» Chère tante , sie muß doch Dein rothes Shawl sehen . « Und oben die Zimmerchen , es war so niedlich und fein , wie sie es nie gesehen , man fühlte den Fußboden nicht , solche weichen Decken lagen , und Sophas an allen Wänden , und schwere bunte Gardinen machten die Stuben dunkel , daß sie vor der Zeit Licht anzünden mussten . Keine Talglichte , sondern eine Lampe mit gedämpftem Glase , die an der Decke hing . Da hätte das Zimmer erst wunderbar schön ausgesehen . Leider war der Schlüssel verlegt zum Kasten , wo das rothe Tuch lag , und die Tante hatte gemeint , sie müsse es zuerst ein Mal bei Tage sehen , weil die Farben bei Licht ganz andere würden . Auch war ein Besuch gerade eingetreten , ein vornehmer Herr , vor dem es doch nicht schicklich war , Toilette zu machen . Der Herr hatte ihr zuerst gar nicht sehr gefallen , er war klein und hüftenlahm , und ging an einem Stock , der ihm als Krücke diente . Auch sein geröthetes Gesicht mit vielen Pickeln war hässlich . Aber sie hätte auch da bald eingesehen , wie der Schein trügen kann . Er war ein Kammerherr vom Hofe , der Herr von St. Real , den sie schon nennen gehört , der eine gelegentliche Vorfuhrvisite bei der Obristin machte . Er war die Artigkeit selbst gegen die Damen und auch gegen sie . Er sprach so fein und verbindlich , wie sie noch keinen Herrn sprechen gehört , und schien alles zu wissen , denn er lächelte fein zu Allem , was sie sagte , und machte dann eine Bemerkung , woraus sie sah , daß er die Sache kannte . Sie hatte nie geglaubt , daß die vornehmen Herrn so freundlich gegen Bürgerliche wären . Er hatte sich erkundigt , ob sie Klavier spiele und singen könne , und was ihre Lektüre sei , was sie zuerst nicht verstanden . Dann hätte er ihre Eltern sehr gelobt , daß sie ihr keine Romane in die Hände gaben , denn das sei alles nicht wahr , was darin stehe und verwirre die Phantasie . » Und denkt Euch , « fuhr sie auf , » er kennt auch Herrn van Asten ! Denn er fragte , bei wem ich Unterricht hätte ? Und als ich ihn nannte , sagte er , er hätte von ihm gehört , daß er ein sehr verständiger junger Mann wäre . Und den Beweis sähe er jetzt vor Augen . Ich wurde roth . Aber er fuhr fort : das Gute kommt doch wohl nicht alles vom Lehrer , sondern das Beste von den Eltern . Ich war wie übergossen , als er Deinen Namen nannte , Väterchen , und in meiner Verlegenheit fragte ich ihn , ob er Dich denn kenne ? Ich selbst habe nicht die Ehre , antwortete er , aber der Name Ihres Herrn Vaters ist bei Hofe wohl bekannt und sehr gut angeschrieben . « Sie sprang auf , und fiel dem Vater um den Hals : » Väterchen , man kennt Dich bei Hofe ! « Die Mutter wischte eine Thräne aus dem Auge . Der Vater meinte , man müsse auch nicht alles glauben , was die Leute uns ins Gesicht sagen . Nachdem hatte sich der Kammerherr empfohlen , so höflich und fast respektvoll , daß sie sich wieder geschämt , denn gegen die Nichten war er gar nicht so fein . Er hoffe sie ein andermal wieder zu sehen , und die Obristin hatte gesagt , das solle nächstens geschehen , auf eine Tasse Chokolade , wenn ihre Wohnung erst ganz in Ordnung sei , und darauf war sie mit dem Kammerherrn fortgefahren in die Oper . Ein Bedienter sollte Adelheid nach Hause bringen , aber die Nichten hätten es sich nicht nehmen lassen , sie selbst zu begleiten . Der Rückweg sei nun nicht so angenehm gewesen , denn sie wären oft angesprochen worden von unverschämten jungen Männern . Aber die Nichten hätten sie schön zurecht gewiesen : » Schämen Sie sich nicht , anständige Damen zu attaquiren ? « Da hätten die Herren gelacht , aber die Nichten hätten sie um Gottes Willen gebeten , es der Tante nicht wieder zu sagen , denn sie würde sehr böse sein , weil sie die Adelheid wie ihren Augapfel liebte , aber sie hätten es auch ja nur gethan , weil sie sie noch mehr lieb hätten . Die Adelheid hatte in ihrer Aufregung und in ihrer Freude , daß ihr Vater bei Hofe bekannt sei , das Haus und die Straße vergessen . So wusste man noch immer nicht , wo die Frau Obristin wohnte . Fünfzehntes Kapitel . Auch eine Idylle . Der Minister saß in seiner Laube . Die Laube hatte die Aussicht auf den sehr großen Garten , von dem nur der kleinere Theil von Gärtners Hand in Blumenbeete und Weingelände geordnet war . Auf durchschnittenen Wiesen weideten Kühe mit Schweizergeläut . Vor dem Minister stand ein Tisch mit Akten und Schreibzeug . Neben ihm saß die Frau Ministerin . Der Minister saß in einer hellen linnenen Jacke und groben Haus- oder Gartenschuhen . Das Aktenstück lag schon lange aufgeschlagen vor ihm , die Dinte in der Feder war eingetrocknet , und der Kanzleibote hinter der Laube wartete eine halbe Stunde auf die Unterschrift des Citissime - denn der Minister horchte , den Kopf im Arm , auf das Schweizergeläut . Die Ministerin , in einem so einfachen Hauskleide , daß man sie für eine einfache Bürgerfrau gehalten hätte , wenn nicht ihre Haube mit Brüsseler Spitzen besetzt gewesen , und ein Mullumwurf den bloßen Hals bedeckte , strickte eifrig . Sie strickte blauwollene Strümpfe , und erzog ihre Kleinen , die an der Laube spielten . Wenn sie sich mit Sand warfen , sollte sie den Streit schlichten , und doch dabei auch auf die älteste Tochter horchen , die auf ihrem Knie Vossens Louise ihr vorlesen musste . Das Kind kam mit den Hexametern selten zurecht und gähnte oft . Der Minister richtete respirirend den Blick aufwärts nach den reifenden Trauben am Laubendach . » Du hast wohl recht schwer zu arbeiten , « sagte die Ministerin . » Du solltest Dich schonen . « » Mir war es eben , als wäre ich noch in Florenz . So schwebten auch die Trauben von unserer Veranda . Und dieser Wiesenhauch ! Als wehte es von Fiesole her , und der Arno plätscherte unter mir . « » Ich weiß nicht , ob mir nicht dieser Heugeruch lieber ist , als der Duft der Orangen . Ist es überhaupt Recht , daß Du so oft dahin zurückdenkst ? Solche Vergleiche stören die Heiterkeit der Seele . Wir sind doch einmal in diesem Lande , es ist auch hier schön , und wir sind zufrieden und glücklich , und - « » Und , « fiel er ein , ihr die Hand reichend : » Süße heilige Natur Laß uns gehn auf deiner Spur , Leite uns an deiner Hand Wie ein Kind am Gängelband . « Die Ministerin accompagnirte die Stollberg ' schen Verse durch eine stumme Lippenbewegung , indem sie andächtig in die Luft schaute . Dann zählte sie die Maschen , sie hatte eine verloren . Der Kanzleidiener räusperte sich umsonst . Das Ehepaar war in sein stilles Glück versunken , und in Betrachtungen , warum Leopold Stollberg katholisch geworden . Die Frau Ministerin wusste diesmal nicht , warum der Minister respirirend schwer den Blick nach den Trauben gerichtet , warum er das Citissime drei Mal durchlesen hatte , ohne zu wissen , was darin stand , warum er wie ein Träumer auf das Schweizergeläut hörte , kurz , warum er in der elegischen Stimmung war . Vor einer Stunde hätte man ihn in seinem Arbeitszimmer in einer ganz anderen gefunden . Eine Nachricht hatte ihn aus seiner Ruhe gebracht ! Er hatte laut für sich gerufen : » Dann ist Alles aus ! Dann gehen wir Alle unter ! « Er hatte nach seinem Kammerdiener und Jäger geschellt : » Anspannen und ankleiden ! « Er wollte an den Hof fahren , selbst der Majestät die dringendsten Vorstellungen zu Füßen legen . Er hatte schon die Hofbeinkleider an und der Kammerdiener nestelte die Schnallen , als er ihn wieder hinaus schickte ; er wollte sich einen Augenblick ausruhen . Auf das Sopha sich niederlassend , löste er unwillkürlich die Bandschnalle . Es war so heiß ! » Wozu sich denn auch persönlich den Aerger bereiten ! « Es wäre doch möglich , daß er mit dem Könige aneinander gerieth . Das fruchtet ja zu nichts ! Er konnte schriftlich seine Gründe aufsetzen , warum der Mann , dessen Name ihn so erschreckt , nicht zum Minister tauge . Er hatte wieder geklingelt , und der Kammerdiener ihn entkleiden müssen . » Und die Equipage , Excellenz ? « - » Ausspannen ! « Der Sekretär hatte die Schreibmaterialien zurecht legen müssen , der beste und fertigste Kopist in Bereitschaft stehen . Der Kopist hatte eine Stunde mit eingetauchter Feder bereit gestanden , es standen aber erst zwei und eine halbe Zeile auf dem Konzeptbogen . Der Minister saß auch gar nicht mehr am Schreibtisch , er saß zurückgelehnt auf dem Sopha . » Entweder es ist , oder es ist nicht , « dachte Seine Excellenz . » Wenn es nicht so ist , so ist es gut , wenn es ist , so ist es vielleicht auch gut , « - gähnte er , von der Hitze im Zimmer übermannt - » dann ist doch das Ende vom Liede , daß wir unsere Entlassung nehmen müssen . « Weshalb sich für diese Eventualität noch mit einem schwierigen und kitzlichen Memoire befassen , es kann der Griff in ein Wespennest werden , und an stechenden Insekten fehlte es ohnedies nicht . Eine unverschämte Bremse schwirrte unermüdlich um seine heiße Stirn . Der Sekretär hatte sich lächelnd von der Thür , an der er gelauscht , an sein Pult begeben , und der Kopist auch lächelnd seine Feder ausgewischt , als man den Minister endlich sah , mit dem Battisttuch sich Luft wedelnd , sich ins Freie zu begeben . Beim Durchgehen hatte er verordnet , die Akten ihm in die Laube zu tragen . Die stille Scene glücklicher Häuslichkeit , in welcher die Sorgen von vorhin schon verschwunden schienen , hatte aber noch einen Beobachter . Der Geheimrath Bovillard stand unfern von dem Eingang der Laube , den Hut im Arm und die Arme gekreuzt . Eine Pause benutzend , trat er mit einigem Geräusch vor . » Sie haben uns wohl belauscht , lieber Bovillard , « sagte die Ministerin . » Das ist nicht recht ; wer zur Familie gehört , der muß nie zu stören fürchten . « Er wollte ihre Hand an die Lippen führen , sie zog sie unwillig zurück : » Wir sind Deutsche . Einen ehrlichen Handschlag . « » Ich bewundere Ihren Fleiß , Excellenz . « » Häusliche Angelegenheiten , « sagte die Excellenz , » gehen der Freundschaft vor . Halte mir mal Deinen Fuß her , lieber Christian . « Sie probirte den Strumpf am Fuße des Ministers . » Sie lächeln wohl über mich , Bovillard ? Das genirt mich aber gar nicht . Ehe wir ' s uns versehen , kommt der Winter ins Haus , und da muß eine gute Hausfrau bei Zeiten gesorgt haben . Setzen Sie sich , und plaudern mit meinem Mann von Staats- und gelehrten Dingen , ich werde Sie nicht stören . « » Und keinen Handschlag für mich ? « sagte der Minister , seine Hand über den Tisch ihm entgegenhaltend . » Frauendienst geht vor Herrendienst . « Der Geheimrath nahm mit anscheinender Behaglichkeit Platz auf dem Gartenschemel . Lieber hätte er in einem Fauteuil gesessen . » Ach , wer auch eine Frau hätte , die uns Strümpfe strickte ! « » Ist Ihre Schuld , Bovillard . Warum haben Sie nicht wieder geheirathet ? « » Wo jetzt Frauen finden , die wie Excellenz nur für das Glück ihres Mannes leben ? « » Wenn man sie suchte , würde man sie schon finden . « » Alles will jetzt ästhetisch sein . « » Und Sie , wenn Sie eine Frau hätten , die Ihnen Strümpfe strickte , würden französische Spottverse auf sie machen . Im Ernst , Geheimrath , bessern Sie sich ein Bischen . « » Soll ich katholisch werden , wie Graf Stollberg ? Wenn Excellenz befehlen tout à vos ordres . « » Pfui über den Spötter und Atheisten ! Da sitzen Sie nun wieder mit dem Rücken gegen die Natur . « » Ich kann Excellenz doch nicht den Rücken kehren . « » Sinn für Häuslichkeit einem so eingefleischten Admirateur der französischen Literatur beizubringen , müssen wir wohl aufgeben , aber rührt Sie denn gar nicht die Natur , hat nie eine Nachtigall Sie ergriffen ? « » Nein Excellenz ! Aber ich hätte beinahe mal eine ergriffen . Sie flatterte nur wieder fort . « » Inkorrigibler Flattergeist ! Sehen Sie , meine Angelique lass ' ich Vossens Louise lesen und freue mich , wie das Kind immer mehr Sinn dafür bekommt . « » Ach , wer wieder ein Kind werden könnte ! « » Und wer kein Staatsmann geworden wäre ! « seufzte der Minister . » Ich war eigentlich zum Herrnhuter geboren . Warum musste man mich hinausreißen an die Höfe , ins Feld der Intriguen ? Ich hätte ein Vater unter meinen Unterthanen gelebt , sie beglückend , selbst beglückt . « » Und nun beglücken Excellenz ein ganzes Volk . Voilà la différence . « » Das mich verunglimpft , weil ich - solche gute Freunde habe . « » Wer wollen uns Alle bessern , Excellenz ! Diese Laube sei der Tempel der Tugend , wo wir ihr Gehorsam geloben , und die Frau Ministerin die erhabene Priesterin , welche unsere Schwüre empfängt . « » A propos , « hub die Ministerin an , » wissen Sie denn den Vorfall von gestern bei Hofe ? « Der Geheimrath kannte ihn noch nicht . » Der König und die Königin hatten eine Landpartie verabredet nach Pichelswerder . Sie laden die alte Voß ein , daran Theil zu nehmen . Aber ganz ländlich heißt es . Wird das unserer lieben Gräfin auch anstehen ? Sie fühlt sich unendlich geehrt , an einem Vergnügen Theil zu nehmen , was Ihro Majestäten nicht verschmähen , und in voller Galla rauscht sie die Treppen hinunter , worüber die Majestäten schon kaum ihre Lust zurückhalten . Denn mit Schrecken sieht die Gräfin die Mütze des Königs , und die Königin in dem Morgenrock , der ihr so reizend steht . Aber unten im Charlottenburger Hofe ! Was steht vor der Thür ? Ein Leiterwagen mit Stroh ! - Sie fragt nach der königlichen Kutsche . - Dies ist sie , sagt der König , wir werden uns etwas behelfen müssen ; ländlich , sittlich . Die alte Voß ist erstarrt , aber noch entsetzter , als sie sieht , wie der König die Königin hinaufhebt . Die anderen Hofdamen helfen sich selbst . Der König bietet endlich der alten Dame seine Dienste an , aber sie erklärt feierlich : so lange sie ihr Amt als Ober-Ceremonienmeisterin nicht verwirkt oder verloren werde und könne sie sich dazu nicht entschließen . Und , setzte sie hinzu , wenn ich auch so unglücklich wäre , darüber die Gnade Ihro Majestäten zu verlieren . - Der König sagte freundlich : Um des Himmels willen , liebe Voß , wenn Sie nicht mit wollen , bleiben Sie zurück , aber meine volle Gnade bleibt bei Ihnen . Und hinauf sprang er , und der Wagen rollte fort . « Der Geheimrath schnalzte auf : » Délicieux ! die alte Voß allein am Thor , wie die Henne am Teich ! « » Ich glaube , Komteß Laura , « fuhr die Ministerin fort , und zog ihren Strumpf - » ich glaube , die hat auch nicht sehr vergnügte Mienen auf dem Leiterwagen gemacht . Es ist erschrecklich , welche Airs sie sich giebt . « » Ich finde sie nicht mal schön , « sagte Bovillard am Halstuch zupfend . Er fand sie nicht schön , weil auf dem Gesicht der Ministerin etwas stand , was ihm sagte , daß die Ministerin eine solche Findung wünschte . » Sie fischt ihn auch nicht weg , « sprach der Minister . » Und wenn , meine weisen Herren - « fiel die Ministerin ein , » was hätten Sie gewonnen ? Hat sie den Esprit , um ihn zu gouverniren ? So wenig als die Fromm , die Pauline und die andern . Er ist zu impetuös . Ueberdies , erlauben Sie mir , ich finde es von so klugen Leuten unverantwortlich , eine solche Person in ihre Confidence zu ziehen . « » Der Minister meinte , sie hätte wohl neulich beim thé dansant zu scharf gesehen . Als Frau sei die Komteß ein gutmüthiges Geschöpf . « » Daß sie sich mir da vordrängte , will ich ihr vergeben haben , « sagte die Ministerin , » sie hat keinen Takt ; aber ich bitte Sie , wenn auch Komteß Laura sich unterstehen will , das Mulltuch um den Hals zu binden , wie unsere tugendhafte Königin , so finde ich das rebutant , ja geradezu rebutant , meine Herren , und ich wenigstens mit meinem schwachen Verstande begreife nicht , wie man das hingehen lasien kann . Aber die Herren werden wohl Gründe dafür haben . - Die Herren haben auch zu sprechen , was ich nicht hören soll , « setzte sie , das Strickzeug weglegend , hinzu , » und ich will Sie nicht stören . Aber das sage ich Ihnen , ich bin keine Freundin von Intriguen . Schlicht und grad , damit kommt man am weitesten . Geben Sie es auf , den Prinzen einzufangen . Er bricht durch alle Ihre Netze . Und was hätten Sie am Ende gefangen ? Er hat eine Partei , aber diese Partei wird nie ans Ruder kommen , so lange er und der König ihre Natur nicht changiren , und die klugen Herren klug handeln . Umstellen Sie Seine Majestät , seien Sie auf der Hut , daß keine zweifelhafte Person in seiner Nähe sich festnistet , lassen Sie ihm alle Extravaganzen des Prinzen zu Ohren kommen , auch immerhin seine genialen Streiche , die in einem gewissen Publikum so viele Bewunderer finden . Desto besser , der König kann nun einmal geniale Streiche nicht leiden . Das Uebrige macht sich dann schon von selbst . « Der Minister hatte seine Gemahlin umarmt : » Mir aus der Seele gesprochen . Nichts von Intriguen ! Den geraden Weg . « Der Geheimrath und der Minister hatten allerdings ein Geschäft . » Excellenz hatten die Eingabe vor sich , wie ich zu sehen glaubte , « sagte der Geheimrath , als sie durch ein Weinspalier gingen , wo der Minister die Trauben mit Lust befühlte , und weit mehr Lust zu haben schien , ein naturhistorisches Gespräch zu führen , als über die Angelegenheit , um die der Begleiter gekommen war . » Und gelesen , « seufzte der Minister , als er nicht mehr ausweichen konnte . » Aber ich bitte Sie , Freund , Sie lasen sie doch auch . « » Ich finde die Angelegenheit sehr klar dargestellt . « » Ja , klarer kann es kaum sein , daß man die Gefangenen beschwatzt hat , etwas zu unterschreiben , was ein handgreifliches Märchen ist . Sie attestiren , daß sie unter sich , in der Freude ihres Herzens zur Vorfeier des königlichen Geburtstages einen ungebührlichen Lärm gemacht , daß sie dadurch den Voigt in ihr Gefängniß gelockt , daß sie die Thür hinter ihm verschlossen , und ihn gezwungen , an ihrem Gelage Theil zu nehmen , bis es ihm zu arg geworden . Ich bitte Sie , was konstatirt denn selbst aus dieser Erzählung ! Selbst wenn die Fabel Wahrheit wäre , hat ein Mensch , der so wenig seine Autorität zu erhalten weiß , sein Amt verwirrt . - Wer ist dieser Herr von Wandel ? « fragte er mit verändertem Tone . » Warum interessirt sich dieser Legationsrath so lebhaft für die Sache ? « » Es ist nicht die erste , Excellenz . « » In die er sich mischt . Ich weiß es . Er tritt auf wie der Alte überall und nirgends . Diese Geflissentlichkeit , sich in Dinge zu mischen , die ihn nichts angehen , gefällt mir nicht . « » Was kann er davon haben , daß Lupinus los kommt ? - Excellenz halten ihn für einen Aventurier . Aber er spielt nicht , macht keinen übermäßigen Aufwand , er beschäftigt sich mit Naturwissenschaften . « » Darum kommt man wohl jetzt nach Berlin ! Darum drängt man sich in alle Gesellschaften , macht den Affairirten , weiß um alle Secrets , macht sich bei Prinzen und Damen beliebt , spielt hier den Weisen , dort den Liebenswürdigen , und für uns Alle den Rätselhaften . « » Er ist ein Mann des Friedens , « lächelte Bovillard . » Aber unseres Friedens ! Er ist zu klug , um zu schwärmen , also was will er ? Ich liebe nicht die rätselhaften Menschen . Wäre er nur ein Kundschafter , ein Agent von Napoleon oder Kaiser Alexander , von wem es sei , gleich viel , ich wüsste mich mit ihm zu stellen , aber der Abgesandte einer unbekannten Puissance , der hat etwas - bleiben Sie mir mit ihm vom Leibe , ich gestehe , mir wird unwohl , wenn ich in das gläserne Gesicht sehe . « Bovillard lächelte nicht , er erlaubte sich zu lachen : » Excellenz ! er ist ein Schwärmer . Zudem ein Philosoph . Er hat ein System . Männer mit Ideen pflegt keine Puissance zu Spionen zu wählen . « Der Einwand frappirte dem Minister : » Jedenfalls muß man mit solchen Menschen vorsichtig sein . « Er blieb am Ausgange der Weinallee stehen : » Bovillard , wozu denn der Embarras , um einen Menschen zu retten , der sein Schicksal verdient hat ? Seine Diners sind doch , dünkt mich , zu ersetzen . « » Excellenz , ein Ring heraus und eine Kette ist entzwei . Seine Familienverbindungen ! « » Man darf nicht schonen , wo es an den eigenen Ruf geht . Sie haben es nicht zu vertreten , aber ich , wenn es am Hofe heißt : das ist Einer von der Lombard ' schen Klique ! Gerade wenn wir ihn springen lassen , befestigen wir unsern Ruf . « » Er hat mir so aufrichtig Besserung gelobt . « Der Minister sah ihn mit kaum unterdrücktem Lächeln an . » Und dann der König ! Es geht nicht , er ist diesmal selbst Partei . « » Ich weiß , ich weiß . - Indessen sollten Excellenz - ich meine , wenn Sie sich der Sache annehmen wollten , wenn Sie das Loos der armen Kinder des Geheimraths mit aller Ihrer Humanität erwögen , sollte es Excellenz nicht möglich sein , vor der königlichen Huld und Gnade die Sache in einem Lichte - aber - mein Gott , wie schön ist die Aussicht ! Welch ein wunderbares Licht ! « Sie waren aus dem Weingang ins Freie getreten , und der Geheimrath blieb wie versunken in der Anschauung stehen . Ein Eisen muß man schmieden , wenn es heiß ist , aber an eine Thür , die man verschlossen findet , nicht klopfen bis das Haus in Aufruhr geräth . Wenn man wartet , öffnet sie sich wohl von selbst . » In dieser Verdure glaubt man doch die Alpenfrische wieder zu sehen . Wie geschickt Excellenz die Stadtmauer da mit Gebüsch versteckt haben . « » Der Garten war sehr morastig , als ich das Grundstück kaufte , es war mein Vergnügen , das Wasser in Gräben zu leiten , die sich aber wie natürliche Bäche schlängeln . Hält man die schilfigte Krümmung dort wohl für gegraben ? « Der Geheimrath fand , die Lorgnette im Auge , nichts als Natur : » Da auch Mummeln im Teich - ich wollte sagen in dem kleinen See . Il faut avouer , que c ' est plus qu ' imiter la nature . C ' est la nature prise sur le fait . « Er wollte sich auf einen abgehauenen Baumstamm am Ufer des künstlichen Baches stellen , um sich im Wasser zu spiegeln . Der Minister hielt ihn am Rockschoß zurück ; » Um Gottes Willen , er kippt über . Mein Gärtner hat ihn erst heute Morgen aus Treptow eingefahren . « » En vérité ! « sagte der Geheimrath , » die Täuschung ist mir lieb , denn ich wollte schon mit Ihnen zürnen , einen solchen Kernbaum umzuhauen ! « » Wo sollte ein Baum von solchen Dimensionen auf diesem Boden fortkommen , « entgegnete der Minister , über die Täuschung doch nicht ganz unzufrieden . » Wenn ich auf etwas mir zu Gute thue , ist es nächst meinem Weinbau , von dem Sie ja wohl schon gelesen haben werden , « setzte er lächelnd hinzu , » auf meine Kühe . Es ist holsteinische Zucht . Beyme will in Steglitz auch den Versuch machen , ich zweifle aber , daß sie ihm fortkommen . - Und mit welchen Vorurtheilen ich zu kämpfen hatte ! Zwei Kuhhirten musste ich entlassen . Der eine hielt das Schweizergeläut den Kühen für schädlich ! Wohin sehen Sie dort ? « » Was ist das blendende Weiß da ? « » Meinen Sie das Stückchen Stadtmauer , worauf die Sonne scheint ? Der Theil ist neu geweißt . « » Sollt ' ich mich so getäuscht haben ! - Richtig ! Sie springt da gerade über die Büsche . Wissen , Excellenz , es ist eine Thorheit - aber die Phantasie geht oft mit uns durch - in dem Augenblick dachte ich an Schnee . Man könne der Illusion zu Hülfe kommen . Ich meine - « Der Minister fiel ein , er sei kein Freund der Spielereien im Wörlitzer Styl : » die Natur und nichts als die Natur ! Da hatte ich auch einen Wasserfall angelegt , ich habe aber die Steine wieder herausnehmen lassen . Man erreicht weder ihre Größe , noch ihre Einfachheit . « Der Geheimrath empfand in dem Augenblick eine unangenehme Berührung auf dem Rücken . Der Minister zuckte sogar schmerzlich zusammen , denn eins der Kieselsteinchen , mit denen beide beworfen wurden , hatte ihn in dem Nacken getroffen . Sechszehntes Kapitel . Von Urmenschen und großen Menschen im Schlafrock . » Verfluchter Junge ! « entschlüpfte es ihm , indem er sich umdrehend die Hand erhob . » Jean , oder warst Du es , Jacques ! Du siehst doch , ich bin nicht allein . « Statt der Antwort flog ein neuer Steinhagel . Er kam aus den Aesten einer der Ulmen , die in einiger Entfernung durch ein seichtes Wasser von ihnen getrennt in einer Gruppe Buschwerk standen . Bovillards Lorgnette entdeckte in den Aesten einen der Knaben des Ministers , einen andern am Ufer als wilder Mann kostümirt . Dieser schrie , auf seine Keule gestützt , in unartikulirten Tönen , deren leicht verständlicher Sinn war , daß sie Riesen oder Waldmenschen wären , denen dieser Wald gehöre , und daß kein Fremdling aus der feigen , schwächlichen Menschenrace sich in ihr Territorium ungestraft verirren dürfe . » Da werden wir wohl unterhandeln müssen , lieber Bovillard . « » Ah , Dero Herren Söhne - spielen Ritter . « » Die Passion ist vorbei , sie wollen nichts als Menschen , Urmenschen sein . Na , Jean , Jacques , sagt , was wollt Ihr denn von uns ? « » Jean ! Jacques ! Sind Ihnen Ihre Taufnamen Hugo und Busso nicht urmenschlich genug ? « » Eine Passion meiner Frau . « Der Minister verneigte sich : » Also Ihr großmächtigen Herren der Insel und Gebietiger des Waldes , was fordert Ihr von uns armen Menschenkindern , damit wir unter Eurer Gnade einen ungehinderten Durchweg haben ? « Während die Knaben dies » freche Ansinnen , « wie sie es nannten , in Ueberlegung ziehen wollten , und dazu der eine Waldmensch vom Baume herabrutschte , hatte Bovillard Zeit , die Insel zu betrachten , von deren Existenz er noch nichts wusste . Sie war sichtlich erst vor Kurzem gegraben , so wie die künstliche Höhle , aufgeschüttet von Erdreich , Aesten und Moos , mit rohem Tisch und Bänken , und ein schadhaftes Bärenfell , das am Eingang hing , verrieth an seiner Furnitur , daß es von irgend einem Liebhabertheater stammte . Der Riese , indem er den Blätterkranz auf der Stirn zurecht rückte , während der Andere das Bärenfell auf die Erde breitete und sich in malerischer Position hinwarf , stellte nun in einer schwulstigen Knabenrede an die jämmerlichen Wichte und elenden Kreaturen der Civilisation seine Forderungen und Vorstellungen : daß sie , die auf Lotterbetten lägen und den Gaumen kitzelten mit feinen Weinen und Speisen , ihnen , den Waldmenschen , die auf Wurzeln schliefen und von Eicheln lebten , ihr Trank das klare Quellwasser , ihr Becher die Hand , nicht einmal ihr letztes Asyl , die Waldwildniß gönnten . Wohl kennten sie , die Urmenschen , die Arglist ihrer Verfolger , die ihnen die Erde