dem Gegenstande , welcher sie zu dem Hofschulzen geführt hatte . Eine neue Straßenanlage , die mit der großen Chaussee Verbindung stiften sollte , bedrohte sie mit dem Verluste einiger kleinen Wiesenstücke , über welche der Weg notwendig zu legen war , wenn er zustande kommen sollte . Gegen diesen Verlust suchten sie sich nun , obgleich die Anlage zum Vorteil aller umliegenden Bauerschaften gereichte , auf jede Weise zu schützen , und wie er abzuwenden sein möchte , darüber wollten sie sich bei dem Besitzer des Oberhofes Rats erholen . Wirklich zeigte sich auch der Hofschulze in dieser Angelegenheit sehr eifrig und gab ihnen die besten Mittel und Wege an die Hand , wie sie der Forderung des Staates unter dem Schutze buchstäblicher Vorschriften der Gesetze entgehen , oder doch wenigstens das Nachgeben hinzögern könnten . Sie möchten nur sagen , die Stücke seien ihnen ganz notwendig , wenn sie nicht zugrundegehen sollten , möchten einen übermäßigen Preis auf sie setzen , den und den angehen , welcher in der Sache abzusprechen habe und welcher , wenn sie ihn recht zu behandeln wüßten , schon ein Zeugnis ausstellen werde , daß die Straße auch anders gelegt werden könne , und was dergleichen mehr war , welches freilich auf eine ganz andere Sinnesweise hinauszulaufen schien , als die wir schon von dem Hofschulzen in seinem Verkehre mit Menschen kennengelernt haben . Indessen wurde aus seinem Gespräche mit den Nachbarn klar , daß diese Bauern sich den Heischungen des Staats zum öffentlichen Nutzen gegenüber im Zustande des Krieges glaubten , welcher bekanntlich alle Mittel , die zum Zweck führen , gutheißt . » Wir werden schon unsre Frucht einfahren und zu Markte führen können , wie bisher , ohne große Straßen nötig zu haben , und was geht uns alles übrige an ? « sagte der Hofschulze im Verlaufe der Unterredung . » Mögen sie bauen und graben , was sie wollen , sie sollen uns aber ungeschoren lassen . Wenn es nach denen ginge , so wären wir bald vom Erb von wegen des gemeinen Nutzens , wie es heißen würde « , fügte er hinzu . » Guten Tag , wie geht ' s ? « rief eine hier wohlbekannte Stimme . Ein Fußwanderer , ein Mann in anständiger Kleidung , aber von den grauen Kamaschen bis zur grünen Schirmkappe bestaubt , war durch den Torweg eingetreten und hatte sich dem Tische genähert , ohne von den Redenden anfänglich bemerkt zu werden . » Ei , Herr Schmitz , sieht man Sie auch einmal wieder ? « sagte der alte Bauer sehr freundlich und ließ für den Ermüdeten durch den Knecht das Beste , was sich im Keller befand , herbeiholen . Die Bauern rückten vor dem neuen Ankömmlinge höflich zusammen . Er wurde zum Sitzen genötigt und bewerkstelligte diese seine Niederlassung mit bedachtsamer Vorsichtigkeit , um nicht , was er bei sich trug , zu zerbrechen . In der Tat war ein solches Verhalten auch notwendig , denn der Mann war bepackt wie ein Lastwagen , und die Umrisse seiner Gestalt glichen einem Konglomerate zusammengeschnürter Ballen . Nicht allein , daß die Rocktaschen , mit manchem Runden , Viereckten , Länglichten befrachtet , in sonderbarer Bauschung weit vom Leibe abstanden , auch Brust- und Seitenbehälter , zu gleichen Zwecken verwendet , bildeten mannigfach geformte Wülste und Erhöhungen , die um so schärfer hervortraten , als der Sammler , um nichts von seinen Schätzen zu verlieren , den Rock , ungeachtet der herrschenden Sommerwärme , fest zugeknöpft trug . Selbst das Innere der Kappe hatte zur Aufbewahrung kleinerer Gegenstände dienen müssen und erhielt von diesem Inhalte ein kürbisartiges Ansehen . Er schlürfte den ihm vorgesetzten guten Wein mit sichtbarem Behagen , das ältliche , von Wandern und Hitze aufgedunsene und gerötete Antlitz gewann allmählich seine ihm natürliche Farbe und Form wieder . » Gute Geschäfte gemacht , Herr Schmitz ? « fragte der Hofschulze lächelnd . » Dem Anscheine nach sollte man es glauben . « » Es geht noch « , versetzte der Sammler . » In der lieben Erde steckt ein rechter Segen . Nicht allein Korn und Gewächse bringt sie immerdar hervor und wird nicht müde ; auch Altertümer erntet ein aufmerksamer Forscher ihr fortwährend ab , soviel auch danach schon gescharrt und gegraben worden ist . Ich habe denn einmal wieder so mein Gängelchen durch das Land gehalten , kam dieses Mal bis an die Grenze vom Siegenschen . Nun bin ich auf dem Rückmarsch , will heute noch zur Stadt , mußte aber unterweges bei Euch , Schulze , mich etwas ausruhen , denn müde ward ich freilich . « » Was bringen Sie denn mit ? « fragte der Hofschulze . Der Sammler klopfte sacht und freundlich auf alle Erhöhungen und Wülste seiner verschiedenen Taschen und sagte : » Ei nun , Liebes und Gutes , allerhand Siebensachen . Eine Streitaxt , ein paar Donnerkeile , Kattenringe , prächtig mit grünem Rost überzogen , Aschenkrüglein , Tränenflaschen , drei Götzen und ein paar kostbare Lampen . « Dann schlug er mit der umgewandten Hand an seinen Nacken und fuhr fort : » Und ein ganz komplett erhaltenes Stück korinthischen Erzes habe ich mir hier , weil ich sonst keinen andern Platz mehr hatte , hier im Rücken unter dem Rocke festgebunden . Nun , es wird sich denn wohl leidlich machen , wenn es alles erst gesäubert ist und in Reihe und Glied steht . « Die Bauern bezeugten ihre Neugier nach einigen der Sachen ; der alte Schmitz erklärte sich aber unfähig , dieselbe zu befriedigen , weil die Altertümer so sorgfältig verpackt und mit so ausgeklügelter Benutzung jedes Räumchens eingesenkt seien , daß es schwerhalte , die ganze Befrachtung , wenn sie gelöset worden , wieder zustande zu bringen . Der Hofschulze sagte seinem Knechte etwas in das Ohr ; dieser ging in das Haus . Inzwischen erzählte der Sammler ausführlich von dem Fundorte der verschiedenen Erwerbungen , rückte dann seinem Gastfreunde näher und sagte vertraulich : » Was aber die allerwichtigste Entdeckung dieser Reise ist ; ich habe nun wahr und wahrhaftig den Ort gefunden , wo Hermann den Varus schlug . « » Ei , ei , ei « , versetzte der Hofschulze und schob seine Mütze hin und her . » Alle sind sie auf dem falschen Wege gewesen , Clostermeier , Schmid , und wie sie heißen mögen , die darüber geschrieben haben ! « rief der Sammler feurig . » Immer wollten sie den Varus in der Richtung auf Aliso , wovon doch auch noch kein Mensch ausgeforscht hat , wo es eigentlich gelegen - genug aber mitternachtwärts - sich zurückziehen lassen , und demnach sollte die Schlacht zwischen den Quellen der Lippe und Ems , bei Detmold , Lippspringe , Paderborn und Gott weiß wo noch ? vorgefallen sein - « Der Hofschulze sagte : » Ich glaube , der Varus mußte aus allen Kräften suchen , nach dem Rhein zu kommen , und das konnte er nur , wenn er ins offene Land gelangte . Drei Tage soll die Bataille gedauert haben , darin läßt sich schon ein Stück marschieren , und so bin ich vielmehr der Meinung , daß die Attacke in den Bergen , die unsre Börde einschließen , also gar nicht weit von hier vorgefallen ist . « » Falsch ! Falsch , Hofschulze ! « rief der Sammler . » Hier unterwärts war alles besetzt und verstopft von Cheruskern , Katten und Sikambrern . Nein , weit mehr nach Mittag ist die Schlacht gewesen , der Ruhrgegend nahe , nicht weit von Arnsberg . Varus mußte sich durch das Gebirg hindurchworgen , er hatte nirgends einen Ausweg , und seine Gedanken standen auf den Mittelrhein , wohin der Weg quer durch das Sauerland geht . So dachte ich es mir immer , so , und jetzt habe ich die untrüglichsten Bestätigungszeichen entdeckt . Dicht an der Ruhr fand ich das korinthische Erz und kaufte die drei Götzen , und da sagte mir ein Mann aus dem Dorfe , daß kaum eine Stunde davon im Walde zwischen den Bergen eine Stelle liege , wo Knochen in ungeheurer Anzahl zwischen dem Sand und Kies aufgeschichtet seien . Hui ! rief ich , es wird Tag . Ging mit einigen Bauern hinaus , ließ nachgraben , und siehe da , wir fanden Knochen , wie ich sie nur wünschte . Das ist also der Platz , wo Germanicus sechs Jahre nach der Teutoburger Schlacht die Überreste der römischen Legionen bestatten ließ , als er seine letzten Züge wider Hermann machte , und folglich habe ich dort das richtige Schlachtfeld entdeckt . « » An die tausend und mehrere Jahre pflegen sich Knochen nicht zu erhalten « , sagte der Schulze und bewegte zweifelmütig das Haupt . » Sie haben sich versteinert in den Mineralien dort « , sprach der Sammler zorneifrig . » Ich muß Euch nur den Glauben in die Hand geben , da ist einer , den ich mitgebracht habe . « Er zog einen großen Knochen aus dem Busen und hielt denselben seinem Widerpart unter die Augen . » He , was ist das ? « fragte er triumphierend . Die Bauern starrten den Knochen verdutzt an . Der Hofschulze antwortete , nachdem er ihn prüfend betrachtet hatte : » Ein Kuhknochen , Herr Schmitz . Sie sind auf einen Schindanger gestoßen und nicht auf das Teutoburger Schlachtfeld . « Grimmig steckte der Sammler das bescholtene Altertum wieder an seinen Platz und stieß einige heftige Reden aus , denen der alte Bauer in derselben Weise zu begegnen wußte . Es sah daher nach einem Zanke zwischen beiden Männern aus ; indessen hatte es damit nicht viel zu bedeuten . Denn es war schon hergebracht , daß sie über solche und ähnliche Dinge aneinander gerieten , wenn sie zusammenkamen . Immer aber blieben sie trotz dieser Streitigkeiten gute Freunde . Der Sammler , der sich das Brot am Munde absparte , um seine Liebhaberei zu befriedigen , pflegte sich das Jahr hindurch wochenlang bei den gefüllten Fleischtöpfen des Oberhofes auszufüttern und half wieder seinerseits dem Gastfreunde mit allerhand Schreibereien in dessen Geschäften ; denn er war seines Zeichens ein ehemaliger kaiserlicher geschworner und immatrikulierter Notarius . Endlich sagte der Hofschulze nach vielem nutzlosen Hinund Herreden von beiden Seiten : » Ich will mit Ihnen über den Walplatz nicht streiten , obgleich ich dabei verbleibe , daß Hermann den Varus hier herum geschlagen hat . Es liegt mir aber überhaupt nicht viel daran , die Sache ist mehr für die Herrn Gelehrten , denn wenn der andere römische General sechs Jahre darauf , wie Sie mir oftmalen erzählt haben , schon wieder mit einer Armee in hiesigen Gegenden stand , so hat die ganze Bataille wenig zu bedeuten gehabt . « » Davon versteht Ihr nichts , Hofschulze ! « fuhr der Sammler auf . » Auf der Hermannsschlacht beruht das gesamte deutsche Wesen . Wenn Hermann der Befreier nicht gewesen wäre , so säßet Ihr nicht so breit hier zwischen Euren Hecken und Pfählen . Aber ihr Leute lebt nur von einem Tage zum andern und Geschichte und Altertümer sind euch nichts nütze . « » Oho , Herr Schmitz , da tun Sie mir doch groß Unrecht ! « versetzte der alte Bauer stolz . » Weiß Gott , was für Pläsier es mir macht , bei Winterszeit die Chroniken und Historienbücher zu lesen , und Sie selbst wissen , daß ich mit dem Schwerte von Carolus Magnus ( der Alte sprach die zweite Silbe lang aus ) , welches nun seit tausend und mehreren Jahren im Oberhofe aufbewahrt wird , umgehe , wie mit meinem Augapfel , folglich ... « » Das Schwert Karls des Großen ! « sagte der Sammler höhnisch . » Freund , ist es denn nicht möglich , Euch diese Grillen aus dem Kopfe zu bringen ? Hört doch nur - « » Und ich sage und behaupte , daß es das echte und aufrichtige Schwert Caroli Magni ist , womit er hier auf dem Oberhofe den Freistuhl gesetzet und eingerichtet hat . Und das Schwert wirket und vollbringet noch heutzutage sein Amt , obgleich davon nicht weiter geredet werden darf . « Der Alte sprach diese Worte mit einem Ausdrucke in den Mienen und mit einer Gebärde , die etwas Erhabenes hatten . » Und ich sage und behaupte , daß das eitel Torheiten sind « , eiferte der Sammler . » Ich habe den alten Flederwisch an die hundert Male untersucht , er hat kein halb Jahrtausend erlebt und rührt vielleicht aus der Soester Fehde her , wo ihn ein Reisiger des Erzbischofs , der sich hier in den Büschen verkrochen , mag haben stehen lassen . « » Daß dich ! « rief der Hofschulze und schlug mit der Faust auf den Tisch . Dann murmelte er vor sich hin : » Nun warte ! Dafür sollst du heute deine Strafe kriegen . « Der Knecht trat aus der Türe . Er trug ein Gefäß aus gebrannter Erde , von bedeutendem Umfange und fremdartigem Ansehen , es steif und achtsam mit beiden Händen an den Henkeln gefaßt . » Ei Gott ! « rief der Sammler , als es ihm näher zu Gesichte kam , » das ist ja eine prächtige große Amphora ! Woher stammt denn die ? « » Ich habe « , versetzte der Hofschulze gleichgültig , » den alten Topf vor acht Tagen in meiner Kiesgrube gefunden , als Grand ausgestochen wurde . Es stand noch mehr des Zeuges umher , was aber die Leute mit den Grabscheiten zerschlagen haben . Der Topf allein ist erhalten worden . Ich wollte doch , daß Sie ihn sähen , da Sie einmal hier sind . « Mit feuchten Blicken betrachtete der Sammler das große , wohlerhaltene Gefäß . Endlich stammelte er : » Ist darüber kein Handel zu machen ? « » Nein « , versetzte der alte Bauer kalt , » ich will den Topf mir selber aufheben . « Er gab dem Knechte einen Wink , dieser wollte die Amphora in das Haus zurücktragen , wurde aber daran von dem Sammler gehindert , welcher , die Augen nicht von dem Gefäße wendend , den Eigentümer mit den mannigfaltigsten und beweglichsten Wendungen anging , ihm den ersehnten Weinkrug abzustehen . Es war indessen alles vergebens ; der Hofschulze verblieb den eindringlichsten Bittworten gegenüber in unerschütterlicher Seelenruhe und machte auf diese Weise den unbewegten Mittelpunkt der Gruppe , um welchen die Bauern , die dem Handel mit aufgesperrten Mäulern zuhorchten , der Knecht , der das Gefäß an den Henkeln gefaßt , dem Hause zustrebte , und der Altertümler , welcher dasselbe am untern Ende festhielt , die aufgeregten Seiten- und Nebenfiguren bildeten . Zuletzt sagte der Hofschulze , daß er in Willens gewesen sei , seinem Gaste den Topf , wie so manches früher aufgefundene Stück zu schenken , weil er selbst seine Freude daran habe , die alten Sachen auf den Brettern der Sammlung an den Wänden ringsherum in Ordnung gestellt , zu sehen , daß ihm aber die beständigen Angriffe auf das Schwert Caroli Magni verdrießlich seien , und daß er deshalb auch mit dem Topfe seinen Willen behalten wolle . Kleinlauten Tons versetzte hierauf der Sammler nach einer Pause , daß Irren menschlich wäre , daß die Waffen des Mittelalters sich nach den Zeitaltern oft nicht genau unterscheiden ließen , daß er auf diese Überbleibsel sich weniger , als auf Römersachen verstände , und daß allerdings manches an dem Schwerte auf ein höheres , über die Soester Fehde hinausreichendes Alter zu deuten schiene . Vorauf der Hofschultze entgegnete , daß ihm dergleichen allgemeine Redensarten nichts frommen könnten , daß er den Zwist und den Zweifel an seinem Schwerte ein für allemal abgetan wissen wollte , und daß es nur ein Mittel gäbe , in den Besitz des alten Topfes zu kommen , nämlich , wenn der Herr Schmitz auf der Stelle eine Schrift von sich gäbe , worin das im Oberhofe , aufbewahrte Schwert förmlich für das wahre Schwert Caroli Magni anerkannt würde . Nach dieser Eröffnung hatte der Altertümler freilich einen harten Kampf zwischen seinem antiquarischen Gewissen und seiner antiquarischen Begierde zu kämpfen . Er warf die Lippe auf und trommelte mit den Fingern auf der Stelle umher , wo er den Knochen vom Teutoburger Schlachtfelde stecken hatte . Sichtlich war sein Bestreben , über die Anmahnungen des ihn zur Unwahrheit verlockenden Gelustes Herr zu werden . Endlich aber erhielt dennoch die Leidenschaft , wie dieses immer zu geschehen pflegt , die Oberhand . Hastig forderte er Feder und Papier und stellte mit fliegender Eile , zuweilen seitwärts nach der Amphora schielend , ein unumwundenes Bekenntnis aus , daß er nach oftmaliger Besichtigung des Schwertes im Oberhofe solches für das des Kaisers Karls des Großen erkannt und befunden habe . Diese Urkunde ließ der Hofschulze von den beiden Bauern als Zeugen mit unterschreiben , und steckte dann das Papier , mehrmals zusammengeschlagen , zu sich . Der alte Schmitz aber faßte heftig nach der auf Kosten seines besseren Bewußtseins erkauften Amphora . Der Hofschulze sagte , er wolle ihm den Topf andern Tages nach der Stadt schicken ; wie hätte aber ein Sammler wohl jemals auch nur einen Augenblick lang die körperliche Innehabung eines teuer erworbenen Besitzstückes entbehrt ? Entschieden lehnte der unsrige jeden Verzug ab , ließ sich eine Schnur geben , zog diese durch die Henkel , und hing sich daran das große Weingefäß über die Schulter . Sie schieden demnächst im besten Einvernehmen , nachdem der Sammler noch zur Hochzeit gebeten worden war . Er gewährte mit seinen Winkeln , mit den bauschig abstehenden Rockschößen und der hin und her wackelnden Amphora an der linken Seite einen abenteuerlichen Anblick , als er von dannen zog . Die Bauern boten ihrem Ratgeber die Zeit , versprachen , sich seinen Rat merken zu wollen und gingen dann , ein jeder zu seinem Gehöfte . Der Hofschulze , dem im Laufe einer Stunde mit allen Menschen , die sich bei ihm zusammengefunden hatten , jegliches Vornehmen geglückt war , trug erst die erwonnene Anerkennungsurkunde auf die Kammer , worin er das Schwert Caroli Magni verwahrte , dann ging er mit dem Knechte auf den Futterboden , um den Hafer für die Pferde ihm zuzumessen . Drittes Kapitel Der Oberhof » Westfalen bestund aus einzelnen Höfen , deren jeder seinen eigentümlichen und freien Besitzer hatte . Mehrere solcher Höfe machten eine Bauerschaft aus , die gewöhnlich den Namen des ältesten und vornehmsten Hofes führte . Es gründet sich in der ersten Anlage der Bauerschaften , daß der älteste Hof auch der erste im Range bleiben und der vornehmere werden mußte , wo von Zeit zu Zeit die davon ausgegangenen Kinder , Enkel , Hausgenossen zusammenkamen und einige Tage feierten und zechten . Der Anfang , oder das Ende des Sommers war die gewöhnliche Zeit dazu , wo jeder Hofbesitzer etwas von seinen gezogenen Früchten und auch wohl ein junges Stück Vieh zum Bauermahl mitbrachte . Man besprach sich über mannigfaltige Gegenstände und nahm Rücksprache , Heiraten wurden da geschlossen , Todesfälle angezeigt , und der Sohn als eingetretenes Haupt seines väterlichen Erbes erschien dann gewiß mit volleren Händen und ausgesuchterem Viehe bei seinem ersten Eintritt in die Versammlung . An Zwisten konnte es bei solchen Freudentagen nicht fehlen , dann trat der Vater als Haupt des ältesten Hofes in die Mitte und legte mit Einstimmung der übrigen den Zank bei . Wurden einige Hofbesitzer während der andern Jahrszeit irgendeiner Ursache halber uneins , so brachten beide bei der nächsten Versammlung ihre Beschwerde vor , und beide waren damit zufrieden , was ihre Mitgenossen für gut oder recht fanden . War alles aufgezehrt , der zur Feier bestimmte Baum ausgebrannt , so hatte das Fest , die Versammlung ein Ende . Jeder kehrte dann zurücke , erzählte seinen zu Hause schon wartenden Hausgenossen die Begebenheiten des Festes und ward mit ihnen lebendige und stets fortdauernde Urkunde aller Vorfälle ihrer Bauerschaft . Dergleichen Zusammenkünfte hießen Sprachen , Bauersprachen , weil sämtliche Hofbesitzer einer Bauerschaft , um sich zu besprechen , zusammenkamen , und Bauergerichte , weil hier die Irrungen der schon stillschweigend in einen Verein getretenen Männer beigelegt oder zurückgewiesen wurden . Da die Bauersprachen und Bauergerichte beim ältesten oder vornehmsten Hofe gehalten wurden , so hieß solcher Hof auch Richthof , und die Bauergerichte und Bauersprachen auch Hofsprachen und Hofgerichte , welche bis auf heutigen Tag noch nicht ganz verschwunden sind . Der älteste Hof , der Richthof ward nun im vorzüglicheren Sinne Hof genannt , womit man den Haupthof oder Oberhof in der Bauerschaft und dessen Besitzer als das Haupt oder den Hauptmann der übrigen bezeichnete . So hätten wir ungefähr die Entstehung von dem ersten Vereine und den ersten Gerichtsanstalten der westfälischen Höfe oder Bauerschaften . Sie kann uns um desto weniger befremden , wenn man bedenket , daß Westfalens ehemalige Gestalt nur eine langsame Bevölkerung und allmählichen Anbau verstattete , und dieses allmähliche Fortschreiten gerade so zu den simplen und einförmigen Einrichtungen , als zu der gleichen Bildung , Sitte und Gewohnheit führte , die wir bei Westfalens alten Bewohnern antreffen . « Diese Stelle aus Kindlingers » Münsterischen Beiträgen « führt uns auf den Schauplatz der Handlung . Sie verdeutlicht uns den Helden der letzteren , den Hofschulzen . Er war der Besitzer eines der größten und reichsten Haupt- oder Oberhöfe , welche in den dortigen Gegenden , freilich jetzt bis zu geringer Anzahl zusammengeschmolzen , liegen . Über diese uralten Wehren freier Männer ist der Atem der Zeiten markenverrückend und rechtetilgend hingefahren . Die anfängliche germanische Genossenschaft , in welche jeder nur eintrat , Leibes und Lebens sicher zu werden , nicht , Leib und Leben zu verlieren , ist längst zerstört ; der Vasallendienst hat an der Freiheit gerüttelt , die Ministerialität hat daran gerüttelt , und endlich sind die Trümmer eigenartiger Selbständigkeit in den großen Not- und Bergehafen des modernen Staats getrieben worden . In diesem schwimmen sie ( um dem Gleichnisse treu zu bleiben ) , stoßen und prallen aneinander an , oder sind auch wohl seitwärts auf das Trockne geworfen . Dort verwittern sie , mit Tang , Flechten und Schneckenhäusern besetzt , nach und nach , während jener Überzug den Schein eines neuen Gebildes fortsetzt . Aber es ist etwas Merkwürdiges um die ersten Stammerinnerungen , und die Völker haben ein so langes Gedächtnis , wie die einzelnen Menschen , denen ja auch die Eindrücke der frühesten Kinderzeit bis in das höchste Alter hinauf getreu zu bleiben pflegen . Erwägt man nun , daß eines Menschen Leben neunzig währen kann und darüber , daß der Völker Jahre aber Jahrhunderte sind , so ist es weiter nicht zu verwundern , daß in den Gegenden , in welche sich unsere Geschichte nunmehr begeben hat , manches noch hin und wieder aufstößt , welches nach der Zeit zurückweist , in welcher der große Frankenkaiser die eigensinnigen Sassen mit Feuer und Schwert zu bekehren wußte . Weckt also die Natur da , wo sonst der oberste Richter und Erbe der Gegend wohnte , wieder einmal besondere Eigenschaften in einem Menschen auf , so kann an den jahrtausendalten Erinnerungen und zwischen den Grenzen und Gräben , die doch noch erkennbar sind , eine Gestalt erwachsen , wie unser Hofschulze , eine Gestalt , deren Geltung zwar von den Mächten der Gegenwart nicht anerkannt wird , welche aber für sich selbst und bei ihresgleichen einen längst verschwundenen Zustand auf einige Zeit wiederherstellt . Doch das klingt für diese Arabeskengeschichte zu ernsthaft . Sehen wir uns lieber im Oberhofe selbst um ! Wenn das Lob der Freunde immer ein sehr zweideutiges bleibt , so darf man dagegen dem Neide der Feinde vertrauen , und am glaubwürdigsten ist ein Pferdehändler , der die guten Umstände eines Bauern herausstreicht , mit welchem er nicht des Handels einig werden konnte . Zwar ließ sich von dem Hofe nicht , wie der Roßkamm Marx sagte , behaupten , es sei darin , als ob man sich bei einem Grafen befinde , dagegen nahm man , wohin man blickte , bäurischen Wohlstand und einen Segen wahr , welcher dem hungrigsten Menschen zurufen mußte : hier kannst du dich mit satt essen , die Schüssel ist immerdar voll . Der Hof lag ganz allein an der Grenze der fruchtbaren Börde , da wo sie in das Hügel- und Waldland übergeht . Die letzten Felder des Hofschulzen stiegen schon sacht die Anhöhen hinauf , und eine Meile von dort war Gebirg . Der nächste Nachbar der Bauerschaft wohnte eine Viertelstunde vom Hofe . Um diesen breitete sich alles Besitztum , welches eine große ländliche Wirtschaft nötig hat , aus ; Feld , Wald , Wiese , unzerstückelt , in geschlossenem Zusammenhange . Von der Anhöhe herab liefen die Felder durch die Ebene , bestens bestellt . Es war aber um die Zeit der Roggenblüte ; der Rauch ging von den Ähren und wallte in den warmen Sommerlüften , ein Opfer der Scholle . Einzelne Reihen hochstämmiger Eschen oder knorrichter Rüstern , zu beiden Seiten der alten Grenzgräbern gepflanzt , faßten einen Teil der Kornfelder ein und bezeichneten , von weitem her kenntlich , die Marken des Erbes , bestimmter als Steine und Pfähle vermögen . Ein tiefer Weg zwischen aufgeworfenen Erdwällen führte quer durch die Felder , mündete rechts und links an verschiedenen Orten in Seitenpfade aus und führte , wo das Getreide aufhörte , in ein kräftig bestandenes Eichenwäldchen , unter welchem sich erdgelagerte Säue gütlich taten , dessen Schatten aber auch für den Menschen erquicklich waren . Dieser Kamp , welcher dem Schulzen sein Holz lieferte , drang bis wenige Schritte vom Gehöfte vor , umfaßte es von beiden Seiten und gab so zugleich gegen die Ost- und Nordwinde Schutz . Nur mit Stroh war das Wohnhaus , welches sich in seinen weiß und gelb angestrichenen Wänden von Fachwerk zweistöckig erhob , gedeckt , aber da diese Bedeckung immer sehr wohl instand erhalten ward , so hatte sie nichts Dürftiges , verstärkte im Gegenteil den behaglichen Eindruck , den das Gehöft machte . Das Innere lernen wir schon bei Gelegenheit kennen ; jetzt sei nur gesagt , daß auf der andern Seite des Hauses um einen geräumigen Hof Ställe und Scheunen liefen , an denen auch das schärfste Auge keine schadhafte Stelle an Mauer und Bewurf erspähen konnte . Große Linden standen vor der Hoftüre , und dort , nicht nach der Waldseite zu waren auch , wie wir schon erfahren haben , die Ruhesitze angebracht . Denn der Hofschulze wollte , selbst wenn er rastete , seine Wirtschaft im Auge behalten . Gerade dem Wohnhause gegenüber sah man durch ein Gittertor in den Baumgarten . Dort breiteten starke und gesunde Obststämme ihre belaubten Zweige über frischem Graswuchs , Gemüse- und Salatstücken aus ; hier und da ernährte ein schmales Beet dazwischen rote Rosen und gelbe Feuerlilien . Doch waren solcher Beete nur wenige . In einer echten Bauerwirtschaft bleibt der Boden dem Bedürfnisse gewidmet , selbst wenn dem Eigentümer seine Umstände Luxus mit der Natur verstatten . Deshalb haben wir in solchen Höfen eine Empfindung froher Ruhe aller Sinne , wie sie Prachtgärten , Parks und Villen nicht zu erregen vermögen . Denn das ästhetische Landschaftsgefühl ist schon ein Produkt der Überfeinerung , weshalb es denn auch nie in eigentlich robusten Zeiten auftritt . Diese halten vielmehr die Stimmung zur Mutter Erde , als zu der Allernährerin fest , wollen und verlangen nichts von ihr , als die Gabe des Feldes , der Viehweide , des Fischteiches , des Wildforstes . So weit das Auge über den Baumgarten hinausblickte , sah es auch nur Grün . Denn jenseits des Gartens lagen die großen Wiesen des Oberhofes , auf welchen der Schulze Raum und Futter für seine Pferde besaß . Ihre Zucht , mit Fleiß betrieben , gehörte zu den einträglichsten Nahrungsquellen des Erbes . Auch diese grünen Grasflächen waren von Hecken und Gräben umschlossen ; eine derselben faßte einen Weiher ein , in welchem ausgefütterte Karpfen zugweise umherschwammen . Auf diesem reichen Hofe zwischen vollen Scheuern , vollen Böden und Ställen hantierte der alte , weit und breit angesehene Hofschulze . Bestieg man aber den höchsten Hügel , zu dem sich seine Felder hinauf erstreckten , so erblickte man von dort die Türme dreier der ältesten Städte Westfalens . Es ging zu der Zeit , von welcher ich rede , auf eilf Uhr vormittags , und der ganze weitläufige Hof war so still , daß sich fast nur das Rauschen der Lüfte in den Baumwipfeln des Kamps vernehmen ließ . Der Schulze maß dem Knechte Hafer zu , womit dieser , den Sack über der Schulter , langsamen Schrittes nach dem Pferdestalle ging , die Tochter zählte in der Linnen-und Garnkammer ihre Ausstattung nach , eine Magd besorgte die Küche . Was sonst von Menschen im Hofe lebte , lag und schlief , denn es ging gegen die Ernte , in welcher Zeit es bei den Bauern am wenigsten zu tun gibt , und die Arbeiter jede Minute zu benutzen pflegen , um gewissermaßen auf Rechnung der herannahenden schweiß- und mühevollen Tage in voraus zu schlafen . Überhaupt können die Landleute , wie die Hunde , zu allen Stunden bei Tage und bei Nacht schlafen , wann sie wollen . Viertes Kapitel Worin der Jäger einem Menschen , namens Schrimbs oder Peppel seinen Begleiter nachsendet , und selbst auf den Oberhof kommt Aus den Hügeln , welche die Felder des Hofschulzen begrenzten , traten zwei Männer von verschiedenem Ansehen und Alter . Der eine , im grünen Jagdcollet , die kleine Mütze über das lockige Haupt geworfen , die leichte Lütticher Flinte im Arme , war ein blühend schöner Jüngling , der andere , in stillere Farben gekleidet , ein ältlicher Mann von treuherziger Miene . Der Jüngere