so drohenden Gefahr entgegentreten zu sehen . Endlich fiel ihr ein , Otto zu benachrichtigen , ihm einen Expressen zu senden . Im Begriff , einige Zeilen aufzusetzen , um ihn nach Bern zu berufen , überfiel sie ein neues Schwanken . Würde er zeitig genug kommen ? Sie stand noch unschlüssig am Schreibtische , als Duguet meldete , daß der alte Herr Professor im Salon sei . Wer ist noch drüben ? fragte sie mechanisch . Die beiden jungen Damen und Herr Gotthard . Gottlob ! Heute gedenkt er also nichts in der unseligen Sache zu unternehmen ! sagte sie zu sich selbst . Drüben war Alles heiter . Der alte Professor erzählte und neckte die Mädchen ; Gotthard war gesprächig , aufmerksam und freundlich ; die vorhergegangene Stunde trat weit zurück und barg sich hinter ihre Schwestern ; in der Gegenwart schien Alles behaglich . Im Kamin knisterte die auflodernde Holzflamme , auf dem Tische standen schon Frühlingsblüten . Der Professor machte Vrenely eine emphatische Beschreibung Basels ; Paris und London fielen ganz daneben weg . Gotthard war zum ersten Male gesellig-liebenswürdig , er entfaltete ein hinreißend komisches Talent , sowol im Vortrag einiger Reiseabenteuer , als in Darstellung der darin vorkommenden einzelnen Persönlichkeiten . Er und der Professor warfen einander das Gespräch zu , wie einen bunten Spielball ; Leontine und Vrenely bildeten ein höchst dankbares Publicum . Zum Glück kam niemand Fremdes ; die Zeit verging Allen ungewöhnlich rasch und man trennte sich spät . Erst auf ihrem einsamen Stübchen fiel Annen die Möglichkeit bei , daß Gotthard sie absichtlich sorglos gemacht habe , daß seine Neigung ihr ein Opfer gebracht . Sie flog an ' s Fenster ; drüben brannte , wie allabendlich , seine stille Studirlampe . Aber die sorgende Liebe hat Argusaugen ! Anna kannte gewisse Bewegungen am Schatten , wenn Gotthard ein Buch vom Schreibtischregal herunterlangte , oder einen beschriebenen Bogen weglegte ; sie wußte genau die Zeit , wo der Docht trüber zu brennen begann und er Oel zugießen mußte . Sie erwartete den Schatten seiner Gestalt ; es regte sich nichts . Mit immer gespannterer Aufmerksamkeit lauschte sie hinüber , Stunde um Stunde verging in langsam tönenden Vierteln ; mit der wachsenden Angst steigerte sich die Ueberzeugung , daß auch die brennende Lampe zurückgelassen worden sei , um sie zu täuschen , zu beruhigen , und daß er nicht mehr da sei . Aber wo war er ? Großer Gott ! vielleicht war schon Alles verloren ! wußte sie es denn ? Leise öffnete sie ihre Thüre , dichte Finsterniß umhüllte das ganze Haus , sie schlich hinaus über den Flur ; sie war sich selbst nicht bewußt , was sie eigentlich wollte . Vor Allem horchen , ob der Fremde fort sei , ob Gotthard bei ihm in der Bodenkammer , wo er versteckt sein sollte . Die Thüre , welche die von ihr bewohnte Etage von den Uebrigen trennte , war abgeschlossen ; ohne Sophien zu klingeln , konnte sie nicht hinaus . Trostlos kehrte sie zurück , warf sich am Fenster auf einem Fußschemel in die Knie und starrte , die Hände krampfhaft gefaltet , wieder hinüber . Die Lampe war düster geworden und jetzt nahe am Verlöschen ; kein Laut drang durch die öde Nacht , Todesstille überall . Es ward eiskalt im Zimmer , Anna erstarrte nach und nach ganz ; alles Leben zog sich in das glühende , wachende , wartende Auge , das ihr wie eine Kohle in der Stirn brannte . Plötzlich flammte drüben eine strahlende Helle auf , die Vorhänge wurden mit gewaltiger Hand auseinander gerissen . Er war ' s ! Er stand mit dem Lichte in der Hand am Fenster , winkte grüßend , trat einen Schritt zurück , deutete mit der Hand rückwärts , als ob jener fort sei ; er sah erhitzt , aber kräftig und glücklich aus . Nur wenige Secunden dauerte das alles , dann sank der Vorhang abermals und tiefes Dunkel verschlang das ganze Bild . Aber wer vermöchte die blendende Sonne des Glücks in Annens Seele zu beschreiben ! Er war gerettet - und das Werk vollbracht . Es war spät am Morgen , als Sophie die Rouleaux aufzog . Anna hatte sich erst niedergelegt , als der Tag sie , immer noch auf ihrem Fauteuil sitzend , überraschte ; sie war wie nach einem langen Schlafe frisch und klar . Mon Dieu , qu ' elle est belle ! dachte still Sophie , indem sie ihr beim Anziehen behilflich war ; eine laute Bemerkung wagte sie nicht . Nun war sie fertig . Annens Schritt hatte die Elasticität der frühesten Jugend wieder , Augen und Wangen glänzten wie nie zuvor ; es sprach sich ein Gefühl einer so ganz überwältigenden Freude in jeder Bewegung aus , daß man sie fast fragen mußte , was ihr denn Glückliches begegnet ? Madame müssen etwas recht Schönes geträumt haben , sagte endlich lächelnd die alte Sophie . Etwas Wunderschönes , ma bonne , erwiderte Anna . Sie weiß noch nicht , daß er glücklich fort ist , dachte sie mit heimlichem Jubel . Nach beendigter Morgentoilette begann sie nachzusinnen , wie sie die Details der Flucht des Fremden erhalten könne . Sie hatte eine ernste Scheu vor Gotthard , die aus der tiefen Achtung entsprang , die sie für ihn hegte . Er wird nicht kommen , sagte sie zu sich , denn nöthig ist es nicht . Da lag das Paquet mit seinen Schriften noch auf ihrem Schreibtische ; sie verschloß es sorgsam , um - nur etwas zu thun . Leontine kam immer noch nicht ; ihr mußte doch anzumerken sein , welcher Stein vom Herzen ihr die Flucht des Fremden sei . Fast eine Stunde über die gewöhnliche Zeit war vergangen und noch immer war sie nicht da . Jetzt hörte Anna einen leisen Schritt auf dem Corridor , unwillkürlich lief sie Leontinen entgegen , öffnete ihre Zimmerthür und - Kronberg schloß sie herzlich und leise lachend in die Arme . Wie bestellt , sagte er . Still ! ich wollte dich überraschen und zuerst allein sehen . Ich habe mir einen schändlichen Klepper gemiethet , den ich nicht zugeritten , Kind ! und bin vom letzten Städtchen aus geritten . Josephine folgt mir in ein paar Stunden mit dem Wagen und der Dienerschaft ; du wirst sie schon Alle unterbringen . Aber erst muß ich dich sprechen . Er zog sie auf ' s Sopha . Wie schön du bist , Anna ! Wie gut dir dieser Aufenthalt bekommen ist , bei Gott ! schöner als vor unserer Hochzeit ! Sie erröthete . O , Kind ! es ist kein Kompliment , und wir kommen auch wol nicht mit einander in ' s Gerede . - Aber die Zeit drängt ! Er stand auf und schloß die Thür ab . Liebe Anna ! es sind hier im Hause entsetzliche Dinge geschehen ; Leontine hat in ihrem überschwenglichen Leichtsinn wieder eine unglücklich überspannte Liaison angeknüpft . Leontine ? Eine Liaison ? Unmöglich ! Doch , doch ! erwiderte er , und zwar mit einem Abenteurer , der ihr hieher gefolgt ist , ja sogar gewagt hat , ihr zu schreiben und bis zu ihr in unser Haus zu dringen . Roderich ! laß mich - Ich fürchte , das wilde Mädchen macht irgend eine irreparable Sottise . Ich habe noch nicht einmal ergründen können , ob der junge Herr von Stande ist . Jedenfalls kann ich die Last nicht übernehmen , sie zu hüten , und habe die Mutter überredet , mich nach Bern zu begleiten , um sie wieder mitzunehmen . Ohnedies werden wir jetzt die Schweiz verlassen , j ' accepte vos félicitations , Madame ! wir sind Gesandter in Wien geworden ! Bis jetzt hatte Anna ihre Fassung behalten , sie war durch jedes Wort , das die Möglichkeit einer noch weit verwickelteren Angelegenheit , als Kronberg zu ahnen schien , andeutete , zu überrascht , um eine Unvorsichtigkeit zu begehen . Noch mehr , fuhr Kronberg fort , während ihn die wirklich in dieser Aufregung strahlende Schönheit seiner Frau immer wärmer für sie stimmte , du wirst dich darum kränken ! Er zog sie näher zu sich und küßte sie im Weitersprechen . Du bist so arglos , - deine närrische alte Madame Sophie hat auch mit debauchirt und will sich ihren Pelz verdienen . Großer Gott ! das trifft wieder zu , dachte Anna , eine sich steigernde Angst begann in ihren Zügen sich zu malen . Ich glaube , sprach Kronberg weiter , ohne es zu beachten , es war auf eine Entführung abgesehen . Aber um ' s Himmels willen , Kronberg ! wie kommst du dazu , alle diese Details zu wissen ? brach endlich Anna ihr Schweigen , während ich hier - Duguet hat mir geschrieben . Und seine eigne Frau angeklagt ? Anna , sagte Kronberg stolz , er hat die Ehre der Tochter seines verstorbenen Herrn gerettet . Willst du das gütigst nicht so ganz aus den Augen verlieren ! Die Welt lebt nicht von Romantik ! Doch , nun muß ich Leontinen sprechen ; am sichersten gleich hier , ehe ihre Mutter ankommt . Bleibe ruhig , auch wenn ich etwas ernst mit ihr rede ! Er ging an die Thüre , schob den Riegel zurück und war im Begriff , zu klingeln , als Leontine und hinter ihr Sophie eintraten . Leontine sah sehr übel aus , sie schien geweint zu haben und vermochte ihrer Ueberraschung , Kronberg zu sehen , keinen warmen Anstrich der Freude zu geben . Leontine ! sprach Kronberg streng , du hast uns , mich und Anna , auf eine höchst schmerzliche und leichtsinnige Weise verletzt ! Onkel ! - erwiderte sie , wo möglich noch stolzer als er , indem sie sich hoch aufrichtete und eine kalt gemessene Haltung annahm , die , eben so fern von Trotz als Demuth , nur die anerzogene Sicherheit ihres Standes verrieth - da Sie sich unaufgefordert in ein Geheimniß gedrängt haben , das Sie nicht betrifft , ist es nicht meine Schuld , wenn Sie durch diesen Schritt sich compromittiren . Meine Handlungsweise war keineswegs durch meinen Leichtsinn bedingt , wie Sie zu sagen belieben , sondern durch eine alles Andere überwiegende Pflicht . Ueberdem konnte ich nicht ahnen , daß Sie so schnell zurückkehren würden , und da ich außer Sophien keinen andern Vertrauten hatte , blieben Sie , auch im schlimmsten Falle , außer Verdacht . Verdacht ? fuhr Kronberg , an allen Gliedern bebend , auf . Ein Kronberg in Verdacht ? Bist du rasend , Mädchen ? Desto besser , wenn mich die Sorge um Sie übertreiben macht ; so ist aber diese Scene um so überflüssiger . Auf welche Weise Sie zum Mitwisser dieser traurigen Angelegenheit geworden - Verdacht ! wiederholte , noch innerlich das Wort anstarrend , der Graf . Leontine , du wirst die Güte haben , mir den Namen des Elenden zu nennen , der , wie ich zu ahnen beginne , deine Unerfahrenheit auf eine furchtbare Weise misbraucht hat . Wer ist ' s ? Er war ganz nahe an sie herangetreten und hatte ihren Arm fest , aber nicht heftig ergriffen , indem er sie mit durchbohrenden Blicken maß . Wer kann durch einen Schimmer von Verdacht meine Ehre beflecken ? Sprich ! - Oder ziehst du vor , daß ich Sophien , deine einzige Vertraute , um die wir vielleicht nicht ganz verdient , wie sie an uns gehandelt - daß ich Sophien zwinge , mir den Namen zu nennen ? Sophie stand leichenblaß im Fenster ; große dicke Thränen rollten über ihr Gesicht ; sie ließ den Angriff schweigend über sich ergehen . Nur nach Annen wandte sich zuweilen ihr bittender , trauriger Blick . Onkel ! rief Leontine , zornig erglühend , höchstens hat meine Mutter ein Recht zu dieser Frage , Sie haben es nicht ! Er hat - durch welche großmüthige Hülfe , ist mir selbst noch ein Räthsel - in der vorigen Nacht Ihr Haus und die Stadt verlassen . In der Nacht ? Mein Haus ? Großer Gott ! so weit hast du dich vergessen ! Nein , nein ! das ist nicht möglich ! Die Tochter einer Kronberg kann ja nicht handeln wie eine Dirne ! Den Namen , Unglückselige ! den Namen ! - Und wenn Sie ihn wissen werden , Oheim ! sagte sie , indem sie fest und äußerlich ruhig die Arme kreuzte , sind Sie darum in irgend etwas gebessert ? Im Gegentheil , der Klang , der bloße Klang desselben macht Sie zum Mitschuldigen . Also doch ! ächzte Anna , die bisher vergebens versucht hatte , den Grafen durch leise Worte und bittende Geberden in etwas zu beschwichtigen . Der Name ! wiederholte Kronberg , zitternd vor Wuth und in convulsivischer Bewegung kaum noch des Tons seiner Stimme mächtig , und hingen Leben und Ehre daran - Jean Carlo di Viatti , sagte sie ernst , fast leise . Großer Gott ! schrie Kronberg auf , der berüchtigte Carbonari , den die Cabinete verfolgen lassen , den Adjutanten des Marchese Viatti ? Der Graf sank auf einen Stuhl , seine Kraft war gebrochen . O , mein Freund , fasse dich ! Theurer Roderich ! sagte Anna , ihn liebevoll umschlingend , das Geheimniß ist ja treu bewahrt , er ist in der letzt verwichenen Nacht entflohen und hat Bern bereits verlassen ! Wie , Anna ? Anna , du wußtest es ? Also ist ' s Gotthard , der ihn gerettet ! rief Leontine . Gotthard ? wiederholte der Graf , in höchster Entrüstung von seinem Sessel aufspringend . Gotthard ? Er stieß Annen wüthend von sich . Weiber ! Weiber ! - Mein Gott , mein Kopf ! Ihr macht mich verrückt ! - Was ist denn das wieder ? Ist es denn möglich ? denkbar ? - Anna , du , du wußtest darum , und gabst mich und meine Ehre in die Hände eines Hofmeisters - eines Dieners unseres Hauses ? Nein , nein - Onkel ! schrie Leontine , mit ungeheurer Gewalt alle ihre Kräfte zusammenraffend - bei Allem , was mir heilig ist , schwöre ich Ihnen , sie wußte es nicht ! - Die Hauptsache weiß sie noch nicht - - und auch Ihre Diplomatenehre ist unbefleckt . Daß ich aber jetzt - o könnte ich ' s noch in dieser Stunde ! - Ihr Haus verlassen muß , ist klar . Wahrscheinlich haben Sie einen Gesandtenposten , vielleicht wäre sogar jetzt Ihre Pflicht , Jean Carlo zu verfolgen . Ich sehe die Nothwendigkeit ein , sogleich zu meiner Mutter zurückzukehren . Eben fuhr Josephinens Wagen in den Hof ; Niemand achtete auf das laute Blasen des Postillons ; Niemand gedachte ihrer Ankunft . Kronberg war wie vernichtet . Aber , wiederholte er in trostloser Niedergeschlagenheit , ist es denn denkbar ? Was ist dir denn der Unglückliche , daß du ihm - ihm uns Alle opferst ? - daß du deine und meiner Familie Ehre vergißt , um eines Abenteurers willen , dem du am Ende von acht Tagen vielleicht um einen neuen Liebhaber vergessen haben wirst ! Um eines Geächteten willen , der keines besseren Geschicks werth , eine niedrige Intrigue ausgesponnen , um - - Halt ! halt ! Kronberg ! rief erbleichend Leontine . Kein Wort , keinen Hauch gegen seine Ehre ! Er ist - Um Gottes willen ! was denn , liebe , liebe Leontine ! fragte Anna , unter tausend Thränen . Mein Mann ! sagte tonlos Leontine und fiel halb ohnmächtig ihr in die Arme . Eben trat Josephine , von Duguet geleitet , in ' s Zimmer . Zweiter Theil 1822 Ungefähr anderthalb Jahre vor den eben mitgetheilten Ereignissen , saßen einige junge Damen in der Eremitage auf dem Wege , der nach dem alten Schlosse von Baden-Baden führt , und sahen von weitem die im Grünen umherwandelnden Brunnengäste vorüberziehen . Wer kennt nicht , wenigstens dem Ruf und Namen nach , das freundliche vom Schwarzwald umfriedete Thal mit seinem stillen Reiz , seiner milden Luft und seinen in weiter Ferne verblauenden Vogesen ! Schon hier zu athmen , ist der kranken Brust eine Wohlthat . Die jungen , in der Einsiedelei versammelten Plauderinnen aber waren alle gesund ; sie schalten die Stille der Saison , die Einsamkeit der Gassen , den Mangel an einem wahrhaft geselligen Verkehr und wollten die Schönheit der Umgebung nicht als Ersatz dafür anerkennen . Und allerdings hat in Baden-Baden die Natur eine so verlockend-süße Sirenenstimme , daß es schwer fällt , ihr zu widerstehen , und sie das eigentliche Salontreiben Tages hindurch fast unmöglich macht , es hat sich in das Dunkel der hier schon früh und schnell einbrechenden Nacht geflüchtet , in welcher aber leider der grüne Tisch nicht nur die grüne Aue , sondern sogar die blumen- oder schmetterlingsartigen Tänzerinnen verdrängt und das Spiel nicht selten allen Zauber der Jugend und Schönheit überbietet . Du hast gar nicht zu klagen , Leontine , sagte eine kleine niedliche Majorsfrau , du hast den interessantesten Brunnengast der ganzen Saison auf deinem Hausflur . Bis jetzt sind wir aber in dieser Bekanntschaft noch nicht weiter als zum ehrfurchtsvollen Gruß , lachte diese . Ist denn die schöne , schwermüthige Dame , mit welcher er immer geht , seine Gemahlin ? Meint ihr den Polen mit dem unaussprechlichen Namen ? fragte eine Dritte . Leontine , so rede doch ! Du mußt doch etwas von deinen mysteriösen Nachbarn wissen ! riefen die Andern . Ich weiß gar nichts . Alle Morgen begegne ich Beiden auf dem Wege zur Promenade , wo es eben bei besagter ehrerbietiger und meinerseits höflicher Verbeugung bleibt . C ' est tout ? fragte die hübsche Fürstin L .... C ' est tout ! erwiderte gravitätisch betheuernd Leontine . Mais non , pardon ! die junge schwarze Dame ist nicht seine Frau , sondern seine Schwester . Mein Onkel , fuhr die Fürstin fort , behauptet , der Curliste zum Trotz , der junge Mann sei gar kein Pole . O ! sagte Gräfin Hohenheim , er hat doch so ganz den polnischen Gesichtsschnitt , und dann den wehmüthig-stolzen Ausdruck um den Mund - Haben Sie ihn einmal polnisch reden hören , Comtesse ? fragte die Zweiflerin . Nein ; er spricht immer französisch mit den Damen , die er am Brunnen kennt , auch mit seiner Schwester . Nun sehen Sie ! Am Ende hat mein Onkel doch recht ? Aber er hat ja einen ganz polnischen Namen - Die kleine Prinzessin sah ungemein welterfahren aus und versicherte : Man kann sich aber auch einen falschen Namen geben ! O ja , wenn man ein Barbiergeselle ist ; aber ein Mann von Stande ! Ich habe ihn einmal gesprochen , meinte Fräulein von Herchentheim ; er machte mir und meiner Cousine Platz , als der König hier durchkam und plötzlich auf der Allee ein großes Gedränge entstand . Er benahm sich sehr höflich und zeigte den besten Ton und Anstand . In der Nähe ist er wirklich sehr schön . - Freilich fällt mir eben ein , daß er auch damals mit seiner Schwester nur französisch sprach . Das mußte er jedenfalls aus Artigkeit Ihretwegen , liebes Fräulein ! sagte die Prinzessin etwas ungeduldig . Ihr Urtheil ist nicht contemporain Ihres Gefallens . Eben schritt der junge Mann , wie gewöhnlich , ernst und schwermüthig vor sich hinstarrend , quer über den lichtensteiner Weg ; die junge Dame an seinem Arme war heute noch bleicher als sonst , sie schien sehr leidend . Er stützte sie auf ' s Sorgsamste und als sich in der Allee ein leichter Abendwind erhob , suchte er erst die Schwester noch dichter in ihren Mantel zu hüllen , und bewog sie dann endlich , und wie man an den lebhaft bittenden Geberden deutlich wahrnehmen konnte , nicht ohne Mühe , mit ihm umzukehren . Er zeigte übrigens dabei eben so viel heftige Ungeduld als Liebe . Es ist kein Pole ! sagte die Prinzessin , und zerpflückte gedankenvoll eine Sternblume . Leontine aber beschloß , noch diesen Abend das Räthsel gelöst zu sehen . Der Zufall verwirklichte den Scherz , doch auf trübere Art , als sie es erwarten konnte . Sie mochte , ihrer Reisegefährtin harrend , die noch auf der Promenade war , ein Stündchen auf ihrem Zimmer zugebracht haben , als sie plötzlich die Klingel ihres Nachbarn drei- , viermal heftig anziehen hörte ; fast in demselben Augenblicke ward drüben eine Stubenthür aufgerissen und sie erkannte seine Stimme , die laut und dringend nach dem Hausmädchen rief . Es lag etwas so Beängstigendes , Heftiges in diesem Ton , daß Leontine , von der ihr eigenen Herzensgüte unwiderstehlich fortgerissen , aufsprang und ihrerseits die Thür nach dem Flur öffnete , um zu sehen , ob ein Unglück geschehen und ob man ihres Beistandes bedürfe . Ein Bild fast wahnsinniger Verzweiflung stand der junge Pole vor ihr ; kaum aber gewahrte er sie , so stürzte er auf sie zu und beschwor sie im reinsten Italienisch , mit den rührendsten Worten ; um Beistand für seine unglückliche Schwester , die nach einem ganz unerwarteten Blutsturz ohnmächtig geworden , und , von dem heftigen Anfall erschöpft , noch bewußtlos , starr , o Gott ! vielleicht sterbend , daliege . Er wolle zum Arzt laufen , die Leidende aber nicht allein zurücklassen . Auf sein Rufen und Klingeln sei Niemand gekommen . Ohne einen Augenblick sich zu besinnen , antwortete ihm Leontine , ebenfalls italienisch , in wenigen tröstenden Worten und eilte zu der Kranken in das offen stehende Zimmer . Eben kamen der Kellner und das Dienstmädchen die Treppe herauf , das heftige Klingeln hatte sie endlich herbeigezogen . Es ward nach dem Arzt geschickt und der junge Mann folgte Leontinen . Fast zugleich näherten sich Beide dem Sopha , auf welchem das schöne Mädchen todtenblaß , einer gebrochenen Blume gleich , noch immer in krampfhafter Erstarrung und regungslos lag . Nach einigen angewandten Hausmitteln erholte sie sich in Leontinens Armen . Der herbeigerufene Arzt fand den Zustand durchaus nicht augenblicklich gefährlich , schien jedoch im Ganzen die Gesundheit der Fremden für sehr schwächlich zu halten . Er verschrieb Arzneien , versprach nach ein paar Stunden wiederzukommen , und empfahl die größte Ruhe , vorzüglich aber jede Gemüthserregung zu meiden . Traurig schüttelte Trzebinski das schöne Haupt . Mit dem Arzt hatte er , wie mit dem Kellner wieder französisch gesprochen ; die Kranke war zu schwach zum Reden . Seltsam , daß er ganz vergessen zu haben schien , daß er Leontinens Hilfe italienisch erbeten . Mit rührender Einfachheit dankte er ihr für die ihm und seiner armen Schwester erwiesene Güte und bat sie , der Leidenden morgen wieder eine Stunde zu gönnen . Jetzt erst bemerkte Leontine , daß , bei aller äußeren Eleganz des Benehmens , wie der äußeren Umgebung der Geschwister , Beide ohne eigne Bedienung waren . Leontine war durch Zufall diesmal nicht mit ihren Eltern in Baden , sie erwartete die Generalin erst in drei Wochen , welche diese mit Geiersperg in Karlsruhe zubrachte . Josephine hatte gewünscht , die geliebte Tochter nach einem fröhlich durchtanzten , sehr ermüdenden Carneval einen etwas längeren Aufenthalt in der stärkenden Luft des schönen Thals genießen zu lassen . So ward es möglich , daß Leontine , die mit der hingebendsten Liebe ihrer Mutter anhing , allmälig in ein Vertrauen sich gezogen fühlte , das sie vielleicht in deren Gegenwart nicht angenommen , jedenfalls aber nie ihr verheimlicht haben würde . Am nächsten Morgen benutzte sie die erste Gelegenheit des Alleinseins , um ihre Nachbarin zu besuchen , Stanislaus saß an deren Lager . Leontine hatte nicht vergessen , daß Herr von Trzebinski , wie der junge Pole sich nannte , im überraschten Schmerz sie italienisch angeredet und schon im ersten Augenblick dieser unbewußten Annäherung dessen trauriges Geheimniß errathen . Das Entbehren aller sie begleitenden Dienerschaft war für Polen von Stande ohnedies so auffallend , daß es ihre Vermuthung zur Gewißheit erhob . Das Willenlose jenes momentanen Vertrauens störte sie nicht , hatte ja doch in jener beängstigenden Qual das tiefste Gefühl seines Herzens sich ihr ausgesprochen ! Gerade in dieser absichtslosen Hingebung lag für sie ein gewisser Reiz . Sie schwieg , bewahrte das Geheimniß mit fast religiöser Treue , während der neckische Dämon ihres unbezwinglichen Humors sie dennoch mitunter zu allerlei verfänglichen Fragen verleitete , die ihm den Schreck eines plötzlichen Erinnerns an seine eigne Unvorsichtigkeit geben sollten . Sie fand Rosalien zwar nicht besser , aber bei vollkommener Besinnung , voller Dankbarkeit und rührender , stiller Resignation . Gern weilte sie ein paar Stunden an deren Lager ; und da das mit Gästen überfüllte Haus die Dienste einer überall in Anspruch genommenen Hausmagd als ganz unzulänglich erscheinen ließen , sandte sie ihr die sehr zuverlässige Babet . Trzebinski sah zu Leontinen auf wie zu einem Schutzengel und kleidete seinen glühenden Dank in alle Farben einer durchaus südlichen Nationalität . Gräfin Werden , in deren Gesellschaft Leontine in Baden war , bemerkte auch heute nicht ihre verspätete Rückkehr . Das Fräulein sagte kein Wort , weder von der Krankheit ihrer jungen Nachbarin , noch von der zufällig angeknüpften Bekanntschaft . In dem Augenblicke war das gänzliche Verschweigen bloßer Uebermuth , aber noch im Laufe des nämlichen Tages fühlte sie vom eigenen Muthwillen sich gefangen und das Besprechen der ganzen Begegnung unmöglich gemacht . Als nämlich die gute Gräfin und deren nächste Bekannten , von der Tarantel der Neugier gestochen , in immer wunderlichkrauseren , immer abenteuerlicheren Vermuthungen über die Fremden sich ausließen , vermochte es Leontine nicht , ruhig zuzuhören , unwillkürlich reizte sie die Damen zu noch tolleren Aeußerungen und Voraussetzungen und hatte sich in ihrer vortrefflichen Laune bald so fest gerannt , daß es ohne gänzlichen Verstoß gegen alle conventionellen Formen nicht mehr ausführbar blieb , die dem Gespräch vorangegangene Bekanntschaft der interessanten Polen einzugestehen . Zum Glück war Gräfin Werden eines jener bevorzugten Wesen , die nur ihren Tag los sein müssen , gleichviel um welchen Preis und in welcher Gesellschaft . Sie ließ Leontinen gewähren . Sie fand in jedem nicht den Curpflichten geweihten Augenblick irgend eine Bekanntschaft zu machen , eine Handarbeit zu besehen , entdeckte einen noch nicht gekannten Laden , einen neuen Spazierweg , eine vorzügliche Kuchensorte , - faute de mieux , sogar eine verarmte Familie , deren Umstände sie sorgfältig erforschen mußte , und alle diese vielen Gründe machten ihr das Zuhausebleiben unmöglich . Enfin je ne suis pas sa gouvernante ! sagte sie , wenn Leontine ablehnte , sie zu begleiten . Auf diese Weise machte es sich ganz von selbst , daß Leontine einen Theil des Tages bei ihren neuen Freunden zubringen konnte , ohne von der Gräfin vermißt zu werden . Stanislaus von Trzebinski - so stand sein Name in der Brunnenliste - hatte sich längst auf seine frühere Unvorsichtigkeit besonnen ; er errieth aber auch Leontinens zartes Bewahren seines traurigen Geheimnisses und wußte es ihr doppelt Dank , da ihm , allgemeine Aeußerungen und Klagen über den gedrückten Zustand seines Vaterlandes abgerechnet , sehr schwer wurde , über Polen zu reden - das er nicht kannte ! Rosalie war ein schwärmerisch-weiches , kaum noch durch die lockersten Bande der Erde angehörendes Wesen . Im Kloster aufgewachsen , kannte sie die Außenwelt gar nicht , aber Religion und Vaterlandsliebe waren in ihrer jungen Seele zu einem Brennpunkt vereint , von dem alle Radien ihres Lebens ausgingen , dem alle Kräfte desselben wieder zuströmten : außer ihnen war das Nichts . Der Norden , so erschien ihr Baden , die kalte Fremde erweckten eine , sie täglich mehr und mehr aufreibende Sehnsucht in ihrer leidenden Brust ; das Gefühl einer unvermeidlichen , vielleicht lebenslänglichen Verbannung von Italien senkte sich , ein langsamer Tod , wie mit schweren dunkeln Flügeln auf ihre Sinne , auf ihr in Heimatsbangen vergehendes junges Herz . Mit jedem Tage nahmen ihre wenigen Kräfte ab . Der Arzt sah sich genöthigt , ihren Zustand als höchst bedenklich zu erklären , und bald reichte weder Leontinens , noch Babet ' s Pflege mehr aus . Zum Glück hatte Badens Heilquell eine der in Köln lebenden barmherzigen Schwestern hergezogen ; Leontine suchte sie auf und die lange Gewöhnung mitleidiger Selbstverleugnung ließ die gute alte Renate ihrer eigenen kaum vollendeten Genesung vergessen , um mit den neu geschenkten Kräften neuen Pflichten sich zu unterziehen . Daß die fromme Alte zwar ein wenig französisch , aber weder italienisch noch polnisch konnte , war ein zufälliger Gewinn , der das Geheimniß der freiwillig Verbannten , Geflüchteten sicherte und ihre Gegenwart nur heilbringend erscheinen ließ . Als Leontine die Schwester Renata zu Rosalien führte , ergriff Stanislaus ihre Hand , ihr Gewand , und drückte sie an seine Lippen ; er war im Begriff , ihr zu Füßen zu sinken . Alles , alles , jeden Trost meiner verödeten , zerrissenen Existenz danke ich Ihnen ! hauchte er bebend . Leontine war , tief erschüttert , zum ersten Male keines erwidernden Lautes fähig ; es gab kein Wort für diese so ganz ungewöhnliche Lage . Gräfin Werden sprach den ganzen Tag von der bedauernswerthen Krankheit der jungen polnischen Dame ; für ihr Leben gern wäre sie hinübergegangen . Leontine sah sich durch immer neue , sich häufende Gründe zu immer sorglicherem Schweigen gezwungen . Wie hätte sie der Gräfin Zudringlichkeit von ihren unglückseligen Freunden abzuwenden vermocht , hätte diese ihre Bekanntschaft mit denselben ahnen können ! Doch keine noch so sorgsame Pflege vermochte es , der armen Rosalie Blütenleben zu fristen . An ihrem Sterbelager , an der stillen ganz prunklosen und doch so selig vertrauenden Frömmigkeit des jungen schönen Mädchens und der hingewelkten alten Nonne