sei , die Wahrheit einigermaßen beiseite zu stellen . Was den andern Ordensritter betrifft , so hatte dieser nach jener mystisch-lustigen Nacht , als deren Anstifter er sich den unschuldigen Hermann einbildete , mit ihm zu schmollen versucht . Bald aber wich dieser künstliche Zorn , und , als ob Torheit fester verknüpfe , denn Vernunft : sie wurden noch beßre Freunde , wie vorher . Gewöhnlich brachte Hermann , wenn die Gesellschaft auseinandergegangen war , noch einige Stunden bei Wilhelmi zu . Dieser war ein erklärter Liebhaber alles Alten und Veralteten ; er besaß die seltensten Sachen und Pergamente . In einer solchen Zusammenkunft holte er eine Urkunde herbei , woraus sich das schönste Licht über die großen Bauverbrüderungen des Mittelalters verbreitete . Alles war darin bestimmt : wie der Gesell dienen solle , wie jeder verpflichtet sei , sein Zeichen zu führen , wie Hader , Schimpf und Unzucht in der Hütte zu meiden , wie wenn einer der Bauleute mit einer anrüchtigen Person notwendig sprechen müsse , er sich mit ihr über Hammerwurfsweite vom Bauplatze zu entfernen habe , und was dergleichen Vorschriften mehr waren , welche alle auf die strengste , sittlichste Geschlossenheit des Handwerks Bezug hatten . Das Himmlische schwebte auch hier über dem Irdischen . Die Verehrung der heiligen drei gekrönten Baumärtyrer : Claudius , Simplicius und Castorius , welche lieber sterben , als einen heidnischen Tempel bauen wollten , war zur unerläßlichen Pflicht gemacht ; kein Tag sollte , ohne sie anzurufen , begonnen werden . » Schöne Denkmale einer untergegangnen Zeit ! « rief Hermann . » Man verwundert sich weniger über jene Riesengebäude , wenn man dergleichen Urkunden durchliest . Und noch klarer begreift man , daß sie jetzt nicht mehr nachzuahmen sind , und daß alle Versuche dieser Art schwach und kindisch ausfallen . Aber was hilft es , Unwiederbringliches zu beklagen ? Wir müssen doch vorwärts ! Niemand kann in den Leib seiner Mutter zurückkehren . « » Und doch müssen die Zünfte wiederhergestellt werden , wenn wir überhaupt noch künftig vor Wind und Wetter geschützt wohnen wollen « , sagte Wilhelmi . » Jetzt , wo jeder baut , wie er Lust hat , sind wir nahe an den Stand der Nomaden zurückgeführt . Das ist auch eine von den Früchten der gepriesenen Gewerbefreiheit , die denn wieder zu den Blüten unsrer Kultur gehört . Aber diese sogenannte Kultur scheint mir nur eine andre Barbarei zu sein , der wir entgegengehn , oder vielleicht schon verfallen sind . Denn , wenn die frühere darin bestand , daß niemand oder wenige etwas wußten , so ist die jetzige wohl nicht minder beklagenswürdig , wo alle zu verstehn glauben , was kaum einer oder der andre überwältigt . Das ist eben das traurige Gefühl , was man gar nicht los wird , daß man die Nichtsnutzigkeit der Gegenwart immer empfinden muß und mit seinem Verstande sich doch vorhält , wie schwierig eine Restauration dessen sein möchte , was vor der Welt freilich zur Ruine geworden ist . « » Auch der Adel ist so eine Ruine « , sagte Hermann . » Ich muß immer lächeln , wenn ich sie noch mit ihren Titeln und Würden sich brüsten sehe . Was macht den Adel ? Die Abgeschlossenheit , das Kastenmäßige . Nun aber haben die Bessern sich längst mit dem gebildeten Mittelstande vermischt . Nirgends finden Sie noch in der guten Gesellschaft den Unterschied der Stände . Leben wir hier auf unserm Schlosse anders , als in einer anständigen Bürgerfamilie ? Erinnert irgendeine Etikette daran , daß wir mit Gliedern eines der ältesten Häuser unsres Vaterlandes Umgang pflegen ? « Wilhelmi lachte bitter . » Sie Neuling Sie in der Welt , trotz aller Reisen und Bekanntschaften ! « spottete er . » Ja freilich ist der Adel im Kern verwest , aber das Gehäuse steht noch aufrecht , und man kann sich daran noch immer die Stirn einrennen . Die Lebensluft der Aristokratie ist der Egoismus . Andre Menschen sind selbstsüchtig aus Not , böser Gewöhnung , angeeigneter Maxime . Der Edelmann ist es von Natur , er muß es sein ; mit der Muttermilch saugt er , wie etwas sich von selbst Verstehendes die Überzeugung ein , daß er da sei um seiner selbst willen , und daß er die Kräfte andrer von Rechts wegen benutzen dürfe . « Hermann sah ihn voll Verwundrung an . » Es macht Sie stutzig , daß ich so rede « , fuhr Wilhelmi fort . » Ich bin alt und verkümmert , und wäre wohl ein Stück weiter , wenn man in mir je etwas andres gesehen hätte , als ein Lasttier ; denn der Gelegenheiten gab es genug , mir fortzuhelfen . Und so liefre ich in meiner Person und durch meine Tagelöhnerei eben recht den Beweis für den Satz . « Der Adelsfeind würde noch länger in diesem Tone fortgesprochen haben , wenn nicht plötzlich wieder aus der Wohnung des Arztes das düstre Lied erklungen wäre , welches Hermann schon einmal ungefähr um dieselbe Stunde gehört hatte . Wilhelmi horchte auf , und geriet in eine wilde Lustigkeit . » Nichts als Kontraste ! « rief er ; » feuriges Eis , frierendes Feuer ! Hier ein armer Bürgerlicher , der den Adel haßt , und sich doch für die Hochgebornen totschlagen ließe , dort der ärztliche Verstand , der mit aller seiner Kälte sich vor der unsinnigsten Leidenschaft nicht zu schützen vermocht hat ! Weil er nicht selbst Dichter ist , paraphrasiert er den Byron , und schüttet dessen Schmerzenstöne verdeutscht in die Lüfte ! « » Der abgelebte ausgetrocknete Mensch ! Sagen Sie mir , wen liebt er ? « » Wen ? - Wen er liebt ? Wenn Sie es wissen wollen : die Herzogin ! Nun machen Sie noch einen recht widersinnigen Streich , dann können wir Terzett singen ! « Sechzehntes Kapitel Ein für allemal war täglich eine Stunde bestimmt , worin Hermann der Herzogin das korrigierte Pensum des » Ivanhoe « zu bringen hatte . An die Verhandlungen hierüber knüpfte sich seit einiger Zeit eine Lektion im Englischen , welche ein junges Mädchen aus der Stadt , über welches die Fürstin Obsorge übte , von ihm empfing . Alles dieses hatte sich , wie von selbst , gemacht , doch war es Hermann schon oft so vorgekommen , als sei der » Ivanhoe « und das Englische nur Nebensache . Er bemerkte , daß die Herzogin seinen Lehren über deutschen Stil eine mehr gefällige als gespannte Aufmerksamkeit schenkte , und die junge Lucie wurde nicht gescholten , wenn sie unter allerhand Vorwänden vor Ablauf des gesetzten Zeitraums der Grammatik entrann , und sich wieder ins Fenster zum Filet setze . Man benutzte diese Zusammenkünfte zu Gesprächen über wichtige Punkte des Lebens ; es schien , daß man unsern Freund von allen Seiten kennenlernen wolle , und er unterließ nicht , als er diese ihm überaus behagliche Absicht wahrnahm , sich im besten Lichte zu zeigen . Nun war durch Wilhelmis unvorsichtige Eröffnung eine gärende Unruhe in sein Blut geworfen worden , und er ging sehr befangen am andern Morgen zur Herzogin . Daß sie unschuldig sei , unschuldig bis in den geheimsten Gedanken ihrer Seele , davon überzeugte ihn der erste Blick auf diese reine Stirn , in diese milden Augen . Er bedauerte sie , er verwünschte die Begehrlichkeit der Männer , die kein Heiligtum unangetastet lassen können . Der Arzt erschien ihm gemein und niedrig , er fühlte sich berufen , den Ritter jener hochverehrten Dame zu machen . Zerstreuter hatte er nie Unterricht gegeben . Seine Verwirrung erreichte den Gipfel , als der Arzt sich anmelden ließ , und angenommen wurde . Dieser war , wie immer , frei und unbefangen , was unserm Freunde als die äußerste moralische Verdorbenheit vorkam . Er hätte an Pausen des Gesprächs , an einigen verlegnen Bewegungen der Herzogin wohl abnehmen können , daß der Besuch einen Zweck habe , und daß seine Gegenwart nicht ferner gewünscht werde , doch blieb er sitzen , bis ihn die Herzogin auf die freundlichste Weise entließ . Sie hatte dies nie getan , und es kam ihm vor , als ob ihm der Arzt beim Abschiede einen höhnischen und triumphierenden Blick zuwerfe . Er irrte durch den Park , worin es schon grün zu werden begann . Das junge Laub erfreute ihn nicht . Er sah den Herzog kommen , und wich ihm aus . Seine Seele war in einer wogenden Bewegung , in einem unbestimmten Verdrusse , voll Mißmut , der eigentlich keinen Gegenstand hatte . Die Stunden bei der Herzogin gingen fort , aber wie sehr hatte sich seine Stimmung in ihnen verwandelt ! Nun war ihm die Plauderhaftigkeit der kleinen Lucie , welcher ihre Beschützerin viel Freiheit eingeräumt hatte , äußerst zuwider . Das Geschrei des Papageien , über welches er sonst gelacht hatte , klang ihm jetzt ganz unerträglich , und er begriff nicht , wie eine Dame von so feiner Konstitution das überlaute Tier in ihrer Nähe dulden konnte . Die abendlichen Versammlungen gereichten ihm zur Pein , er nahm sich jeden Tag vor , aus denselben fort zu bleiben , und saß doch regelmäßig , wenn die Glocke geschlagen hatte , mit empfindlichen Schmerzen auf seinem Stuhle . Alles war ihm durch die unglückliche Entdeckung verschoben und zerstückt . Sein durch üble Laune geschärfter Blick sah nunmehr auch so manches um ihn her , was ihm lächerlich und abgeschmackt vorkam . Er bemerkte , daß man das Wappen des Hauses überall angebracht hatte , wo sich nur ein Plätzchen dafür finden wollte ; über Toren und Türen , Sälen , Zimmern , Gartenhäuschen und Vorratskammern , und er konnte aus der Neuheit vieler Verzierungen dieser Art abnehmen , daß sie erst während der Besitzzeit des Herzogs entstanden sein mußten . Wilhelmis Sarkasmen über den neualten Aufputz , der hin und wieder im Schlosse sichtbar war , klangen ihm wieder vor den Ohren . Wirklich sahn einige Räume sehr buntscheckig aus . Des Herzogs Vater , ein Charakter , wie er im achtzehnten Jahrhundert unter vornehmen Edelleuten nicht selten vorkam , war im Sinne seiner Periode liberal und modern gewesen . Französische Papiertapeten , Goldleistchen , Phantasieblumen , leichte geschnörkelte Meubles verdrängten den alten schweren Schmuck . Der Sohn , fast in allem ein Gegensatz seines zu Genuß und Empfindsamkeit aufgelegten Vaters , ließ , sobald Graf Heinrich in die Gruft der Ahnen gegangen war , was noch von frühern Zeiten übriggeblieben , wieder hervorsuchen , und machte die Contrerevolution , inwieweit es anging . Da kamen die bunten Schäfer und Landschaftsbilder , die massiven Schränke und Tische aus ihrem Versteck , aus Böden und Verschlägen wieder hervor , und nahmen sich nun freilich neben den übrigen Dingen im neusten Geschmack seltsam genug aus . Der Herzog äußerte , wenn ihm der Kontrast von Eichenholz und Mahagoni , von dickem Damast und dünner Seide selbst auffallend werden wollte , daß es besser sei , ohne Kosten sich mit den alten soliden Sachen zu helfen , die trotz ihres Jahrhunderts noch aussähen , wie von heute und gestern , als neue Fabrikate anzuschaffen , gegen deren Dauerhaftigkeit jeder ein entschiednes Mißtrauen empfinden müsse . Hermann sah aber in seiner jetzigen Verstimmung nur das Ungereimte solcher Zusammenstellungen . Und bald überzeugte ihn ein kleiner Vorfall noch mehr , daß er sich unter Menschen andrer Art und Natur aufhalte . Er bemerkte eines Tages , daß unter den Arbeitern im Garten ein Rennen und Treiben entstand , und sah mit nicht geringem Erstaunen nach kurzer Zeit die wohlbekannten Figuren , welche soeben noch in ihren kurzen Jacken gesteckt hatten , in schönen roten Uniformen einherstolzieren . Eine Trommel ließ sich vernehmen , und bald war ein Häuschen vor dem Schlosse , welchem sich dieser Gebrauch sonst nicht ansehen ließ , als Hauptwache von den neugeschaffnen Soldaten besetzt . Zwei Schildwachen faßten gravitätisch vor der Rampe des Mittelgebäudes Posto , kurz , ein kleiner Militärstaat wuchs im Augenblicke , sozusagen , aus der Erde . Als er sich nach der Ursache dieser plötzlichen Verwandlung erkundigte , hörte er , daß der Herzog das Recht der Standesherrn , eine Leibwache zu halten , auf diese Weise ausübe . Man habe vernommen , daß ein fremder General noch heute ankommen werde . In solchen und ähnlichen Fällen nun , wo es gelte , den Glanz des Hauses zu zeigen , werde die Armee zusammenberufen , für welche jeder Arbeiter zugleich geworben sei , und welche nur so lange bestehe , als die Veranlassung währe . Wirklich sah Hermann noch vor Abend die Posten von dem Schlosse abziehn , die Hauptwache verlassen , und die Arbeiter wieder rüstig in ihren Jacken schaufeln und jäten , denn die Nachricht mit dem fremden Generale hatte sich nicht bestätigt . Dergleichen Beobachtungen führten ihn darauf , über die Schlußworte in dem Briefe seines Oheims nachzusinnen . Sie lauteten folgendermaßen : » Du bist da in Umgebungen geraten , wo Du nur verdirbst . Traue ihnen nicht , sie meinen es immer falsch mit uns . Deinen Vater haben sie zum unglücklichen Mann gemacht , laß Dich von seinem Schicksale warnen . « Siebenzehntes Kapitel Um Flämmchen hatte er sich seither wenig bekümmert . Sie zeigte nach dem mystischen Abende eine heftige Neigung zu Wilhelmi , und schien die Hoffnungen ihres Wahnglaubens auf ihn gesetzt zu haben . Wo er ging und stand , suchte sie ihm zu dienen , und war endlich durch Dreistigkeit und unermüdliches Verfolgen dahin gelangt , daß ihr Wilhelmi erlaubte , einen Teil des Tages bei ihm im Archive zuzubringen , wo er sich im Schweiße seines Antlitzes bemühte , Ordnung zu stiften , soviel dies möglich war , denn die Eigenheiten des Herzogs legten ihm große Schwierigkeiten in den Weg . Flämmchen durfte ihm dabei zur Hand gehn , sie brachte ihm die Akten und Skripturen zu , versah sie mit Papierstreifen und was dergleichen mechanische Dinge mehr sind , welche bei einer Arbeit dieser Art so vielfach vorkommen . Wilhelmi fand sie in allem , was er ihr auftrug , äußerst brauchbar ; er gewann den muntern bildschönen Knaben lieb , und sprach eines Tages gegen Hermann die Bitte aus , ihm den Jungen ganz zu überlassen . Dieser geriet hierdurch in eine große Verlegenheit . Er sah zwar , daß sein Freund wirklich , wie der Arzt sagte , blind für alles Nächste war , allein irgendeine Unbesonnenheit Flämmchens konnte ihm dessen ungeachtet mit jedem Tage gewaltsam die Binde von den Augen reißen . Er kannte Wilhelmis strenge Grundsätze , und wenn er auch hoffen durfte , diese durch einen wahrhaften Bericht zu beschwichtigen , so mußte er doch von dessen Hange , alles gleich auf die Spitze zu stellen , den schlimmsten Verrat fürchten . Sein Aufenthalt im Schlosse war ihm ohnehin verleidet , er nahm sich daher kurz und gut vor , zu reisen , und den ihm empfohlnen Pädagogen um Erlösung aus seiner seltsamen Not zu bitten . Indessen mußte in der Zwischenzeit für sie gesorgt werden . Trotz seiner Abneigung gegen den Arzt , die zuletzt fast in Verachtung übergegangen war , sah er sich gezwungen , mit diesem über ihre vorläufige Unterbringung zu verhandeln . Der Arzt empfing ihn zwischen seinen Elektrisiermaschinen und Spirituspräparaten höflich , als sei nichts vorgefallen . Er wußte gleich Rat . » Sie soll « , sagte er , » solange Sie abwesend sind , zu meiner alten Kräutersammlerin gebracht werden , und wir wollen sofort mit dieser die Sache richtig machen . « Sie ritten auf Wegen , die Hermann noch nie betreten hatte , durch ein wüstes Hügelland , und kamen in ein abgelegnes Tal , welches , obgleich in geringer Entfernung von menschlichen Wohnplätzen , den Charakter völliger Einsamkeit zeigte . Freilich waren die Pfade , die hineinführten , die schlechtesten , sie hatten sich mehrmals genötigt gesehen , abzusteigen , und ihre Pferde hinter sich herzuleiten . Ein Bach floß hindurch ; an demselben zwischen alten Rüstern stand die Hütte der Alten , gegen den Stamm der einen gelehnt . Die Alte kroch zwischen den Klippen umher , und sammelte Pflanzen . Vor sich hatte sie ein blendendweißes Tuch ausgebreitet , auf welches sie die grünen Sprossen und Blätter mit Bedachtsamkeit legte . » So fleißig , Mutter ? « rief sie der Arzt an ; » habt Ihr gesucht , was ich haben wollte ? « - » Nur der Waldmeister fehlt noch « , versetzte die Alte in ihrer gebückten Stellung und ohne sich stören zu lassen , » sonst ist alles da , was Sie befohlen . « » Laßt es jetzt sein , und kommt herunter zu uns , wir haben mit Euch etwas auszumachen « , sagte der Arzt . Ungern schien sie sich von ihrem Geschäfte zu trennen . Sie pflückte erst noch einige Blumen ab , band jede Spezies , behutsam nur den Stengel berührend , mit Halmen in gesonderte Bündelchen , faßte das Tuch locker bei den Zipfeln , und kam , ihr Gewand vorn zusammennehmend , ohne aufzusehen , von den Felsen herab . » Sie sind heute recht frisch und kräftig « , sagte sie , das Tuch oben etwas lupfend ; » damit sie nichts verlieren , will ich sie gleich in den Keller legen . « Der Arzt hielt sie zurück , und eröffnete ihr seinen Wunsch . Er fragte sie , ob sie ein junges Mädchen , welches er ihr zubringen werde , gegen gute Bezahlung auf einige Wochen hinnehmen wolle ? Sie machte eine ehrerbietige Bewegung mit der Hand und rief : » Sie sind mein Herr und Gebieter . Ich werde die , welche Sie mir bringen , wie mein Kind aufnehmen . « Als Hermann das Gesicht der Alten betrachtet , und ihre Stimme gehört hatte , stieg in ihm eine Vermutung auf , die ihn unruhig machte . Um Gewißheit zu erlangen , fragte er den Arzt auf dem Heimritte über sie aus . Dieser erzählte , daß er sie im Spätsommer des verwichnen Jahrs kennengelernt habe . Sie sei als Zigeunerin mit einem Trupp verlaufnen Gesindels durch den Flecken transportiert worden , habe wegen Krankheit liegenbleiben müssen , Hülfe begehrt , und so sei er zu ihr geführt worden . » Die Reden dieser Person « , fuhr er fort , » erregten meine Aufmerksamkeit . Sie beschrieb mir ihre Leiden , und den Sitz derselben , die Milz , mit einer solchen Deutlichkeit , daß ich daraus schließen mußte , sie sehe gewissermaßen das Organ und seinen Zustand . Ich folgerte hieraus eine eigentümliche Stärke der sinnlichen Erregtheit , setzte diese Wahrnehmung mit ihrem Gewerbe zusammen , und da es eine meiner Grundüberzeugungen ist , daß jede Abnormität auf einer natürlichen Anlage beruht , so faßte ich den Vorsatz , aus einer verworfnen Herumtreiberin womöglich ein nützliches Mitglied der Gesellschaft zu machen . Zur Probe hielt ich ihr meine Hand hin ; sie sah weniger auf diese , als in mein Gesicht und sagte : Ihr wollt mich versuchen . Ich bemerkte , daß sie mit einem unendlichen Scharfblick für alles Körperliche ausgerüstet war , aus den Lineamenten die geheimsten Seelenregungen las , und mit diesen Kräften , durch Elend und Dürftigkeit gezwungen , auf Prophezeien und Quacksalbern verfallen war , während sie unter günstigen Umständen vielleicht eine berühmte Frau geworden wäre . Ich öffnete ihr die Augen über sich , sagte ihr , daß ich ihr helfen wolle , wenn sie folgsam sei , und fand Zutraun . Meine homöopathischen Kuren , welche ich , wo die Konstitution dieses Verfahren rechtfertigt , zuweilen vornehme , erfordern Mittel , zu welchen die Substanzen mit der äußersten Sorgfalt eingesammelt werden müssen . Niemand hatte mir bis dahin die Sache zu Dank machen können ; ich war genötigt gewesen , selbst stundenlang die Halme und Binsen aus dem eigentlich Brauchbaren zu lesen , um nicht nach großer Mühe noch endlich einen verfälschten , groben Saft durch die Extraktivpresse zu gewinnen . Ich beschloß , mit der Alten einen Versuch anzustellen , und er ist vollkommen gelungen . Als sie von ihrem Lager erstanden war , lehrte ich sie Botanik d.h. soviel davon zu ihrem Geschäfte nötig schien , mietete ihr das Häuschen in dem Hügelkessel , welcher die seltensten Pflanzen weit in die Runde trägt , und schickte sie auf das Suchen aus . Sie hatte mich wunderbar schnell begriffen , ja sie trug die Kunde , welche ich ihr beibringen wollte , sozusagen , schon vollständig , nur unentwickelt , in sich . Sie hat sich mit dem Pflanzenreiche gleichsam identifiziert , entdeckt , was nur entdeckt werden kann , verfährt mit einer Genauigkeit , die Sie selbst zum Teil haben bemerken können , und leistete mir im vorigen Herbste , sowie in diesem Frühjahre schon die wesentlichsten Dienste . Anfangs fürchtete ich für den Winter , weil ich nicht wußte , womit ich sie während desselben beschäftigen sollte . Aber die Natur half auch hier , wie gewöhnlich , aus . Sie verfiel nämlich zu meinem Erstaunen in einen Schlaf , welcher der Erstarrung mancher Tierarten ganz ähnlich war , und aus dem sie oft nur je um den zweiten Tag zu einem Halbbewußtsein erwachte , in dem sie dann wie träumend für ihre Bedürfnisse sorgte , um sich , nachdem diese abgetan waren , wieder auszustrecken . Ich glaube , daß eine furchtbare Krankheit , die , wie ich aus einzelnen Reden geschlossen habe , selbst bis zum Scheintode geführt hat , dergestalt ihre Lebenskraft schwächte , daß diese nur während der warmen Jahreszeit vorhält , und sich , sobald es kalt wird , als Fünkchen in das Innere des Organismus zurückzieht . So gewährt sie mir noch nebenbei ein merkwürdiges Studium . « Hermann entdeckte ihm , daß er die Alte für dieselbe Person halte , welche er schon einmal im Walde gesehen , und welche Flämmchen gewahrsagt habe . Er äußerte seine Besorgnis vor den Folgen , wenn man beide wieder zusammenbringe . Der Arzt teilte dieselbe aber nicht , sondern sagte : » Sie wird eher heilsam auf das Kind wirken , denn sie hegt den größten Abscheu vor ihrem ehemaligen Gewerbe , und bereut , wie sie sich ausdruckt , jeden Augenblick , wo sie in die Hand und in das Antlitz der Menschen gesehen , seitdem sie erfahren , wieviel Gott auf die Blätter der Pflanzen geschrieben hat . « Er erbot sich , Flämmchen , wenn Hermann abgereist wäre , unter einem Vorwande von Wilhelmi zu entfernen , und jener mußte wohl nachgeben , da er keinen andern Ausweg wußte . Achtzehntes Kapitel Flämmchen kam dazu , als er packte . » Willst du fort ? « fragte sie . Er bejahte es . - » Warum ? « - » Um deinetwillen . « Sie zog ihn mit sanfter Gewalt auf einen Stuhl , kniete vor ihm nieder , und schaute ihm mit einem unbeschreiblichen Blicke in die Augen . » Um meinetwillen ! « sagte sie gedehnt . » Ich meinte schon , mit uns sei es aus , und die Alte und der Geist hätten gelogen . « Sie wollte lächeln , aber der Schmerz verzog ihren Mund , und ein Tränenstrom floß über Lippen und Kinn . Er hielt den Augenblick für geeignet , ihr Innres zu erforschen . » Sei einmal recht offen gegen mich , mein liebes Kind « , sagte er . » Was hat dir den Gedanken in den Kopf gesetzt , von dem du nicht lassen willst ? « » Ich lag nach meiner Flucht vom falschen Vater im Walde , und weinte , denn zurück wollte ich nicht , und um mich waren nichts als Bäume , und mir graute in der Einsamkeit . Ich wußte mich vor Angst nicht zu lassen ; ach , es ist so schrecklich , ganz allein zu sein ! Ich zog meine Sachen hervor , aber nichts wollte mir helfen . Den falschen Vater hatte ich , wenn er seine weinerlichen Reden hielt , oft lieber Gott ! rufen hören . Nun rief ich auch wohl hundertmal : lieber Gott ! aber kein lieber Gott kam , und ich merkte , daß der auch nur eine Lüge sei , wie alles , was der falsche Vater gesagt hatte . « » Mädchen ! Mädchen ! « rief Hermann , » du weißt nicht , was du sprichst . Erzähle weiter . « » Da stand die Alte vor mir . Sie mußte aus der Erde gewachsen sein , denn ich hatte sie nicht kommen sehn . Ich solle nicht weinen , sagte sie zu mir , und nannte mich ein schönes Kind , dem es nicht übel ergehen könne . Ich müsse etwas Blankes auf die Hand legen , dann wolle sie mir wahrsagen . Ich hatte noch ein Silberstück von den Geschenken der jungen Herren bei mir , das legte ich auf die Fläche meiner Hand . Sie schlug , nachdem sie die Linien beschaut , die Hände vor Freuden über dem Kopfe zusammen , und rief : O du gebenedeite Kreatur ! Welch ein großes Glück steht dir bevor ! Dann weissagte sie mir , ein Prinz werde sich in mich verlieben , und mich zu seiner Frau Gemahlin machen . Ich fragte : Wann ? wo ? wie bald ? - Sie machte sich von mir los , und lief durch die Bäume davon , flink wie ein Feldhuhn , aber ich hörte noch aus der Entfernung ihre Antwort : Bald ! Vielleicht noch heute ! Ganz in der Nähe ! Und an demselben Vormittage habe ich dich gefunden . « » Mich , Flämmchen , ja . Aber wann den Prinzen ? Ich bin eines Bürgers Sohn . Wer bildete dir ein , daß ich der verheißne Prinz sei ? « Flämmchen sah ihn an , stutzig , als ob sie an diese Frage noch nie gedacht habe . » Wer ? « fragte sie sinnend . » Ich lauschte hinter einem Baume , als du neben deinem Freunde auf dem Stamme saßest , und als ich dein Gesicht erblickt hatte , wußte ich , du seist es . « Eine dunkle Röte hatte bei diesen Worten ihr Antlitz , ja den Hals überzogen . Sie sprach mit einem Tone , welchen er nie von ihr vernommen hatte , tiefer , bebender , als gewöhnlich . Es war , als ob eine andre Person aus ihr rede . Auch ihn ergriff ein mächtiges Gefühl . Die Natur sah ihn durch alle Verkehrtheit mit ihren heiligen Augen an . So muß dem zumute sein , der unter einer Karikatur die Züge einer frühern lieblichen und wohlgefälligen Zeichnung erblickt , die der Zerrmaler übersudelt hat . » Ich lief « , fuhr Flämmchen fort , » als wir auseinandergegangen waren , durch Feld und Busch umher , meine Alte wiederzufinden , die , das wußte ich schon , alles konnte , was sie wollte . Ich traf sie auch glücklicherweise auf der Heide an den großen Steinen , die da im Kreise umher lagen . Ich sagte ihr , sie solle mir den Geist meines Vaters rufen , denn ich mußte ja den auch um dich befragen . Sie wollte nicht , und endlich antwortete sie mir , sie könne nicht . Da bin ich ingrimmig geworden , und weiß nicht , was ich getan habe . Aber als ich zu mir selbst kam , sah ich , daß ich mein Messer aufgeklappt in der Hand hatte , und die Alte lag vor mir an der Erde , zitternd , und bat , ich möchte ihres Lebens schonen . Sie sagte mir darauf die Worte , mit denen ich den Geist rufen müsse , und die ich dir nicht wiederholen darf , sonst sterbe ich in neun Tagen . Nach den Tannen schickte sie mich , und da habe ich gewartet bis Mitternacht unter Furcht und Angst , dann kam er in einer schönen bunten Uniform , ganz bleich , mit einem blutigen Streifen über der Stirn . Ich fragte ihn , und er antwortete mir , ich solle dir folgen , wohin du gehest , und mich ganz auf dich verlassen . « » Und fragtest du ihn denn auch , mein Flämmchen , ob ich ein Prinz sei ? « » Daran habe ich wahrhaftig gar nicht gedacht « , rief das Mädchen , und machte eine Bewegung mit der Hand , wie ein Kind , das sich einer Nachlässigkeit erinnert . » Das habe ich doch wirklich rein vergessen . « Hermann stand auf und beruhigte sie . » Prinz oder nicht « , sagte er zu ihr , » werde ich mich deiner annehmen . « » Es streiten sich zwei um dich « , fuhr sie mit verfinstertem Gesichte fort . » Aber ich hoffe , sie wird es mit dem Tranke , den sie dir eingegeben hat , nicht durchsetzen , ich werde dich behalten . Es wäre recht übel , wenn es anders käme . Denn sie hat genug , aber Flämmchen hat niemand als dich ! « » Trank ? Sie ? Wer ? « » Nun , die Herzogin . Das ist doch zu sehen , daß sie sich in dich verliebt hat . Sie kann ja nicht leben , wenn du nicht ein paar Stunden des Tages über bei ihr bist . « » Du schwärmst ! Ist es möglich , daß dir nur so etwas in den Kopf kommt ? « » Ich denke , die unschuldigen Tiere werden wissen , was sie tun ! « rief Flämmchen leidenschaftlich aus . » Spricht nicht ihr bunter Vogel in einem fort : Teurer Hermann ! Wie oft habe ich es gehört , wenn ich unter dem Balkon