. Die Augen traten ihr über wie damals in der Grotte , wo die noch getrennten Elemente ihrer Liebe , durch Noltens unwiderstehliche Glut aufgereizt , zum erstenmal in volle süße Gärung überschlugen und alle Sinne umhüllten . Sie hatte nichts zu beweinen , nichts zu bereuen , es waren die Tränen , die dem Menschen so willig kommen , wenn er , sich selbst anschauend , das Haupt geduldig in den Mutterschoß eines allwaltenden Geschicks verbirgt , das die Waage über ihm schweben läßt ; er betrachtet sich in solchen Momenten mit einer Art gerührter Selbstachtung , die höhere Bedeutsamkeit einer Lebensepoche macht ihn in seinen eigenen Augen gleichsam zu einem seltenen Pflegekinde der Gottheit , es ist , als fühlte er sich hoch an die Seite seines Genius gehoben . Lange , lange noch starrte Constanze , stillversunken , einer Bildsäule gleich an die Fensterpfoste angelehnt , hinaus in die schöne Nacht . Jetzt überwältigte sie der Drang ihrer Gefühle ; sie sank unwillkürlich auf die Kniee nieder , und indem sie die Hände faltete , wußte sie kaum , was alles in ihrem Innern durcheinanderflutete ; und doch , ihr Mund bewegte sich leise zu Worten des brünstigen Dankes , der innigsten Bitten . Nachdem sie sich wieder erhoben , glaubte sie , der Himmel wolle ihr in der ruhigen Heiterkeit , wovon ihre Seele jetzt wie getragen war , Erhörung ihres Gebets ankündigen . In der Tat , jetzt war sie auch beherzt genug , um endlich nicht länger die Frage abzuweisen : was denn zuletzt von dieser Liebe zu hoffen oder zu fürchten sei ? was es mit Theobald , was es mit ihr werden solle ? Sie stellte sich aufrichtig alle Verhältnisse vor , sie verschwieg sich keine Bedenken , keine Schwierigkeit , sie wog jegliches gegeneinander ab , und mehr und mehr vertraute sie der Möglichkeit einer ehrenvollen und glücklichen Vereinigung , ja , wenn sie sich genauer prüfte , so fand sie diese Hoffnung längst vorbereitet im Hintergrund ihrer Seele gelegen . Aber nicht allzukühn durfte sie ihr sich überlassen , denn schon der nächste Augenblick wies ihr so manches Hindernis , worunter der Adelstolz der Familie keineswegs das geringste war , in einem strengeren Lichte , als es ihr noch kaum vorher erschien . Es bemächtigte sich ihrer eine nie empfundene Angst ; sie wollte sich für heute der Sache ganz entschlagen , sie griff nach einem Buche : umsonst , kein Gedanke wollte haften ; Mitternacht war vorüber ; sollte sie sich niederlegen , schlafen ? Es wäre unmöglich gewesen , so bang , so heiß und unbehaglich wie ihr war . Ich will Emilien wecken , fiel ihr endlich ein , das Mädchen soll mit mir plaudern . Sie bedachte sich um so weniger , die Gesellschaft des Kammermädchens zu suchen , da zu ihrer Verwunderung wirklich noch der Schein eines Lichtes in dem Erker zu sehen war , wo jene schlief . Sie ging leise über den Gang , öffnete das Kabinett und fand das Mädchen fest eingeschlafen im Bette , daneben das Licht , ausflammend in den Leuchter hinabgesunken . Eine offene Brieftasche und eine Anzahl zerstreuter Blätter lag unter den Händen der Schlafenden . Auf einen Anruf erwachte diese , heftig erschrocken , und ihre erste Bewegung war , schnell Tasche und Papiere zu verbergen , so daß Constanze dadurch aufmerksam gemacht , gelassen fragte : was sie hier gelesen ? » Ach ! « war die bebende Antwort , » zürnen Sie nicht , gnädige Frau ! es sind alte Briefe , die ich nach langer Zeit einmal wieder vornahm , und darüber muß der Schlaf mich überrascht haben - wieviel Uhr ist es doch ? « » Wieviel ? « sagte Constanze , sie scharf ansehend , » ich denke es ist halb - gelogen , was du da sprichst . Laß doch sehen ! « » O bitte , liebste , süße gnädige Frau ! ich habe ja gewiß nichts Unrechtes - aber erlassen Sie ' s mir ! « » Nichts weiter , mein Kind , verlang ich , als einen Blick , mich zu überzeugen . « So reichte denn Emilie mit Zittern alles hin , indem sie in lautes Weinen ausbrach . Aber Constanze , wie mußte sie erschrecken , als der Anblick der Tasche , als die goldgedruckten Lettern T. N. auf der dunkelblauen Saffiandecke zur Genüge den Eigentümer bezeichneten . » Wie kommst du zu diesem ? « fragte sie , mit Mühe ihre Verlegenheit bergend . » Drüben « , schluchzte das Mädchen , » wo die Herren heute das Spiel machten , lag die Tasche hinter dem Schattenspielkästchen , ich wollte mir nur die bunten Gläser ein wenig besehen , und da - nun da nahm ich - « » Hinter dem Kästchen , sagst du ? « » Ja ja , gnädige Frau ! ich sage nun die reine Wahrheit , es hälfe mir ja doch nichts mehr , und aufgeschlagen lag sie da , ganz nachlässig , als hätte man sie eben erst gebraucht und dann vergessen ; - richtig ! die Bleifeder war auch herausgenommen , sie muß noch auf dem Tischchen zu finden sein . Wahrhaftig , wäre nicht alles so offen dagelegen , ich hätte mich nicht unterstanden . « » Eine Entschuldigung ist das in keinem Falle . Indessen - blieb nichts mehr zurück ? Sieh im Bette nach ! « » Sie haben das letzte Papierchen . « » Ich werde das zu mir nehmen bis morgen . Lösche dein Licht . Gute Nacht ! « - Unwillig und ängstlich eilte sie auf ihr Zimmer . Daß das , was sie in Händen hielt , Nolten zugehöre , zweifelte sie keinen Augenblick ; auch wie es zu dem Larkensschen Apparate gekommen , erklärte sie sich leicht daher , daß Theobald einmal hinter die Gardine getreten war , um mit irgend etwas auszuhelfen , wobei er vielleicht der Tasche bedurfte . Aber die Möglichkeit , es könnte außer dem Mädchen sonst noch jemand neugierig auf den Inhalt derselben gewesen sein , beunruhigte sie um so stärker , je mehr sie Ursache hatte zu der Vermutung , daß auch ihr Name und damit ein gefährliches Geheimnis darin berührt sein könnte . Diese Rücksicht und vielleicht mitunter ein verzeihliches Interesse des eigenen Herzens bewog sie , zwar mit beklommenem Atem , erst nur einen halben Blick , dann einen ganzen , endlich mehrere und immer gierigere Blicke in die Blätter zu werfen . Aber mitten im wärmsten Zuge riß ihr das Gefühl von etwas Unerlaubtem , Verächtlichen die Tasche wieder aus der Hand . Vor lauter ängstlicher Hast hatte sie bis jetzt nichts Zusammenhängendes lesen können , und sie sagte das ihrem Gewissen zum Troste , während sie , dennoch mit einiger Überwindung , den Schatz beiseite legte Allein plötzlich steigt ihr eine Besorgnis auf , die alles Blut in ihre Wangen jagt . Sie hatte vorhin nur oberflächlich einige Briefe von zarter , unbekannter Schrift gesehen , und , ohne zu wissen warum , an eine Schwester Theobalds dabei gedacht ; jetzt meldete sich noch ein ganz anderer Gedanke . Entschlossen kehrte sie zu dem Gegenstande ihres Verdachts zurück und griff einiges Geschriebene heraus , sie las und las , errötend , erblassend ; ihr Busen kämpfte mit lauten Schlägen ; jetzt entfällt das Papier ihren Fingern , sie sinkt auf das Lager , einer Leiche gleich , keines Lautes , keiner Träne mächtig . Ein Pochen an der Tür bringt sie endlich zu sich , sie fährt auf , und indem sie verworren umherblickt , lächelt die Arme , wie fragend , ob jenes Entsetzliche ihr bloß im Schlummer begegnet sei , und lächelt wieder , aber wie eine Verzweifelte , da das Blatt auf dem Boden ihr die traurige Wahrheit bezeugt . Es klopfte von neuem an und eine klägliche Mädchenstimme ließ sich hören : » Nein ! ich kann nicht ruhen , ich will erfrieren hier , bis ich sie gesprochen habe , bis sie mir vergeben hat ! - Gnädige Frau ! Liebe ! Gute ! « Da keine Antwort erfolgte , bat es wiederholt im flehentlichsten Tone : » Um Gottes willen , lassen Sie Emilien ein , nur auf zwei Minuten , nur auf zwei Worte ! Vergeben Sie mir ! « » Ja , ja doch ! geh nur , mein Kind ! « erwiderte Constanze kaum hörbar , und das Mädchen schlich getröstet weg , ohne alle Ahnung , welchen Schmerz sie ihrer Herrin bereitet . Wir wagen es nicht , diesen Schmerz zu schildern . Aber wie alles zum Äußersten und Unnatürlichen Gesteigerte sich nicht lange auf dieser Höhe erhält , so fiel alsbald ein unwiderstehlicher tiefer Schlaf über die Erschöpfte her und versenkte sie in ein wohltätiges Vergessen ihres mitleidswerten Zustandes . Ebenso ruhig und gelassen wie vor einer Stunde , da der Blick der Sterne das Gebet einer Glücklichen zu segnen schien , funkelten sie jetzt auf das Lager des unglücklichsten Weibes herab . So rasch kann sich an die höchste irdische Wonne das Dasein unübersehbaren Jammers drängen . Noch ehe es vollkommen Tag geworden , erwachte Constanze , und leider schnell genug besann sie sich auf den betäubenden Schlag . Sie bat Gott um Stärkung und Fassung , stand ermattet auf und ordnete mit trockenem Aug die Brieftasche , woraus ihr zum Überflusse noch eine Haarlocke , ohne Zweifel von der unbekannten Briefstellerin , entgegenfiel . Sie erschien sich selber im Spiegel wie ein verändertes Wesen , das , seitdem etwas Ungeheures mit ihm vorgegangen , gar nicht mehr in die bisherigen Umgebungen , in diese Wände , unter diese Geräte passen wolle , es schien sie alles umher wie einen lange entfernten Gast , ja als eine Abgeschiedene anzublicken , und sie selbst kam sich mit ihrem schwanken Tritt , mit ihrem schmerzverklärten , stillen Gefühl beinahe wie ein erst kurz aus dem Grabe Entlassenes vor , das noch nicht festen Fuß gefaßt und den Eindruck des letzten Todeskrampfes nur nach und nach loswerden kann . Indessen sie sich langsam ankleidete , wunderte sie selbst ihre Ruhe , die freilich mehr Stumpfheit zu nennen war . Sie eilte aus dem traurigen Gemach und hinüber in die vorderen Zimmer , wo noch niemand war . Bald erschien die Morgensonne in den Fenstern und lud zu Heiterkeit und Leben ein . Gedankenlos schaute Constanze durch die Scheiben , und um nur etwas zu tun , rieb sie die Meubles mit dem Staubtuch ab , wobei sie manchmal zerstreut innehielt . - Emilie trat herein , voll Erstaunen , ihre Gebieterin schon hier zu treffen . » Ich habe dir dein Geschäft abgenommen ! « sagte die Gräfin freundlich , » siehst du , zum Zeichen , daß ich wieder gut bin . Aber den Gefallen tu mir und rede kein Wort weiter darüber . « Ein warmer Handkuß dankte der Gütigen . Sehr willkommen war es der sonderbar gestimmten Frau , als jetzt auch ihr Bruder erschien . » Guten Tag , mein Schwesterchen ! So früh wie der Vogel schon auf ? Die Sorge um das Gewächshaus trieb mich aus den Federn ; das war eine grimmkalte Nacht , mein Thermometer zeigt fast fünfundzwanzig ; ich muß nur nachsehen , ob unten nichts gelitten hat . « » Ich darf dich begleiten ! « sagte die Gräfin und warf die Saloppe um . Ihr Wesen , erzwungen munter und verstört , machte den Bruder einen Augenblick stutzig , aber er hatte fast keine Augen vor lauter Erwartung , wie es im Garten stehe . Die streng frische Luft tat Constanzen wohl . In gereizten Stimmungen , wie die ihrige jetzt war , hat der Mensch auf einige Sekunden vielleicht die höchste Empfänglichkeit für die Natur , in welcher Gestalt sie ihm auch entgegentreten mag ; er möchte mit einem Sprung sich ganz nur ihrer Freundschaft , ihres göttlich stillen Lebens bemächtigen , um auf einmal eine Last von alten Zuständen abzuwerfen und zu vergessen . Aber dieses schnell aufflackernde Gefühl ist nur der Sonnenblick , dem alsbald wieder die vorige Wolkentrübe folgt . Constanze erwehrte sich so gut wie möglich . Doch als der Graf zu seiner größten Freude die Gewächse meist unverletzt fand , und bei jedem neuen Stocke bemüht war , die Schwester von seinem Glück zu überzeugen , da konnte sie den wehmütigen Gedanken nicht bei sich unterdrücken : wie war mir zumute in der Stunde , als diesen Pflanzen , diesen edlen Stämmchen der Frost das Verderben drohte ? Sie grünen noch und blühen , wie auch ich noch aufrecht stehe , mir selber zum Wunder ; aber vielleicht der innerste Lebenskeim dieser zarten Staude ist doch angegriffen , es wird sich zeigen , ob sie uns nicht mit dem bloßen Scheine von Gesundheit täuscht , ob nicht heute abend schon diese Knospe erstorben dahängt , und - - Constanzens künstliche Fassung war weg , sie eilte , ihr Gesicht bedeckend , mit schnellen Schritten nach dem Hause zu . Bei dem Wiedersehen ihres Zimmers , dessen Türe sie sogleich hinter sich zuriegelte , brach aller verhaltene Schmerz mit doppelter und dreifacher Gewalt hervor , und sie überließ sich ihm ohne Schonung . Nun erst überdachte sie , was geschehen war , nun erst wagte sie ganz in den Abgrund ihres Elends hinabzutauchen . Wie begierig auch ihr Verstand mitunter nach einer Auskunft , nach einem Troste umhertastete , wie scharfsinnig auch selbst die Verzweiflung noch war , um einen erträglichen Zusammenhang der Sache zu entdecken , um den ungeheuren Widerspruch , worin Nolten in dem Doppelverhältnis zu ihr und einer Unbekannten erschien , beruhigend zu lösen oder doch zu erklären , sie fand keinen Ausweg , keinen Schimmer von Licht . Verglich sie alles dasjenige , wodurch er ihr die unzweideutigste Leidenschaft an den Tag gelegt , mit den fremden Briefen , deren ganzer Ausdruck ein längst begründetes und sehr blühendes Verlobtenverhältnis verriet , so blieb nichts übrig als Theobalden für den ruchlosesten Heuchler zu erkennen , der zwei Geschöpfe zugleich betrog , oder für einen Wahnsinnigen , Charakterlosen , welcher mit sich selber in unerhörtem Zwiespalte lebt . Beides aber ist mit der ganzen Art und Weise , wie Nolten sonst sich gab , schlechterdings nicht zu reimen . Denn selbst die Spuren exzentrischen Wesens an ihm waren bei weitem gemäßigter , als sie zuweilen sogar an geachteten Männern von verwandtem Talente und Bestreben hervorzutreten pflegen . Am wenigsten konnte Constanze die Güte seines Herzens aufgeben . Jeder einzelne Moment , den sie sich zurückrief und worin sie in die Falten seines eigensten Denkens und Empfindens geblickt zu haben glaubte , so mancher Anlaß , wo in wenigen treffend ausgesprochenen Worten über Leben , über Kunst , ein gedrungener Strahl seines Gemüts aufgestiegen war und auf eine ganze Versammlung anregend wirkte , endlich der ganze erschöpfende Begriff , den sie sich nach so langem Umgange von ihm abgezogen hatte - alles stritt mit dem finstern , unheimlichen Zerrbilde , das vielleicht ein blinder Zufall ihr aufdringen wollte , sie zu schrecken , zu ängstigen , und worüber der Geliebte , der wahre unverfälschte , wohl selbst verwundert lächeln würde . Ein Funke von Hoffnung beschleicht sie , sie schaut aufs neue nach dem Datum der Briefe , sie rechnet schnell Monate , Wochen , Tage , aber das Resultat ist immer nicht tröstlich , immerhin fällt ein Teil der zärtlichen Korrespondenz in die Zeit , wo Theobald Constanzen bereits unverkennbare Zeichen seiner Absichten gegeben . Und gesetzt auch , die Neigung , wovon jene Briefe zeugen , wäre bloß eine einseitige - was jedoch den Anschein gar nicht hat - , gesetzt , Nolten hätte , den Glauben des Mädchens hinhaltend , sich indessen heimlich einer unglaublichen Veränderung schuldig gemacht , was würde das Constanzen helfen ? was hätte sie von einem solchen Manne zu gewarten ? wie möchte sie ein anderes Geschöpf um seine teuersten Hoffnungen bestehlen ? und ein Geschöpf , das sie wirklich nicht hassen konnte , das allem nach das rührendste Bild der Unschuld , der hingebenden Liebe ist ? ja , wie konnte ihr die heißeste Liebe Theobalds nur im entfernten noch schmeicheln , wenn diese der sündige Raub an einem fremden guten Wesen wäre ? Aber noch immer war ja die Frage nicht überwunden , wie nur Nolten eines so beispiellosen Betrugs fähig sein konnte ? Constanzens Auge stand weit , groß , nachdenkend in einen Winkel des Zimmers gerichtet , während ihr Geist sich nach und nach den unglückseligen Gedanken zurechtarbeitete : es könne denn doch wohl einen Menschen geben , der aus Schwäche , frevelhafter Selbstsucht und gelegentlich aus einem Rest ursprünglicher Gutmütigkeit zusammengesetzt , vor andern , wie zum Teil auch vor sich selber , einen Schein von Vortrefflichkeit zu erhalten und vor dem eigenen Gewissen jede Untat zu rechtfertigen wisse , es lasse sich ein Grad von Verstellung denken , der alle gewöhnlichen Begriffe übersteige . Der genaue Umgang Theobalds mit Larkens , so wenig sie dem letztern bis jetzt mißtraut hatte , konnte sie nun , wenn sie sich der Meinungen anderer erinnerte , in ihrem Urteile nur bestärken , und sie glaubte in ihm den Verführer entdeckt zu haben . Teilnehmend blickte sie aufs neue nach den Briefen Agnesens , sie enthielt sich nicht , den reinen harmonischen Sinn zu bewundern , welcher sich in jedem Worte des Mädchens aussprach . » Arme Agnes ! « sagte sie , » armes betrogenes Kind ! Ist es möglich ? sollte er sich nicht der Sünde gefürchtet haben , diese Seele zu hintergehen , wenn er sie auch nur so weit kennengelernt hatte , als ich sie aus diesen Blättern kennenlernte ? Gütiger Gott ! solch ein Lamm und solch eine Schlange , wie kommen sie zusammen ? Mich hat Gottes Finger noch zu rechter Zeit gewarnt , aber sie - tue ich recht , wenn ich sie ihrem Schicksal überlasse ? ist ' s nun nicht an mir , zu warnen ? Ja , wahrlich , das kommt mir zu - - Und doch , es könnte übereilt sein ; wer weiß , ob ich Schlimmes nicht schlimmer machte , ob der Verräter , wenn der Himmel ihn noch retten will , nicht einzig durch die Liebe dieses Engels zu retten ist ? « Der letzte Zweifel über die Gesinnungen Noltens verschwand vollends , als ein Dokument von seiner eigenen Hand zum Vorschein kam - das Konzept eines Schreibens an die Braut , das erst gestern entworfen worden war . Mit einem tiefen Gefühle von Unwillen , von Wehmut , von Verachtung , ja von Schauder vernahm sie hier die Sprache der beredtesten Liebe und einen sehr redlichen , männlich klingenden Ton . Eine Stelle aber war ihr besonders merkwürdig . » Ich befand mich « , hieß es , » diese letzte Zeit her in einem vielleicht nicht ganz löblichen Rausche von Zerstreuungen aller Art , wobei denn die geistige Gestalt meiner Agnes doch immer aufs lebendigste durchblickte . Ja , ich darf dir wohl gestehen , daß ich seit der glücklichen Beilegung jenes argwöhnischen Skrupels mit doppelter Innigkeit in dir lebe . « Die Äußerung sah fast aus wie ein verstecktes Geständnis seiner Herzensverirrung , das ihm vielleicht sein Gewissen notdürftig abgedrungen . Diese Verirrung selbst konnte nunmehr in Constanzens Augen , wenn auch keinen Entschuldigungsgrund , doch eine Art Erklärung für Noltens Betragen abgeben , wenn sie annahm , daß das Mißverständnis , wovon sie auch in einem Briefe Agnesens eine Spur gefunden , der Anlaß zu einer heftigen und nachhaltigen Verstimmung für Theobald geworden , daß er , seinem extremen Charakter nicht ungemäß , sich in einen desperaten Wechsel gestürzt habe , und daß sie als das Opfer dienen müssen . Seine Bekehrung war natürlich in die Zeit zwischen gestern und jener Lustpartie gefallen , und allem nach unterzog er sich ihr sehr willig . Soviel Wahrscheinliches diese Schlüsse hatten , und sosehr sie auch geeignet schienen , ein wenigstens erträgliches Licht auf Noltens Benehmen zu werfen , so wenig Trost gaben sie der schönen Frau . Denn von dem Augenblicke an , wo ihre Achtung für ihn sich einigermaßen erholte , begann auch ihre Liebe wieder zu atmen , und nun war sie fast übler daran , als solange sie ihn getrost verabscheuen konnte . Also Noltens Glück war wiederhergestellt , das Mädchen selig in seinem Besitz und - sie selbst hatte nur auf eine kurze Zeit die Lücke gebüßt , um jetzt wieder allein , verlassen , vergessen dazustehen , den bittern Stachel im Herzen . Eine Regung von Zorn flammte in ihr auf , sie fühlte ihre weibliche Würde beleidigt , mit Füßen getreten , sie fühlte alle Qual verschmähter Liebe . Und hatte sie vorhin einen reinen Zug schwesterlicher Neigung zu Agnes empfunden , so konnte sie nun einer Anwandlung von schmerzlicher Mißgunst nicht widerstehen , so lebhaft sie sich auch darüber anklagte . Aber auch indem es ihr gelang , allen Groll von der Unschuldigen ab und auf den geliebten Überläufer zu werfen - es blieb nur das Bewußtsein ihrer Unmacht , ihrer Kränkung übrig . Jede Erinnerung an das Vergangene , das kleinste Zeichen , womit sie ihm ihre Gunst verraten haben mochte , versetzte jetzt ihrem Stolze , ihrem Ehrgefühle Stich auf Stich . Noch gestern beim Abschied unter der Türe hatte sie ihn mit bedeutungsvoller Freundlichkeit entlassen und - so kam es ihr jetzt vor - ihm beliebte kaum ein kalter Dank darauf . Am meisten demütigte und beschämte sie der Auftritt in der Grotte , sie bedeckte bei diesem Gedanken ihr glühendes Gesicht mit dem Tuche , weinend und schluchzend . Kein Wunder , wenn ihr jetzt die kläglichen Worte Thereilens aus dem gestrigen Schauspiele einkamen , das gleichsam weissagend von ihr gesprochen ; kein Wunder , gab sie auf einen Augenblick dem widersinnigen Gedanken Raum , als hätte Larkens einigemal eine boshafte Anspielung auf sie im Sinne gehabt . Aber ganz ist ihr gegenwärtiger Zustand durch die leidenschaftlichen Zeilen bezeichnet : O armer Zorn ! Noch ärmere Liebe ! Zornwut und Liebe Verzweifelnd aneinandergehetzt Beiden das Auge voll Tränen , Und Mitleid dazwischen , Ein flehendes Kind ! Desselben Morgens gegen zehn Uhr , als Larkens eben von einem Ausgange nach Hause kam , übergab sein Bedienter ihm das braune Kästchen , das die Laterna magica verwahrte ; man habe es vor einer Viertelstunde aus dem Zarlinschen Hause hiehergebracht nebst dem Danke der gnädigen Frau . Unser Schauspieler öffnete den Deckel , zog begierig die zuoberst liegende Brieftasche heraus , untersuchte sie von allen Seiten und sein Mund verzog sich zu einem vergnügten , doch gewissermaßen befremdeten Lächeln , indem er ausrief : » Beim Himmel ! die Falle hat gelockt , der Speck ist angebissen , und das wacker ! kein Zettelchen blieb unverrückt . Ich sorge nur , der Spaß ist in plumpere Hände geraten , als ich gewollt hatte . Sei ' s drum ; durch die Finger von Madame ist die Tasche auf jeden Fall auch gekommen , und ich müßte mich übel auf Evas Geschlecht verstehen , wenn diese Finger mehr Diskretion gehabt hätten , als mir für den Kasus lieb wäre . Genug ; es wird sich zeigen , die Wirkung kann nicht ausbleiben . Diesmal hättest du fürwahr meisterlich kalkuliert , Bruder Larkens , der Herr gebe seinen Segen dazu . « Wirklich war es die Absicht des Freundes gewesen , daß Constanze die Tasche finden und sich ihrer Geheimnisse nicht enthalten möge ; er konnte darauf zählen , daß man sie für das Eigentum Noltens erkennen würde , in der Tat aber war sie nur ein Geschenk , das dieser dem Freunde zu der Zeit gemacht hatte , wo er alles , was ihn an Agnes erinnern konnte , Briefe , Haare und hundert andere Kleinigkeiten , auf immer loswerden wollte . Larkens hoffte durch jenen ausgedachten , wohlgemeinten Streich teils bei der Gräfin jeder möglichen Neigung gegen Theobald vorzubeugen , teils glaubte er , sie müßte von nun an , eingedenk des Verhältnisses mit Agnes , durch ihr Betragen unzugänglich für Nolten selber werden . Nun hatte zwar Larkens , zufolge der mißtrauischen Verschlossenheit seines Freundes mit der wahren Lage der Dinge unbekannt , sich in seinem Plane etwas geirrt ; er hätte , wäre er besser unterrichtet gewesen , vielleicht einen ganz andern Weg eingeschlagen , aber auch auf diesem erreichte er , wie wir gesehen haben , seinen Hauptzweck vollständig , nur freilich auf eine grausamere Art , als er sich vorgestellt hatte . Sehr übereilt und tadelnswert würden wir seine eigenmächtige Handlungsweise nennen müssen , wenn er eine Ahnung von den großen Fortschritten gehabt hätte , welche Theobalds neue Liebe bereits gemacht hatte , weil Larkens jene Rechte der Braut nur auf große Kosten der Ehrlichkeit seines Freundes aufdecken konnte ; übereilt und unsicher müßten wir sein einseitiges Verfahren auch insofern schelten , als er ja nicht wissen konnte , ob Nolten , wenn er sich auch bis jetzt noch gegen Constanze zurückgehalten , doch in kurzem nicht vielleicht ihr sein Herz anbieten werde , da er dann notwendig im zweideutigsten Lichte vor ihr erscheinen müßte ; allein fürs erste hatte Larkens nicht die mindeste Vermutung davon , wie weit bereits das Verständnis der beiden gediehen war , und fürs zweite , was die Zukunft betrifft , ging er neuerdings ernstlich mit dem Gedanken um , Theobalden die Zeugnisse für Agnesens Unschuld vorzulegen , ihn zu näherer Prüfung der Sache zu vermögen , ihn im Notfall damit zu bedrohen , daß er die Gräfin selbst zur freundschaftlichen Schiedsrichterin darüber aufrufen werde . Vor allen Dingen widmete er der Frage , inwiefern es geraten sei , Theobalden schon jetzt seine Pflichten für die Verlobte aufzudringen , eine reifliche Überlegung . - Wir überlassen ihn jetzt seinen Gedanken und kehren in das Zarlinsche Haus zurück . Dort meldete sich des andern Tages gegen Abend ein vornehmer Besuch . Herzog Adolph erschien , und Constanze , in Abwesenheit ihres Bruders , empfing ihn allein . Das ungewöhnlich blasse und verstörte Aussehen der schönen Frau mochte ihm sogleich auffallen , er erkundigte sich auf das angelegentlichste nach ihrem Befinden , ging dann mit einer leichten Wendung auf sein eigenes Anliegen über und erzählte mit sichtbarem Verdrusse , was ihm gestern von einer höchst ärgerlichen Sache bekannt geworden , wobei er bedaure , daß sie gerade in diesem , ihm so höchst schätzbaren , Hause habe vorfallen müssen . Der König , sein Bruder , dessen Ehre dabei beteiligt wäre , sei auf das genaueste davon unterrichtet und aus dessen eigenem Munde habe er es gehört . Constanze erschrak , erklärte , wie sie zwar an jenem Abende die allgemeine Bewegung der Gesellschaft wahrgenommen , wie auch sie nachher den Grund davon erfahren , wie sie aber an einen solchen Frevel von solchen Männern nicht sogleich habe glauben können . Sie bat , man möge doch wenigstens sie aller Stimme dabei überheben , da Leute von besserer Einsicht , von bedeutenderem Urteil zugegen gewesen . Aber der Herzog gestand , daß der König die vorläufige Ausmittelung der Sache ihm anbefohlen , daß er das Manuskript und was dazugehöre , bereits in Beschlag genommen , daß er aber nach wiederholtem Lesen und genauer Prüfung alles einzelnen noch nicht ganz habe mit sich einig werden können . Er sei zuletzt auf den Einfall geraten , alles von der Entscheidung einer » ebenso scharfsinnigen , als unbefangenen Dame « abhängen zu lassen , und er werde diesfalls auf seiner Bitte beharren , ihrem Ausspruch werde er unbedingt vertrauen . » Freilich « , setzte er mit einem pikanten Akzente hinzu , » freilich , wenn meine getroste Voraussetzung von der gänzlichen Unbefangenheit meiner geliebten Freundin mich denn doch etwas trügte , wenn ihr einer oder der andere von den Beklagten mehr als billig am Herzen läge , dann , meine Gnädige , wäre es wirklich höchst undelikat , trotz Ihrer Weigerung einen gerechten Spruch aus Ihrem Munde zu verlangen . « Gelassen schaute die Gräfin ihn an und erwiderte : » Beide Männer waren mir sehr viel wert ; Sie selbst haben diesen Nolten begünstigt , und schon um Ihretwillen , Adolph , sollte es mir leid sein , wenn Ihnen ein Freund unschuldig gekränkt würde . Was aber jenen Fehler , ich sagte füglich , jenes Verbrechen , betrifft , das man diesen Leuten schuld gibt , so will ich keineswegs der Gerechtigkeit im Wege stehen , nur sie zu befördern bin ich außerstande . Sie selbst können , dünkt mich , doch wohl am besten wissen , was Ihrem Freunde allenfalls zuzutrauen wäre , Sie dürfen von ihm aus dann getrost auf die Gesinnungen des Schauspielers schließen , denn beide sind ja ein Sinn und ein Gedanke . Richten Sie also . Sie waren zwar nicht Zeuge jenes Abends , aber die Dokumente liegen in Ihren Händen , was hätt ich demnach vor Ihnen voraus , das mich zu einem Urteil geschickter machte ? « Der Herzog stand auf , machte einige Schritte und sagte dann im freundlichsten Tone : » Ich tat Ihren Unrecht , meine Liebe ! vergeben Sie ' s. Ich sehe , wir sind beide in einer und derselben Verlegenheit , und wären so ziemlich gleich geneigt , das Ganze zu entschuldigen , wenigstens zum Guten zu wenden . Ich finde nun erst , wie unbillig es von meinem Bruder war , mich in diesen schlimmen Fall zu setzen , wie töricht von mir , den Auftrag anzunehmen . Zwar auch meine Ehre mußte dabei interessiert sein , aber je leidenschaftlicher ich die Sache aufnahm , um so weniger konnt ich hoffen , klar darin zu sehen , und meinem Unwillen hielt auf der andern Seite die Neigung für Nolten kaum das Gleichgewicht , da diese , in