ist das nicht recht deutlich seine ewig waltende Vaterhand ? Ja , hier bin ich am rechten Platze , Gott hat es selbst vollführt , was Menschen liebend für mich erdachten , und er wird es auch ferner nun führen , wie es das Beste ist für uns Alle . So wollen wir hoffen , sagte die Herzogin , sich unwillkürlich von den begeisterten Zügen der jungen Gräfin angezogen fühlend und die Zärtlichkeit still gestattend , mit der sie ihre Hände geküßt fühlte ; und ist mein Schwager nur erst hier , dann leiten wir Eure Angelegenheiten durch ihn am zweckmäßigsten ein . Jeder Augenblick in Eurer Nähe , versetzte die Gräfin , bringt mehr Frieden und Hoffnung in meine Brust ; mir ist , als hätte ich nichts zu fürchten , wenn Ihr mir nur hold bleibt und meine Handlungen leiten wollt . Die Herzogin war nicht unempfindlich für diese Sprache der Liebe , die so vertrauend und zärtlich selten zu ihr drang , doch ihr Interesse war innerlich zu lebhaft auf ihre beabsichtigten Nachforschungen gerichtet , um diesen Gefühlen länger Raum zu gewähren , sie hob selbst die Verhüllung , welche sie um die prachtvollen Inwelen gelegt hatte , hinweg , und ein Blick auf das obenliegende Kreuz gab auch der Besitzerin andere Gedanken und Gefühle . Sie hob es an der Perlenschnur empor , drückte es an ihre Lippen und sagte : Ich erhielt es von meinen theuern Eltern . Schmückt mich damit , fuhr sie lächelnd fort , daß es dadurch auf ' s Neue gesegnet zu mir gehören möge . Die Herzogin , ihr gegenüber , schien willenlos zu werden , denn sie schlang die prachtvolle Perlenschnur um den schlanken Hals und senkte das Kreuz , das aus zwölf großen Smaragden , in Brillanten gefaßt , bestand , auf die Brust . Dann nahm die Gräfin die Armbänder und sagte , lächelnd den Blick darauf geheftet : Der es mir gab , ihn liebte ich , wie meinen Vater . Er war der Freund meines Oheims und sein steter Begleiter . Ich sagte Euch davon , und es gehört zu den Dingen , die mir höchst auffallend sind , daß mir entweder sein Name entfallen ist , oder ich ihn nie gehört habe . - Wie , Mylady , Ihr wißt den Namen dessen nicht , den Ihr als einen Vater liebtet , mit dem Ihr so oft beisammen waret , der Euch ein so reiches Andenken geben durfte ? Ihr wollt mir sagen , daß Ihr seinen Namen nicht wißt ? - Ich wollte ja nie mehr oder anders zu Euch sagen , als ich selbst wußte , erwiederte die junge Gräfin , zwar mit ruhigem Tone , aber in ihrem Auge , das sie fest auf die Herzogin wandte , lag ein vorübergehendes Leuchten ihres verletzten Gefühles und der Verräther eines stolzen Herzens . Wenn ich nun , fuhr sie fort , auch hinzufüge , daß ich nicht weiß , wie das Schloß heißt , wo meine Tante lebte , und von wo ich entflohen bin , und in welcher Gegend von England es liegt , so wird sich sicher Euer Erstaunen noch vermehren . Aber Ihr würdet Euch auch vielleicht mein eigenes denken können , als ich in Gedanken mir mein Leben zurückrief , um es Euch mitzutheilen , und ich zuerst auf diese dunkeln , mir unerklärlichen Punkte stieß . Doch gerade dies vermehrte mein Verlangen , Euch Alles zu vertrauen . Denn Ihr , in der Welt lebend und voll Erfahrung , begreift vielleicht eher hier einen Zusammenhang , als ich , die ich über manche Punkte weder Zeit fand zu fragen , noch nachzudenken , über andere aber völlig ohne Auskunft bleiben mußte . Auch begreife ich es wohl , wie die Namen mir so gleich waren ; ich hörte ihn stets theurer Freund oder Graf Robert nennen . Mein Aufenthalt auf dem Schlosse aber war selten über vier Wochen ausgedehnt . Stets fanden wir bei unserer Ankunft meinen Oheim und seinen Freund , und dieses Wiedersehen war so beglückend für uns alle , daß für mich wenigstens die ganze äußere Welt versank und wir außer den Stunden des Schlafes uns fast nicht trennten . Wie man mich beschäftigte , habe ich Euch erzählt , dabei lebten wir in einer großen Zimmerreihe , mit offenen Terrassen nach dem Walde , bei stets geöffneten Thüren . Wir genossen die Milde der Luft , aber oft hörte ich sie sagen , daß sie keine Spaziergänge machen wollten , um keinen Augenblick unbenutzt zu lassen für ihre reichen und lebendigen Unterhandlungen , deren Mittelpunkt ich war , und zwar oft davon so berauscht , daß ich zu den Füßen der Tante einschlief und von Hanna wie ein Kind zu Bett geführt ward , was wieder zu den Füßen des Lagers meiner Tante stand . Sprachen wir aber zu Nordwighall von dem Schlosse , hieß es das Schloß der Tante , zuweilen mit dem Zusatze : im Innern von England , und das Nennen dieses geliebten Aufenthaltes weckte gleich eine Reihe so wonnevoller Gedanken in mir , und ich war mit dieser Benennung von Kindheit an so befreundet , daß ich den Mangel daran erst entdeckte , als ich das Bedürfniß fühlte , Euch darüber Rechenschaft zu geben . Das Recht des Grafen Robert endlich , mir dies theure Geschenk zu geben , gehört für mich zu den sehr leicht erklärlichen Dingen . Denn nicht ich gab ihm jenes Recht , sondern meine Eltern , als sie ihn zu meinem Pathen ernannten . Diese Brillanten bilden einen Namenszug , den er mir später erklären wollte . Er hatte es auf mein Taufkissen gelegt , und als mein Arm hineinpaßte , legte er ' s mir selbst um , und ich gelobte ihm , es nie abzulegen . - Sie schlug bei diesen Worten den langen Aermel ihres Trauerkleides zurück ; auf ihrem Antlitze war die sanfte Milde wiedergekehrt , die vorherrschend diese Züge zu beleben schien . Sie blickte bittend die Herzogin an , welche , ihre Stirn in die Hand gestützt , ohne Bewegung zusammen gesunken , in dem Sessel saß und diesen Blick nicht sah . Als nun die Gräfin sich beugte , um ihr Auge aufzusuchen , begegnete sie dem trostlosen , in Thränen schwimmenden Auge der Herzogin , und fürchtend für sie , obwohl ungewiß , warum , kniete sie vor ihr nieder , und sagte leise und zärtlich : Ihr leidet , seid Ihr krank , oder zürnet Ihr mir ? Nein , ich zürne Euch nicht , sagte die Herzogin und blickte tief in das Gesicht der Knieenden ; aber ich bin leidend . Doch vergebt , sagte sie gefaßt , ich vollende Euern Schmuck . Sie ergriff hierbei schnell das Armband und sagte feierlich : Eine theure , theure Hand legte dies Band zuerst Euch an , ich thue es zunächst und gelobe Euch , für Euch zu sorgen , wie der es thun würde , der es Euch gab , wenn es Gottes Wille so gefügt hätte . Während dieser Worte befestigte sie die Armbänder um die schönen Arme und erhob sich sogleich . Der Augenblick der Trennung schien gekommen , die Gräfin Melville erwartete das verabschiedende Wort mit ruhigem Anstande , und die Herzogin , die es verzögerte und mit sich uneins war über die Einleitung des ihr zunächst Liegenden , sah unruhig vor sich nieder , und das Schweigen , welches die Bescheidenheit ihrer jungen Gefährtin nicht zu unterbrechen wagte , lastete mit drückender Schwere auf ihr . Da kamen dumpfe Töne von dem Eingange her , welche sich schon oft und wohlbekannt hatten vernehmen lassen , ihrer Unentschlossenheit zu Hülfe . Sie folgte ihrem vorausgesandten Blicke und überschritt den Saal , die Thüre öffnend , an der nun bei den näher kommenden Schritten sich ein freudiges Gebell und unruhiges Kratzen vernehmen ließ , und durch den kleinen Spalt der sich öffnenden Thür drängte sich Gaston mit solcher Gewalt hinein , daß an den Rändern der Thür Haare von ihm haften blieben . Er wollte seine ungestüme Freude an der Herzogin auslassen , die jedoch wenig gestimmt schien , sie zu begünstigen , und sie durch ein paar streng ausgesprochene Worte mäßigte , während sie sich von ihm wandte , um zurück zu kehren . Jetzt gewahrte Gaston , der sich so zurückgewiesen sah , die Gräfin Melville , welche , nach den Terrassen gewandt , in ruhigem Nachdenken der Herzogin harrte . Er hob den Kopf und Schweif hoch empor , blickte schnell vorlaufend mit seinen klugen Augen zur Gräfin hin und war mit zwei Sprüngen nicht allein an ihrer Seite , sondern mit seinen Pfoten so hoch , daß sie sich augenblicklich von ihnen umarmt sah , und dies mit einem solchen Freudengeheul , daß dieser jähe Ueberfall des großen Thieres ihr einen lauten Schrei des Entsetzens entriß . Aber diese Folge der ersten Ueberraschung ging nun sogleich in die zärtlichsten Liebkosungen über . Gaston , o mein lieber Gaston ! rief sie und drückte das schwarze Gesicht an ihre Brust , und küßte seine Stirn , während Gaston ganz außer sich vor Freuden schien , wieder von ihr abließ , sie umkreisete , um immer wieder zu ihr hinan zu springen , und immer wieder ihre offenen Arme fand , und eine solche Theilnahme an seiner Freude , daß Alles , was sie beide umgab , dieser Empfindung weichen zu müssen schien . Sie gewahrte nicht , daß die Herzogin krampfhaft einen Pfeilertisch , dieser Scene gegenüber , ergriffen hielt , und mit bleichen , zuckenden Zügen und starren Augen hinein sah . O Mylady , rief jetzt die Gräfin , über Gaston wegschauend , glühend und fast athemlos , o sagt mir jetzt , wo ist er ? Gaston war nicht ohne ihn ; Ihr verbergt ihn , Ihr habt mich vorbereiten wollen durch Gaston auf seinen geliebten Herrn ! Doch ich bin jetzt gefaßt , rief sie voreilend , o laßt mich ihn sehen , fürchtet keine allzu heftige Erschütterung mehr ! - Gaston unterbrach diese Worte noch immer durch seine heftigen Liebkosungen , und dies entzog ihren stets dadurch abgelenkten Blicken die Veränderung der Herzogin und verschaffte dieser zugleich Zeit , die Fassung zu erlangen , die ihr jetzt doppelt nöthig schien . Nein , Mylady , es steht nicht in meiner Macht , Euern Wunsch zu erfüllen , ich kann Euch den Besitzer dieses Hundes nicht zeigen , ja , ich muß glauben , Ihr irret , wenn Ihr dies Thier schon früher zu kennen glaubtet . - Ich mich in Gaston irren ? In meinem lieben Gaston , rief die Gräfin , den ich selbst pflegte , als sein Fuß bei einem Sprunge von der Terrasse in dem Schloß meiner Tante blutete und verletzt war ? Heißt er denn nicht Gaston ? Und seht hier noch die Stelle , wo die Wunde war und kein Haar sich wieder darüber zog . Habt Ihr nicht gesehen , daß er mich erkannte ? - Und wahrlich , Gaston schien mit allen Tönen und Bewegungen , welche diesen edeln Kreaturen verliehen sind , ihr oft so starkes und feines Gefühl auszudrücken , diesen Worten Nachdruck geben zu wollen , und die Herzogin fühlte sich selbst davon so überzeugt , daß ihr für Heuchelei nicht geschaffenes Gemüth sich von dem Vorhaben abwendete , diese Bekanntschaft , an die sie leider nur zu fest glaubte , als eine Verwechselung in Abrede stellen zu wollen . Sie gebot Gaston Ruhe , welches sie mit Mühe erlangte . Dann ergriff sie die Hand der Gräfin und führte sie seitwärts vor . Sagt mir , sprach sie feierlich , wem glaubt Ihr , daß dieser Hund gehört ? - Dem Freunde meines Oheims , theure Lady . Er begleitete ihn stets , ich kenne ihn , glaubt mir . - Ich zweifle selbst nicht mehr daran , erwiederte die Herzogin , doch ich stehe jetzt wie eine Bittende vor Euch . Ich fordere von Euch eine Gewährleistung , an der mir sehr viel liegt , die für ' s Erste nöthig ist , die ich vielleicht später wieder aufhebe , vielleicht auch nicht . Wollt ihr mir geloben , meine Bitte zu erfüllen , meine dringende Bitte ? - Zweifelt Ihr , Frau Herzogin , an meiner Bereitwilligkeit ? Wollt Ihr mir nicht sagen , was Ihr befehlt ? Wollt Ihr nicht überzeugt sein , daß dies Herz froh sein wird , Euch zu gehorchen ? Was Ihr von mir fordert , es kann nur recht sein , und ich kann sagen , ich werde Euch nicht gehorchen , um der großen Verpflichtungen willen , die ich gegen Euch habe , ich werde gehorchen aus Liebe . - Da ergriff die Herzogin hastig die Hände der Gräfin , drückte sie fest zwischen die ihrigen und sagte schnell : Nie , nie , gegen kein menschliches Wesen , nicht durch Blick oder Wort , nie , nie verrathet Eure frühere Bekanntschaft mit Gaston . Mit Gaston ? stammelte , überwältigt von Erstaunen , die Gräfin . Sie hatte sich , nach dem lebhaften und feierlichen Benehmen der Herzogin , auf die Anhörung irgend einer wichtigen Mittheilung gefaßt gemacht , und jetzt sollte sie nichts als die harmlose Bekanntschaft eines Hundes verläugnen . Doch sie besaß zu viel Gefühl für Schicklichkeit , um , der Herzogin gegenüber , nicht ein Erstaunen zu mäßigen , welches dem Betragen derselben fast zum Tadel werden mußte . Ihre wiederkehrende Besonnenheit aber ward bis zum ernsten Nachdenken erhöht , als ihrem folgerechten Verstande zunächst klar ward , daß dieser an sich unbedeutenden Bitte doch ein Umstand anhing , der sie zu keiner unwichtigen machte , nämlich das Verläugnen der Wahrheit , wenn der Zufall eine Erklärung darüber für sie herbeiführen möchte . Sie fühlte hier zuerst im Leben , daß man keines Menschen so sicher sein darf , ihm ohne Vorbehalt irgend eine heilige Angelobung zu thun , noch vor der Kenntniß des Begehrten . Der Streit in ihrem Innern darüber legte ihren Lippen noch immer ein Schweigen auf , das durch ein etwas unbehagliches Gefühl gegen die Herzogin vermehrt ward , welche ihr räthselhaft und nicht so rein mehr erschien , als einige Augenblicke früher . Aber die Herzogin hatte gebeten , und diese ihr seltene Stellung ließ sie dies Schweigen beleidigend empfinden . Augenblicklich daher auf ihre frühere Hoheit zurücktretend , richtete sie sich empor , und ihr Blick heftete sich nicht bittend , sondern zürnend auf die Gräfin . Ich bat Euch , Mylady , sagte sie kalt ; habt Ihr mich gehört ? Ich that meine erste Bitte an Euch ! Vielleicht wagte ich zu viel , Euch um die Erleichterung einer Sorge zu bitten , wobei ich Euer Wohl mit bedachte . - Sie wollte sich wenden , um den Saal zu verlassen , denn ihr einmal aufgeregter Stolz mußte seine Befriedigung haben , und jede andere Sorge stand stets dieser Anforderung nach . Da fühlte sie sich gehalten , und eine Bittende erwartend und getheilt in ihren Empfindungen , welche ihr die Angelobung ihrer Forderungen wünschen ließen , wandte sie sich . Aber sie fand ein ruhiges , nachdenkendes Gesicht , ohne Sorge , wie es schien , über ihren heftig geäußerten Unmuth . Ich bin , wie Ihr seht , in Unruhe und Zweifel , und Ihr müßt mich jetzt nicht verlassen , sagte die Gräfin ruhig und ernst ; ich gestehe Euch , daß mich Eure Aufforderung in diese Stimmung versetzt hat . Ich gab Euch früher mein Wort , zu willfahren , noch ehe ich den Inhalt dieses Begehrens kannte , und wenn meine Ehrfurcht vor Euch mich es auch verbergen läßt , wie unbegreiflich mir Euer Gebot ist , und wenn ich Euch auch gern ohne Gründe vertrauen möchte , muß ich doch glauben , Ihr bedachtet selbst nicht Alles genau . Denn sagt mir , wer rettet mich vor der Gefahr einer Lüge , der ich fast unerläßlich ausgesetzt bin , wenn ich Euch unbedingt gehorche ? - Ihr seid sehr überlegt , Lady , in so jungen Jahren , sagte die Herzogin , noch immer streng , doch zu einer innern Anerkennung dieser reinen Ansicht fast gegen ihren Willen gezwungen . Indeß darf ich Euch wohl am wenigsten deshalb tadeln , da auch ich eine Feindin der Lüge mich nennen darf ; und ich muß es beklagen , Euch nun nicht länger verhehlen zu dürfen , daß Ihr selbst es seid , die mich zuerst vielleicht im Leben zu einer mir sonst fremden Heimlichkeit und Verhehlung zwingt . Aber das ist der Fluch des Bösen , setzte sie , wie zu sich selbst redend , hinzu , und es bleibt nichts in seiner Nähe unbefleckt davon . Ich überlasse Euch , fuhr sie lauter fort , was meine Bitte betrifft , Euerm Gewissen ! Das Wort , das Ihr gabt , soll nur Kraft haben bis zu dieser Grenze ; doch werde ich bemüht sein , Euch die Versuchungen aus dem Wege zu räumen . Thut Ihr ein Gleiches und denkt , daß Ihr mir damit den geringsten Dienst leistet , denen aber , die Ihr die Eurigen nennt , vielleicht den größten . - Ich danke Euch , sagte die Gräfin mit ihrem wiederkehrenden klaren Blick und dem vollen Ton ihrer melodischen Stimme , Ihr habt mich wieder frei gemacht , es scheint mir nicht schwer , das zu vermeiden , was Ihr befehlt , und ich wünschte , Ihr hättet allein dabei Interesse , ich würde gern um Euretwillen recht vorsichtig und besonnen handeln . Ich sehe wohl , setzte sie sanft hinzu , Euer erfahrner Blick hat schon tiefer in mein Leben geschaut , ich bin dessen froh und will durch keine kindische Neugierde Euch lästig fallen über das , was Ihr mir noch verbergen zu müssen glaubt . - Schreitet in dieser Hoffnung nicht zu schnell vor , Lady , entgegnete die Herzogin . Ihr legt mir zu viel Scharfsinn bei . Mein Leben war sehr frei von Verwickelungen , ich verstehe mich daher wenig darauf ; um so mehr habe ich aber stets bei meinen Forderungen das Vertrauen erregt , daß man sich ihnen ohne Vorbehalt überlassen könne . Gehen wir jetzt , Lady , nach unsern Zimmern ; etwas Ruhe wird uns nöthig sein . Ich werde Euch vor dem Abendgebet in der Kapelle in meinen Zimmern der Herzogin von Nottingham , meiner Schwiegermutter , vorstellen , und dispensire Euch lieber von der Tafel , da Ihr bis dahin Ruhe bedürfen werdet . - Die Gräfin neigte sich ehrerbietig vor der im Abgehn grüßenden Herzogin und stieg dann an Mistreß Mortons Arm , die sich sogleich zu ihr fand , die Treppen zu ihren Zimmern hinauf . Die endlich sich gleichbleibende Schönheit des Wetters hatte am nächsten Tage die Damen zu einem Spaziergange in den weitläuftigen Anlagen des Parkes veranlaßt . Die Herzogin führte ihre Schwiegermutter die Terrassen hinauf , und man beschloß , daselbst zu verweilen und auszuruhen , während Lucie , an dem Arm der Gräfin Melville hängend , mit der sanften Arabella zugleich sich bemühte , ihr von den Merkwürdigkeiten von Godwie-Castle zu erzählen , und in der bereitwilligen Aufmerksamkeit ihrer Gefährtin eine immer steigende Aufmunterung für ihre Beredsamkeit fand . Da verkündete der wohlbekannte Ruf der Hörner von den Thürmen des Kastells die Ankunft des neuen Herzogs . Luciens Freudengeschrei beantwortete diese lang ersehnte Verkündigung , und hüpfend und tanzend nannte sie laut die Namen der Nahenden im kindlichen Gesange . Hierdurch und durch die meldenden Diener ward die Gräfin Melville von der Ankunft dieser nahen Verwandten des Hauses unterrichtet , und sie fühlte zu zart , um sich nicht in einem solchen Augenblick lieber zurück zu ziehen , da sie , den Erwarteten völlig fremd , sich in diesem Augenblick in dem engen Kreise der Familie als störend betrachten mußte . Sie beurlaubte sich daher für diesen Tag bei den beiden Herzoginnen mit einigen anspruchlosen Worten , die aber doch hinreichend das feine Gefühl errathen ließen , von dem sie geleitet ward . Sie erreichte auch den Eingang der Gallerie , welche nach dem südlichen Flügel führte , ehe die Herren die Vorhalle betreten konnten , doch sah sie durch die hohen Bogenfenster , wie der Hof von empfangenden und ankommenden Dienern belebt war , in deren Mitte sich neben einem ältlichen Herrn die hohe und schlanke Gestalt eines jüngern bewegte , der mit großer Freundlichkeit die ehrerbietigen und freudigen Glückwünsche der grauen und achtbaren Diener zu beantworten sich bemühte , und so eben Sir Ramsey , der seine Hand küssen wollte , mit liebenswürdiger Zuvorkommenheit die Stirn küßte . Die Gräfin blieb unwillkürlich stehen und sah dieser Scene mit einem Antheil zu , der nothwendig ein gefühlvolles Herz bewegen mußte ; so aufrichtig war der Ausdruck dieser Empfindungen treuer Anhänglichkeit und lohnender Anerkennung derselben . Der alte Herr richtete nun mit Eile die Aufmerksamkeit des jüngern auf den Eingang des Schlosses , und die Gräfin enteilte in ihre Zimmer . Die Herzogin , begleitet von ihrer Schwiegermutter , ihren Töchtern und ihren Damen , erschien in den geöffneten Pforten des Schlosses , um den Sohn an der Schwelle seiner Väter , die er nun als rechtmäßiger Herr betrat , zu segnen und willkommen zu heißen . Solche Augenblicke hervorzuheben und feierlich zu machen , war ihre ganze Persönlichkeit geschaffen . Es fehlte ihrem Herzen nicht an Empfindung , und die oft so schnell darüber hingleitenden Schatten gaben ihr in den Augen der Meisten nur das Ansehen einer vornehmen Mäßigung , einer edeln Selbstbeherrschung , welche sie durch ihre ganze äußere Erscheinung wohl zu erhalten wußte . Als sie auf der Schwelle so edel und ruhig erschien , und doch mit schwimmendem Auge und vollstem Ausdruck mütterlicher Zärtlichkeit dem heranstürmenden Sohne entgegen lächelte , da hätten wohl Alle mit dem gerührten Jüngling vor ihr das Knie beugen mögen , und in der lautlosen Stille , wie sie Ehrfurcht von selber gebot , drangen ihre Worte bis in die Herzen der Fernsten : So segne Dich Gott , mein Sohn , in dem Hause Deiner Väter , dem Du Herr sein sollst , wie sie es waren ! Er segne Dich mit ihren Tugenden , die sie zu Beschützern ihrer Unterthanen , zum Glücke ihrer Familie , zum Stolze ihres Vaterlandes , zu Freunden ihrer Könige erhoben ! Stehe auf , Herzog von Nottingham , und betritt Dein Eigenthum mit einem Gott geweihten Herzen ! - Der junge Herzog sprang auf , aber um sogleich vor seiner Großmutter , auch um ihren Segen flehend , nieder zu knien , und betrat dann zwischen Beiden die großen Hallen , die in ihrer ehrwürdigen Pracht gerüstet schienen , noch einige Jahrhunderte die Geschlechter kommen und verschwinden zu sehen , deren schon so viele daran vorübergegangen waren . Graf Archimbald konnte eben kein Freund von solchen feierlichen , die Empfindung hervorhebenden Scenen genannt werden , und er gönnte seiner Schwägerin nie lange die stolze Höhe , auf die sie sich nicht ungern erhoben sah , und wo sie von den an Geist und Rang ihr meist untergeordneten Umgebungen gewöhnlich so lange gelassen ward , wie es ihr selbst beliebte . Er schritt daher mit sehr heiterem Wesen , seine Nichten mit sich führend , hinterher und begrüßte , als der mittlere Saal sie alle aufgenommen und die Herzogin sich mit den hochgespannten Zügen , welche ihre Würde verkündigten , zu ihm wendete , dieselbe mit einer so heiteren und unbefangenen Freundlichkeit , als wäre er von einem kleinen Morgenritte so eben zurückgekehrt , und als wäre zu einer tiefen Erregung und einer Andeutung derselben in Worten , überall keine Veranlassung . Er wußte wohl , daß er sie damit ein wenig verletzte , aber sie ward ihm dadurch viel bequemer , und allen Umgebungen wurde zugleich die Fessel abgestreift , die sie ohnedies , wie oft , so auch dies Mal , länger getragen hätten . Es fehlte der Herzogin , selbst bei besserem Willen , Freiheit und Heiterkeit um sich herzustellen , doch sehr oft an Geschick dazu , und ein dunkles Gefühl hiervon verwandelte nicht selten ihre steife Haltung in üble Laune , die sie dann , den Tadel gern von sich entfernend , noch immer für ihr zukommende Würde hielt , und damit ziemlich lästig werden konnte . Ganz anders verhielt er sich zu seiner Mutter . Dieser reine Karakter wollte und konnte nichts mehr scheinen und zeigen , als sich selbst ; und die höchste Wahrheit und Natürlichkeit verrieth nur um so sicherer die harmonische Schönheit ihres geläuterten Innern . Dadurch ward ihre Nähe Jedem zur Wohlthat , und wenn sie mit der Freude , sie zu lieben , die Herzen beglückte , erfüllte sie Alle zugleich mit wahrer Ehrfurcht vor einer so hohen Entwickelung des menschlichen Geistes , Graf Archimbald kannte Menschen und Verhältnisse in den mannigfachsten Schattirungen . Er war sparsam mit seiner Anerkennung und über die meisten Täuschungen hinaus , aber wer um seine seltener ausgesprochenen Gefühle wußte , dem war nicht verborgen , daß er seine Mutter über die meisten Menschen stellte . Sie rief alle weicheren Gefühle und eine zarte , achtende Unterordnung , die ihm sonst selten einkam , in ihm hervor . So begrüßte er sie auch jetzt , und seine Schwägerin fühlte diesen Unterschied wohl , und es mußte gerade diese von ihr selbst so hoch gestellte mütterliche Freundin sein , um ihr die kleine Demüthigung zu verzeihen , welche die Frauen , im Falle sie selbige vom anderen Geschlechte empfangen , so gern am eigenen zu rächen suchen . Doch war der Graf entweder zu gutmüthig oder zu gewandt , um seine Schwägerin nicht , so bald es sich thun ließ , in eine angenehme Stimmung zu versetzen . Er achtete ihren Karakter mit allen seinen von ihm leicht begriffenen Fehlern , und noch mehr ihren Verstand , auf den er einen hohen Werth legte ; vielleicht eine Folge seiner eigenen vorherrschenden Richtung , die ihn in dieser Fähigkeit eine größere Sicherheit dem Leben gegenüber annehmen ließ , als sich wohl immer bestätigen mag . Er motivirte daher seine hereinbrechende Freundlichkeit durch die Mittheilung , daß er so glücklich sei , seiner Schwägerin die neuesten Nachrichten von ihrem Vater , dem Grafen von Bristol , zu bringen , indem bei seiner Abreise von London so eben ein Courier aus Madrid eingetroffen sei , der auch Briefe für die Herzogin gebracht habe , welche er ihr zu überreichen , sogleich die Ehre haben werde . Die Herzogin hatte aus langer Erfahrung gelernt , daß sie am besten ihre Haltung gegen ihn behauptete , wenn sie anscheinend die Richtung , die er derselben zu geben wußte , nicht zu bemerken schien und sich ihr mit einer Miene überließ , als sei es ihre eigene Wahl . Beiden war so geholfen , und dieser kleine Krieg , in dem sie sich vollständig erkannten , ward ohne eine weitere Erklärung und unbeschadet ihres übrigen Wohlverhaltens , stets ohne Folgen beigelegt . Auch jetzt empfing sie seine Nachrichten mit der Heiterkeit , die sie ihrer Natur nach verdienten , und man kam bald dadurch auf die öffentlichen Angelegenheiten , die allerdings ganz England in eine nicht geringe Spannung versetzten . Gewiß , sagte der Graf , als man sich niedergelassen hatte , war man gegen die Unterhandlungen , die der König zur Vermählung seines Thronfolgers mit einem katholischen Hause anknüpfte , nicht gleichgültig , ja , wohl eher tadelnd gesonnen . Doch war eben so allgemein die Ansicht verbreitet , der Prinz von Wales empfände eine eben so große Abneigung dagegen , wie sein Volk , und füge sich nur aus kindlichem Gehorsam in den Willen des alten Königs , dem allerdings bei der vorgefaßten Meinung , daß jede Verbindung mit einer Prinzessin unter königlichem Range unebenbürtig sei , keine große Auswahl blieb , da nur Frankreich und Spanien in diesem Augenblicke Prätendentinnen der Art bereit hatten . Und glaubst Du wirklich , mein Sohn , sagte die alte Herzogin , daß der Grund der Weigerung des Prinzen von Wales , sich zu vermählen , allein seiner Abneigung gegen die fremde , seinem Volke verhaßte Kirche zuzurechnen sei ? Ich erinnere mich , von dieser Abneigung Manches schon gehört zu haben , ehe noch von einer Unterhandlung mit Spanien über diesen Punkt die Rede war . Allerdings , sagte der Graf ; doch scheint sein rasches nunmehriges Eingreifen in diese Unterhandlungen jene frühere Ansicht zu widerlegen , und es ist nicht einer der unwichtigsten Nachtheile dieser Reise , daß das Volk nunmehr den Vorwurf einer Hinneigung zum Katholischen von dem alten Könige , an welchem man dieselbe ziemlich erfolglos betrachtete , auf den künftigen Herrscher scheint übertragen zu müssen ; was wenigstens unbezweifelt der Infantin , sollte sie unsere Königin werden , keine freundliche Stimmung im Volke bereiten wird . Die Abneigung des Prinzen aber , sich zu vermählen , stammt aus einer früheren Zeit . Meine Verhältnisse haben mir nicht erlaubt , darin klarer zu sehen , als die allgemeine Stimme verkündigte , der Prinz habe in früheren Jahren eine heftige und unglückliche Leidenschaft für ein Fräulein von Rang gehegt , die ihn späterhin dem ganzen Geschlechte entfremdet . Wie viel daran war , möchte ich selbst bei der Wahrscheinlichkeit des Gerüchtes nicht entscheiden , obwohl die Thatsache außer Zweifel ist , daß der Prinz außer der allgemeinen ritterlichen Galanterie , die seine liebenswürdige Natur bezeichnet , nie einer Einzelnen den kleinsten Vorzug einzuräumen schien . O , rief der junge Herzog , wie unendlich viel liebenswürdiger erscheint mir nun noch der Prinz ; wenn ich mir diesen Kern des Herzens , diese treue und feste Liebe in ihm denke , die ihn gegen die Verirrungen der Jugend schützte , und ihn so mild und ritterlich zugleich darstellt . Immer war