, und welche nur aus Mitleid mit zu der langen Lise gegangen war . Sie war kleiner , als diese , aber von stärkerem Gliederbau , hatte ein rothes , offnes Gesicht , und war in der äußern Erscheinung weniger abschreckend , als Jene , vor welcher Pauline gleich auf den ersten Anblick einen innerlichen Schauer empfand . Pauline war nun zwar schon an das Rohe und Abschreckende bei Manchen dieser Proletarier gewöhnt , aber sie erschrak doch wieder , als die lange Lise sich rasch nach ihr umdrehte , und mit zorniger Stimme heftig fragte : » Was giebt ' s ? « » Ich bringe Euch Leinwand , um das Kind zu verbinden , das - « Liese ließ Pauline , welche mit schüchterner Stimme , fast zitternd gesprochen hatte , nicht ausreden , sondern sagte halb lachend : » Nun , wenn Eure schöne , weiße Leinewand nur wieder ganz machen könnte , was Eurr verfluchten Maschinen zerreißen - ja , ja Eure verfluchten Maschinen , die der Teufel erfunden hat - aber Ihr könnt Euch darauf verlassen , wir haben gerade Lust , ein Mal Gottesgericht zu halten mit unsern schwachen Händen über diese Teufelswerke - wenn sie auch die Hände unsrer armen kleinen Kinder zerdrücken , unsre Fäuste sind stark genug , mit den Maschinen einmal ein Ende zu machen . « » Ich bringe etwas Essen für Eure Kinder - und wenn Ihr selbst Hunger habt - « sagte Pauline , und hatte , indem sie suchte sich zu stellen , als habe sie die drohende Rede nicht gehört , während dessen den Korb geöffnet , den Franz herein getragen hatte . Dieser hatte sich entfernt , und sie nahm Brod aus dem Korb , welcher noch andere Lebensmittel enthielt , und gab den beiden kleinsten Mädchen ein paar Semmeln , welche gierig darüber herfielen . » Da thut Ihr ein Gotteslohn , « sagte Frau Martha . Die lange Lise aber sagte in demselben Tone , wie vorher : » Ja , die Würmer sind alle dem Verhungern nahe - dort der Junge , der hat sich schon lange zu Schanden gearbeitet - das kann kein Kind aushalten , tagelang auf dem Bauche kriechend zu arbeiten - konnt ' s auch nicht länger , nun liegt er da , und wenn er nicht schläft , wimmert er und will essen , und wo soll ' s herkommen ? Mir haben sie neulich auch vom Lohne abgezogen , nun bringen sie mir heute auch die kleine Lise als Krüppel von der Arbeit - wer soll nun verdienen ? Nun muß man ' s so mit ansehn , wie Eins nach dem Andern verkommt , die man erst unter Angst und Weh auf die Welt gebracht hat . Was ? Verkommt ? Todt gemacht werden die Kinder von Euch in Eurer verfluchten Fabrik ! « Pauline wußte vor Erschütterung Nichts zu sagen , sie sah sich ängstlich nach Franz um , aber er war nicht da , und so sagte sie zu Martha : » Haben denn die Kinder keinen Vater , der für sie arbeitet ? « Martha zischelte ihr leise in ' s Ohr : » Das ist ' s ja eben - fragt darnach lieber nicht , da wird sie vollends wüthend . « Aber die Warnung kam zu spät , die lange Lise hatte die Frage gehört , und fuhr jetzt heraus : » Vater , der für sie arbeitet ? Ei ja doch , auf dem Zuchthause ! Haben wohl einen Vater die armen Würmer , ' s sind keine unehelichen Kinder , deren ich mich schämen müßte - aber seht einmal , da war der Winter so hart , und die Kinder halb erfroren und verhungert - und wie der Lohntag kam , da hieß es , mein Mann habe Fehler in seiner Arbeit , und statt des Lohnes bekam er gar Nichts , nur harte Worte - da ist er in seiner Wuth hingegangen , und hat gedacht , eh ' die Kinder verhungern , mag es werden , wie ' s will - und was sie mir heute an Lohn verweigert haben , das hol ' ich mir , es ist mein ehrlich Verdienst , und ich bin kein Spitzbube , sondern die sind ' s , die mir meinen Lohn nicht geben - aber es war zum ersten Mal in seinem Leben , drum hat er ' s nicht geschickt angefangen , und sie haben ihn erwischt , nun sitzt er - denn hören Sie , wir haben ein gutes altes Sprüchwort unter uns , das heißt : die kleinen Diebe hängt man , die großen läßt man laufen . Seht , so habt Ihr uns Alles genommen : erst den Lohn , dann den Mann und Vater , dann den Jungen hier , der ' s nicht lange mehr machen wird , und heute ist nun auch das Mädel zum Krüppel geworden , und soll dran sterben , denn Ihr wollt mir nicht einmal den Chirurgen schicken , und werft mich selber zur Thüre hinaus . « Pauline faßte sich , und fiel ihr in ' s Wort : » Der Chirurg wird bald kommen , wir haben schon nach ihm geschickt , an all ' Eurer Noth bin doch ich nicht Schuld , und bin hergekommen , weil Ihr mich dauert - und wenn Ihr noch Etwas wollt , so sagt es mir , oder wenn Ihr später Etwas braucht , sagt es Franz - « Lise aber hörte nicht mehr , sondern kauerte bei ihren wimmernden Kindern nieder , und sagte , indem sie die weiße Leinwand um den verstümmelten Arm des Mädchens wand , mit zürnender Verzweiflung : » Das macht doch Niemand wieder ganz ! « Martha sagte zu Pauline : » Ihr seid ein gutes Mamsellchen , aber geht lieber . « Pauline folgte der Weisung . Franz hatte unten auf sie gewartet . » Ach , Franz , « sagte sie , » solches Elend , und ein gütiger Gott ! « » Wenn auch die Engel so fragen , die er sendet , was sollen dann die armen Menschenkinder ? « versetzte Franz . Zweiter Band I. Zwei Freunde » Doch zittert nicht ! Ich bin allein , Allein mit meinem Grimme ; Wie könnt ' ich Euch gefährlich sein Mit meiner schwachen Stimme ? « Georg Herwegh . Dem schönen Maisonntag war eine gleich schöne , gleich milde Mainacht gefolgt . Es war zehn Uhr vorüber und die Arbeiter aus Herrn Felchners Fabrik , welche unter sich den Verein der unverheiratheten Arbeiter und Junggestellen gestiftet hatten , traten eben aus der Schenke , denn dies war die Stunde , welche nach dem einen Paragraphen der Statuten ihres Vereins zum Nachhausegehen bestimmt war . Mit dem gewohnten Wunsche einer guten Nacht trennten sich die jungen Männer und Jeder schlug den Weg nach seiner Wohnung ein . Wilhelm Bürger und Franz Thalheim gingen Arm in Arm und blieben auch bei einander , als sich die Andern trennten . Ein Dritter gesellte sich jetzt zu ihnen , es war August , derselbe Jüngling , welcher mit den alten Arbeitern falsch gespielt hatte und dafür von diesen so unmenschlich geschlagen worden war . August war noch sehr jung , aber er war immer ein ziemlich lüderlicher Bursche gewesen . Als Franz den Verein der unverheiratheten Fabrikarbeiter bildete , war August nebst einigen Wenigen der jungen Leute nicht mit dazu getreten , weil sie es für eine lächerliche Zumuthung erklärten , dem Genuß des Branntweins und dem Kartenspiel zu entsagen . Am Tage nach jenem Vorfall aber war August zu Franz gekommen und hatte ihm für seinen Beistand gedankt , für diesen Beistand , welcher eigentlich in Nichts bestanden hatte , als im Hinauswerfen . Franz hatte ihn sehr kalt und ernst empfangen ; sie hatten folgendes Zwiegespräch gehabt : » Du hast falsch gespielt , also betrogen , « sagte Franz ; » das ist in allen Fällen ein schweres Vergehen und eine große Schlechtigkeit ; allein durch den besondern Fall wird dieses Thun noch verächtlicher , als es schon ist . Du hast Diejenigen betrogen , welche die Verhältnisse zu Deinen Kameraden gemacht haben und in welchen Du Deine Brüder lieben solltest ; Diejenigen , welche eben so arm sind wie Du und sich ihr Geld eben so sauer verdienen müssen - Du weißt es , wie viel Mühe und Schweiß an dem Gelde hängt , welches ein Fabrikarbeiter in seiner Tasche trägt , und Du hast es ihnen doch betrügerisch abgenommen ; Du hast Denjenigen ihr armseliges Eigenthum schmälern wollen , welche davon ihre nothleidenden Frauen und ihre elenden Kinder ernähren müssen - Du hast Dich also auch an diesen hilflosen und hilfsbedürftigen Geschöpfen versündigt . Wahrlich , wenn ich Dich der verdienten Züchtigung der Kameraden entzog , an welchen Du so himmelschreiendes Unrecht begangen , so war es nur , weil ich fürchtete , die Trunkenen mögten Dich in ihrer blinden , tollen Wuth noch todtschlagen und dadurch sich selbst mit zu Verbrechern und Strafwürdigen machen - das wollte ich ihnen ersparen und so half ich Dir zur Flucht . « » Du sprichst härter , als Du denkst , « sagte August ; » ich weiß wohl , daß die leichtsinnigen Streiche , wie ich sie mir wohl zuweilen und auch gestern habe zu Schulden kommen lassen , ein Gräuel sind , aber ich weiß eben so gut , daß Du jene Rohheiten verachtest , welche sich die Andern gegen mich erlaubten , und daß Du mich ihnen eben so gut aus angebornem Edelmuth entzogst , als aus kluger Voraussicht der Dinge , welche daraus entstehen konnten . Ja , Franz , ich gebe wohl denen Recht , welche Dich einen gescheiten Kerl nennen , aber ich habe ihnen mehr als ein Mal geantwortet : sein Herz ist noch größer , als sein Kopf . « » Ich sehe nicht ein , warum Du mir schmeicheln willst - « » Ich rede nur unbefangen Alles heraus , was ich denke , ich habe Dich immer lieb gehabt - « » Und wenn das wäre - warum hast Du die Verbindung verhöhnt , welche ich mühsam mit unsern Genossen zu Stande gebracht habe , warum bist Du nicht mit dazu getreten , sondern hast es uns sogar erschwert , wie Du nur konntest ? - Versuche nicht , Dich herauszureden , denn ich weiß Alles ! « » Alles weißt Du nicht , und um Dir dies zu erzählen , bin ich eben hergekommen , mein Geständniß soll mein Dank sein . Du wirst bald sehen , daß ich , wenn ich zu Eurer Verbindung getreten wäre , eine viel größere Schlechtigkeit begangen hätte , als dadurch , daß ich mich weiter nicht mit Euch einließ . « » Das ist eine sonderbare Rede - und wenn Du vielleicht auch im Lügen geschickt sein solltest , wie Du es gestern im Betrügen warst , so bitte ich Dich doch , mich damit nicht unnütz aufzuhalten . « » Du wirst es bald bereuen , wenn Du mich zum Zorne reizen willst , aber ich werde Dich beschämen , indem ich Dir ruhig die Wahrheit erzähle . Ich war mit Anton eines Sonntags in die Stadt gegangen , es war vor ein paar Monaten , als Du uns immer zu dem Arbeiterverein Vorschläge machtest , die Sache aber noch nicht zu Stande gekommen war . Wir saßen in einer Bierstube , in welcher sich noch viele Arbeiter aus andern Fabriken befanden , auch manche Bürger und andere Leute , welche sich wohl noch etwas mehr dünkten . Ein langer , dürrer Mann , der mir zu diesen Letztern zu gehören schien , kam auf uns zu , nachdem ich gesehen hatte , wie ein anderer Arbeiter , der nicht mit bei Felchner ist , aber Anton kannte , auf diesen den dürren Mann aufmerksam gemacht hatte . Er fragte uns , ob wir in Felchner ' s Fabrik arbeiteten , und als wir bejahten , fragte er uns nach Tausend Dingen aus , wie Viel wir ihrer wären , ob wir untereinander zusammenhielten , ob wir im Ganzen zufrieden oder unzufrieden wären . Wir sagten ihm unbefangen die Wahrheit , daß wir Alle fleißige Arbeiter wären , aber doch wenig verdienten , und daß besonders es erbarmungswürdig sei , wie man die Kinder behandele . - Er schien sehr mitleidig zuzuhören und fragte weiter , ob wir Nichts thäten , dieser Noth abzuhelfen , oder ob wir nicht unsere Unzufriedenheit aussprächen . - Da sprach Anton von dem Vereine der unverheiratheten Arbeiter , welchen wir bilden wollten . Wie Jener das hörte , nahmen seine Augen einen ganz eigenen Ausdruck an , halb wie vor Schreck , halb wie vor Freude . Dem ungeachtet fragte er nicht weiter danach , sondern ließ sich nur von unsern Familienverhältnissen erzählen , ich sprach von meiner armen , kranken Mutter - Anton war sehr verdrießlich , weil er im Schafkopf seinen letzten Groschen verloren hatte und nicht wußte , was er darauf antworten sollte , als der Wirth die Zeche verlangte . Kaum sah dies der dürre Mann , als er für Anton bezahlte und uns noch Jedem ein großes Glas Schnaps geben ließ . Er sagte , daß Diejenigen , welche uns zu einem Vereine bewegen wollten , wo wir sogar dem Branntwein entsagen sollten , unmöglich uns wohl wollen könnten , und daß alle solche Vereine für uns höchst lästig und gefährlich werden könnten , wir hätten ja dann gar keine Freiheit mehr , wenn wir nicht einmal mehr trinken , spielen und in die Schänke und herausgehen dürften , wenn wir Lust hätten . Nachher sagte er , wir mögten nur bald wieder kommen , wir gefielen ihm , er käme jeden Sonntag an diesen Ort und er würde sich freuen , uns zu treffen . Ich war einmal hinausgegangen , während dem hatte er mit Anton heimlich gesprochen , wie ich wohl merkte , denn während ich nun , aufgehetzt von Jenem , ganz gegen den Verein war und es dann Dir und Allen offen sagte , auch wegblieb , sagte Anton : ich trete dazu , sonst weiß man ja gar nicht , wie es dabei hergeht . - Am nächsten Sonntag beredete mich Anton , wieder mit hin in die Schänke zu gehen , wo wir den langen , dürren Mann getroffen hatten - er war auch richtig wieder da , er gab mir Geld für meine arme Mutter , und Anton gab er auch welches . Er sagte , wir sollten nun wenigstens alle vier Wochen in die Schänke kommen , wo wir ihn treffen würden , und ihm aufrichtig erzählen , was etwa unterdeß in unsrer Fabrik und unter uns Arbeitern vorginge ; es wäre zu unser Aller Vortheil , zum Vortheil der ganzen arbeitenden Classen , besonders aber solle es unser Schaden nicht sein . - Die Sache schien uns auch gar nicht so übel , besonders da wir aufgeregt waren und es wenigstens in meinem Kopfe nicht mehr ganz klar herging , denn er ließ uns sehr viel Branntwein einschänken . Dennoch fragte ich ihn , wer er sei , und warum er sich so um unsre ganzen Angelegenheiten bekümmerte ? Er nannte sich Stiefel und daß er das nur aus menschenfreundlichen Absichten thue , weil ihm unsere Lage am Herzen liege und es nothwendig sei , daß er darüber alle mögliche Notizen sammele , dann könne er vielleicht durch Schrift und Wort dazu beitragen , unsere Lage zu verbessern . - Wie wir nun das nächste Mal wieder beisammen waren , gestern , nannte ihm Anton Deinen Namen und gab ihm das Buch Erzählungen aus dem armen Volke , welches Du geschrieben und nach der Aufschrift allen Menschenfreunden gewidmet hast . Stiefel nahm es mit derselben sonderbaren Miene , mit welcher er damals die Erzählung von der Bildung Eures Vereins anhörte und rief : Ein Fabrikarbeiter , der solche Sachen schreibt , ist ein entsetzlicher Mensch , nun , dessen wird man sich bald zu bemächtigen wissen - hier habt Ihr noch mehr Geld und wer mir von Euch noch Etwas von seinen Schreibereien bringt , der erhält das Dreifache - aber wo möglich Ungedrucktes , Papiere , die er geheim hält . - Da ging mir plötzlich ein Licht auf , ich ward zornig , ich warf ihm das Geld in ' s Gesicht und sagte , ich bin kein Judas , der seinen Bruder an einen Elenden verräth , der vielleicht die Macht hat , ihm Uebles zu thun - und damit lief ich schnell fort aus der Stube , aus der Schänke , aus der Stadt gerade Wegs heim . Da fand ich meine kranke Mutter hungernd und frierend und sie machte mir Vorwürfe , daß ich ihr kein Geld mitbringe , wie früher - ich konnt ' es nicht ertragen , sie so vor mir zu sehn , bittend und fluchend , matt vor Hunger und Frost , wimmernd unter unsäglichen körperlichen Schmerzen - ich war noch trunken , es kochte in mir vor kalter , stiller Wuth - ich ging in unsre Schänke - ich spielte falsch - es war ja nicht für mich , es war für meine Mutter - ich spielte auch erst falsch , als ich sah , daß ich anders nicht gewann , denn ich dachte , ich wär ' es in der Stunde wohl werth gewesen zu gewinnen , wo ich den Versucher von mir abgeschüttelt hatte wie eine giftige Schlange , die mich schon umringelt hatte . - - Nun weiß ich Alles , und wenn ich mit in Euren Verein treten könnte - nun thät ich ' s gern . - « » Sie werden Dich jetzt nicht aufnehmen , « sagte Franz , der mit wachsendem Interesse seinen Bericht angehört hatte . » Komm aber nächste Mittwoch mit mir hin , wir wollen sehen , was sich thun läßt . « Franz hatte für diesen Abend Wilhelm und einige der vertrauteren Freunde auf das , was er unterdeß erfahren , vorbereitet , und August war dann aufgefordert worden , sein Geständniß noch ein Mal zu wiederholen . Er hatte es gethan , Alle waren nun wüthend auf Anton geworden - dieser aber hatte mir ruhiger Miene August ' s Aussage bestätigt , aber es Allen zugeschworen , daß er Stiefel wirklich für einen Menschenfreund gehalten , der ihr Bestes wolle , daß er ihm auch in diesem Vertrauen Thalheims Buch gegeben habe , daß ihm aber mit August zugleich die Augen aufgegangen wären , als man eine Schlechtigkeit von ihnen verlangt habe , und er auch , nachdem er Stiefel noch tüchtig die Wahrheit gesagt , die Schänke verlassen habe . Er suchte sich aus Allem herauszureden und man konnte ihn nur dafür bestrafen , daß er Branntwein getrunken habe , und unterwarf sich auch reumüthig der üblichen Strafe . August versprach man erst dann in den Verein aufzunehmen , wenn er einige Wochen lang dem Spiel und Branntwein entsagt und sich überhaupt ordentlich aufgeführt habe . Diese Probe hatte er bestanden und er ward nunmehr gern unter ihnen gesehen . Um dem Herrn Stiefel näher auf die Spur zu kommen , hatten sich an mehrern Sonntagen Franz oder Wilhelm mit August oder Anton selbst zur Schänke in der Stadt begeben wo er gewöhnlich sich eingefunden hatte , aber sich niemals wieder sehen ließ . Auch der Wirth , welcher übrigens versicherte , gar Nichts als den Namen von ihm zu wissen , sagte aus , daß er seit jenem Sonntag sich nie wieder eingestellt habe . - Man sah sich genöthigt , diese Sache auf sich beruhen zu lassen , da alle Bemühungen fruchtlos geblieben waren . - - An dem Maiabend , an welchem August sich zu Wilhelm und Franz gesellte , sagte er zu den beiden Freunden : » Ihr könnt Euch darauf verlassen - Stiefel ist da . « » Stiefel - Du hättest ihn gesehen ? « » Saht Ihr nicht auch den Einspänner , der vorhin auf der Straße nach Hohenheim fuhr - und den langen dürren Mann drinnen ? Das war er . « » Was kann er nur wollen ? « sagte Wilhelm . » Wenn Du Deiner Sache gewiß bist , warum sagst Du es erst jetzt und theiltest es nicht oben Allen mit ? « fragte Franz . » Weil ich dem Anton nicht traue , « sagte August ernst . » Das ist nicht schön von Dir , Dein ewiges Mißtrauen , « versetzte Franz . » Sieh , Du bist gar nicht besser gewesen als er , wir haben Dir Alles vergeben und vergessen , Niemand beargwohnt Dich , und Du allein willst Anton , der wie Du nur getäuscht worden ist und dann auch richtig bekannt hat , noch verdächtigen . - Geh ' , das ist ein häßlicher Zug , den mögte ich nicht bei Dir finden ! « » Weil ich allein den Anton kenne - « murmelte August . » Lass ' das alte Lied ! « meinte Wilhelm . » Und wenn nun auch - Gefahr hat ' s ja doch nicht , sind wir denn etwa auf unrechten Wegen , daß wir Verräther zu fürchten hätten ? Ist denn unser Verein eine geheime und gefährliche Verbindung ? Weiß nicht Jedermann darum ? Und hat denn nur Herr Felchner das Geringste dagegen einwenden mögen und können ? Und ich dächte doch , weiter ginge die Sache Niemandem Etwas an . « » Aber Franz hat wieder ein Buch geschrieben : Die Rechte des Armen - den Verzweifelnden gewidmet . - Mir ist vor ihm bange , « antwortete August , » mir ist als könne daraus noch Unheil für Dich kommen , obwohl ich gerade nicht recht begreife , wie aus einem Buche irgend etwas Gefährliches entstehen könne . Aber mir ist innerlich angst . « » Das lass ' Dich nur nicht kümmern , « sagte Franz ruhig , » mein Buch enthält Nichts als eine Schilderung von dem Loose der Fabrikarbeiter , wie es Jedermann kennt , der nur irgend einmal aufmerksam in einer Fabrik sich umgesehen hat . Ich habe nicht das Geringste übertrieben , bin nirgends von der Wahrheit abgewichen , habe überhaupt gar Nichts gethan , als einfache Thatsachen geschildert . Aufmerksam sollen die Leute werden auf unsere Noth , das ist es ja , was ich damit bezwecke . Wenn noch andere Leute , als die Fabrikherren , welche von unserm Elend sich mästen - und welchen es deshalb freilich nicht sehr erwünscht sein mag , daß es allgemein bekannt wird , wie sie uns behandeln - wenn also noch andere Leute von unserm Elend hören , so werden weise Gesetzgeber und gerechte Regierungen uns doch vielleicht ein besseres Loos verschaffen . Ich denke von den Menschen nicht so gering . Ich glaube , vieles Schlimme und Unheilvolle besteht nur deshalb in der Welt , weil allein Diejenigen , welche darunter leiden , es kennen , den Andern es aber fremd bleibt und daher sie , welche die Macht und gewiß auch den Willen hätten zu helfen - nur eben deshalb nicht mit ihrer Hilfe kommen , weil sie gar nicht wissen , daß man ihrer bedarf und wie viel es zu helfen giebt ! « Wilhelm versetzte : » Du hast immer noch gutes Zutrauen zu den Menschen , ein viel besseres als sie verdienen - unsre täglichen Erfahrungen könnten Dich eines Andern überzeugen . « » Nun , wir werden ja sehen , wer von uns Recht behält . In meinem ersten Buche habe ich mich nur an die Menschenfreunde gewendet , in meinem zweiten an die Verzweifelnden - ich denke , man muß es mit Beiden versuchen ! « sagte Franz . » Ja , « rief Wilhelm , » vielleicht helfen die Menschenfreunde , wenn sie einsehen , daß sie es außerdem mit Verzweifelnden zu thun haben . « August schüttelte den Kopf und sagte : » Auf alle Fälle ist es doch besser , wenn Ihr auch meint , daß uns Stiefel nicht schaden kann , wir suchen dahinter zu kommen , wer und was er eigentlich ist und was er will ; aber nur wir Dreie , denn von den Andern sind einige täppisch und geschwätzig , sie könnten Alles verderben . - Das ist mein erster Vorschlag und mein zweiter , daß wir jetzt ein wachsames Auge auf Anton haben . « » Um ihn vor ungerechten Beschuldigungen zu sichern , « sagte Franz etwas aufgeregt und fügte gelassener hinzu : » Mit Deinem ersten Vorschlag bin ich einverstanden . « » Ich auch , « sagte Wilhelm . » Ueber Nacht kommt guter Rath , wir wollen ' s beschlafen . « » Nun denn gute Nacht , « erwiderte August , » und Du , Franz , sei nicht böse . Bei Gott , Franz , wenn ich minder Dein Freund wäre , würde ich auch minder bedenklich sein ! « Franz drückte ihm die Hand . » Es ist gut , Du bist ein braver Junge geworden - gute Nacht ! « August schlenderte der Hütte zu , in welcher seine alte Mutter krank lag , und verschwand in der Thüre . » Es ist ein guter Junge « , wiederholte Franz ; » seitdem er sich aus seinem unordentlichen Leben herausgerissen hat , ist Keiner fleißiger und im Guten beharrlicher , als er . « » Bei Alle dem bin ich froh , daß er nicht länger mit uns ging , « sagte Wilhelm , » ich habe noch Etwas mit Dir allein zu reden - es hat mir schon lange auf dem Herzen gelegen und muß nun endlich einmal herunter . « » Wir wollen ein Stück in diese Allee gehen und uns dort auf der Steinbank unter der Linde ein Wenig niedersetzen , « gab Franz an . Als sie sich gesetzt hatten , begann Wilhelm : » Du bist seit einiger Zeit verändert - wenn wir Alle beieinander sitzen und unter Gesang und harmlosen Reden uns von den Mühen des arbeitvollen Tages erholen - so bist Du oft still und zerstrent , und wenn wir Dich aufmuntern , so fährst Du wie im Traume auf und besinnst Dich endlich , wo Du bist . - Das Loos der unglücklichen Brüder hat Dir immer Kummer gemacht , das Elend , das Dich umgiebt , hat immer an Deinem theilnehmenden Herzen gefressen . Ein Dichter , der noch andere Träume , ein Schreibender , der noch andere Dinge zu denken hat , als wir andern nüchternen Menschenkinder , bist Du immer gewesen - allen diesen Dingen kann man Deine Veränderung nicht zuschreiben - auch bist Du ja nicht immer traurig - zuweilen glänzt Dein Auge in lauter stiller Freude . - Ach ! Ich weiß recht gut , was allein über einen Menschen solche Macht hat . « Franz sah stumm vor sich nieder und scharrte mit seinen Füßen im Sande . Wilhelm fuhr fort : » Franz ! Du gehst oft in Herrn Felchners Haus und wenn Du zurück kommst - « » Wilhelm ! Wilhelm ! « rief Franz mit einem flehenden Tone , als wolle er sagen , schone mich ! fügte dem Ruf aber weiter Nichts hinzu ; doch Wilhelm fuhr dumpf fort : » Ich verstehe Dich - wärest Du weniger verschlossen gewesen - wer weiß , es wäre dahin nicht gekommen , es wäre mir leichter geworden , sie zu fliehen - hättest Du nicht geschwiegen - es wäre besser gewesen - ja wohl , wäre besser gewesen ! « » Wilhelm - um Gottes Willen - Du auch - Du auch ? « » Ja , ich habe sie auch lieb , wie ich noch kein anderes Mädchen geliebt , ich habe sie so lieb , wie sie irgend Jemand lieb haben kann , so lieb wie Du ! « » Wilhelm ! Du sprichst es aus , Du wagst es - was ich niemals wagte , niemals gewagt haben würde ? - Mir ist , als faßtest Du mit einer ruhigen festen Hand nach meinem Herzen , rissest es mir aus der Brust und sprächest kalt , indem Du es mir vor die zuckenden Augen hieltest : so sieht Dein Herz aus - Du Frevler ! « » Es muß sein - Du oder ich ! - Ich habe Dir Freundschaft geschworen bis in ' s Grab - wir dachten damals nicht , daß ich Dir meinen Eid bewähren müßte am Grabe meiner Liebe . Franz , ich entsage ihr , sobald ich nur weiß , daß Du ihr Deine Liebe gestanden . « Franz fiel ihm ins Wort : » Wie dürft ' ich das wagen ? « Aber Wilhelm fuhr ununterbrochen fort : » Sobald ich nur weiß , daß sie gern Dein ist - « » Bist Du von Sinnen ? « rief da Franz außer sich . » Wie kannst Du von Deiner Entsagung sprechen ? In dem Sinne , wie Du das Wort meinst - da müssen wir ja Beide entsagen ! - Wie kannst Du mich für so frech , so anmaßend halten , daß ich diesem Engel gegenüber ein Wort der Liebe auszusprechen wagte ? Und verstummt nicht jedes schmerzliche Gefühl , das mich fern von ihr zuweilen überfällt , sobald ich ihr gegenüber stehe , ihr folge ? Dann fühle ich weiter Nichts , als das unaussprechliche Glück , diese sanfte Heilige unsre unglücklichen Brüder segnen zu sehen , und in ihren Augen die Thräne des Mitleids zu erblicken für die leidenden Armen - und dann fühle ich nur Dank gegen Gott , daß er , der in ihrem Vater uns einen Tyrannen , uns in ihrer Tochter doch zugleich einen hilfreichen Engel sandte . « Staunend