. Sie war von einer tiefen Herzensreinheit ; nicht von der des Kindes , welches überhaupt von keiner Schuld weiß . Ihr heißes Herz verstand jede Schuld , jede Schwäche - nur nicht für sich selbst . Sie maß sich nie bei , die Absicht des Schöpfers mit den Geschöpfen erkannt zu haben : nur für sich hatte sie dieselbe erkannt und sie lag in dem kleinen Wort : aufwärtsstreben . Jede Gemeinheit der Lüge , der Heuchelei , der Gefallsucht war ihr fremd - eben ihrer reinen Natur nach , welche jeden Schein verachtete , und zu der hatte sie eine Zuversicht , die auf nichts begründet und durch nichts gerechtfertigt war . Was ihr begegnete , nahm sie von höherer Hand gesendet an , um es zu ihrem Besten zu verarbeiten , ohne Jemand dadurch zu beeinträchtigen . Aber wo zieht sich der Faden einer Existenz so einsam hin , daß kein fremder sich mit ihm verschlinge und verwebe ? daß dieser nicht breche , wenn der Knoten in jenem zerrissen wird ? Indessen kam der Brief für Andlau am nächsten Tage nicht zu Stande , wenigstens nicht so , wie es Faustinens Absicht gewesen . Sie wurde im Schreiben überraschend gestört , indem Frau von Stein sich bei ihr melden ließ . Faustine empfing sie äußerst artig , aber jene nahm nicht sonderlich Rücksicht darauf , und begann sogleich damit , ihr zwar in zierlichen Phrasen , allein ganz unverhohlen Vorwürfe über den ungünstigen Einfluß zu machen , den sie auf Cunigunden geübt . Das Mädchen sie nun erst recht in seinem Eigensinn bestärkt , und sowol Feldern , als sie selbst hätten ganz das Gegentheil erwartet . Faustine antwortete mit einiger Befremdung , daß sie Cunigunden gar keinen Rath gegeben , weil er nicht von ihr verlangt sei , und daß sie das Mädchen schon allzu entschieden gefunden habe , um glauben zu können , daß ihr oder irgend ein anderer Rath von bestimmender Wirkung sein könnte . » Aber nur eine Kranke konnte ich nicht in dem schönen , edlen Geschöpf erblicken , « fügte sie hinzu , » und das mag allerdings sie erkräftigt haben . « » Jede Ueberspannung ist Krankheit der Seele , « fiel Frau von Stein ihr ins Wort ; » und Ueberspannung ist Alles , was uns durch überfeinerte Ansprüche an Glück unserer Bestimmung entfremdet , wol gar entzieht . Cunigunde ist unbemittelt und ihre Zukunft durch nichts , als durch eine Heirath zu sichern . Für jedes Madchen ist es wünschenswerth und ehrenvoll , die Gattin eines so wackern Menschen zu werden , wie Feldern . Ich aber wünsche nicht blos Cunigundens , sondern auch ihrer Schwestern wegen , meine älteste , schönste Tochter zu verheirathen ; denn die beiden jüngern werden stets durch sie in Schatten gestellt sein , wenn sie im älterlichen Hause bleibt . Mir muß das Glück all meiner Kinder am Herzen liegen , und ist die Eine thörig , so dürfen die Andern nicht darunter leiden . « » O Gott , « seufzte Faustine , » Cunigunde leidet aber . « » Ja , gegenwärtig , weil unser Aller Mißvergnügen sie drückt . Hat sie sich nur erst überwunden und den Schritt gethan , welcher ihr jetzt unmöglich scheint , so wird ihr reines Herz in dem Bewußtsein erfüllter Pflicht die nöthige Stärke und Erhebung finden , um sie mit ihrem Schicksal auszusöhnen . Und überdies geht sie ja keinem entsetzlichen Schicksal entgegen . Feldern ist ein Mann , den eine verständige Frau lenken kann , wie sie will - « » Führe uns nicht in Versuchung ! « sagte Faustine mit einem Ton , vor dem Frau von Stein unwillkürlich verstummte . Nach einer Pause , in welcher Beide sich scharf fixirten , sagte Faustine : » Den geliebten Mann zu beherrschen , ist ein momentaner Triumph unsres Herzens , das mit seiner Glut zuweilen den fremden Widerstand schmilzt und doch schon heimlich bereit ist , den errungenen Scepter niederzulegen . Den ungeliebten Mann zu beherrschen , ist eine Entwürdigung , weil nur zwei niedrige Mittel diese Herrschaft geben können : die Heuchelei der Frau , die Sinnlichkeit des Mannes ; - und sie anwenden zu müssen wäre kein entsetzliches Schicksal ? Wenn alle Welt sagt , der Mann ist glücklich dadurch ! und wenn er selbst sich vollkommen glücklich fühlt ! und wenn es die höchste Ehre einer Frau ausmacht , den Gatten zu beglücken - so sage ich dennoch , durch diese Mittel ist die Frau entwürdigt - nicht vor der Welt , denn was weiß die Welt von einem reinen Herzen ? und das allein giebt Adel und Würde ; - aber vor sich selbst . Haben Sie doch Mitleid mit Ihrer Tochter , führen Sie nicht sie in Versuchung . « Aber Faustinens Ansichten konnten keinen Eindruck auf Frau von Stein machen , welche ihr Leben lang nach den entgegengesetzten gehandelt hatte . Sie sagte daher : » Bei der schneidenden Verschiedenheit unserer Meinungen werden Sie sich gewiß nicht wundern , Frau Gräfin , wenn ich wünsche , daß meine Tochter keinen fernern Gebrauch von Ihrer Erlaubniß macht , Ihren Umgang fortzusetzen . « Faustine sagte traurig : » Also nicht einmal mich sehen soll die arme Cunigunde ? .... Wenn es ihr nun aber eine Freude wäre ? « setzte sie bittend hinzu . » Ich begreife nicht , « entgegnete Frau von Stein scharf , » welch seltsames Interesse Sie an meiner Tochter nehmen . « » Ich liebe das Liebenswürdige « - sprach Faustine sanft . » Doch hat es einen gehässigen Anstrich , störende Verhältnisse zu begünstigen . « » Der Vorwurf trifft mich nicht « - sprach sie noch sanfter , und sogar Frau von Stein wurde entwaffnet durch ihre Anmuth , und schied freundlicher , als sie gekommen , aber unerschütterlich in Betreff Cunigundens . Kaum war Faustine allein , als sie einen Brief erhielt . Die Aufschrift von unbekannter Hand machte ihr Herz ängstlich schlagen . Das Fremde ist so selten etwas Gutes . Sie erbrach athemlos den Umschlag und fühlte sich wahrhaft erleichtert , als sie die Unterschrift : Cunigunde - las . Diese schrieb : » Meine Mutter wird Ihnen so eben sagen , daß ich Sie nicht mehr sehen soll , Holdselige ! Das betrübt mich tief ; denn nicht nur , daß ich Sie immer sehen möchte : ich habe auch eine dringende Bitte , die ich jetzt schriftlich an Ihr Herz legen muß . Mein guter Vater ist mit mir einverstanden , er billigt meinen Schritt , er unterstützt meine Bitte . - Unter den gegenwärtigen Verhältnissen bin ich Arme leider dem älterlichen Hause eine Last geworden . Es ist bitter für ein Kind , das zu erkennen ; doppelt bitter mir , weil ich selbst daran schuld bin und es doch nicht auf die Weise ändern kann , welche man von mir wünscht . Aber das Haus verlassen , wo ich Allen , nur nicht meinem armen lieben Vater , im Wege bin - das kann ich allerdings und das will ich . Dazu müssen Sie , Sie wahrhaft Gnädige , mir behülflich sein . Sie haben Verwandte und Freunde in der Ferne , die Ihrem Wort , Ihrer Bitte gern Gehör geben werden . Ach , für sich selbst haben Sie wol nie gebeten , Ihrem unausgesprochenen Wunsch sind gewiß Alle zuvorgekommen . Nun denn , so bitten Sie für mich , daß man mich aus Menschenliebe aufnehme , eine Freistatt mir gönne , einen Wirkungskreis mir anweise , den meine geringen Fähigkeiten ausfüllen können . Einen andern Anspruch an diese große Barmherzigkeit , als den , daß ich sie bedarf , habe ich freilich nicht , denn ich bin ein unbedeutendes , unentwickeltes Wesen , das denen , die sich meiner annehmen wollen , nichts verheißen kann , als Dankbarkeit . Aber wenn Sie das Gewicht Ihrer Bitte für mich in die Schaale legen , so sinkt sie gewiß herab . Zürnen Sie mir , weil ich diese Zuversicht zu Ihnen habe ? - Mein letztes Wort ist : möchte ich so bald wie möglich so fern wie möglich sein . « Nachdem Faustine mit tiefer Rührung diesen Brief gelesen , schrieb sie ihn ab , erzählte Andlau ausführlich Cunigundens Geschichte und auf welche Weise sie darin verflochten sei , beschwor ihn , bei seinen Schwägerinnen und wo man Vertrauen zu ihm habe , nach einer Freistatt für Cunigunden zu suchen , schloß die Copie in ihren Brief , und dachte erst , nachdem er gesiegelt , daß kein Wort von der gestrigen Begebenheit darin stehe . Aber dies ist auch wichtiger - fügte sie hinzu und schickte den Brief augenblicklich zur Post . - Daß sie dem armen Clemens versprochen hatte , sich heute auf dem Bassin des großen Gartens im kleinen Eisschlitten von ihm fahren zu lassen - war ebenfalls gänzlich ihrem Gedächtniß entschwunden , und fiel ihr erst dann ein , als er in später Abendstunde sich bei ihr anmelden ließ . Sie war eben an ihre Toilette gegangen , um sich auf einen glänzenden Ball zu begeben , wo sie mit Mengen über die Vorfälle des heutigen Tages plaudern wollte , also konnte sie Clemens nicht annehmen . Eine halbe Stunde später trat sie in den geschmückten Saal . Mengen stand mit Feldern so , daß er den Eingang im Auge hatte , und obgleich er lebhaft mit dem Freunde sprach , so flog doch sein zerstreuter Blick unablässig dorthin . Feldern war sehr niedergeschlagen , weil der Bruch mit Cunigunden unwiderruflich , und seine Achtung vor ihrem festen Willen seine Neigung nicht verminderte . » A revoir ! « sprach Mengen plötzlich ; » hernach reden wir weiter darüber . « » Heute nicht mehr , « sagte Feldern lächelnd , denn er folgte Marios Augen und sah Faustine . Sie stand an der Thür , die Unmöglichkeit einsehend , durch den Kreis der Tänzer und das Gedränge der Zuschauer zu brechen . Sie lehnte an dem Pfeiler mit übereinander geschlagenen Armen - eine Stellung , die den meisten Frauen wegen zu enger Kleidung unmöglich sein dürfte - und die Rechte tändelte mit dem Fächer , den sie sinnend an den Lippen hielt , nachdem ihre Gedanken nicht mehr durch die Umgebungen beschäftigt waren . Das meergrüne Kleid , die leichten , lang herabfallenden Locken , die stille Traurigkeit , welche sich wie ein silberner Schleier auf ihre weichen Züge legte , gaben ihr etwas so Aetherisches , daß Mario , während er sich Bahn zu ihr machte , unablässig sie im Auge behielt , um sich zu vergewissern , daß sie kein Traumgebild sei , oder um , wenn sie ein solches sei , doch wenigstens wahrzunehmen , wie sie sich in Duft auflöse . » Welch ein allerliebst verdrießliches Gesichtchen bringen Sie auf unsern muntern Ball , Gräfin Faustine « - sagte er , als er sie endlich erreicht . » Es ist übel , daß jede Trauer einen verdrießlichen Beischmack hat , « antwortete sie gelassen . » O keine Trauer heute ! « bat er , » ich bin glücklich - noch von gestern , glaub ' ich ! und dann hab ' ich die Nachricht bekommen , daß meine zweite Schwester dem Ziel ihrer Wünsche , der Verbindung mit einem längst Geliebten , durch unvorhergesehene günstige Umstände ganz nahe ist . Die beiden Menschen haben sich abgequält und abgezehrt , und nun ist plötzlich das Glück da . « » Sagen Sie lieber , die Qual ist aus ! ob das Glück nun kommt , ist fraglich . « » Sie hoffen es doch ! - Wollen Sie mit mir walzen , Gräfin Faustine ? « » Ich kann heute keine lustigen Leute leiden , Graf Mengen . « » Ich bin nicht lustig , nur heiter . « » Wenn die Heiterkeit sich auf äußere Dinge und Zeichen legt , wird sie lustig . « » Nun , wie soll ich sein , um Ihnen zu gefallen ? « » Theilnehmend « - sagte sie und eine Thräne trat in ihr Auge . Mengen erbleichte . Sie weinte und er hatte sie geneckt , in guter Absicht zwar , um sie von der Traurigkeit zu zersteuen , die er beim ersten Blick in ihrem Gesicht entdeckt ; aber sie weinte . Er nahm ihren Arm unter den seinen und führte sie zu einem ruhigeren Platz in einer Fensternische . Da sagte er erst : » Was ist Ihnen widerfahren ? « - Und Faustine erzählte . Zum Schluß bat sie ihn , seinerseits sich zu bemühen , damit Cunigundens Wunsch erfüllt werden möge . » Feldern selbst muß uns dafür dankbar sein , « fügte sie hinzu , » wenn er nur das geringste ächte Gefühl für dies edle Geschöpf hat . « Mengen hatte gespannt zugehört . Er war beglückt , weil nicht Faustine persönlich von einem Leiden heimgesucht ; und zwiefach beglückt , weil er im Stande war , das fremde , welches ihr so zu Herzen ging , zu heben . Er sagte : » Thun Sie mir den Gefallen , sich recht innig über die Verlobung meiner Schwester Matilde zu freuen . « » Recht gern , mein lieber Mengen , besonders darüber , daß Sie ein so zärtlicher Bruder sind , denn ich habe Sie nun doch einmal lieber , als Ihre mir unbekannte Schwester Matilde . « » Aber diese Verlobung macht ja , daß meine jüngste Schwester , eine allerliebste Person , nun ganz allein bei den Eltern sein wird , weshalb ich den Auftrag habe , eine junge und liebenswürdige Gesellschafterin für sie ausfindig zu machen . « » Mengen ! lieber Bester ! ist es wahr ? « fragte Faustine mit innerm Jubel . » Und da könnte ich wol keine liebenswürdigere finden , als Fräulein Stein . « Die Thränen rollten rasch und heiß aus Faustinens Augen . » Dank ! « sagte sie , » o tausend , tausend Dank ! « Sie drückte seine Hände , sie sah ganz verklärt aus . » Sie sind ein Engel ! « sagte Mario rasch und leise . » Ich nicht , « sprach sie und trocknete die Augen ; » aber Sie ! Sie bringen ja eine himmlische , eine rettende , trostreiche Botschaft . « » Wer sich so freuen kann , ist ein Engel ! der gewöhnliche harte , kalte , engherzige Mensch hat kein solches Mitgefühl . « » Wenn Sie wüßten , wie froh Sie mich machen ! dies ist der erste gute Augenblick , den ich heute gehabt . Ich konnte gar nichts für Cunigunden thun ! solch Wesen paßt nicht überall hin . Unter meinen nähern Bekannten konnte ich niemand ausfindig machen , mit meiner Schwester würde sie nicht harmonirt haben - und nun nehmen Sie mir die schwere Sorge vom Herzen . Nicht wahr , Sie schreiben gleich morgen früh an Ihre Eltern ? ich werde Ihnen Cunigundens Brief senden , damit die Ihrigen sich überzeugen mögen , wie anspruchlos sie auftritt . Nicht wahr , Sie zweifeln nicht , daß es uns glücken wird , sie aus ihren trüben Verhältnissen zu erlösen ? Machen Ihre Eltern , macht Ihre Schwester besondere Ansprüche an die Gesellschafterin ? « » Gar keine , als daß sie musikalisch sei . « » Das ist Cunigunde ! sie singt lieblich . « » Sie hat freilich eine glockenreine Stimme , aber ihr Gesang ließ mich eiskalt . « » Kurz , sie singt und spielt das Piano - das ist die Hauptsache . - O ich bin froh über die Verlobung Ihrer Schwester Matilde ! .... Wollen wir walzen ? « Sie tanzte selten , weil sie es übernatürlich langweilig fand , den Tanz , diesen jubelnden Ausdruck des Frohsinns , bis zur Ermüdung und Erschlaffung durch lange Stunden , gleich einer aufgegebenen Arbeit , auszudehnen . Es würde ihr eben so unmöglich gewesen sein , einen ganzen Abend hindurch zu tanzen , als zu lachen . Was sie auch that - es geschah nie ohne eine innere Nothwendigkeit . Darum tanzte sie auch wie Niemand sonst , obschon ihre Bewegungen so regelrecht waren , wie vom Tanzmeister eingeübt . Faustine wollte Mario eine Freude machen , darum tanzte sie mit ihm . Als mehre andre Herren sie um gleiche Gunst baten , sagte sie lachend : » Sie kommen zu spät ! « - und war zu keinem Schritt zu bewegen ; was man denn freilich wunderlich genug fand . » Ich mußte heute doch einen Spaß haben , « sagte Faustine zu Mengen , » nachdem ich einen sehr hübschen versäumt - eine Fahrt auf dem Eise im großen Garten mit Walldorf ; Alles wegen der bewußten Angelegenheit . Auch mein Diner hab ' ich darüber versäumt ! um vier Uhr war ich in Schreiberei vertieft , und hernach , als meine gewohnte Speisestunde vorüber - hatte ich keinen Hunger mehr . « » Es muß immer Jemand Ihnen zur Seite stehn , der für Sie sorgt : sonst begreife ich nicht , wie Sie durch das Leben kommen sollen , Gräfin Faustine . « » Es ist mir auch unbehaglich genug . « » Für das verlorne Diner kann ich Ihnen freilich keinen Ersatz bieten . Wollen Sie sich aber morgen von mir im Eisschlitten fahren lassen , so sind Sie wol sicher , daß Sie mich erfreuen . « » Ich bin heute in gnädiger Stimmung für Sie - dann thue ich Alles , was man wünscht , und sage gewiß nicht Nein . « » Thun Sie das je , wenn ein Anderer Ja sagt ? « » Wenn ich nicht diesem Andern gegenüber meine Selbständigkeit dadurch verloren , daß ich ihn liebe - so muß ich allerdings für mich selbst denken und handeln , und dann kann es kommen , daß ein sehr dezidirtes Nein seinem Ja begegnet . Uebrigens hasse ich Nein und Ja , und all diese trocknen , scharfen Worte , die plötzlich den sanften Lauf der Dinge hemmen , wie die Schleuse den Bach . Bei Menschen , die überhaupt sich verstehen , folgt die ganze Entwickelung des Charakters , des Verhältnisses so unumgänglich klar aus dem ersten Verständniß - welches nichts ist , als die erste Begegnung in ihrer primitiven Frische - daß eine Frage , auf welche Ja oder Nein folgt , mir ganz possierlich vorkommen würde . Fragte mich Jemand : lieben Sie mich ? so könnte ich doch gewiß nichts Besseres thun , als dem Tropf den Rücken zukehren , der das Ja oder Nein nicht längst gemerkt hat . « » Die Frauen lassen uns so häufig in Zweifel über ihre eigentlichen Gefühle , und treiben so häufig allerliebste Koketterie mit fremden , daß solche unschuldige Frage uns armen , schlichten Männern erlaubt sein dürfte . « » O die Männer sind rührend in ihrer Einfachheit ! « rief Faustine höchst belustigt . » Wesen , die immer sich arrangiren , berechnen , auf ihrer Hut sind , sollen sich plötzlich zu einer Simplizität erheben , welche die Gefährtin der Kindesunschuld ist oder - der weltgroßen Leidenschaft , denn diese wirft allen den Flitterkram der Eitelkeit und der Mode von der brennenden Stirn und dem mächtig schlagenden Herzen . « » Gräfin Faustine , « sagte Mario ganz ernst , » Sie werden mich von Vorurtheil für mein Geschlecht befangen nennen - dennoch ist es meine tiefste Ueberzeugung , daß ein Mann leichter als das Weib eine weltgroße Leidenschaft faßt . « » Für das Spiel , zum Exempel , für ' s Gold , für den Ruhm - ja , das glaub ' ich . « » Nein , grade die Leidenschaft , welche Sie im Sinn hatten . « » Gut ! auch für die Frauen . « » Nicht für die Frauen , Gräfin Faustine , für eine Frau . « » Richtig ! ich besinne mich , daß Sie auch nur den Mann der Begeisterung fähig halten . Sie sind consequent , lieber Mengen , consequent in der Verblendung und Parteilichkeit . Nicht wahr , nur die Männer sind consequent ? « » Der Ausgleichung wegen sind die Frauen eigensinnig . « » Das kommt auf eins heraus . « » Nicht ganz ; der Eigensinn beharrt bei Grillen und Launen . Zur Consequenz gehört das Fundament einer bestimmten Ansicht , welche zur Richtschnur wird beim Aufbau des Gebäudes . « » Aber diese Richtschnur kann eben so falsch wie eine Grille sein . « » Falsch allerdings - dann muß der Baumeister sein Gebäude niederreißen . Aber es ist doch kein solcher Wirrwarr in seinem , als in demjenigen Kopf , der ohne Plan baut , der heute für eine corinthische Säulenhalle schwärmt , morgen eine gothische Thür dahinter wölbt , und übermorgen das Ganze mit einem chinesischen Dach krönt . « » So geschmacklos sind die Frauen nicht ! « rief Faustine entsetzt . » Ihr Künstlerauge stößt sich an den falschen Proportionen - « » Und sollte das nicht auch die Seele thun ? « » Ja , wenn sie unverwirrt ist , wenn sie sich nicht von ihrem ersten Plan abbringen läßt , sobald sie den Grundstein dazu gelegt . Aber sagen Sie selbst , sagen Sie die Hand auf dem Herzen : kann man zu einer Frau diese Zuversicht haben ? Sind sie nicht immer schwankend , weil sie schwebend - zerbrechlich , weil sie zart - lenksam , weil sie beweglich sind ? Gräfin Faustine , sind Sie sicher , daß diese Cunigunde , welche jetzt vor unser Aller Augen einen dorischen Tempel aufführt , in dem nur ernste Götter wohnen können - in diesem strengen Styl beharren werde ? « » Nein ! « rief sie fast ängstlich ; » aber schön wird er immer bleiben . Und überhaupt - wo ist denn der Mann , der so endet , wie er begonnen hat ? erfüllt er alle Erwartungen , entspricht er allen Wünschen , überwindet er alle Versuchungen ? reißt nie der Faden , aus welchem er das Gewebe seines Lebens bildet ? « » Er reißt , allein einen andersfarbigen knüpft er nicht an . « » So denken wenig Männer ! daß Sie zu den Ausnahmen gehören , glaube ich gern . « » Die Frauen klagen über den Wankelmuth der Männer , die Dichter singen davon , dicke Bücher sind damit voll geschrieben - und wer mag ergründen , ob der erste Zweifel an Treue , und somit der erste Schritt zum Wankelmuth , nicht zuerst durch die erste Geliebte in die Brust des Mannes gehaucht ward ! « » Was ist Ihnen denn begegnet , daß Sie die Frauen so sehr hassen oder gering achten ? « fragte Faustine mild und traurig . » Welch eines Frevels beschuldigen Sie mich , weil ich zu äußern wage , daß mit der unsäglichen Grazie des Weibes selten jene Kraft sich paart , welche unser Erbtheil worden ist , und welche nothwendig dazu gehört , nicht um eine weltgroße Leidenschaft zu fassen - wol aber um sie festzuhalten . Mich hat nie eine Frau verletzt , vielleicht deshalb - sagte er lächelnd - weil ich Keiner mein ganzes Herz hingegeben ; und wenn ich sage , daß sie schwach sei , so hindert mich das keineswegs , sie zu lieben , ja , die am innigsten zu lieben , deren fliegende Seele ewig eines Schutzes , einer Zuflucht , eines unwandelbaren Haltpunktes bedürfte . « » So muß es auch sein , « sagte Faustine . Beide schwiegen , ernst , in tiefen Gedanken . Unbegreiflich , daß ein Mann auf der Welt außer Anastas so gesinnt ist - sprach Faustine heimlich zu sich selbst . Unbegreiflich ! wiederholte sie und sah Mengen tief und forschend an . Aber das letzte : Unbegreiflich ! hatte sie , ohne es zu wollen , laut ausgesprochen . » Mir scheint es sehr natürlich « - antwortete er , und nach einer Weile , da sie schwieg , rief er : » Wollen Sie mich beurlauben , Gräfin ? ich habe nicht umhin können , der Lady Geraldin eine ihrer ewigen Schachpartien zu versprechen . « » Thun Sie , was Sie thun müssen , « sagte Faustine boshaft . » Nur wenn Sie mir Urlaub geben . « » Sie sind nicht in meinem Dienst , wie in dem der Lady Geraldin : wie könnte ich Ihnen Urlaub geben . « » Wünschen Sie wirklich , daß ich nicht zur Schachpartie gehe ? « » Warum soll ich es nicht wünschen ? « fragte sie unbefangen , und sah ihn groß an . » Dann bleibe ich gewiß auf diesem Platze an Ihrer Seite . « » Das habe ich ja nur gewollt ! erzählen Sie mir von Ihrer jüngsten Schwester , deren Gefährtin Cunigunde nun bald sein wird . « » Meine Schwester Marie ist achtzehn Jahr alt , ziemlich gescheut und sehr hübsch mit blondem Haar und braunen Augen . « » Das ist eine äußerst trockne Beschreibung , « sagte Faustine belustigt . » Ach , « rief Mario , » was kann ich Ihnen von Andern erzählen ! Immer und ewig möchte ich Sie reden hören und , wenn ich sprechen müßte , von Ihnen selbst zu Ihnen sprechen . « » Himmel , das wäre langweilig für mich ! « » Das glaube ich nicht ! Giebt es ein Wesen , für das Sie sich lebhafter interessiren , als für Sich selbst ? « » Schlimm genug , wenn das der Fall - und ich kann es nicht leugnen . Denn wie soll ich Respect haben vor irgend einer Wesenheit , wenn ich nicht bei meiner eigenen anfange ? und habe ich überhaupt erst diese Achtung für menschliche Entwickelung und menschliches Streben gefaßt , wie sollt ' ich nicht suchen , zuerst mich selbst durchzuarbeiten ? Das ist unser Ziel , das ist unsere Seligkeit . Muß der Mensch nicht stets diesen letzten Zweck alles Seins im Auge behalten ? « » Und nebenbei den unerschütterlichen Stützpunkt der ewigen Moral : daß diese Seligkeit durch kein Unrecht zu erringen ist ! Wer sich mit seinem raffinirten Egoismus im Weltall isolirt , indem er alles Leben nur als den Born betrachtet , welcher ihm frische Nahrung zuströmt , der wird bald genug vogelfrei zwischen seines Gleichen sein , aber nicht frei - nicht geschützt in seiner Eigenthümlichkeit und durch sie , weil er keinen Respect vor der fremden hat . « » O , ich mag nicht vogelfrei sein ! Ich will ja nur das Bächlein sein , welches in das große Meer des Alls zurückströmt und spurlos verschwindet - wie gern ! wenn nur mein Lauf klar und meine Welle rein gewesen . « Marios Blick hing unverwandt an ihr ; aber der Strahl ihres Auges glitt bei diesen Worten an ihm vorbei und stieg leuchtend wie eine Girandola gen Himmel . In diesem leuchtenden Strahl zerschmolz ihr Herz und wallte empor , wie das Opfer von der Altarflamme verzehrt als Weihrauch aufsteigt . Es war etwas in dieser Frau , was sie befähigt hätte , eine große Heilige zu werden : der schmachtende , unauslöschliche Durst nach dem Ewigen . Mario dachte heimlich wie einst Clemens : und kann sie denn überhaupt lieben ? länger lieben , als den Augenblick , wo die Sonne der Liebe ihre jungen Strahlen in die Welt hineinwirft ? fester lieben , als das Lüftchen , welches süß und schmeichelnd meine Stirn umweht und versäuselt ? tiefer lieben , als eine Fee , welche drei Minuten lang den Geliebten beseligt und dann ihn verläßt ? - - So war es zwei Uhr Nachts geworden . Faustine wollte fahren . Ihr Bediente war nicht da ; Mario ließ ihn umsonst durch den seinigen suchen . » Der Mensch muß krank geworden sein , « sagte sie , » das ist ihm nie begegnet .... oder was kann ihm sonst widerfahren sein ? « Sie beunruhigte sich heftig ; sie wollte nach Hause und fürchtete sich . » Könnte er nicht auch meinen Schrank erbrochen , Geld genommen und entflohen sein ? es war freilich nicht sehr viel da - « Mengen lachte , aber er sagte : » Mein Wagen ist zu Ihrem Befehl ; ich werde Sie begleiten und dann sogleich nach dem Abtrünnigen forschen . « » Ach , guter Mengen , wie freundlich von Ihnen ! « seufzte Faustine . Er gab ihr seinen Mantel um , führte sie herab und fuhr mit ihr fort . Sie sagte : » Nun kann ich Ihnen Cunigundens Brief gleich mitgeben ! und morgen schreiben Sie Ihren Eltern und fügen ihn bei . Wann können wir Antwort haben ? « » Spätestens in acht Tagen . « » Wenn sie günstig lautet , aber erst dann , theil ' ich sie Cunigunden mit . « Faustinens Wohnung war bald erreicht . Im Vorzimmer kam ihre Kammerjungfer ihr wie gewöhnlich entgegen . Faustine fragte : » Wo ist Ernst ? « » Vor einer Stunde ist er gegangen , die gnädige Gräfin abzuholen . Aber Herr von Walldorf ist noch hier . « » Welcher Einfall , Jeannette , um diese Stunde Besuch anzunehmen ! « rief Faustine heftig . » Ernst hat es gethan , gnädige Gräfin , ich nicht . « Faustine öffnete rasch die Thür des Salons und trat ein ; Mengen mit ihr . Eine Lampe brannte ziemlich dunkel in dem großen Gemach , in dessen entferntestem Winkel Clemens saß , im Lehnstuhl vergraben , die Arme auf den Knien , das Gesicht mit beiden Händen bedeckt . » Herr von Walldorf ! « sagte Faustine zürnend . Er fuhr auf und sah sie bestürzt an . »