» die Hobelspäne , und somit ist Ihre Beobachtung eine sehr richtige . « » So ist es , mein Herr Graf von Bitterfeld « , antwortete Mannlich mit einer fast geringschätzenden Miene . » Wenn uns alle Bildung feiner macht « , sagte in seiner trockenen Weise jener Hülftätige , » Professor Emmrich , so müssen wir freilich gehobelt werden , aber , was zu wünschen ist , von geschickter Hand , damit nicht unsere Stärke selbst mit in die Späne geht . Die Ausbildung so vieler besteht darin , daß sie ganz aus der Menschheit hinausgebildet werden , wie dort das kleine , zu fein gedrechselte Wandschränkchen , an das man nur drücken dürfte , um es völlig zu vernichten . « Leonhard sah mit prüfendem Auge nach dem Möbel , und da er ihm ziemlich nahe saß , konnte er es nicht unterlassen , aufzustehen , um es ganz in der Nähe zu untersuchen , indes Mannlich etwas hochfahrend antwortete : » Der Herr Professor Emmrich kann es doch nie unterlassen , witzig zu sein . Brechen wir aber diese Tischler-Gleichnisse ab , in die wir geraten sind , ich weiß nicht wie . « Bei dem Worte Tischler eilte Leonhard , indem er sein Erröten fühlte , zu seinem Sitze zurück . Mannlich , der seine Schlußworte mit einem belobenden Lächeln begleitete , indem er sich zum Professor wendete , fuhr nun so fort : » Man hat mir die Ehre erzeigt anzunehmen , daß mein schwaches Talent für die Darstellung des Götz , des Hauptcharakters , nicht ganz ungeeignet sei . Mein Jugendfreund , Baron Elsheim , wird nach unserem Übereinkommen die schwierige Rolle des Weislingen übernehmen , ich bin überzeugt , sein schönes Talent , sein edles Sprachorgan , sein Gefühl werden diese Darstellung zu etwas Außerordentlichem erhöhen . « » Rühme mich nicht vor der Zeit , mein Freund « , rief Elsheim aus , » du möchtest sonst die Rechnung machen ohne den Wirt . « » Weil ich dich kenne , spreche ich so « , erwiderte Mannlich . » Die höchst schwierige , aber auch reizende Rolle der Adelheid haben wir in unserm Rat für das liebenswürdige Fräulein Charlotte Fleming bestimmt . « Charlotte erhob das edle blasse Antlitz und sah den Sprechenden mit ihrem feurigen dunkeln Auge fragend an ; Leonhard hatte sie bis jetzt kaum bemerkt , aber in diesem Moment erschien sie ihm großartig und schön , und er verwunderte sich darüber , wie man diese Schweigsame nicht mehr beachte . Er vernahm nicht genau , was sie bescheiden einwendete , noch wie sie der Schauspieldirektor beschwichtigte , weil er den Bewegungen ihrer Mienen , den Gebärden ihrer Hände folgte und den einfarbigen , aber angenehmen Ton ihrer Stimme als Klang an sich selbst so eindringlich fand , daß er den Inhalt der Rede überhörte . Er wurde aus dieser Zerstreuung durch die lebhafte Rede Albertinens , des zweiten Fräuleins , geweckt , die mit Scherz und Ernst gegen ihre Rolle der Maria protestieren wollte ; der Ton ihrer Stimme war hell und silberrein , die Zunge schnell , ohne doch die Worte zu übereilen ; so bestimmt sie sich ausdrückte , so fühlte man in der Weichheit des Akzents doch , daß sie sich überreden lassen würde und nicht ungern ; es herrschte , mit einem Wort , jene Anmut in ihrem eifernden Protest , die den kleinen Verstellungen und unschädlichen Unwahrheiten der edlern Geselligkeit einen so großen Reiz verleihen . » Und nun « - fing die kleine , mutwillige Dorothea an - » die größte Schauspielerin , mich , übersehen Sie so ganz , kunstreicher Baron ? Ich hatte mir auf die Adelheid Rechnung gemacht und dachte das ausbündige Laster so recht glänzend darzustellen , daß alle Welt die Tugend nicht mehr achten sollte - aber Sie - « » Gedulden Sie sich , Fräulein von Selten « , sagte Mannlich , » für diesmal können Sie nur mit einer Zigeunerin abgefertigt werden , wenn Sie nicht vielleicht die höchst schwierige Aufgabe des Franz übernehmen möchten . « » Nein ! « rief die Kleine aus , » den verdrehten Enthusiasten , der von Anfang zu Ende außer sich ist , will ich auf keinen Fall den hat ja auch schon der Bruder Albertinen , der Cadet ; folglich bleibt mir die Zigeunerin , wenn man mir nicht vielleicht ihr Gegenteil , die höchst ehrbare Elisabeth , anvertrauen will . « » Aber wo bekommen wir diese edle , hochherzige Elisabeth her ? « fragte jetzt lebhaft Albertine . Da erhob sich Mannlich und ging mit edlem Anstand zur alten Dame , die mit den beiden Fräulein gekommen war und sagte : » Aus dieser Not , Fräulein , rettet uns Ihre liebenswürdige , vortreffliche Tante . « » Wie ? ich ? « rief die Tante mit dem höchsten Erstaunen aus . » Sie selbst , Verehrungswürdige , und keine andere « , antwortete Mannlich . » Ich weiß auch , Sie werden sich dem nicht entziehen ; ich kenne Ihr Talent und ebenso Ihre Gutmütigkeit , die es nicht über sich gewinnen kann , anderen eine Freude zu verderben . « » Lieber Baron « , sagte die alte Dame in einiger Verwirrung , » vor zehn oder zwölf Jahren hätte ich Ihren Vorschlag vielleicht nicht so ganz unannehmlich gefunden , denn Sie wissen wohl noch , daß ich mich damals verleiten ließ , mit einigen Befreundeten allerhand Stücke , die damals in der Mode waren , aufführen zu helfen ; aber seitdem bin ich aus der Übung , ich habe den Mut , oder Übermut , der dazu gehört , völlig verloren . Und hätten Sie mir wenigstens von Ihrer sonderbaren Zumutung etwas geschrieben , damit ich mich hätte vorbereiten können . « » So wären Sie uns gewiß gar nicht gekommen , Vortrefflichste « , erwiderte Mannlich , » und daher bediente ich mich dieser kleinen Kriegslist und dieses Überfalles , um Sie für uns zu gewinnen . Ich habe in früheren Zeiten Ihr Talent kennengelernt , Sie werden Ihr Gedächtnis nicht ganz verloren haben , und wenn Sie erwägen , daß ohne Ihre gütige Beihülfe alle unsere Anstalten zusammenbrechen müssen , so werden Sie sich uns gewiß nicht entziehen . « Da die beiden Nichten auch schmeichelnd und liebkosend ihre Bitten vortrugen , so ergab sich endlich die freundliche Tante darein , die Rolle der Elisabeth zu übernehmen . » Und was « , fragte der Professor Emmrich , » haben Sie mir bestimmt ? « » Sie sind Sickingen , Professor « , erwiderte Mannlich , » und wenn Sie Ihrem edlen Gesicht einen etwas freundlichern Ausdruck geben , so wird der brave Rittersmann sich in Ihrer Darstellung uns sehr lebhaft vergegenwärtigen . « » Ich will das mögliche tun « , antwortete der Professor , » aber nun fehlt noch Selbitz , Lerse und eine große Anzahl von Nebenpersonen . « » Es ist nicht zu vermeiden « , antwortete Mannlich , » daß mancher von unserer ungeübten Gesellschaft in diesem so reichen Lebensschauspiel wird zwei , vielleicht sogar drei Rollen übernehmen , wie es ja auch wohl früher mit diesem Stücke auf unseren großen , gut eingerichteten Theatern geschah . Unser Professor Lorenz hier zum Beispiel - « » Wen meinst du ? « fragte Elsheim . » Deinen jungen Freund , den du unserm Zirkel zugeführt hast , den Architekten . « » Ah ! Du meinst meinen Freund Leonhard . « » Nun also « , fuhr Mannlich fort , » dieser junge treffliche Mann eignet sich ganz zum Lerse ; auch bin ich überzeugt , daß er den Bruder Martin vortrefflich geben wird . So spielte ja auch der große Schröder vor jetzt ungefähr dreißig Jahren , als er das Stück in Hamburg auf die Bühne brachte , diese beiden Personen und den Abt von Fulda obenein . « » Sehen Sie « , rief Dorothea , » daß Schröder die hübschen Geschichten und Späße mit Liebetraut , Olearius und dem Abte nicht ausgelassen hat . Der verstand die Sache . Wir kriegen gewiß nach Herrn von Elsheims Abkürzungen nur das Erbärmliche der Geschichte , und das Lustige geht uns verloren . « » Geben Sie sich zufrieden , Fräulein « , sagte Elsheim , » wir können die Szene noch einschieben , wenn Sie uns den dicken Abt darstellen wollen . « Fräulein Dorothea lachte und meinte , wenn es sein müsse wolle sie sich doch lieber in den anständigen Bischof von Bamberg hineinstudieren . » Nein « , sagte Mannlich ganz ernsthaft , » das ist der Teil , der unserm würdigen Freunde da , dem Grafen Bitterfeld , zugefallen ist , und der ihn auch gewiß würdig repräsentieren wird . « » Ein Priester ! « rief der Graf aus , » so ein abergläubischer Pfaffe ? Es ist eigentlich gegen meine Grundsätze ; indessen da er doch ein Bischof ist und , soviel ich mich erinnere , nicht vielen katholischen Fanatismus auskramt , so will ich mich für diesmal zu diesem Opfer bequemen . Nur , bitte ich , soll es mir zu keinem Präjudiz gereichen , als wenn ich etwa , wie so manche guten Köpfe unserer Tage , zum Katholizismus hinüberneigte . « » Sie können ja noch den Anführer der Reichsarmee übernehmen , oder den Kaiser Maximilian , um jenen Verstoß gegen die Rechtgläubigkeit wiedergutzumachen ! « sagte Elsheim . » Va ! es gilt ! « rief der Graf , » ich bitte mir aber lieber den milden , menschenfreundlichen Kaiser aus , der meinem Gemüte mehr zusagt . « » Es paßt zum Stück « , sagte Mannlich sehr vergnügt , » und Sie können gewiß auch noch eine Gerichtsperson von Heilbronn übernehmen , denn solche Talente , wie die Ihrigen , müssen wir recht gewaltig in Requisition setzen . « » Nun fehlt aber immer noch der bedeutende Selbitz « , warf Emmrich ein . » Still , Professor ! « erwiderte Mannlich mit schlauer Miene , » es ist für alles gesorgt . Wir haben im nächsten Dorf einen Schulmeister , der früher Korporal war , und dem im Kriege das linke Bein weggeschossen wurde . Dieser , wenn er sich seiner ehemaligen Husarenlaune nur etwas erinnert , wird uns den rauhen Kerl ganz herrlich hinstellen , wozu noch der Vorteil und Verzug kommt , daß er ein echtes wahrhaftiges hölzernes Bein mit sich führt . - Den Zigeunerhauptmann , lieber Elsheim , wird dein alter treuherziger nußbrauner Förster vorstellen , und zum Gesindel , den Reichstruppen , Knechten und so weiter müssen wir dann freilich noch die Klügsten der Dienerschaft aussuchen , denn so ein Privattheater macht mehr noch , als die Revolution , alle Stände und Menschen gleich . « Man lachte , und die Frau des Hauses , die Mutter des Barons Elsheim , entfernte sich jetzt , weil sie der Vorlesung des Stückes nicht beiwohnen wollte . Da es ihr ganz unbekannt war , zog sie es vor , sich durch die Darstellung überraschen zu lassen und der Neugier und Spannung freien Raum zu geben . Die Vorlesung währte länger , als drei Stunden . Der Rezitierende hatte viele Not , Wasser , Zitronen und Zucker einzurichten , um in den Pausen seine ermüdete Stimme neu zu beleben . Als er geendigt hatte , nahm der Graf Bitterfeld den jungen Elsheim beiseit und sagte : » Es ist ein außerordentlicher Mann mit den wunderbarsten Gaben ! Es ist kaum möglich , mehr Talente in sich zu vereinigen . Hat er uns nicht das ganze große ungeheure Stück so in einem Anlauf vorgelesen , daß man erst recht fühlt , wie das Ganze ein einziger Guß , ein mannigfaltiges vielstimmiges Konzert in schönster Harmonie ist ? Wie groß allein die körperliche Anstrengung , und was muß nun erst in seiner Seele alles vorgehen ! Solche Männer , wie unser Baron , sollte der Staat benutzen . Aber daran denkt niemand . « Elsheim gab dem redseligen Manne vollkommen recht , und nach einem so bewegten Abend begaben sich alle zur Ruhe . Doch konnte Leonhard lange nicht einschlafen , so lebhaft bewegten sich vor seiner Seele die mannigfaltigen Bilder und Erinnerungen von dem , was er am Tage gesehen und erlebt hatte . Und wie es zu geschehen pflegt , daß von verschiedenartigen zerstreuenden Eindrücken , von allerlei Vorfällen und Reden , die wir nicht vergessen können , überwältigt , wir uns selbst verlieren , so geschah es Leonhard , daß er sich , sein Gemüt und Wesen , und seine längst eingewohnten Überzeugungen nicht wiederfinden konnte . So nahe war er in seinem bisherigen Lebenslauf den höheren Ständen noch niemals gekommen , so frei und ungezwungen hatten die Menschen dieser Art ihre Gesinnungen noch niemals vor ihm entfaltet . Sollte er seine Gefühle Lügner schelten , oder sollte er seine Beobachtung sich selber ableugnen ! Die wunderlichsten Traumgestalten erlösten ihn endlich von diesen quälenden Betrachtungen . Als man sich am folgenden Tage an die Tafel begeben wollte , sagte der Baron Mannlich zu Elsheim : » Freund , welchen Schatz hast du an diesem Architekten Leonhard in dein Haus geführt ! Mir ist noch niemand vorgekommen , der einen so auf das halbe Wort verstände . Das Theater gerät durch seine Einsicht ganz vortrefflich , und wir werden acht Tage früher fertig werden , als ich es dachte , denn er scheut sich nicht , selber mit Hand anzulegen , wenn deine dörflichen Tischler sich oft sehr ungeschickt benehmen . Der Mann hat gewiß Italien mit großem Nutzen besucht . Aber warum vermeidet er , Französisch zu reden , obgleich sein Akzent nicht der schlechteste ist ? Ich würde bei seinen Talenten und Kenntnissen in meinem Benehmen und Sprechen nicht so schüchtern und bescheiden sein . « Elsheim war bei Tische sehr vergnügt und neckte sich mit der muntern Dorothea , neben welcher er seinen Platz genommen hatte . Leonhard saß neben Fräulein Charlotte und war erstaunt und ergriffen , sooft sie sich in die Gespräche mischte und laut eine Meinung äußerte . Denn meistenteils saß sie schweigsam und in sich gesammelt und schien kaum das zu beachten , was in ihrer Nähe vorging , oder gesprochen wurde . Wenn sie aber in die Rede einfiel , oder einen Gedanken mitteilte , so schien dem verwunderten Leonhard alles so originell und von der gewöhnlichen Art und Weise abweichend , daß er es nicht begriff , wie diese Art zu denken nicht weit mehr Aufsehen erregte und als etwas Merkwürdiges von allen beachtet wurde . Man sprach natürlich viel vom Theater , von den Einrichtungen desselben , den Proben und von der Wirkung , welche man von allen den Anstrengungen zu erwarten berechtigt sei . Es ward manches Glas auf das glückliche Gelingen des Abenteuers geleert , und Elsheim , der schon heiter gestimmt war , fing an ausgelassen zu werden . » Ihr Freund « , sagte Charlotte zu Leonhard , » ist heut in einem Humor , der ihm fremd sein muß , weil er sich so sehr von ihm hinreißen läßt und in seinen Scherzen übertreibt . « » Ich versichere Sie , mein Fräulein « , antwortete Leonhard , » daß ich ihn schon sehr oft in dieser Manier gesehen habe , selbst in ganz nüchternem Mute . Diese poetische Trunkenheit bemeistert sich seiner in vielen Stunden , so daß er leicht von Altklugen , oder Moralisierenden mißverstanden wird . « » So sollte er immerdar so sein « , erwiderte Charlotte , » denn dies Wesen kleidet ihn viel besser , als jene Altklugheit , mit der er sonst auf andere Sterbliche herniedersieht . « » Ist das Ihr Ernst , Fräulein ? halten Sie ihn für hochmütig ? « » Für zu weise wenigstens . Ich habe gestern beobachtet , daß er auf einige allerliebste Torheiten gar nicht einging , ja sie nicht zu bemerken schien . Und wie behandelt er meine Muhme Albertine ! Er läßt es zu sehr heraus , daß er sie für ein Gänschen hält , und daß er in diesen Irrtum hat fallen können , beweist eben , wie wenig Menschenkenntnis er besitzt . « Leonhard erinnerte sich der Geständnisse seines Freundes , und da ihm deutlich war , weshalb diesem Albertine unangenehm erschien , konnte er auch im Augenblick diesen Tadel und Vorwurf nicht beantworten oder widerlegen ; Charlotte sah ihn von der Seite an und lächelte etwas boshaft . » Ich wette « , sagte sie dann , » ich weiß , was Sie jetzt denken . « » Daß Sie eine Zauberin sind « , antwortete Leonhard , » braucht mir nicht erst daraus klarzuwerden . Doch erzählen Sie mir meine Gedanken , weil ich so vielleicht erfahre , wie ich denken sollte . « » Sie denken im stillen « , flüsterte Charlotte , » die Frauenzimmer halten gut zusammen und stehen sich redlich bei ; wenn beide ihren Verstand so gegenseitig vertreten , so bilden sie eine Assekuranz , die doch am Ende , wenn Mißwachs zu oft eintritt , bankerott machen muß . « » Sie sind sehr unbillig « , antwortete Leonhard , » und Sie halten mich auch weder für so boshaft , noch so einfältig , daß Sie im Ernst so törichte Gedanken in mir argwöhnen könnten . « » Denken Sie nichts Schlimmeres von mir « , erwiderte sie etwas scharf , » so werde ich mit Ihnen sehr zufrieden sein . O die Männer ! die Männer ! Liegt nicht in jedem Blick eine Satire auf unser Geschlecht , und in jeder Schmeichelei eine Verachtung unserer Schwäche ? « » Woher in dieser Jugend diese feindselige Gesinnung ? « fragte Leonhard ; » und woher bei so viel Schönheit solcher Mangel an Selbstvertrauen ? « fügte er etwas schüchtern hinzu . Sie wandte schnell das Haupt , und er blickte ihr in die dunkeln Augen . » Ihr Ansehen « , sagte sie dann , » ist recht ernstlich ; wenn Ihr Blick auch , wie bei den meisten , Unwahrheit wäre , so hätten Sie es in der Verstellung weit gebracht . « Leonhard wußte nicht recht , was er aus dieser Rede machen sollte . Es war ihm fast angenehm , daß man sich jetzt vom Tische erhob , obgleich ihn seine Nachbarin anzog , und ihr Wesen ihm wunderbar und rätselhaft erschien . Elsheim war so ausgelassen , daß er alle seine Gäste , die älteren und jungen Damen , keine ausgenommen , umarmte und küßte . Seine Mutter , die ihm warnende Vorstellungen machen wollte , drückte er mit so starker Herzlichkeit an sich , daß sie sich lachend und klagend von seinem Ungestüm befreite . Die Tante und die jungen Nichten , sowie Dorothea , gingen auf ihr Zimmer ; Mannlich schloß sich ein , um seine Rolle zu studieren ; die übrigen Herren fuhren spazieren , und Leonhard eilte mit seinem Freunde Elsheim in den Garten , um sich mit ihm in einer kühlen , einsamen Laube in Gesprächen zu ergötzen . » Nun ? « fragte Elsheim nach einer Pause , in welcher er den jungen Meister etwas schelmisch angeblickt hatte , » - wie gefällt es dir denn bei uns ? Du siehst oft so nachdenklich aus . « » Gesteh ich es dir nur « , erwiderte Leonhard , » ich bin verwirrt , zerstreut , ich kann mich gar nicht so fassen , bin nicht so sicher und ruhig , wie es mir zu Hause so natürlich war . Ich mache Erfahrungen , auf die ich nicht vorbereitet sein konnte , ich werde irre an meinen nächsten Überzeugungen , ich schwanke so hin und her , daß ich fürchte , ich möchte dir und mir unrecht tun , wenn ich in diesem Zustande etwas sagen , oder behaupten wollte . « » Schon jetzt bist du so konfus ? « rief Elsheim , » ich dachte , das alles sollte erst viel später kommen . Aber um so besser ; deine Ruhe und Sicherheit können also auch früher wieder eintreten . Aber was kann denn deinen Sinn so erschüttern ? « » Ich kann es dir jetzt noch nicht sagen , lieber Freund , um dich nicht zu erzürnen . Vielleicht findet sich bald eine Stunde zu meinen Bekenntnissen . Ich habe wohl schon erlebt , daß aus einfachen Mißverständnissen und Irrtümern sich Entzweiung , selbst Feindschaft entwickelte . Sprechen wir von anderen Dingen . « - Alles dies sagte Leonhard fast wie verstimmt und furchtsam . » Und ich lasse dich nicht « , rief Elsheim laut lachend , » diese Stunde ist zu schön , wir sind hier auf lange ungestört . Und wenn ich fast errate , was dir im Herzen steckt , oder wo dich der Schuh drückt - wie kannst du denn so lange auf dem Anstand bleiben und nur zielen und zielen , ohne loszudrücken ? « » So sei es denn gewagt ! « sagte Leonhard mit einem komischen Seufzer . » Du sprachst mir unterwegs fast begeistert von einem Freund , der auf deine Bildung eingewirkt , der dir in Sachen des Geschmacks zur Richtschnur gedient , der dir beinahe als Ideal erschien , dessen Stimme du rühmtest , seinen Vortrag bewundertest , der- « Eslheim sprang auf und umarmte den Redenden heftig , indem er wieder laut lachte . » Über diesen , liebster , allerliebster Junge und verehrungswürdigster Freund , geniere dich gar nicht ! Rezensiere ihn , brich über ihn den Stab ! Er soll dir völlig preisgegeben sein , denn wie du über ihn scherzest , oder ihn ernsthaft verurteilst , das kann mich nicht im mindesten beleidigen . « Er hatte sich wieder an seinen Platz gesetzt , und Leonhard sagte etwas empfindlich : » Der Wein hat dich heut so stürmisch und ausgelassen gemacht , daß mir bange wird . So schonungslos du diesen alten Freund jetzt aufopferst , so kannst du mich auch vielleicht in einer ähnlichen Laune irgendeinmal wegwerfen . « » Sei gescheit « , rief Elsheim , » sei nicht kindisch , verständiger Aufgeklärter . Das ist ein ganz anderer Fall . Ich werfe ja diesen trefflichen Mannlich nicht so unbedingt weg ; ich kann aber mit einem wahren Freunde , wie du es mir bist , wohl frei über einen jugendlichen Irrtum sprechen und dreist bekennen , daß damals ein Star auf den Augen meiner Seele gelegen haben muß , eine blendende Kraft , ich habe den Brill gehabt , wie es unsere guten Vorfahren nannten . Das begegnet ja wohl in der heftigen Jugend , daß man sich irrt ; man sieht dies und jenes am sogenannten Freunde , das uns stört , man hält es aber für gottlos , es in Rechnung zu stellen , ja es selbst zu bemerken . So taumelt man hin in einer sonderbaren Selbsttäuschung , bis man denn später erwacht . « » Gewiß « , sagte Leonhard , » soll man aber seine Freunde nicht kritisieren ; hat man aber auf Treu und Glauben jemand in Zeiten , in denen man noch nicht beobachten kann , als Freund angenommen , so ist es auch nichts Unerlaubtes , wenn man in reiferen Jahren Vertrauen und Liebe beschränkt , oder zurückzieht . « » Sehr gesetzt gesprochen « , antwortete Elsheim , » und so will ich dir denn gern gestehen , daß ich in meinem Leben noch nicht so getäuscht worden bin , als in dem Augenblick , in welchem ich diesen meinen Mannlich wiedersah . Ich möchte sagen , daß er seit lange schon seine Natur und sein Wesen ausgezogen und irgendwohin , wie alte unbrauchbare Kleider , verkauft hat ; so hat er sich nun eine Maske angeschafft , die sein Wesen vorstellen soll , eine treuherzige Biederkeit , die tapfer und gutmütig aussehen muß , eine Herablassung , wie wenn er alles am besten wisse und den andern nicht immerdar beschämen wollte . Man fühlt es ihm an , daß er nur mit Leuten umgeht , unter denen er stets der Klügste ist , oder es sich wenigstens zu sein dünkt . Nichts verdirbt den Mann so sehr und erniedrigt ihn nach und nach zum alltäglichsten Philister . Da hören wir nur lauter Phrasen , umständlich ausgesprochen , Dinge , die sich von selbst verstehen , oder die als ausgemachte Wahrheiten mit kalter Unumstößlichkeit gesagt werden , aber erst tausendfache Erörterungen verlangen , ehe sie uns für wahr oder verständlich gelten können . Enfin , er ist ziemlich unausstehlich . « Leonhard mußte lachen . » Wie mundet dir denn sein Vorlesen ? « fragte er dann . » Du hast vollkommen recht « , fiel Elsheim schnell ein , » wenn du diese Art vorzutragen völlig unausstehlich nennst . Diese hohle , gemachte Stimme , die in trockener Affektation das Edle und Natürliche ausdrücken will . Er schenkt uns keine , auch der allerkürzesten Silben , er dehnt sie vielmehr auf fühlbare Weise . Unser sogenanntes stummes E wird zwar dadurch nicht beredt , aber wenigstens vorschreiend und langweilig . So entsteht , indem freilich nichts verlorengeht oder dunkel bleibt , eine so entsetzliche Deutlichkeit des Vortrags , daß von leisen oder geistigen Übergängen , von einem feinen , zarten Schwinden und Abfallen der Silben in Wehmut und Schmerz nicht mehr die Rede sein kann . So hat ja auch seine Vorlesung gegen vier Stunden gedauert . « » Und wie wird erst sein Spiel ausfallen « , sagte Leonhard , » wenn seine Gebärden ebenso umständlich sind , wie seine Aussprache ! Dann muß diese hohle Feierlichkeit einen merkwürdigen Effekt machen . Und so dürfte denn unser Lieblingsgedicht zu einer Parodie herabgewürdigt werden . « » Man muß ihn nun schon gewähren lassen « , antwortete Elsheim ; » es geht ja oft so im Leben , daß enthusiastische Plane zum Lächerlichen ausschlagen . « » Nur « , fing Leonhard nach einer Pause wieder an , » hättest du an mir nicht einen kleinen Verrat begehen sollen , und mich ihm gewissermaßen opfern , da du selbst ihn ganz anders ansiehst , als vor einigen Jahren . « » Was kannst du meinen ? lieber Leonhard . « » Er weiß ja , daß ich ein Tischler bin , und von wem kann er es erfahren haben , als von dir ? « - » Er weiß es , sagst du - « » Nun ja , denn er sprach gestern höhnisch von Tischlergleichnissen und dergleichen . « » O mein Freund « , rief Elsheim aus , » deute nur nicht gleich jede Zufälligkeit so , wie einer , der kein gutes Gewissen hat . Ich schwöre dir , er läßt sich dergleichen von dir nicht träumen ; er bewundert dich im Gegenteil als einen außerordentlichen Architekten und gelehrten Professor . Er hat dich höchlich gelobt , und erstaunt nur darüber , daß du selbst mit dem Hobel so gut umzugehen weißt . Die eigentliche Handarbeit solltest du daher auch lieber unterlassen . « » Du kannst es dir nicht denken « , erwiderte Leonhard , » wie es einem tüchtigen Arbeiter in die Hände fährt , wenn er diese Meister vom Dorfe und diese Gesellen aus den kleinen Städten so ganz ungeschickt hantieren sieht . Man kann nicht lassen zuzugreifen , und dem linkischen Volk einige Griffe zu zeigen . Die Glieder sind bei vielen Menschen ebenso dumm , wie der Kopf . - Gibt es denn aber , mein Freund , viele solcher vornehmen Leute , wie dieser Graf Bitterfeld einer zu sein scheint ? « » Guter Leonhard « , erwiderte der Baron , » dieser Mann ist eigentlich der wahre einfache Typus unserer Klasse , und was drüber oder drunter ist , ist nur als Abweichung zu betrachten . Von allem etwas wissen und von nichts etwas Gründliches , Gründlichkeit und Tiefsinn , wo sie sich zeigen , zu verlachen und in demselben Augenblick eine ernste Miene , ja eine andächtige der Verehrung ziehen zu können , wenn man merkt , daß ein Höherer , oder Fürst diese Eigenschaften an diesem und jenem hochschätzt . Spricht er dann in seiner Familie , oder zu den Vertrautesten über den Fürsten , so ist die Achtung , welche er jenen Kenntnissen zollt , nur als Krankheit anzusehen ; darüber sind denn auch alle Genossen einig , und zwar mit der festesten und kältesten Sicherheit . Alles ist ihm nur Erscheinung , vorübergehend aus Mode , außer dem Begriff des Adels , der Etikette an den Höfen , der Uniformen und des Ranges , den jeder bei Tafel , oder in den Assembleen einzunehmen hat . Alle Mesalliance bei Heiraten , vertrauter Umgang mit Bürgerlichen , Studium einer Wissenschaft , Absonderung und Meiden der großen Gesellschaft , alles dies erscheint ihm ebenso als Schwärmerei und Fanatismus , wie die Sekte der Wiedertäufer oder Adamiten . « » Und doch läßt er sich herab , Komödie zu spielen ? « warf Leonhard ein . » Wenn du erfährst « , antwortete Elsheim , » daß einer der berühmten Kaunitze , ein Kobenzl ein enthusiastischer Komödiant war , der sich mehr als einmal durch diese Leidenschaft lächerlich machte ; wenn du dich erinnerst , daß die unglückliche Königin von Frankreich und der Comte d ' Artois auch gern Komödie spielten , den Herzog von Orleans und den Duc Conti nicht einmal gerechnet , so wird deine Verwunderung aufhören . Es ist seitdem als die Schwäche und Herablassung großer Charaktere anzusehen . Darum wird er auch auf dem Theater mit dem geringsten Spielenden freundlich und fast vertraut umgehen , denn Bühnenverhältnisse lösen noch mehr als Badebekanntschaften die Fesseln der Etikette . « Leonhard fuhr fort : » Wenn sich mir deine Beschreibung des Baron Mannlich nicht