zu machen . Besäße ihre Kirche keine Wissenschaft der Moral , so hätten Sie keine Unmoral zu bekämpfen ; ohne Ascese gäb ' es keinen outrirten Wollustgenuß . - Wo wollen Sie hin mit Ihrem Seufzer über Sündhaftigkeit ? Es ist keine Sünde , was sich der gesunden Vernunft als nothwendige Folge einer thörichten Vorschrift zeigt . Auch der begabte Mensch thut aus Instinkt , was aus Freiheit zu thun ihm seine papiernen Herrscher verbieten . Es ist blos das jus talionis , das er an sich selbst , dem ursprünglichen Frevler , vollzieht . Daß Untergang des Gestraften oft eng damit verknüpft ist , gehört unter die vielen tragischen Witze , die der Schalksnarr Gottes oft auf Kosten seiner eigenen Ehrlichkeit an dem Rande der Weltgeschichte reißt . Auch Gott ist humoristisch , wenn er verdrießlich wird ! - Mit diesem vernichtenden Troste verließ mich Mardochai . Ich begann zu feiern in der Poesie des Liebesgenusses und suchte mein gefoltertes Herz im Forschen nach Wahrheit zu erfrischen . Das Leben der Vergangenheit und Gegenwart brachte ich unter die Lupe meines vernichtenden Gedankens . Beide nahmen gleiche Gestalt an , die Geschichte war und blieb Kokette von Anfang bis zu Ende , das christliche Element schmückte sie nur aus zu haltbarer Liebenswürdigkeit . Mardochai ' s Worte fanden Bestätigung in allen Nuancen - ich war beruhigt ; denn geschieden auf immer ward von Stund an in mir Mensch und Priester . Die Liebe lag , wie eine Jungfrauenleiche mit gebrochenen schönen Augen auf dem blutrothen Sarge meines Herzens . Ueber sie gebeugt streute die Unschuld die letzten Sonnenfunken ihrer Herrlichkeit , dann sank sie zusammen , ein farbloser Schleier . Sie ward zum Grabtuch für Liebe und Herz . Eins verging und verweste mit dem andern . Von jener Zeit an datirt sich die Zeit meines ungetrübten Glücks . Leidenschaftlich bewegt für alle Interessen der fortschreitenden Menschheit , war ich theilnahmlos als Lehrer derselben . Ich konnte nicht mit Ueberzeugung Christ sein , weil ich ohne Ueberzeugung Kirchendiener war . Das Menschenthum stand ausgeschlossen von beiden , wie ein betender Zöllner an der Schwelle des Tempels . Ein dumpfer , schrillender Ton fuhr wie Memnonsklingen durch die gewitterschwüle Luft meiner Gedanken , und schlug die Rosenflügel eines neuen Morgens auf in meinem Herzen . Heuchele , sprach die Stimme des Gottes der Welt in mir , heuchele der Moralität zu Liebe und erringe auf protestantisch-jesuitischem Wege der Zukunft und ihren Kindern , was Offenherzigkeit dem bornirtem Umherblinzeln der Gegenwart nicht anbieten darf . Schicke dich in die Zeit , sei klug und in der Klugheit glücklich ! Es fehlte mir nicht an Gelegenheit , die Trefflichkeit dieses Grundsatzes praktisch zu erproben . Die Meisten von denen , welche sich der Theologie ergaben , waren geistesarme , beschränkte Menschen , denen eine dereinstige Anstellung und leiblich solides Auskommen das höchste Ziel aller Wünsche blieb . - Glückliche Einfalt , Göttin der Dummheit , warum verehrst du nicht Jedermann bei Zeiten eine warm wattirte Schlafmütze , dieses Ruhekissen der Gedanken , unter deren Knistern wohlthätiger Schlaf auf die armen Schlucker herabfallt ? - Die Wenigen , deren gleiche Zweifel die Seele zerrissen , wußten nur auf ähnlichem Wege mit mir Befriedigung zu finden . - Immer damit beschäftigt , ein Mittel ausfindig zu machen , das geeignet sein könnte , die Welt aus jener mißlichen Lage zu befreien , in die sie gerückt worden ist durch verstellte Frömmigkeit und unbegriffenen Bekehrungseifer , glaubte ich es gefunden zu haben in dem stillen Untergraben der Gläubigkeit . Man darf nur gleichgiltig , theilnahmlos auftreten , um Kälte zu erzeugen . Das tödtet , das mattet wenigstens ab , und wo Schlaffheit eintritt , ist der umgestaltenden Kraft bedeutend vorgearbeitet . Mit dieser Ueberzeugung ward und blieb ich Theolog . Mein Leben unterwarf ich keiner Aenderung . Ich setzte es jetzt aus Verachtung der zukünftigen Abgeschlossenheit fort , wie ich es früher begonnen in begeisterter Liebe . Seltsam nur und bitter ironisch war mir der Gedanke , daß ich gerade im Gegensatze von dem , was Eduard als Heiligendes und Vollendendes anerkennen zu müssen glaubte , meine Heiligung und Vollendung ohne langes Suchen gefunden hatte . Ich sehe mit Verlangen dem Ablaufe des fünfzehnjährigen Cyclus entgegen , um Gewißheit darüber zu erlangen , wer von uns beiden der Glücklichere geworden sein wird . « - Hier breche ich abermals ab , Du wirst ohnehin genug zu denken finden an dem Mitgetheilten . Der Arme , er ahnt noch nicht , daß ein unseliges Geschick ihn selbst triumphiren ließ über den frommen Wahn des Andern . Eduard ist jener tolle Mönch Bonifacius , den ich aus dem Kloster gerettet habe , den die rasend gewordene Sinnlichkeit , zum Mörder seines Priors gemacht , in dem ich seinen Verführer zu erkennen glaube . Mardochai aber , Mardochai , Du bist ein entsetzlicher Mensch ! Denn glaube mir , Raimund , daß nur Rache an dem Christentum diesen stolzen Geist einen Glauben erfinden ließ , der bei einzelnen Wahrheiten ein blendendes Gewebe verführerischer Dialektik ist ! Ich kann nicht glauben , daß Gleichmuth , dieser Mensch der Besonnenheit , jetzt den Betrug nicht merken sollte . Mardochai hat sich in der That Shylok zum Muster genommen und sein Pfund gerissen aus der Brust des Christenthums als Zinsen der Rache . Er hat einen seiner edelsten Söhne an den Rand des Verderbens gelockt und als Aschenhaufen mit kümmerlicher Flamme wie ein Irrlicht daran herumgaukeln lassen , um ewig zu zittern vor der Angst des Todes ! Es ist eine große , poetische Rache des Judenthums , aber dennoch entsetzlich ! Und nun ist dieser Mardochai ein Handelsmann geworden ! Wie liegt hier Ironie neben Ironie ; wie springt ein verzweifelter Humor mit hellem Gelächter durch die Lebensgeschichte zweier Religionen in ihren Repräsentanten ! Morgen oder übermorgen verlasse ich diese Stadt der Dumpfheit auf einige Tage . Unterwegs will ich Bardeloh das Manuscript mittheilen , er soll mir enträthseln , was noch im Dunkeln liegt . Das Ende dieser Verkettungen , alle geboren aus der Unnatur europäischen , religiösen , socialen und politischen Lebens , kann kein friedliches sein . Ich beklage mich oft selbst , daß ich ein Kind heiße dieser Zeit und dieses Erdtheils ! - Aber wohin fliehen , um dem Gift misverstandener Civilisation , verkannter Glaubenslehren und boshaft verdrehter Menschenrechte zu entgehen ? Kein Land ist so rein und heilig , daß die Gemeinheit sich nicht anranken könnte mit dem kletternden Finger ihrer reizenden Frivolität . Wie die Einfachheit das Bezaubernde der Tugend , so ist die Grazie das Verführerische des Lasters . Unschuld besticht durch Natürlichkeit , Sünde und Verderben durch den Glanz einer erheuchelten Natur , der Koketterie ! Dieser Verführerin entgeht kein Land und kein Volk , nur der sittliche Gedanke , dieser Augenstern der wahren Gottheit , mag sie verscheuchen , so lange er nicht ganz verdunkelt wird von der Trunkenheit des Augenblicks . - Da erhalte ich einen Brief - er ist von Auguste ! - Alles Elend wird mir entrückt , in weite , weite Ferne . Wie ein Wüstenbild nur steht es drohend am Horizont der umwälzenden Zeit , und wieder als leitender Magnet , zitternd bewegt und doch friedlich still , glänzt die Liebe mir entgegen und hüllt mit tausend süßen Träumen mich ein in das beseligende Sterbekissen aller Welt ! - Ja , es ist und bleibt wahr - die Geliebte ist mein Erretter ! - 7. An Ferdinand . Köln , den 23. August . Sind die Weiber doch wunderliche Geschöpfe ! Wenn sich alle Gefühle in ihnen nach Hingebung an den Geliebten sehnen , springt die Laune , dieser unablässige Begleiter aller Weiblichkeit , herbei und dictirt Bedingungen , Vorschriften , Verhaltungsregeln , als gälte es die Erhaltung eines künstlich regierten Staates . Glaube aber Niemand , daß in solchem Thun Enthaltsamkeit liege ; es ist nur Steigerung des Reizes , Vorgenuß der heiligsten Lust . Die Weiber sind die Götter der Erde , die lebendig gewordenen Gesetze jener schönen Religion , die allein unangefochten bleiben wird für immer . Unsere Religion nennt sich die Religion der Liebe . Seltsam ! » Die Religion der Kälte « würde zuweilen bezeichnender sein . Liebe ist nicht denkbar ohne Hingebung , und wo diese möglich sein soll , muß Gluth , Begeisterung und Auflösung in heilige Lohe als erstes und letztes Gesetz anerkannt werden . Gibt es eine Religion , die uns dies gewährt , die sich die Schönheit der Form zum Muster genommen für innere und äußere Ausbildung ? Mir scheint , dem Gesetz der Liebe fehle zuweilen das Ueberzeugende . Die Sucht , recht ätherisch und erhaben zu werden , hat die Flachheit geboren ; es ist Alles kahl , glatt , sogar solid langweilig geworden ! Nur die pulsirende Wärme des Fleisches kann Leben und Seele diesem zu geistigen , idealistisch-todten Wunderbau wieder einhauchen . - Aber höre , was mir Auguste schreibt , das seltsame Mädchen , voll unschuldiger Koketterie , ein Weib in jedem Gedanken ! Auguste an Sigismund . » Wir werden uns nicht wiedersehen , trauter Freund , bevor Du nicht Buße gethan hast . Du sollst zwar immer wissen wo ich bin , meine Thür aber wird für Dich verschlossen sein . Bist Du böse , mein Geliebter ? Ich küsse das Wort , um Dich zu versöhnen . Aber was denkst Du von mir , daß es Dir in den Sinn kommen konnte , unter heidnischem Jubel und Wahn so mir nichts Dir nichts meinen vollen Besitz erstürmen zu wollen ? Jedes Mädchen ist ein verschleiertes Bild zu Sais . Kein Ungeweihter darf mit roher Gewalt den Schleier lüften , er sinkt sonst ohnmächtig zu Boden und seine Ruhe ist dahin für immer . - Es ist unglaublich , Sigismund , was ich mir Alles einbilde . Was glaubst , was denkst , was räthst Du wol ? - Ich will Dir helfen . Da halte ich mich zum Beispiel für recht hübsch und stütze mich dabei auf Dein eignes Urtheil ; auch klug bin ich zuweilen , schlau immer und boshaft nicht selten . Am meisten übe ich diese letzte süße Tugend meines Geschlechts Dir gegenüber , trauter Freund ! Ich muß necken , stacheln und reizen können , was ich lieben soll . Ihr Männer ärgert Euch freilich darüber , und das ist mir gerade recht . Dir , Geliebter , mache ich gewiß das unbedeutenste , ungraziöseste Compliment in Gesellschaft , weil mich ' s ergötzt , ein eifersüchtiges Grübeln über Deine Mienen hinwegklettern zu sehen . Ein Fegefeuer vor dem Eintritt in den ganzen Himmel unserer Gunst ist Euch harten Seelen sehr zuträglich . Eure Küsse sind dann wärmer , dauernder , beseligender . Es sind Sterbekissen unserer Seelen mit Goldfunken umsäumt . Auch die meine hofft sich darauf einzuwiegen in den wonnedurchflüsterten Traum des reinsten , glückseligsten Lebens ! - Nun , wirfst Du mir jetzt noch Zurückhaltung vor , Du böser Verführer ? - Sieh , wenn ich des vorgestrigen Abends gedenke , so schlägt die Gluth meines brennenden Herzens hell leuchtend an den bleichen Himmel meiner Stirn , und die Jungfräulichkeit meiner Empfindungen versteckt sich in die tiefsten Falten des Mieders , wie ein Kind , das sich vor der Strafe fürchtet . Es war sehr , sehr bös von Dir , Sigismund , daß Du Deinen Mund so misbrauchen konntest und bald eine neue Firmelung für Dich nöthig gemacht hättest ! - Aber ich kann Dir nicht lange zürnen , schmollen ist langweilig und mein ehrenwerther Cerberus , Klapperbein , hat einen so richtigen Blick , daß er sogleich weiß , ob ich auf der rechten oder linken Brust Schmerzen empfinde . « » Willst Du mich besuchen , Sigismund ? - Bitte , komm , aber nur bis an die Thürschwelle . Wart ' , ich will nachsehen im Kalender , wie lange Deine Buße dauern soll . Nicht barfuß im Schnee und im Hemd sollst Du Buße thun , sondern recht anständig verhüllt , ganz sittsam und in der verzehrenden Gluth der Erwartung . - Sehr gut - sechs Tage dauere diese Qual , mein geliebtes Herz ! Dann will ich den Riegel , wie von Geisterhand gelüftet , niederklirren lassen und farbiger Dämmerschein , wogend auf dem Blüthenaroma meiner Lieblingsgewächse , soll Dich umschmeicheln . Dann suche , suche und irre umher in der durchdufteten Halle ! Du stehst am Hochaltar der Liebe , die Natur schwenkt in ihren Blumenkelchen tausend Weihrauchfässer , und die glimmernden Kerzen der Feuerfliegen leuchten mit sanftem Glanz zu dem heiligen Lebensfest . - Der Hohepriester aber legt das Gewand der Hohheit an . In stiller Andacht , wonnebeglückt , sehnsuchtumrauscht , wirst er das schwellende Gewand der Menschheit um sich . Es verschwindet die hemmende Sitte und nur die Natur waltet frei . - Es ist Alles bereit zum erhebendsten Liebesdienst , und es liegt nur an Dir , mein Sigismund , wenn Du nicht hinsinkst in die Andacht des Genusses , betäubt , ohnmachtsüß , wonneschwelgend . « » Hinweg mit aller Heuchelei zwischen Herzen , die ihren Pulsschlag schon gefühlt in unmittelbarster Berührung ! Prüderie ist der Tod aller Liebe - Willst Du mein Glaubensbekenntniß hören ? Es ist einfach , so einfach wie ich , der Abdruck meiner innersten Gedanken . Nicht wahr , Sigismund , Du bist , was man so Protestant nennt ? Versteh ' ich das Wort recht , so bin ich eine sehr starke Protestantin , obwol ich mich für eine gute und fromme Tochter der alleinseligmachenden Kirche halte . Ich protestire eifrig gegen alle zierlichen Verührungen und liebe die Freigeisterei , die Keckheit in der Liebe . Freilich ein sonderbares Gemisch von Rechtgläubigkeit und Frivolität , die mir aber ganz wohlgefällt , weil sie reizt . « » Liebe , mein glühender Freund , heißt das erste und letzte Wort meines Katechismus . Das ist ein vieldeutiger , schwer zu interpretirender Ausdruck , und dennoch bin ich so leicht damit fertig , wie mit einem Kusse Kann dieser nicht die Stelle eines langen Commentars vertreten ? - Ach , ist dies ein langweiliges Leben jetzt ! Und nun vollends , seit ihr Männer so trübsinnig zerfallen seid mit dem Dasein und an nichts mehr eine heitere Freude findet ! Was sucht ihr denn , Thörichte ? Freiheit , Ausgleichung verworrener Zustände , politische Reformen , eine Umbildung des socialen Lebens . Ich glaube , so ungefähr lauten die Titel zu den Klageliedern , die Ihr nun schon seit Jahren in verschiedenen Tonarten variirt . Sigismund , ich sage Dir und Allen , die Dir gleichen , daß ihr Thoren seid , rechte blöde , mondsüchtige Thoren ! - Liebt , und Ihr seid frei , aber liebt menschlich-natürlich , nicht weltlich-frivol . - - Ach Du lieber Himmel , da hab ' ich so eine Art Lästerung geschrieben , ich kann sie aber unmöglich wiederrufen , wenn ich ehrlich bleiben soll . Und nicht wahr , Ehrlichkeit gehört auch zu den Tugenden der Frauen ? « » Hast Du mich verstanden , Sigismund ? Ich bin ziemlich unerfahren , schlicht und wenig bekannt mit der Qual des männlichen Lebens , aber eben deshalb glaub ' ich ein Recht zu haben , schuldlos und unparteiisch meinen Rath hinwerfen zu dürfen in dieses freudenlose Schwanken und Irren . Versucht zu lieben , ihr Unglücklichen , liebt mit aller Genialität des Geistes , der in Euch bewegter ist , als in früheren Geschlechtern , und Ihr werdet gesunden ! Wir Weiber sind seltsam , wir fühlen auch das Unglück der Zeit , aber uns drückt es nicht nieder , wie den Mann . Das Weib hat Kraft , Alles zu ertragen , so lange sie lieben kann ; nur mit der Fähigkeit zu lieben endigt ihr Dasein . Frevelt nicht , ihr europamüden Männer , an der Allmacht der Liebe , sonst vertilgt Ihr Euch selbst und Euren Thatendrang . Frei werdet Ihr sein , sobald Ihr es wagt , frei zu lieben . « » Die Liebe ist die Religion der Welt . Dies sollst Du lernen , Sigismund , nach abgelaufener Bußezeit . Warum schlingt sich diese Weltreligion so fest an einen gemachten Himmel , jenen unbestimmten Begriff alles Ungewiß-Schönen , Traumhaft-Erhabenen ? Warum ist die Liebe so feig gewesen , sich binden zu lassen mit dürren Binsen versengter Gesinnung ? Warum hat sie sich erniedrigt und ist hingesunken unter das kalte Douchebad verständiger , gut gemeinter Gesetze ? Das Leben bewegt und gestaltet sich am schönsten , wenn ihm wohlwollend alle Wege der Entwickelung geöffnet werden , und jede Schranke fällt , die nicht begründet ist in der Natur . Ist Liebe etwas anders als die Umarmung zweier Flammen , die sich auflösen in eine ? Bedarf ich Ermahnung , wo Alles glüht ? oder Mäßigung , wo sie allein sittenlos , fluchwürdig und Lästerung des Lebens wäre ? Sieh , mein Geliebter , das ist es , was ich der Männerwelt rathe zu bedenken . Genialität in der Liebe gebiert Genialität im Leben . Aus der Gewohnheit , und hätte sie sechs Weihen empfangen , wird kein Sprößling erwachsen , von Sonnenduft und Aetherglanz umwallt . Nur die Freigeisterei der Liebe erzeugt den Heroen der Freiheit ! « » Ach , was ich muthig bin und doch so traurig ! Sigismund , mir bangt , wir werden uns nicht gar lange besitzen . Dringe nicht in mich , verlange nicht zu schnell das Band der Ehe um meine auf freien Flammen sich wiegende Seele gelegt ! Nicht etwa , daß ich etwas gegen die Ehe habe , ich achte und ehre sie und wünsche dereinst ihr Glück zu genießen , aber die Erinnerung an die freie Vergangenheit würde meine Liebe schwächen und die Begeisterung herabsinken zu gewöhnlicher Liebelei . Und wäre dies nicht entsetzlich , entwürdigend ? - Sei nur nicht böse über meine Zweifel . Es kommt mir nun einmal so vor . Irre ich , so belehre mich eines Besseren ! « Die Menschen haben wunderliche Begriffe von Wahrheit , Tugend , Religion und Sittlichkeit . Ich fühle , wie ich blutdürstig werden könnte als Mann , wenn mir das Gesetz die Heiligkeit des Lebens vorschreiben oder zum Verbrechen machen wollte , sobald ich unbegrenzt forderte , wozu die Vernunft ein Recht hat ! Gottlob , daß ich ein Weib bin und nicht zurechnungsfähig ! Stimme nicht für die Emancipation der Frauen , Sigismund , ich gebe Dir statt hundert Küssen hundert Ohrfeigen , die Zinsen nicht mitgerechnet ! Ich mag nicht emancipirt sein zur Gebundenheit männlicher Qual ! Ich will kindisch bleiben und eigenwillig , um lieben zu können , frei , begeistert , ohne Maß , genial , wie der Augenblick es heischt , der mein Gott und mein Heiland ist ! Sigismund , tausend Küsse Deinem Sieg begehrenden Munde ! Diese Rosenblätter hier nimm statt verkörperter Liebeshauche . Ich habe sie alle geweiht im Duft meiner heißesten Gedanken . Wenn Du ein liebendes Auge besitzest , findest Du in jedem ein getreues Conterfei des Lippenpaares , dem Du vertraut hast , daß es keinen Gott gibt im Himmel und auf Erden , ohne die Liebe . Es war ein süßes Geständniß , es hatte meinen Beifall . Nicht allein » Gott ist die Liebe , « sollte es heißen , sondern auch : » die Liebe ist Gott ! « - Deine Auguste . Nein , Raimund , noch bin ich nicht unglücklich . Wer ein Wesen an seiner Seite fühlt , wie dieses Mädchen , der hat noch zu hoffen Großes , Schönes , Ewiges in der Welt . Auguste hat recht , sie löst spielend , wie die Unschuld immer , die schwierigsten Probleme weltlicher Gestaltung . So lange die Weiblichkeit rein bleibt und frei , steht der Menschheit mit ihren tausend Schmerzen noch kein Untergang bevor . Wäre uns nur vergönnt , das auch eben so leicht zur Allgemeinheit der Anschauung zu erheben , was die Genialität des liebenden Weibes in ihrer göttlichen Unmittelbarkeit erkennt . Aber das ist es ja eben ! Wir verkümmern in der Einsamkeit unseres Wunsches , dem kein Hebel gegeben zur Thatgestaltung . Es fehlt an einer Basis , die Frucht jahrhundertlangen Denkens groß zu wiegen zur Jugend . Die Kinder der Thaten sind vorhanden , aber sie ersticken am Zulp , den ihnen das Zeitalter der Priesterherrschaft , mit saurem Brei gefüllt , in den Mund gedrückt hat . Die Zeit kriegte die Schule davon und stirbt nun an Krämpfen . - Während ich dies schreibe , fühle ich im Stillen , daß nur die Schrift der Weg ist , über dem die Verdorbenheit und Unnatürlichkeit der Gegenwart das neu zu gebärende Leben hinüberführen muß in den Paradiesesgarten der neuen Unschuld . Sperrt die Gedanken in eherne Laternen mit geschliffenen Gläsern , damit sie leuchten , wie Gasflammen in einem Mikroskop , und sendet sie hinaus auf den Markt der Nationen . Es wird nicht an Buben fehlen , die mit den Kieseln der Gemeinheit nach den hellen Lichtern werfen und die Laternen zertrümmern . Aber kümmert Euch nicht um die Brut , das Licht ist eben so ewig , als die Wahrheit . Verdämmern könnt Ihr es , aber nie ganz verlöschen . Am 14. August . Mir ist ein großes Unglück begegnet . Die Verheißung hoher Seligkeit in Auguste ' s Brief versetzte mich in eine der Trunkenheit verwandte Stimmung . Wer mag auch ruhig und gemessen bleiben , wenn tausend Freuden unser Herz beengen ? Ich vergaß Alles um mich her , nur der warme Himmel , der sich herabstürzen zu wollen schien , lockte mich , denn er war gleich mir , trunken von Liebesbegeisterung . Ich eilte hinaus , unbekümmert um Offenes und Geheimes . Gleichmuth ' s Manuscript , dieses vieldeutige Räthsel einer verkümmerten Societät , lag auf dem Tisch ; ich vergaß es einzuschließen - es ist entwendet , verschwunden ! - Zwar will es Niemand gesehen , Keiner mein Zimmer betreten haben , um die kostbaren Blätter zu erbeuten , aber ich traue Keinem , am wenigsten meinem Gastfreund Bardeloh . Sein Läugnen macht ihn nicht ehrlich in meinen Augen . Der Wahrheit zu Liebe befiehlt uns die gesunde , natürliche Vernunft , hundert Lügen zu ersinnen , und wir freuen uns nur über unser eigenes Poetentalent . - Auch kann ich mich unmöglich grämen über den Verlust ; denn ich besitze ja ein Herz , das Herz Auguste ' s , diesen sprudelnden Brunnen unerschöpflicher Liebe ! Was geht mich im Genuß dieser Gewißheit die Welt noch an mit ihren großen und kleinen Erbärmlichkeiten ? Ach , ich fühle es , die Liebe macht egoistisch , rigoristisch , aristokratisch , Alles , Alles , nur nicht kosmopolitisch ! Ich werde ganz irre am Laufe der Welt , an Demokratie und Freiheit . Ich weiß nicht mehr , was ich halten soll von mir und dem Streben derer , denen ich so gern meinen brüderlichen Kuß eindrücken möchte in ihr tiefstes Herz ! Ach , Auguste , ich werde Dich noch hassen , weil Deine Liebe mich zur Apostasie verführt ! - Eben komm ' ich zurück von meiner zweiten Bußfahrt , gestern hielt ich die erste , die süßeste ! Glaubst Du , Raimund , daß mich Hunderttausende beneiden würden , könnten sie nur im geringsten ahnen , mit welchen tönenden Fittigen die Stunden um mich fliegen , die Nachtigallen der Zeit , während eine ewige Dämmerung um Himmel und Erde ihre heiligen Grotten baut ? Erst im Zaudern der Geliebten lernen wir das Glück kennen . Die Erwartung ist der schöpferische Gott , der Genius aller Begeisterung , das Erlangen ist nur süße Ermattung , keine reine , ewige Freude ! Aber Auguste ist consequent , reizend consequent , eine Philosophien nach allen Regeln der Logik , die im Katheder ihres Herzens der wunderliche kleine Professor , Eigensinn und Laune , mit meisterhafter Virtuosität vorträgt . Ephraim Klapperbein begegnete mir auf der Flur , sein Lächeln weissagte nichts Gutes . Er flocht einen Korb und hielt ihn mir , ziemlich fertig , entgegen , ein lustiges Lied vor sich hinbrummend . Eine halbgeleerte Flasche Moselwein stand auf einem umgestürzten Fasse , beinerne Würfel lagen daneben , Karten , Spielmarken , Bohrer und Pfriemen bunt unter einander . Mir ward gar seltsam- unheimlich , als ich den halbfertigen Korb erblickte . Gebe der Himmel und die Liebe , seufzte ich in der stillen Kirche meines Herzens , daß diese Symbole keine Bedeutung für mich haben mögen ! Ephraim mochte meine Gedanken errathen , er biß die Lippen und lud mich ein , mit ihm auf die Gesundheit des Fräulein Auguste zu trinken . » Wollen Sie eins riskiren ? « fragte Ephraim , griff nach einem Stückchen Weißbrod und drehte die Krumen zu Kügelchen . Dazwischen flocht er an seinem Korbe , trank Wein und brummte sein joviales Lied . » Was soll ich denn riskiren ? « » Nur ' nen Wurf . Mögen sehen , ob Sie Kreuz kriegen oder keins . « » Gott behüte mich ; es ist ohnehin Kreuz genug in der Welt ! Wir schleppen seit Menschengedenken entsetzlich viel Kreuz mit uns herum , und werden weder froh noch satt davon . « » Schaun ' s ! « rief Ephraim , » ich hab ' doch ' n Kreuz geworfen und das freut mich , der Korb wird allerliebst werden ! « » Hole der Teufel Dich und Deinen Korb ! « sprach ich im Stillen und griff nach den Brodkügelchen . Denn jetzt erst fiel mir ' s ein , daß es mit dem Kreuzwerfen eine ganz eigene Bewandniß habe . Am Rhein werfen alle Mädchen ihre Wünsche in Kreuze , und geht ' s nicht , rücken sie die verzogene Figur sehr naiv in die rechte Form . Das ist allerliebst von den rheinischen Mädchen . Wer doch so harmlos sein und auch Kreuze werfen könnte , um aus den gelungenen , graden oder schiefen die Erfüllung seiner heißesten Wünsche zu lesen ! - Nun ich warf lauter schiefe Kreuze von der curiosesten Art ; es wollte keins nach Wunsche gelingen , und doch fehlte es wahrhaftig nicht an Wünschen . Von Oben herab hörte ich Auguste ' s Silberstimme singen : » Kommt er nicht , so läßt er ' s bleiben Gräm ' ich mich doch nicht zu todt , Andern auch gefällt mein Füßchen , Meiner Wangen duftig Roth . « » Es ist gut , daß mein Korb bald fertig ist , « sagte Ephraim . » Ich will mich dazu halten , damit Sie nicht warten dürfen . Denn Sie kriegen im Leben nicht , was Sie wünschen . « Ich stieß das Faß um sammt Würfeln , Karten , Wein und Gläsern und stürzte die Treppe hinauf . Ephraim lachte , jeder Andere würde geflucht haben . Die Rheinländer sind aber gebildete Leute , sie trinken keinen Schnaps , und das schützt sie vor brutaler Gemeinheit . Grob sind sie dessenungeachtet , aber es ist eine aromatische Grobheit . Sie duftet immer nach einer Art Grazie . Vor der Thür angekommen , klopfte ich . Niemand rief , » herein ! « auch die muntre Sangesweise war verklungen . Ich rief Auguste ' s Namen . » Sigismund ? « flötete die Stimme , deren Echo nie verklingt in meinem Herzen , des Nachts die wunderlichsten Variationen anstimmt und klimpert auf dem Harmonikord meiner zitternden Seele , » Sigismund , willst Du Buße thun ? « » Nein , « rief ich , » küssen will ich Dich und nicht büßen ! « Ich rüttelte an der Thür , sie war verschlossen . Meine lose Peinigerin lachte und sang wieder : » Kommt er nicht , so läßt er ' s bleiben . « Beinahe hatte ich angefangen zu schimpfen , doch hielt ich es für angemessener , mich auf ' s Bitten zu legen . Ich drückte meine fieberglühende Stirn an den Messingbeschlag der Thür und bat in den beglückendsten Schmeichelworten um Erlaß der Buße . Nur den Hauch ihres Mundes sollte sie mich fühlen , ihre Lippe sehen lassen , den Blick ihres Auges untertauchen in den sich trübenden Schimmer des meinigen ! » Das ist billig , « kicherte die Muthwillige , der Schlüssel klirrte im Schloß , mir ward ein Blick vergönnt in das blumendurchduftete Heiligthum . Niederknieend verdammte ich hundertmal alle Schlosser in den Abgrund der Hölle , der Lichtschimmer erlosch , Auguste legte den Mund an die Oeffnung ; nur unser Athem berührte sich warm und lind . » So , nun ist ' s genug , « sagte Auguste und ich sah , wie sie im durchleuchtenden Kleide von Rosaseidengaze durch das Zimmer hüpfte , und sich in die Kissen des Sopha warf in der reizendsten , kindlich unbefangensten Stellung . Ein liebendes Mädchen ist grausam , je liebgeglühender desto grausamer ! Auguste verschloß mir nicht die Einsicht in ihr Zimmer , sie marterte mich mit dem hingebendsten Lächeln , aber sie ließ mich draußen vor der Thür warten , seufzen , bitten ! » Buße muß sein ! « lallte sie liebreich vergebend , » nach sechs Tagen erhöre ich mich selbst . « Sie löste die blauseidenen Schuhe , die mild und warm , wie ein Stück Frühlingshimmel ihren schönen Fuß umspannten . Sinnend grub sich die weiße Hand in ihr dunkles Haar . Mit dem nackten Fuß zeichnete sie meinen Namen auf den buntfarbigen Teppich , legte sich dann zurück in das Sopha , und ließ die warmen Lüfte mit den Blumenstaubfächern sie einwiegen in sanften Schlaf . Ein Luftzug spielte in wunderlichem Necken mit der leichten Kleidung . Eine unschuldige Venus lag sie in der Fülle jugendlicher Schönheit wie unter Rosen begraben .