ? « Damit warf ich ihn unversehens nieder und schlug ihn mit der Faust ins Gesicht , bis mich ein Mann weghob und rief : » Die Teufelsjungen müssen sich doch immer raufen ! « Das war das allererste Mal in meinem Leben , daß ich einen Schul- und Jugendgenossen schlug ; ich konnte denselben nicht mehr ansehen , und zugleich war ich vom Lügen für einmal gründlich geheilt . In dem lesebeflissenen Hause wurden indessen der Vorrat an schlechten Büchern und die Torheit immer größer . Die Alten sahen mit seltsamer Freude zu , wie die armen Töchter immer tiefer in ein einfältig verbuhltes Wesen hineingerieten , Liebhaber auf Liebhaber wechselten und doch von keinem heimgeführt wurden , so daß sie mitten in der übelriechenden Bibliothek sitzenblieben mit einer Herde kleiner Kinder , welche mit den zerlesenen Büchern spielten und dieselben zerrissen . Die Lesewut wuchs nichtsdestominder fortwährend , weil sie nun Zank , Not und Sorge vergessen ließ , so daß man in der Behausung nichts sah als Bücher , aufgehängte Windeln und die vielfältigen Erinnerungen an die Galanterie der ungetreuen Ritter , als gemalte Blumenkränze mit Sprüchen , Stammbücher voll verliebter Verse und Freundschaftstempel , künstliche Ostereier , in welchen ein kleiner Amor verborgen lag , und dergleichen . Alles in allem genommen will es mir scheinen , daß auch dieses Elend sowohl wie das entgegengesetzte Extrem , die religiöse Sektiererei und das fanatische Bibelauslegen armer Leute , wie ich es im Hause der Frau Margret fand , nur die verwischte Spur eines edlern Herzensbedürfnisses und das heiße Suchen nach einer schöneren Wirklichkeit sei . Bei dem Sohne dieses Hauses machte sich , als er größer wurde , die vielgeübte Phantasie auf andere , nicht minder bedenkliche Weise geltend . Er wurde sehr genußsüchtig , lag schon als Handelslehrling in den Wirtshäusern als ein eifriger Spieler und war bei allen öffentlichen Vergnügen zu sehen . Dazu brauchte er viel Geld , und um sich dieses zu verschaffen , verfiel er auf die sonderbarsten Erfindungen , Lügen und Ränke , welche ihm nur eine Art Fortsetzung der früheren Romantik waren . Jedoch hielt dies nur halb verdächtige Treiben nicht lange vor , vielmehr sah er sich bald darauf Verwiesen , zuzugreifen , wo er konnte . Denn er gehörte zu jenen Menschen , welche nicht gesonnen sind , sich in ihren Begierden im mindesten zu beschränken , und in der Gemeinheit ihrer Gesinnung dem Nächsten mit List oder Gewalt das entreißen , was er gutwillig nicht lassen will . Diese niedere Gesinnung ist gleichmäßig der Ursprung scheinbar ganz verschiedener Erscheinungen . Sie beseelt den ungeliebten Herrscher , welcher , in seinem Dasein jedem Kinde im Lande ein Überdruß , doch nicht von seiner Stelle weicht und nicht zu stolz ist , sich vom Herzblute des verachteten und gehaßten Volkes zu nähren ; sie ist der Kern der Leidenschaftlichkeit eines Verliebten , welcher , nachdem er einmal die bestimmte Erklärung der Nichterwiderung erhalten hat , sich nicht sogleich bescheidet und in den edlen Schmerz der Entsagung hüllt , sondern mit gewaltsamer Aufdringlichkeit ein fremdes Leben verbittert ; wie in allen diesen Zügen lebt sie endlich auch in der Selbstsucht des Betrügers und Diebes jeglicher Art , groß und klein , überall ist sie ein unverschämtes Zugreifen , zu welchem mein ehemaliger Gefährte nun auch seine Zuflucht nahm . Ich hatte ihn im Verlaufe der Zeit ganz aus den Augen verloren , während er schon mehrere Male im Gefängnisse gesessen hatte , und dachte vor ungefähr einem Jahre an nichts weniger als an ihn , da ich einen verkommenen Menschen durch die Häscher dem Zuchthause zuführen sah . In demselben ist er seither gestorben . Ich war nun zwölf Jahre alt , so daß meine Mutter auf meine weitere Schulbildung denken mußte . Der Plan des Vaters , daß ich der Reihe nach die von freisinnigen Vereinen begründeten Privatanstalten besuchen sollte , war nun zerschnitten , indem dieselben inzwischen durch wohleingerichtete öffentliche Schulen überflüssig geworden ; denn die abermalige Regeneration der Schweiz hatte zuerst auf diesen Punkt ihr Augenmerk gerichtet . Der alte Gelehrten- und Lehrerstand der Städte wurde durch einberufene deutsche Schulmänner reichlich erweitert und in den meisten Kantonen an eine große Zwillingsschule verteilt , welche aus einem Gymnasium und einer Gewerbsschule bestand . Bei der letzteren brachte mich die Mutter nach mehreren Beratungen und feierlichen Gängen unter , und die Leistungen meiner bescheidenen Armenschule , aus welcher ich halb wehmütig und halb fröhlich schied , erwiesen sich bei der Aufnahmeprüfung so vorzüglich , daß ich neben den Zöglingen der guten alten Stadtschulen vollkommen bestand . Denn diese wohlhabenden Bürgerkinder waren nun ebenfalls auf die neuen Einrichtungen angewiesen . So fand ich mich plötzlich in eine ganz neue Umgebung versetzt . Statt wie früher der bestgekleidete und vornehmste meiner Mitschüler zu sein , war ich in meinen grünen Jäckchen , welche ich aufs äußerste ausnutzen mußte , nun einer der unansehnlichsten und bescheidensten , und das nicht nur in Ansehung der Kleidung , sondern auch des Benehmens . Die Mehrzahl der Knaben gehörte dem altherkömmlichen bewußtvollen Burgerstande an , einige waren vornehme feine Herrenkinder , und einige hinwieder stammten von reichen Dorfmagnaten , alle aber hatten ein sicheres Auftreten und Gebaren , entschiedene Manieren und einen fixen Jargon im Sprechen und Spielen , vor welchem ich blöde und unsicher dastand . Wenn sie sich stritten , so schlugen sie sich gleich mit raschen Bewegungen ins Gesicht , daß es klatschte , und mehr Mühe als das neue Lernen machte mir das Zurechtfinden in diese neue Umgangsweise , wenn ich nicht zuviel Unbilden erleiden wollte . Ich erkannte nun erst , wie mild und gutmütig die Gesellschaft der armen Kinder gewesen war , und schlüpfte noch oft zu ihnen , die mich mit wehmütigem Neide von meinen jetzigen Verhältnissen erzählen hörten . In der Tat brachte jeder Tag neue Veränderungen in meiner bisherigen Lebensweise . Seit alter Zeit war die Jugend der Städte in den Waffen geübt worden , vom zehnten Jahre an bis beinahe zum wirklichen Militärdienste des Jünglingsalters ; nur war es mehr eine Sache der Lust und des freien Willens gewesen , und wer seine Kinder nicht wollte teilnehmen lassen , war nicht gezwungen . Nun aber wurden die Waffenübungen für die sämtliche schulpflichtige Jugend gesetzlich geboten , daß jede Kantonsschule zugleich : ein soldatisches Korps bildete . Wir wurden in grüne Uniform gesteckt , ich glaubte schon mit meiner besonderen Grünheit in der allgemeinen aufgehen zu können und von meinem Spitznamen erlöst zu sein ; aber weit gefehlt , meine Mutter ließ es sich nicht nehmen , die grünen Röcke meines Vaters , welche kein Ende nehmen zu wollen schienen , dem Schneider unterzuschieben , und so ermangelte meine Uniform niemals , um einen Grad dunkler oder heller zu sein als alle übrigen und mich fortwährend auszuzeichnen . Mit den kriegerischen Übungen war das Turnen verwandt , zu welchem wir ebenfalls angehalten wurden , so daß einen Abend exerziert und den andern gesprungen , geklettert und geschwommen wurde . Ich war bisher aufgewachsen wie ein Gras , mich biegend und schmiegend , wie jedes Lüftchen der Lebensregungen und der Laune es wollte ; niemand hatte mir gesagt , mich grad zu halten , kein Mann mich an See und Fluß geführt und da hineingeworfen , wo es am tiefsten war , nur in der Aufregung hatte ich ein und andern Sprung getan , den ich mit Vorsatz nicht zu wiederholen vermochte . Mein Temperament aber hatte mich nicht dazu getrieben , wie etwa die Söhne anderer Witwen , da ich keinen Wert darauf legte und viel zu beschaulich war . Meine jetzigen Schulgenossen hingegen bis auf den kleinsten herab schwammen alle wie die Fische im See herum , sprangen und kletterten wie Katzen , und es war hauptsächlich ihr Spott , welcher mich zwang , mir einige Haltung und Gewandtheit zu erwerben , da sonst wohl mein Eifer bald erkaltet wäre . Denn es ist nicht zu leugnen , daß das allzu pedantische Betreiben solcher Dinge nicht nur gedankenreichen Erwachsenen , sondern auch einem Kinde , dessen Phantasie öfters spazierengeht , unbequem werden kann . Aber noch viel tiefer sollten die Veränderungen in mein Leben einschneiden . Ich war nun in eine Umgebung geraten , welche sämtlich mit einem mehr oder minder genugsamen Taschengelde versehen war , teils infolge häuslicher Wohlhabenheit , teils auch nur infolge herkömmlichen städtischen Wohllebens und sorgloser Prahlerei der Eltern . An reichlicher Gelegenheit , Ausgaben zu machen , fehlte es noch weniger , da nicht nur bei den gewöhnlichen Übungen und Spielen auf den entlegenen Plätzen Obst und Backwerk zu kaufen üblich war , sondern auch bei größeren Turnfahrten und militärischen Ausflügen mit klingendem Spiel es für männlich galt , sich in den entfernten Dörfern hinter Wurst und Wein zu setzen . Dazu kamen noch die Ausgaben für allerhand Spielereien , welche in der Schule abwechselnd Mode wurden unter dem Vorwande nützlicher Beschäftigung , ferner der lehrreiche Besuch aller fremden Sehenswürdigkeiten , von welchem allem sich regelmäßig entfernt halten zu müssen einen unerträglichen Anstrich von Dürftigkeit und Verlassenheit verlieh . Meine Mutter bestritt mit gewissenhaftem Eifer alle die ungewohnten Ausgaben für Lehrmittel , Instrumente und Material und gab mir hierin sogar für eine gewisse Verschwendung Raum . Mit den feinen Zirkeln des Vaters durchstach ich das schönste Papier in der Klasse ; jede Gelegenheit nahm ich wahr , ein neues Heft zu errichten , und meine Bücher waren immer am elegantesten gebunden . Allein für alles andere , was im geringsten des Überflusses verdächtig schien , beharrte sie unerbittlich auf dem Grundsatze , daß kein Pfennig unnütz dürfe ausgegeben werden und daß ich dies frühzeitig lernen müsse . Nur für die allgemeinsten Ausflüge und Unternehmungen , von denen zurückzubleiben ein zu großer Schmerz für mich gewesen wäre , gab sie mir ein kärgliches Geld , welches jedesmal schon in der Mitte des frohen Tages aufgezehrt war . Dabei hielt sie mich in weiblicher Unkenntnis der Welt nicht etwa in der Abgeschiedenheit zurück , wie es sich zu ihrer strengen Sparsamkeit geschickt hätte , sondern ließ mich meine ganze Zeit in der Gemeinschaft der anderen zubringen , mich nur unter lauter wohlgezogenen Knaben und unter der Aufsicht des großen , angesehenen Lehrerpersonales wähnend , während gerade dadurch das Mitmachen und Vergleichen unvermeidlich wurde und ich in tausend Verlegenheiten und schiefe Stellungen geriet . In der Einfachheit und Unschuld ihres Gemütes und ihres Lebenslaufes hatte sie keine Ahnung von dem unheilvollen Giftkraute , welches falsche Scham genannt wird und in den frühesten Tagen des männlichen Lebens um so mehr zu wuchern beginnt , als es von der Insolenz der alten Menschen eher gehätschelt und gepflegt als unterschieden und ausgereutet wird . Unter tausend Jugendfreunden und Mitgliedern von Pestalozzi-Stiftungen gibt es vielleicht keine zwölf , welche aus ihren eigenen Erinnerungen sich noch auf das Abc des kindlichen Gemütes besinnen und wissen , wie sich daraus die verhängnisvollen Worte bilden , und man darf sie eigentlich nicht einmal darauf aufmerksam machen , sonst werfen sie sich sogleich auf dieses Gebiet und errichten darüber ein Statut . Auf Pfingsten ward einst ein großer jugendlicher Feldzug verabredet ; sämtliche kleine Mannschaft , einige Hundert an der Zahl , sollte mit klingendem Spiel ausrücken und , über Berg und Tal marschierend , die bewaffnete Jugend einer benachbarten Stadt besuchen , um mit derselben gemeinschaftliche Paraden und Übungen abzuhalten . Es herrschte eine allgemeine Aufregung , gemischt aus der Freude der Erwartung und aus der Lust der Vorbereitung . Kleine Tornister wurden vorschriftsmäßig bepackt , Patronen wurden so viele als möglich über die bestimmte Zahl angefertigt , unsere Zweipfünderkanonen sowie die Fahnen bekränzt , und überdies ging unterderhand das Gerede , wie unsere Nachbaren nicht nur propere und gedrillte Soldaten , sondern auch aufgeweckte und lustige Zecher und Kameraden wären , daß es also nicht nur gelte , sich möglichst blank und strack zu halten , sondern jeder sich gut mit Taschengeld zu versehen hätte , um den berühmten Nachbaren auf jede Weise die Stange zu halten . Dazu wußten wir , daß dort die weibliche Jugend ebenfalls teilnehmen , festlich gekleidet und bekränzt uns beim Einmarsche begrüßen und daß nach dem gemeinschaftlichen Mahle getanzt würde . Auch in dieser Hinsicht ware wir nicht gesonnen , uns etwas zu vergeben ; es hieß , jeder solle sich weiße Handschuhe verschaffen , um beim Balle ebenso galant als militärisch zu erscheinen , und alle diese Dinge wurden hinter dem Rücken der Aufseher mit solcher Wichtigkeit verhandelt , daß es mir angst und bange ward , allem zu genügen . Zwar war ich einer der ersten , welcher Handschuhe aufzuweisen hatte , indem meine Mutter auf meine Klage aus den begrabenen Vorräten ihrer Jugend ein Paar lange Handschuhe von feinem weißem Leder hervorzog und unbedenklich die Hände vorn abschnitt , welche mir vortrefflich paßten . Hingegen in betreff des Geldes lebte ich der betrübten Aussicht , jedenfalls eine gedrückte und enthaltsame Rolle spielen zu müssen . In solchen Betrachtungen saß ich am Vorabend der Freudentage in einem Winkel , als mir plötzlich ein Gedanke durch den Kopf fuhr , ich das Hinausgehen der Mutter abwartete und dann zu dem Schranke eilte , in welchem mein Schatzkästchen lag . Ich öffnete es zur Hälfte und nahm unbesehen ein großes Geldstück heraus , das zuoberst lag ; die anderen rückten alle ein klein wenig von der Stelle und machten ein leises Silbergeräusch , in dessen klangvoller Reinheit jedoch eine gewisse Gewalt lag , die mich schauern machte . Schnell brachte ich meine Beute zur Seite , befand mich aber nun in einer sonderbaren Stimmung , die mich scheu und wortkarg gegen meine Mutter machte . Denn wenn der frühere Eingriff mehr die Folge eines vereinzelten äußern Zwanges gewesen und mir kein böses Gewissen hinterlassen hatte , so war das jetzige Unterfangen freiwillig und vorsätzlich ; ich tat etwas , wovon ich wußte , daß es die Mutter nimmer zugeben würde , auch die Schönheit und der Glanz der Münze schienen von der profanen Verausgabung abzumahnen . Jedoch verhinderte der Umstand , daß ich mich selbst bestahl zum Zwecke der Nothilfe in einem kritischen Falle , ein eigentliches Diebsgefühl ; es war mehr etwas von dem Bewußtsein , welches im verlornen Sohne dämmern mochte , als er eines schönen Morgens mit seinem väterlichen Erbteil auszog , es zu verschwenden . Am Pfingsttage war ich schon früh auf den Füßen ; unsere Trommler , als die allerkleinsten auch die muntersten Bursche , durchzogen in ansehnlichem Haufen die Stadt , umschwärmt von marschbereiten Schülern , und ich beeilte mich , zu ihnen zu stoßen . Meine Mutter hatte aber noch gar viel zu besorgen ; sie füllte meinen Tornister mit Eßwaren , hing mir ein artiges Reisefläschchen um , mit süßem Wein gefüllt , steckte mir noch hie und da etwas in die Taschen und gab mir gute Verhaltungsregeln . Ich hatte längst mein Gewehr auf der Schulter und die Patrontasche umgehängt , worin unter den Patronen mein großer Taler steckte , und wollte mich endlich ihren Händen entreißen , als sie ganz verwundert sagte , ich werde doch etwas Geld mitnehmen wollen ? Hierauf nahm sie das bereits Abgezählte hervor und unterwies mich , wie ich es einzuteilen hätte . Es war zwar nicht überreichlich , doch höchst anständig und vollkommen hinreichend und selbst für unvorhergesehene Fälle berechnet . In einem Papiere war noch ein besonderes Stück eingewickelt , welches ich in dem gastfreundlichen Hause , wo ich einquartiert würde , den Dienstboten zu geben hätte . Wenn ich die Sache recht betrachtete , so war dies auch die erste Gelegenheit , wo eine gute Ausstattung eigentlich notwendig schien , und die Mutter ließ es also nicht an dem Ihrigen fehlen . Aber nichtsdestominder war ich überrascht , ich geriet in die größte Verlegenheit und Aufregung , und indem ich die Treppen hinunterstieg , drangen mir seltenerweise Tränen aus den Augen , daß ich sie hinter der Haustür abtrocknen mußte , ehe ich auf die Straße trat und zu dem fröhlichen Haufen stieß . Der allgemeine Jubel hätte in meinem Gemüte , welches durch die liebevolle Sorge der Mutter bewegt war , einen um so empfänglichern Grund gefunden , wenn nicht der Taler in meiner Giberne wie ein Stein auf meinem Herzen gelegen hätte . Jedoch als sich die ganze Schar zusammenfand , das Kommando erklang und wir uns ordneten und abzogen , wurden meine düstern Gedanken gewaltsam unterdrückt , und als ich , zur Vorhut eingeteilt , schon auf den freien Höhen ging unter dem morgenfrischen Himmel und der lange Zug , schimmernd und singend , mit wehenden Fahnen , sich zu unsern Füßen heranbewegte , da vergaß ich alles und lebte nur dem Augenblicke , welcher , Perle für Perle , von der glänzenden Schnur der nächsten Erwartung fiel . Wir führten ein lustiges Vorhutleben , ein alter Kriegsmann , in fremden Diensten ergraut und nun dazu verwendet , uns kleinen Nesthüpfern das Handwerk beizubringen , leitete uns an zu allerlei Schabernack und ließ sich unablässig bestürmen , aus unsern Feldflaschen zu trinken , was er mit scharfer Kritik des Inhalts tat . Wir waren stolz , keinen der Schulmänner bei uns zu haben , welche die große Kolonne begleiteten , und hörten andächtig die Kriegsabenteuer , so uns der alte Soldat erzählte . Zur Mittagszeit machte der Zug in einem sonnigen unbewohnten Talkessel halt ; der wilde Boden war mit vielen einzelnen Eichen besetzt , um welche sich das junge Kriegsvolk lagerte . Wir Leute der Vorhut aber standen auf einem Berge und schauten zufrieden auf das ferne fröhliche Gewühl hinunter . Wir waren still geworden und schlürften den stillen glanzvollen Tag ein ; der alte Feldwebel lag froh an der Erde und blinzte in den ruhevollen Horizont hinaus , über blaue Ströme und Seen hin . Obgleich wir noch nichts von landschaftlicher Schönheit zu sagen wußten und einige vielleicht in ihrem Leben nie dazu kamen , fühlten wir alle doch ganz die Natur , und das um so mehr , weil wir mit unserm Freudenzuge eine würdige Staffage in der Landschaft bildeten , weil wir handelnd darin auftraten und daher der peinlichen Sehnsucht der untätigen bedeutungslosen Naturbewunderer enthoben waren . Denn ich habe erst später erfahren und eingesehen , daß das untätige und einsame Genießen der gewaltigen Natur das Gemüt verweichlicht und verzehrt , ohne dasselbe zu sättigen , während ihre Kraft und Schönheit es stärkt und nährt , wenn wir selbst auch in unserm äußern Erscheinen etwas sind und bedeuten ihr gegenüber . Und selbst dann ist sie in ihrer Stille uns manchmal noch zu gewaltig ; wo kein rauschendes Wasser ist und gar keine Wolken ziehen , da macht man gern ein Feuer , um sie zur Bewegung zu reizen und sie nur ein bißchen atmen zu sehen . So trugen wir einiges Reisig zusammen und fachten es an , die roten Kohlen knisterten so leis und angenehm , daß auch unser graue und rauhe Führer vergnügt hineinsah , während der blaue Rauch dem Heerhaufen im Tale ein Zeichen unseres Aufenthaltes war ; trotz der mittäglichen Sonnenhitze schien uns die erhöhte Glut des Feuers lieblich , wir verlöschten es ungern , als wir abzogen . Gar zu gern hätten wir einige Schüsse in die stille Luft gesandt , wenn es nicht streng untersagt gewesen wäre ; ein Knabe hatte schon geladen und mußte den Schuß kunstgerecht wieder aus dem Gewehre ziehen , was ihm so peinlich war als einem Schwätzer das Unterdrücken eines Geheimnisses . Im Scheine des Abendgoldes sahen wir endlich