. August scheint sich hier zu gefallen ; das Fest , welches der Fürstprimas der Großmutter und dem Enkel gab , beweist recht , wie er den Sohn ehrt . Ich will indessen der Frau Rat nicht vorgreifen , die es Ihnen mit den schönsten Farben ausmalen wird . August schwärmt in der ganzen Umgegend umher ; überall sind Jugendfreunde seines Vaters , die von den Höhen da und dort hindeuten und erzählen , welche glückliche Stunden sie mit ihm an so schönen Orten verlebten ; und so geht es im Triumph von der Stadt aufs Land und von da wieder in die Stadt . - In Offenbach , dem zierlichsten und reinsten Städtchen von der Welt , das mit himmelblauseidenem Himmel unterlegt ist , mit silbernen Wellen garniert und mit blühenden Feldern von Hyazinthen und Tausendschönchen gestickt ; da war des Erzählens der Erinnerungen an jene glückliche Zeiten kein Ende . Beiliegende Granaten hab ich aus Salzburg erhalten ; tragen Sie dieselben zu meinem Andenken . Bettine Einliegende Bücher für den Geheimen Rat . An Bettine Weimar , den 20. April 1808 Auch gestern wieder , liebes Herz , hat sich aus Deinem Füllhorn eine reichliche Gabe zu uns ergossen , grade zur rechten Zeit und Stunde , denn die Frauenzimmer waren in großer Überlegung , was zu einem angesagten Fest angezogen werden sollte . Nichts wollte recht passen , als eben das schöne Kleid ankam , das denn sogleich nicht geschont wurde . Da unter allen Seligkeiten , deren sich meine Frau vielleicht rühmen möchte , die Schreibseligkeit die allergeringste ist : so verzeihe Du , wenn sie nicht selbst die Freude ausdrückt , die Du ihr gemacht hast . Wie leer es bei uns aussieht , fällt mir erst recht auf , wenn ich umherblicke und Dir doch auch einmal etwas Freundliches zuschicken möchte . Darüber will ich mir nun also weiter kein Gewissen machen und auch für die gedruckten Hefte danken , wie für manches , wovon ich noch jetzt nicht weiß , wie ich mich seiner würdig machen soll . Das wollen wir denn mit bescheidenem Schweigen übergehen und uns lieber abermals zu den Juden wenden , die jetzt in einem entscheidenden Moment zwischen Tür und Angel stecken und die Flügel schon sperren , noch ehe ihnen das Tor der Freiheit weit genug geöffnet ist . - Es war mir sehr angenehm , zu sehen , daß man den finanzgeheimerätlichen , jakobinischen Israelssohn so tüchtig nach Hause geleuchtet hat . Kannst du mir den Verfasser der kleinen Schrift wohl nennen ? Es sind treffliche einzelne Stellen drin , die in einem Plädoyer von Beaumarchais wohl hätten Platz finden können . Leider ist das Ganze nicht rasch , kühn und lustig genug geschrieben , wie es hätte sein müssen , um jenen Humanitätssalbader vor der ganzen Welt ein für allemal lächerlich zu machen . Nun bitte ich aber noch um die Judenstädtigkeit selbst , damit ich ja nicht zu bitten und zu verlangen aufhöre . Was Du mir von Molitor zu sagen gedenkst , wird mir Freude machen ; auch durch das letzte , was Du von ihm schickst , wird er mir merkwürdig , besonders durch das , was er von der Pestalozzischen Methode sagt . Lebe recht wohl ! Hab tausend Dank für die gute Aufnahme des Sohns und bleibe dem Vater günstig . G. An Goethe Die Städtigkeits- und Schutzordnung der Judenschaft wird hierbei von einer edlen Erscheinung begleitet ; nicht allein , um Dir eine Freude zu machen , sondern weil dies Bild mir lieb ist , hab ich ' s von der Wand an meinem Bett genommen , an dem es seit drei Tagen hing , und seine Schönheit dem Postwagen anvertraut ; Du sollst nur sehen , was mich reizen kann . Häng dies Bild vor Dich , - schau ihm in diese schönen Augen , - in denen der Wahnsinn seiner Jugend schon überwunden liegt , dann fällt es Dir gewiß auf , was Sehnsucht erregt . - Dies Unwiederbringliche , was nicht lang das Tagslicht verträgt und schnell entschwindet , weil es zu herrlich ist für den Mißbrauch . - Diesem aber ist es nicht entschwunden , es ist ihm nur tiefer in die Seele gesunken ; denn zwischen seinen Lippen haucht sich schon wieder aus , was sich im erhellten Aug nicht mehr darf sehen lassen . - Wenn man das ganze Gesicht anblickt : - man hat ' s so lieb - man möcht mit ihm gewesen sein , um alle Pein mit ihm zu dulden , um alles ihm zu vergüten durch tausendfache Liebe , - und wenn man den breiten vollen Lorbeer erblickt , scheinen alle Wünsche für ihn erfüllt . Sein ganzes Wesen , - das Buch , was er an sich hält , macht ihn so lieb ; hätt ich damals gelebt , ich hätt ihn nicht verlassen . August ist weg ; ich sang ihm vor : » Sind ' s nicht diese , sind ' s doch andre , die da weinen , wenn ich wandre , holder Schatz , gedenk an mich . « Und so wanderte er zu den Pforten unseres republikanischen Hauses hinaus ; hab ihn auch von Herzen umarmt , zur Erinnerung für mich an Dich ; weil Du mich aber vergessen zu haben scheinst und mir nur immer von dem Volk schreibst , welches verflucht ist , und es Dir lieb ist , wenn Jacobson heimgeschickt wird , aber nicht , wenn ich heimlich mit Dir bin , so schreib ich ' s zur Erinnerung für Dich an mich , die Dich trotz Deiner Kälte doch immer liebhaben muß - halt , weil sie muß . Dem Primas hüte ich mich wohl , Deine Ansichten über die Juden mitzuteilen , denn einmal geb ich Dir nicht recht , und hab auch meine Gründe ; ich leugne auch nicht , die Juden sind ein heißhungriges , unbescheidenes Volk ; wenn man ihnen den Finger reicht , so reißen sie einem bei der Hand an sich , daß man um und um purzeln möchte ; das kommt eben daher , daß sie so lang in der Not gesteckt haben ; ihre Gattung ist doch Menschenart , und diese soll doch einmal der Freiheit teilhaftig sein , zu Christen will man sie absolut machen , aber aus ihrem engen Fegfeuer der überfüllten Judengasse will man sie nicht herauslassen ; das hat nicht wenig Überwindung der Vorurteile gekostet , bis die Christen sich entschlossen hatten , ihre Kinder mit den armen Judenkindern in eine Schule zu schicken , es war aber ein höchst genialer und glücklicher Gedanke von meinem Molitor , fürs erste Christen- und Judenkinder in eine Schule zu bringen ; die können ' s denn miteinander versuchen und den Alten mit gutem Beispiel vorgehen . Die Juden sind wirklich voll Untugend , das läßt sich nicht leugnen ; aber ich sehe gar nicht ein , was an den Christen zu verderben ist ; und wenn denn doch alle Menschen Christen werden sollen , so lasse man sie ins himmlische Paradies , - da werden sie sich schon bekehren , wenn ' s ihnen gefällig ist . Siehst Du , die Liebe macht mich nicht blind , - es wär auch ein zu großer Nachteil für mich , denn mit sehenden Augen bin ich alles Schönen inne geworden . Adieu , kalter Mann , der immer über mich hinaus nach den Judenbroschüren reicht ; ich bitte Dich , steck das Bild an die Wand mit vier Nadeln , aber in Dein Zimmer , wo ich das einzige Mal drin war und hernach nicht mehr . Bettine An Bettine Du zürnst auf mich , da muß ich denn gleich zu Kreuz kriechen und Dir recht geben , daß Du mir den Prozeß machst über meine kurzen kalten Briefe , da doch Deine lieben Briefe , Dein lieb Wesen , kurz alles , was von Dir ausgeht , mit der schönsten Anerkenntnis müßte belohnt werden . Ich bin Dir immer nah , das glaube fest , und daß es mir wohler tut , je länger ich Deiner Liebe gewiß werde . Gestern schickte ich meiner Mutter ein kleines Blättchen für Dich ; nimm ' s als ein bares Äquivalent für das , was ich anders auszusprechen in mir kein Talent fühle , sehe zu , wie Du Dir ' s aneignen kannst . Leb wohl , schreib mir bald , alles was Du willst . Goethe Der durchreisende Passagier wird Dir hoffentlich wert geblieben sein bis ans Ende . Nehme meinen Dank für das Freundliche und Gute , was Du ihm erzeigt hast . - Wenn ich in Karlsbad zur Ruh bin , so sollst Du von mir hören . Deine Briefe wandern mit mir ; schreib mir ja recht viel von Deinen Reisen , Landpartien , alten und neuen Besitzungen ; das lese ich nun so gern . Weimar , den 4 , Mai 1808 Sonett , im Brief an Goethes Mutter eingelegt Als kleines art ' ges Kind nach Feld und Auen Sprangst du mit mir so manchen Frühlingsmorgen . » Für solch ein Töchterchen , mit holden Sorgen Möcht ich als Vater segnend Häuser bauen ! « Und als du anfingst in die Welt zu schauen , War deine Freude häusliches Besorgen . » Solch eine Schwester ! und ich wär geborgen : Wie könnt ich ihr , ach ! wie sie mir vertrauen ! « Nun kann den schönen Wachstum nichts beschränken ; Ich fühl im Herzen heißes Liebestoben , Umfaß ich sie , die Schmerzen zu beschwichtgen ? Doch ach ! Nun muß ich dich als Fürstin denken : Du stehst so schroff vor mir emporgehoben ; Ich beuge mich vor deinem Blick , dem flüchtgen . An Goethe Ist es Dir eine Freude , mich in tiefer Verwirrung beschämt zu Deinen Füßen zu sehen , so sehe jetzt auf mich herab ; so geht ' s der armen Schäfermaid , der der König die Krone aufsetzt ; wenn ihr Herz auch stolz ist , ihn zu lieben , so ist die Krone doch zu schwer ; ihr Köpfchen schwankt unter der Last , und noch obendrein ist sie trunken von der Ehre , von den Huldigungen , die der Geliebte ihr schenkt . Ach , ich werde mich hüten , ferner zu klagen oder um schön Wetter zu beten , kann ich doch den blendenden Sonnenstrahl nicht vertragen . Nein , lieber im Dunkel seufzen , still verschwiegen , als von Deiner Muse ans helle Tageslicht geführt , beschämt , bekränzt ; das sprengt mir das Herz . Ach , betrachte mich nicht so lange , nimm mir die Krone ab , verschränke Deine Arme um mich an Deinem Herzen und lehre mich vergessen über Dir selber , daß Du mich verklärt mir wiederschenkst . Bettine An Goethe Am 20. Mai Schon acht Tage bin ich in der lieblichsten Gegend des Rheins , und konnte vor Faulheit , die mir die liebe Sonne einbrennt , keinen Augenblick finden , Deinem freundlichen Brief eine Antwort zu geben . - Wie läßt sich da auch schreiben ! Die Allmacht Gottes schaut mir zu jedem Fenster herein und neigt sich anmutig vor meinem begeisterten Blick . Dabei bin ich noch mit einem wunderbaren Hellsehen begabt , was mir die Gedanken einnimmt . Seh ich einen Wald , so wird mein Geist auch alle Hasen und Hirsche gewahr , die drin herumspringen ; und hör ich die Nachtigall , so weiß ich gleich , was der kalte Mond an ihr verschuldet hat . Gestern Abend ging ich noch spät an den Rhein ; ich wagte mich auf einen schmalen Damm , der mitten in den Fluß führt , an dessen Spitze von Wellen umbrauste Felsklippen hervorragen ; ich erreichte mit einigen gewagten Sprüngen den allervordersten , der grade so viel Raum bietet , um trocknen Fußes drauf zu stehen . Die Nebel umtanzten mich ; Heere von Raben flogen über mir , sie drehten sich im Kreis , als wollten sie sich aus der Luft herablassen ; ich wehrte mich dagegen mit einem Tuch , das ich über meinen Kopf schwenkte , aber ich wagte nicht , über mich zu sehen , aus Furcht , ins Wasser zu fallen . Wie ich umkehren wollte , da war guter Rat teuer ; ich konnte kaum begreifen , wie ich hingekommen war ; es fuhr ein kleiner Seelenverkäufer vorüber , - dem winkte ich , mich mitzunehmen . Der Schiffer wollte zu der weißen Gestalt , die er trocknen Fußes mitten auf dem Flusse stehen sah , und die die Raben für ihre Beute erklärten , kein Zutrauen fassen ; endlich lernte er begreifen , wie ich dahin gekommen war , und nahm mich an Bord seines Dreibords . Da lag ich auf schmalem Brett , Himmel und Sterne über mir ; wir fuhren noch eine halbe Stunde abwärts , bis wo seine Netze am Ufer hingen ; wir konnten von weitem sehen , wie die Leute bei hellem Feuer Teer kochten und ihr Fahrzeug anstrichen . Wie leidenschaftslos wird man , wenn man so frei und einsam sich befindet wie ich im Kahn ; wie ergießt sich Ruh durch alle Glieder , sie ertränkt einem mit sich selbsten , sie trägt die Seele so still und sanft wie der Rhein mein kleines Fahrzeug , unter dem man auch nicht eine Welle plätschern hörte . Da sehnte ich mich nicht wie sonst meine Gedanken vor Dir auszusprechen , daß sie gleich den Wellen an der Brandung anschlagen und belebter weiter strömen ; ich seufzte nicht nach jenen Regungen im Innern , von denen ich wohl weiß , daß sie Geheimnisse wecken und dem glühenden Jugendgeist Werkstätte und Tempel öffnen . Mein Schiffer mit der roten Mütze , in Hemdärmeln , hatte sein Pfeifchen angezündt ; ich sagte : » Herr Schiffskapitän , Ihr seht ja aus , als hätt die Sonne Euch zum Harnisch ausglühen wollen « ; - » Ja « , sagte er , » jetzt sitz ich im Kühlen ; aber ich fahre nun schon vier Jahre alle Reisende bei Bingen über den Rhein , und da ist keiner so weit hergekommen wie ich . Ich war in Indien ; da sah ich ganz anders aus , da wuchsen mir die Haare so lang . - Und war in Spanien ; da ist die Hitze nicht so bequem , ich hab Strapazen ausgestanden ; da fielen mir die Haare aus , und ich kriegte einen schwarzen Krauskopf . - Und hier am Rhein wird ' s wieder anders : da wird mein Kopf gar weiß ; in der Fremde hatt ich Not und Arbeit , wie es ein Mensch kaum erträgt ; und wenn ich Zeit hatte , konnte ich vierundzwanzig Stunden hintereinander schlafen , - da mocht es regnen und blitzen unter freiem Himmel . Hier schlaf ich nachts keine Stunde ; wer ' s einmal geschmeckt hat auf offner See , dem kann ' s nicht gefallen , hier alle Polen und rothaarigen Holländer über die Gosse zu fahren , - und sollt ich den ganzen Rhein hinunterschwimmen auf meinen dünnen Rippen , so muß ich fort aus einem Ort , wo ' s nichts zu lachen gibt und nichts zu seufzen . « - » Ei , wo möchtet Ihr denn hin ? « - » Da , wo ich am meisten ausgestanden habe , das war in Spanien ; - da möcht ich wieder sein , und wenn ' s noch einmal so hart herging ! « - » Was hat Euch denn da so glücklich gemacht ? « - Er lachte und schwieg , - wir landeten ; ich bestellte ihn zu mir , daß er sich ein Trinkgeld bei mir hole , weil ich nichts bei mir hatte ; er wollte aber nichts nehmen . Im Nachhausegehen überlegte ich , wie mein Glück ganz von Dir ausgeht ; wenn Du nicht wärst im langweiligen Deutschland , so möcht ich wahrhaftig auch auf meinen dünnen Rippen den unendlichen Rhein hinabschwimmen . Unsere Großmutter hat uns oft so erhabene Dinge gesagt von Deutschlands großen Geistern , aber Du warst nicht dabei , sonst hätt ich mich vor Dir gehütet , und Du wärst meiner Begeisterung verlustig gewesen . Im Einschlafen fühlte ich mich noch immer gewiegt in süßer , gedankloser Zerstreuung , und es war mir , als hab ich Dir große Dinge mitzuteilen , von denen ich glaubte , ich dürfe nur wollen , so werde sie der Mund meiner Gedanken aussprechen ; jetzt aber , nach ausgeschlafnem Traumleben , weiß ich nichts , als mich Deinem Andenken , Deiner freundlichen Neigung aufs innigste anzuschmiegen ; denn wärst Du mir nicht , ich weiß nicht , was ich dann wär ; aber gewiß : unstät und unruhig würde ich suchen , was ich jetzt nicht mehr suche . Dein Kind Wie ist mir , lieber einziger Freund ! Wie schwindelt mir , was willst Du mir sagen , - Schatz ! köstlicher ! von dem ich alles lerne tief in der Brust , der mir alle Fesseln abnimmt , die mich drücken , der mir winkt in die Lüfte , in die Freiheit . Das hast Du mir gelehrt , daß alles , was meinem Geist eine Fessel ist , allein nur drückende Unwissenheit ist ; wo ich mich fürchte , wo ich meinen Kräften nicht traue , da bin ich nur unwissend . Wissen ist die Himmelsbahn ; das höchste Wissen ist Allmacht , das Element der Seligkeit ; solange wir nicht in ihm sind , sind wir noch ungeboren . Selig sein ist frei sein ; ein freies , selbständiges Leben haben , dessen Höhe und Göttlichkeit nicht abhängt von seiner Gestaltung ; das in sich göttlich ist , weil nur reiner Entfaltungstrieb in ihm ist ; ewiges Blühen ans Licht und sonst nichts . Liebe ist Entfaltungstrieb in die göttliche Freiheit . Dies Herz , das von Dir empfunden sein will , will frei werden ; es will entlassen sein aus dem Kerker in Dein Bewußtsein . Du bist das Reich , der Stern , den es seiner Freiheit erobern will . Liebe will allmählich die Ewigkeit erobern , die wie Du weißt , kein Ende nehmen wird . Dies Sehnen ist jenseits der Atem , der die Brust hebt ; und die Liebe ist die Luft , die wir trinken . Durch Dich werd ich ins unsterbliche Leben eingehen ; der Lebende geht ein durch den Geliebten ins Göttliche , in die Seligkeit . Liebe ist Überströmen in die Seligkeit . Dir alles sagen , das ist mein ganzes Sein mit Dir ; der Gedanke ist die Pforte , die den Geist entläßt ; da rauscht er hervor und hebt sich hinüber zur Seele , die er liebt , und läßt sich da nieder und küßt die Geliebte , und das ist Wollustschauer : den Gedanken empfinden , den die Liebe entzündet . Möge mir dies süße Einverständnis mit Dir bewahrt bleiben , in dem sich unser Geist berührt ; dies kühne Heldentum , das sich über den Boden der Bedrängnis und Sorge hinweghebt , auf himmlischen Stufen aufwärtsschreitend , solchen schönen Gedanken entgegen , von denen ich weiß , sie kommen aus Dir . Goethe an B. Am 7. Juni Nur wenig Augenblicke vor meiner Abreise nach Karlsbad kommt Dein lieber Brief aus dem Rheingau ; auf jeder Seite so viel Herrliches und Wichtiges leuchtet mir entgegen , daß ich im voraus Beschlag lege auf jede prophetische Eingebung Deiner Liebe ; Deine Briefe wandern mit mir , die ich wie eine buntgewirkte Schnur auftrößle , um den schönen Reichtum , den sie enthalten , zu ordnen . Fahre fort , mit diesem lieblichen Irrlichtertanz mein beschauliches Leben zu ergötzen und beziehende Abenteuer zu lenken ; - es ist mir alles aus eigner Jugenderinnerung bekannt wie die heimatliche Ferne , deren man sich deutlich bewußt fühlt , ob man sie schon lange verlassen hat . Forsche doch nach dem Lebenslauf Deines hartgebrannten Schiffers , wenn Du ihm wieder begegnest ; es wäre doch wohl interessant zu erfahren , wie der indische Seefahrer endlich auf den Rhein kömmt , um zur gefährdeten Stunde den bösen Raubvögeln mein liebes Kind abzujagen . Adieu ! Der Eichwald und die kühlen Bergschluchten , die meiner harren , sind der Stimmung nicht ungünstig , die Du so unwiderstehlich herauszulocken verstehst ; auch predige Deine Naturevangelien nur immer in der schönen Zuversicht , daß Du einen frommen Gläubigen an mir hast . Die gute Mutter hat mir sehr bedauerlich geschrieben , daß sie diesen Sommer Dich entbehren soll ; Deine reiche Liebe wird auch dahin versorgend wirken , und Du wirst einen in dem andern nicht vergessen . Möchtest Du doch auch gelegentlich meinen Dank , meine Verehrung unserm vortrefflichen Fürsten Primas ausdrücken , daß er meinen Sohn so über alle Erwartung geehrt und der braven Großmutter ein so einziges Fest gegeben . Ich sollte wohl selbst dafür danken , aber ich bin überzeugt , Du wirst das , was ich zu sagen habe , viel artiger und anmutiger , wenn auch nicht herzlicher vortragen . Deine Briefe werden mir in Karlsbad bei den drei Mohren der willkommenste Besuch sein , von denen ich mir das beste Heil verspreche . Erzähle mir ja recht viel von Deinen Reisen , Landpartien , alten und neuen Besitzungen , und erhalte Dich mir in fortdauerndem lebendigem Andenken . G. An Goethe Am 16. Juni Hier sind noch tausend herrliche Wege , die alle nach berühmten Gegenden des Rheins führen ; jenseits liegt der Johannisberg , auf dessen steilen Rücken wir täglich Prozessionen hinaufklettern sehen , die den Weinbergen Segen erflehen , dort überströmt die scheidende Sonne das reiche Land mit ihrem Purpur , und der Abendwind trägt feierlich die Fahnen der Schutzheiligen in den Lüften und bläht die weitfaltigen weißen Chorhemden der Geistlichkeit auf , die sich in der Dämmerung wie ein rätselhaftes Wolkengebilde den Berg hinabschlängeln . Im Näherrücken entwickelt sich der Gesang ; die Kinderstimmen klingen am vernehmlichsten ; der Baß stößt nur ruckweise die Melodien in die rechten Fugen , damit sie das kleine Schulgewimmel nicht allzuhoch treibe , und dann pausiert er am Fuß des Berges , wo die Weinlagen aufhören . Nachdem der Herr Kaplan den letzten Rebstock mit dem Wadel aus dem Weihwasserkessel bespritzt hat , fliegt die ganze Prozession wie Spreu auseinander , der Küster nimmt Fahne , Weihkessel und Wadel , Stola und Chorhemd , alles unter den Arm , und trägt ' s eilends davon , als ob die Grenze der Weinberge auch die Grenze der Audienz Gottes wär , so fällt das weltliche Leben ein , Schelmenliedchen bemächtigen sich der Kehlen , und ein heiteres Allegro der Ausgelassenheit verdrängt den Bußgesang , alle Unarten gehen los , die Knaben balgen sich und lassen ihre Drachen am Ufer im Mondschein fliegen , die Mädchen spannen ihre Leinwand aus , die auf der Bleiche liegt , und die Bursche bombardieren sie mit wilden Kastanien ; da jagt der Stadthirt die Kuhherde durchs Getümmel , den Ochs voran , damit er sich Platz mache ; die hübschen Wirtstöchter stehen unter den Weinlauben vor der Tür und klappen mit dem Deckel der Weinkanne , da sprechen die Chorherren ein , und halten Gericht über Jahrgänge und Weinlagen , der Herr Frühmeßner sagt nach gehaltener Prozession zum Herrn Kaplan : » Nun haben wir ' s unserm Herrgot vorgetragen , was unserm Wein nottut : noch acht Tage trocken Wetter , dann morgens früh Regen und mittags tüchtigen Sonnenschein , und das so fort Juli und August ! Wenn ' s dann kein gutes Weinjahr gibt , so ist ' s nicht unsre Schuld . « Gestern wanderte ich der Prozession vorüber , hinauf nach dem Kloster , wo sie herkam . Oft hatte ich im Aufsteigen Halt gemacht , um den verhallenden Gesang noch zu hören . Da oben auf der Höhe war große Einsamkeit ; nachdem auch das Geheul der Hunde , die das Psalmieren obligat begleitet hatten , verklungen war , spürte ich in die Ferne ; da hörte ich dumpf das sinkende Treiben des scheidenden Tags ; ich blieb in Gedanken sitzen , - da kam aus dem fernen Waldgeheg von Vollratz her etwas Weißes , es war ein Reiter auf einem Schimmel ; das Tier leuchtete wie ein Geist , sein weicher Galopp tönte mir weissagend , die schlanke Figur des Reiters schmiegte sich so nachgebend den Bewegungen des Pferdes , das den Hals sanft und gelenk bog ; bald in lässigem Schritt kam er heran , ich hatte mich an den Weg gestellt , er mochte mich im Dunkel für einen Knaben halten , im braunen Tuchmantel und schwarzer Mütze sah ich nicht grade einem Mädchen ähnlich . Er fragte , ob der Weg hier nicht zu steil sei zum Hinabreiten , und ob es noch weit sei bis Rüdesheim . Ich leitete ihn den Berg herab , der Schimmel hauchte mich an , ich klatschte seinen sanften Hals . Des Reiters schwarzes Haar , seine erhabene Stirn und Nase waren bei dem hellen Nachthimmel deutlich zu erkennen . Der Feldwächter ging vorüber und grüßte , ich zog die Mütze ab , mir klopfte das Herz neben meinem zweifelhaften Begleiter , wir gaben einander wechselweise Raum , uns näher zu betrachten ; was er von mir zu denken beliebte , schien keinen großen Eindruck auf ihn zu machen , ich aber entdeckte in seinen Zügen , seiner Kleidung und Bewegungen eine reizende Eigenheit nach der andern . Nachlässig , bewußtlos , naturlaunig saß er auf seinem Schimmel , der das Regiment mit ihm teilte . - Dorthin flog er im Nebel schwimmend , der ihn nur allzubald mir verbarg ; ich aber blieb bei den letzten Reben , wo heute die Prozession in ausgelaßnem Übermut auseinandersprengte , allein zurück : ich fühlte mich sehr gedemütigt , ich ahnete nicht nur , ich war überzeugt , dies rasche Leben , das eben gleichgültig an mir vorübergestreift war , begehre mit allen fünf Sinnen des Köstlichsten und Erhabensten im Dasein sich zu bemächtigen . Die Einsamkeit gibt dem Geist Selbstgefühl ; die duftenden Weinberge schmeichelten mich wieder zufrieden . Und nun vertraue ich Dir schmucklos meinen Reiter , meine gekränkte Eitelkeit , meine Sehnsucht nach dem lebendigen Geheimnis in der Menschenbrust . Soll ich in Dir lebendig werden , genießen , atmen und ruhen , alles im Gefühl des Gedeihens , so muß ich , Deiner höheren Natur unbeschadet , alles bekennen dürfen was mir fehlt , was ich erlebe und ahne ; nimm mich auf , weise mich zurecht und gönne mir die heimliche Lust des tiefsten Einverständnisses . Die Seele ist zum Gottesdienst geboren , daß ein Geist in dem andern entbrenne , sich in ihm fühle und verstehen lerne , das ist mir Gottesdienst - je inniger : je reiner und lebendiger . Wo ich mich hinlagere am grünenden Boden , von Sonne und Mond beschienen , da bist Du meine Heiligung . Bettine Am 25. Juni Du wirst doch auch einmal den Rhein wieder besuchen , den Garten Deines Vaterlands , der dem Ausgewanderten die Heimat ersetzt , wo die Natur so freundlich groß sich zeigt ; - wie hat sie mit sympathetischem Geist die mächtigen Ruinen aufs neue belebt , wie steigt sie auf und ab an den düstern Mauern und begleitet die verödeten Räume mit schmeichelnder Begrasung und erzieht die wilden Rosen auf den alten Warten und die Vogelkirsche , die aus verwitterter Mauerluke herablacht ! Ja , komm und durchwandre den mächtigen Bergwald vom Tempel herab zum Felsennest , das über dem schäumenden Bingerloch herabsieht , die Zinnen mit jungen Eichen gekrönt ; wo die schlanken Dreiborde wie schlaue Eidechsen durch die reißende Flut am Mäuseturm vorbeischießen . Da stehst Du und siehst , wie der helle Himmel über grünenden Rebhügeln aus dem Wasserspiegel herauflacht , und Dich selbst auf Deinem kecken eigensinnigen basaltnen Ehrenfels inmitten abgemalt , in ernste , schaurig umfassende Felshöhen und hartnäckige Vorsprünge eingerahmt ; da betrachte Dir die Mündungen der Tale , die mit ihren friedlichen Klöstern zwischen wallenden Saaten aus blauer Ferne hervorgrünen , und die Jagdreviere und hängenden Gärten , die von einer Burg zur andern sich schwingen , und das Geschmeide der Städte und Dörfer , das die Ufer schmückt . O Weimar , o Karlsbad , entlaßt mir den Freund ! Schließ Dein Schreibpult zu und komm hier her , lieber als nach Karlsbad ; das ist ja ein Kleines , daß Du dem Postillon sagst : links statt rechts ; ich weiß , was Du bedarfst , ich mache Dir Dein Zimmer zurecht neben meinem , das Eckzimmer , mit dem einen Fenster den Rhein hinunter und dem andern hinüber ; ein Tisch , ein Sessel , ein Bett und ein dunkler Vorhang , daß die Sonne Dir nicht zu früh hereinscheint . Muß es denn immer auf dem Weg zum Tempel des Ruhms fortgeleiert sein , wo man so oft marode wird ? Eben entdeckte ich den Briefträger , ich sprang ihm entgegen , er zeigte mir auch von weitem Deinen Brief , er freute sich mit mir und hatte auch Ursache dazu , er sagte ; » Gewiß ist der Brief von dem Herrn Liebsten ! « » Ja , « sagte ich , » für die Ewigkeit ! « Das hielt er für ein melancholisches Ausrufungszeichen . Die Mutter hat mir auch heute geschrieben , sie sagt mir ' s herzlich , daß sie mir wohl will , von Deinem Sohn erhalte ich zuweilen Nachricht durch andre , er selbst aber läßt nichts von sich hören . Und nun leb wohl , Dein Aufenthalt in Karlsbad sei Dir gedeihlich , ich segne Deine Gesundheit ; wenn Du krank wärst und Schmerzen littest , würde ich sehr mitleiden ;