noch zeigen , so werde Uli nicht dawider sein , es zurückzunehmen . Er glaube nicht , daß was sei , sagte Uli , daneben könne man sich irren , ja freilich . Und wenn Joggeli was finde , ehe er dieses Geld mit dem seinen zusammengetan , so nehme er es schon wieder . » Du wirst doch nicht etwa glauben , daß ich dich betrügen wolle ? « fragte Joggeli . » Bewahre , « sagte Uli , » aber man kann sich irren . « Joggeli tat wirklich das erhaltene Geld nicht zu dem seinen ; den Genuß , mit Zählen und Sortieren desselben den folgenden Morgen sich zu verkürzen , ließ er sich nicht rauben . Am folgenden Morgen sagte seine Frau : » Schreibe doch dem Johannes , ehe du was anders anfangst , sonst wird heute wieder nichts daraus ; ich muß es sagen , es wäre mir lieb , wenn die Sache an ihren Ort käme , ds Elisi tut so wüst , ich halte es nicht lange mehr aus . « » Freilich , freilich , « antwortete Joggeli , » geschrieben muß werden , aber jetzt muß das Geld gezählt sein , das wirst doch begreifen ! Tue ich es mal weg und komme Uli hintendrein mit Irrtum oder falschem Gelde , so will er nichts mehr davon und ich habe das Nachsehen , begreifst ? « Nun setzte sich Joggeli zurecht zu einem behaglichen , flotten Privatvergnügen ; beide Brillen legte er neben sich , Bleistift und ein Stücklein weißes Papier ebenfalls , schüttete den Sack aus , reihete das Bild recht auseinander und begann nun eine vergnügliche Musterung , welche bei der speziellen Inspektion der einzelnen Stücke anfing . Wo sie geendet hätte , wissen wir nicht , denn wie Joggeli am besten daran war , erschien unter der Türe die breite Gestalt von Sohn Johannes . » Ho , da komme ich gerade recht , « tönte es wie aus einem mächtigen Weintrichter hervor . Wenn ein Blitz ins Stübchen gefahren wäre , Joggeli hätte nicht ärger zusammenfahren können ; die bessere Brille fiel auf den Boden und zertrümmerte , mit beiden Händen fuhr Joggeli über den Haufen her als wie zum Schutze . » Gerade recht , beim - , komme ich , nie hätte es mir anständiger sein können , einen so großen Haufen Geld beisammen zu sehen , « sagte Johannes , » den kann ich brauchen , mit dem läßt sich was machen . « » Ja , ja , « sagte Joggeli , » glaubs ; es weiß ein je , der was zu machen , einen guten Schick hier , einen guten Schick dort , wenn ich auch nur mal was davon hätte ! Aber ob den guten Schicken komme ich am Ende um meine Sache , darum will ich nichts mehr von guten Schicken hören , diesmal brauche ich das Geld selbst ; aber eine feine Nase mußt haben , daß du so manche Stunde weit es gerochen hast , daß ich einen Kreuzer Geld im Hause habe . « » Nicht wahr , Vater ? « sagte Johannes , » die Nase ist noch gut , die habe ich noch nicht versoffen , die muß erst zuletzt an den Tanz . Aber Scherz beiseite , Vater , die Sache ist die , ich muß Geld haben , um mit Wein zu spekulieren ; jetzt ist was zu machen , gerade jetzt , beim Abzug . Wenn einer jetzt mit Geld ins Welschland kömmt , so kann er einen prächtigen Schnitt machen , fünfzig Prozente hat er so gut als einen Kreuzer ; ich habe mit einigen Wirten es abgeredet , hineinzufahren , sie sind gut bekannt , kennen die besten Plätze , aber mit dem Gelde steht es bei ihnen schlecht ; da dachte ich an Euch und komme eben recht , so mit tausend Talern bar läßt sich schon was machen . « Potz Kuckuck , wie speite Joggeli Feuer über diesen Vorschlag ! » Meinst , ich solle einen Geldseckel halten für das ganze Vaterland und mit demselben jedem Hudelwirte zu Gevatter stehn ? Das Geld habe ich schon lange selbst nötig gehabt , brauche es selbst , habe es verheißen , mußte ein ganzes Jahr mit Bangen darauf warten ; es ist der Pachtzins , und kaum habe ich ihn im Hause , so führt dich der Kuckuck daher , als ob das Geld ein Aas wäre und du ein Fleischvogel . Aber da wird nichts daraus , gehe zu deinem Schwäher , der tut immer so groß , hat das Maul voll Gold , soll mal auch die Hand in Sack stoßen und dir helfen , es ist an ihm so gut als an mir ; er soll mal zeigen , daß er Geld noch wo anders hat als nur im Maul . « Während der langen Rede strich Joggeli unwillkürlich den Haufen zusammen und suchte nach dem Sacke , er wähnte wahrscheinlich , wenn es mal darin sei , so sei es geborgen . Aber Johannes kannte den Vater und die eigene Macht . Potz Himmeltürke , wie ließ er eine Rede fahren , was das von einem Vater gemacht sei , wenn er dem Sohne vor seinem Glück sein wolle ! Was er mit seinem Reichtum anfangen wolle , mit in den Boden werde er ihn doch nicht nehmen wollen ? Der Schwäher sei nur der Schwäher , einstweilen ein Unflat ; tue er aber mal die Augen zu , so werde er im Ausmetzgen desto besser ausfallen . Dann sei es ja nicht , daß er das Geld um Gottes willen begehre , er wolle Papier dafür ausstellen , es genügend verzinsen , wenn es sein müsse . Ja , ja , sagte Joggeli , Papiere hätte er viele , er könnte drei Jahre die Pfeife damit anzünden , etwas anders würde er damit wohl nicht anfangen können ; jetzt habe er mal Geld , und zu demselben wolle er jetzt Sorge tragen , und während er sprach , packte er so unmerklich als nur möglich Geld in den Sack . » Nun , « sagte Johannes kalblütig und klopfte seine Pfeife aus , » wenn das so gemeint ist und Ihr mir nicht helfen wollt , Wirt zu sein , wie es sich gehört , so kann ich es anders machen ; ich gebe mein Wirtshaus in Pacht oder verkaufe es , wie es sich besser schickt , komme her und will da Bauer sein . « Das war ein Kernschuß ! Joggeli hörte alsbald mit Einpacken auf und sagte : » Bist doch gleich so aufbegehrisch , man kann nicht mehr vernünftig mit dir reden ; habe ja nie gesagt , daß ich dir nicht helfen wolle , aber alles Geld fortgeben kann ich doch auch nicht , ich und meine Alte müssen auch leben . Du glaubst nicht , welch weit Maul eine Haushaltung hat , was man alles kaufen muß . « » He , « sagte Johannes , » wenn Ihr die Zinse von dem Kapital braucht , welches Euer Herr Tochtermann Euch eingehändigt hat für verkaufte Vorräte , so kommt Ihr schon weit damit . « » Schweig mir von dem Lumpenhund , wegen ihm wollte ich dir schreiben , er bringt mich noch vor der Zeit ins Grab ; der Lumpenhund prügelt Elisi , Elisi läuft fort , ist jetzt hier , verpestet uns das Leben , und er tut kein Lebenszeichen , läßt das Mensch uns auf dem Halse . « » Warum gabet Ihr es ihm ? « sagte Johannes . » Bin nicht schuld daran , « antwortete Joggeli , » wollen lieber nicht davon reden . Aber wahrhaftig , das Geld kann ich dir nicht alles geben , wieviel mußt haben ? « » He , mit sechshundert Talern ließe sich schon was machen , « antwortete Johannes . Endlich marktete Joggeli bis auf fünf hundert Taler hinunter , leerte den Sack wieder aus , zählte sie langsam mit bedenklichen Seufzern zweg . Johannes sah mit behaglichem Lächeln zu , seit langem hatte er nicht mit solcher Freude an einer Pfeife gezogen als an der , welche er eben im Maul hatte . Als Joggeli endlich fertig war , betrachtete er wehmütig den Rest , es war , als dünke es ihm , es lohne sich kaum der Mühe , denselben wieder in den Sack zu tun . Da ging die Tür auf , und unter derselben stand der Lumpenhund , der Tochtermann . Wohl , da kam Leben in Joggelis Hände : hui , wie die fuhren nach dem Gelde und es bergen wollten im Sacke ! Aber allzu große Eile tut nicht gut , unter den Tisch , statt in den Sack , rollten die Taler mit großem Gepolter , und mit schlauem Lächeln sagte der Baumwollenhändler : » Da treffe ich es doch gut , der Vater wird was zu teilen geben wollen und ich komme wie gerufen . « Johannes sah ihn an mit dem Blicke eines Stiers , der einstweilen noch an der Kette liegt . Joggeli aber sagte , sie hätten zusammen gerechnet und er käme gerade recht , auch mit ihm hätte er noch zu rechnen , wenn es ihm recht im Kopfe sei . Das sei ihm ganz recht , sagte der Baumwollenhändler , Besseres wünsche er nicht , gleiche Kinder , gleiche Rechnung der Herr Schwager werde selbst es billig finden so . Es hätte ihn schon lange gelüstet , mit ihm abzurechnen , sagte Johannes , besser treffen hätte er es nicht können . Mit ihm hätte er einstweilen keine Rechnung , sagte der Baumwollenhändler , es könnte eine Zeit kommen , wo es freilich noch eine muntere absetzen werde ; jetzt wolle er davon nichts sagen , sondern sich an den lieben Vater halten , der habe dem Herr Schwager Geld zurechtgelegt , er wolle sich jetzt auch rekommandiert haben , es sei ein Kind wie das andere . Nun gab es einen wüsten Lärm , der mehr als einmal in Handgemenge überzugehen drohte , daß mehr als einmal man Uli zu Hülfe zu rufen drohte , der endlich damit endete , daß Johannes mit fünfhundert Talern , der Tochtermann mit vierhunderten davonfuhren , Joggeli nichts übrig blieb als der leere Sack , an dem er seinen Zorn ausließ , ihn mit seinem Stecken in der Stube herumtrieb , bis derselbe unter das Bett fuhr , wo er einstweilen in Sicherheit war . Der Tochtermann hatte eine so gute Handhabe am Geldseckel als Johannes Er drohte Elisi dazulassen , selbst nachzukommen , da eine kleine Fabrik einzurichten , kurz Dinge , ob welchen dem Vater und der Mutter die Haare zu Berge stunden und vierhundert Taler ihnen als ein sehr billig Lösegeld aus so großen Plagen er , schienen , wenigstens solange Elisi und sein Mann noch da waren . Aber als die Plagegeister abgefahren waren , nichts da war als der leere Sack unterm Bette , da kam großes Elend über Joggelis Gemüt . Aus den Händen hatte er den Hof gegeben aus den Händen rissen ihm die Kinder das Geld , nahmen ihm wie mit Gewalt den Löffel , ehe er gegessen hatte ! Das hatte er also vom Verleihen , welches man ihm so herrlich vorgestellt hatte ! Aus dem Regen war er unter die Traufe gekommen . Er hatte nun Ruhe , aber eine Ruhe vom Teufel , wie er sagte , ob welcher er verhungern konnte , und wer war daran schuld als seine Frau , welche auch zum Verleihen geraten , dasselbe ihm so dringlich geraten und gleichsam mit Gewalt erzwungen hatte ? Die gute Frau hatte einen schweren Abend und wußte nicht , sollte sie wirklich bereuen , ein Wort zur Sache gesprochen zu haben ; denn erzwungen hatte sie dieselbe nicht , erzwingen tat sie ja nie was , nur reden , wie es sie dünkte und wo sie es in ihrer Pflicht glaubte . Auch das wird dem Menschen oft erleidet und verkümmert , so daß ihm die Vorsätze kommen , fürderhin zu schweigen und zu keiner Sache mehr was zu sagen . Wenn solche Vorsätze stichhaltig wären , so hätten die Pfarrer in den Kirchen für nichts anderes zu bitten als für plötzlich stumm gewordene Weibspersonen , nach dem Beispiele , welches einst ein Pfarrer gab . Seine Frau war auch zum Vorsatze des Schweigens gekommen , der Pfarrer , darüber wahrscheinlich geängstigt , da die verstummte Zunge sonst nicht zu den schweigsamen gehörte , führte am nächsten Sonntage , wo seine Frau in der Kirche saß , unter den Kranken , welche der Fürbitte der Gemeinde empfohlen wurden , eine plötzlich stumm gewordene Weibsperson an . Man sagt , der Erfolg soll wirklich so auffallend gewesen sein , daß der Pfarrer darüber erstaunt und in großen Schrecken gefallen . Es ist allerdings sehr schwer , abzugrenzen zwischen Reden und Schweigen , und unmöglich , wenn man die Grenze bestimmen möchte nach den Reden eines Joggeli , der in seiner Schwäche das Beste verkehrte , die besten Ratschläge zunichte machte und dann die Schuld , daß er wirklich Dornen las von Weinstöcken , Andern zuschob , Schweigen und Reden beides gleich zum Vorwurf machte . Bei solchen Gemütern entrinnt man Vorwürfen nimmer , darum muß man tun nach seiner Pflicht und nach dem Maße seiner Stellung . Ein Mann darf gebieten , ein Weib darf sagen , mahnen , warnen . Joggeli gehörte zu den unglücklichen Menschen , welche weder was Gutes ausführen können noch was Gutes ausführen lassen . Wollte er , was recht war , so lähmten ihn böse Einflüsse , welche stärker waren als seine Kraft , wollte jemand anders was Gutes , so stach ihn der alte böse Mensch in der eigenen Seele , daß er diesem Willen hemmend in den Weg trat und ihn , wenn nicht ganz hinderte , so doch lähmte . Das sind unglückliche Menschen , ihnen geht alles schief ; sie selbst sind immer Klagens voll , aber sie erkennen nun und nimmer , wie ihr Charakter ein Gemisch von Schwäche und Bosheit ist , ein bitterer Kelch , aus dem sie und Andere trinken müssen und der nie leer wird , sondern stets neu sich füllt , weil eben im Kelch eine lebendige bittere Quelle ist , das dem Eigentümer unbekannte Gemüt . Alle Leute können nicht Helden sein , aber alle Leute sollten doch zu der Erkenntnis gebracht werden , daß zwischen unglücklichen Verhältnissen und Gemütskrankheiten ein wunderbarer Zusammenhang ist , und zu dem ernstlichen Bestreben , diesen Zusammenhang zu fassen , um namentlich zu der Weisheit zu kommen , welche nie Ursache mit Wirkung , nie Wirkung mit Ursache verwechselt , nie die Quelle des Unglücks in der Luft sucht , wahrend sie tief im eigenen Ich sprudelt . Neuntes Kapitel Vom Gemüt und vom Gesinde Ein Jahr ist nicht alle Jahre , so sagt ein Sprüchwort , die Wahrheit desselben erfuhr Uli . Es war ein spät Frühjahr , war wetterwendisch Wetter , man mußte die Zeit zur notwendigen Arbeit stehlen , mußte in Wind und Wetter , in Schneegestöber manchmal aushalten , fast wie die Franzosen in Rußland . Nun , die waren diszipliniert , darum schlugen sich noch so viele durch und kamen mit dem Leben davon . Wäre es lauter undiszipliniertes Volk gewesen , kein Mann wäre aus Rußland gekommen . Nun aber hatte der arme Uli weder alte noch junge Garde , sondern undiszipliniertes Volk in der Mehrzahl . Das war ein schrecklich Fuhrwerken mit demselben . Wer hat wohl schon an einer Ziege gerissen , damit sie rascher marschiere ? Der hat es erfahren , wie die Ziege , statt rascher zu marschieren , mit all vier Beinen verstellt und gar nicht mehr vom Platz will . So geht es auch mit Dienstboten , welche undiszipliniert sind , sie halten zurück , sie machen immer langsamer , am Ende gar nichts mehr . Jeder stellt so gleichsam einen Knittel vor , der sich dem Meister zwischen die Beine wirft , wenn er rascher zufahren will . Von dieser Widerspenstigkeit wurden allgemach auch die Tagelöhner angesteckt , es entstand eine heillose Wirtschaft . Uli arbeitete sich ab wie ein Roß in einer Tretmühle ; wie das Rad umgeht , liefen die Tage vorbei , aber wie das Pferd nicht weiter , kommt , so schien Uli gebannt und nicht vorwärts zu kommen . Je schlechter man arbeitete , desto mehr klagten die Leute über Ulis Unverständigkeit , wie man ihm nie genug arbeiten könne , auch wenn man sich quäle wie ein Hund . Natürlich hatte man immer später Feierabend , Uli immer mehr zu treiben und zu tadeln , daher die Leute scheinbar Grund zu klagen . Begreiflich suchten sie den Splitter in Ulis Augen , den Balken im eigenen sahen sie nicht . Sonst hatte Uli den Sonntag respektiert , Misten , Grasen und sonstige Arbeit vermieden , war gerne am Sonntag zur Kirche gegangen , hatte ordentlich Appetit nach Gottes Wort ; er hatte die Natur , welcher die Worte des ewigen Lebens wohl taten , Bedürfnis waren , gleichsam eine Nahrung , welche die Natur verlangte . Wie aber Nebel in Täler sich drängen allgemach , bis die Täler endlich voll Nebels sind und unsichtbar die Sonne geworden ist , so drängte sich allgemach die Arbeit in den Sonntag hinein ; er ward finster , das ewige Licht schien immer düsterer , schien am Ende gar nicht mehr hinein . Was sonst am Samstag gemacht worden war , ward verlegt auf den Sonntagmorgen , und wenn Uli nicht selbst dabei war , ward es gar nicht gemacht . Die lumpigsten Knechtlein waren Nachtschwärmer , wie es die meisten sind , stunden am Sonntag nicht auf , und was Uli darüber sagen mochte , es half alles nichts , sie hatten keinen Glauben zu ihm , sondern das Vorurteil gegen ihn , daß allem , was er sage , eigennützige Absichten zum Grunde lägen . Wo das einmal so ist , hat es gefehlt , da hilft alles Zureden nichts . Bei den meisten Menschen muß der Glaube es machen , zum Erwägen und Erkennen einer Sache sind sie untauglich . Dieses fühlen sie dunkel , daher das Mißtrauen , namentlich gegen alle , welche über ihnen stehen , daher die unbegreifliche Hartnäckigkeit , mit welcher sie das Verderblichste treiben , wenn es ihnen von Leuten eingebläuelt ist , zu welchen sie den Glauben haben . Die Menschheit steht unendlich mehr unter der Herrschaft des Glaubens , als man wähnt . Freilich frägt sich dann immer , an wen man glaubt . Je nachdem die Gemüter sind , hat ein Glaube Gewalt über sie , wie die verschiedenen Stoffe verschieden empfänglich sind für das Licht , daher auch in verschiedenen Farben sich darstellen . Nur kann nie genug gesagt werden , daß der Glaube nicht abhängt von Verstand oder Bildung . Bei Verstand oder Bildung findet man sehr häufig eine Glaubensweise oder eine Leichtgläubigkeit , welcher jeder Christ sich schämen müßte . Es gibt sogar Gelehrte , welche glänzende Examen gemacht , sie verachten die Evangelien , aber sie schwören mit einem wahren Köhlerglauben zu den Kollegienheften eines versoffenen Professors . Ulis Knechtlein ists also nicht zu verargen , daß sie das Heilsame in seinen Ratschlägen nicht begriffen , dieweil sie halt keinen Glauben zu ihm hatten . Aber Uli ist zu bedauern , daß er sich den Sonntag rauben ließ , gleichsam so unvermerkt , wie Diebe die Börsen stehlen sollen , denn war er vormittags nicht in der Predigt , kam er nachmittags noch viel weniger in die Kinderlehre , kam aber auch zu keinem Buche . Nachmittags mußte er irgendwo aus , wo er an den Arbeitstagen sich nicht Zeit nahm , einem Handwerksmann nach oder um eine Kuh aus oder wollte Geld von einem Müller für Korn oder einem Wirte für eine fette Kuh . Es war immer etwas zu laufen , und manchmal lief er sich außer Atem und ward doch nicht fertig . Man glaubt aber nun gar nicht , was das für einen Einfluß auf ein Gemüt hat , wenn kein Lichtstrahl von oben es mehr erleuchtet , kein Himmelsbrot es mehr kräftigt , die Dornen und Disteln des Lebens es überwuchern , die Sorgen und Gedanken um Gewinn und Gewerbe es dichten Nebeln gleich umschleiern . Man denke sich eine wilde Kluft , in welche die Sonne nie scheint , aus welcher die Nebel nie weichen , man denke sich , was da wächst , was da kriecht und flattert ; man denke sich das grausige Leben , wenn man gebannt würde in eine solche Kluft , da leben müßte in den Nebeln unter dem giftigen Gezüchte und ohne Sonne , nicht einmal sich heben dürfte empor über den Rand der Kluft , nicht einmal mehr den Kopf recken könnte über die Nebel empor in frische , gesunde Luft hinein ! Ähnlich nun ist es , wo der Geist des Herrn nicht über den Wassern schwebt , das Wort von oben nicht mehr die Sonne ist , welche die Nebel niederschlägt , wo im Dunkeln kriechen und wachsen kann , was dem finstern Gemüt entwächst , was die Welt ablagert in das finstere Gemüte . Man denke sich doch , wie es werden muß , wenn die Gedanken , welche dem Leibe entstammen , die Empfindungen , welche Haß und Neid gebären , die Sorgen , welche das Gefühl der eigenen Ohnmacht emportreibt , die Kümmernisse ums tägliche Brot und des äußeren Daseins Bestand alle bleiben , kriechen und schleichen durchs Gemüte , wie es da frostig und finster und unheimlich werden , was da für ein Leben sich gestalten muß , wenn des Herren Wort die Empfindungen nicht läutert , Kümmernis nicht verscheucht , die Gedanken und das Trachten nicht nach oben zieht , wenn es immer und immer nur tönet : Was werden wir essen , womit werden wir uns kleiden , wie kann ich meinen Bruder übervorteilen im Handel , wie kann ich mich rächen , mich erhöhen , ihn erniedrigen ? Eine unerhörte Verkümmerung der Gemüter wird täglich sichtbarer , die Bande der Liebe und der Verwandtschaft faulen und lösen sich , das Hohe und Edle bleibt unbegriffen , ungesucht . Begeisterung wird lächerlich , Selbstsucht zur Sittlichkeit , und woher wohl das ? Weil die Sonne fehlt , die den Nebel niederschlägt , weil das Wort fehlt , welches die Seelen speiset , die Liebe zeuget , zum Himmel zieht . Diesen Wandel bei Uli fühlte niemand schmerzlicher als Vreneli . Es tat ihm vor allem weh , daß die Sonntagsruhe von der Glungge wich , das Getümmel der Arbeitstage nicht verstummte , das rechte Feierkleid , so glänzend rein und schön Haus und Hof nie mehr so recht angezogen wurde . Wie Uli auch trieb und selbst zuweilen Hand anlegte , so recht aufgeräumt wurde nicht mehr , Zeit und Hände fehlten ; Zeit und Hände mußten immer mehr da verwendet werden , wo ihr Tun was eintrug . Aber mehr noch grämte sich Vreneli wegen der Verdunklung von Ulis Gemüt . Seine Gedanken waren bloß auf Gewinn und Gewerb gerichtet . Sinn für was anderes zeigte sich immer weniger , immer weniger konnte Vreneli ein hoher , besser Wort mit ihm reden , auf der Stelle war er bei Haushaltungssachen und dem , was in Mein und Dein einschlug . Er hatte selten Zeit mehr , das liebliche Mädchen auf den Knieen zu schaukeln oder auf den Armen ums Haus zu tragen , und machte ein ärgerliches Gesicht , wenn zuweilen sich jemand mit ihm versäumen mußte , was doch bei einem so jungen Kinde nicht anders möglich war . Ja manchmal schien es Vreneli , als sei Uli bereits auf dem Punkte angekommen , wo man nicht mehr frägt : Was ist recht vor Gott und macht das Herz nicht schwer , wenn es noch heute gestorben sein muß ? , sondern : Wie komme ich am weitesten und was trägt mir am meisten ein ? Das ist ein so gewöhnlicher , gemeiner Standpunkt und es stehen so viele Menschen darauf , daß man es nicht einmal merkt , auf was man steht und wer darauf steht . Vreneli stund aber nicht auf diesem Standpunkte . Ehrlich währe am längsten , daran glaubte es , und für unehrlich hielt es , was man nicht gern hatte , daß es einem in Handel und Wandel angetan würde . Es sah zu seiner Sache , nahm gerne einen guten Preis dafür , über , vorteilte jedoch niemand , hing niemand was Schlechtes für was Gutes an . Es hatte die ganz sichere Ansicht , daß bei der Ehrlichkeit der größte Vorteil sei . Betrüge ich jemand , so hütet sich der vor mir und sagt es noch Andern . Gebe ich ihm die Sache recht und gut , so kömmt er wieder und sagt es Andern . So habe ich guten Absatz und gerne gibt man mir , was ich fordere . Ich möchte mir nicht nachreden lassen , daß ich jemand verkürzt hätte , sei es Reich oder Arm , so kalkulierte Vreneli . Uli im Nebel seines Treibens verlor die Fassungskraft für diese Grundsätze , sein Gesichtskreis zog sich zusammen , er begann dafür zu halten , daß ein Spatz in der Hand besser sei als eine Taube auf dem Dache , daß man nicht einen Kreuzer nach einem Taler werfen solle , indem man leicht um beides kommen könne , daß jeder heute machen müsse , was er könne , dieweil er nicht wisse , ob morgen noch ein Tag für ihn sei . Das ist die kurzsichtige Politik kurzsichtiger Menschen , welche nie an die Folgen denkt , eine Politik , an welcher so unendlich Viele verarmen an Leib und Seele , eine Politik , welche jedoch durchaus nicht zu verwechseln ist mit dem Ausspruch des Herrn : Sorget nicht für den morgigen Tag ! Es ist genug , daß jeder Tag seine eigene Plage habe . Der führt uns bloß zu Gemüte , daß wir uns nicht kümmern sollen um das , woran wir nichts machen können , was aus Gottes Hand alleine kommt , daß wir trachten sollen nach dem Reiche Gottes und seiner Gerechtigkeit , also darum uns kümmern sollen , das Rechte zu tun , in allen Dingen den Willen Gottes zu vollbringen wie die Engel im Himmel , daß zu uns komme sein Reich , daß geheiligt werde sein Name . Es schien Vreneli , als ob es kalt werde um ihns . Es war ihm , wie es dem Frühling sein muß , wenn er , in der Liebe der Sonne aufgeblüht , allmählich abnehmen fühlt der Liebe Wärme , kalte Winde um ihn wehen , eisig , tödlich der Reif sich naht ; wie es der Erde sein müßte , wenn feindselig unwiderstehlich eine Macht ihr ins Herz dringen würde und dort ausblasen wollte mit eisigem Munde die Feuer , welche des Herrn Hand selbsteigen sich angezündet auf dem aller , heiligsten der Altäre , auf dem Herzen der Erden . Die Sterne über seinem Leben schienen erbleichen , sein Leben sich gestalten zu wollen zum Leben eines Hundes in einer Tretmühle , wo die Tage umgehen , aber das Trippeln und Trappeln alle Morgen neu angeht in gleicher Pein und gleichen Ängsten , bis am Abend die Glieder steif geworden und die Ruhe gesetzliche Notwendigkeit . Es war nicht die Arbeit , welche Vreneli beschwerlich fiel , es war die Atmosphäre , in welcher die Arbeit verrichtet werden sollte . Mit erfrornen Fingern macht man keine Knoten auf , mit erkältetem Gemüte wird Leichtes schwer verbracht . Liegt wohl hier ein bedeutender Teil der Schuld , daß Arbeit so schwer wird , die Klagen darüber so laut , die Sucht nach bloßem Genuß so mächtig , der Neid gegen Begünstigtere so giftig , die Menge oben und unten so weichlich ? Sehr möglich , daß der Dunstkreis des Gemütes der Arbeit so günstig ist bei uns wie der Dunstkreis in Grönland Äpfeln und Birnen , von Trauben wollen wir nicht einmal reden . Es ging schwer und alle Tage schwerer , das fühlte Vreneli wohl und mit alle Tage größerem Schmerze . In Beziehung auf den Landbau gehörte das Jahr zu den mühseligen zwar und doch zu den gesegneten . Es gibt solche Jahre zuweilen , wo man alles so mühsam stehlen muß , und wenn man am Ende alles übersieht , so hat man einen reichen Segen gewonnen , Jahre , wo unser Herrgott das ganze Jahr hindurch es selten jemand recht macht , ein beständiger Jammer ist , es sei nicht gut , es komme nicht gut , und am Ende ist alles wohl geraten , alles gut gekommen , und jedermann muß sagen : Es ist doch gut , daß ein Anderer als ich das Wetter macht und daß unsere Gedanken nicht seine Gedanken und unsere Ungeduld nicht seine Ungeduld ist . Uli machte mehr als hundert Taler mit Raps oder Reps , mit Klee und Flachssamen , hatte eine Masse überflüssiger Kartoffeln , war glücklich im Stall gewesen ; er hatte das Meiste selbst besorgt , so daß er aus Sachen , welche man sonst eben weniger rechnet , eine bedeutende Summe löste . Es läßt sich mit solchen Pflanzungen aller Art viel machen , aber sie brauchen fleißige Hände . Sie nehmen Leute und Zeit in Anspruch , und wo man ohnehin von beiden zu wenig hat , schaden sie mehr , als sie nützen . Man versäumt entweder sie oder die Hausarbeiten , und nichts ist beim Landbau nachteiliger als unrechte Zeit und schlechte Arbeit . Was man an der Arbeit spart , muß man doppelt und dreifach am