auf mir ; das Schicksal hat auf weit dunkleren Wegen , als tausend Andre mich geführt , und es giebt Punkte in meinem Leben , von denen ich gern auf ewig mich abwenden möchte . Nur Eines , ein Einziges wird mir dereinst Ihre Achtung und zugleich Ihr tiefstes Mitleid erwerben , dessen bin ich gewiß , und gerade das , was mich Ihren Augen jetzt am verdammlichsten zeigt ; vergessen Sie diese meine Worte nicht , und beurtheilen Sie mich milder . Man erzählt , daß eine ganze sündige lastervolle Stadt um eines einzigen Gerechten willen , der in ihr wohnte , verschont ward ; sollten gute , tugendhafte Menschen , wie Sie einer sind , die ein günstiger Zufall der Gefahr eines tiefen Sturzes nie aussetzte , diesem Beispiele nicht folgen , und um eines einzigen , wahrhaft edlen , lobenswerthen Gefühls willen , das selbst mit bedeutender Aufopferung zu einer guten That ihn bewegt , den übrigens tief Gesunkenen nicht schonen wollen ? sich nicht hüten , mit unbarmherziger Hand ihn noch tiefer hinabzustoßen , bis jedes Sichwiedererheben ihm unmöglich wird ? Torsons Stimme hatte zuletzt einen ganz eigenen , fast zitternd bewegten Ton angenommen , seine Haltung schien verändert , sein Auge sich zu umdunkeln . Er wandte sich ab , drückte den Hut tiefer in die Stirne , und schritt eilends davon . Richard stand nachsinnend eine Weile da . Komödiant ! murmelte er endlich , und warf mit verachtendem Lächeln den Kopf auf . Unser Vornehmen ist meistens löblich , aber gelähmt durch mancherlei unvorhergesehene Hindernisse , hinkt leider nur zu oft die Ausführung desselben hinterdrein , und kommt darüber gar nicht zu Stande . Schwache , zur Trägheit hinneigende Naturen pflegen in der ihnen angebornen Gelassenheit sich dann damit zu trösten , daß sie das Beste gewollt , nur daß man unglücklicher Weise nicht immer kann was man will . Feurige Gemüther möchten über alles , was ihnen bei ihrem Vorhaben in den Weg tritt , vor Ungeduld außer sich kommen , arbeiten nutzlos bis zur Ermüdung sich ab , wollen erzwingen was sich nicht erzwingen läßt , gerathen darüber in Hader , Zorn und Mißmuth mit der Welt und mit sich selbst , bis sie endlich aus Überdruß alles lassen wie es ist . In Richards Thun lag etwas von Beiden . Er nahm sich anfangs vor sehr umsichtig zu Werke zu gehen , besonders gegen Torson . Leise auftretend verfolgte er diesen Schritt für Schritt , hatte überall ein aufmerksames Auge , horchte überall hin , um die Kreuz- und Querschliche seines Feindes ausfindig zu machen . Gehüllt in einen unscheinbaren Überrock , um seine Uniform dadurch zu verdecken , suchte er jene Spielhäuser auf , in welchen er früher den Grünbebrillten angetroffen ; doch die Bewohner solcher Orte sind wandelbar , wie das Glück , dessen Priester sie sind . Er fand überall lauter neue Gesichter ; von dem , welchen er suchte , wollte keine Seele jemals etwas gesehen oder gehört haben . Er würde es sogar nicht gescheut haben sich zur Frau Marina zu begeben , um von dieser , durch was für Mittel es immer sei , etwas herauszubringen ; aber seit Juliens Zusammentreffen mit ihr , war die gefällige Dame mit ihrem ganzen Institute aus ihrer Wohnung verschwunden , und nie wieder in Petersburg gesehen worden . Somit war denn jede Spur erloschen , welche die Vergangenheit ihm bieten konnte ; Richard hätte darüber mit dem Kopfe gegen die Wand laufen mögen , wie man im gemeinen Leben zu sagen pflegt . Er wandte , unter einem wohl ersonnenen Vorwande , um Nachricht von Torson sich an die Polizei ; sie wußte nichts ihm zu sagen , als daß schon vor längerer Zeit ein Norwege Namens Torson , aus Königsberg in Preußen nach Petersburg gekommen sei , wohl versehen mit Pässen , gegen welche sich nichts einwenden ließ ; daß er ein durchaus nicht verdächtiges ruhiges Leben hier führe , seinen Wirth und alle Welt ordentlich bezahle , und folglich als eine ganz achtungswerthe , durchaus unverdächtige Person zu betrachten sei . Mit nicht glücklicherem Erfolge erkundigte sich Richard nach ihm im Postbüreau . Torson erhielt nie Briefe , wenigstens kamen keine unter seiner Adresse an ihn an . In einer Art wilder Verzweiflung , ließ Richard sich sogar zu einem Schritte herab , den er selbst verächtlich fand , und dessen er vor sich selbst sich schämen mußte ; er machte sich an Torsons Diener , den einzigen den dieser hielt , um von diesem etwas zu erforschen . Der Mensch war ein Stock-Russe , tief aus dem Innern des Landes , und war gleich bei seiner Ankunft in seinen jetzigen Dienst gekommen . Von seinem Herrn wußte er nichts zu sagen , als daß er guten Sold , viel Schnaps und blutwenig Prügel von ihm erhalte , sogar nach Herzenswunsch alle Talglichter getrost verspeisen könne , welche eigentlich dienen sollten , Treppe und Vorsaal zu erleuchten , ohne daß ihm darüber nur ein zorniges Gesicht gemacht würde . Übrigens , wenn er Morgens seinen Herrn an- und Abends wieder ausgekleidet habe , hätte er den ganzen Tag über nichts zu thun als zu essen , sich zu betrinken , den Rausch wieder auszuschlafen , und führe daher bei seinem Gebieter ein Leben , wie die Engel im Himmel . Richard stampfte mit dem Fuße , aber was half ihm das ? Richards Unmuth , über dieses völlige Mißlingen aller seiner Pläne in Hinsicht auf Torson , war gränzenlos , aber das Benehmen seines noch immer geliebten Freundes , den er obendrein von heimlichen Gefahren umringt sich dachte , traf ihn noch schmerzlicher . Iwans Vertrauen wieder zu gewinnen schien unmöglich , soviel er auch sich darum bemühte ; denn Iwan hatte nicht sowohl sich von ihm abgewendet , als vielmehr sich von ihm abgewöhnt . Er fühlte nicht mehr das Bedürfniß , Abends dem Freunde alles mitzutheilen , was er den Tag über erlebt , vollbracht , ja sogar was er gedacht , weil Richard mehrere Monate hindurch sich hatte vermissen lassen , gerade in den Stunden , die er sonst täglich mit ihm zuzubringen pflegte . Der Mensch ist ein Sklave der Gewohnheit , besonders der weniger gebildete ; es wurde dem schlauen Lunin ungemein leicht , die in Iwans Herzen wie in seiner Lebensweise aus Richards Abwesenheit entstehende Leere , welche durch das kränkende Gefühl der Vernachlässigung nur noch fühlbarer wurde , nach Gefallen zu benutzen . Neue Bekanntschaften mußten die Lücke ausfüllen , Zerstreuungen , Lustparthien ihn betäuben helfen , bis er keiner einzigen seiner freien Stunden mehr Herr war . Durch Vermittelung seiner neuen Freunde war er abermals in einen Strudel geselliger Freuden gerathen , von denen manche der Art waren , daß er weder vor Julien noch vor Richard sich ihrer hätte rühmen mögen . Auch bewog Lunin durch allerlei Neckereien ihn sehr bald , seinem alten Freunde absichtlich aus dem Wege zu gehen , um den überlästigen Ermahnungen und Strafpredigten des überweisen Herrn Hofmeisters , wie Lunin ihn nannte , auszuweichen ; besonders war dies der Fall , wenn Iwan kein ganz reines Gewissen hatte , und der kam leider nur zu oft . Und so blieb denn Richards treues Bemühen , sich dem irre geführten Freunde wieder zu nähern , ebenfalls ohne Erfolg ; nicht nur , daß ihm jeder Versuch , Iwan über Lunins Unwerth die Augen zu öffnen , mißlang , Iwan gerieth jedesmal darüber in kaum zu bändigenden Zorn ; und es bedurfte wirklich all ' der alten Liebe , die Richard noch in seinem Herzen zu ihm trug , all ' des Mitleids , welches diese eben so unbegreifliche als gefährliche Verblendung in ihm erregte , um dabei in leidlicher Fassung zu bleiben , und durch schwer zu erringende Mäßigung einen nie zu heilenden Bruch abzuwenden , der für beide nur höchst verderblich ausfallen konnte . Iwans Gefühl für Torson schien von dem , was er für Lunin empfand sehr verschieden , es glich mehr scheuer Verehrung als inniger Liebe . Jede Äusserung zum Nachtheil desselben , jedes ihn tadelnde Wort , nahm er als eine ihm selbst widerfahrne Beleidigung auf , und vertheidigte ihn nach besten Kräften mit Gründen oder mit Heftigkeit und Drohungen , wie es eben gehen wollte . Andeutung , oder Anspielungen auf jene oft besprochne Ähnlichkeit , die er nur in sehr geringem Grade zugab , duldete er durchaus nicht ; dagegen wurde jedes Wort des hochverehrten Mannes gleich einem weisen , keinem Zweifel unterworfnen Orakelspruche aufgenommen , und wehe dem , der etwas dagegen einzuwenden wagte . Richard wußte sich endlich nicht anders zu rathen , als daß er auf Torsons sehr vertrautes Betragen gegen Julien ihn aufmerksam machte , auf die reichen Geschenke , welche diese ohne Weigerung von dem fremden Manne annahm , Iwan brach darüber in helles Lachen aus . Warum , sprach er , sollte sie diese theuern Flitter , die ihr Freude machen und die ich ihr nicht kaufen kann , nicht annehmen ? sie werden mit dem größten Vergnügen ihr geboten , und sie braucht nur die Hand darnach auszustrecken , ohne sich dadurch irgend eine Verbindlichkeit aufzuladen . Hast Du denn nicht das nämliche gethan ? weißt Du noch an jenem Abende , dem ersten in der Kaserne , wo ich von lauter solchen Kostbarkeiten Dich umringt fand ? Und was den vertraulichen Ton betrifft , der Dir so sehr an ihm mißfällt ! soll man denn immer aus dem Komplimentirbuche sprechen ? ich gestehe es Dir , ich bin des faden geschnörkelten Wesens müde , es thut mir im Herzen wohl , wenn ich einmal ein gerades , aus offner Brust gesprochnes Wort zu hören bekomme . Auf Julie verlaß ich mich , sie ist rein und treu wie Gold ; Torfon kommt neben ihr mir vor , wie so ein Onkel aus Mexiko oder Lissabon oder Jamaika , was weiß ich , den wir letzthin auf dem Theater spielen sahen . Gönne doch den beiden ihr unschuldiges Vergnügen an einander ! wenn ich es zufrieden bin , was geht es Dich weiter an ? Und ich bitte Dich um Gotteswillen , mache Dich nur nicht lächerlich , indem Du mich eifersüchtig machen willst ; ich eifersüchtig auf den alten Herrn ! trüge ich nur die kleinste Anlage zur Eifersucht in mir , so gäbe es doch noch ganz andere Leute , die zu dieser Albernheit mich bewegen könnten , und das ganz in der Nähe - Du selbst zum Exempel , mein überweiser Freund . Seit längerer , oder vielmehr seit langer Zeit , hatte keine Versammlung des Bundes Statt gehabt ; die Gemüther waren für des Obrist Pestels sonst so mächtigen Einfluß durch nicht ganz erfreuliche Nachrichten etwas weniger empfänglich geworden ; denn keiner seiner , als unfehlbar von ihm angekündigten Versuche , aus den in Moskau und andern Theilen des russischen Reichs bestehenden Vereinen zum Wohl des Vaterlandes mit dem Petersburger Bunde der ächten Kinder desselben ein Ganzes bilden zu wollen , war ihm gelungen . Niemand wollte zu jener blinden Unterwerfung unter den Willen des Rathes der Alten sich verstehen , dessen Oberhaupt Pestel , als Präsident desselben , eigentlich war , weil dieser unbedingte Gehorsam zu den gräßlichsten Verbrechen führen konnte . Der Vorsatz , mit großer Mäßigung und vieler Umsicht zu verfahren , sprach von allen Seiten sich aus . Man wünschte durch Lehre und Beispiel das Volk auf die Verbesserung seiner bürgerlichen Zustände allmälig vorzubereiten , die allgemeine Verbreitung nützlicher Kenntnisse herbeizuführen , die Sitten zu verbessern , und auf Vernichtung alter , tief eingewurzelter Volksvorurtheile hinzuarbeiten . In diesem Sinne auf die Nation zu wirken , wurde von den edleren und mächtigeren Mitgliedern jener Vereine für allein wünschenswerth erklärt ; sie waren bereit , mit aller Kraft zur Erhöhung des allgemeinen Wohlstandes beizutragen , nur mußte jede Gewaltthat vermieden werden ; und von einem Eide , der zu willenlosen Werkzeugen sie herabwürdigen sollte , wandten alle mit Entsetzen und Widerwillen sich ab . Innerlich ergrimmt über diese seinen noch tief verborgenen Plänen entgegentretenden Hindernisse , besaß Pestel , ungeachtet seiner schwererrungenen Selbstbeherrschung , doch nicht immer Kraft genug , um das Gefühl das in ihm tobte ganz zu unterdrücken , wenn er , was wiederholt der Fall war , von dem schlechten Erfolge seiner Unterhandlungen Bericht ablegen mußte . Die Verblendeten ! rief er einst , unwillkürlich von Zorn hingerissen , in einer Versammlung des engsten Ausschusses , in welcher keines der jüngern Mitglieder , folglich weder Richard noch die beiden Söhne des Fürsten Andreas gegenwärtig waren : Die Verblendeten ! die Thoren ! die nicht sehen , nicht ahnen , daß mit schonendem , einen jeden mit erläuternden Gründen dessen was von ihm gefordert wird bedienendem Geschwätze , hier nichts gethan werden kann . Sie begreifen nicht , daß gerade der Weg den sie einschlagen möchten , zum Gräuel aller Gräuel nothwendig führen muß , zur wildesten Anarchie eines kaum zur Hälfte kultivirten Volkes , wo keiner gehorchen , alle befehlen wollen , bis darüber alles zu Grunde geht , und die Trümmer über Kluge und Narren zusammen schlagen . Nein , meine Brüder , Krebsschäden lassen nicht mit Rosenwasser sich heilen ; Gehorsam , blinder Gehorsam der rohen Menge , unbekannten Obern und unbekannten Gesetzen auf Tod und Leben gewidmet , ist die einzige solide Basis , auf welche der Grundstein zum Bau allgemeinen Wohls und allgemeiner Freiheit sicher und dauernd gelegt werden kann , müßte selbst einiges Blut dabei als Mörtel dienen . Ist dieses einmal vollbracht , dann ist es an den kundigen Meistern , den Bau im hellen Sonnenlichte weiter zu fördern , ihn zu vollenden , so groß , so strahlend , so herrlich , als menschlicher Sinn und menschliche Kraft es vermögen . Wie dieser Gehorsam zu erzwingen sei , da er , wie es scheint , in Güte uns nicht werden soll , dem sei von heute an unser angestrengtestes Nachdenken geweiht ; jeder von uns möge , bei unsrer nächsten Zusammenkunft , das Resultat seines ernsten Überlegens den Andern zur Berathung darüber mittheilen . Nur auf eines erlaube ich mir , die Versammlung aufmerksam zu machen . In unsrer nächsten Nähe , in den Reihen unsrer Brüder steht Einer , von der Natur mit Allem ausgerüstet , um uns für diesen Zweck als tüchtigstes Werkzeug zu dienen , und alles niederzuwerfen , was sich uns entgegen stellen möchte . Mit riesengleicher körperlicher Stärke , geistig mit eisernem Willen , mit dem furchtlosesten Muthe , mit einer Brust ohne Erbarmen , sobald es unsrem Bunde gilt , der ihm alles ist , Gott , Religion und Gesetz ; mit einem Worte ein Mann , dem außer dem Bunde nichts heilig ist , der das Wort Berücksichtigung nicht kennt , den kein Band an das bürgerliche Leben fesselt , kein Vater , keine Mutter , weder Geschwister noch Verwandte , weder ein Freund noch eine Geliebte . Isolirt wie er , steht und stand vielleicht noch nie einer in der Welt . Leute die ihn kennen , nennen ihn einen ruchlosen Abenteurer , ich möchte sagen er sei mehr , er sei der inkarnirte Teufel in Person , aber das hindert nichts ; uns ist er treu , und wenn die Noth gebietet , darf man wohl die Hülfe böser Dämonen benutzen , sobald man nur der rechten Zauberformel gewiß ist , sie im gehörigen Augenblicke wieder fest zu bannen . Der den ich meine ist Lunin , der uns allen wohlbekannte . Er hat schon einige ihm ähnliche junge Leute , von denen aber keiner mit ihm auf gleicher Höhe steht , an sich gezogen ; andre stehen in der Nähe wie in der Ferne bereit , auf einen Wink von ihm herbei zu eilen , roh , leidenschaftlich , zügellos , voll der ausgesprochensten Lebensverachtung , wie er selbst . Im Nu kann er deren einige Hundert um sich versammeln , die er erbötig ist , unter dem Namen einer verlornen Kohorte , sich selbst an der Spitze , zu unsrer Disposition zu stellen . Kommt nun der große Tag , lassen wir diese Würgengel los , um - - Ein überlauter allgemeiner Schrei des Entsetzens , des empörtesten . Widerwillens , unterbrach den Redner , und ließ ihn nicht wieder zum Worte kommen ; ein Fall , den er noch nie erlebt hatte . Er selbst mochte wohl fühlen , daß er zu weit gegangen sei , daß er von Unmuth und heimlichem Zürnen sich habe verleiten lassen , der ihm sonst eignen Vorsicht zu vergessen und seine Karten aufzudecken , ehe das Spiel gewonnen war . Er wollte wieder einlenken , mildern , erläutern , doch seine Stimme konnte durch das allgemeine aufgebrachte Tosen nicht durchdringen . Eigentlich wurde keine einzelne recht vernehmbar ; gleich den empörten Meereswogen stürmten alle durch einander , und nur in Geberden , Blicken und lautem unverständlichem Geschrei sprach das allgemeine Mißfallen sich aus . Lange währte es , bevor es den Gemäßigsten und Angesehensten gelang , die empörten Gemüther durch ernstes Zureden in sofern zu beschwichtigen , daß sie wieder zu einiger Besinnung gelangten , und die Versammlung ohne förmlichen Bruch auseinander ging . Obrist Pestel aber hütete sich weislich dafür , sie so bald wieder zusammen zu berufen , und überließ es inzwischen der Zeit , den üblen Eindruck , den sein letzter Vortrag hinterlassen hatte , wieder zu verlöschen . Richard war durch Dienstgeschäfte zu einer kleinen Reise veranlaßt worden , die einige Tage länger , als er es erwartet hatte , von Petersburg ihn entfernt hielt . Er war die ganze Zeit über ohne Nachricht von dort her geblieben , und hatte bei seiner Rückkehr sich eben voll ungeduldiger Erwartung aus dem Sattel geschwungen , als eine dringende Aufforderung , noch am Abende des nämlichen Tages in der Bundesversammlung unfehlbar zu erscheinen , ihn bis zum Erschrecken überraschte . Seit vielen , vielen Monaten war , wie eben erwähnt worden ist , von keiner solchen die Rede gewesen , und das Ungewohnte derselben mochte die wunderliche Angst , das unheilwitternde Grausen erregen , das schaudernd durch Mark und Gebein ihm dabei fuhr , und sich weder weglachen , noch wegdemonstriren lassen wollte . Er schämte sich dessen nicht wenig , aber das Herz wurde ihm deshalb um nichts leichter . Seine Unruhe trieb ihn zum Grafen Stephan , um bei diesem Schutz gegen sich selbst zu suchen , und auch vielleicht etwas Bestimmtes über die Veranlassung zu dem Aufrufe , der ihn so beunruhigte , zu erfahren ; er fand ihn nicht daheim , und auch die Gräfin konnte seinen Besuch nicht annehmen , weil zwei ihrer Kinder plötzlich und heftig erkrankt waren . Er eilte zum Fürsten Konstantin , dessen Palast ganz in der Nähe lag ; der Fürst war eben ausgefahren . Nicht anders ging es ihm beim Fürsten Andreas ; er fand weder diesen noch einen seiner beiden Söhne . Richards innere Beklommenheit steigerte sich furchtbar ; er wollte als rein körperlich , als Vorgefühl einer herannahenden schweren Krankheit sie sich erklären , denn er wußte nicht mehr woran er mit sich selbst war ; aber er fühlte sich vollkommen gesund , ohne die kleinste Spur eines Übelbefindens . Ist der Fall denn etwas so ganz Unerhörtes , daß man zur allgemein üblichen Visitenstunde keinen zu Hause antrifft , weil alle auf verschiedenen Wegen zerstreut sind , um diese lästige Gesellschaftspflicht zu erfüllen ? fragte er sich selbst ; ist es nicht mir und jedem , der in der Gesellschaft lebt , schon unzählige Male begegnet , warum muß es denn gerade heute so sehr mir auffallen ? Fast beschämt , beim Wiedersehen nach tagelanger Abwesenheit in dieser unverantwortlich trüben Stimmung zu erscheinen , konnte Richard es sich doch nicht versagen , Trost und Ermuthigung dort zu suchen , wo er sicher sein konnte , beides zu finden . Helena war bei ihrer Mutter in einer kleinen Gesellschaft , die sich zum Frühstück dort versammelt hatte . Richard erhielt sogleich Zutritt , sobald sein Name genannt wurde , Eudoxia empfing ihn mit gewohnter Huld und Freundlichkeit ; die größtentheils aus Damen bestehende Gesellschaft folgte ihrem Beispiele , und Helenas lächelnder Gruß drang wie ein erwärmender Sonnenstrahl in sein getrübtes Gemüth . Das durch Richards Ankunft unterbrochene allgemeine Gespräch wurde wieder angeknüpft , das neueste Stück im Theater , die gestrige Assemblée , die heutige Tagesgeschichte wurden lebhaft vorgetragen , besprochen , belacht ; Scherz , Lust , Zufriedenheit leuchteten aus allen diesen muntern Augen . Warum hängt denn Diesen der Himmel so voll Geigen , und über mir allein so schwer und dunkel herab ? doch wohl nur , weil ich ein hypochondrischer Thor bin ! dachte Richard , und strebte nach einem ihn aufrichtenden Blicke von Helenen . Ihr Auge begegnete dem Seinen , doch ach ! der bei seinem unerwarteten Erscheinen es belebende Glanz war erloschen , ein unverkennbarer Ausdruck von Niedergeschlagenheit und bangem Besorgtsein hatte ihn verdrängt , so viel Mühe sie sich auch geben mochte , dies der Gesellschaft zu verbergen . Sie weiß ! sie weiß , wovon die Andern noch nichts wissen ! rief es in Richards vorahnendem Gemüthe . Er wollte in ihre Nähe gelangen , aber auch nur zwei Worte in dieser Umgebung ihr unbelauscht zuzuflüstern , war unmöglich . Die Gesellschaft erhob sich , die Wagen fuhren vor ; jetzt endlich , jetzt ! jubelte Richard innerlich ; aber sie Alle waren zusammen gekommen , um nach dem Frühstück gemeinschaftlich in das Konzert eines berühmten Violinisten sich zu begeben , welches für die späteren Vormittagsstunden der vornehmen Welt angekündigt worden war , und Richard wurde von der Fürstin Eudoxia eingeladen , sie zu begleiten . Er mußte den Vorsatz aufgeben , den Kapellmeister Lange zu besuchen , um vielleicht in dessen Hause etwas zu erfahren . Er hoffte im Konzert ihn anzutreffen , aber auch dort , wo er und die Seinen nie zu fehlen gewohnt waren , suchte er zu seiner großen Verwunderung ihn vergebens ; selbst Torson und Julie waren nicht zugegen , was seine immer steigende Besorgniß noch vermehrte . Der ganze Tag blieb übrigens für ihn einer von jenen nicht genug zu verwünschenden , an welchen man durch tausend unbedeutende Zufälligkeiten abgehalten wird zu thun , was man möchte , und zu dem was man nicht will , sich gezwungen sieht ; bis endlich die Stunde schlug , welche in die Versammlung ihn rief . Bis zur letzten Stunde von dem ihn neckenden Mißgeschicke des heutigen Tages verfolgt und aufgehalten , war Richard der zuletzt dort Ankommende ; gleich hinter ihm wurde die Thüre , und zwar diesmal mit ungewöhnlicher Sorgfalt geschlossen . Obrist Pestel schien nur seine Ankunft abgewartet zu haben ; denn , sobald Richard seinen gewohnten Platz eingenommen , bereitete er sich , die Sitzung , wie er immer zu thun pflegte , mit einer Anrede an die Versammlung zu eröffnen , die diesesmal ungewöhnlich zahlreich , und , mit nicht zu verkennender Auswahl , aus allen drei Graden der Verbündeten zusammen gesetzt war . Richards Blicke irrten forschend umher ; die ernsten Gesichter der Mehrzahl trugen nur den Ausdruck gespanntester Erwartung ; Fürst Andreas und die zu ihm sich hielten , blickten schweigend vor sich hin , ohne in Haltung und Miene das Geringste von dem , was in ihnen vorgehen mochte , zu verrathen . Mit wild funkelnden Augen , rohen Trotz in den leidenschaftlich verzerrten Zügen , stand seitwärts eine etwas abgesonderte Gruppe junger Männer um Lunin versammelt , von der Richard mit Widerwillen sich abwandte , herzlich froh seinen Iwan nicht unter diesen zu erblicken . Sein Auge suchte den Grafen Stephan , und fand ihn bald an seinem gewohnten Platze ; regungslos , in sich selbst versunken , mit tief gebeugtem Haupte saß er da , ein Schmerzensbild . Feierlich-langsam , mit tiefer gemäßigter Stimme begann Obrist Pestel jetzt seine Rede ; sie klang wie Trauergeläute , das dem Leichenzuge des Glückes eines ganzen Hauses vorangeht , alle die es hören auf ein großes Unheil vorbereitend , das im Begriffe zerschmetternd auf sie zu stürzen , in diesem Augenblicke noch über ihrem Haupte hängt . Dann zog der Redner ein Papier hervor , entfaltete es mit vieler Feierlichkeit , um es vorzulesen ; es war ein Brief von einem eben abwesenden Mitgliede des Bundes , einem der angesehensten und eifrigsten , das sogar zu den ersten Stiftern desselben gehörte . Das Schreiben war an den Grafen Stephan gerichtet und Pestel mitgetheilt worden . Ein banges Aufstöhnen , gleich dem eines unter Qualen Verscheidenden , zitterte durch das allgemeine Schweigen ; es rang aus Stephans Brust sich los , immer tiefer und tiefer sank sein vorhin schon gebeugtes Haupt fast bis auf seine Kniee herab ; seine Hände falteten sich konvulsivisch über demselben , und verbargen völlig sein Angesicht . Richard hatte keinen Athem mehr ; kein Laut rings umher , nur das Picken der Taschenuhren , und die Stimme des Vorlesers waren zu hören . Der Kaiser , so verkündete jener Brief , der Kaiser , wie man aus sichrer Hand weiß , hat beschlossen , alle eroberten Provinzen Polen wiederzugeben , sich selbst , nebst seinem Hofe , nach Warschau zurückzuziehen , und das unglückliche Rußland , unbeschützt , rathlos und hülflos , der diesem Schritte entspringenden wilden Unordnung , der mörderischen Wuth , der rasenden Anarchie des auf das Äußerste gebrachten , zügellosen Volkes zu überlassen . Eine Sekunde lang herrschte Schweigen , lautloses Schweigen wie im Grabe ; dann brach der Sturm aus . Ähnlich jenen Orkanen der Tropenländer , die , plötzlich aus tiefster Stille er wachend , Felsen zersplittern , tausendjährige Bäume entwurzeln , Seen und Inseln vernichten und schaffen , und den Lauf der Ströme verändern , tobte der furchtbarste Tumult . Der schadenfroheste Dämon , der jemals der Hölle sich entschwang , hatte über sie Alle die Schaale der Verblendung ausgegossen ; so viele helle Köpfe unter ihnen ! die gewiß in bessern Momenten das schlecht ersonnene Mährchen höhnend verlacht haben würden ! sie glaubten Alle daran . Zuerst vereinten alle diese Kehlen sich in einem einzigen Schreckensschrei ; es war als ob davor die Wände erbebend einstürzen , die Decke des Saales aus den Fugen gehoben , weit weg in die Lüfte fortgeschleudert werden müsse . Einzelne Gruppen , von den übrigen sich absondernd , bildeten sich , Waffen blitzten in vielen Händen ; furchtbarer noch als diese , erglühten Augen in wilder Raserei . Gleich gereizten Hyänen , mit gesträubtem Haar , schäumend vor innerer Wuth , unter unerhörten Flüchen und Verwünschungen stürzten einige auf die Kniee , der blutigsten Rache sich zu weihen ; vertraute Freunde verbanden durch einen furchtbaren Eid sich zum schonungslosesten Kampfe auf Leben und Tod . Alte , im Dienste ergraute Krieger weinten vor Zorn brennend heiße Thränen , Andre starrten , vor Schreck über das Unerhörte , mit weit offenen , erstorbenen Augen in den Tumult hinein ; noch Andre brachen in laute Klagen , in Verwünschungen ihres Geschickes aus , zerrauften ihr Haar , rissen Sterne und Orden , die sie schmückten , von ihren Kleidern herunter und traten sie mit Füßen . Wuth , Empörung , Verzweiflung überall ! eine Scene , die nur Dante , der Sänger der Hölle , in ihrer entsetzlichen Wahrheit zu schildern vermöchte . Endlich führte physische Ermattung einen kurzen Anschein von Ruhe herbei . Pestel wollte diese benutzen : Der große Augenblick ist gekommen , die uns gegebene Kraft zu bewähren , rief er mit lauter klangvoller Stimme ; die hehre , dem heiligen Vaterlande geweihte Stunde schlägt , wo die verlorne Kohorte , den tapfern Lunin an ihrer Spitze , alles vor sich niedermähend , uns den Weg bahnen - - Er ward nicht weiter gehört ; lauter , grimmiger noch als vorher , rasete von neuem der Tumult . Selbst Pestel wurde einen Augenblick bleich ; Lunins kolossale Gestalt hatte katzenartig , gleich einem zum Sprunge auf sein Opfer bereiten Raubthiere , sich bis zu ihm durchgewunden , er verschwand sogleich auf einen Wink seines Meisters in die entfernteste Ecke des Saales . Richard folgte ihm mit den Augen ; Torson , den dieser Blick suchte , den er schon lange vermißt hatte , schien unbegreiflicher Weise gar nicht zugegen zu sein , auch Iwan war nirgends zu erblicken . Nur Einer ist der Schuldige , und dieser Eine büße es mit dem Leben ! Schonung und Rache dem verrathenen Volke , Tod und Untergang dem Verräther ! rief eine , den wilden Tumult übertönende , durchdringend laute Stimme , und plötzliche Stille entstand . Fürst Theodor , Obrist eines Regiments , dem seine Zeitgenossen den bezeichnenden Beinamen , der Tiger , beilegten , hatte diese Worte gerufen . Und nun - zum erstenmale wurde von den Verbündeten jenes grausenvolle Wort ausgesprochen , jenes Wort , das nie gefunden sein sollte , Kaisermord ! Die stärksten Nerven erbebten , die lautesten Kehlen verstummten vor dem schauervollen , wenn gleich fast tonlos ausgestoßenen Klange , er bebte erschütternd in jedem Ohre , gleich dem Donner des Weltenrichters . Doch diese Stille wurde bald wieder unterbrochen ; neue Debatten , bei denen Pestel sein gewohntes Übergewicht wieder geltend machte , erhoben sich , aber leider nicht um gegen ein Verbrechen anzukämpfen , das bei der gegenwärtigen Lage der Dinge von der Mehrzahl als unvermeidlich nothwendig angesehen wurde ; die wenigen besser Gesinnten , die gegen diese Ansicht sich erhoben , wurden schnell überstimmt und mußten verstummen . Und nun noch das Gräßlichste ! die hier leise geflüsterten , dort laut gepflogenen , oder in thierischer Wuth laut gebrüllten Berathungen über das Wie und Wann ! Sie währten lange , sie drohten immer heftiger und verworrener zu werden , bis die alle übertönende Donnerstimme des Tigerfürsten ihnen ein Ende machte . Wartet ! rief er