Ritt er nicht auf dem Falben vom Hof ? Ja , ja , und das war auch sein Sattel . « » Gelobt sei Jesus Christ , in Ewigkeit ! « schloß der Knecht und schüttelte mit zufriedenem Lächeln den Kopf . » Das ist alles Satans Blendwerk , um uns zu irren . Und hättet Ihr Eure Schecke gesehen , sie wär ' s doch nicht . Das soll uns nur täuschen , Ihr glaubt , der Sattel war ledig . Ich sah aber einen reiten , quer saß er drauf und schaukelte die Beinchen . Einer von den kleinen Leuten war ' s. Er grinste und steckte die Zunge raus ; kreuzt Euch nur noch ein Mal . Sind auf dem rechten Wege und lassen uns nicht irren . « Das Pferd wollte Hans Jürgen nicht aus dem Sinn , und er hörte nur halb auf die andere Geschichte , die Ruprecht erzählte : von der Hebeamme aus Kloster Lehnin , die sich eines Abends bei der alten Ziegelei verirrt und ein kleines Männlein war auf sie zugetreten und hatte sie gebeten , ihm zu einer Wöchnerin zu folgen , und auf seinen Ruthenschlag hatte sich das Wasser des Gohlitz wie eine Fallthür geöffnet , und sie war mit ihm hinuntergestiegen in das Reich der Kleinen , wo sie eine Frau glücklich entbunden , wofür der kleine Mann ihr erlaubte , vom Kehricht so viel zu nehmen , als ihre Schürze faßte , und als sie nach Haus gekommen , war das Müll eitel Gold geworden . Und daß die Nachkommen der Frau noch heute lebten und reiche Leute wären . Auch vom Klostersee drüben und dem grünen Hut , der drauf schwimmt , aber den Fischer , der ihn greifen will , zieht er in den Abgrund . Und von den Unterirdischen im Mittelsee , was ein gar wunderbar Geschlecht sei von schönen Seejungfern , die in Krystallpalästen wohnten , und wo Noth wäre , den kreisenden Frauen zu Hülfe kämen . Hans Jürgen grauselte ; sein Zittern und die kurzen Schritte , die er that , verriethen , daß er der Furcht war , hinter jedem Baumstamm könne ein neues Ungethüm vorschießen . Da wandte sich Ruprecht , der itzt ihm vorausging , mit langen Schritten zu ihm und er blieb bei ihm : » Junker Hans Jürgen ! « sprach er , » nur noch eine kleine Weile das Herz zusammengehalten . Dort am Waldrand , wenn wir in die Niederung kommen , da hören wir schon die Klosterglocken wieder , da müssen die Spukbilder weichen . Wer nicht auf bösen Wegen geht , hat sich nicht zu ängsten . Glaubt Ihr denn der Britzke und Hagen wären in den Sumpf gegangen , wie die blinden Heiden , wenn sie nicht schon dem Teufel den Finger hingehalten hätten ? Der Spaß in Jeserich und der Soff im Kloster , und daß sie nicht zur Beichte gehen wollten , da hatte der Böse schon Quartier in ihrer Seele . Ihr seid doch noch jung und ohne Sünde . Dankt Gott , daß Ihr nicht reitet , wo der Hans Jochem reitet . « » Ruprecht , Du glaubst doch nicht - « » Bin nur ein schlechter Knecht und darf mich so was nicht unterstehen zu denken . Aber der Teufel versteht keinen Spaß , der fragt auch nicht - « » Ruprecht , der Herr von Lindenberg - « » Ist ein gar feiner und vornehmer Herr , der weiß gewiß Alles besser als ich , und solchem schlechten Krämer auf den Kopf schlagen , das geschieht ihm im Grunde schon recht , aber Junker , ich weiß doch nicht , mir ist lieber , daß Ihr nicht dabei seid , und ich auch nicht dabei bin . Paßt mal acht , wenn Ihr zurückkehrt , und die Herren auch , Ihr habt ' s gefunden , was Ihr suchen ging ' t , und ' s war Euch aufgetragen ; und die haben gefunden , was sie suchen gingen , und kein Mensch trug ' s ihnen auf , paßt mal acht , wenn Ihr beide vor dem Muttergottesbilde am Dorf vorbei kommt . Ihr werdet dreist auf der Straße gehen , Eure Mütze ziehen und Eure Knie beugen . Die Herren , wett ' ich , wenn sie das Bild sehen , meinen , der Weg sei zu sandig , und der eine schwenkt durch den Wald , wo der Sand noch viel tiefer ist , und der andere quetscht sich hinter dem Bilde durch den Moor . Sie wagen nicht der Mutter Gottes in das Antlitz zu sehen . Und nun denkt Euch , wenn Ihr zurückkehrt nach Ziatz ! « Das Bild , das der Knecht andeutete , trat Hansen mit einem Male vor das innere Auge , so hell , als der Wald dunkel war . Da kam er stolz über den Damm , und stieß in seine schrillende Pfeife vor dem Burgthor im Morgenroth . Die Zugbrücke war gefallen , die Edelfrau öffnete selbst das Thor und sah ihn fragend an . Ihr strenger Blick verzog sich in ein freundliches Lächeln . Sie hielt die Hand ihm entgegen : » Das ist brav von Dir , Hans Jürgen ! « und hinter ihren Schultern blickte Eva ' s noch freudeglänzender Gesicht . - Wäre er aber zu Roß mit den Andern zurückgekommen , wie langsam , däuchte ihm , hätte er den Damm entlang reiten müssen , den Schatten der hohen Ulmen hätte er gesucht , sich und was er trug , unter dem Mantel verborgen . Was hätte der Wetterhahn auf dem Thurm verzweifelt gekräht , wie würde der Thorflügel geknackt , welche fragenden , scharfe , durchbohrenden Blicke würde die Burgfrau ihm entgegen geworfen haben . Ihm war so leicht , eine Centnerlast fiel ihm von der Brust , er schritt muthig zu und sah keine Gespenster mehr . Eilftes Kapitel . Kloster Lehnin . » Hier gebt mir Eure Hand , Junker , oder faßt lieber meine Stange an , ein Schritt links oder rechts ab , und Ihr seid verloren , « sprach der Knecht Ruprecht . Sie waren aus dem Dickicht des Waldes in die sumpfige Niederung hinabgestiegen , welche sich noch heut in weitem Halbkreis um Ort und Kloster fortzieht . Hier war kein Steg , kein Pfad zu sehen , ob doch die Dämmerung schon in den weiten Lug schien ; nur Elsenbüsche , verräterisches Schilf und offene Lachen . An dieser Stelle ging der Führer selbst unschlüssig und prüfte vorher das trügerische , zitternde Erdreich , hier wand er sich in weitem Umkreis um mannshohe Rohrbüschel und gelangte nur durch einen Sprung mit der Stange hinüber , die er dann seinem Gefährten zu gleichem Dienste zurückreichte . Jetzt standen sie ungefähr in der Mitte des Moors . Weithin zur linken blickten ewige Lichter aus den Klostergebäuden , während ringsum nur die dunklen Föhrenwälder im Nachtkleide ihre ungastlichen Schatten warfen . Ruprecht blieb stehen und schaute nicht unruhig , aber bedächtig nach Luft und Erde und den vier Winden . » Wir hätten doch besser gethan , den großen Weg über den Damm und durch den Ort einzuschlagen . « Ruprecht schüttelte den Kopf : » Daß wir die Hunde geweckt und dem Dieb die Spuren gezeigt . « » Ruprecht , bleiben wir länger stehen ? Unter mir bricht es schon . « Der Knecht winkte ihm die Stellung zu wechseln , wie er selbst that : » Hört Ihr die Glocken ? « Es läutete vom Kloster zur Frühmette . Ruprecht faltete still die Hände ; Hans Jürgen folgte unwillkürlich seinem Beispiel . Nach einer Weile hörte man über das Wasser den Chorgesang der Mönche . Als sie ausgesungen , wandte sich der Knecht zum Junker : » Will ' s Euch nur gestehen , wußte ' nen Augenblick auch nicht aus und ein . So , nun sehe ich wieder klar ; ich finde schon . Denke mir nun so , wie muß denen dazumal gewesen sein in der alten Zeit , die hier verirrten , und in der Wildniß war kein Licht , keine Glocken und kein Gesang ! « » Sie sagen , das sei das erste Kloster , was sie in den Marken gebaut . « Ruprecht nickte : » Muß doch grauslich gewesen sein in solchem Land , wo der Teufel sein Wesen trieb , ungestört , und überall umher nichts als Wald und Sumpf von Bären und Heidenmenschen . Wo kein Heiliger war und Keiner einen Schutzpatron hatte , wie man da nur durchkam durch die Finsterniß und das Kobolds- und Nixenzeug , das itzt noch so fest sitzt , und die Geistlichen können ' s nicht ausrotten . « Hans Jürgen hatte gehört , das komme davon , weil die Mönche jetzt nicht wären wie sonst . » Sie sind Schlemmer und Thunichtsgute , das ist schon recht , aber die Glocken haben sie noch . Ohne die hätten die Geister schon längst wieder Oberwasser . Das war wohl ein gut Werk , daß sie grad hier das Stift gründeten , was es auch kosten that an saurer Arbeit und auch Menschenblut . Da drüben bei Namitz erschlugen die Wendischen den Abt Seebald . Man sieht noch den Stock vom Baum , wo sie ihn runter schütteln wollten , aber da er sich festhielt , sägten sie den Baum ab und schlugen ihn dann todt , was auch die Mönche den Heiden Lösegeld boten . Friede seiner Seele ! Ob sie den Frieden hat , das weiß ich nun nicht . Denn die Leute hier herum sprechen anders als in den Kirchenbüchern zu lesen steht . Mehr als Einer sah ihn im Dämmerlicht auf dem Stumpf sitzen , und wenn man ihn anrief , huschte es in den Wald . « Hans Jürgen hatte immer nur gehört von dem frommen Abt Seebald , der ein Märtyrer geworden , weil er zu den Bauern umherging , in die schlechteste Hütte , um sie zu bekehren . Ruprecht machte ein eigen Gesicht : » Davon sollte man eigentlich hier nicht sprechen , aber die Bauern meinten , zum Bekehren ist er wohl ausgegangen , aber ihm war ' s mehr um die Frauen zu thun als die Männer . Einst kam er in Namitz in eines Fischers Haus , und die junge Frau , die grade buk , kriegte einen Schreck und wußte sich nicht anders zu verstecken , als sie kroch unter den Backtrog . Da , als der Abt sie nicht sah , setzte er sich auf den Trog und wollte warten bis sie käme . Doch ihre kleine Tochter lief erschrocken auf ' s Feld und schrie : Vater ! Vater ! der Abbat sitzt auf der Mutter . Da liefen sie alle vom Felde und schworen ihm den Tod . Als der Abt sie nun herankommen hörte , mit Mistgabeln und Sensen , lief er , was er laufen konnte , aus dem Hof in den Wald . Sie hinter ihm drein , und da er nicht weiter konnte , denn er war dick , kletterte er auf eine alte Rüster und drauf kam denn die Geschichte . Alle die Mönche waren erschrocken über den wilden Grimm der Heiden , daß sie das Kloster wieder verlassen wollten und auswandern , und es wäre geschehen , wäre ihnen nicht da am Ausgang der heilige Johannes erschienen , grad wie er dem Wußo erschienen . « Derweil hatten sie das Ende der Niederung erreicht , zwar oft bis unter die Knöchel im Wasser schreitend , doch ohne weitere Fährlichkeiten , und die Hallen des Lehniner Waldes , schlanke , himmelhohe Kiefern mit uralten Eichen untersprenkelt , nahmen die Wanderer unter ihrem Schattendach auf . Wohl hatte Hans Jürgen von seinem Ahnherrn Wußo gehört , aber das war dunkles Gerede gewesen , auf das er wenig geachtet , hier in den feierlichen Waldhallen , durchschauert vom Morgenhauch , klang es anders . Wußo war ein wilder Heide gewesen , der nur gedürstet nach dem Blut der Fremden , welche eine fremde Sitte und einen fremden Gott in das Land seiner Väter einführen wollten . Oft hatte er sich unterworfen der wilden Gewalt , weil er ihr nicht länger widerstehen konnte , aber eben so oft , wenn die Gelegenheit sich bot , hatte er in das Horn des Urs gestoßen , die alten Freunde und Genossen gerufen , die Crucifixe niedergerissen , die Capellen zerstört und verbrannt und das Joch abgeworfen , das ihm eine Schmach dünkte . Und auch jetzt , als die Herrschaft der Sachsen in der Nordmark gefestet schien , diente er nur mit innerem Grollen den Söhnen des Bären Albrecht . Da war er einst zur Jagd ausgeritten mit dem Markgrafen Otto , und sie waren in eine Wildniß gekommen , die der Markgraf noch nicht kannte . Und darauf rechnete Wußo . Der Böse gab es ihm ein , daß er den Markgraf verlocken sollte , fernab von den Seinen , und da ihn tödten , wo Keiner es sah und Keiner die Spur finde . Dann werde alles bleiben und werden , wie es gewesen ; denn was thue das Neue , das die Christen gebracht , dem Lande und Volke gut , als daß es die Leute unzufrieden mache mit dem was sie hätten und ihre Väter . Die an Eicheln und Buchnüssen sich genügen lassen , wollten nun Brod essen , und die auf fauler Streu lagen , wollten in Betten schlafen und aus Höhlen und Hütten in Häuser und Thürme überziehen . So überredete sich Wußo und machte seine schwarzen Gedanken weiß , weil doch auch diesem Heiden , denn das war er trotz des Taufwassers , das Gewissen anging , daß Markgraf Otto ihm so viel Liebes erzeigt und sein Vertrauen auf ihn gesetzt . Dazumal war die Gegend ganz anders als sie jetzt ist . Wo jetzt die Fichten lustig und schlank in ' s Blaue schießen , war ein Dickicht von Eichen und Rüstern und Buchen , die ineinanderwuchsen und Krieg führten um das bischen Boden und Luft . Da lagen umgeworfene Stämme faulend einer über dem andern , und Gewürm , Kröten und Schlangen wimmelten am Boden , auf den nie ein Lichtstrahl fiel . Und wo der Wald aufhörte , war die Haide mit stachlichten Ginster- und Wacholdersträuchen besetzt , und wo die Haide aufhörte , war das Bruchland ; verwachsene Elsen und wilde Schlingpflanzen , daß kein Lüftchen durchdrang , und in dem warmen , feuchten Dunst nisteten Schwärme giftiger Stechfliegen . Wer sich verirrte und nicht untersank , blieb stecken in den Dornen und kam jämmerlich um vor Hunger und Qual unter den Stichen des Geschmeißes . Und auch das Wasser , wo es zu Tage lag , spiegelte nicht die Sonne und die Sterne und den blauen Himmel . Da trieben umgefallene Bäume umher , mit dickem Moos und Pflanzen überzogen , Inseln schwammen und ein buntes , schillerndes Netz von faulenden Stoffen schien darüber ausgebreitet . Die wilden Katzen kletterten in den verwachsenen Baumkronen , Krieg führend mit den Habichten , den Raben und Krähen . Der Bär schlich noch brummend in den Schatten um , ein Schrecken der andern Thiere , und die Waldameise baute ihre hohen Kegelhäuser , das einzige geordnete Gemeinwesen . Nur den Auerochsen hatte schon der Mensch vertrieben , und auf die stolzen und wilden Elennthiere richtete er eine verderbliche Jagd , daß sie weiter gen Osten flohen , und die wenigen , die noch waren , scheu im tiefsten Dickicht sich verbargen . » Wird Euch in der Wüstenei nicht bang , Herr Markgraf ? « fragte Wußo , da sie nun auf der Spur eines großen Elennhirsches ganz ab waren von ihrem Gefolge , und die Töne in ' s Hüfthorn riefen Keinen , und die Luft war schwül und Gewitterwolken zogen am Himmel auf . Und Wußo war doch selbst bang geworden , denn vorhin , als der Fürst über einen Baumstamm setzte und sein Thier zu kurz sprang , daß er herabglitt , hatte der grimme Mann schon die Axt geschwungen , die ihm am Sattel hing , um dem Herrn den Garaus zu machen . Aber sein Arm blieb in der Luft hangen , ein ferner Donner rollte über die Wälder . » Was soll mir bange werden ! « antwortete Otto . » Da Sanct Johannes bei mir ist in den Wüsteneien , der mein Schutzpatron ist und auch Deiner , Wußo . « Nun dachte Wußo heimlich : Ob Dir der Sanct Johannes jetzt den Weg zeigen wird ! und blieb tückisch zurück , da der Fürst , den Speer über sich schwingend , der Fährte des Elenns folgte , ohne viel vor sich auf den Boden zu sehen . Ihre Rosse , die nicht weiter konnten durch den Moor , hatten sie nämlich verlassen und anbinden müssen , und Otto ging mit kühnen Schritten den Tapfen des Hirsches nach . Nur Wußo kannte den einzigen schmalen Weg durch das Bruchland , und bei jedem Schritt meinte er , der Fürst werde sinken . Dann überhob ihn der Morast der Mordarbeit , und wie viele Deutsche waren in den Kriegen , von den tückischen Wenden in die Moräste gelockt , da versunken . Aber der Fürst fand den Weg , ohne daß er ihn kannte , sein Fuß traf immer das Feste und sank nie ein . Da er fast drüben war , rief er dem Wenden zu : » Was scheust Du , Wußo ? Kommst Du mir nicht nach ? « - Wußo machte sich nun auf den Weg , den er so oft zurückgelegt , aber seine Augen waren wie geblendet , oder war es die Unruhe in ihm . Er sank mit dem Fuß ein , zwei mal , und plötzlich , als der ganze Boden unter ihm zu zittern anfing , ward er inne , daß er falsch gegangen , und es war zu spät , die Richtung zu ändern . Da in seinen höchsten Nöthen rief er : » Ach Sanct Johannes , wie Du den da rüber gebracht , hilf auch mir , wenn Du den Weg kennst « . Und ihm war ' s , als liege um ihn eine Wolke , und ein Mann halb nackend , mit zottigem Haar und einem Fell um die Schulter , aber einem lichten Streifen um die Stirn , reichte dem Versinkenden die Hand und hob ihn und führte ihn sicher hinüber . Da verschwand er , und der Fürst lächelte : » Ei Wußo , kennst Du so wenig Dein Land , daß Du selbst eines Führers bedarfst ? « Der Tag war heiß und die beiden wurden müde von der Jagd , denn der Hirsch , wie oft sie ihn auch sahen , immer verschwand er wieder . Da rief Markgraf Otto : » Den Hirsch muß ich zum Stehen bringen ; ist mir doch , als hinge mein Heil und Leben von seinem Leben ab . Ich hab ' s gelobt dem heiligen Hubertus ; aber itzt kann ich nicht mehr . « Und er sank um , den Speer in der Hand , todtmüde unter einer alten Eiche . Aber Wußo hatte auch gelobt bei seinem Götzen , das ist der Teufel , sein Heil und Leben solle davon abhängen , daß er das Leben des Markgrafen nehme , was es ihn auch koste . Schwer ward es ihm , denn er war kein schlechter Mann , und glaubte es nur zu thun um seines Landes Wohl . Und da es Nacht wurde von den Wolken , die aufzogen , drückte er die Augen zu und faßte den Wurfspieß mit beiden Fäusten und wild rannte er auf den schlafenden Fürsten zu . Da fuhr ein Blitz aus der Eiche nieder und ein Donner krachte , als wäre der Baum von seinen Wurzeln gebrochen . Vor dem Mörder stand wieder derselbe Mann , der ihn über den Bruch geführt , drohend den Arm aufhebend und Wußo ' s Wurfspeer blieb wie angelöthet in der Hand : » Ist das Dein Dank , daß ich Dich hergeführt ? « sprach Sanct Johannes . Und in demselben Augenblick fuhr auch der schlafende Fürst in die Höh ' , mit einem Schrei , der Wußo wie die Trompete des Gerichts durch die Seele ging : » Ha es ist überstanden ! « Und Wußo lag auf den Knieen und wollte Worte stammeln , aber seine Zunge klebte am Gaumen , und in ihm brannte es wie ein stilles Feuer . Markgraf Otto rieb den Schlaf vom Auge : » Wo ist nun das Ungethüm ? Er stürzte mir ja zu Füßen ? « » Hier , Herr , « sprach Wußo , » zertritt es . « Der Fürst schüttelte das Haupt und stierte in die Wolken , wie noch im Traum : » Den großen Hirsch meine ich , mit seinem gezackten Geweih , und sein Rachen sprühte Flammen . Heiß setzte er mir zu , und ich hatte schweren Kampf . Nun ist er überwunden , der mir will streitig machen das Reich , so mein Kaiser mir zuwies , daß ich lichten soll in der Finsterniß , ausroden die alte , schlimme Weise , und bauen und bahnen die Wege zur Erkenntniß des wahren Gottes . Sein Licht war über mir ; es schmetterte ihn nieder , aber wo ist der Feind ? Eine Mark Goldes , wer ihn mir schafft ! « Da waren die vom Gefolge des Fürsten herangekommen , und als er ihnen erzählte , was er geträumt , und er glaubte , es sei Wahrheit , erkannten alle Gottes Finger . Der grimmige Elennhirsch , der ihn im Schlafe umbringen wollte , könne nur der Satan gewesen sein , der Wuth schnaube und zittere in seinem Ingrimm , weil der Markgraf in dem Lande schon so Großes vollbracht und noch mehr vollbringen wolle , daß seine , die Herrschaft der Finsterniß , aufhöre . Der Markgraf erkannte , daß sie Recht hätten , und gelobte zur Stunde , daß er zum Gedächtniß des schrecklichen Traumes , und auf derselben Stelle , wo er gelegen , ein Kloster bauen wolle . Von da solle das Licht des Glaubens und die gute Sitte und ehrbarer Fleiß ausgehen über das ganze Heidenland , und er wolle es reich begaben mit Gütern , und es fest machen zum eigenen Schutz gegen jeden Angriff und darin eine Gruft bauen , in der man ihm , wenn er zur Ruhe gegangen , die letzte irdische Stätte bereiten solle , und nach ihm seinen Kindern und seinem ganzen Geschlechte . So stiftete der Markgraf Otto , nachdem er die Wälder gelichtet , Sümpfe getrocknet , Wege in das Holz gehauen , die Abtei und das Kloster Lehnin , das erste in diesen Marken , und ließ Cisterciensermönche dahin kommen aus Seevenbeeke drüben im Mansfeldischen , welche die hohe Kirche bauten und Thürme und die Klostergebäude und die Wälle , und Mauern zum Schutz gegen die heidnischen Wenden , denen diese Stätte des Herrn noch lange ein Stein des Anstoßes und des Aergernisses war . Lehnin aber nannte , er es , weil auf Wendisch der Elennhirsch den Namen führt , und noch heut zu Tage ist am Chor in der Kirche der Eichenstamm zu sehen , unter dessen Wipfel der Markgraf Otto geschlafen und den schweren Traum gehabt . So ungefähr hatte Ruprecht auf dem langen Wege dem Junker die Legende von der Stiftung des Klosters Lehnin erzählt . Aber was hatte der Ahnherr seiner Familie damit zu thun ? War er vom Markgrafen bestraft worden ? Er strafte sich selbst . Er stürzte fort , und lange Zeit wußte Niemand , wo er geblieben . Aber er irrte im Wahnsinn durch Wald und Haide , und war er hingestürzt wo , müd und erschöpft , so fuhr er wieder auf , wenn er Hundeklaffen und ein Jagdhorn hörte , denn so hatte der Wahnsinn sein Hirn umdüstert , er glaubte der Hirsch zu sein , den der Markgraf niedergestoßen , und hinter ihm jage die wilde Jagd , geführt von Sanct Johannes , daß sie den letzten Elennhirsch fange , auf den der Fürst den großen Preis gesetzt . Da nährte er sich von Wurzeln und Gras , trank das Wasser aus dem Fließ und scharrte sein Lager in den Gebüschen . Im Traume zuckte er auf , von den Speeren und Pfeilen durchbohrt ; er stöhnte vor Schmerz und wünschte doch , daß seine Stunde komme . So hatte der Wahnbethörte sich hineingedacht in die Seele eines Thiers , das dem Untergang geweiht war , als eines Nachts der Mann mit dem zottigen Haar und dem Fell über dem Nacken ihm auf die Schulter klopfte : Nun hast Du gebüßt Deine bösen Gedanken durch böse Gedanken , aber das ist nicht genug . Du wardst ein Thier und folgtest Deinem Triebe . Nun wache auf als Mensch und büße durch freie That Dein böses Thun . Tödte und zerfleische Dich selbst . Dann erst wirst Du rein sein von der Schuld . Als Wußo aufsprang , war der heilige Johannes verschwunden , aber unfern von einem Spring sah er den großen Elennhirsch seinen Morgentrunk schlürfen . Da war er auch erwacht aus seinem Traume und seinem Wahnsinn . Den Hirsch mußte er tödten . Das war seine Aufgabe ; sein Herr , dem er das Leben verwirkt , hatte es geboten . Der Hirsch floh . Wer kannte , wie Wußo , die Schluchten des Waldes , die jähen Seeufer , die Erdstürze , die Fährten des Wildes durch das Dickicht . Da endlich hatte er es in die Enge getrieben , wo es nicht mehr fliehen konnte . Es machte Kehrt und stand . Aber nicht mit der Wuth des gehetzten Wildes , das sein Leben im letzten Verzweiflungskampfe theuer erkaufen will . Das kluge Thier schien sein Loos zu kennen , nicht wie ein grimmer Feind , wie ein Opfer , das den Todesstreich erwartet stand es vor ihm . Den Jäger , der den Elch endlich stehen sieht nach langer , heißer Jagd , ergreift ein sonderbar Gefühl . Der Elch mit dem langen , weit ausgreifenden Geweih , wie ein König des Waldes , mit den klugen , schönen Augen , wie ein Mensch , mit dem struppigen grauen Bart , wie ein Geist aus einer andern Welt . Dem rauhesten Jäger schlägt das Herz , der Finger zittert ihm am Rohr . Er glaubt der Elch spreche mit ihm , und sein Auge strafe ihn . Was mußt du mich vernichten ? Bin ich ja doch dem Untergang geweiht . So sprachen des Hirsches Augen zu Wußo . - Mußt du mich tödten , so tödtest du dich selbst . Leben kann ich nicht mehr , wo ich der einzige bin meiner Art , der nur umschleicht wie das Gespenst auf den Grabhügeln derer , die mit ihm lebendig waren ; und ihnen gehörte der Wald , die Wiese , das blaue Wasser . Nun gehören sie Andern , die uns nicht dulden wollen ; die den Wald , die Wiese , das Wasser anders machen wollen , als der Herr es machte , der uns hineinsetzte . Bist du nicht ich ? Ist dir ' s heimisch noch im Land , wo die Fremden deine Wälder roden , in denen du Schatten hattest und Lust ; deine Götterbilder verbrennen , vor denen du betetest , und sie schützten dich ; die Grabhügel deiner Väter durchwühlen ; wo sie Thürme bauen in den Himmel , der frei war ; wo sie Crucifixe aufrichten , daß du denken sollst mit Zittern und Grauen nur an Qual und Graus , und unter deinen alten Göttern ging der Pokal um in Freude und Lust ? Ist ' s noch dein Land und dein Geschlecht , wo die fremde Zunge die Sprache verdrängt , so deine Väter sprachen , und du lalltest sie schon als Kind ; magst du leben in Freudigkeit , wo sie auf dich und deine Brüder herabschauen als Wesen schlechterer Art , nur aus Gnaden aufgenommen , und du warst frei wie der Vogel in der Luft , wie der Fisch im Wasser , wie wir im Walde ? Ich bin der letzte meines Geschlechts , willst du ' s nicht sein , willst du dich fügen als ein Knecht in die fremde Knechtschaft , so hilf ihn ausrotten und roden , hilf ihnen verläumden und schmähen , die alten Freien , hilf ihnen den Boden der Väter umackern , ihre Gräber zerstören , ihre Heiligthümer verbrennen , und schleudre dein tödtlich Geschoß mir in die Brust , aber laß mich noch einmal athmen die Luft , die frei war , noch einmal blicken in den grünen Wald und den blauen Himmel , dann - dann tödte dich selbst . Wieder mit zugedrückten Augen warf Wußo seinen Speer . Er hoffte , daß wieder der heilige Mann mit dem zottigen Haar den Speer fassen werde . Aber die Luft sauste , es krachte , und nieder stürzte der stolze Zehender . Die Bäume rauschten wie vor Schrecken . Wußo mochte nicht ertragen den letzten Blick des Elchs , er sah sich selbst in den sterbenden Zügen . Zusammenstürzte auch er , nicht in seinem Blute , im hitzigen Fieber . Als er genas , wollte er nicht mehr in den Wald , auch nicht zu Hof und nicht ausreiten mit dem Fürsten . Sein Sinn war dieser Welt erstorben , und er pries den Herrn , daß es so war . Ein hären Gewand zog er um den nackten Leib und ging in das Kloster Lehnin zu den Cisterciensern . Da hörte man ihn oft seltsame Gebete murmeln , daß es die