! « mußte unter dem Hohngelächter des Volks zurückgebracht werden . Die Entscheidungsstunde schlug . Nach einer Stunde waren in Berlin gegen 300 Barrikaden errichtet und 40 Feuerschlünde schleuderten Tod und Verderben unter die wackern Kämpfer , welche hinter ihnen standen . - - - - Alice eilte nach Hause , um sich in ihre Männerkleidung zu werfen . Unmittelbar nach der oben geschilderten Scene zwischen Lydia und Salvador trat sie ins Zimmer . Ein Blick auf Lydia , welche ihre Verwirrung nicht zu verbergen vermochte , belehrte sie , daß Etwas in ihrer Abwesenheit vorgefallen sein mußte , das zu ergründen sie auf eine gelegenere Zeit verschieben mußte . - Mach Dich doch zurecht , mir zu folgen , Salvador - gebot sie . - Du , Lydia , schließe die Thür und gewähre Niemandem , wer es auch sein mag , Einlaß . - - - Hört Ihr den Kanonendonner ? Ha , der Tanz hat schon begonnen , und ich bin noch immer nicht im Festkleide , um daran Theil nehmen zu können . - Um Gotteswillen , was willst Du thun , Alice ? - fragte Lydia voller Angst . - Salvador , meine Pistolen ! Sind sie geladen ? - Ja . - Gut . Jetzt wirf mir den Mantel über . Beunruhige Dich nicht , Lydia . Was wir in Wien versäumt haben , holen wir hier nach - sagte lachenden Mundes Alice , indem ihr Herz ungestüm pochte . - Die Revolution bricht los , mein Kind . - Revolution ? - jammerte händeringend Lydia . - Und Du willst hinaus in den Kampf . O , ich beschwöre Dich , Alice , bleib ! Was soll ich anfangen ohne Dich . Ich ängstige mich hier zu Tode . - Du bist eine Närrin , meine Lydia . Aber Du hast recht . Allein darfst Du nicht bleiben . Ich werde Salvador zurücklassen . Salvador wußte nicht , ob er sich darüber freuen oder betrüben solle . Er legte schweigend seine rothe Schärpe ab , setzte sich wieder auf die Bank und nahm in scheinbarer Gleichgültigkeit seine Zither zur Hand . Diese bei Salvador unerklärliche Folgsamkeit , noch mehr aber die dunkle Röthe , welche urplötzlich Lydias Wangen überzog , machte Alice stutzig . Sie blickte auf Beide mit unverhehltem Erstaunen herab . Im nächsten Augenblicke jedoch lachte sie über ihre Vermuthung , hüllte sich tiefer in ihren Mantel und eilte leichten Schrittes die Treppe hinab . Sie schritt rasch über den Opernplatz und den Lustgarten nach der Friedrichsbrücke zu , zuweilen mitten durch das Militair hindurch , das ja den Unbewaffneten passiren ließ . Die Friedrichsbrücke , sowie die Herkulesbrücke waren bereits verbarrikadirt , die erste von Studenten , die zweite von Arbeitern vertheidigt . Als sie die Barrikaden überstieg , wurde sie sogleich umringt . - Sie sollen uns anführen - hieß es . - Ich danke Euch , Freunde , das kann ich nicht annehmen . Aber wer kommt mit nach der » Neuen Wache ? « Bald hatte sich eine zahlreiche Schaar um sie versammelt , welche von Schritt zu Schritt sich vermehrte und wie eine Lavine anwuchs . Die » Neue Wache « liegt am Neuen Markt . Unterwegs fragte sie nach Ralph . Aber Niemand hatte ihn gesehen . Als sie bei der » Neuen Wache « anlangten , war das in der Nähe befindliche Militair , etwa 25 Mann stark , unter ' s Gewehr getreten und entschlossen , seinen Posten zu vertheidigen . Alicens Schaar mochte etwa einige 50 junge Leute betragen , aber nur 5 davon , darunter Alice selber , waren bewaffnet , die meisten hielten nur Stöcke in den Händen , die Uebrigen waren völlig waffenlos . Alice stellte ihre Leute auf und fragte sie , ob sie entschlossen wären , ihr zu folgen . - Bis in die Hölle - scholl es ihr entgegen . - So kommt ! Im gemessenen Schritt rückten sie auf die Soldaten an . Der Unterofficier , welcher sie befehligte , commandirte : » Fertig ! « Die Hähne knackten . Da rief ihnen Alice , welche nur noch etwa 20 Schritte von den Soldaten entfernt stand , zu : » Ein Schurke , wer auf seine Brüder schießt . Wer die Waffen niederlegt , kann frei abziehen . Entschließt Euch ! « Zugleich ließ sie ihre Schaar einen weiten Halbkreis um die Soldaten schließen . Die Soldaten schwankten . Auf einen Wink von ihr sprangen die die Endpunkte des Halbkreises bildenden Arbeiter den Soldaten in die Flanke . So von drei Seiten zugleich angegriffen , wagte der Unterofficier nicht mehr » Feuer « zu kommandiren - und die Soldaten streckten ihre Gewehre . Es wurde ihnen versprochener Maßen freier Abzug gewährt und in wenigen Minuten war die Wache vom Keller bis zu den Bodenräumen hinauf demolirt . Die Bänke , Tische , Stühle , Tonnen und sonstiges Holzgeräth wurde aus dem Fenster geworfen , als brauchbares Barrikadenmaterial . Der beste Fund aber bestand in 200 Säbeln , welche in mehreren Kisten auf dem Boden gefunden wurden . Schnell waren sie vertheilt . Alice eilte nun der Königsstraße zu . Auch hier wußte man nichts von Ralph . - Schrecklich wär ' s , säße er noch in seiner Zelle - dachte sie bei sich - doch das ist ja nicht möglich . Steiger hat mir ja versprochen , ihn zu befreien . Sie schritt weiter über den Mühlendamm nach dem Petriplatze zu . - Da endlich sah sie Ralph im fürchterlichsten Kartätschenhagel ruhig auf der Barrikade stehen . Einen Freuderuf ausstoßend , sprang sie auf ihn zu . - - X In einer kleinen , feuchten , dunklen Zelle der » Hausvogtei « mit der Aussicht auf ein Stück blauen Himmels , das durch die querlaufenden Eisenstäbe des zwei Fuß im Gevierte messenden » Fensters « in viele kleine Carrees zerschnitten wurde , saß auf seiner Pritsche der arme Ralph . Sein Kopf stützte sich auf die linke Hand , als vermöchte er den Schmerz um den Verlust der Freiheit - des einzigen und daher kostbarsten Gutes des Arbeiters - nicht mehr zu ertragen . Dennoch klagte er nicht , er seufzte nicht einmal - im Gegentheil , er war glücklich in diesem Augenblicke - denn er träumte . Er träumte von seiner Schwester , von seinem Vater , von seinen kleinen Brüdern und - - - - Da wurde er plötzlich durch ein verworrenes Geräusch , das vom Hausvoigteiplatz her über die Dächer hinüberschallte , aus seinem schönsten Traume gerissen . Er blickte verstört empor . Aber er sah nichts , als das carrirte Stück Himmel , und selbst dies nicht einmal , da dieser von düstern Wolken bedeckt war . Er lächelte trübe vor sich hin , denn er glaubte , jenes Getöse sei auch nur in seinem Traume vorhanden gewesen , und wollte seine Stirn herabsenkend wieder fortträumen , da - ha , das war kein Traum mehr - ein Schuß war gefallen . - Horch ! ein zweiter , dritter folgte - - eine volle Gewehrsalve . Mit einem Satz stand er mitten in seiner Zelle , ein zweiter schnellte ihn zu dem kleinen Gitterfenster empor . Aber er sah nur in den Gefangenhof hinab . Der Wachtposten bemerkte ihn und legte sein Gewehr auf ihn an . Er ließ sich wieder auf den Boden seiner Zelle nieder und horchte . Angst und Hoffnung führten einen verzweiflungsvollen Kampf in seiner Brust . - Aber er hörte nichts mehr . Kein Laut drang mehr zu ihm , als der eintönige Schritt des Postens auf dem Pflaster des Hofes . - Da däuchte es ihm , als ob ein leiser aber schneller Schritt den Corridor , an dem seine Zelle lag , herabeilte . Das war nicht des Gefangenwärters schwerer und schleppender Gang . Wer mochte es also sein ? Immer näher und näher kamen die Schritte , jetzt waren sie an seiner Zelle . - Der Nahende stand still . Gleich darauf hörte Ralph , wie leise ein Schlüssel in das Schloß seiner Zellenthür geschoben wurde . - Eine ungewohnte Bewegung , von der er selbst nicht wußte , ob er sie der Furcht oder der Hoffnung zuschreiben sollte , bemeisterte sich seiner ; es war ihm , als werde ihm irgend etwas Unerwartetes , Gewaltiges , Ungeheueres entgegentreten , sobald die Thüre sich öffne . Die Thüre öffnete sich , das Ungeheuere aber , welches die aufgeregte Phantasie Ralphs vermuthete , war die Vollendung seines vorhin unterbrochenen Traumes : Alice . Ralph konnte einen Ausruf des freudigsten Erstaunens nicht zurückhalten . Alice legte den Finger auf den Mund . Seine Knie schlotterten , während er , die Hände über die Brust gefaltet , Alicen anschaute . Auch diese konnte ihre Bewegung nicht zurückhalten , als sie ihn abgezehrt vor Schmerz und Entbehrung vor sich erblickte . - So sehen wir uns wieder , guter Ralph ! - sagte sie nach einer Pause . - Nur getrost , die Stunde der Erlösung wird bald schlagen . Ralph drückte ihre Hand an die Lippen und sagte : O , das ist ' s nicht , was mich quält , daß ich hier bin . Aber man hat gesagt , ich hätte gestohlen ; - - sehen Sie , das ertrage ich nicht . Und mein Vater ? - Sie wissen es schon ? - Was ? - Daß auch er im Gefängniß ist . Ralph lachte bitter . - Nur immer zu , es wird ja wohl auch für uns die Stunde kommen , wo wir mit Euch rechnen können , ihr Blutsauger . - - Er streckte drohend die Hand empor . - Und wo ist Anna ? Ist sie auch eingesteckt , nicht ? - - Nein , sie ist bei mir . - Gott sei Dank . - Sagen Sie , Ralph , halten Sie den Gilbert für einen ehrlichen Menschen ? - Ein Schuft ist er , ich hab ' s immer gesagt . - Haben Sie Beweise ? - Nein , aber bin ich erst frei , so kann ich welche schaffen . - Gut , Sie sollen morgen frei sein . Haben Sie das Schießen gehört ? Das dauert nun so bereits die ganze Woche hindurch . Am vorigen Sonnabend , nach der Volksversammlung , da fing es an . Die Soldaten haben eingehauen , das Volk ist furchtbar erbittert . Montag ist der erste Schuß gefallen und der erste aus dem Volke Gemordete begraben worden . Vorgestern und gestern hat ' s auf dem Opernplatz wieder Todte gesetzt . Wie es heute werden wird , weiß ich noch nicht . - Morgen aber wird das Maaß voll sein . Ralph , - Morgen ist der 18. März , vergessen Sie , wenn Sie frei sind , nicht , daß Sie ein » Achtzehner « sind . Hier haben Sie ein gutes Messer , Sie werden ' s brauchen können , und hier ein paar Doppelterzerole ; sie sind geladen ; gebrauchen Sie die Waffen nicht zu früh ; nicht eher , als bis Sie kein Schloß mehr vor sich haben . Und nun leben Sie wohl - bis man kommen wird , Sie hier heraus zu holen . Sie reichte ihm die Hand - und war im nächsten Augenblicke verschwunden . Ralph war ' s , als ob er diesmal wirklich geträumt . Als er aber den schleppenden Gang des Wärters hörte - es war die Stunde , wo er sein Abendbrod erhielt , steckte er schnell die Sachen in das Bettstroh , legte sich auf ' s Bett und erwartete den Kerkermeister . Dieser , ein alter , schon gebrechlicher Mann , trat , in der einen Hand einen Topf und in der andern ein Stück Brod haltend , ein , setzte beides auf den neben dem Bette stehenden Stuhl und entfernte sich wieder , ohne , wie es schien , von dem geheimnißvollen Besuche Alicens eine Ahnung zu haben . So war Ralph wieder allein . Die Mittheilungen Alicens hatten seine Spannung auf ' s Höchste gesteigert . Er berührte sein Abendbrod kaum , obschon ihn hungerte . Von Zeit zu Zeit zog er sein Messer aus dem Stroh hervor und prüfte die Spitze der Klinge . Besonders aber freuete er sich über die Terzerolen , welche von ausgezeichneter Arbeit waren . Es wurde Abend und er war ohne Licht . Aber der Vollmond schien mit herrlicher Klarheit durch das Gitterfenster . Ralph saß auf seinem Bette und ließ die Stunden an sich vorüberkriechen . Er dachte an Vielerlei , an seine freudlose Jugend , an die traurigen Zänkereien zwischen seinen Eltern , denen er seit seiner frühesten Kindheit als Zeuge beigewohnt . Aber er dachte auch an seine gute Anna , an seine Spiele mit ihr , als sie noch klein war , an die mannigfachen Entbehrungen , die sie sich selbst auflegten , um einander eine verstohlene Freude zu bereiten - er dachte auch an Alice - und wie ein Nebelbild , wenn plötzlich die Sonne hinter den Wolken hervorbricht , so zerfloß die Vergangenheit vor seinem innern Blick bei diesem Namen und er dachte nur an die Gegenwart und an die nächste Zukunft - die nächste Zukunft aber war morgen . Sein Athem flog , wenn er an morgen dachte - sein Herz zitterte vor innerer Bewegung . Es war ihm zuweilen , als solle morgen sein Geburtstag gefeiert werden , so kindlich war seine Freude , wenn er sich erinnerte , daß morgen der 18. März , und er ja selbst auch ein » Achtzehner « war . Dann plötzlich kam es wieder über ihn , wie die Drommete eines jüngsten Gerichts , deren Schall die Welt in Trümmer stürzt . Und er sah sich selbst auf diesen Trümmern stehen , eine Fahne hoch in der Rechten schwingend und seine Kampfgenossen rufend zum Siegsgesang . Aber er war allein , seine Genossen waren gefallen bis auf ihn . Da senkte er traurig seine Fahne auf die Gefallenen , knieete an ihren Leibern nieder und - betete . Als er aber so da lag auf seinen Knieen , siehe , da kam plötzlich der alte böse Feind , der seine Brüder getödtet , warf ihm eine Schlinge um den Hals und schleppte ihn wieder zurück in sein Gefängniß . Ralph erwachte aus seinem Traume und blickte auf . Der Mond schien nicht mehr durch das Gitterfenster , aber die Dämmerung brach bereits an . Jetzt , als der Tag kam , als die Stunde der Erlösung näher rückte , sprang er auf und ging mit unruhigen Schritten in seiner Zelle auf und nieder . Jedes Geräusch trieb ihm das Blut in das Gesicht ; das Säbelklirren des Wachtpostens auf dem Hofe dünkte ihm wie das Rasseln des Schlüsselbundes seines Gefangenwärters , welcher komme , die Thür ihm zu öffnen . Vergebens . Eine Stunde verfloß nach der Andern - er hörte die Thurmuhr von der Werderschen Kirche jede verflossene Viertelstunde anzeigen - Niemand erschien , um ihn zu erlösen . - Horch - endlich hörte er Jemanden den Corridor entlang kommen . Rasch steckte er das Messer in den Gürtel , den er unmittelbar auf dem Leibe trug , auf die Gefahr hin , sich bei der geringsten raschen Bewegung zu verwunden ; die Pistolen wanderten in die langen Stiefelschäfte . So erwartete er den Nahenden . Wiederum getäuscht ! - Es war der Wärter , der ihm sein Mittagbrod brachte . Schon war er im Begriff , von seinem Messer gegen den Alten Gebrauch zu machen und zu fliehen . Aber er dachte an seinen Vater , der ungefähr in demselben Alter war - und ließ die Hand wieder sinken . - Die Thür war wieder verschlossen . Ralph war in düsteres Brüten versunken , er hatte die Hoffnung fast aufgegeben - - Von der Werderkirche herab tönten die Schläge der Uhr ; es war die dritte Nachmittagsstunde - - da dröhnten die in ihren Fugen durch die Zeit gelockerten Scheiben des Gitterfensters von einem dumpfen Donnerschlage - Ralph blickte in die Höhe , der Himmel war vollkommen heiter - - Als er noch mit der Aufklärung dieses sonderbaren Phänomens beschäftigt war , hörte er endlich die ersehnten Schritte auf dem Corridor , welche sich eilig seiner Zelle nahten . Da tauchte die Vermuthung der Wahrheit in ihm auf . - Es war der Donner des groben Geschützes gewesen , was er gehört hatte . - Versuche von Innen , das Schloß zu sprengen - tönte eine wohlbekannte Stimme durch ' s Schlüsselloch . - Wir haben keinen Schlüssel und der alte Satan - dein Wärter ' hat sich , wer weiß wo - verkrochen . - Es geht nicht - rief Ralph in Verzweiflung zurück , als er sah , daß die stark mit Eisen beschlagene Thür seiner gewaltigsten Anstrengungen spottete - ich habe keine Werkzeuge . - Verdammt - flüsterte dieselbe Stimme - lauf , Junge , und sieh , daß Du eine Brechstange bekommst . - Diese Aufforderung war an eine zweite Person draußen gerichtet , welche sich entfernte , aber bald mit der trostlosen Nachricht zurückkehrte , daß der Ausgang von den Wachtposten besetzt sei . Dann müssen ' s wir für jetzt aufgeben , sonst werden wir alle drei gefaßt . Wir kommen wieder , mein Junge - erscholl es abermals durch ' s Schlüsselloch - eine kleine halbe Stunde nur und dann bist Du frei . Ralph wartete . Die halbe Stunde war längst vorüber . Er hörte es 4 und 5 Uhr schlagen . Niemand kam . Das Gebäude war still wie ein Grab , aber draußen donnerten die Kanonen , knatterten die Pelotonfeuersalven herüber . Nicht hundert Schritte von ihm mußte der Kampf entbrannt sein , denn er hörte zwischen den Salven den Hurrahruf der Kämpfenden und das Geröchel der Sterbenden . Seine Angst führte ihn an die Grenze des Wahnsinns .... Gefangen , während man draußen für die Freiheit kämpfte .... Er saß am Boden und weinte wie ein Kind . Da durchblitzte plötzlich ein Gedanke seine Seele . - - Freudig sprang er empor . Er zog die beiden Terzerole hervor und setzte Zündhütchen auf alle vier Pistons . Dann kletterte er noch einmal nach dem Fenster in die Höhe und schaute auf den Hof hinab . Er hatte richtig vermuthet : der Wachtposten war verschwunden . Er sprang herab , setzte den einen Lauf fest aus Schlüsselloch der Thür , trat zur Seite und drückte ab . Der Knall war heftiger , als er geglaubt hatte , doch da die Bewohner des Hauses ihre Aufmerksamkeit nach dem Gefecht draußen gerichtet , so war der Knall von Niemandem bemerkt worden . Das Schloß aber war so stark beschädigt , daß Ralph es mit einer geringen Kraftanwendung vollends herab-und die Thüre aufriß . Behutsam schlich er den Corridor hinab und öffnete die erste beste Thür eines Zimmers , dessen Fenster nach dem Hausvoigteiplatze gingen . Dort , wo die Oberwallstraße an den Hausvoigteiplatz mündet , erblickte er eine Barrikade . Diese aber war von Soldaten besetzt . Links am Eingange der Jerusalemerstraße und Rosenstraße war ebenfalls eine Barrikade , ungleich höher als die erstere . Auf ihr sah er die schwarz-roth-goldne Fahne aufgepflanzt - dort waren seine Freunde . Mit einem Satz war er auf der Straße . Eine Salve aus der Oberwallstraße donnerte hinter ihm her . Die Kugeln pfiffen ihm um den Kopf , aber unversehrt gelangte er zu seinen Freunden . Der alte Steiger und Hartwig - dieselben , welche seine Flucht zu unterstützen versucht hatten - empfingen ihn mit lautem Jubel . Sein erster Schuß streckte einen Infanterie-Lieutenant zu Boden . Eine Stunde mochte vergangen sein , während welcher das Feuer keinen Augenblick aufgehört hatte , da wurde Ralph vom alten Steiger angerufen . - Was giebt ' s ? - fragte dieser , das von Pulver geschwärzte Gesicht mit dem Rockärmel abwischend . - Sucht man uns in den Rücken zu fallen ? - Nein , die Mohrenstraße hält sich gut . Aber nach der Barrikade der Breiten-Straße muß Verstärkung . Die Gefahr soll dort groß sein . - Ich werde hingehen . Es sind Eurer hier genug . - Ich begleite Dich , sagte Hartwig , der dazu getreten war und die letzten Worte gehört hatte . - Gut ; so komm ! - Mit Gott , Kinder ! - sagte der alte Steiger , ihnen die Hände schüttelnd - Du , Hartwig , mein Junge , gieb mir noch ' mal die Hand . Der Donner soll drein schlagen , wenn ich weiß , warum es mir immer so ist , als wenn - na , dummes Zeug , auf Wiedersehen , Jungens . Er sah ihnen nach , bis sie um die Ecke des Dönhofsplatzes verschwunden waren . Dann fuhr er sich mit der verkehrten Hand über ' s Gesicht und lud sein Gewehr von Neuem . An der Breitenstraße vom Petriplatz angekommen , meldeten sich die beiden Freunde sogleich beim Anführer der Barrikade , welche , aus Tonnen , Wagen , Trottoirsteinen und allen möglichen Möbeln fast 20 Fuß aufgebaut , ein Kunstwerk eigener Art darstellte . Hinter der Barrikade und zu beiden Seiten der Straße war das Pflaster mehre hundert Schritt weit aufgerissen und die Steine in großen Pyramiden aufgehäuft . Die Dächer waren abgedeckt , um die Ziegel zu Wurfgeschossen zu verwenden . Aus allen Fenstern richteten sich drohende Läufe auf die Artilleristen , welche die beiden Zwölfpfünder bedienten , und auf die Abtheilung Infanterie , welche unter dem Schutze der Kanonen zuweilen einen Sturm versuchte . Das D ' Heureussche Haus , dessen Front die » Breitenstraße « begrenzt , war schon dicht mit Kartätschenkugeln besäet . Hinter der Barrikade war , umgeben von Steinpyramiden , eine tiefe Grube aufgeworfen . Darin saßen die Frauen und Kinder , welche über Kohlenfeuer Kugeln gossen , die Gewehre luden und die Verwundeten verbanden . Andere brachten Blei von Fenstern , Stücken Eisen , kleine Steine und was sonst in einen Gewehrlauf hineingepfropft werden konnte , herbei . - Es war ein Getreibe , daß es schien , als ob die größte Unordnung herrsche ; und doch stieß keiner den Andern . Der Geist der Kampflust brachte Einheit in die scheinbare Verwirrung . Die Kanonen donnerten , die Gewehrsalven krachten , die Steine flogen , die Verwundeten ächzten , dazwischen tönten die Commandoworte und jubelten die Kämpfer einander zu . Ralph stand auf dem ihm angewiesenen Posten , den Kolben seines Gewehrs zwischen den Füßen , die Hand auf den Lauf gestützt , und schauete - auf Munition wartend - ernst in das Kampfgewühl hinein . - Was sinnst Du , Kamerad ? - sagte neben ihm eine weiche Stimme . Er wandte sich um . Alice stand vor ihm , vollständig mit Büchse und Säbel bewaffnet . - Ums Himmelswillen , was machen Sie hier . Kommen Sie , ich will sie an einen sichern Ort bringen . - Bah , denkst Du ich bin eine Memme , wenn ich auch ein Weib bin ? Nenne mich » Du « , denn hier sind wir Alle Kameraden . - - Hast Du Gilbert gesehen ? - fragte Ralph , vor der Gluth in den Blicken Alicens die Augen senkend . - Nein . - So will ich ihn Dir zeigen . Er stieg die Barrikade hinan . Alice folgte ihm . - Siehst Du dort den Jägerlieutenant , welcher mit dem Commandeur der Musketiere spricht . Das ist er . Bedarfst Du noch weiterer Beweise für seinen Verrath ? - Ich bin zufrieden . In diesem Augenblicke zischte ein Feuerstrahl aus dem Zündloche der Kanone . Ralph riß Alicen herab . Die Kartätschen wühlten in dem Holzwerk der Barrikade , die Splitter flogen umher . Da drang ein Schmerzensschrei zu Ralphs Ohren . Er blickte nach Hartwig , aber er sah ihn nicht mehr . Eine Kugel hatte ihm den Kopf zerschmettert . - XI Als der Prinz A. in dem Moment , als er von Alicen getrennt wurde , das Militär anrücken und den Platz besetzen sah , bemächtigte sich seiner eine tiefe Bestürzung . Er konnte diese Maßregel in diesem Augenblicke - der enthusiastischen Freudigkeit der Menge gegenüber - nicht begreifen . Er eilte um das Schloß herum , um von jener Seite den Versuch zu machen , zu dem König zu dringen und ihm den Stand der Dinge wahrheitsgetreu zu schildern . Aber wie erstaunte er , als er , nach dem Lustgarten eilend , auch hier dasselbe Schauspiel fand , nur daß es nicht Musketiere waren , die mit gefälltem Bajonette in das wehrlose Volk eindrangen , sondern Kürassiere , welche ihren Pferden die Sporen einsetzend mit geschwungenem Säbel wie Rasende um sich hieben . - Die Verwirrung und das Geschrei war sinnebetäubend . - Der Prinz starrte sprachlos auf das Gemetzel ; dieser plötzliche Umschwung der Dinge überstieg seine Fassung . Da dämmerte ein furchtbarer Gedanke in ihm empor . Es schien ihm , als habe er jetzt einen schrecklichen Zusammenhang gefunden . - Das ist Verrätherei ! murmelte er , und blickte , vor seiner eigenen Ahnung erbleichend , mit trostlosem Blicke zum Schlosse empor . Doch hier galt es zu handeln . Sein Inkognito aufgebend , gelangte er leicht in das Innere des Schlosses . Rasch stürmte er die Wendeltreppe empor , eilte den Corridor hinab in die Vorzimmer des Königs . Eine Menge Deputationen hatten sich bereits versammelt . Auch Herrn v. M. erblickte er unter ihnen . - Ich komme so eben vom Könige - sagte dieser , ihn auf die Seite ziehend . - Es ist Alles vergeblich . Auch Sie werden Nichts ausrichten . Der König ist durch einen mächtigen Einfluß in seinen besten Entschlüssen schwankend geworden . - Wer ist bei ihm ? - Der Prinz von Preußen , die Königin , der Prinz Karl und einige Minister . - Welche Minister ? - Bodelschwingh , Thiele und - - Genug . Ich werde das Aeußerste versuchen . Er öffnete ohne Weiteres die Thür . Der König saß mitten im Zimmer auf einem weiten Lehnsessel , mit dem Gesicht nach dem Fenster , so daß er die Aussicht auf die Kurfürstenbrücke hatte . Sein mit spärlichem Haar bedecktes Haupt war etwas nach vorn herübergebeugt , als erliege es unter der Gewalt des Augenblicks . Neben ihm , die Hand auf die Rücklehne seines Sessels gestützt , stand die Königin . Ihr bleiches , thränenvolles Gesicht beugte sich auf den König . Mit unaussprechlicher Angst in den leidenden Zügen blickte sie auf ihn herab , als erwarte sie ein unheilvolles Wort aus dem Munde des Königs . Auf der andern Seite des Sessels , doch etwas entfernter , stand ein kleiner feister Mann mit herabhängenden Armen und niedergeschlagenen Augen . Auch er schien einen Entschluß zu erwarten . Er schien eben zum Könige gesprochen zu haben und jetzt das Resultat seiner Worte abwarten zu wollen . Es war der fromme Herr Minister v. Th . Einige Schritte von dieser schweigenden Gruppe entfernt standen in einer Fensternische im eifrigen , aber leisen Gespräch begriffen fünf Männer . Es handelte sich auch hier um die große Frage des Augenblicks , das lehrte ein Blick auf ihre theils consternirten , theils zornigen Gesichter . Nur Einer unter ihnen blickte , scheinbar ohne andere als passive Theilnahme an der Unterhaltung , mit aufmerksamem Auge auf die Straße hinab . Der Prinz A. trat mit raschen Schritten auf diese Gruppe zu . - Wozu ist der König entschlossen ? - fragte er den Prinzen Carl , welcher ihm zunächst stand . Dieser zuckte die Achseln und schwieg . - Man muß die Hand zur Versöhnung bieten ; es erfordert die Klugheit , jenes unselige Mißverständniß durch schnelle Nachgiebigkeit vergessen zu machen - sagte ein schmächtiger , hoher Mann mit aristokratischen Zügen . - Sprechen Sie nicht von Mißverständnissen , Graf A. - sondern von Mißgriffen , erwiederte zornig ein dritter Herr , mit schwarzen , schlichten Haaren und einem breiten , gutmüthigen Gesicht , dessen Züge in diesem Augenblicke von Zorn oder Angst auf eigenthümliche Weise verzerrt waren . - Keine Verdächtigung , lieber Schw . - nahm der Prinz Carl das Wort . - Lassen Sie uns einig sein , um das Fürchterlichste abzuwenden . Der König ist noch unentschlossen . - - Aber er wird sich entschließen ; ich bin dessen sicher . Wie ist seine Nachgiebigkeit belohnt worden ? Sie haben es ja gesehen . Reichen Sie dem Pöbel den kleinen Finger , so verlangt er nicht etwa die ganze Hand , nein Kopf und Kragen . Die einzige Rettung liegt für uns in der Festigkeit . Die Nachgiebigkeit und Versöhnlichkeit des Grafen A. würde als Furcht ausgelegt werden und dadurch gerade das Entgegengesetzte bewirken . - Es war der Minister von B. , eine große massive Figur , in der man eher einen derben Landwirth , als einen preußischen Minister vermuthet hätte . - Ich sage - warf der Prinz A. ein , indem eine edle Entrüstung auf dem feinen blassen Gesicht eine matte Röthe hervorrief - ich sage , meine Herren , daß Verrath im Spiele ist . - Verrath ! ? - rief fast laut Herr von B. aus . In demselben Augenblicke wandten der Prinz von Preußen und der noch immer am Stuhle des Königs harrende Herr von Th. das Gesicht dem kühnen Sprecher zu , so daß ihre Blicke sich begegneten . Beide lächelten , aber das Lächeln des Herrn von Th. war ein Lächeln der Schadenfreude , der Prinz von Preußen lächelte wie Jemand , der eine Unschicklichkeit aus Klugheit nicht rügen will , um nicht den Schein persönlicher Gereiztheit auf sich zu laden . Auch A. und Schw . lächelten , jener wie ein Diplomat , der weder bejahen noch vereinen will - dieser in