des ewigen Liebesgewinsels , der kleinlichen Eifersuchtsscenen müde , wir wollen größere Motive , weil unsere Zeit größere Zwecke hat . Wie sehr man dies überall empfindet , bemerkte Theophil , dafür zeugt ja gerade , daß man nach neuen Dingen greift . Die Aufführung des Sommernachtstraums , des gestiefelten Katers , die Wiederbelebung des Sophokles , die Versuche , die man mit Terenz und Plautus angestellt hat , die alle bürgen dafür , daß man etwas Anderes , etwas Neues erstrebt . Etwas Anderes , das ist wahr , sagte der Präsident , etwas Neues nicht . Oder nennen Sie Terenz und Plautus neu ? - Ich gehöre gewiß nicht zu den Neuerungssüchtigen , die ohne Kenntnisse der Staatsverhältnisse , ohne Kenntniß der Staatsverwaltung überall Reformen verlangen . Ich bin Beamter und kenne die Schwierigkeiten , die sich dem raschen Verlangen der sogenannten Liberalen entgegensetzen . Ich bin ihnen in vielen Beziehungen abgeneigt , ihren Bestrebungen entgegen , aber deshalb verkenne ich nicht , daß sich die Zeit und die Gesinnung der Menschen nicht künstlich oder gewaltsam zurückschrauben lassen . Das Alte , das man uns bietet , ist schön , es war doppelt schön , als es zeitgemäß war ; aber die Alten haben ihre Dichter geehrt , ihnen Raum zu freier Entwicklung gegönnt , als sie lebten ; so ahme man ihnen darin nach und gebe den Lebenden , was ihnen gebührt , das freie Wort vor ihrem Volke von der Bühne , und Dank und Ehre , wenn sie es schön gesagt . Theophil stimmte ihm bei und der Präsident fuhr fort : Das Theater , wie es jetzt beschaffen ist , ist das unerfreulichste , nutzloseste Institut von der Welt . Ueberall regt sich Leben , überall Fortschritt ; nur im Theater , das in Deutschland Millionen verschlingt , bleibt es bei dem sogenannten guten Alten , das so schlecht ist . Man sollte die Pforten weit aufmachen , damit das Tageslicht , damit die Strahlen der Zukunft auch dahineinfallen und die letzte Vergangenheit hineindringen könne . Die Schweizer , welche ihr Leben in den Tuilerien einbüßten , liegen unserer Theilnahme näher als die Spartaner , die bei Thermopylä fielen ; Mirabeau zieht uns lebhafter an als Demosthenes . Friedrich der Große und Blücher sind unserm Herzen theurer , würden ganz andere Begeisterung hervorrufen als irgend ein Held aus den längstverwichenen Jahrhunderten . Hätten diese ebenfalls die sonderbare Scheu vor der Gegenwart und die unwandelbare Anhänglichkeit an die Vergangenheit gehabt , die man jetzt an den Tag legt , so hielten wir noch bei dem ersten Liede , das irgend ein Schäfer auf der Flöte blies , und könnten uns an den ursprünglichsten Rhapsodien ergötzen , die vielleicht auch ihre Reize gehabt haben mögen . Bei diesen Worten erhob sich der Präsident , um sich in die Gesellschaft zu begeben , in der ihn Eva erwartete . Theophil und Therese blieben allein zurück , und so sehr sie sich sonst mit einander zu unterhalten liebten , heute wollte trotz Theresen ' s Bemühungen kein rechtes Gespräch in Gang kommen . Theophil schien zerstreut , antwortete einsylbig , so daß seine Freundin ihn endlich um den Grund seiner Mißstimmung befragte . Es ist eine tadelnswerthe Schwäche , sagte er , daß ich mein Gefühl so wenig verbergen kann , denn ich wollte es Ihnen eigentlich nicht zeigen , daß Sie mir heute wehe gethan haben . Ich ? Ihnen wehe gethan ? fragte Therese , wie ist das möglich ? Doch ! versetzte er . Wie wenig müssen Sie mich kennen , wie wenig müssen Sie mich einer nähern Beachtung werth gehalten haben , wenn Sie zu glauben vermögen , daß Frau von Barnfeld und ich zu einander gehören ! Scheine ich Ihnen denn so ganz oberflächlich , so ohne allen tiefern Gehalt zu sein ? fragte er im Tone des Vorwurfs . Das nicht , antwortete Therese , dafür bürgt Ihnen die lebhafte Freundschaft , die ich für Sie fühle und die ich Ihnen offen entgegentrage . Aber Eva steht Ihnen im Alter gleich , Ihre Eltern wünschen , daß Sie sich bald zu einer Heirath entschließen , ich halte Eva für gut und bildungsfähig ; da konnte mir leicht ein solcher Gedanke kommen , gerade weil Sie alle Beide mir werth sind . Eva ' s Heiterkeit würde Sie zerstreuen ; das Gefühl , einer des Schutzes durchaus bedürftigen Frau diesen Schutz zu gewähren , würde Sie selbst stärken ; und reich , wie Sie Beide es sind , würden Sie jeder Sorge um das Dasein enthoben sein . Ist das Ihre wirkliche Meinung ? fragte Theophil , glauben Sie , daß ich um irgend eines äußern Vortheils willen mich zu einer Ehe entschließen könnte ? - Und Gleichheit des Alters , was bedeutet die , wenn die Seelen sich nicht verstehen ? Er hielt eine Weile inne , dann sagte er : Ich habe geliebt , ich habe den höchsten Grad der Leidenschaft kennen gelernt , deren ich fähig bin ; wie eine Gottheit habe ich ein junges Mädchen angebetet und sie hat mich getäuscht . Das hat mich mißtrauisch gegen mich selbst gemacht , ich bin eben keine Natur , die Liebe erweckt . Man kann mir gut sein , mich achten , und mehr begehre ich auch nicht . Ich kann Niemand beschützen , ich verlange nach einer Seele , an die ich mich lehne , denn das Leben macht mich müde ; es ist mir eine Arbeit und keine Lust . So wie jetzt mit Ihnen zu sein , an Ihrem milden und doch so starken Geist mich zu erheben , Sie und Ihr Wirken täglich vor Augen zu haben , das macht mich froh und stärkt mich mehr , als alle Arzneien des Doctors . Schicken Sie mich nie von sich , Therese , denn ich würde nicht gehen . Er sprach die letzten Worte mit einer Bewegung , die Therese überraschte , weil sie nicht wußte , wie sie sie deuten sollte . Auch ich , sagte sie , habe mich so sehr an Ihre Gegenwart gewöhnt , mein Freund , daß ich Sie ungern scheiden sehen würde , wenn Ihre amtlichen Verhältnisse Sie einmal abrufen , oder sonst ein Ereigniß Sie von hier entfernen sollte . Indeß , das wird ja unabänderlich nöthig sein und wir sehen uns dann wohl auch wieder . Ich gehe nicht fort , Therese ! sagte er ernsthaft , ich habe mir das selbst gelobt . Was soll ich in der Welt suchen nach Glück , nach Ehre ? Mein Glück ist bei Ihnen , mein Stolz , mein höchster Ehrgeiz wäre es , Ihnen eben so unentbehrlich zu sein , als Sie mir . Mein ganzes Streben ist , Ihnen Freude zu machen , Sie zu erheitern , denn Sie sind traurig seit einiger Zeit . Ich sehe Sie leiden und ich weiß nicht wodurch . Könnten Sie mir doch vertrauen , könnte ich Ihnen doch Etwas sein . Sie sind mir viel , sehr viel ! antwortete sie , da sie jetzt plötzlich zu ahnen begann , welche Gefühle Theophil für sie hege . Sie sind mir theuer , wie ein jüngerer Bruder , dem man gern vertraut , auf dessen Zukunft man hofft , weil man sie mit genießen will . Ich rechne darauf , Sie einst froh und stark in das Leben blicken zu sehen , und daß ich Ihnen werth bin , daß Sie gern mit mir sind , macht mich sehr , sehr glücklich . Glauben Sie mir das , mein Freund ! Aber Sie lieben mich nicht , Therese ? fragte er plötzlich . Sie schwieg erschreckt . Sie werden mich niemals lieben ? fragte er dringender . Scheine ich Ihnen des Glückes so ganz unwerth ? Er sprach nicht lauter , nicht lebhafter , als er es sonst pflegte , er sah sogar ganz ruhig aus und doch hatte die tiefe Innerlichkeit seines Tones etwas so Klagendes , daß sie davon schmerzlich erschüttert ward . Sie ergriff seine Hand und sagte sehr weich : Ich bin sicher , Sie täuschen sich über sich selbst . Ich hoffe zuversichtlich , Sie lieben mich nicht , denn ich könnte die Liebe , die Sie fordern , nicht erwidern , so theuer Sie mir sind . Ich bin nicht frei , nicht Herr meiner Neigung . Nehmen Sie das Geständniß , das ich mir selbst kaum zu machen wage , als den höchsten Beweis von Vertrauen , den ich Ihnen geben kann . Theophil barg das Gesicht in seinen Händen und schwieg . Das peinigte sie und sie fuhr fort : Glauben Sie mir , mein Freund ! es ist wie ich Ihnen sage . Denken Sie nur , ich bin um mehre Jahre älter als Sie ; Sie sind so jung , Sie können ein Herz verlangen , das in der Liebe zu Ihnen zum Bewußtsein erwacht . Ich habe meine Jugend früh in Hoffnungslosigkeit verloren , ich bin nicht glücklich gewesen , Theophil ! Darum möchte ich versuchen , Sie glücklicher zu machen , rief er . Lassen Sie mir wenigstens die Hoffnung , daß Ihr Sinn sich einst zu mir wendet , daß es mir einst gelingt , Sie über eine frühere Neigung zu trösten . Nein , sagte Therese bestimmt , das können Sie nicht ; ich liebe heute noch ganz so und stärker , als in den Tagen der frühesten Jugend . Jene Liebe ist mein Leben . Ich kann der Hoffnung entsagen , glücklich durch sie zu werden , und das habe ich früh gethan , die Liebe verleugnen kann und - werde ich nie . Und ich hatte Ihnen meine Zukunft geweiht , klagte er schmerzlich . In Ihnen , Therese , ruhte mein Glück und meine Hoffnung ! - und Sie stoßen mich von sich ? Nein ! nein ! rief sie . Ich stoße Sie nicht von mir , ich wünsche vielmehr , daß Sie uns nicht verlassen . Bleiben Sie bei uns , prüfen Sie sich selbst und Sie werden ruhiger werden , als wenn Sie sich gewaltsam von uns trennten . Sie halten mich für gut , mein Freund ! Die Art , in der ich das Leben erfasse , sagt Ihnen zu ; Sie freuen sich , daß ich bei Ihnen bin , wenn Ihre kleinen Leiden Sie muthlos machen , und weil Sie mich lieb haben , glauben Sie , mir mit Ihrer Liebe danken zu müssen . Wie unrecht wäre es aber , nähme ich dies Geschenk von Ihnen an ; es hieße Wucher treiben , verlangte ich Liebe auch für die innigste Freundschaft . Ich bleibe Ihnen ja , ich selbst will Sie glücklich wissen und wie ich Ihr Wort darauf verlange , daß Sie nicht jetzt , nicht plötzlich von uns gehen , so verspreche ich Ihnen , daß Sie in allen Wechselfällen des Lebens die treueste Freundin in mir finden sollen , die theilnehmendste Vertraute . Wollen Sie mich zu einer solchen annehmen , Theophil ? Wollen Sie mir die hohe Freude machen , mir einst zu sagen , daß Sie sich über Ihre Gefühle für mich täuschten , wenn Sie ein Mädchen gefunden haben werden , das besser für Sie paßt als ich ? Theophil schüttelte schweigend das Haupt , aber er drückte die Hand , die sie ihm geboten hatte , an seine Lippen und sagte : Ich höre den lieben Ton Ihrer Stimme , aber ich fasse Ihre Worte nicht . Mir ist , als ob der Boden wankte , auf dem ich mein Haus gebaut . Ich werde bleiben , Therese ! denn in Ihrer Nähe zu leiden , ist mir noch Labsal gegen die Trennung von Ihnen . Auf Wiedersehen denn ! Mit den Worten ging er seufzend hinaus . II Ich bekomme so eben einen Brief von Reichenbach , der mich beunruhigt , sagte an einem der nächsten Tage der Präsident zu seiner Schwester , als sie allein bei dem Frühstück waren . Alfred schreibt mir , daß seine Frau nicht darein willige , sich von ihm zu trennen , daß er sich andererseits verpflichtet glaube , die Güter , die durch den Scheidungsproceß für ihn verloren gehen würden , für Felix zu erhalten , und daß er deshalb seine Wünsche seiner Pflicht opfern und sich nicht von seiner Frau scheiden lassen werde . Das ist mir nun sehr lieb , denn ich habe ihm selbst schon früher aus vollster Ueberzeugung den Rath gegeben . Er ist aber bei dem Schreiben des Briefes offenbar in so heftiger Aufregung gewesen , daß ich für die Ruhe seiner Zukunft sehr besorgt bin . Ich wollte , wir hätten ihn erst wieder bei uns , denn die Einsamkeit in Plessen , wohin er mit Felix gegangen ist , taugt ihm in seiner Stimmung gar nicht . Therese hatte während der Erzählung ihres Bruders mehrmals die Farbe gewechselt ; als er geendet , fragte sie leise : Und er kehrt dennoch wieder ? Beunruhigt Dich das ? fragte der Präsident . Da warf sich Therese an des Bruders Brust , ohne zu antworten , aber große , schwere Thränen fielen aus ihren Augen , als Julian sie fest an sich drückte und mit großer Zärtlichkeit sagte : Ach ! arme Schwester ! blutet die alte Wunde noch ? - Er lehnte ihren Kopf an seine Brust , strich ihr , wie einem Kinde , schmeichelnd mit der Hand über das Haar und schien fast eben so bewegt zu sein , als sie . Eine Weile schwiegen Beide , dann sagte der Präsident , als Therese sich emporrichtete und die Augen trocknete , während sie zu lächeln versuchte : Im Frauenherzen ist die wahre Liebe doch eine unverwelkliche Blüthe . Gänzliche Hoffnungslosigkeit hemmt für den Augenblick wohl ihren Wuchs , aber sie vermag sie nicht zu ertödten , und bei dem geringsten Strahl von Hoffnung schießt sie mächtig wieder empor , und hätte sie noch so lange im Winterschlafe gelegen . Du warst so heiter geworden , Beste , ich glaubte Dich längst von dieser Liebe geheilt , die Dich bewog , früher alle Bewerbungen um Deine Hand abzulehnen . Es schien mir , als sähest Du Alfred jetzt ruhig wieder , als hätte sich ein schönes , freundliches Verhältniß zwischen Euch gebildet . Aber Alfred ' s leidenschaftliche Unruhe , Deine heißen Thränen verrathen mir das Gegentheil . Was ist denn vorgegangen zwischen Euch ? Wie steht Ihr mit einander ? Sie erzählte und berichtete ihm treu . Er hörte ihr mit gespannter Aufmerksamkeit zu . Als sie geendet hatte , fragte er : Und wie willst Du , daß wir es halten , wenn Alfred wiederkehrt ? Ich möchte , daß es bliebe wie bisher , lieber Bruder , antwortete sie ihm . Ich traue mir die Kraft zu , äußerlich ruhig und fest zu bleiben . Alfred weiß es ja nicht , daß mein ganzes Dasein ihm gehört hat , von meiner frühesten Jugend an , und wenn ich damals den Muth gehabt habe , mich niemals zu verrathen , so hoffe ich , mir auch jetzt getreu zu bleiben . Und traust Du auch Alfred die nöthige Ruhe zu ? Ihr Frauen , gewohnt , Euch zu beherrschen , zu dulden , bezwingt Euch leichter als der Mann , der sich die Verhältnisse zu schaffen verlangt . Wozu soll es führen , wenn Ihr Euch täglich begegnet , wenn eine Liebe tief und immer tiefer wurzelt , die keine Zukunft hat ? Julian , sagte Therese , laß mich einmal Deiner Lehre vom Genuß des Augenblickes folgen ! Laß mich Alfred ' s Gegenwart genießen ! Wer weiß , wie bald das Leben uns trennt ! Jahre lang habe ich ruhig und glücklich im Andenken der Vergangenheit gelebt , habe mich gefreut , wenn ich ihn in jedem seiner Werke größer und herrlicher wiederfand ; habe einen frohen Tag gehabt , wenn die Zeitungen nur seinen Namen nannten . Das ist aber doch ein sehr trauriges Glück ! unterbrach sie der Bruder . Nicht traurig für ein Frauenherz , antwortete sie , nicht traurig für mich ; glaube mir das , mein Bruder ! Ich hatte Dich , ich hatte das Andenken an ihn , ich war zufrieden und ganz ausgefüllt ; ich werde es wieder , werde wieder ganz heiter sein , wenn Alfred einmal von uns scheidet . So lange er aber bei uns bleibt , so lange er bleiben will , gönne mir die Freude , ihn zu sehen , es wird mir Glück für viele , viele Jahre sein . Willst Du mir das gestatten , Bruder ? bat sie . Glaube mir , ich werde ruhiger sein , wenn ich ihn wiedersehe . Der Präsident versuchte noch Einwendungen zu machen , da er seiner Schwester den Schmerz zu ersparen wünschte , aber ihre Bitten und Gegenvorstellungen besiegten ihn . Er gab nach und wollte sich entfernen , als ihm Therese berichtete , was zwischen ihr und Theophil vorgefallen war . Theophil ist ein Thor , sagte der Präsident . Er kann ohne Leiden nicht leben und es hilft nichts , wenn Du ihm klar machst , daß er sich seine Neigung für Dich nur einbilde , was ich selbst glaube . Es ist ein Bedürfniß nach Gefühlserregungen in ihm . Das Leben gesund und froh zu genießen , ist er zu schwach ; da macht er sich denn ein Liebesleid zurecht , das er betrauern , über das er seufzen kann , und das ihm nach seiner Meinung ein Recht gibt , unglücklich zu sein und müssig das Leben zu verträumen . Du könntest ihm keinen bessern Dienst erweisen , als wenn Du seine Liebe erhörtest . Thätest Du ihm den Gefallen , so würde er bald einsehen , daß er nicht für Dich paßt , daß er Dir auf die Länge geistig nicht genügt , und eine neue Quelle des Kummers würde glücklich für ihn gefunden sein . Ich kenne solcher Menschen mehr . Du beurtheilst ihn zu streng , meinte Therese . Du siehst wohl , daß ich in gewisser Art Deine Ansicht theile , aber - Aber , fiel ihr der Präsident lächelnd ein , Du kannst Niemand gram sein , Niemand verdammen , der Dich zu lieben behauptet . Das ist in der Ordnung und Du wärst keine Frau , wenn Du es könntest . Sieh zu , was Du mit dem blonden Schäfer anfängst , die Sache überlasse ich Dir ; was Du thust , wird gewiß das Rechte sein . Ich meinte , sagte Therese , ob es nicht gerade jetzt an der Zeit wäre , daß ich mich bereit erklärte , Agnes zu uns in das Haus zu nehmen . Wie wir Theophil kennen , ist es gewiß nicht rathsam , wenn wir ihn schnell zu entfernen suchen . Das gäbe ihm Stoff für seine Melancholie und wir wollen ja ihm und seinen Eltern so gern nützen . Aber das häufige Alleinsein mit ihm ist mir nach dem letzten Vorgange doch nicht angenehm , und darüber würde die Gegenwart von Agnes mir forthelfen . Gewiß ! und sie würde Dich zerstreuen , Dir Beschäftigung geben , sprach Julian ; so schreibe denn , daß die Kleine je früher je besser komme und daß wir uns freuen würden , sie bei uns zu sehen . III Alfred hatte seine nöthigsten Geschäfte kaum geordnet , als er in die Stadt zurückeilte . Er verlangte Therese wiederzusehen und doch bangte ihm davor . Und in ähnlicher Weise empfand auch sie selbst , seit sie von seiner Ankunft unterrichtet war . Mit Herzklopfen blickte sie nach der Thüre , so oft die Hausklingel ertönte . Endlich , es war an einem stürmischen Abende , trat er bei ihr ein , er brachte seinen Knaben mit sich . Das gab Theresen Augenblicks die Haltung , deren sie bedurfte . Mein Sohn ! sagte er , ihr den Knaben zuführend , der sie zuversichtlich mit seinen großen , dunkeln Augen ansah . Sie umarmte den schönen Knaben zärtlich , aber während sie eifrig mit ihm beschäftigt war , ihn um seine Reise und um andre Dinge befragte , saß sein Vater ernst und schweigend in sich versunken neben ihnen . Therese fand ihn in den wenigen Wochen , die er von ihr entfernt gewesen war , merklich verändert . Er sah bleich aus und ein düsterer Zug hatte sich auf seine freie Stirne gelagert . Endlich erwachte er aus seinem Sinnen , reichte der Geliebten die Hand und sagte : Ich habe in dem Drang des schmerzlichen Augenblickes kaum zu empfinden gewagt , daß im Wiedersehen Freude liegt . Mich bewegt Ihre Güte für Felix ; wie wenig ahnt er , welche Opfer ich ihm bringe ! Aber er ist sie werth , und er wird Sie einst reich belohnen ! fiel sie schnell ihm in das Wort . Dies edle Gesicht verspricht eine schöne Zukunft . Bauen Sie darauf und lassen Sie mich Theil daran haben , so weit es möglich ist . Schicken Sie ihn mir - - Der Vater hat gesagt , fiel der Knabe ein , er würde mich oft mitnehmen zu Dir , liebe Tante ! und wenn ich den Weg erst einmal am Tage gemacht habe , so finde ich ihn allein und man braucht mich nicht zu schicken . Die Mutter wollte immer , daß ein Diener mit mir ginge , aber der Vater sagt , das sei nicht nöthig , ich sei ein großer Mensch , ich könne allein gehen und ich gehe auch lieber allein . Aber allein reiten darf ich nicht - hast Du auch Pferde ? Nein , Felix ! antwortete sie , aber schöne Blumen habe ich und schöne Bilder , und ich weiß allenfalls auch Geschichten für Dich , wenn Du sie magst . Erzähle mir eine ! jetzt gleich ! bat er dringend . Der Vater sagte , das sei für den Augenblick unmöglich . So hole mir Deine Bilder ! schlug Felix vor und Therese entfernte sich , ihm seinen Willen zu thun . Als sie mit Mappen und Büchern wiederkehrte , beeilte sich Alfred , dieselben auf einem Tische zurecht zu legen , der in einem Nebenzimmer stand , so jedoch , daß man ihn von dem Sopha der Wohnstube übersehen konnte . Der Knabe sprang fröhlich dorthin , hatte sich bald in den Bilderreichthum vertieft und beachtete es nicht , daß sein Vater Therese aufforderte , mit ihm in das andere Zimmer zurückzukehren und den Knaben sich selbst zu überlassen . Eine Weile saßen die Beiden sich schweigend gegenüber . Therese beschäftigte sich anscheinend fleißig mit einer Stickerei , die sie in ihren Händen hielt , und Alfred sah ihr so gespannt zu , als ob er die Kunstgriffe der Arbeit von ihr lernen wollte . Dies Schweigen wurde ihr je länger , je peinlicher , und sie kämpfte mit sich es zu überwinden . Sie rang nach einem Gedanken , nach einer gleichgültigen Frage zuletzt , mit der sie die Stille unterbrechen konnte , aber vergebens . Ein herbes Leid preßte ihr Herz zusammen , sie fand nichts in sich , als einen bittern Schmerz , dem sie keine Worte geben durfte . Es war ihr , als müsse der erste Laut von ihren Lippen ein Aufschrei sein , und doch wollte sie gern zuerst die Unterhaltung beginnen , weil sie vor demjenigen bangte , was Alfred ihr zu sagen hatte . Endlich war er es dennoch , der das Schweigen brach . Therese ! sagte er mit gepreßter Stimme , bei Allem , was uns heilig ist , beschwöre ich Sie , sitzen Sie mir nicht so kalt , so fremd gegenüber ! Sprechen Sie mit mir , sagen Sie mir , daß Sie meinen Entschluß verdammen , daß Sie die Stunde beklagen , die uns wieder zusammenführte , nur sprechen Sie mit mir . Ach , wenn Sie wüßten , was ich erlitten habe , was ich leide , und wie glücklich ich bin , Sie wiederzusehen ! Sie reichte ihm die Hand , die er fest in den seinen drückte , aber zu antworten vermochte sie noch nicht . Es entstand eine neue Pause , bis Alfred fest die Frage aufwarf : Und was soll jetzt aus uns werden ? Da nahm sich Therese gewaltsam zusammen , und mit klarer fester Stimme , ohne irgend ein Zeichen von Bewegung , sagte sie : Sie sollen nach wie vor mein theurer , mein werthester Freund bleiben , lieber Alfred ! Sie sollen vergessen , daß Sie ein paar Tage lang mehr in mir gesehen haben , als eine Freundin , die Sie von Herzen bewundert , Ihnen von Jugend an ergeben war und Sie jetzt doppelt und dreifach verehrt , weil Sie Ihre Pflicht thun . Stören Sie das schöne Bild nicht , Alfred , das ich von Ihnen habe . Sie thäten mir zu wehe damit . Er sah sie ernst und prüfend an , aber keine Miene ihres Gesichtes bekundete das Opfer , das sie in diesem Augenblicke brachte , und so sehr er nach einem Zeichen spähte , das ihm verrathen hätte , sie wolle ihn großmüthig über ihren Schmerz täuschen , er konnte keines entdecken . Dennoch mistraute er ihrer Ruhe , weil ihre leidenschaftliche Erregung vorher ganz unverkennbar gewesen war . Täuschen Sie sich , oder wollen Sie mich täuschen über ihr Gefühl ? fragte er sie . Menschen , wie wir Beide , haben Kraft zu leiden und gehen nicht unter , ich weiß das wie Sie . Ich habe entsagt und ich will vollenden , was ich über mich genommen habe ; aber lassen Sie mich als ein Pfand des Glückes den Glauben in meine öde Zukunft hinübernehmen , daß ich Ihnen theuer war . Sagen Sie mir nur einmal , daß Sie mich lieben , und dann fordern Sie von mir , was Sie wollen . Mein Freund ! antwortete sie , wie traurig wäre es , wenn ich wie Sie empfände ? Wir müßten uns trennen ohne Hoffnung , uns wiedersehen zu dürfen . Sie haben mir manchmal den Vorwurf gemacht , ich sei kalt , ich sei keiner Leidenschaft fähig . Ich glaube es selbst . Ich halte mich für eine jener Naturen , die mehr für die Freundschaft , als für die Liebe geschaffen sind . Ich wäre untröstlich , müßte ich Sie verlieren ; ich bin ganz befriedigt , wenn Sie mir , wenn Sie uns bleiben . Rauben Sie mir dies Glück nicht durch Forderungen , die ich nicht gewähren , durch Geständnisse , die ich nicht ewidern kann . Er war bestürzt . Theresen ' s Selbstbeherrschung täuschte ihn und war ihm schmerzlich , denn er ward irre an ihr und an sich selbst . Konnte er sich so sehr über ihre Gefühle verblendet haben ? War es nur der lebhafte Wunsch , ihre Liebe zu besitzen , der ihn zu dem Glauben verleitet hatte , daß sie seine Neigung theile und erwidere ? Sie hatte ihm allerdings niemals ein Wort gesagt , das ihn zu Hoffnungen berechtigen konnte , Sollte er sich wirklich betrogen haben ? oder sollte sie ihn dennoch täuschen ? Das Erstere zu glauben , fiel ihm schwer , das Letztere unmöglich , denn er kannte Therese als eine durchaus wahrhafte Natur . Quälende Zweifel rangen in seiner Seele , und eben wollte er die Geliebte nochmals dringend um Wahrheit beschwören , als Felix mit einem großen Buche herbeikam und von dem Vater Aufschluß über die Bedeutung eines Bildes verlangte . Es stellt Luther dar vor der Reichsversammlung zu Worms , erläuterte Alfred und erzählte dem Sohne kurz , was ihm zur Erklärung nöthig war . Luther wußte , sagte Alfred , daß ihm sein Geständniß das Leben oder die Freiheit kosten könne ; doch zögerte er nicht , die Wahrheit zu sagen , denn die Wahrheit ist das Heiligste in der Welt . Er ist abgebildet , wie er vor dem Kaiser , vor den Fürsten und den Cardinälen die unsterblichen Worte ausrief : » Hier stehe ich , ich kann nicht anders , Gott helfe mir , Amen ! « Der Knabe hörte ernsthaft zu . Hast Du niemals eine Unwahrheit gesagt , lieber Vater ? fragte er dann . Ich hoffe , daß ich es nie wissentlich gethan habe , antwortete der Vater . Und du , Tante ? fragte Felix weiter . Ich habe mich immer bestrebt , das Rechte zu thun ; sagte Therese . Dann hast Du gewiß nie eine Unwahrheit gesagt , meinte Felix . Aber die Wahrheit verhehlen , ist auch Sünde , rief Alfred mit Bedeutung , und schwere Sünde , wenn das Lebensglück eines Andern daran hängt , der gewohnt ist , unsern Worten zu glauben , der darauf sein Leben , seine Zukunft baut ! Der Knabe sah den Vater befremdet an , weil er ihn nicht verstand . Therese schwieg , Alfred befahl seinem Sohne der Tante Lebewohl zu sagen , und wollte sich entfernen . Noch in der Thüre wendete er sich um , noch einmal sagte er Theresen gute Nacht und zögerte , so lange er konnte ; denn immer noch hoffte er , sie werde ihm ein Wort , ein Zeichen geben , das ihm verrathe , sie liebe ihn wie er sie liebte . Aber Therese blieb freundlich wie immer und sagte , als er sich endlich von ihr trennte , so ruhig ihr » Auf Wiedersehen , lieber Reichenbach ! « daß er davor erschrak . Kaum aber hörte sie seine Tritte nicht mehr , als sie sich verzweifelnd in die Kissen des Sophas warf . Ich konnte nicht anders , Gott helfe mir , Amen ! rief sie aus und unaufhaltsam strömten ihre Thränen . Sie , die so ernst nach Wahrheit strebte