voll tiefem Glauben an göttliche Führung , daher voll tiefer Ueberzeugungen und gewappnet zu jedem Kampf ; stolz genug um stets das Bewußtsein festzuhalten , daß er seinen Weg erkannt habe und verfolgen müsse , und wenn auch nicht Einer dies anerkenne ; aber nicht eitel genug um im Selbstvertrauen eine Bürgschaft zu finden , daß seine Kräfte ausreichen würden für die Mühsale des Weges . Astrau dem Beifall der Welt entrückt , würde vielleicht ohne poetische Inspiration geblieben sein und gewiß nicht das Bedürfniß gehabt haben sich ihr hinzugeben . Er behauptete zum Improvisator oder zum Schauspieler geboren zu sein , da nichts ihn so anfeure und belebe als die elektrische Spontaneität der geistigen Berührung zwischen einem solchen Künstler und der bewundernden , hingerissenen , athemlosen Menge . Sedlaczech würde in der tiefsten Einsamkeit die mächtigsten Inspirationen gehabt und sich durch sie beseligt gefühlt haben , wenn auch deren Blüten , seine Schöpfungen , nie für ein menschliches Ohr erklungen wären . Jener lechzte nach Lob und Schmeichelwort ; dieser wehrte kühl auch den geringsten Ausdruck des Beifalls ab . Astrau wollte die volle Huldigung der Zeitgenossen , Sedlaczech schmachtete nach dem Ruhm der Nachwelt . Jener sagte : » Wer die Gegenwart beherrscht indem er ihrer Gesinnung den entsprechenden Ausdruck leiht , und die in ihr gährenden Elemente in eine klare feste Form gießt , welche sich jedem Auge als das tausendmal geträumte Bild befreundet entgegenstellt : der ist der König seiner Zeit , und es ist gleichviel ob eine spätere ihn dafür anerkennt .... da ohnehin die frühere es nicht kann . Für eine Epoche ist der Mensch geboren , drum soll er sie füllen wenn er es vermag . Das ist sein ächter lebendiger Ruhm . Der todte Nachruhm ferner Jahrhunderte beweist sehr häufig daß der Berühmte seine Zeit und seine Mission nicht verstanden hat . « Sedlaczech sagte gelassen als ob es sich um die einfachste Sache der Welt handle : » Ich bin nur durstig nach Unsterblichkeit und nach dem Bewußtsein daß ich gestrebt habe als ob ich sie verdiente . « » O ! rief ich dazwischen , wie seid Ihr glücklich , Ihr Beide , daß Ihr eine Idee habt , welche Euch in jedem Moment beseelt - welche Ihr mit jedem Athemzug verfolgt - woran Ihr Eure Seele unabtrennbar vor Anker gelegt habt , so daß Ihr nie in der Irre auf diesem ungeheuren Ocean umhertaumelt den man Leben nennt ! .... Ihr wißt was Gott mit Euch will ! Ihr lebt seine Idee in Euch aus ! sei das nun groß oder klein , viel oder wenig , hoch oder niedrig in den Resultaten - einerlei ! Ihr verfolgt Euer Ziel . Astrau will den Genuß , Sedlaczech will das Streben .... o Ihr Beneidenswerthen ! - Was will denn ich ? Was will denn Gott mit mir ? .... Nichts , nichts und abermals nichts . Und so verfalle ich denn auch dem Nichts . « » Und Sie wähnen zu lieben , Sibylle ! rief Otbert heftig bewegt . Ein Weib das liebt hat nie gefragt was Gott sonst noch mit ihm wolle . « » Auch ich werd ' es lernen ohne zu fragen , Otbert ! sagte ich herzlich und gab ihm die Hand . Es ist nur so schwer sich von alten Gewohnheiten loszumachen . « Als Otbert mir aber in Folge dieses Gesprächs vorwarf ich hätte mehr Theilnahme für Sedlaczechs Lebensanschauung als für die seine an den Tag gelegt , so beschloß ich diesen Quälereien ein Ende zu machen und Letzterem offenherzig zu sagen um was es sich handle . Ich that es . » Lieber Meister ! sagte ich , ich weiß nicht ob Sie wissen daß die Männer wunderliche Grillen haben und daß vor allen Anderen die Liebenden sich darin hervorthun . « » Inwiefern könnten Graf Astraus Grillen mich betreffen ? « fragte Sedlaczech trocken . » Grade Sie ! entgegnete ich tödtlich verlegen und daher mit erzwungener Munterkeit . Er findet Sie zu liebenswürdig um neben Ihnen seiner eignen Liebenswürdigkeit gewiß zu sein und das beklemmt ihn . « Sedlaczech legte seine seltsamen Augen mit einem langen Blick auf mich , sagte dann ruhig : » So leben Sie denn recht , recht wol und in eine glückliche Zukunft hinein ! « - schüttelte mir die Hand und wollte gehen . » Aber wohin werden Sie denn gehen ? rief ich beängstigt . Und soll ich nichts von Ihnen hören und Sie nicht wiedersehen ? Ach Gott ! Sie sind mir wie ein Vermächtniß meiner lieben Todten .... ich hätte so gern mit Ihnen fortgelebt wie bisher . « » Ich auch ! sagte er traurig , setzte dann aber gleich freundlich hinzu : Einem großen Glück müssen kleine Opfer gebracht werden , theure Sibylle : halten Sie das recht fest jezt , da Sie in neue Verhältnisse treten , und lassen Sie getrost alles Unwesentliche , wodurch es gestört werden könnte fallen . « » Also glauben Sie doch wirklich an ein großes Glück für mich ! rief ich hofnungsfreudig . Ich gestehe Ihnen mir schien zuweilen als ob Sie daran zweifelten . « » Kein Mensch begreift ein fremdes Glück ! das Paradies des Einen würde des Andern Hölle sein . Daß ich Ihr Glück inbrünstiger wünsche als irgend Jemand - das weiß ich .... sonst nichts ! - Ich denke nach Rom zu gehen , setzte er abbrechend hinzu , um die neue römische Kirchenmusik kennen zu lernen , da man die alte vielleicht nirgends seltner hört als dort - in der Charwoche ausgenommen . Ich habe viel zu arbeiten , zu studiren , zu vollenden , und ich denke es wird mir wol gehen in der Heimat Palestrinas . « » Aber wie .... womit .... werden Sie leben ? « fragte ich schüchtern . » Wie sonst ! ich habe ja meine alten Hülfsmittel und überdas wenig Bedürfnisse . Ich habe mein Leben nicht darauf eingerichtet stets in einem Palast Gradenigo zu wohnen - fügte er lächelnd hinzu - und in einer einsamen Hütte braucht man nicht viel . « Ich weiß nicht warum , allein mir wurden die Augen feucht . » Grämt Sie das , Sie Verwöhnte ! daß der Mensch wenig bedarf ? « fragte er liebreich . » Daß Sie gehen grämt mich ! rief ich mit heißen Thränen , und daß Sie in die einsame Ferne , wo Niemand Ihrer harrt , ziehen - grämt mich noch mehr . Wüßt ' ich Sie glücklich , sei ' s in Rom , sei ' s am Nord-oder Südpol - ich würde nichts sagen , aber jezt .... muß ich weinen . « » Leben Sie wol , Sibylle ! « sagte er mit bebender Stimme , mit schimmerndem Blick , und reichte mir abermals die Hand . Ich umklammerte diese Hand mit der Linken , ich legte die Rechte auf seine Schulter , und sagte : » Vor Jahren - ich selbst weiß nicht mehr vor wie langen Jahren .... hab ' ich Sie einmal beten sehen ; das was ich beten nenne : nicht bitten um irdische Güter oder himmlische Gaben , sondern die Seele aufschwingen zur Ruhe in Gott . Seitdem , Fidelis , hab ' ich viel gesehen und viel vergessen , aber .... wie Sie beteten hab ' ich nie und nimmer vergessen . Nun sagen Sie mir : können Sie noch jezt so beten ? « » Jezt erst recht ! « sprach er fest . Ich trat zurück , faltete meine Hände vor der Brust und rief : » Nun so gehen Sie denn , Sie gesegneter und verehrter Mensch ! und wenn ich dessen würdig bin , so gedenken Sie meiner Seele in Ihrem Gebet , damit sie im Schutz der Ihren zu Gott komme . « Eine Welt von extatischen Empfindungen trat während ich sprach in Sedlaczechs Antlitz . Als ich schwieg legte er wie aus einem Traum erwachend die Hand über die Augen , neigte sich stumm und tief vor mir und verließ langsam mein Cabinet . Otbert schloß mich freudig in seine Arme als ich ihm Sedlaczechs bevorstehende Abreise mittheilte und sagte : » Sie sind so bewegt durch den Abschied , Sibylle , daß ich mich derselben doppelt freuen muß . « » Durch den Abschied bin ich es allerdings , entgegnete ich , denn die Entfernung einer treuen Seele thut immer weh ; - durch unser Zusammensein bin ich es jedoch nie gewesen . « Otbert war unendlich dankbar , höchst liebenswürdig und angeregt , und oft gedachte ich Arabellas und begriff daß sie , grade sie , seinem Zauber nicht habe widerstehen können . Obgleich mein Bewußtsein mir sagte , daß ich auf keine Weise störend zwischen sie und Otbert getreten sei , so war mir doch immer zu Sinn als müsse ich sie heimlich meines Glückes wegen um Verzeihung bitten . Einmal gerieth ich auf den Einfall ihr zu schreiben , daß ich auf dem Punkt sei Otbert zu heirathen ; da aber unsre freundschaftliche Verbindung seit meiner Abreise von England abgebrochen und durch keinen brieflichen Verkehr wieder angeknüpft war : so schien es mir nach reiflicher Ueberlegung taktlos und grausam sie bei dieser Veranlassung wieder anspinnen zu wollen . Ueberdas gerieth ich durch das Glück in jene Verweichlichung welche uns ängstlich jede bittere oder peinliche Empfindung fliehen läßt . Ich wollte glücklich sein , und Otberts Liebe machte mich glücklich . Seine Treue und Ausdauer hatte er mir bewiesen ; jezt legte er mir sein Bestreben an den Tag auch in seiner geistigen Richtung , in seinen Studien und Beschäftigungen meinen Beifall zu gewinnen . Er arbeitete damals an seiner reizenden » Sirene . « Der Gegenstand foderte Bekanntschaft mit der venetianischen Geschichte . Wir lasen sie zusammen . Wir durchfuhren und betrachteten zusammen bis in die geringsten Einzelheiten ganz Venedig um das Characteristische und Eigenthümliche bis in dem entferntesten Winkel , der abgelegensten Sandbank aufzusuchen . Wir ruhten zusammen von diesen Excursionen bei Venedigs unvergleichlichen Kunstschätzen aus und gaben uns bei abendlichen Gondelfahrten dem vollen Zauber dieser Feenstadt hin . Zuweilen recitirte Otbert während dieser Fahrten einzelne Strophen aus der » Sirene « welche auf die Scenerie oder auf unsre eigene Stimmung paßten ; oder er besprach mit mir irgend ein Bild oder eine Idee , die er dem Gedicht einverleiben wollte . Zuweilen ordnete er Musik zu unsrer Begleitung an und dann war schweigen noch süßer als reden . So kam der Julius heran , den ich zu meiner Abreise nach der Schweiz festgesetzt hatte . Es war ein fürchterlich heißer Sommer ; die Sonnenhitze verwandelte Luft und Wasser in geschmolzenes Blei und brütete , ich mögte sagen mit dumpfer Wuth über der Lagune . Ich fürchtete für Benvenutas Gesundheit ; ich hatte freilich wieder die kleine Wohnung auf Torcello für sie genommen , aber sie kam ihr wenig zu gut , denn die Hitze begann mit Sonnenaufgang und dauerte bis gegen Mitternacht , so daß eigentlich nur die Paar Stunden der Nacht gegen den Morgen zu Kühlung gewährten . Ich sehnte mich nach der frischen Bergluft der Schweiz . Um so überraschender war es mir als Otbert mich eines Tages bat diese Reise aufzugeben , aber sein Glück nicht länger zu verzögern . Die Arbeit unter den gegenwärtigen Verhältnissen mache ihn so glücklich - die Umgebung wirke so harmonisch mit der innern Stimmung zusammen - die poetische Erregung sei so mächtig und übersprudelnd in ihm , daß ihm zu Muth sei als begehe er einen Frevel an seiner Muse wenn er von dieser geweihten Stätte weiche . Ueberdas sei ihm Venedig so lieb durch die Seltsamkeit und Seligkeit des Geschicks , welche er hier gekostet habe , daß er an keinem andern Ort der Welt den Moment der Erfüllung seines höchsten Glücks erleben möge . Er trug mir das Alles in seiner Weise vor , die ich unwiderstehlich fand , und die Folge davon war , daß Alles genau so gemacht und eingerichtet wurde wie er es wünschte . Wir wurden in aller Stille vermält . Otbert verließ das Hotel Danieli am Quai der Slavonier wo er bis dahin gewohnt hatte und bezog meinen Palast Gradenigo . Eine kleine Wohnung auf Torcello - aber eine andere als Benvenutas - erwählte er sich für Stunden und Launen in denen ihm völlige Einsamkeit nothwendig sei ; und das fiel mir weiter nicht auf , da ich selbst mehr als jeder Andre die aller unabhängigsten , ja vielleicht grillenhafte Lebensgewohnheiten hatte . So war ich denn Otberts Frau ! - bis dahin hatte mich eine unüberwindliche Schüchternheit zurückgehalten mit ihm über seine pecuniären Verhältnisse gründlich zu sprechen . Jezt that ich es ; denn aus den Zeiten meiner Ehe mit Paul wußte ich in welch ein Labyrinth von Sorgen man sich durch nachlässige Verschwendung und gedankenlose Unordnung verwickelt . » Geliebter Engel , entgegnete Otbert sehr gelassen , ich habe unzählige Schulden . « » Ich wünschte doch sehr daß Du sie zählen mögtest .... weiter nichts , Otbert ! « » Ja sieh , das werden die Leute , welche mir geborgt haben , wol genauer können als ich . Mit dem unseligen Gelde war ich immer übel dran . Wir haben uns nie mit einander vertragen können , drum nahm es immer mit der größten Eile bei mir Reißaus . « » Erlaubst Du mir künftig Dein Schatzmeister zu sein ? « » O ! rief Otbert entzückt , dann wird mir das Leben noch einmal so freudig vergehen als sonst . Die Qual nie Geld zu haben und immer Geld zu brauchen , ist mit keiner andern zu vergleichen ! Zuweilen fühlte ich mich durch sie gelähmt an allen Sinnen und Kräften .... wahrhaft elend . Ich verstehe diese Geschäfte nicht , habe sie nie gelernt , erwuchs als der Sohn eines reichen Mannes , der aber noch zwei Söhne außer mir hatte . Nach seinem Tode wurde das Vermögen zwischen uns und der Mutter vertheilt . Meine Brüder haben es verstanden reiche Männer zu werden ; ich habe mich nie um mein Vermögen gekümmert ! meine gute Mutter hat es nach besten Kräften verwaltet .... jezt wird ihr , glaub ' ich , diese Verwaltung nicht mehr viel Mühe machen . Indessen .... wenn wir einmal nach Deutschland heimkehren , wollen wir doch die Sache genau untersuchen um zu erfahren , was ich eigentlich habe oder nicht habe .... wenn ' s Dich interessirt , mein Engel . « Nie hab ' ich einen Menschen gesehen , der das Geld weniger beachtet und mehr verbraucht hätte ! er war nichts weniger als habsüchtig ; er verschenkte und verschwendete eignes wie fremdes Gut mit derselben Fahrlässigkeit ; er war im höchsten Grade freigebig und großmüthig ; das gefiel mir sehr ! allein ebensosehr mißfiel mir diese bodenlose Unordnung . Es kam ihm nicht in den Sinn irgend Jemand übervortheilen zu wollen . So wie seine Gelder einliefen , berief er seine Gläubiger und zahlte ihre Foderungen ; blieben jene aber aus oder reichten sie für seinen Verbrauch nicht hin , so beunruhigte ihn das nicht im Mindesten ; er borgte aufs Neue und verzehrte in dieser Weise seine Habe . Als mein Haus das seine ward und er mir die unbeschränkte Leitung desselben übertrug , ordnete ich seine ganzen pecuniären Verhältnisse insoweit sie sich an Venedig knüpften aufs Pünktlichste . Er dankte mir herzlich - aber nur für meine Mühe ; die Sache selbst war ihm gleichgültig . Ich fühlte mich einmal verpflichtet ihn über deren Wichtigkeit aufzuklären . Er hörte mir verwundert zu und erwiderte dann : » Lieber Engel ! ganz unabhängig ist auf unsrer Sclavenwelt Niemand . Lebt man wie ich , so ist man , wie Du ganz richtig bemerkst , etwas abhängig von Juden , Wucherern und dergleichen Gesindel ; - lebt man wie Du , so ist man abhängig von seinem Budget . Der Eine fühlt sich frei durch die Ordnung in seinen Rechnungsbüchern ; den Andern bedrückt der Gedanke sie in Ordnung halten zu sollen . Wenn ich gestern zehntausend Thaler ausgegeben habe , so weiß ich heute kaum - und morgen gewiß nicht mehr die Zahl . Wozu auch ? Den Genuß den sie mir verschaft hat habe ich erstrebt und erlangt : und das ist der Zweck des Geldes . « Ich sah ein daß es ganz umsonst sein würde über diesen Punkt mit ihm zu streiten . Aus Neigung und Bequemlichkeit hatte er sich ein System über diesen Zweck des Geldes gemacht , wohinter er sich mit der höchsten Gelassenheit verschanzte . Ganz wahr ging er nicht dabei zu Werk - wie das mit der sogenannten consequenten Durchführung jedes Systems verbunden ist - aber um so fester hing er an demselben . Kurz nach unsrer Verheirathung schickte ihm seine Mutter eine Anweisung auf 2000 Thaler , wenn ich nicht irre , mit der Bemerkung dies wären seine einzigen Einkünfte für das laufende Jahr . Was that er ? - Mir war ein wunderschöner türkischer Shawl für einen enormen Preis angeboten ; ich hatte ihn nicht genommen . Otbert kaufte ihn ; - kaufte dazu einen Kasten von Cedernholz , der im orientalischen Geschmack mit Arabesken von kleinen vergoldeten Nägeln beschlagen war , und legte mir dies Prachtgeschenk zu Füßen . Ich freute mich eigentlich nur an seiner Freude über dasselbe . Er hing mir den Shawl um , erst so , dann so , er ließ meine übrigen Shawls bringen , legte sie alle selbst in den herrlichen Kasten , und freute sich an ihrer Zartheit und ihren Zeichnungen . » Eine Schönheit wie Du muß nichts als die köstlichsten Stoffe tragen , sagte er , und von den köstlichsten Stoffen umgeben sein . Deine kleinen weißen Linonkleider sind mir ganz unangenehm . Warum kleidest Du Dich nicht in ostindischen Musselin ? « Ich sagte ihm ostindischer Musselin sei eine Tradition aus der Jugendzeit unsrer Mütter , und heutzutag aus der Mode . Er versicherte er würde mir ein solches Kleid verschaffen . Am andern Tage erschien er triumphirend : » Siehst Du , ich hab ' ihn gefunden , den zarten wasserdünnen Stoff ! ich foderte das leichteste und kostbarste der Art .... da bekam ich ihn gleich . « Ich öfnete das Päckchen welches er mir gab - es war wunderschöner Batist die Elle zu drei Dukaten . Er war so froh über seinen vermeintlichen Fund daß ich ihn nicht enttäuschen mogte . Ich versprach mir daraus ein Kleid machen zu lassen » ganz überrieselt von Brüsseler Kanten . « Das Kleid wurde gemacht , aber von dem feinsten weichsten Musselin den ich finden konnte ; und als ich darin vor ihm erschien , schmückte er mich mit meinen Perlen , hing mir einen Spitzenschleier über das Haar und den neuen blaßgrünen Shawl um die Schultern . » Nun siehst Du aus wie Adriatica des Dogen Braut ! rief er entzückt . Komm ! laß uns fahren ! « Bei der Gondel neue Ueberraschung ! Am Tage fuhr ich immer in einer bedeckten ; Abends ließ ich den Kasten abnehmen . Jezt schwebte ein Baldachin von weißem Tafft mit Silberfranzen , an allen vier Ecken mit großen Blumensträußen geschmückt , über ihr . Die Polster waren ebenfalls von weißem Seidenstoff und purpurfarbener Sammt diente als Fußteppich . Sie war von elfenhafter Zierlichkeit und gefiel mir sehr . Otbert sagte : » Jezt ist sie Deiner würdig . « Gino meinte ihm sei zu Muth als fahre er die Göttin Venus selbst , und so ging es den Canal grande hinauf und herab , von einer Barke mit Musik begleitet . Dann zur Piazzetta . Ich hatte nicht große Lust in meinem etwas fabelhaften Anzug die Gondel zu verlassen und auf den Markusplatz zu gehen ; doch Otbert sagte : » In Paris oder London , vollends in unsern deutschen Krähwinkeln , würde es unpassend sein weil Du auffallen würdest ; hier ist man vernünftig und ungenirt ! hier bemerkt man eine Frau um ihrer Schönheit - nicht um ihres Anzugs willen . Komm nur getrost . « Die Wahrheit ist - daß er Recht hatte ! Es war Musik und großes Gedränge auf dem Markusplatz : allein ich wurde dennoch bemerkt . » Oh ! che maraviglia ! « riefen Einige . Das machte Otbert mehr Vergnügen als mir ! er sah ganz freudig dazu aus , und ich ganz ernst , so ernst daß eine Frau rief : » Sie ist wol schön , aber sie hat ein böses Auge . « » Nicht böse , nur traurig , « entgegnete ein Mann . » Wie kann man traurig sein wenn man einen so schönen und zärtlichen Gemal hat ! « sprach Jene . Es giebt nichts Treffenderes und Unbefangeneres als die Auffassungs- und Ausdrucksweise des Venetianers ! - Ein Menschenknäuel folgte uns später zu unsrer Gondel und unsre Musiker empfingen uns , weiß der Himmel warum ! mit einem God save the king . Die feierliche Musik ergriff die beweglichen Gemüther : man rief Evviva ' s und Segensworte uns zu . Otbert warf eine Hand voll Geld worunter sich einige Goldstücke befanden , unter die Menge , wodurch sich das Entzücken noch steigerte . Ich war froh als unsre Gondel von der Piazzetta abstieß ! - Aber solch ein Abend war ganz nach Otberts phantastischem Geschmack . In dem Punkt harmonirten wir mit einander - nur mit dem Unterschied , daß ich immer von innerlichen , er von äußerlichen Entzückungen träumte ; daß meine Phantasie mir unerhörtes , unsägliches , aber ganz stummes Glück - die seine ihm Jubelruf , Freudejauchzen und selige Huldigung einer Welt vormalte ; daß ich gleichsam in einen Feenpalast unter die Meereswellen zu versinken - er auf einen weithin leuchtenden Königsthron erhoben zu werden wünschte . Ein andrer Zug den wir mit einander gemein hatten war der , daß wir uns den Berauschungen durch unsre phantastischen Grillen zu sehr hingaben um je durch das , was die Wirklichkeit uns bot befriedigt zu werden . War ich nun glücklich als Otberts Frau ? ich wollte es sein , ich nannte mich so , ich prägte mir ein , daß es jezt keine andre Möglichkeit von Glück für mich gäbe und daß ich mein Herz diesem Bewußtsein weit , weit aufthun müsse . Ich bemühte mich immer tiefer in Otberts Wesenheit einzudringen , sie mit der meinen zu verschmelzen . Ich studirte förmlich seine Meinungen und Ansichten um auf dieselben einzugehen - seine Wünsche um sie zu erfüllen . Ich ließ keine meiner alten Grübeleien in mir aufsteigen : ob dies Gefühl nun das ächte , das wahre , das unvergängliche sei ; ich nahm es dafür an . Das machte mich sehr ruhig - so ruhig daß ich in der Erinnerung darüber staune ; denn es vergingen nicht sechs Wochen unsrer jungen Ehe und Otbert bekümmerte sich gar nicht mehr um mich . Ich hatte aber ein solches Zutrauen zu ihm , daß ich mit wunderbarer Gelassenheit zu mir selbst sagte : Dies ist der Moment der Reaction , welche auf jede übermäßige Anspannung des Gefühls folgt , um dasselbe nach einiger Zeit ins Gleichgewicht zurückzustellen . Er hat ein Jahr in so übertriebener , grenzenloser Erregtheit zugebracht wie sie auf die Dauer unmöglich zu ertragen ist . Er muß sich jezt von dem Schwung ausruhen , aus der Sphäre der Imagination in die des Herzens zurückkehren , und seine Liebe in dem schlichten gesunden Erdboden des Gefühls , statt in dem Treibhauskasten der Phantasie wurzeln lassen . Die Verpflanzung einer so zarten Blüte läßt sich nicht ohne einen gewissen leichten Choc bewerkstelligen ; aber nach demselben kommt sie erst recht zu ihrer eigenthümlichen Kraft und Entfaltung . Meine Betrachtung war ganz richtig und fast auf jedes Verhältniß das neu gegründet wird anwendbar , möge es Liebe , Freundschaft , Ehe , sogar untergeordnete Zustände betreffen . Im Allgemeinen ist der Moment einer Verbindung , welcher Art sie sei ! zufriedenstellend ; in der Folge entwickeln sich deren Schattenseiten : das pflegt man Enttäuschung zu nennen , es ist aber nur die sehr natürliche Reaction , die auf alle Uebertreibungen in der Empfindungs- oder Handlungsweise folgt . Haben sich die gährenden Elemente abgeklärt und gesetzt , so tritt bei gut- und glücklichgearteten Menschen die dritte Epoche dauerhafter Befriedigung ein - oder entschiedene Trennung , wenn nicht des Lebens , doch der Gemüther , falls ein Irrthum sie zusammengeführt hat . Ich traute mir Kraft zu um zu dieser dritten Epoche durchzudringen , und in Otbert setzte ich sie voraus , weil seine standhafte Ausdauer mich dazu veranlaßte . Nur vergaß ich seinen Charakter dabei in Anschlag zu bringen ! Er begehrte immerwährend in Athem gehalten , in Feuer gesetzt , in Emotionen geschleudert zu werden , um Flammen zu werfen und sich an denselben zu wärmen und zu ergötzen , während sie Andre blendeten und zur Bewunderung hinrissen . Hätte ich ihn zehn Jahre lang die Komödie seiner Liebe spielen lassen und derselben mit Interesse zugesehen , so würde ihn das unbeschreiblich an mich gefesselt haben . Er empfand dabei den feinen und lebhaften Genuß den ein guter Schauspieler haben mag , wenn er sich ganz in seine Rolle versetzt und als Hamlet oder Wallenstein glänzenden Beifall einerndtet : unwillkürlich traut er sich die Ader des Philosophen oder des Feldherrn zu . So glaubte Otbert in der That etwas an seine Liebe für mich . Wie der Schauspieler , wenn er die Bühne verlassen hat und neue Rollen zu studiren findet , allmälig seine Wallensteins-Launen vergißt um etwa ein Marquis Posa zu werden : so ging es auch Otbert ; nur mit dem Unterschied , daß bei ihm die Natur bewirkte , was beim Schauspieler die Kunst . Ich habe es schon einmal gesagt und ich muß es jezt wiederholen um sein Bild zusammen zu fassen : er war nicht gradezu falsch , lügenhaft , heuchlerisch - er hatte es nur durch unbewußte Mißachtung der Wahrhaftigkeit zu einer solchen Schauspielerschaft gebracht , daß sie ihm zur zweiten Natur ward ; und in jene Mißachtung war er allmälig durch seine grenzenlose Eitelkeit verfallen : er wollte das Idol der Welt sein . Dies war das Haar an welchem der Satan ihn hielt ! Sprach der zu Otbert : Bete mich an und du sollst König sein - König der Liebe , des Ruhmes , der Ehren , der Herrlichkeit ! - so betete Otbert ihn unbedingt an . Es war übel für mich , daß ich nicht im Stande war Otberts Talent so über Alles zu bewundern wie sein Beifallsdurst es erheischte . Er warf mir häufig vor , daß alle Welt ihm höhere Anerkennung schenke als ich . Ich entgegnete einmal : » Ich liebe Dich selbst so sehr , daß ich Dein Talent mit in den Kauf nehme , ohne es besonders in Anschlag zu bringen . « » Kühl wie Cordelia ! « rief er spöttisch . » Und wahr wie sie ! « entgegnete ich sanft . Ich fand seine Gedichte lieblich , harmonisch und doch auch tief und kräftig ; aber Otbert erschien mir nicht als der erste Dichter der Welt , nicht als ein gewaltiges Genie , nicht als ein deutscher Byron . Letzteres besonders war seine heimliche Sehnsucht ! Es war sehr natürlich daß in Venedig wo Byron so viel , so gern und vor wenigen Jahren gelebt hatte , unsre Gespräche sich häufig um ihn bewegten , und da hatte ich ebenso häufig Gelegenheit jene Schwäche Otberts zu bemerken . Da ich wirklich fürchtete daß sie ihn in eine falsche Richtung werfen könne , so warnte ich ihn einmal sich durch seine Bewunderung für Byron nicht beherrschen und zur Nachahmung hinreißen zu lassen . » Du mußt auf andern Wegen gehen als er - setzte ich hinzu , Du hast nicht seine wilde , schroffe , melancholische Seele .... wie könntest Du seinen Genius haben . « » Also Du meinst ich hätte eine zahme , schlaffe , lustige Seele , entgegnete Otbert tiefgekränkt . Mit einer solchen kann man freilich nur ein jämmerlicher Dichter sein . « Meine aufrichtigen Versicherungen , daß es mir nicht eingefallen sei ihn zu Gunsten Byrons herabsetzen zu wollen , versöhnten ihn ganz und gar nicht . » Du deprimirst mich wenn Du mich so sehr gering achtest - entgegnete er . Das ist für mich wie Regen auf den Flügeln des Vogels : er kann nicht fliegen . Wenn nicht einmal die Nächsten , die Liebsten mich ermuntern , woher soll mir dann die Zuversicht kommen ? - Und sage mir nicht , daß ich auf Dein Urtheil nicht zu hören brauche , Sibylle ! Du hast ein feines und richtiges Urtheil ! überdies höre ich auf ein jedes .... um wie viel mehr auf das einer geliebten Frau . « » Wenn ich nicht fürchtete aufs Neue etwas Ungeschicktes zu sagen , entgegnete ich verschüchtert , so würde ich meinen , daß Du nicht auf jedes Urtheil als auf einen maßgebenden Richterspruch hören solltest . Du magst sie anhören als ebenso viel Beweise verschiedenartiger Ansichten .... allein Dich danach richten - niemals . « » Du hast eine schroffe wilde Seele ! Dir würde in der Vereinzelung nicht weh sein ! Aber ich kann ohne Theilnahme und Wolwollen nicht leben , nicht athmen , nicht denken , nicht dichten - nichts ! ich werde dann eine todte Sache und höre auf Mensch , geschweige Dichter zu sein . « » Der innigste Zusammenhang mit dem All , das Verständniß der Menschenseele in ihren verschleierten Tiefen , auf ihren ätherischen Höhen - die Ahnung ihrer Qualen und Wonnen - die Erkenntniß der Natur , nicht nach den Regeln der Wissenschaft , sondern nach geheimnißvollen Anschauungen - und mehr als das Alles : ein starkes Herz , vom Strom der Empfindung