folgen nach einem Orte , den sie nicht kannte , und der , vielleicht fern von der Heimat , öde und traurig sein konnte . Sie dachte an ihr helles , sonniges Zimmer , an das Treibhaus , an all jene Behaglichkeiten des Lebens , die sie nie hochgeschätzt hatte , weil sie nicht gefürchtet , sie jemals entbehren zu müssen . Auch wäre das gar nicht nöthig , wenn Reinhard nicht so wunderlich wäre , dachte sie weiter . Warum sollte sie nicht alle diese kleinen Bequemlichkeiten auch in ihrem Hause haben können , da ihr Vater nur zu glücklich sein würde , ihr Alles zu gewähren , was sie wünschte ? Aber Das gerade wünschte Reinhard nicht . Das erlaubte sein Stolz ihm nicht , den er ihr nicht zum Opfer bringen wollte , während sie Alles opfern sollte : Heimat , Eltern , Freunde und ihre Ueberzeugung , und es so gern , so bereitwillig that , um des Geliebten willen . Ertrug sie doch jetzt eben Zweifel und Furcht und Bangigkeit , und das Alles nur aus Liebe zu ihm ! Wie ernst strebte sie , den Gedanken der Dreieinigkeit zu fassen um seinetwillen ! Denn sie selbst , sie konnte wie bisher sehr glücklich sein auch ohne diese Erkenntniß - aber ohne Reinhard nicht . Je dunkler es wurde , um so mehr beschleunigte sie ihren Anfangs gemessenen Schritt , und langte endlich in der verzagtesten Stimmung von der Welt fast athemlos bei ihrer künftigen Schwiegermutter an . Die Pfarrerin kam ihr wie immer liebevoll entgegen , aber sie erschrak , als sie Jenny den Hut abnahm und in ihr verstörtes , bleiches Gesicht blickte . Die feuchte Abendluft hatte ihr Haar durchnäßt , es fiel ungelockt über ihre Stirn und machte sie noch bleicher erscheinen , als sie ohnehin war . Große Thränen fielen aus ihren Augen . Um Gottes willen , Kind ! rief die Matrone , und zog sie ängstlich zum Sopha , vor dem auf einem Tische die kleine Lampe brannte , was ist geschehen ? wo kommst Du her ? So rede doch , bat sie dringend , da Jenny noch immer kein Wort zu sprechen vermochte , was ist Dir zugestoßen ? Jetzt , da sie sich in Sicherheit fühlte , wollte Jenny sich selbst verspotten , aber es gelang ihr nicht . Aufgeregter , als sie es wußte , erzählte sie , wie sie Reinhard zu Liebe habe ohne Diener gehen wollen , wie der Abend sie überrascht und eine kindische Angst sie überfallen habe . Die Pfarrerin suchte sie freundlich zu beruhigen und redete ihr zu , künftig Versuche der Art zu unterlassen . Sie selbst wollte ihrem Sohne sagen , daß er auch im Scherze nicht solche Anforderungen machen und Dinge verlangen dürfe , an die seine Braut weder gewöhnt sei , noch sich zu gewöhnen nöthig habe . Dann schob sie die Lampe in die Höhe , nöthigte Jenny , sich zu ihr auf das Sopha zu setzen , stellte das Theegeräth zurecht und fing , um sie zu zerstreuen , an , ihr scherzend vorzuhalten , wie es gar nicht lange dauern werde , bis Jenny im eigenen Hause schalten könne . Dann brauchst Du , armes Kind , sagte sie tröstend , nicht mehr so spät allein in Religionsstunden zu gehen , und kannst dem Bösewicht , der Dich zu dieser unzeitigen Promenade veranlaßt , und der eben nach Hause kommt , als wackere Hausfrau die Furcht gelegentlich vergelten , die Du heute unnöthig ausgestanden hast . Wirklich trat , noch während die Mutter also sprach , der Sohn herein und fragte ängstlich , als er , von dem plötzlichen Lichtwechsel geblendet , Jenny hinter der Lampe nicht gleich sah : Ist Jenny noch nicht hier ? Ich bin ihr bis zum Hause des Pastors entgegengegangen , als es dunkelte und ich sie noch nicht hier sah , weil sie heute zu Fuß und allein zu kommen versprach . Dort aber ist sie lange fort , und - - Hier ist sie ! rief Jenny , und die Pfarrerin sah mit Wohlgefallen , wie die Beiden sich entgegenflogen und des Glückes und der Freude gar kein Ende werden wollte . Dann aber schilderte sie dem Sohne , in welcher Bewegung seine Braut bei ihr angelangt war , und er versprach , künftig viel vernünftiger zu werden , und keine Kunststücke , wie die Mutter sie nannte , von dem geliebten Mädchen zu verlangen . Es will mir nur immer nicht in den Kopf , sagte er dann neckend , daß Ihr jungen Mädchen so gar verwöhnt seid . Haben doch selbst die Engel auf Erden gewandelt , warum sollte mein kleiner Engel es nicht können , so wie sie ? Vergiß nicht , scherzte die Pfarrerin , daß solch ein Engel sich aufschwingen konnte , wenn ihn das Irdische zu rauh berührte , damit ist es aber jetzt vorbei ; denn es geschehen leider keine Wunder mehr . Ach ! sage Gott sei Dank ! mein Mütterchen ! rief Jenny , mich quälen die alten Wunder schon so sehr , daß ich genug an ihnen habe und nach neuen nicht begehre . Kaum aber hatte sie es gesagt , als sie das Wort bereute , denn Reinhard fragte , ob der Pastor etwa von den Wundern zu ihr gesprochen habe , und wovon überhaupt die Rede gewesen sei ? Nun war das Gespräch , das sie gefürchtet hatte , kaum noch zu vermeiden , und sie erzählte ruhig alles , was der Pastor ihr über den Gegenstand gesagt hatte , ohne den Eindruck zu berühren , den es ihr gemacht . Dann , als Reinhard zu wissen verlangte , ob ihr denn nun die Idee der Dreieinigkeit einleuchtend geworden , ob sie nun erfaßt hätte , was ihr früher unbegreiflich gewesen sei ? sagte sie : Nun , Eine Dreieinigkeit habe ich immer erkannt , die vielleicht wieder Andern unverständlich oder wenigstens nicht so in sich und durch sich bedingt erscheint , als mir . Es ist die Dreieinigkeit der Kunst ! Diese ist mir von jeher einleuchtend gewesen , so sehr , daß ich Poesie , Musik und bildende Kunst gar nicht von einander im Innersten der Seele zu trennen vermag ; daß ich sie wie Eines immer zusammen empfinden und die Anschauung oder der Genuß Einer dieser Künste mir gleich , wie zur Ergänzung , das Bedürfniß nach der andern hervorruft . Mir wird jede Musik Gedicht und jedes Gedicht zum Bilde . Hier ist mir , obgleich ich jede Kunst als selbstständig in sich erkenne , doch eine unauflösliche Einheit denkbar : und so kann man nicht sagen , daß ich bis jetzt den Begriff der Dreieinigkeit nicht hatte . Reinhard wandte ein , daß der Vergleich nicht richtig sei , und wollte zu seiner eigentlichen Frage zurückkommen . Jenny unterbrach ihn aber ängstlich und sagte mit herzgewinnender Freundlichkeit : Und noch eine Dreieinigkeit begreife ich : Du , mein Mütterchen , und Reinhard und ich , wir sind drei und sind doch Eines und so einig , daß der geliebte Reinhard auch mit keiner Sylbe widersprechen darf , wenn seine Jenny es behauptet . Habe ich das recht verstanden ? fragte sie den Glücklichen , der so vielem Liebreiz nicht zu widerstehen vermochte und sich willig den Plaudereien seiner Braut hingab , ohne ihrer religiösen Erkenntniß weiter zu gedenken . Wenn er Jenny so vor sich sah in einfachster Kleidung , die sie ihm zu Liebe jetzt fast immer trug , wie sie in dem kleinen Stübchen an seiner Seite saß , ihm den Thee bereitend und mit den sanften klugen Augen freundlich nach jedem seiner Wünsche spähend , so ruhig und so begnügt ; dann konnte er es nicht fassen , wie ihm jemals davor bangen mögen , sie aus dem reichen Hause ihres Vaters in beschränktere Verhältnisse zu führen . Er warf es sich dann vor , ihr Unrecht zu thun mit seinen Zweifeln ; er nahm sich dann vor , ihr bei nächster Gelegenheit den Mangel an Zutrauen zu bekennen , den er in dieser Beziehung zu ihr gehabt habe ; und heute vollends empfand er sich auf dem Gipfel des Glückes , denn heute waren sein Herz und sein Verstand gleich befriedigt durch die Geliebte . Er hatte keinen Wunsch , als daß es stets so bliebe ; und daß es also bleiben werde , davon war er überzeugt . Als sie nun so in friedlicher Stille beisammen waren , klopfte es an die Thüre . Reinhard ging um zu öffnen , und trat bald darauf mit einem Briefe in der Hand wieder bei ihnen ein , den er , nachdem er ihn schnell durchlesen , seiner Braut mit den Worten reichte : Nun endlich , meine Jenny ! lies , o , lies ! Doch hinderte er selbst sie daran , denn er erzählte , wie dieser Brief ihm die Nachricht von dem Entschlusse eines entfernten alten Verwandten bringe , zu seinen Gunsten eine Pfarrerstelle niederzulegen , die er bis jetzt bekleidet hatte . Fröhlich , wie ihn die Aussicht machte , überhörte er die Bemerkung der Mutter , daß die Pfarre zu Schönfelde , von der eben die Rede war , in einer gar traurigen Gegend liege , und glücklicherweise entging ihm ebenso Jenny ' s Erbleichen bei der Mittheilung . Heute gerade , wo Reinhard sich zufrieden und mit sich einig fühlte , war Jenny in einer völlig entgegengesetzten Stimmung . Nachdem sie auf dem Wege zur Pfarrerin zum ersten Male an die Entbehrungen gedacht , die sie sich künftig werde auferlegen müssen , erschien ihr Alles , was sie bisher in der Wohnung ihrer Schwiegermutter idyllisch und behaglich gefunden , wie entzaubert . Die kleine Lampe fand sie düster , die Zimmer eng und beklommen ; und in so kleinen Räumen , in solch beschränkten Verhältnissen für immer zu leben , hielt sie für ein Unglück , das selbst durch Reinhard ' s Liebe nur gemildert , nicht aufgehoben werden konnte . Mit gewohnter Freundlichkeit half sie der Pfarrerin bei den Zurüstungen zu dem einfachen Mahle und deckte den kleinen Tisch , wie sie pflegte ; aber es machte ihr heute kein Vergnügen , und sie hätte es gern der jungen Magd überlassen , wenn sie nicht gewußt hätte , wie sehr sie ihren Bräutigam damit erfreute , der sie während der kleinen Arbeit nicht aus den Augen verlor und mit Blicken der innigsten Liebe jede ihrer Bewegungen betrachtete . Trotzdem konnte sie ihre Niedergeschlagenheit nicht besiegen und sie war sehr zufrieden , daß weder ihr Bräutigam , noch dessen Mutter etwas von Dem erriethen , was in ihr vorging . Sie fühlte sich gradezu erleichtert , als sie gegen die zehnte Stunde das bekannte Rollen ihres Wagens hörte und von der Pfarrerin Abschied nahm , die sie mit ängstlicher Sorgfalt in den Mantel hüllte und noch ein Tuch hinzufügen wollte , damit sich Jenny nicht erkälte . Nein , nein , Mütterchen ! Ich bedarf ja all ' dessen nicht ; ich gehe ja nicht , ich fahre nach Hause ! sagte sie mit solchem Vergnügen , daß es ihr selber komisch vorkam , als sie an Reinhard ' s Arm die Treppe hinunterging , der sie im Wagen nach Hause begleiten wollte , wo sie die Ihrigen noch beim Thee zu finden und ein Stündchen mit ihnen zusammen zu bleiben hoffte . Als dann der Diener den Fußtritt herunterschlug , sie gewandt beim Einsteigen unterstützte und die Thüre des Wagens schloß ; als Reinhard das Fenster in die Höhe zog und sie an seiner Seite , bequem und warm , dahinflog , drückte sie sich mit einer nie gekannten Wollust in die seidenen Kissen . Ihre ganze Heiterkeit war wiedergekommen ; und heiter und fröhlich trat sie auch mit Reinhard bei ihren Eltern ein , als ob sie dieselben wer weiß wie lange nicht gesehen hätte . Es gefiel ihr unbeschreiblich , viel besser noch als sonst zu Hause ; es machte ihr besonderes Vergnügen , daß sie Eduard und Joseph noch bei den Eltern fand , so daß sie , als man sie fragte , wie es ihr ergangen , in Selbstverspottung ihre Angst und ihre Abenteuer schilderte . Und für all die Heldenthaten , die ich heute so herrlich vollbracht habe , lieber Vater ! bitte ich nur um Eine Belohnung . Du sollst mir zur Hochzeit nicht Perlen , nicht Brillanten schenken ; daraus mache ich mir nichts und die möchten auch für eine Frau Pfarrerin nicht passen , welche Andern mit tugendhaftem Beispiele vorangehen soll , sagte sie , indem sie sich scherzend ein sehr ernsthaftes Ansehen gab , aber einen guten , ordentlichen Landauer , liebes Väterchen , den kannst Du mir nur immer kaufen ! Der möchte leicht ebenso unpassend , als die Brillanten sein ! wendete Reinhard ein , und ich zweifle , daß ein Paar gewöhnliche Landpferde solche Carosse ziehen oder zieren würden . Nun , da muß Vater ein Uebriges thun und zwei Pferde zulegen ! rief Jenny lachend . Und dann soll der Pfarrer wol in einer Equipage , die den reichsten Edelmann beschämt , durch das Dorf nach der Kirche fahren , um die Verachtung des Irdischen zu predigen ? fragte Reinhard nicht ohne Spott . Solch eine Equipage möchte leicht mehr kosten , als meine künftige Pfarre in zwei Jahren einträgt , und würde uns deshalb übel anstehen . Du solltest nur sehen , liebste Jenny , wie meine Amtsbrüder ruhig auf einem Leiterwagen über Land fahren : da würdest Du begreifen , wie eine Staats-Equipage uns nicht kleiden kann . Aber Sie können doch Jenny nicht zumuthen , auf einem Leiterwagen oder irgend einer andern elenden Karrette herumzufahren ? meinte die Mutter verdrießlich . Warum nicht ? sagte Reinhard , gereizt durch den Ton dieser Frage . Meine Mutter ist Jahrelang so gefahren und es ist ihr vortrefflich bekommen , obgleich sie es ebenso wenig gewöhnt war , als Jenny ! Aus Liebe kann man Viel ! Streitet doch nicht um des Kaisers Bart ! rief Eduard dazwischen , als er sah , wie unangenehm seiner Schwester diese Wendung des Gesprächs sein mußte . Wenn Reinhard eine Pfarre haben wird , mögt Ihr nach dieser Stelle Euren Wagen einrichten , und das ist noch weit im Felde ! Glücklicherweise ! murmelte die Mutter für sich , während Reinhard eben zu erzählen anfing , daß er im Gegentheil auf dem Punkte stehe , eine Stelle zu erhalten , die ihm , Alles zusammengerechnet , doch sechs bis siebenhundert Thaler bringen könne , und die nur den Einen Fehler habe , nahe der Grenze , in einer nicht eben angenehmen Gegend , zu liegen ; doch hoffe er , nicht allzulange dort zu bleiben , und wolle sie bestimmt annehmen , weil man sie ihm biete . Und was sagt Jenny dazu ? fragte der Vater , nun ebenfalls gekränkt durch die rücksichtslose Art , mit welcher Reinhard über seine Zukunft entschied , ohne an die Wünsche Jenny ' s oder ihrer Eltern irgend wie zu denken . Nun ich muß ja meinem Manne folgen , wie es in der Bibel steht , sagte Jenny mit einer Stimme , die das Weinen verrieth , obgleich der Mund lächelte , aber vielleicht warten wir auch noch , bis sich eine Pfarre hier in der Nähe findet . Ich bestimmt nicht ! fuhr Reinhard auf . Es gilt die Erreichung meiner beiden Hoffnungen . Ich stehe an der Schwelle , einen Wirkungskreis und Dich zu gewinnen : willst Du Dich mir länger entziehen - gut ! ich muß es tragen ; aber selbst meine Liebe soll mich nicht verleiten , meinen Beruf zu versäumen , der mir höher gilt als Alles . Doch werde ich Dich keines Weges zwingen . Kannst Du und willst Du noch in Deinem Vaterhause bleiben , so muß ich es mir gefallen lassen , und meine Mutter allein wird mir dann folgen , bis mein Loos sich günstiger gestaltet . Mit den Worten stand er rasch auf und wollte sich entfernen , aber Jenny hielt ihn in sprachloser Bewegung zurück . Es war der erste wirkliche Streit mit dem Geliebten , auch Eduard suchte Reinhard zu besänftigen , während die Mutter verdrießlich schmollte . Joseph sah bald düster vor sich nieder , bald blickte er verstohlen auf Jenny und trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte , wie es seine Art war , wenn ihn etwas unangenehm berührte . Nur der Vater blieb anscheinend ruhig , und sagte : Zu warten , bis Sie eine bessere Stelle in unserer Gegend haben , Reinhard , dazu würde ich meiner Tochter und Ihnen eigentlich auch rathen ; wenn Sie nicht überhaupt besser thäten , in der Stadt zu bleiben . Ich wollte schon lange darüber einmal mit Ihnen sprechen , und rechne darauf , daß Sie morgen in der Frühe zu mir kommen , damit wir es ohne die Frauen überlegen . Reinhard schickte sich an , zu antworten , der alte Herr ließ es aber nicht zu . Das hat Zeit bis morgen , lieber Freund ! sprach er , bis morgen können wir Beide das Für und Wider überdenken und verständigen uns dann leicht . Machen Sie jetzt nur Ihren Frieden mit Jenny und der Mutter und - ehe Sie über christliche Geduld predigen dürfen , mein junger Freund , fügte er lächelnd hinzu , werden Sie noch ein gutes Theil Ihrer Lebhaftigkeit abzulegen haben . Reinhard war ebenso verstimmt als verlegen : verstimmt über die Anforderungen , die man an ihn machte , und verlegen über die Herbigkeit , zu welcher er sich hatte hinreißen lassen . Er näherte sich seiner Braut , die ihm ihre Hand entgegenreichte , und fragte , sich zu ihr neigend : Bist Du böse ? sei es nicht ! Dann sie festhaltend ging er zu der Mutter , küßte ihr , mit ein paar freundlichen Worten sich entschuldigend , die Hand , und empfahl sich den Männern . Jenny begleitete ihn , und auch Eduard wollte mitgehen ; der Vater aber , der es bemerkte , sagte leise : Bleibe hier , laß sie allein . Tage vergingen und wurden zu Wochen . Das Frühjahr entfaltete sich immer heiterer ; man näherte sich der warmen Zeit und konnte mit neuer Hoffnung auf die schönen Tage des Maimonats blicken . Die Pfarrerin war abgereist , nicht ohne die Besorgniß , daß es vielleicht rathsamer gewesen wäre , in der Stadt zu bleiben , da ihr Sohn seit einiger Zeit manche kleine Reibungen mit seinen künftigen Schwiegereltern gehabt hatte , die nur durch ihre und Jenny ' s Vermittelung ausgeglichen worden waren . Der Vater hatte nämlich Reinhard bestimmt erklärt , daß er erst dann seine Erlaubniß zur Hochzeit geben werde , wenn Reinhard eine Stelle gefunden habe , die ihn vollkommen sorgenfrei ernähre , oder wenn er sich dazu verstände , von den Eltern seiner Braut eine Mitgift anzunehmen , hinreichend , Jenny ein bequemes , häusliches Leben zu gewähren , was er bis jetzt abgelehnt hatte . Ich will nicht , hatte er ihm den Morgen , an dem er ihn zu sich beschieden , gesagt , daß Jenny ohne allen Grund sich Entbehrungen auferlege ; und ebenso wenig , als ich von Ihnen verlangen kann , ihr jene Stellung von Ihrem Gehalte zu verschaffen , ebenso wenig können Sie von mir fordern , daß ich meine einzige Tochter in einer Hütte wohnen und sich mit ungewohnter Arbeit quälen lasse , während ich und wir Alle uns hier im Schooße des Wohllebens befinden . Wenn nun aber dies Wohlleben mit meinem Stande nicht verträglich ist ! entgegnete Reinhard . Wenn Sie wüßten , lieber Vater ! fügte er hinzu , wie sehr ich die Opfer fühle , die Jenny mir bringen muß ; wie sie mich oft drücken , Sie würden anders über mich urtheilen . Lassen Sie mich offen sein , wie ich es gegen den Vater meiner Braut zu sein verpflichtet bin . Ich habe mit aller Kraft meines Willens gegen die Liebe gekämpft , die ich für Jenny fühle , weil ich wußte , daß unsere Wege weit von einander lägen ; daß es Thorheit sei , zu wähnen , ich würde ihr jemals eine Sorgenfreiheit bereiten können , welche dem Leben gleich käme , an das sie gewöhnt ist . Meine Liebe zu Jenny , und mein Vertrauen zu ihr , waren stärker , als alle Einwendungen der Vernunft . Ich täuschte mich selbst mit dem Glauben , daß Liebe jede Entbehrung nicht nur leicht , sondern unfühlbar mache . Tadeln Sie mich deshalb nicht zu strenge . Der Vater drückte ihm die Hand und fragte : Und jetzt ? Jetzt , antwortete er , sehe ich , daß die Wirklichkeit auch gegen die tiefsten , zärtlichsten Gefühle ihre Rechte geltend macht . Ich sehe ein , daß Jenny nicht in der Lage leben kann , die meine Einnahme allein ermöglicht , und bin sehr unglücklich darüber , mich mit einem Luxus umgeben zu sollen , der für mich nicht paßlich ist . Davon ist nicht die Rede , sagte der Vater begütigend . Es kann meine Absicht nicht sein , Sie in Verhältnisse zu bringen , die unpassend für Ihren Beruf sind . Nur das sollen Sie annehmen , daß ich Jenny eine Mitgift gebe , die Ihrer Einnahme so viel hinzufügt , als nöthig ist , um sie dem besten Pfarrergehalte im Lande gleich zu machen . Dagegen können Sie nichts einwenden . Ich achte den Stolz , den Sie in sich zu bekämpfen haben ; aber zu sehr ins Ideale müssen Sie sich nicht verlieren . Sie haben mich zu Ihrem Vater angenommen , lassen Sie mich auch Ihren König sein , der Ihnen ein Gehalt gibt , wie Ihre Kenntnisse es verdienen . Reinhard erkannte mit Achtung das Ehrenwerthe in dem Betragen des vortrefflichen Mannes und dankte ihm für die Zartheit , mit welcher er ihn behandelte . Er fühlte , daß er das Anerbieten annehmen müsse , so schwer es ihm auch sei , und erklärte sich dazu bereit . Sie haben recht , mein theurer Vater , sagte er , aber es kostet mich das Opfer eines Glückes , des erhebenden Gefühles , meinem Weibe nicht nur ihr Gatte und Beschützer , sondern auch ihr Ernährer zu sein - und es wird mir schwer fallen , auf dieses Anrecht zu verzichten . Da klopfte der Vater ihm auf die Schulter und schalt ihn einen Schwärmer , der sich wohl noch bessern werde ; er hatte aber die Besorgniß , daß Dem nicht so sein möchte . Von dieser Stunde an war Reinhard mit sich selbst zerfallen . Er warf es sich vor , sich aus Liebe für seine Braut in die Lage gebracht zu haben , Unterstützungen anzunehmen , er , der es gebilligt hatte , daß seine Mutter lange Zeit sich auf das Kümmerlichste beholfen hatte , um dieser verhaßten Abhängigkeit zu entgehen . Nur gegen seine Mutter hatte er sich über seine Unterredung mit Jenny ' s Vater ausgesprochen . Sie hatte dem verständigen Manne vollkommen beigestimmt und ihrem Sohne versichert , daß keinem Andern als ihm ein Kummer daraus erwachse , mit der Hand eines geliebten , reichen Mädchens ein angemessenes Jahrgeld anzunehmen , oder wie es hier der Fall wäre , eine Mitgift , die im Verhältniß zu Jenny ' s einstigem Reichthum unbedeutend blieb . Sie machte ihn darauf aufmerksam , wie Jenny trotzdem noch Vieles entbehren würde , woran sie in ihrem väterlichen Hause gewöhnt worden , und wie sie durch die Freudigkeit , mit welcher sie der Zukunft gedächte , einen sicheren Beweis dafür gebe , daß ihr Reinhard ' s Liebe höher gelte als jener Reichthum , den nur Reinhard selbst so hoch anschlage , um sich damit zu quälen . Für einige Tage hielten diese Vorstellungen vor , dann aber bedurfte es nur eines Wortes , das irgend Jemand arglos aussprach , und das eine andere Deutung zuließ , um ihn aufs Neue mit dem finstersten Unmuth zu erfüllen . Es bewährte sich auch an ihm , daß Niemand uns so tödtlich zu verletzen , so unablässig zu peinigen vermag , als wir selbst , weil Niemand so genau die wunde Stelle unserer Seele kennt und sie in jedem Augenblick so tief und sicher zu treffen weiß als eben wir . Darum sollte man sich vor keinem Feinde so sehr hüten , als vor seinen eigenen Schwächen und Phantasien , mögen sie noch so nahe mit der Tugend verwandt sein ! Jedem Feinde tritt man mit Härte , mit aller Macht des Geistes entgegen , und eine Art von Schadenfreude nebst der Lust am Siege sind uns vortreffliche Hülfstruppen gegen den Feind außer uns . Wer hat aber Selbstbeherrschung genug , mit offenen ehrlichen Waffen gegen sich selbst zu kämpfen ? Wen freut es , über ein verhätscheltes Kind des eigenen Wesens zu siegen , das wir doch immer lieben , eben wie ein Vater sein Kind , wenngleich er nicht blind für dessen Fehler ist ? Dennoch hatte sich äußerlich nach jener Unterredung des Vaters mit Reinhard das gute Vernehmen zwischen allen Theilen wieder hergestellt , und Herr Meier konnte seiner Frau die Versicherung geben , daß für Jenny ' s Zukunft in Bezug auf die gewohnten Annehmlichkeiten des Lebens nichts zu befürchten sei . Eine andere Angelegenheit aber verursachte ihm immer lebhaftere Besorgniß : Eduard ' s tiefer Kummer nämlich , den dieser vergebens unter der Maske ruhigen Ernstes zu verbergen strebte und dessen Grund der Vater nicht erst zu errathen brauchte . Nachdem er also mit Reinhard geordnet hatte , was ihm für Jenny ' s Zukunft unerläßlich schien , ließ er Eduard eines Tages zu sich rufen . Der Verkehr zwischen Vater und Sohn war immer einfach gewesen , und auch jetzt machte der Vater keine besondere Einleitung . Ich habe ein ernstes Wort mit Dir zu reden , sagte er , als sie allein beisammen waren , und ich habe nicht erst nöthig , Dir den Gegenstand zu nennen . Ich glaubte mit Recht erwarten zu dürfen , daß Du mir aus einem Verhältniß kein Geheimniß machen würdest , welches Dich seit lange schon beschäftigt . Du kannst nicht leugnen , daß Du eine Liebe für Fräulein Horn empfindest . Auch möchte ich das nimmer , fiel Eduard lebhaft ein . So beantworte mir ehrlich die Eine Frage , wohin soll das führen ? - Bist Du entschlossen , Christ zu werden ? fragte er , da Eduard schwieg . Um keinen Preis , erwiderte Eduard fest , selbst um den Besitz des Mädchens nicht ! Er war bewegt und kämpfte die Bewegung nieder . Dann sagte er nach einer Weile : Es ist wahr , ich liebe sie , und um sie zu erlangen , sie mein zu nennen , soll kein Mittel unversucht bleiben . Ihres Herzens bin ich gewiß , obgleich nie ein Wort von Liebe unsere Lippen berührt hat ; und nicht aus Mißtrauen schwieg ich gegen Dich , sondern weil an dem Tage , an dem ich Dir Clara als meine Braut vorzustellen hoffte , ich Dir einen doppelten Sieg zu verkünden wünschte . Der wäre ? fragte der Vater . In keinem Gesetz des Landes ist die Ehe zwischen Christen und Juden verboten , obgleich sie nicht gebräuchlich bei uns ist . Ich habe um die Erlaubniß zu solcher Ehe nachgesucht , mich darauf stützend , daß in Dänemark und Holland , die ebenfalls streng protestantische Länder sind , solche Verbindung statthaft ist . Wenn es mir nun gelingt , diese Erlaubniß zu erlangen , wenn ich , indem ich mir die Geliebte gewinne , zugleich einen Schritt vorwärts gegen das Ziel mache , das wir erstreben , dann wollte ich vor Dich hintreten und Dir die erkämpfte Braut als Tochter zuführen . Und wenn Du diese Erlaubniß nicht erhältst ? fragte der Vater ; und da der Sohn darauf nicht antwortete , fügte Jener mit gerechtem Bedenken hinzu : Dann hast Du , auf eine höchst zweifelhafte Aussicht hin , die Ruhe , vielleicht das Glück eines Mädchens zerstört , das zu edel von Dir dachte , um zu glauben , Du würdest unvorsichtig Hoffnungen in ihr erregen , die zu erfüllen Dir unmöglich ist . Sage mir nicht , Du hättest Clara Deine Liebe nicht gestanden . Das sind Entschuldigungen , die kein ehrlicher Mann sich machen darf . Sie kennt Deine Liebe ; sie erwiedert sie ; das wissen wir Alle , Clara ' s Eltern vielleicht ausgenommen . Daß Du um Clara ' s Liebe geworben , und das hast Du ; verzeih mir , mein Sohn , das war keine gute That , das war ein schweres Unrecht , sobald Du entschlossen warst , nicht Christ zu werden . Eduard fuhr auf , nahm sich aber zusammen und sagte ruhig : Unrecht wäre es vielleicht gewesen , wenn ich nicht mit aller Kraft gegen diese Neigung gerungen hätte ; wenn ich sie nicht auf jede Weise vor Clara zu verbergen gesucht und nicht ihr selbst immer die Hindernisse , die uns trennen , vorgehalten hätte . Clara weiß , daß wir nicht viel zu hoffen haben . Wozu nützt ihr dieses Wissen ? fragte der Vater . Rechnet sie darum weniger auf die Erfüllung Eurer gemeinschaftlichen Wünsche ? Und geschah es auch , um ihr jede Hoffnung zu rauben , daß Du sie in unser Haus geführt hast ? Glaubst Du , Jenny ' s bevorstehende Taufe werde ihr nicht den Muth geben , auch von Dir das Nämliche zu erwarten ? Was soll Clara ' s Vater von mir denken , daß ich seine Tochter in mein Haus aufgenommen und mich dadurch zum Förderer und Schützer einer Liebe hergegeben habe , durch