Zügel schießen lassen , bis dann aber lasse Deinen Mut nicht in vergeblichen Ausbrüchen verrauchen . Adieu ! Am Märchen schreib ich nicht . - Der vergißt mit dem Pflug umzudrehen ; über den Sternen , die er im Wasser blinken sieht . Leb wohl und gedenke meiner . Karoline Die Ursache , warum der Streit angegangen war über Dich , war ein Brief von Dir , den Du im achten oder neunten Jahr , kurz vor Deines Vaters Tod aus dem Kloster an ihn geschrieben hattest , und der Deinen Vater sehr gefreut haben soll , so daß er ihn in seiner Krankheit oft gelesen , St. Clair hatte ihn vom Clemens , der ihn aufbewahrt , abgeschrieben , und sagte , in diesem Briefe läge Deiner ganzen Anmut Keim . Das wollte die Lotte nicht zugeben und meinte , es sei lächerlich nur ihn als Brief zu rühmen , der Clemens verdrehe Dir den Kopf . Der Brief lautete wie folgt , da magst Du selbst Dich beurteilen : » Lieber Papa ! Nix - die Link ( da war eine Hand mit der Feder gezeichnet ) durch den Jabot gewitscht auf dem Papa sein Herz , die Recht ( wieder eine Hand gemalt ) um den Papa sein Hals . Wenn ich keine Händ hab , kann ich nit schreiben . Ihre liebe Tochter Bettine Fritzlar 1796 am 4 ten April « Was mich verstimmte , war , daß die Lotte den Brief fortwährend mit gellender Stimme vortrug und die Dummheit eines achtjährigen Kindes und die Liebe des verstorbenen Vaters nicht schonte , ich warf dem St. Clair vor , daß er ihn herausgegeben hatte . » Ach ! « sagte er , » ich hab ' s schon hundertmal bereut . - Man kann ihr auch einst zurufen wie dem Simson : Bettine , Philister über dir , zum Glück liegt ihre Stärke nicht in den Locken , die man abschneiden kann , sondern im Geist , und der wird sich nicht gefangengeben . « Gelt , das ist ein gut Geschichtchen , ich glaub , der St. Clair liebt Dich , die Lotte meinte , Du habest letzt auf der Gerbermühl eine so lange Unterhaltung heimlich mit ihm gepflogen . An die Günderode Vor ein paar Jahren wohnte hier nebenan in dem jetzt leerstehenden Haus ein Mann , der war aus der Fremde gekommen , ich glaub , es war die Schweiz , der tat Wunder mit seiner Willenskraft , bei Tisch war viel die Rede , er könne mit seinem Blick die kranken Menschen zum Schlafen bringen , daß die ihm dann über ihre Krankheit im Schlaf mitteilen , wie man sie heilen könne , und daß sie auch hellsehen in die Zukunft und in die Vergangenheit , beim Erwachen aber nichts mehr davon wissen - dieser Mann hatte mir was Geheimnisvolles , da die Leute so unheimlich von ihm sprachen . Auf einer Rasenbank an der Gartenwand konnt ich in seinen Garten sehen , wo er im Mondschein auf und ab wandelte , er kam auf mich zu und reichte mir ein paar Erdbeeren über die Wand und sagte : » Esse sie mit Bedacht und koste sie recht , so hast du mehr davon , als wenn du einen ganzen Korb voll unbedachtsam ißt . « - Ich stieg von der Bank mit meinen Erdbeeren und aß eine nach der andern , verwundert über den freundlichen Mann . Und am andern Tag , wie ich ihn im Garten wandeln sah , ging ich wieder hin , er kam und reichte mir die Hand , die hielt ich fest und sagte : » Die Erdbeeren hab ich geschmeckt . « » So ? - Nach was schmeckten sie denn ? « - » Nach schönem Wetter und ganz fruchtbarem Erdboden . « - Dem Mann gefiel die Antwort , er sagte : » Jetzt ist ' s zu dunkel , aber morgen , bei Tag , nehme ein Blatt von einem Baum oder sonst von einer Blume und halte es so , daß die Sonnenstrahlen durchschimmern , da wirst du eine Menge Gefäße drin erkennen , die vom Licht durchströmt sind ; so ist es auch mit deinem kleinen Kopf , er ist geeignet , daß das Licht leichtlich durchströme und dich reife , daß du auch dann schmeckst wie die Erdbeere , nach schönem Wetter , nach Sonnen- und Mondstrahlen . « - Ich sagte ihm , daß ich gehört habe , er schaue mit seinem Willen in die Menschen , daß sie denken müssen , was er wolle . - Er sagte : » Ja , ich will immer , daß sie die Wahrheit denken von sich - und da folgen sie ganz leicht , weil es ihrer Natur gemäß ist ; von dir will ich auch , daß du die Wahrheit denkst , die dir gemäß ist , wenn du dem folgst , wirst du so manches in dir erleben , was dir vollauf genügt . « - Ich redete noch mehr mit ihm - er sagte ein paarmal : » Du tust recht wunderliche Fragen , aber ich muß immer ja dazu sagen , denn sie sind wahr . « Er ehrte mich noch mit manchen freundlichen Lehren , ich hab ihn nicht mehr gesehen und hab auch nichts mehr von ihm gehört , er war wenige Tage darauf weggezogen , man wußte nicht wohin . - Es wurde noch mancherlei von ihm gesprochen , als sei er ein Betrüger , ich nahm mir das nicht an , ich hielt am Wort , was er mir gesagt hatte , daß die Sonne und Mond mich wollten wohlschmeckend machen , obschon es mir beinah so ging wie den andern , die beim Erwachen nichts mehr wissen ; ich konnte mich nicht mehr auf das besinnen , was ich mir doch gewiß vorgenommen hatte , nicht zu vergessen . Aber wenn mir so Gedanken kommen , die mich belehren , da denk ich manchmal auf den Mann zurück , ich möchte sie zwar gern behalten oder aufschreiben , aber sie ziehen mich immer weiter , und um den nächsten nicht zu versäumen , muß ich den früheren aufgeben , so ist ' s , daß ich nicht anders kann ; es muß doch so in der Natur des Lichts liegen , was den Menschen durchströmt und ihn nährt , wie die Sonnenstrahlen die Pflanze - daß das frische Licht immer das frühere verdrängt , wie im Strom eine Welle die andere , so mag es denn hingehen , daß ich kein Buch schreiben kann , wie der Clemens will , ich müßt ein Herbarium machen und sie trocknen , daß ich sie könnt nebeneinander hinlegen , unterdessen würden so manche Blumen verblühen , das will ich nicht , weil ich aber auf Dich gerichtet bin , fliegen so manche Gedanken auf zu Dir von selbst . Ja sie kommen sogar zwischen uns , wenn ich mit Dir bin . Du bist eben gar nicht wie ein Mensch , der mich fassen und halten will , Du bist wie die Luft , der Sonnenstrahl fährt nieder durch Dich in meinen Geist , so hell bist Du . Die Eule , die Jungfer Salome , der weise Meister im Abendschein , eine Vision des Philistertums , in dessen Geist sie versammelt waren . In der Bibliothek hab ich heute einen geschnittnen Stein gefunden ; der blecherne lackierte Kerl , der heut aus Homburg herüberkam , der G.r.g. , der die Welt durchs Perspektiv beguckt , um alles zu durchschauen ( zufällig passiert nichts vorm Guckloch ) , erklärt den Stein für antik , sonst wollt die Großmama mir ihn schon schenken für Dich . - Daphnis , vom Apoll verfolgt , wurzelt fest mit der flüchtigen Sohle und sprießt in Lorbeer auf . Das paßt so schön auf Dich . Dein Schicksal , Du siehst ' s vor Augen . Geliebt , verfolgt , umfangen vom Gott der Musen , und dann , ewig immerdar goldne Keime aufschossend , und der Dichter reiner Orden , der Dich umwandelt , mit Dir sich zu berühren , das ist kein Philistertum , solche Geschicke wie heilige Gefäße umfaßten ein Menschenleben zur Zeit der Griechen . ( Ist mir doch , als spräch ich mit Deinen Lippen . ) Aber heut ! Aber ich - mein Kopf ein Feld , das brach liegt - ich wandle zwischen Hecken , seh jede Erdscholle benutzt , der Salatkopf in der Mitt , die Bohnenstangen oben drüber , und mir bangt , daß ich nicht angepflanzt bin , ich denk , daß Du Dir Müh gibst mit mir , daß es nichts hilft . Nachts denk ich als , wenn die Sonn aufgeht , will ich lernen , am Tag wollt ich , die Nacht käm doch , daß ich allein wär und könnt mich selbst verstehen , ich armes Käuzlein kleine . Und stiftete das große Medopersische Reich . - Da sind wir geblieben , da hab ich ein groß Medusenhaupt in mein Geschichtbuch gezeichnet mit aufgesperrtem Rachen , fräß es doch die ganze alte Geschichte mit samt dem Arenswald auf . Ich war so froh über die Pfingsttage - eine ganze Woche war er ausgeblieben , ich hatte mich so schön entwöhnt ! - Die Perser , von den Griechen Cephonen genannt , von Cepheo , dem Sohne Belli , dessen Tochter Andromeda Perseus , der Sohn Jupiters und der Danae , geehelicht , ich glaub , der Kerl hat gefaukelt , ich mein den Geschichtslehrer . Wird ein Götterjüngling ein Philister sein und ehelichen . Indes meldet Arenswald einen Sprößling dieser Ehe , der das Cephonenland beherrscht unter dem Namen Persien , Cyrus vereint ' s mit Medien , erobert Babylon , Kleinasien , bleibt in der Schlacht gegen die Königin der Masageten . Ich frag gar nicht mehr , wer und woher - wer kann das Volk all im Kopf behalten ! - 3458 , Kambyses erobert Ägypten , bekriegt die Äthioper , der Magier Smerdis schwingt sich auf den Thron und hätt das Land bezaubern können , die Großen des Reichs , zu eselhaft , von einem Zauberer sich beherrschen zu lassen , entthronten ihn durch Mord . - 3462 , Darius Hystaspis bezwingt Babylon im Aufruhr , erobert Thrazien , Mazedonien , Indien . - Sein Sohn Xerxes bezwingt Ägypten im Aufruhr , zieht gen Griechenland , wird besiegt - heimkehrend ermordet . Artaxerxes schließt Frieden , sein Feldherr kehrt die Waffen gegen ihn , wird vom zweiten Xerxes unterjocht , Sogdian aber mordet seinen Burder Xerxem , Ochus aber mordet seinen Bruder Sogdian , beherrscht als zweiter Darius Persien , der zweite Artaxerxes aber mordet seinen Bruder Ochus , zerstört das Reich , der dritte Artaxerxes aber mordet seine Brüder alle , erobert Ägypten , Togoas aber ermordet den dritten Artaxerxem . - Togoas aber mordet dessen Sohn Aëstes und den größten Teil der königlichen Familie , damit ' s gleich in einem hingeht ( Bemerkung des Lehrers ) , der Statthalter aber mordet den letzten Königssprößling Darius Kodomanus . Zweihundertfünfundzwanzig Jahr bestand die Fürstenschlachtbank von Persien . Alexander kommt und beherrscht ' s 3654 . - Der Lehrer sieht mir den Ärger über seine lederne Geschichte an , reißt aus , Gott weiß , wie ' s zuging , daß die Tür seine Hosen faßte , es blieb ein Fetzen dran hängen , jetzt muß ich ihm für seine Mordlitanei noch eine Gratifikation geben , damit er sich ein paar neue kaufen kann . - Clemens verfolgt mich mit Bitten , daß ich Bücher oder Verse oder Erlebnisse und Erinnerungen aus dem Kloster aufschreiben soll . - Da hast Du seinen Brief . - Der Abgrund der vermoderten Geschichte unter mir , der unerreichbare Sternenhimmel über mir - und nachts Gedanken , die mir den Kopf zerbrechen . ( Am 10. ) Heut morgen hab ich Deinen Brief beim Frühstück der Großmama vorgelesen , sie ist schon so alt , sie nimmt ' s all mit ins Grab , sie hat Dich so lieb , sie sagt , Du wärst die edelste Kreatur , die sie je gesehen , und dann sprach sie von Deiner Anmut ; sie spricht immer schwäbisch , wenn sie recht heiter ist . » Siehst , Mädele , wie anmutig und doch gar bequem deine Freundin ist . « - Sie ist wirklich liebreizend , und da las ich ihr auch meinen Brief vor , sie sagt , » Du bischt halter e verkehrt ' s Dingele , « und dann hat sie mir den Stein mit der Daphnis doch geschenkt für Dich , ich lasse ihn fassen , Du mußt ihn tragen und mußt nicht sagen , von wem er ist . - Was ist Dein Brief voll schöner Geschichten , nur der Clemens ist doch mein Adam nicht , das prophezeist Du schlecht , daß er mich erst nach hundert Jahren auf dem Berg der Erkenntnis treffen werde . Ich hab ihn so lieb , so lang kann ich nicht Versteckelches mit ihm spielen , und doch hast Du vielleicht recht , im nächsten Brief will ich ' s sagen , aber dem Clemens fall ich um den Hals und küss ihn , da hat er mich , wie ich bin . Aber ! - es geht ein Weg - der führt in die Alleinigkeit . - Ist der Mensch in sein eignen Leib allein geboren , so muß er auch in seinen Geist allein geboren sein . - Der St. Clair ist gut , voll Herz , er wollt ja zum kranken Hölderlin reisen - er soll doch hin ! nach Homburg - ich möcht wohl auch hin . - Er sagt , es würde dem Hölderlin gesund gewesen sein , ich möcht wohl , ich darf nicht . - Der Franz sagte : » Du bist nicht recht gescheut , was willst du bei einem Wahnsinnigen ? willst du auch ein Narr werden ? « - - Aber wenn ich wüßt , wie ich ' s anfing , so ging ich hin , wenn Du mitgingst , Günderode , und wir sagten ' s niemand , wir sagten , wir gingen nach Hanau . Der Großmama dürften wir ' s sagen , die litt ' s , ich hab heute auch mit ihr von ihm gesprochen und ihr erzählt , daß er dort an einem Bach in einer Bauernhütte wohnt , bei offnen Türen schläft , und daß er stundenlang beim Gemurmel des Bachs griechische Oden hersagt , die Prinzeß von Homburg hat ihm einen Flügel geschenkt , da hat er die Saiten entzwei geschnitten , aber nicht alle , so daß mehrere Klaves klappen , da phantasiert er drauf , ach , ich möcht wohl hin , mir kommt dieser Wahnsinn so mild und so groß vor . Ich weiß nicht , wie die Welt ist , wär das so was Unerhörtes , zu ihm zu gehen und ihn zu pflegen ? Der St. Clair sagte mir : » Ja , wenn Sie das könnten , er würde gesund werden , denn es ist doch gewiß , daß er der größte elegische Dichter ist , und ist ' s nicht traurig , daß nicht ein solcher behandelt werde und geschützt als ein heiliges Pfand Gottes von der Nation , sagte er , aber es fehlt der Geist , der Begriff , keiner ahnt ihn und weiß , was für ein Heiligtum in dem Mann steckt , ich darf ihn hier in Frankfurt gar nicht nennen , da schreit man die fürchterlichsten Dinge über ihn aus , bloß weil er eine Frau geliebt hat , um den Hyperion zu schreiben , die Leute nennen hier lieben : heiraten wollen , aber ein so großer Dichter verklärt sich in seiner Anschauung , er hebt die Welt dahin , wo sie von Rechts wegen stehen sollte , in ewiger dichterischer Fermentation ; sonst werden wir nie die Geheimnisse gewahr werden , die für den Geist bereitet sind . Und glauben Sie , daß Hölderlins ganzer Wahnsinn aus einer zu feinen Organisation entstanden , wie der indische Vogel in einer Blume ausgebrütet , so ist seine Seele , und nun ist es die härteste rauhe Kalkwand , die ihn umgibt , wo man ihn mit den Uhus zusammensperrt , wie soll er da wieder gesund werden . Dieses Klavier , wo er die Saiten zerrissen , das ist ein wahrer Seelenabdruck von ihm , ich hab auch den Arzt darauf aufmerksam machen wollen , aber einem Dummen kann man noch weniger begreiflich machen als einem Wahnsinnigen . « - Er sagte mir noch so viel über ihn , was mir tief durch die Seele ging , über den Hölderlin , was ich nicht wieder sag , und ich hab mehrere Nächte nicht schlafen können vor Sehnsucht hinüber nach Homburg , ja wollt ich ein Gelübde tun ins Kloster zu gehen , das könnt doch niemand wehren , gleich wollt ich das Gelübde tun , diesen Wahnsinnigen zu umgeben , zu lenken , das wär noch keine Aufopferung , ich wollt schon Gespräche mit ihm führen , die mich tiefer orientieren in dem , was meine Seele begehrt , ja gewiß weiß ich , daß die zerbrochnen umbesaiteten Tasten seiner Seele dann wieder anklingen würden . - Aber ich weiß , daß es mir nicht erlaubt würde . So ist es , das natürliche Gefühl , was jedem aus der Seele tönt , wenn er nur drauf hören wollte ( denn in jeder Brust , auch in der härtesten , ist die Stimme , die ruft : hilf deinem Bruder ) , diese Stimme wird nicht allein unterdrückt , sondern auch noch als der größte Unsinn gestraft , in denen sie sich vernehmlich macht . Ich mag gar von Religion und von Christentum nichts mehr hören , sie sind Christen geworden , um die Lehre Christi zu verfälschen . - Brocken hinwerfen und den nackten Leib decken , das nennt man Werke der Barmherzigkeit - aber Christus in die Wüste folgen und seine Weisheit lernen , das weiß keiner anzufangen . - Bildungsflicken hängt man einem auf , mit denen man nichts anzufangen weiß , aber die Tiefe und Gewalt eines einzigen Seelengrunds zu erforschen , da hat kein Mensch Zeit dazu , glaubst Du denn nicht , daß ich statt dem Geschichtsgerümpel wohl mit der größten Sammlung , mit der tiefsten Andacht hätte jenem folgen wollen , wenn er mir gelehrt hätte , wie er andern lehren mußte , um sein Leben zu gewinnen , und wahnsinnig drüber werden mußte . Wenn ich bedenk - welcher Anklang in seiner Sprache ! - Die Gedichte , die mir St. Clair von ihm vorlas - zerstreut in einzelnen Kalendern - ach , was ist doch die Sprache für ein heilig Wesen ! Er war mit ihr verbündet , sie hat ihm ihren heimlichsten innigsten Reiz geschenkt , nicht wie dem Goethe durch die unangetastete Innigkeit des Gefühls , sondern durch ihren persönlichen Umgang . So wahr ! Er muß die Sprache geküßt haben . - Ja so geht ' s , wer mit den Göttern zu nah verkehrt , dem wenden sie ' s zum Elend . St. Clair gab mir den Ödipus , den Hölderlin aus dem Griechischen übersetzt hat , er sagte , man könne ihn so wenig verstehen oder wolle ihn so übel verstehen , daß man die Sprache für Spuren von Verrücktheit erklärt , so wenig verstehen die Deutschen , was ihre Sprache Herrliches hat . - Ich hab nun auf seine Veranlassung diesen Ödipus studiert ; ich sag Dir , gewiß , auf Spuren hat er mich geleitet , nicht der Sprache , die schreitet so tönend , so alles Leiden , jeden Gewaltausdruck in ihr Organ aufnehmend , sie und sie allein bewegt die Seele , daß wir mit dem Ödipus klagen müssen , tief , tief . - Ja , es geht mir durch die Seele , sie muß mittönen , wie die Sprache tönt . Aber wie mir das Schmerzliche im Leben zu kränkend auf die Seele fällt , daß ich fühl , wie meine Natur schwach ist , so fühl ich in diesem Miterleiden eines Vergangnen , Verlebten , was erst im griechischen Dichter in seinen schärfsten Regungen durch den Geist zum Lichte trat , und jetzt durch diesen schmerzlichen Übersetzer zum zweitenmal in die Muttersprache getragen , mit Schmerzen hineingetragen - dies Heiligtum des Wehtums , - über den Dornenpfad trug er es schmerzlich durchdrungen . Geweihtes Blut tränkt die Spur der verletzten Seele , und stark als Held trug er es herüber . - Und das nährt mich , stärkt mich , wenn ich abends schlafen gehe , dann schlag ich ' s auf und lese es , lese hier dem Päan gesungen , den Klaggesang , den sing ich abends auf dem Dach vom Taubenschlag aus dem Stegreif , und da weiß ich , daß auch ich von der Muse berührt bin , und daß sie mich tröstet , selbst tröstet . O , was frag ich nach den Menschen , ob die den Mangel an historischem Sinn und der Logik an mir rügen , ich weiß den Teufel , was Logik ist . - Und daß mir St. Clair so viel zutraut , daß ich die Fahne glücklich schwingen werde und sicher , und die Besseren und Hohen unter ihr sammeln . - Sag ihm von mir , ich werde nicht fehlen , was mir einer zutraut , alle Kräfte dran zu setzen . Den kleinen Brief vom Papa hab ich ihm selbst geschenkt , er wollte ein Andenken von mir zum Gegengeschenk für den Ödipus , da hab ich ihn wählen lassen unter meinen Papieren , da hat er den hervorgezogen . Lese hier den Klaggesang , dem Päan geweiht , ob ' s Dir nicht durch die Seele weint . Weh ! Weh ! Weh ! Weh ! Ach ! Wohin auf Erden ? Jo ! Dämon ! Wo reisest du hin ? Jo ! Nachtwolke mein ! Du furchtbare , Umwogend , unbezähmt , unüberwältigt ! O mir ! Wie fährt in mich Mit diesen Stacheln Ein Treiben der Übel ! Apollon war ' s , Apollon , o ihr Lieben , Der das Wehe vollbracht , Hier meine , meine Leiden . Ich Leidender , Was sollt ich sehn , Dem zu schauen nichts süß war . Was hab ich noch zu sehen und zu lieben , Was Freundliches zu hören ? - Ihr Lieben ! Führt aus dem Orte geschwind mich , Führt , o ihr Lieben ! den ganz Elenden , Den Verfluchtesten und auch Den Göttern verhaßt am meisten unter den Menschen . So hab ich mir die Zeilen zusammengerückt , sie zu singen , diese Leidensprache , und sie fesselt mich an seine Ferse , der sich Frevler nennt . Wirf aus dem Lande mich , so schnell du kannst , Wo ich mit Menschen ins Gespräch nicht komme . In die Ferne sehend , nach dem Taunus , still getränkt im Abendschein , der die Nebel durchlichtet , die flüchtenden , die ihn umschweifen ; - da denk ich mir das Grabmal selber ihm erkoren von Vater und Mutter , sein Kithäron . Da sing ich meinen Gesang hinüber , und der Wind spielt mich an , und gewiß , er bringt mein Lied hinüber zum Grab ; mir ist ' s eins , ob der Zeiten Last sich drüber gewälzt , doch dringt die Trän hinab , das Grab zu netzen , drang doch sein Weh herauf zu mir ; und heute nur stieg ' s auf mir im Herzen , als ich die Laute dem Gott - die jammernden , der ganzen Welt geschrien - zaghaft in Musik verwandelte . - Und dort wohnt auch er , der die noch lebenswarme Brust voll Wehe , und gesäet voll der Keime des Dichtergottes , jetzt zermalmt im Busen die Saat , - in aufseufzenden Tönen herübertrug ins Mutterland und wärmte - das Jammergeschick des Zwillingsbruders - in der Liebe , die aus der Verzweiflung Abgrund ihn mit heißer Begierde heraufrief , das müde jammervolle Haupt sanft zu lehnen , zusammen mit dem Geschick , das ausgeblutet hat . Ja , wer mit Gräbern sich vermählt , der kann leicht wahnsinnig werden den Lebenden - denn er träumt nur hier am Tag , wie wir träumen in der Nacht , aber drunten im Schlaf wacht er und geht mit jenen mitleidsvoll Hand in Hand , die längst verschollen der geschäftigen Eile des Tags sind . Dort fällt der Tau auf die Seele ihm , die hier nicht Feuchtung in der Kehle mehr hatte zum Seufzen . Dort grünen die Saaten und blühen , die hier der Dummheit Pflug - die Wurzel umstürzend wie Unkraut der Luft preis gab , und die tauvolle Blüte , rein vom Staube , stürzt in der Erde Grab . - Denn irgendwie muß die Saat der Götter lebendig werden , sie können Ewiges nicht verdorren lassen . Seine Seele wächst , die hier unten schläft und verwirrte Träume hat , hinauf als himmlisches Grün , die schwebende Ferse der Götterjünglinge umspielend , wie der frische Rasen hier seine tanzenden Blumen an meinem flüchtigen Lauf hinbewegt . - Ach Poesie ! heilig Grabmal , das still den Staub des Geistes sammelt und ihn birgt vor Verletzung . - O du läßt ihn auferstehen wieder , laß mich hinabsteigen zu ihm und die Hand ihm reichen im Traum , daß er mit heiligem Finger die goldnen Saatkörner mir auf die offne Lippe streue und mich anblase mit dem Odem , den er nach dem Willen der Götter aus ihrem Busen trinkt . Denn ich begehr sehnsüchtig , mit zu tragen gemeinsam Weh des Tags , und gemeinsam Tröstung zu empfangen in den Träumen der Nacht . - Was willst Du ? Halte mir ' s zugut , Günderode , daß ich so spreche , verfolg den Faden meiner Gedanken , so wirst Du sehen , es geht nicht anders . Du trägst ja auch mit mir , daß sie Dich meiner Narrheit beschuldigen . Mangel an historischem Sinn - ist es doch , das Weh , was in der Fabelwelt begraben liegt , mit dem zu mischen des heutigen Tages . - Sie haben Recht , mir keine Logik zuzusprechen , da müßt ich ja den dort verlassen , der aufgegeben ist , da müßt ich mich aufgeben , was doch nichts fruchtet . - Sei nicht bang um mich , ich bin nicht alle Tage so , aber ich komm eben vom Taubenschlag , wo die Sonne mir die blauen Berge anglänzte , wo Hölderlin schläft über dem Grabe des Ödipus , und hab ihnen den Gesang gesungen , mit Tönen unzurechnungsfähig der Kunst , auffassend , was sie vermochten an scharfem Wehe , und es besänftigend mit dem Schmelz der Liebe , den ich durch die Stimme hinzugoß aus dem Herzen , daß der durch die Wolken dringe - hinab am Horizont , hinauf - wo die gewaltigen Geschicke immer auch weilen - und sich mische mit ihren bitteren , salzigen Fluten . Was wären doch die Dichter , wären sie es nicht , die das Schauervolle ins Göttliche verwandeln . - Wo der Gesang doch allein aus meinen Sinnen hervordringt , nicht aus dem Bewußtsein , da spricht ' s nachher so aus mir , daß Stimmen aus mir reden , die mit keinem andern im Einklang sind , der Ton , der Rhythmus , den ich übe , ist es auch nicht ; keiner würde zuhören wollen , aber jene , denen ich singe , die müssen ' s doch wohl hören , nicht wahr ? - Es ahnt mir schon , Du wirst wieder bange werden um mich wie vorm Jahr ! - aber Du weißt ja , es ist nichts , ich rase nicht , wie die andern mich beschuldigen und mir die Hand auf den Mund legen , wenn ich sprechen will . Sei nicht dumm , lasse Dir nicht von den Philistern bange machen um meine Gesundheit , wo sie mir schon den Verstand absprechen ; wer seinen Bruder einen Narren schilt , ist des Todes schuldig , sie sind unschuldig , ich bin ihr Bruder nicht , Du bist mein Bruder . Noch einmal , ich bin nicht krank , störe mich nicht damit , daß Du mir das geringste sagst , denn ich will Dir noch mehr sagen , wenn ' s möglich ist , was hättest Du an mir , wenn ich nicht lernte Dir meine Seele geben , nackt und bloß . Freundschaft ! Das ist Umgang der Geister , nackt und bloß . - An die Bettine Liebe Bettine ! - Du drückst mir die Schreibefinger zusammen , daß ich kaum atme , noch weniger aber es wage zu denken , denn aus Furcht , ich könne willkürliche Gedanken haben , denke ich lieber gar nicht , magst Du am Ende meines Briefes fühlen , ob ich in den engen Grenzen meiner geistigen Richtungen Dich nicht verletzte , so daß Dein Vertrauen ohne Hindernis hinabströme zu mir , ja hinab , denn ich bin nichts . So lasse mich denn gesund mit Dir sprechen , da nichts mir fremd ist in Dir , denn in Deine Töne eingehen , das wäre Deinen Lauf stören . In Dein Lamento über Deine Geschichtsmisere stimme ich ein , sie macht mich mit kaputt , kauf in Gottes Namen ein paar Beinkleider als Sühnopfer und entlasse Deinen Arenswald in Gnaden . Clemens schreibt , daß ich ihm Antwort schuldig sei , ich wußte nicht , daß er in Marburg ist , wenn Du ihm schreibst , so gib ihm die Einlage , er ist mehr wie unendlich gut gegen Dich , und es