Wehmuth sein Angesicht verhüllen müssen , denn eben damit war das unschuldvolle Leben in der Natur , das sie als den letzten Abschied eines ruhigen Kinderherzens noch rein empfunden und ausgesprochen , unwiderruflich dahin . Jahre müssen hingehen , ehe wir die Abschnitte in unserm Leben erkennen , die oft so hart geschieden neben einander stehen , daß sie uns in Erstaunen setzen ; aber bewußt werden wir uns ihrer erst , wenn sie längst als abgelöst und aus jeder materiellen Beziehung zu uns getreten , erscheinen . Dann können wir auch oft erst nachweisen , wie der Moment , der wie der Quell aus dem Felsen dem leichten Schlage entgegen stürzte , in allen vorangegangenen Zuständen unserer Seele uns unbewußt vorbereitet ward . Denn wohl fühlen wir bei einem klaren Geiste , wenn uns das Leben zu einer neuen Entwickelung gelangen läßt , aber welche es sei , das bleibt das Geheimniß der Zeit ; und die Anregung selbst macht , daß wir ihr wenig nachfragen , denn jede neue geistige Entwickelung scheint uns zum Herrn derselben zu machen , und läßt uns die Wege als eigen gewählte gehen , auf denen wir uns doch oft als Verirrte wiederfinden . Das Mädchen stand still und schaute vor sich nieder , und in ihr geschah , was sie nicht begriff - als sie aufblickte , sah sie über Alle hinweg nach der Decke , sie war so groß geworden und hatte so viel Gedanken ; Besuch bekommen , ist doch ein rechtes Vergnügen , glaubte sie - und ging , um den Gast in der Küche anzuzeigen . - Bald öffnete sich in der Holzwand , der Eingangsthüre gegenüber , eine kleine , unter bunten Schnörkeln spitz zulaufende Thür , Fennimor trat herein und streckte winkend nach Beiden die Hand aus , so lieblich lächelnd wie ein Kind . Sir Reginald erhob sich und lud seinen jungen Gast ein , ihm nach dem Eßzimmer zu folgen . Dies war nur so breit , wie das einzige große Fenster darinnen , ein wahres grünes Blätterklosett , denn die hellen Scheiben hingen von Außen voll wiegender Ranken , und die Holzwände waren besteckt und berankt mit allem , was grünen und blühen wollte . Um den kleinen runden Tisch standen drei Stühle ; zierlich weiß , und wohlhabend mit Silber war er gedeckt , und außer ihm keine Möbel , wozu auch jeder Platz fehlte , als im Hintergrunde neben der Ausgangsthüre ein künstlicher Schenktisch , geschmackvoll und reich mit Silber geschmückt . Emmy stand schon wieder bei vollen Kräften , mit der ernsten Miene einer bescheidenen Dienerin , die es erwartet , ob die Herrschaft sich eines mit ihr erlebten Ereignisses erinnern wird . Dies geschah sogleich von Seiten des Grafen , der freundlich sie anredete , um zu erfahren , ob der Schreck ihr nicht geschadet ; und als auch der Geistliche ihr noch freundlich sich gezeigt und sie , sichtlich geehrt , der lieben Fennimor befriedigte Blicke zugesandt , nahm man die Plätze um das Tischchen ein . Obwohl diese Mahlzeit nur aus Fischen , Geflügel und Obst bestand , und Alles fehlte , was dem jungen Grafen sonst erst ein Mittagsessen ausmachte , schien es ihm doch das ausreichendste und vollständigste , was er je genossen , und das Vergnügen einer lebhaften gebildeten Unterhaltung , das er so lang entbehrt , labte seinen öden Seelenzustand bis zu nie empfundener Fähigkeit sich auszusprechen . Wir haben schon gesagt , daß Crecy ' s Geist angebaut war . Leicht traten wohl geordnete Kenntnisse und eine entwickelte Urtheilskraft hervor , wo Sir Reginald , die schöne Fähigkeit des Geistlichen besitzend , es so wohl verstand , Beides an seinem Gaste herauszufinden und in Thätigkeit zu setzen . Das Alter und die lange Trennung von der Welt machten den Jüngling ihm überlegen , aber er fühlte dies mit Wohlgefallen , und erkannte sein liebenswerthes Naturell und die geschickte kluge Entwickelung , die man ihm hatte zu Theil werden lassen , und die ihn weder überfüllt , noch vernachlässigt erscheinen ließ . Obwohl Fennimor zwischen dem Gespräche Beider nicht einredete , so machte sie doch auf eine wunderbar kluge und naive Art das Resumee des Gesagten . Sie bewies damit , ohne es zu wollen oder zu ahnen , daß sie mit nichts ganz unbekannt war , was die Männer zu besprechen fähig waren ; daß sie aber Alles eigenmächtig umschuf und zurecht legte in der ihr verständlichen und möglichen Weise . Das Schlechte existirte für sie nicht - sie begriff es nicht , und alles , was daher und darum geschah , läugnete sie oder wußte es oft klug genug anders zu erklären . Sie war dabei entschieden und fest in ihren Meinungen , aber doch immer nur wie ein Kind ganz harmlos , ohne Leidenschaftlichkeit - Jeder mußte fühlen , sie könne blos nicht anders . Ihr von Aufhorchen und Theilnahme leuchtendes Gesicht , das beredte Mienenspiel , womit sie schon , ehe sie sprach , das Urtheil fällte , war wunderschön - kaum schien sie erwarten zu können , was der Eine oder Andere sagen würde , so beredt hingen ihre Augen an seinem Munde , so freundlich lachte sie ihn an , wenn es das Erwartete war , so schnell schüttelte sie den Kopf , wenn sie es nicht begriff . Sie zwang unbewußt zuletzt die Sprechenden im Verlaufe des Gesprächs ihre Augen auf sie zu richten , da sie das Gesagte in ihr verworfen oder angenommen sahen . So unschuldiges Treiben , das , hätte Fennimor in der Welt gelebt , schon längst weg erzogen gewesen wäre , da jede Mutter oder Erzieherin es mit dem Bannfluche des Unschicklichen belegt haben würde , konnte hier unter der Leitung eines einsam lebenden Vaters groß werden ; denn ihm that die natürliche kräftige Frische seines Kindes , das Eigenes dachte und wollte , und ihn oft anregte zum Denken und Forschen für sie , innig wohl , er hütete sich , sie zu stören , und empfing oft , ihm selbst überraschend , ganz neue Gedanken von ihr . Was ihre Zukunft werden sollte , das legte er stets mit der gefaßten Ruhe eines frommen Mannes bei Seite , und selbst seine sichtlich zunehmende Hinfälligkeit ließ ihn keinen Plan , keine Ansicht darüber fassen . Sollte sie dem allgemeinen Loose der Frauen anheim fallen , sich zu vermählen , so hatte er freilich kein Bild von dem Manne , der sie begreifen konnte ; und lieber dachte er sie sich unvermählt , ihrer eigenen , tüchtigen Natur den Wirkungskreis verdankend . Gegen Ende der Tischzeit unterbrach sie fast zürnend ein Gespräch der Männer über die herrschende englische Dynastie und das Treiben Karls des Zweiten , von dem der Geistliche durch Crecy manches Nachtheilige erfuhr , was seine früheren Ansichten bestätigte , da er den König fast so oft tadelte , als er von ihm sprach . » Vater , « rief sie , ganz erglühend von Eifer , » wie kannst Du denken , daß unser König Fehler macht , bloß darum , weil er ein Stuart ist ? - Wie würde Gott zulassen , daß ihm das schon im Blute steckte , und hast Du nicht selbst gesagt , daß er brav war bei Worcester , wie jeder andere Soldat , als habe er kein Recht vor dem geringsten voraus - und war er nicht auch dankbar gegen Sir Loweston Harley , der ihn verbarg , als ihn Cromvell auf der Flucht nach Holland verfolgen ließ - hat er nicht gesagt : Wo ein Harley mir in den Weg tritt , da soll er mein Freund sein und , ist er müde , auf meinem Lager ruhen und , ist er hungrig , von meinem Brodte essen , aus meinem Becher trinken - und hat er das nicht all ' gehalten , wie Du mir selbst gesagt ? « » Einzelne schöne Züge haben alle Stuarts mit einander gemein , « erwiederte ruhig der Vater , » aber daneben wohnt in ihnen ein tückischer Geist , der immer wieder einreißt , was sie Gutes gewollt oder gethan . « » Ach nein , « sagte Fennimor - » weißt Du , wie es sein wird ? Er ist zu lange von Hause gewesen , das habe ich letzthin herausgefunden , als Du ihn wieder schaltest . Da war ich den ganzen Tag und die ganze Nacht in Grimfield ' s Höhle gewesen , als wir die Marienwürmchen sammelten in der Heumondsnacht - gegen die Gliederschmerzen , « setzte sie erläuternd gegen den Grafen hinzu - » als ich da so lange von Hause war und ich kam wieder , war mir Alles fremd geworden , und ich wußte gar nicht , wo ich anfangen sollte , ob es Zeit zu dem Einen oder dem Andern wäre . Du selbst « - fügte sie hinzu und drückte ihren Kopf an des Vaters Schulter - » sagtest : Du bist ein ganz verwirrtes Ding geworden , weil Du so lange von Hause warst ! Da dachte ich nachher , wie Du den König schaltest : ich war nur so kurze Zeit fort , und mein Haus ist so klein , und als ich wieder kam , wußte ich zu nichts die rechte Zeit zu finden - und nun der arme König , den sie so lange verjagt haben aus seinem großen Hause , aus seinem England - nun er wieder kommt , auch nicht immer die rechte Zeit finden kann , wo Alles hingehört , da schelten sie ihn alle so sehr . « » Zu erklären , zu entschuldigen mag durch dies traurige Schicksal Manches in dem Karakter des Königs sein « - sprach Crecy , so gern ihr beipflichtend - » es ist nur leider jeder Fehler , auf diesem Gipfelpunkte der menschlichen Gesellschaft begangen , so schwer in seinen Folgen , und so unmöglich , ihn zu übersehen , da er in das Glück von Tausenden einschneidet . « » Ja , « - fuhr Fennimor lächelnd zum Vater fort - » laß ' Du ihn nur erst recht ruhig in dem alten Vaterhause ausschlafen und gieb dann Acht - denn was war es bei mir ? Uebermüdung . Als ich schön ausgeschlafen hatte , wußte ich Alles wieder , wie am Schnürchen , nichts war mir mehr fremd . - Der arme König ist auch noch müde , er ist noch immer überwacht von der langen Noth , die ihn nicht schlafen ließ ; darum taumelt er und thut bald zu viel , bald zu wenig - ach , Ruhe muß doch ein König auch haben , da Gott ihn Mensch hat sein lassen ! Und braucht er dazu so viele Jahre , wie ich Stunden , kommt die Rechnung doch heraus , da seine Noth so groß war , die meinige so klein . « » Nun , so wollen wir ihm denn eine Ruhe der Seele wünschen , wonach er sich geeignet findet , das zu erkennen , was seinem armen Lande noth thut « - sprach Sir Reginald , indem er sich erhob und nach beendigter Mahlzeit seinen Gast in das Wohnzimmer zurückführte . Fennimor , die ihnen folgte , zog nun nach gewohnter Ordnung ein kleines Bänkchen zu den Füßen ihres Vaters , beschäftigt , von einem Andachtsbuche , welches sie herbei geholt , die goldenen Klammern zu lösen , um ihrem Vater daraus vorzulesen . Doch Sir Reginald hielt die Hand auf den Deckel und sagte lächelnd : » Dies möchte unserm lieben Gaste doch eine zu ernste Lektüre werden , mein Kind , und wir lassen das , bis wir allein sind . « Wie mit Purpur ward Fennimor bei diesen Worten übergossen , und Erstaunen und Beschämung schienen daran gleichen Theil zu haben . » O , ich bitte Euch , Sir Reginald , « rief Leonin - » würdigt mich als Euren Gast des Vertrauens , daß ich an allen Euren Beschäftigungen Antheil nehmen darf , und schenkt mir Eure Achtung , indem Ihr sie nicht durch meine Gegenwart unterbrechen laßt . « Sir Reginald war um so geneigter , dieser Bitte nachzugeben , da er mit Theilnahme sah , wie sehr Fennimor durch seinen Einspruch außer Fassung gekommen war , und ihre rührend beschämten Züge den leichten Anfang hervorbrechender Thränen andeuteten . » So wollen wir denn unsern neuen Gast ganz wie einen alten behandeln « - sagte er , mit dem Versuche zu scherzen , » und ich freue mich recht , in seiner lieben Gesellschaft eines Deiner schönen Gebete zu hören . « - Fennimor nahm jetzt das Buch , das der Vater selbst hatte öffnen müssen , ihrer Verwirrung zu Hülfe kommend , und zeigte mit dem Finger auf das Blatt , wo sie beginnen sollte . Zu Anfange bebte die Stimme des erschreckten Kindes , und jedes Wort fand nur unsicher seinen Ton ; aber wie erstaunte Crecy , als er nun erst hörte , daß diese Gebete in französischer Sprache geschrieben waren und der Thomas a Kempis dasselbe Andachtsbuch war , das er in dem Betzimmer seiner Mutter zu finden pflegte . Fast kostete ihm diese Ueberraschung seine Andacht - hätte nicht der ernste und so melodische Ton dieser kindlichen Stimme ihn mit steigendem Entzücken an den heiligen Sinn von Worten gefesselt , die von Jugend auf sein Herz am meisten erbaut hatten . Die etwas gebrochene , unsichere Aussprache , die doch nie den Sinn verdarb oder über die Kenntniß der Leserin Zweifel erregte , schien ihm ein Zauber mehr ; jugendlich-phantastisch überbot er in jedem Augenblick sein tieferregtes Gefühl , und zuletzt schien sie ihm ein Engel , der sich dem heil ' gen schweren Dienste unterzog , unter Menschen die Lehre des Heils zu verbreiten , doch nur mit Mühe seine Engelslaute in ihre harte Sprachform fügend . - Als sie jetzt ruhig das Buch zuschlug , und mit gefalteten Händen zum leisen Nachgebete den Kopf über dasselbe senkte , daß die reichen braunen Locken wie ein Schleier niedersanken , und der ehrwürdige Greis mit seinem weißen Haupte und dem vollsten Ausdrucke väterlicher Liebe , seine Hand segnend auf sie legte , da beugte er , als habe der Engel sich ihm offenbart , in einer Art Anbetung das Knie neben ihr , und rief leise und bebend : » Wollet mich aufnehmen in die heilige Gemeinschaft Eures Lebens ! « Die wahre Empfindung , wenn sie unverkümmert von den ewigen Rücksichten , die uns anerzogen werden , hervortritt , ist eine jedes Mal verständliche und fast immer siegende Sprache ! - Sir Reginald legte ohne Bedenken seine andere Hand auf das gebeugte Haupt des Jünglings : » Gott segne Euch , junger Mann , mit einem unschuldigen Herzen bis ans Ende Eures Lebens ! « - Da fiel , erschreckend , das Gebetbuch der Mutter , woraus sie so eben gelesen , von Fennimors Schooß auf die Erde , und alle Blumen und Kränzlein und zarten Bildchen , die darin gesammelt waren , flogen zerstreut umher . Beide knieten nun , und sammelten sorgsam und mit leichtem Finger diese Heiligthümer , und beschäftigten sich dann damit , sie an den Stellen wieder einzulegen , die Fennimor alle anzugeben wußte . » Meine Mutter war aus Frankreich , « erwiederte sie auf die Anfrage Crecys über das Gebetbuch in seiner Sprache - » und dies war das Buch , worin sie täglich meinem Vater vorlas . Davon weiß ich freilich selbst nichts mehr , aber ich erlernte die Sprache , um später auch darin lesen zu können , und thue es nun alle Tage - darum « fuhr sie zögernd fort - » dachte ich auch heute , es dürfe nicht anders sein , denn Ihr werdet doch auch beten . « » Ja , gewiß ! « - rief Crecy bewegt , » und von Kindheit auf habe ich gerade aus diesem Buche gebetet , was immer in der Betkapelle meiner Mutter lag . « » Vater , « rief Fennimor freudig , den fern Sitzenden in seinem Nachdenken störend , » seine Mutter betet auch aus diesem Buche , und er hat von Kindheit an keins lieber gehabt ! - Sagt mir doch , « fuhr sie fort , als sie das freundliche Nicken des Vaters in Empfang genommen hatte , » von Eurer Mutter - sie ist wohl recht schön und sanft und gut ? « Leonin schwieg einen Augenblick , und wir können nicht läugnen , daß die Welt ihn nicht mehr unbefangen genug gelassen hatte , um nicht in der Stille zu überlegen , daß dies schnell entworfene , vortheilhafte Bild seiner Mutter unmöglich entstehen konnte , ohne von dem Sohne und den ihm vielleicht von ihr beigelegten Eigenschaften die Farben zu leihen . - Aber versöhnend fügen wir hinzu , daß er dies ohne das kalte , beleidigende Trachten der Eitelkeit empfand . Ein heißes Gefühl durchströmte seine Brust bei der Hoffnung , sie sähe ihn so günstig an ; ein Gefühl , das ihn nicht glauben ließ , es stehe ihm zu , es zu fordern . Doch mußte er während dieses berauschenden Gedankenlaufs sich bemühen , ihr zu antworten , und zuerst stand er etwas verwirrt vor dem Bilde seiner Mutter . » Sie ist schön , Miß Lester , « - erwiederte er zögernd , » aber sie ist meine Mutter , daher über den Anspruch der Jugend hinaus - ihr Geist und ihre Gaben sind sehr groß , und sie ist von Geburt eine Fürstin Soubise . « » Das freut mich ! « erwiederte Fennimor freundlich - » ich habe gern so vornehme , schöne Menschen , die so recht eigentlich zu den hohen Bäumen und breiten Strömen und den mächtigen Thieren passen , wie Gott es gewollt hat , als ihre Beherrscher . Alle sind nicht so , aber sie haben auch ihren Platz - Gott hat ja auch die kleinen Würmer geschaffen - man kann dies Alles lieb haben « - setzte sie hinzu , aus ihrem biblischen Pathos zu der Heiterkeit einer kindlichen Spielerei übergehend , und sprang fröhlich auf , um die Thüren nach dem Walde zu öffnen . In Gedanken vertieft , blieb Crecy auf seinem Platze sitzen und blickte ihr nach , als sähe er ein Wunder , was er zu ergründen vergeblich trachtete . Als er aufsah , begegnete er den Blicken des Vaters , der ihn mit einem eigenen Ausdrucke milder , ernster Wehmuth betrachtete . - Crecy entzog sich diesem sanften Forschen nicht , ja wünschte fast , ein Anderer durchdränge sein seltsam überfülltes und bewegtes Innere . Er stand auf und nahte sich dem edlen Greise , der ihn still erwartete , und als er vor ihn trat , schwiegen dennoch Beide . Zwischen ihnen stand eine Ahnung , und sie wußten nicht , ob diese , Gestalt gewinnend , sie trennen oder vereinigen würde . Der Abend war indessen herabgesunken - einzelne glühende Lichtstreifen drängten sich durch den Wald und hafteten mit ihrem Purpurlichte an den Säulenstämmen der hohen Buchen , oder zogen glänzende Furchen über den duftenden Rasen . » Seht , « sagte plötzlich das zurückkehrende Mädchen , zu beiden Männern tretend - » in Eurem Walde in Frankreich , da wird , wenn er Euch erst ganz gehört und kein Schuß mehr fällt , um diese Stunde das Wild spazieren gehen und sich seines Lebens freuen ; hier ist Alles leer und verscheucht von der wilden Jagd . - Aber wir , « setzte sie sanft , fast furchtsam hinzu - » wir könnten jetzt spazieren gehen ? « Sie hatte das ihrem Vater gesagt , und er richtete sich sogleich mit milder Freundlichkeit in seinem Stuhle auf ; doch sah Crecy deutlich , wie er einen schwermüthigen Anklang in seiner Seele beherrschen mußte . » Du hast Recht , Fennimor , « sprach er , zum Weggehen ihre Hand fassend , » und da wir unsern Gast nicht länger seinem Wirthe entziehen dürfen , so wollen wir ihn den schönsten Weg durch den Park dem Schlosse zuführen . « Leonin fühlte erst jetzt , was er gänzlich vergessen hatte , wo und bei wem er hingehöre . Er schien sich heute erst angekommen , heute erst an der rechten Stelle , und jenes Schloß mit seinen Bewohnern lag so weit ab und war in eine solche Fremdheit zu ihm getreten , daß er seiner ganzen Besonnenheit bedurfte , um sich zu überzeugen , er müßte dahin zurück . Doch nicht eher trennte er sich von seinen neuen Freunden , als bis sie ihm beide erlaubt , am andern Tage wieder zu kommen , und er kehrte nun in Schloß Stirlings ein , aber ein anderer Mensch , als er es verlassen hatte . Beinahe zaghaft näherte sich Leonin den Gesellschaftszimmern , in denen er sein Ausbleiben bemerkt und sich den Fragen der guthmüthigen Familie ausgesetzt fürchten mußte , die eben jetzt zu beantworten , ihm unbeschreiblich lästig schien . Doch er fand schon in den Gängen und Vorzimmern unter den Domestiken eine ungewöhnliche eilfertige Unruhe , und erfuhr von dem etwas langsamer daherschreitenden alten Haushofmeister , daß die Frau Gräfin eine Botschaft aus Edinburg von ihrer , wie zu fürchten stehe , sterbenden Frau Mutter erhalten habe , daß sie sogleich mit ihren Töchtern dahin abreisen werde , wogegen Se . Herrlichkeit der Graf Gersey bei den versammelten Gästen in Stirlings-Bai bleiben würde , die nächsten Nachrichten von seiner Gemahlin hierselbst abwartend . Leonin konnte nun selbst fragend und anredend eintreten , und die Theilnahme , die er empfänglich war zu fühlen , setzte ihn in die richtige Stimmung zu seinen gütigen Wirthen . Milady Gersey mit ihren Töchtern waren schon in Reisekleidern in dem Kreise der Gäste , die Anmeldung der Wagen erwartend . Tief bekümmert über den möglichen Verlust ihrer nahen Verwandten , hatten die guten Menschen doch auch die sorgsamsten Gedanken für ihre zurückbleibenden Gäste , und indem sie alle einzeln baten , Stirlings-Bai nicht zu verlassen , sondern dem bekümmerten Grafen beizustehen , wollten sie noch für die besonderen Wünsche eines Jeden liebreich sich bemühen ; und besonders an Leonin richteten sich die guthmüthigsten Vorschläge und Besorgnisse sogar für die Annehmlichkeit seiner Lage , da die Frau Marschallin von Crecy und ihr Wunsch in Bezug auf diesen Sohn , dieselbe zu einer besonderen Verpflichtung für sie gemacht hatte . Niemals war Leonin vielleicht weniger um seine Unterhaltung besorgt , als eben jetzt , und die freundliche Art , wie er sie darüber beruhigte , machte ihn liebenswürdiger erscheinen , als sie ihn bisher erkannt hatten , und endlich stellte das freudig geleistete Versprechen , Stirlings-Bai vor der anberaumten Zeit nicht zu verlassen , sie gänzlich um ihn in Ruhe . Von allen Anwesenden bis an ihre Kutschen begleitet , setzte sich endlich der schwerfällige Reisezug in Bewegung . - Leonin hatte hier Gelegenheit wahrzunehmen , wie wahrhafte Güte des Herzens in entscheidenden Lebensmomenten den Mangel einer höheren Bildung , die das tägliche Leben mit seinen kleinen Anforderungen oft so drückend vermissen läßt , ausreichend zu ersetzen vermag , und wie in solchen Augenblicken das unverdorbene Herz den sanftesten , zartesten Rath zu Anderer Hülfe und Trost zu geben vermag . Diese rauhen Jäger waren alle so still und ehrerbietig gegen die sonst wenig beachteten Frauen geworden ; sie blieben nach ihrer Abreise so still bei dem nachdenkendern Hausherrn versammelt , und ernstere Beziehungen ihrer gegenseitigen Verhältnisse kamen zur Sprache und hemmten das wüste Geschwätz lächerlicher Jagdlügen , womit sie sonst einander zu ärgern trachteten und oft zu heftigen , rohen Scenen Veranlassung gaben . Zum ersten Male fiel es dem jungen Grafen leicht , unter ihnen zu bleiben und an ihrem Gespräche Theil zu nehmen . Er benutzte noch denselben Abend , als die Gesellschaft sich getrennt hatte , diese ihm bisher so fremde Stimmung seiner Mutter zu schreiben , und das ganze Bild , das er von seinem Leben entwarf , und was nur zu erwähnen , ihm bisher der Ueberdruß daran unmöglich gemacht hatte , trug einen überraschenden Ausdruck glückseliger Heiterkeit , vollständiger Befriedigung . Wohin unser junger Freund am andern Morgen seine Schritte lenkte , brauchen wir kaum zu erwähnen . Bald kannte er keinen andern Weg als diesen . Ehe die Sonne hoch genug stand , den Thau von dem Moose des Waldes zu trocknen , umschlich er schon den Fuß der Abtei und beobachtete mit anbetendem Entzücken die tanzenden Lichter , die die Fenster zu liebkosen schienen , hinter denen noch Fennimors jugendliches Haupt in holden Träumen ruhte . - Mit leisen Schritten betrat er den Weg , der zu der Thür des Wohngemaches führte , und prüfte das weiche Moos unter seinen Füßen , ob der leichte Wind , der die Wipfel der Buchen grüßend berührte , auch nicht ein dürres Aestchen , ein welkes Blatt auf den Weg gestreut , den bald ihr zarter Fuß betreten sollte . Zu den Gewächsen , die das Fenster spielend umzogen , blickte er wie zu Begünstigten auf , die bleiben konnten , wo sie war ; er betrachtete sie , als wolle er sich ihre Liebe erwerben , er schlang die vom Zufalle verschobenen Ranken um ihre Stäbchen , er suchte die abgestorbenen Blätter und Zweige hervor , und bog die befreiten Keime gegen das Licht ; und die Blumen , die er ihr jeden Morgen brachte , ob der Thau sie nicht zu sehr näßte , ob die Sonne nicht ihren Duft früher nähme , als sie ihn eingesogen , wie viel Gedanken und Ueberlegungen machte ihm das ! Hatte er sie endlich gebettet an gesichertem Ort und sich überzeugt , er dürfe sie noch nicht erwarten , so kam er sich wie ein Held , groß und entschlossen vor , wenn er abwärts von ihrer Schwelle noch eine Wanderung durch den Park versuchte . Gehoben nun , wie sein ganzer Zustand es war , traten seine Gedanken zu Entschlüssen hervor . Seiner nahen Majorennität freute er sich besonders , und leicht hätte er das , was er sich selbst nicht eingestand , eben aus diesem Gefühle errathen ; denn nichts war ihm bis dahin gleichgültiger gewesen , als eben diese Majorennität . Mit allen Vorzügen des Reichthums immer ausgestattet , hatte eine Vermehrung dieses sorglosen Besitzes , womit zugleich eine Verwaltung desselben die bequeme Ruhe des bisherigen Lebens bedrohte , sehr wenig Reiz für ihn gehabt , und er hatte alles , was seine ihn immer in Probe nehmende Mutter hervorbrachte , ihn darüber auszuforschen , stets mit ablehnender Gleichgültigkeit zurück gewiesen . Die umsichtige und herrschsüchtige Frau konnte ihre sparsamen Gefühle höchstens nur auf die Liebe der Blutsverwandten ausdehnen ; doch auch hier nur ihrem Karakter getreu , indem sie ihre Klugheit und Lebenserfahrung geltend machte , ihre Ansichten von Glück und Wohlbefinden ihnen entweder mit dem vollen Umgestüme des Zürnens , oder dem langsamen Wirken übler Laune und kleiner heimlicher Ränke aufzunöthigen . - Sie erlaubte sich jedes Mittel , ohne die kleinste Unruhe ihres Gewissens , da sie durch ihr stolzes Selbstgefühl beständig in der sichern Ueberzeugung gehalten ward , das Wohl des Andern zu wollen , nämlich : was sie dafür hielt , und was annehmbar zu machen , ihrer finsteren uneingestandenen Herrschaft schmeichelte . Ueber ein so weiches , zur Unthätigkeit geneigtes Gemüth , wie das Leonin ' s , die Herrschaft zu führen , schien sie sich nun vollständig berufen , und indem sie ihm damit das Leben , das seiner träumerischen Seele leicht zu schwer ward , so bequem als möglich machte , fühlte sie sich ihres Einflusses vollkommen gesichert . Aber sie hatte von den schönen Keimen seiner Seele , die von einer sich selbst nicht suchenden Liebe verstanden und gepflegt worden wären , und durch ein ehrendes Schonen und liebevolle Ermunterung erstarkt sein würden , auch keine Ahnung - ja , ihr Verfahren hatte bereits genug in ihm zerstört , was sie stets in den platten , breiten Ansichten erledigt fand , er sei zu gut fürs Leben , er müsse stets dagegen gewarnt , geschützt und eingehüllt bleiben . Diesen Frevel , der an ihm begangen ward und ihn verhinderte , sich zum Manne zu entwickeln , wollen wir in unsern Gedanken fest halten , wenn wir ihn auf der Bahn seines Lebens begleiten müssen und wünschen werden , ihn halten oder stützen zu können gegen die Gewalt eines herrschsüchtigen Weibes , die aus selbstsüchtiger Liebe seinen Geist unterdrücket , und sein Herz gegen Menschen und Verhältnisse in Zweideutigkeit verstrickte . - Was er jetzt empfand und zur natürlichen Entwickelung kam , da er außer dem Bereich ihres Einflusses lebte , erfaßte ihn wie ein neuer Strom des Blutes . Er genoß zuerst den Zauber , der die Seele des Mannes aus der Knospe hervorbrechen läßt und alle Kräfte als Diener herbei ruft , den heiligen Zauber , ein weibliches Wesen im zärtlichen Glauben an seine Kraft und im Gefühl der eigenen Schwäche sich ihm vertrauen zu sehen , als habe damit jede Furcht auf Erden ihr Ziel erreicht . Wer hatte bisher von ihm gewollt und gesucht , was Fennimor nicht zweifelte zu finden , wer hatte ihm dies völlige Gefühl der Männlichkeit gegönnt , wer ihn zu einem freieren Hervortreten seiner Kräfte und Fähigkeiten genöthigt - durch die Anforderungen echt weiblicher vertrauender Liebe ! Es konnte nicht fehlen , daß er , der alten Fesseln entledigt , sich seiner , auf eine ihm selbst überraschende Weise , bewußt ward . Im Verlaufe dieses Bewußtseins drängte sich ihm auch eine Wahrnehmung für die Außenwelt und seine bisherigen Verhältnisse auf , und dies mochte ihn zu mancher noch nie gewagten Betrachtung führen . Diesen hochgebildeten Naturmenschen gegenüber glaubte er jetzt erst das Leben in seiner Wahrheit zu erkennen ; und wie Sir Reginald jene andere Welt in den Städten , an den Höfen ,