liebend und spottend und lebend und sterbend sein , um Dir dies Leben recht wieder zuzuströmen . Das Haus mitten in den Berg gebaut , aus allen Stockwerken in den Garten , selbst aus dem Keller . Wenige Schritte oben das prächtige Schloß und Eichen und alles . O ich möchte noch einmal närrisch werden , da ich ' s einmal schon bin . Daneben steht am Garten ein hoher , alter Turm , da lassen wir nun eine Treppe hinaufführen , ich bin schon mit einer Leiter hinaufgestiegen ; oben wird ein Zelt aufgeschlagen , und da hängt man wie ein Luftschiffer über Berg und Tal . - Ach ich langweile mich tot , daß Du nicht da bist , Bettine , daß Du nicht da bist all du Frühling , den ich soeben erzählt hab , daß Du alles nicht da bist , was da ist , weil Du mir fehlst , lieb Mädchen . Gott weiß , ich sehe nur alles im Auge , im Genuß derer , die ich liebe , und ohne sie ist die Welt mir eine ausgebrannte Kohle . Aber ich liebe auch Gott und sein Werk und am meisten Dich , Du bist mir sein Absteigquartier . Die Vögel philosophieren in den Lüften , die Frösche weissagen in den Teichen , und ich versuche ihnen nachzusingen und zu quaken , derweile sie ihre Studia absolvieren . - Ach helf mit - wirke auf Deinem Fleckchen , der Welt den Frühling in seiner Fülle in den Schoß zu ergießen , damit das Leben überall sich regt ; sonst kommen Vögel und Frösche bei Euch zu kurz vor lauter Amtsgeschäften . - - Sieh aber nur , so sind die Menschen , so bin ich auch . Gestern und vorgestern hab ich das Vorhergehende geschrieben , da war alles das noch neu und wünschenswert , ich konnte noch nach Dir und nach der Natur begehren . Heute ist es schon ganz anders , ich begehre nur nach Dir , es ist mir , als hätt ich Dich in ewiger Zeit nicht gesehen , und ich empfinde recht deutlich , wie Erinnerung und Sehnsucht einander so ähnlich sind , daß sie sich sogar ergänzen . Und was die Erinnerung nie gewußt hat , das kann die Sehnsucht in Erfahrung bringen und es der Erinnerung überliefern . Daß ich Dich so lebhaft vor mir sehe und in jeder Minute Deiner gedenke , ist doch nur eine Folge davon , daß Dein Bild erst so kurze Zeit deutlich in mir aufgeregt ist durch Deinen Brief , und hätte ich nun seit längerer Zeit nichts von Dir erfahren , so würde mein Sehnen danach der Erinnerung die Rolle abnehmen . Die Nähe hinter und vor uns regt uns gleich stark an . Was wir vergessen , töten wir , wessen wir gedenken , das beleben wir . Was uns vergißt , das tötet uns . Jede Sehnsucht ist Begierde , zu bilden , zu gebären , jede Erinnerung ist eine Wiedergeburt . Wahrhaftig , liebes Kind , ich liebe den Frühling nur , weil ich mit innigerer Rührung Deiner drinnen gedenken mag , weil er das einzige ist , das mir in Momenten Dich würdig ersetzen kann , und er versteht und reflektiert mich doch noch nicht wie Du und kann mich nicht so belehren und erquicken . Aus einer recht herzlichen offenherzigen Liebe kann doch nur allein in der Welt etwas werden , und wenn der Menschen Geist sich nicht recht gewaltig durchdringt und nicht recht muß , so bleibt es eine ewige Lumpenkrämerei und gibt immer Plattheiten . So wie die Elemente sich durchdringen und die Welt bilden und der Geist und die Welt sich durchdringen und den Menschen bilden und der Mensch diese Liebe mit einem freien Blick ansieht , und indem er ihre Notwendigkeit und seine Freiheit in dieser Notwendigkeit betrachtet , den Gott erkennt und anbetet - alles das ist nur eine herzliche Liebe , wo diese Liebe nicht ist , da ist die Dummheit und all das Böse , das uns empört . - Ich kann mich oft recht an dem Gedanken entzücken , daß mir in Dir die Welt , die mir gegenübersteht , die Welt , die ich gern ansehen und lieben mag , ja alles , was des Meinigen auf Erden werden sollte , zum Menschen erschaffen worden ist , der mich wieder aufnimmt in seine Gedanken und sich an meinen Freuden ergötzt ; seitdem kommen alle freundlichen Ideen , die ich denke , zu mir zurück und denken mich wieder ; und was ich anschaue mit Liebe , das schaut mich wieder so an ; seitdem bin ich zur Welt geworden und lebe das Leben , das man mein Leben nennt , das aber des Lebens Leben selber ist . - Ich habe mich oft unterfangen , meine Liebe zu Dir zu meinem eignen Werk zu machen , aber es war ein verkehrter Streich , ich bin das Werk meiner Liebe zu Dir , und nicht diese Liebe mein Werk . - Meine unglückliche frühere Neigung preise ich jetzt hoch , denn ich habe mich dadurch erkennen gelernt , und so kann ich Dich in jeder Minute recht verstehen , und Du brauchst keinen Blick unerwidert in die Welt zu tun ; und alles , was von Dir laut wird , findet einen freundlichen Richter in mir . - Gott will ' s so haben , daß wir uns lieben und einander belehren sollen , ich sehe es in allen Dingen und gebe mich dem offen hin , denn ich will nicht mit der Wahrheit streiten , denn es ist nicht möglich , sich zu trennen von dem , in dem man sich begriffen fühlt ; es ist undenkbar wie alles Resignieren , was immer nur auf sich selbst verzichten heißt . - Es resigniert niemand , so wenig als das Wasser resignieren kann Wasser zu sein , solange es noch Wasser ist . - Und Resignation ist nach meinem Begriff nichts als eine lächerliche Selbstgefälligkeit in einer notwendigen Veränderung unseres Selbst , welche Veränderung durch diese lächerliche Selbstgefälligkeit allein entsteht . - Resignation und Kaprize sind an und für sich dieselben tötenden Feinde des eigentlichen freien und vollen Lebens , das nichts von sich weiß , und das mit einer von beiden zu sterben beginnt . Wenn wir mit Kaprize das Leben festhalten wollen , so resignierte das Leben schon auf uns und ist im Abmarsch . - Wenn wir resignieren , so sind wir im Abmarsch , und das Leben hat die Kaprize , uns nachzulaufen oder nicht , und beides ist eine gegenseitige schlechte Koketterie , bei der man die Zeit verliert . Denn daß wir so oder so leben , ist grade der Beweis , daß wir so leben wollen und sollen , solange wir wollen ; da das Leben die Durchdringung des Geistes und Stoffes ist , in der sich nach ewigen Gesetzen grade die Lebenserscheinung konstalisiert , so ist ' s in allem . Das ganze Leben kehrt in sich selbst zurück , und wo wir schon so in uns selbst zurückgegangen sind , daß wir von uns selbst und also von keinem Ding uns mehr getrennt denken können , heißt es , sei der Tod ; der Tod aber ist in jedem Momente des Lebens , da das Leben nichts ist als das ewige Zurückkehren und Hervorgehen des Lebens aus und in sich in demselben Momente . - Ebenso ist das Leben in jedem Momente des Todes , denn Leben und Tod sind eins ; um leben zu können , muß man ewig sterben , und um sterben zu können , ewig leben . Die Ansicht vom Leben im Gegensatze vom Tod ist eine sehr beschränkte Ansicht , und etwa so , als klage ein Handwerksbursch über die Flüchtigkeit der Zeit , weil der viele Spaß am blauen Montag ihm den seinen so kurzweilig macht . Alle Menschen , die ihre eigne Biographie für ihr Leben halten und so lange einen Menschen für lebendig halten , als seine Stelle nicht vakant ist , sind solche Handwerksburschen , und ihr Leben sind blaue Montage . - Wir leben nur durch das Bewußtsein unseres Lebens , aber ohne alles Leben überhaupt haben wir kein Bewußtsein , und wir leben daher nur durch die Ewigkeit des Lebens , die alles Leben ist und jedes Leben . So gibt es denn nur ein Leben . Damit übrigens etwas lebe , muß es im Momente erscheinen und also von der Zeit gefesselt sein ; insofern also unser eigentümlich Leben im Momente liegt , ist es in diesem von der Zeit gefesselt , und hinter jedem Momente liegt dessen Tod ; der Tod also befestigt das Leben in der Zeit , die Zeit aber selbst ist ein Produkt von uns , denn wir können eine Ewigkeit denken , also liegt der Tod in der Ewigkeit , und Leben ist nichts als die Ewigkeit , die wir uns zueignen dadurch , daß wir uns ein Stückchen von ihr mit einem hinten vorgehaltnen Tod auffangen . - Doch ich kehr zu Dir zurück , liebes geliebtes Kind , ist doch diese Reflexion schon eine Sünde gegen Dich , ich habe in Dir meine Ewigkeit so schön gefangen , daß ich nicht länger grammatisieren darf ; da das Leben der Sprache ein Gedicht mit mir lebt , das Du bist , Du Lied vom Weibe , von Liebe und von Gott . - Daß ich Dich so liebe , dafür danke Gott , wenn es Dich glücklich machen kann , ich danke ihm auch um Deiner Liebe willen . Es ist ein großes Erbarmen von ihm , daß er uns alles in einander gegeben hat , und wir dürfen nicht stolz darauf sein , denn es ist nur Gott , den man liebt , den Gott im Menschen , und je schärfer und tiefer wir blicken , je mehr erkennen wir ihn , und je ruhiger und einfacher wird die Liebe . - Etwas Rührendes liegt in unserer Liebe ; wenn ich Dir ernst über lebendige Stellen meines Lebens spreche , die nun gestorben sind , und wenn ich Deiner gedenke ! - Aller Lärm wird dann stumm , alle Menschen werden mir steinern neben Dir , und dies Stille erwacht in eine Musik , ich möchte sie eine innere Musik nennen , die sich selbst hört . Wenn ich aufrichtig sein soll , spreche ich mich gegen niemand gern aus als gegen Dich , denn Du verstehst mich und freust Dich meiner . Mit den andern Menschen verbindet mich nichts als ihre Seltenheit . - Gute Nacht bis morgen ! - Clemens Sollte die Günderode Dir einen sehr wunderbaren Brief von mir zeigen , so verwundre Dich nicht , ich bin begierig , was sie darauf spricht . An Clemens Es geht schlecht mit meinem Witz , Dein Brief ist wie der Blitz in mich eingeschlagen , und ich kann Dir Neues davon sagen , wie das einem tut ! - Gar nicht - tut es einem . Geist samt Eindruck verschwunden ! Erst hab ich mich besonnen , ob ich nicht Dir diese Lähmung verschweigen solle , daß ich nämlich mit Deinem Brief nichts anzufangen weiß und lieber Dir etwas vorzaubere vom Frühling , der hier gar nicht schlecht ist . Gibt ' s der Tage viele wie der gestrige Sonntag ? - Himmelsbläue - unendliche ! kräftige ! vom Sonnenfeuer durchglüht , die Bäume vermählten ihre Schatten einander , alles im schönsten Frieden lautloser Stille , - die Orangen warfen als ihre Blüten herunter , - da hab ich gelegen im Boskett und alle Blüten aufgefressen , konnt nichts mehr zu Mittag essen , die Großmama frägt , ob ich krank sei , in der Nachbarschaft sind die Röthlen . - Dein Brief kam um zwei Uhr , ich wollt ihn studieren unter jenen duftenden Bäumen , ein narkotischer Balsam strömte aus seinen weisheitsvollen Blättern , der Sonnenschein ging , ich hatte den Brief nicht bedacht , aber beschlafen , aber doch blieb mein Begriff gelähmt . Der Mond kam , und der Tag war noch nicht vergangen , ich ging zum Gitter im Boskett , wo die Blumen alle stehen auf hohen Paradegestellen , man kann dran hinaufsteigen . Der Gärtner stand oben mit der Gießkanne , ich ward ganz durstig , wie sie so gierig das kühle Wasser schluckten , ich trank aus der Gießkanne . Der Gärtner wollt es nicht leiden , ich sollte warten , daß er ein Glas hole . Ich bin dem Gärtner gut , er ist mein bester Geselle . Alles , was er sagt , verbindet sich so nah mit der Gegenwart . Die Blumenglocken bewegten sich vom Abendwind , der zieht mit sanftem Brausen durch die erfrischten Sträucher und nimmt den Staub der Blumen mit sich fort ; jeden Abend sieht der Gärtner diesem Spiel des Windes mit den Blumen zu . Grade in diesem Monat versäumt der Wind es keinen Abend , sagt der Gärtner . Was ich gesehen hab noch ? - Eine Biene , die sich ein Bad zurecht machte in dem Schüsselblatt von einer Geißblattblüte , sie patschte drin herum , tauchte den Kopf unter und wusch sich von allen Seiten mit ihrem Rüsselchen , grad wie eine Katze . - Nun denk ich , ob man eine Biene nicht könne zahm machen auch wie eine Katze . Daß sie hereingeflogen käm abends und schlief da auf einem Nelkenstock oder Wicken oder sonst einem Blumenstock , den die Bienen lieben . Der Gärtner meint , eine oder die andere , die einen aparten Sinn habe , könne das wohl - und sagte noch allerlei von den Bienen , was die Leute nicht glauben , weil es zu gescheut wär für so kleine Tiere , aber es sei dennoch wahr ; ich glaub ' s , warum soll er es nicht besser wissen , da er diese mit so großer Liebe beobachtet , das heißt mit Geist . Die Leute sind wohl auch so dumm zu glauben , ein Gärtner habe keinen Geist ; - aber , der hat Geist - und kann also mit Geist beobachten , das heißt mit Liebe . - Ja , Clemens , ich hab gestern abend noch an Dich schreiben wollen , aber ich mußte nachdenken über die Bienen . Ob sie wohl einen an der Stimme erkennen würden ? - Die Bienen haben ein fein Gehör , sie richten sich bei weiten Ausflügen nach dem Abendgeläut , sie unterscheiden genau die Glocke ihres Dorfs , das hat der Gärtner in seinem Dorf hundertmal beobachtet . Wir überlegten ' s noch mit dem Heimlichmachen der Bienen ; - einen Blumenstrauß im Mund , sich ins Gras legen und schlafend stellen . Kommen die Bienen , so muß man sie nicht verjagen , sagt der Gärtner , wenn sie auch an den Blumen vorbei aufs Gesicht fliegen , sie stechen nicht . - Wenn eine erst zahm ist , dann kommen mehrere . - Das wär mir eine Freude , Clemente , über alle Freuden , wenn ich so an einem heißen Sommertag in der Lindenallee spazieren ging und die Bienen kämen alle von den Bäumen herabgeflogen und umschwärmten mich . Er würde gleich mit schwärmen , meint der Gärtner ! - Ich weiß es - und er flög wohl auch daneben ; und ich weiß - liebster Clemente ! Der ist aber kein sentimentaler Pfarrer , der mit dem Universum liebäugelt ! Bis die Bienen wirklich kommen und mich umsummen , daß ich mein eigen Wort nicht hör , hat ' s Zeit , Deinen liebenden Brief zu besprechen . Schon in Deinem früheren Brief über Kunst steht - - ich fühl , daß solche tief durchdachte Gedanken , die Du an mich zwar richtest , doch vielmehr der Welt angehören , das erstemal wollte ich sie wie einen musikalischen Satz durch einen Gegensatz beantworten , wodurch erst seine Basis begründet wird , sagt der Musiker , und eine Symphonie aus sich hervorzubilden vermag . Aber , Clemens , ich fühlte mich so beklommen bei Deinem neuen Brief ! - Er paßt nicht zu meiner feurigen Frühlingsstimmung . » Durch Feld und Wald zu schweifen , mein Liedchen wegzupfeifen ! « - - - er paßt nicht zu meinem himmlischen leichtsinnigen Stubenkamerad , meinem Dämon , - nicht Damon - der mir ' s unter die Füße gibt , ich soll mich nicht auf Stelzen begeben . - Und » was kann ich , was kann ich dafür ? « - Daß es mir gar um Freundschaft und Liebe nicht zu tun ist . Gestern , Dienstag , waren wir im Forstwäldchen auf einem Ball , bei Moritz Bethmann . - Der Brief kommt nicht weiter heute , es steht ein Blumenstrauß auf meinem Tisch von lauter Vergißmeinnicht , wunderlich gebunden wie ein Kelchglas . In der Mitte auf dem Grund des Kelches sind Moosrosen . Wie schön ! - Ja , ihr Rosen seid schön , und euer Gewand ist die Schönheit selbst , und euer Reiz umwallt gleich die Brust , an der ihr vergeht ! Und ihr seid so schnell fort , und doch hat man so zärtlich euch geliebt - und doch seufzt man euch nicht nach ! - Warum nicht ? - Hat ' s Gott gewollt , daß man euch liebe , wie der Clemens mir sagt : ich sei berufen mit ihm zusammen , daß wir einander lieben , wenn das so wär , daß Gott wolle , wo er gar nicht zu wollen hat , ich würde ihm widerspenstig sein und den grad nicht wollen lieben , den er dazu geschaffen . - Denn das bändigt mich eben grade nicht , wenn er vielleicht sagte , wie die Kindererzieher , wenn sie Äpfel austeilen , magst du den nicht , so kriegst du gar keinen ! - Fühl ich mich hingezogen zu manchem , so ist ' s nicht aus vorbedachtem Gefühl , nicht weil ich glaub , Gott hab es so gewollt , - es würde mir allen Farbenschmelz und Heiligenschein konsumieren , dies Soll oder Muß . Die Rosen - sie glänzen im Abendschein , sie locken mich , sie zu umfassen , sie zu küssen . Ich bin ganz bei ihnen , wenn wir abends im Mondenschein allein zusammen plaudern , und fühle mich nicht allein mit den Blumen wie oft mit Menschen . Und wenn es Deine eignen Ideen sind , Clemens , die Dich wieder lieben , wie Du mir schreibst , so sind die Blumen wohl die Liebesgedanken der Natur , von denen sie auch wieder geliebt wird . Liebesgedanken sind sie . - Die Rosenknospe ist ' s , sie wirft in ihrer Verschränktheit glühende Blicke in das Auge , das sich in ihrem Anschauen verliert . Wenn sie nachher dem Tag sich erschließt , dann ist sie nicht mehr so , sie lacht dann jedem Vorübergehenden und wird die Blume des Tages , an der alle gleichen Anteil zu haben meinen . Drum als ich gestern von meinem knospenreichen Rosenstock ein Paar davon abbrach zum Ballsträußchen , das tat ich ungern , so jung von ihrem nährenden Stamm sie zu trennen , die so an der Grenze ihrer Jungfrauenzeit aus ihrem grünen Kinderjoppelchen recht neugierig herausguckten , aber ich dachte : ach , morgen habt ihr ja doch das grüne Jäckchen abgeworfen und seht die Tage euerer Kindheit für nichts an . - » Und Du ! - Für was siehst Du sie an , Deine Kinderzeit , daß Du so reden darfst ? « - sagen die Rosen wieder . - Ach Rosen ! - Vorwürfe von euch ! - Da ich doch meine Zeit mit euch vertändle . Aus der Natur süßestem Gefühlsschmelz ihr selber hervorgegangen ! - Seid ihr Blumen nicht der Liebesdrang , der Venusgürtel der Natur ? - Ihrer Lippen würzigen Atem hauchen die Blumen in reizenden neckenden Antworten allen Liebesanträgen aller Wesen in ihr . Und die Rosen , sie sind die Antwort , die im Necken schon sich in einen Kuß verwandelt und ohne Widerstand durch ihre eig ' ne Schönheit Zeugnis gibt : » Die Liebe hat die Natur besiegt . « - Es war mir so wehmütig , gestern Abend mit meinen Rosen allein , und bin ungern von ihnen geschieden , um schlafen zu gehen , und hab mich noch recht in ihr weiches junges Grün hineingeschmiegt zum Abschied ! - Und hab so wunderliche Träume gehabt in der Nacht . - Sonnenstrahlen , die scharf und rein durch dichtes Gewölk auf mich trafen , und da war alles in üppiger Blüte um mich her und atmete kaum vor Schwüle , und ich stand da allein unter diesen Blüten allen , mit offner Lippe nach einem Tropfen Labung . - Ach , heißer Tag , du drückst die Blumen ! - so dacht ich dort . Es tat mir so leid , daß ich nicht den Regen ihnen aus dem Gewölk niederschütteln konnte , und als ich aufwachte , war mir ' s noch schwermütig , und heute den ganzen Tag so fort . - Wenn nicht eins mir Freude gemacht hätte . - In der heißen Mittagsstunde kamen wirklich ein paar Bienen hereingeflogen , umsummten meine Rosen , meinen Maiblumenstrauß , meinen Basilikum , meine Ranunkel sind noch nicht offen , schmecken den Bienen auch nicht . Nelken sind auch noch nicht aufgeblüht , die sind aber wahre Lockspeise für sie , und die stehen doch schon alle da , daß sie von ihnen gesehen werden , was in der Zukunft auf sie wartet , sie werden wiederkommen und werden sich in meinem Wirtshaus betrinken , dazu mache ich ihnen Musik . Gleich als sie ankamen heut , so nahm ich die Gitarre und klirrte ihnen was drauf vor , sie summten , es war ein deliziöses Doppelkonzert und hat mir meine Munterkeit wiedergegeben , die mit einem Fuß schon ausgeglitten war und schier in den rauschenden Bach der Empfindsamkeit wäre gestürzt . - Adieu ! - Ich und meine Bienen , was kann ich mehr verlangen . Bettine Meine liebe Bettine ! Da ich vermute , daß Dich ein kleiner Ärger weiter nicht ins Grab stürzen wird , so hab ich einigen Lusten , mit Dir zu schmälen . Stelle Dir vor , einiges in Deinem Brief hat mir einen unangenehmen Eindruck gemacht , zum Beispiel das mit dem Rosenstöckelchen . Es kam mir immer vor , als sei es recht artig , eine gewisse Rührung bei unschuldigen Dingen zu empfinden , ja zur Not könne man auch sagen , es war mir , als müsse ich es umarmen , aber es wirklich zu umarmen und noch gar dabei in wehmütigste Gedanken zu versinken , das geht etwas in die Wildnis und ist stark empfindsam , hält auch nicht Stich , stelle Dir vor , an welchem knappen Fädenchen die Geschichte hängt ; fällt sie , so fällt sie mit der schönsten Empfindung ins Lächerliche , denn eine gelbe Rübe , eine Kartoffel sind doch ebenso unschuldig als ein Rosenstrauch , und dennoch wäre Deine ganze Umarmung verunglückt , wenn das Rosenstöckelchen sich in eine solche Rübe verwandelt hätte . Auch hast Du bei näherer Beleuchtung wohl nur einen erd ' nen Topf umarmt . Wenn ich der Rosenstock gewesen wär , so hätt ich gesagt : » Oho , schönstes Kind ! « und dann hättest Du wahrscheinlich gelacht . Ich hoffe , Du gewöhnst Dir täglich mehr solche Explosionen ab . Du weißt , wie oft ich Dir über ähnliche Anfälle gepredigt habe . Auch das lange Herumtragen und Betrachten der Träume ist kindisch , und während man auf eine Menge schöner Empfindungen , die man bei Gelegenheit solcher Träume hat , bei hellem Tag auf eine geträumte Weise stolz wird , vergißt man eine Menge zu tun , was wirklich , wahr und Pflicht ist . - Wieviel gescheuter wär ' s gewesen , wärst Du auf dem Ball recht vergnügt gewesen und hättest mir das meiste , ja alles erzählt , das hätte mir weit mehr , ja unendlich viel Spaß und Freude gemacht . - Sehr artig wär ' s , wenn Du doch einmal Deine Träume gern näher überlegst , die Nacht drauf in einem neuen Traum den vorigen zu bedenken , bei Tag aber recht lustig und vergnügt und fleißig zu sein , denn sonst läufst Du Gefahr , einem gewissen Mann ähnlich zu werden , der sehr bewandert in der Sternkunde war und alle Augenblicke in einen Graben fiel ; ja endlich elendiglich in einem Brunnen ersoffen ist , weil er immer gen Himmel guckte ; Du läufst Gefahr , daß die Leute sagen , sie ist sehr klug im Traum , aber nicht recht gescheut im Wachen . Ich bitte Dich um des Kaisers seinen Bart willen , werde nicht empfindsam , und lasse Dich nicht von dem Lied der Katzen sogar rühren , gehe spazieren , gebe Dich mit der Toni , mit der Lotte ab und freue Dich ihrer vernünftigen Kälte . Ich bitte Dich um alles in der Welt , werde nur keine Seraphine Hohenacker , die Geisterseherin ! - Wahrhaftig , dann mußt Du am End verzweiflen , denn ich werd alle Tag gescheuter und unempfindsamer , es ist was Miserables um einen empfindsamen Menschen in der Welt ; und zwar gerade , weil die Welt nichts weniger als empfindsam ist und einem kein Baum aus dem Wege geht oder beweint , wenn man sich ein Loch an ihm in den Kopf stößt . Wenn Du überdem wüßtest , wie man durch Kränklichkeit zu all diesen zärtlichen Empfindungen kommen kann , und daß die Besessenen und Hexen in den vorigen Jahrhunderten nicht anders als solche hypochondrische Personen waren , so würdest Du Dich noch mehr hüten , in eine solche Empfindsamkeit zu fallen . Dagegen hilft oft viel Bewegung , Springen , Singen und Tanzen , Beschäftigung , der Agnes helfen in der Küche , wenn sie allenfalls einen guten Kuchen backt , den auswäschern , kneten und in die Backschüssel hineinrunden , oder auch einen ordentlichen Aufsatz machen , selbst über die französische Revolution , wär mir lieber , und ich bin jetzt sehr bestraft dafür , daß ich dies Interesse bei Dir untergraben hab . Ich bitte Dich , wenn es noch Zeit ist , ergreif es wieder , hol Deine alten Tagebücher hervor , in denen wirst Du Anknüpfungspunkte genug finden , es war manches so Schöne , so wahrhaft Große darin ; ja ich kann Dir sagen , daß ich manches draus erfaßt habe als ganz neu gedacht und als gut gedacht , es hilft einem auch zur Vermeidung aller Liebesgedanken , das Große , das Wesentliche der Welt zu seinem Hauptthema zu machen . Dort bist Du ja auch auf dem Boden , der Deinem Geist die wahre Elastizität gibt . - Der Empfindsame bringt auch nie etwas hervor , weil er sich keines Dinges bemächtigen kann , sondern nur von allem überwältigt wird . Ich habe überhaupt einen entsetzlichen Widerwillen gegen die Empfindsamkeit , denn sie wird über nichts empfindlicher , als wenn man sie für eine Kränklichkeit erklärt , da sie eine Feinheit der Seele sein will . Was ich aber unter Empfindsamkeit verstehe , wirst Du wohl wissen . - Nichts vor ungut , Du weißt , daß ich Dich vernünftig liebe und es gut meine . Es würde mich freuen , wenn Du etwas Geschichte läsest , und außerdem meistens Goethe , und immer Goethe , und vor allem den siebenten Band der neuen Schriften , seine Gedichte sind ein Antitodum der Empfindsamkeit . Aber als Geschichte rat ich Dir Müllers Schweizergeschichte , es ist etwas Himmlisches , ich glaube , Leonhardi hat sie . Es sind zwar einige dicke Bände , aber desto länger dauert die Freude , setze Dir täglich ein paar bestimmte Stunden , wo Du drinnen liesest . - Wenn Du Dich meines heftigen Unwillens erinnerst , den ich in Offenbach hatte , so oft ich alberne Bücher bei Dir fand , so wirst Du mir das Recht zugestehen , mich sehr zu beklagen , daß Du jetzt vermutlich alles lesen magst , was Dir vorkommt . Überhaupt ist es mir sehr verdrießlich , daß Du mir nichts von Deiner innern Bildung schreibst , mich nicht fragst , was Du lesen sollst und dergleichen . Was soll alles Phantasieren über dies und jenes , was nun einmal so ist , wie es ist . Besser wäre es , wenn Du Dein Vertrauen zu mir so benütztest , daß Du mir Einfluß in Deine Bildung gönntest . - Daß Du mich über alle Lektüre um Rat fragtest - und dergleichen . - Um eins bitte ich Dich noch in Deinen Briefen , nämlich gebe mir immer Nachricht , sobald irgend etwas Bedeutendes bei Euch vorfällt , von jeder Reise , sobald Du davon erfährst . - Meine Briefe an Dich zeige niemand , mit solchen , die betrübt sind , wie immer ohne Ursache , habe Mitleid mit ihnen , suche aber nicht etwa sie zu trösten , indem Du , beim Lichte besehen , in dieselbe erbärmliche Stimmung Dich herabsinken läßt und auch betrübt wirst . Der Umgang mit solchen Leuten ist deprimierend und zerstört alle Kraft in uns . Daß Du übrigens dieses nicht so wörtlich nimmst wie Eulenspiegel , hoffe ich . - Du könntest mir einen großen Gefallen tun , wenn Du , doch ohne Übereilung oder Faulheit , mir ein halb Dutzend leinene Stiefelstrümpfe stricktest , aber nichts weniger als fein , sondern nur stark und derb . Toni wird so gütig sein , Dir das Garn nach Offenbach zu besorgen . Auch höre ich gar nichts mehr von Lulu und Meline , es tut mir leid , daß Du von