in runden Hexametern , daß er endlich entflohn des Zimmers Gefängniß , Und dem engen Gespräch , und sich dann freudig in den grünenden Wald und auf den Berg mit dem röthlich strahlenden Gipfel rettet , möchte ich nun , wie gesagt , den umgekehrten Spaziergang dichten , welcher der Stadt zueilt , und den wohnlichen Zimmern der Menschen , und nach einem lieben Gesicht und traulichem Gespräch sich sehnt . Und je länger ich jetzt bergab wandre , rüstig zuschreitend auf das vor mir liegende Prag , je mehr quillt mir wieder meine Stadtelegie , und so ganz unversehens , aus dem Herzen heraus . Wie ein abenteuerliches Phantom hat Schiller die Stadt hinter sich zurückgelassen , deren beweglich wirkendes , die tausendfach genutzten Kräfte des Menschen zusammenfassendes Leben er zwar sinnreich auszumalen weiß , das sich ihm aber zugleich , mitten in der Ausmalung , wieder zu einem Alles verschlingenden und vergiftenden Ungeheuer verzerrt , vor dem er sich nur in die Arme der Natur zu flüchten vermag . Und dann tröstet er sich mit der Sonne Homers , die noch immer unter demselben Blau uns lache . Ich habe mich in meinem ganzen Leben noch nicht mit der Sonne Homers trösten können . In dieser Hinsicht hatte ich es mit dem städtebauenden Saitenspiel Amphions . Der schlug die Harfe gewaltig an , und dann kamen auf den Klang die Steine von selbst herbeigelaufen , um eine mächtige Stadt zu bauen . Eine Stadt ! Eine Stadt ! Ich liebe die städtebauende Muse , welche den Nomadentrieb des menschlichen Lebens einordnet in feste Gränzen der beglückenden Harmonie . Sei mir gegrüßt , o Stadt , mit den röthlich strahlenden Dächern ! Sei mir , Sonne , gegrüßt , welche sie lieblich bescheint ! Mir wird wohl , wenn ich das immer näher kommende Geräusch , welches hinter Deinen Mauern stündlich wühlt und arbeitet , in seiner bedeutsamen Geschäftigkeit vernehme . Das ist der Mensch mit seinen Bestrebungen , mit seinen Hoffnungen und seinen Wünschen , mit seinen erfindenden und erwerbenden Händen , welche sich dort in der drangvollen Eil des Daseins bewegt und tummelt ! Das ist der Mensch , der laut wird , in der Angst des Tages , im Jubel der Stunde , in der Athemlosigkeit der Gegenwart ! Das ist der Mensch , wie er sich einrichtet und abfindet , wie er sich wehrt und ringt mit den Mächten seines Daseins , wie er pocht und hämmert , zählt und rechnet , webt und zimmert , sich nie genug thun kann , und immer auf die unsichere Welle des Augenblicks sein Liebstes hingiebt ! Das ist der Mensch , mit seinem frohen Gesicht , mit seiner ungeheuern Geduld , mit seinem tragischen Schicksal , mit seinen ironischen Gegensätzen , mit seinem zehrenden Herzen , das immer Wunden hat , sei es aus Liebe oder Haß ! Aus allen seinen Bedürfnissen und Bedrängnissen , Gewohnheiten und Tugenden , Freuden und Talenten , aus seinem Wissen und Streben , hat er sich da eine Stadt gemacht , das umzäunte Schlachtfeld seiner Bestimmung . Ein ehrwürdiger Ort , vom Verhängniß gezeichnet , ist ein Schlachtfeld . Ein ehrwürdiger Ort , vom Verhängniß gezeichnet , ist eine Stadt . Draußen im Walde , wo das schattige Laubwerk mich gern zum Einsiedler machen möchte , oder oben auf den Bergen , oder unten im quellenreichen Grund der lachenden Thalnymphe , mag die Unschuld wohnen . Ich kenne sie nicht . Ich habe sie längst in frühen Jugendstürmen verloren . Nach dem Sündenfall gingen die Menschen hin , und bauten sich Städte . Nicht der Fluch Gottes vertrieb sie aus dem Paradiese , sondern ihre Schuld stürzte sie vorwärts in die Weltgeschichte . Sie sonderten sich in Völkerstämme , und bauten Städte . Das Bewußtsein ihrer Schuld machte sie gelehrig , und sie trieben allerlei Künste und Gewerbe , Beschäftigungen der Hand und des Geistes . In ihrer Schuld drängten sie sich an einander , und diese sannen darauf , das Leben zu verschönern , und jene studirten es , und trachteten , wie sie es begreifen könnten . So wohnten sie alle bei einander , jeder an einem andern Ende mit der Schuld des Lebens beschäftigt , und schlossen einen Verein zur gemeinsamen Sühne des Daseins . Sie mehrten sich , und ihre Städte blühten , denn der Eifer und Drang der Menschen war groß und unendlich , er reichte bis an den Himmel und bis an das verlorene Paradies zurück . In das Schuldgetümmel der Städte stürze ich mich . Da sind meine Freunde und meine Brüder . Oeffne mir deine Thore , sorgenbeladene Stadt , bald mische ich mich wieder in dein heißes Gedränge , in deine kampfesmuthigen Reihen . Im Gedränge finde ich wohl , was ich liebe und was ich strebe , im Gedränge neben andern Herzen tröstet sich mein Herz . Wald und Berg sinken immer ferner hinter mir zurück , und die Schauer der Wildniß , die unheimlich über mein Haar hinstreichen , verkehren sich mehr und mehr in freundliche Ansiedelung städtischer Gewohnheit . Vor der Stimme der Unschuld , die in der Natur säuselt , wird mir bange . In der Natur blüht das verlassene Paradies der Menschen noch verstohlen fort , es lauert still in der geheimen Seele des Baumes , aber die Menschen sind weggezogen in die Städte . Darum duften die Blumen oft Schwermuth aus , und das ganze Wachsthum der Natur netzt sich im Thau der Thränen , wenn der Mensch lauschend davorsteht . Doch er kann in dieses Paradies nicht wieder zurück , er muß es jetzt auf der andern Seite der Schöpfung erobern . Die Stadt hat ihn in die rauschenden Wirbel der That hineingeschleudert , er hat sich brauchen und nutzen gelernt , und aus seinem Funken , der in ihn gelegt war , ist eine lodernde Flamme emporgeschlagen . Die Stadt wölbt das heimische Dach der Hütte über seinem Haupte , und schließt ihn fest an die warme Brust der Erde , damit er weiß , wo er steht , um vom sichern Boden aus den Himmel zu erwerben . In der Hütte ist Platz für eine ganze Welt , hier beherbergt er in stiller Zelle die zukünftige That und den unermüdlichen Willen , hier hütet er seine Liebe und seine Verzweiflung , hier wohnt er mit seinen Plänen , seinen Gedanken , seinen Scherzen und seinen Göttern . Wie das Haus vor den Elementen , so schützt ihn der Freund und das Weib vor den Schrecken der Einsamkeit ; die Liebe schützt ihn gegen Selbstsucht , der Haß gegen Gleichgültigkeit , der Hunger gegen Langeweile , die Thorheit gegen Altklugheit , die Eitelkeit gegen Selbstverachtung , das unbefriedigte Herz gegen Ermattung des Strebens . Damit der Mensch den Menschen kennen lerne , in Art , Tauglichkeit und Hoffnungen seines Wesens , haben sie neben einander ihre Hütten aufgerichtet in den Städten . Vor der Natur verliert sich der Mensch in das Element , in der Stadt gibt er sich an die Menschen hin , und findet in den Andern , in ihrem Irrthum und in ihrer Wahrheit , sich selbst wieder , aus ihrer Verzerrung setzt er sich seine Harmonie zusammen . Die Stadt ist der Pantheonstempel menschlicher Zustände , vor dessen Altar drei heilige Priester stehen , welche den Bund der Gemeinde geweiht und bekräftigt haben . Diese drei sind : das Recht , die Treue und die Sitte . Wo Menschen zusammen sind , und zu einem Verein sich gesellen , gibt es auch Recht , Treue und Sitte . Das ist das Große an jeder menschlichen Gesellschaft , daß sie ohne diese drei nicht zu bestehen vermag , sondern von selbst sie wie nothwendige Blüthen aus ihrem Schooß erzeugt . Ja , in der Stadt , wo Menschen sind , suche ich Recht , Treue und Sitte , und ich finde sie , mitten unter ihren Leidenschaften , ich finde sie , wie Edelsteine im schwarzen Schachte . Wenn Menschen sich an Menschen drängen , im Trieb des Daseins , wenn ihr Wollen und ihr Können wächst in der Gemeinschaft , wird ihnen in der Brust zugleich das Recht wach , das die Gesetze schreibt für Wollen und Können . Unrecht liegt nicht in der menschlichen Natur , denn sie möchte nur allzugern Jedes ausgleichen und versöhnen , selbst den Teufel . Das Recht ist der verständige Kopf des ganzen Gliedervereins , in dem Maß und Gleichgewicht des übrigen Körpers sich zusammengeschlossen halten . Und die Treue ist die Hand , welche der Mensch dem Menschen gibt , und woran sie sich fassen über der Woge des Tages , während das Leben schäumend mit ihnen fortstürzt . Und die Sitte ist das Auge , mit dem sie sich gegenseitig anblicken . Das Auge ist die Jungfrauschaft der Seele , und wenn es sich zu Dir aufschlägt , und Du tief in seinen Grund schauest , wird Dir heilig zu Muthe . Weil die Menschen sich in die Augen sehen , haben sie Ehrfurcht vor einander , und für Jeden liegt in dem Andern ein leises Geheimniß da , das er achten muß . Die Ehrfurcht der Augen ist die Sitte , sie ist ein zartes Geheimniß , wie der Blick . Wie dieser , trifft sie auf den feinsten Zusammenhang des Lebens , und spricht ihn aus . Wenn die Treue der Hand die Menschen an einander bindet in festverschlungenen Gruppen , so gießt das Auge der Sitte holdseeliges Licht der Schönheit aus über den Bund . Die Hand , die vielgefurchte , an der Arbeit des Tages oft erprobte , immer in den Stoffen des Lebens wühlende , sie ist wichtig für menschliches Sein und Thun . Sie schließt Verträge , bejaht mit ihrem Druck die Bündnisse der Liebe , schwört mit emporgehobenen Fingern zu Gott , sagt guten Tag und guten Weg zu den Nachbarn und zu den Freunden . Die Hand gehört den Nothwendigkeiten des Lebens an , aber das Auge ist ein freies Strahlen von Poesie . Die Sitte ist die Poesie der menschlichen Gesellschaft , sie ist der Adel der Form , die Verklärung der Gewohnheit , die Juwelenfassung des Umgangs , und die Ehrwürdigkeit der Ueberlieferung . Und der Kopf sieht ernsthaft darein , und läßt sich durch nichts bestechen , und durch nichts beugen , wenn er Recht hat . Das Recht ist der Mathematiker des Lebens , es urtheilt streng nach dem Buchstaben , und mißt genau Winkel an Winkel , Größe an Größe ab . Aber das genau gemessene Leben wäre todt , wenn nicht das Auge hineinlächelte , und die Hand es zusammenhielte . Und so bewegen sich die Menschen mit Kopf , Hand und Auge , und ihr Dasein steht in Flor , und ihre Städte regen sich , und tragen Frucht und Blume . Und so verbinden sich die Menschen mit Recht , Treue und Sitte , die , wie das Weichbild ihrer Städte , einen heiligen Kreis um ihr Zusammenleben schließen . Das ist die Freiheit der Städte , das ist der Gottesfrieden der Häuser ! Mögen die Städte blühen und gesegnet sein , ich liebe die Städte ! Ich liebe Städte und Häuser . Städte , Häuser , Straßen , Brücken , und das Volk dazu , welche großartige Malerei für einen Menschenfreund ! Keine Naturmalerei , mit ihren Abendröthen und Purpurwolken und allem Farbenschmelz der Thäler , keine Elegie und keine Hymne der Landschaft , reicht an dies hochdramatische Schauspiel der Städte hinan . Komm näher , Stadt , und empfange den Wandrer in Deinen zutraulich winkenden Ringmauern . Nimm ihn auf recht in die Mitte der menschlichen Gewohnheit , und laß ihn Alles sehen und schmecken , wie der Mensch es treibt . Ich will mich an die Welt Deiner Gesichter hingeben , und den Schöpfer loben , wann mir eines gefällt . Ich will Deine Künstler verehren , mit Deinen Gelehrten reden , Deine Frauen lieben , und in Deinen Kirchen an die unsichtbare Kirche denken . Ich will auf Deinen Märkten etwas kaufen , an Deinen Tischen essen , unter Deinen Dächern ruhen , und in Deinen Gesellschaften lachen und lauschen . Ich will jeden Moment an Deinem Thun und Treiben wichtig achten , denn jeder Moment an einer Stadt kann welthistorisch sein . Sei mir jetzt in der Nähe gegrüßt , meine Stadt ! Der Spaziergang , von meinem Berg herunter , ist zu Ende , und mit einigen Schritten gelange ich nun schnell an den Fuß der Moldau , denn ich bin den umgekehrten Weg hinabgestiegen . Jetzt sehen wir uns Stirn an Stirn , Du herrliche Stadt , und indem ich hiermit meinen antischillerischen Spaziergang beschließe , segne ich noch einmal , als begeistertes Stadtkind , die städtebauende Muse Amphions ! - Nun stelle ich mich auf die Moldaufähre , und der Fährmann , ein rechtes böhmisches Gesicht , bringt mich in dem langsam abgemessensten Takt hinüber . Indem wir die Breite des schönen Stroms durchschneiden , kann ich Dir noch im Vorbeigehn seine beiden Inseln zeigen , die sich dort , den Pragern vielbesuchte Lustorte , aus der Welle erheben . Das ist rechts die anmuthige , mit dichten Schattengängen duftiger Kastanien und Linden besetzte Schützeninsel , und ihr gegenüber , gleich an der Stadt , die kleinere Färberinsel , deren hohe Pappeln Kühlung und Frische verbreiten . Sie sind noch leer von Spaziergängern , und die schöne Welt pflegt sich erst später einzufinden , wann sich die Gluth der Sonne gemildert hat , denn gegen nichts ist der Prager empfindlicher , als gegen Sonnenschein . So gehen wir ein ander Mal hin , wenn Leute da sind . - Und heut kann ich nichts mehr schreiben , Du Gute , Heilige ! Ich hatte Dir noch Vieles aufzeichnen wollen , wie Du aus der Ueberschrift dieser Blätter ersiehst . Vielleicht morgen . Denn ich reise erst in acht Tagen weiter nach Wien . Ich kann heut nicht mehr schreiben , mir wird traurig zu Muthe . Das Herz thut mir auf Einmal weh , und meine Schreibfeder kann und darf es nicht sagen . Darum schleudere ich sie weit weg von mir , diese Sclavin , und sage nur noch : Gott befohlen ! - - - III. Prag . Katholizismus , Legitimität , Wiedereinsetzung des Fleisches . - Was jetzt kommt , Heilige , da bitte ich Dich , es Dir nicht etwa als eine Lobhudelei anzunehmen . Denn ich will und muß noch einmal über die böhmischen Mädchen sprechen , von denen sich wahrhaftig ein eigenes Buch schreiben ließe , so reichhaltig ist dieser Gegenstand . Wer könnte in Prag leben , ohne zu einem solchen Buche , dessen schönste Stellen gewiß kein Censor streichen würde , sorgfältige Studien zu machen . Du aber bist eine Heilige ! Deshalb mach ' ein erhabenes Gesicht dazu , wo ich allzu unverschämt lobe und sehe . Ich muß loben und sehen , und Du kannst Dir immer noch etwas Anderes dabei denken , als ich sage . Aber soviel sage ich Dir , daß sogar der alte seelige Campe in seiner » Reisebeschreibung von Braunschweig bis Carlsbad und Böhmen « nicht aufhören kann , die außerordentlichen Vorzüge der schönen und gutmüthigen Pragerinnen zu preisen . Und das war Campe , ein Mann von Grundsätzen , der aus Philosophie Wassersuppe aß , nur der Pädagogik wegen reiste , einen plüschenen Jelängerjelieberfrack und Schuhe mit großen silbernen Schnallen trug , und wohlerzogenes Blut hatte . Als kleiner Junge , wo ich mir für ein paar Dreier von einer alten Frau Bücher borgte , las ich diese Reisebeschreibung , und weiß noch recht gut , wie es mir damals auffiel und Nachdenken machte . Ich konnte den Campe nicht begreifen , der mich in einem anderen Buch vor dem Umgang mit dem weiblichen Geschlecht so sehr gewarnt hatte , daß ich mir einmal die kleine Nachbarstochter genau ansah , ob sie wirklich ein so gefährlich Ding sei ? Jetzt bin ich ein großer Mensch geworden , schreibe selbst Bücher für ein paar Dreier , habe heißes Blut , und begreife den Campe . Campe , Campe , ja Campe hat meine Augen zuerst auf die Schönheit der Pragerinnen hingelenkt , und in die weltberühmte Tugend dieses soliden Mannes , dieses reellen Kindervaters und Pädagogen , wahrhaftig , in seine Tugend hülle ich mich , indem ich in diesen glühenden Himmelstrich reizender Formen mich wage . Campe , dieser zuverlässige Mann , soll Alles verantworten , was mir hier begegnet ist , und an ihn wende man sich , wenn mir Einer Vorwürfe machen will über die Folgerungen , die ich aus meinen in Prag regegewordenen Betrachtungen jetzt oder bald ziehen werde . Das sind hier Töchter des Landes , die im wahrsten Sinne diesen Ehrennamen verdienen . Nationale Schönheiten , denen an scharfgezeichneter Eigenthümlichkeit keine andere Bürgerin einer deutschen Stadt sich vergleichen läßt . Das langweilige Geschlecht der Berlinerinnen mag anziehen durch Tugend , Tournüre , Vorzüge einer feinen und schlanken Gestalt ; die sinnliche Wienerin durch lebhaftes Augenspiel , großartige Grundsätze , brennbare Lebensstoffe von Kopf bis Fuß ; die leichtgeartete Münchnerin durch ein regelmäßig gebildetes , sinnig lauschendes Gesicht , das einem Stieler zum Meisterwerk sitzen konnte ; die niedliche , naive Schwäbin durch freundlich zuthätiges , Alles gerade heraussagendes , convenienzloses Wesen ; die kleine heirathslustige Leipzigerin durch selbstgefällige Zierlichkeit , Freigebigkeit des Blickes , redseelig plauderndes Mundwerk ; die große farrenäugige Hamburgerin durch irdische Frische , Reichthümer der Natur , und derbe Resultate des good eating . Die Pragerin zieht vor Allen an , weil sie eine Pragerin ist , ein böhmisches Mädchen . Durchfliege mit entzücktem Blick die Schwesterreihe dieser Gesichter , von denen jedes dem andern ähnlich sieht , und frage , wem Du den Preis zuerkennen sollst , ob der reizenden Mutter oder der reizenden Tochter ? Denn der Nationaltypus dieser ausgezeichneten Bildung hat zugleich ein so dauerndes und erhaltendes Leben in sich , daß er oft noch bis in das höhere Frauenalter hinein wunderbar fortblüht . Die Gestalt ist selten groß und hervorragend , aber fast immer von einer üppigen Poesie des Ausdrucks , die mit rund geschwungener Wellenlinie Hals , Nacken , Busen und Hüften in lieblicher Fülle zeichnet . In langem , weichem , dichtem Gelock umfließt das schöne Haupthaar , oft blond , öfter kastanienbraun , die zärtliche Schläfe , und die etwas blasse Wange erhöht in einem anmuthigen Oval den feinen Glanz des Gesichtes . Das am häufigsten gesehene blaue Auge strahlt ein dunkles Feuer von sich , und läßt in eine brennende Tiefe schauen , aus der Muth , Seele , Andacht und Liebe leuchtend auftauchen . Es sprüht etwas Katholisches aus diesem dunkel flammenden Blick der Pragerinnen , und zugleich so viel Sinnengluth ; es ist eine frivole Mystik , welche das Auge zu uns emporschlägt , und das unsere , Blick um Blick , gefangen hält . Wie gothisch wölbt sich der Blick dieser Augen ; auch schwimmt um die trunkene Bewegung der Iris ein leiser Heiligenschein , ich kann es nicht läugnen . Es ist mir , als gingen sie alle in die Messe , während ich sie da hinwandeln sehe , reich geschmückt , in bezaubernder Haltung der lebenstrahlenden Glieder . Und ich folge ihnen bis an die Kirchthür , und ihr Auge trifft mich im Umwenden noch einmal , wie ein versengender Blitz , und ich weiß nicht , soll ich mit ihnen beten gehn , und die Messe hören , und meine Sinne erst in frommer Musik berauschen , dann im dreisten Glück der Liebe ! Wer nie einer Pragerin tief in die Augen gesehn , weiß nicht , was Mystik ist und was Sinnlichkeit ; er hat nie ein Gedicht gelesen , das in Flammen der Erde spielt und an Sternen des Himmels sich sonnt . Die feingeformte Nase , fast immer ein zierlicher Adlertypus , welcher die nationelle Gleichförmigkeit der Gesichter hervorbringt , vermehrt die liebliche Keckheit des Ausdrucks , die den Physiognomieen eigen , und der Ernst bei aller Anmuth , welcher die Gestalt umschwebt , zaubert ein dunkelgesättigtes Colorit über ihr ganzes Wesen hin , das von einer heimlichen Gluth durchwärmt ist . So zeigt sich Fülle und Energie des Lebens , Rundung und Harmonie der Formen , sinnlicher Schmelz und poetische Leidenschaft , kräftiger und gesunder Drang der Natur , ein Dasein für den Genuß geschaffen , aber ohne kränkelnde Sehnsüchtigkeit , sondern muthig und sieghaft im Herauskehren seiner Blüthe . Es ist ein freibewegtes , gestaltvolles Leben hier , und im raschen Glück und Wechsel der Stunde herrscht die Gunst , die überall gesucht und überall gefunden wird . Diese schöne Gunst wetteifert jetzt fast in der entgegengesetzten Sphäre mit der früheren Grausamkeit , welche die böhmischen , Mädchen gegen die Männer ausübten , und wodurch sie eigentlich welthistorisch geworden sind , und es kommt mir wie eine Rache der Geschichte vor , daß die Pragerinnen jetzt so voll von beglückender Freundlichkeit und zärtlicher Laune für unser Geschlecht sind . Ja , es ist eine Rache der Geschichte , und mitten auf der Promenade , unter hundert lockenden und blühenden Frauengestalten , fiel mir heut der blutige böhmische Mägdekrieg ein , der die Frauen gegen die Männer ins Feld führte , und nichts anderes , als eine gänzliche Vertilgung der letzteren vom Erdboden zum Endzweck hatte . Ich mußte lachen , und auf jedem hübschen böhmischen Gesicht , das mir nun begegnete , spähte ich nach , ob sich nicht zu einer kriegerischen männerfeindlichen Wlasta Anlagen zeigten . Aber dieser Stamm muß hier ganz ausgestorben sein , und wieviel ich auch umherschwärmte auf den Gassen oder wohin mich meine Bekanntschaften führten , überall sah ich zwar Kriegserklärungen aus diesen dunkelschönen Augen schimmern , aber hinter solchen Vorpostengefechten der Blicke lauerte doch immer schon ein glänzender Friedenstractat . Ich malte mir den böhmischen Mägdekrieg in meinen Gedanken immer weiter aus , und mußte immer mehr lachen . Dann wollte ich zu Egon Ebert gehen , ihm einen Besuch machen , und ihn fragen , warum er in seiner » Wlasta « den böhmischen Mägdekrieg so sentimental verhunzt habe ? Ein humoristisches Heldengedicht , oder eine historisch-komische Novelle hätte er aus diesem Stoff machen sollen , aber nichts Lyrisch-Heroisches à la Egon Ebert . Ich wollte ihm auch sagen , daß die jungfräuliche Wlasta ein schöner wilder Löwe sei mit langer goldener Mähne , aber kein exemplarisches Stickermädchen , das sich aus einer Leihbibliothek einen gefühlvollen Schwung zusammengelesen hat . Aber es ist schlimm , sehr schlimm , einem Poeten die Wahrheit zu sagen , und ich blieb deshalb unterwegs zu ihm , da ich von der Hitze großen Durst hatte , in einem Weinhause sitzen . Hier war es kühl , und ich dachte wieder an den böhmischen Mägdekrieg , merkwürdig dadurch , daß er schon im grauen achten Jahrhundert der keckste Versuch zur Emancipation der Frauen war , der in der Geschichte der modernen Zustande sich aufweisen läßt , und der damals in muthigen Amazonenthaten sich hervorwagte , während in den letzten Zeiten diese Frage nur auf halbphilosophische , theoretisirende und St. Simonistische Weise in der Welt hin und her schwankt . Ich beschloß , um mich für die Langeweile des Egon Ebert ' schen Mägdekriegs zu rächen , mir selbst einen zu Papiere zu bringen , so wie ich ihn mir wenigstens denke . Ich ging zu einem Dominikaner , mit dem ich bekannt geworden war , und borgte mir aus der Bibliothek des Kapitels den Hagek , mit welchem ich dann zurück in meinen Gasthof wanderte . Nachdem ich es mir bequem gemacht , ( auch in Prag kennt und übt man schon die Wienerische Gewohnheit , in bloßen Hemdsärmeln dazusitzen ) und nachdem ich ungefähr eine Stunde in meiner alten geschwätzigen Quelle gelesen , schrieb ich , mit üblichem Anruf der epischen Muse , Folgendes nieder : Bohemiconymphomachia . Libussa saß wie eine Prophetin auf dem Thron der Böhmen , und nachdem sie die Macht in den Städten , die Kraft in dem Volke , und das Gold und Silber in den Bergen vorhergesagt hatte , legte sie sich nieder an die Erde , um zu sterben . Zuvor berief sie noch einmal alle ihre Jungfrauen , eine schöne Reihe weinender Mädchen , die ihr treu gedient hatten in Leid und Freude , und sie segnete und beschenkte sie reichlich , und ihr glänzendes Auge ruhte zum längsten und bedeutsamsten auf diesen schmerzlich stummen Jungfrauen , bis es brach . Selbst Przemysl , der Herzog , welcher betrübt in der Ecke stand , war ihr nicht so theuer gewesen , als diese ihre Dienerinnen , mit denen sie wie mit zarten weißen Blüthenzweigen ihr ernstsinnendes Leben sich geschmückt hatte . Sie hatte sie in allen Künsten unterrichten und in der herrlichsten Bildung erwachsen lassen , und die Mädchen waren schön und stolz geworden , wie die Sonne , und hell und klug wie der Tag . Sie klagten laut , und schlugen sich an die blasse Wange und an die blühende Brust , und benetzten mit heißen Thränenströmen die Füße der Fürstin . Am stärksten weinte ein hohes schlankes Mädchen , mit langem blondem Haar , das in üppiger Fülle der Locken ihr über die Schulter floß . Sie hieß Wlasta , und hatte leuchtende Augen wie Sterne , und ein Antlitz wie Frühlingspracht . Libussa hatte dieser ihrer Lieblingin die Hand gereicht , und Wlasta wollte sie nun nicht mehr loslassen , so todeskalt sie geworden war . Und alle klagten und weinten , und das Volk draußen , das zusammengelaufen war , heulte und schrie . Sogar der verständige Przemysl , der noch nie geweint hatte , feuchtete seine Wimper mit einer Wittwerthräne , denn er saß nun allein auf dem Herrscherstuhl des Landes . Verschieden aber waren die Stimmen der Böhmen , die sich draußen vor des Schlosses Wäallen im unruhigen Getümmel durcheinandermischten . Etliche wehklagten , daß es um Böhmen nun geschehen sei , und etliche frohlockten , daß das Weiberregiment ein Ende habe , und Andere erinnerten an ein altes Wort , welches ein vornehmer Czeche der Libussa selber spottend ins Gesicht gesagt , daß Weiber , die lange Haare hätten , aber einen kurzen Verstand , besser zum Weben und Spinnen taugten , als zum Richten über Männer . Und Wlasta hob sich zornig empor , als der rohe Volkswitz in ihrem erhabenen Schmerz sie störte , und aus ihrem großen rollenden Auge schossen dunkle Blitze der beleidigten Seele hervor . Denn schöne Seelen empört am heftigsten ein schlechter Witz . Darauf verrichtete sie den Todtendienst bei ihrer unsäglich geliebten Herrin , und that ihr ein köstliches Gewand an , und gab ihr fünf Silbergroschen in die Hand , um sie dem unbekannten Gott dort unten zu opfern . Denn das Heidenthum lag noch mit finsterer Gewalt über diesen trefflichen Gemüthern . Nachdem nun Libussa vor den Thoren ihres Schlosses Libin begraben worden , kam der verwittwete Fürst Przemysl allmälig auf den Gedanken , daß es doch gut sei , keine Frau zu haben . Er fühlte sich äußerst behaglich , und begann sich in seinen Gemächern den ganzen Tag zu pflegen . Früher war er ein ehrbarer Ackersmann gewesen , der seine Felder bestellte und die Ochsen am Pfluge trieb , als Libussa , vom Wahrsagegeist ergriffen , sich ihn zum Mann prophezeite . Denn obwohl ihrer Macht nichts fehlte , und sie mit allen Geistern in Verbindung stand , so fehlte ihr doch ein Mann . Und sie nahm ihn , und machte ihn zum Herzog , und er setzte sich mit aller Ruhe an ihre Seite auf den Czechenthron . Bald aber mußte er einsehn , welche Qual es mit sich bringe , eine geistreiche Frau zu besitzen . Er konnte gar nicht mitreden , wenn sie zu philosophiren anfing , und so oft sie in Begeisterung gerieth , machte er ein dummes Gesicht dazu , und geberdete sich wie ein geschlagener Mann . Es graute ihm vor den Augen , wenn die Seherkraft über sie kam , und es wurde ihm unheimlich , daß er eine so kluge Frau hatte . Wenn er nach seiner Weise ein vernünftiges Wort zu ihr sagen wollte , saß sie in tiefen Gedanken und hörte ihn nicht . Er konnte nicht begreifen , wie man Gedanken haben könne , und wurde im Geheimen seines Lebens überdrüssig . Er ließ Alles geschehn , wie sie es wollte , und bekümmerte sich um nichts mehr , aber der Meth schmeckte ihm nicht , und die Jagd machte ihm nicht mehr Freude . Es war ihm immer , als müßte er sich vor seiner Frau geniren in Allem , was er that . Er verwünschte die geistreichen Weiber , und fürchtete sich doch zugleich sehr . Wenn sie ihn zuweilen mit ihren schönen tiefen Augen anstrahlte , kam er sich selbst ganz einfältig vor , und wußte nichts dazu zu sagen . Er wäre davongelaufen , hätte er sie nicht als eine Zauberin gekannt , deren Gewalt sich über Alles erstreckte . Jetzt aber war ihm wohl . Er schaukelte sich vergnügt auf dem purpurnen Thronsessel , auf dem sie sonst neben ihm gesessen , und merkte , daß er weit bequemer sitzen konnte . Er ließ seinen Freund Hinchvoch zu sich kommen . Mit dem schwatzte er sich aus , und sie tranken ein Faß Meth zusammen , und rauchten eine Pfeife Taback . Sie sprachen von lauter langweiligen Dingen , und Przemysl freute sich zum ersten Mal wieder , daß er ein ruhiges , gewöhnliches , alltägliches Gespräch führen konnte , bei dem er nicht viel zu reden brauchte . Denn Hinchvoch hatte keinen Geist . Zuletzt aber befahl Przemysl dem Hinchvoch , daß er unverzüglich die ganze Budecer Mädchenanstalt aufheben solle . Dies war die preiswürdige Anstalt