anmahnen . Ich werde ja auch den Weg nicht verloren haben , auf dem Muth und Besonnenheit zu finden ist . Ich bin nur so erschrocken ! ich weiß selbst nicht , wovor ? Ich sehe nicht , was ich fürchte , und doch fühle ich es . Lesen Sie mit Nachsicht diese verworrenen Zeilen , denken Sie , ich finde mich so am ersten zurecht , wenn ich nach des Lehrers , des Freundes Hand greife , wenn ich schwach , doch willig , mich aufzurichten , Ihren Beistand suche . - - - Abends spät . O es ist Alles anders , Alles gut ! Hugo ist hier ! Er kam in Nacht und Dunkelheit . Er fand mich in seinem Zimmer . Es überraschte ihn . Er war bewegt , als ich ihm gestand , daß mir hier allein wohl sei . Sein Auge hatte den schönen , tiefen Blick , vor dem meine Seele immer so innerlich bebt . Er sah mich mit dem Blicke an . Eine Welt lag darin ! und ich war mitten in dieser , in seiner Welt ! Jetzt , - was habe ich zu fürchten . Meine Mutter wird uns so finden . Hugo weiß , daß sie kommt . Er freut sich von ganzem Herzen , sie hier zu sehen . Wir wollen ihr beide eine Tagreise entgegen fahren . Wie anders nun dies Wiedersehen ! - Wie der Mensch schwach ist ! Wie zaghaft , wie kleingläubig ! Geehrter Freund , soll ich es Ihnen bekennen ? Sahen Sie nicht etwas Trübes , Unreines im Hintergrunde meiner Angst sich verbergen ? O guter Gott , wie gern will ich mich eines Gefühls schämen , das mich doppelt zerreißt , weil es dem geliebtesten Menschen zu nahe tritt ! Heiterer , als ich zu Ihnen kam , verlasse ich Sie jetzt . Möge mich ihr Segen aufrecht gegen so schlimme Anfechtungen halten ! Elise an Sophie Was lag Ihnen im Sinn , Liebe ! daß Sie so aus dem Charakter fallen , so unverzeihlich von dem nüchternen Gerede meines albernen Vetters eingenommen werden konnten ? Gewiß , Sophie , ich erkenne Sie nicht in der Heftigkeit , mit der sich Gedanken und Empfindungen auf jenem Blatte jagen . Ist die Luft in dem schönen Italien so entzündbar , daß auch der Thau im Kelche einer Lilie aufbraust ? Ihr Blut schien mir bis dahin von anderer Natur , als das der übrigen Menschen . Sein milder Lauf verirrte sich nie zu ungleicher Wallung . Man empfand immer , daß es nur den einen Weg , den zum Herzen kannte ; dessen sanfter Schlag , wie der Athem der Liebe , Sie selbst , das was Sie umgab , die Welt mit ihren Verirrungen , in Uebereinstimmung zu bringen wußte . Und jetzt ! - Sophie , Entfernung und Trennung sind doch etwas ! Man sage , was man wolle , der Raum trennt die Körper nicht allein . Sie hätten mir von Ihrem Stift aus nicht diesen dürren , heftigen Brief geschrieben , der Ihren Unwillen ins Blaue hinein rief und durch nichts verrieth , daß Sie zu mir sprachen . Ihre ganze Reise war mir vom Anfange zuwider . Jetzt setzen Sie diesem Gefühl die Krone auf . Welche Gewalt übt denn diese furchtbare Frau über Sie aus , daß sie Sie nicht allein dem gewohnten Kreise entführt , daß sie auch Ihr Inneres umwandelt ! Und nun schicken Sie sie uns noch gar hierher . Sie droht jeden Tag mit ihrem Besuch . Zum erstenmale bin ich froh , in der Stadt zu sein ! Hier kann ich ihr aus dem Wege gehen ! Ich werde es thun , denn ich sehe immer ihr Bild auf Emma ' s Schreibtisch mit Widerstreben an . Es ist etwas in den schönen , regelmäßigen Zügen , in den durchdringenden Augen , was mich schon darum erbittert , weil in dem Gesicht Ihr ganzer letzter Brief , Sophie ! geschrieben steht . So beurtheilt , so faßt ein herrschsüchtiges , einseitig beziehendes Gemüth Menschen und Handlungen auf . Ich kann mir denken , was Sie täglich aus einem Munde hören müssen , dessen schmerzlich verzogene Winkel mehr Unzufriedenheit als Schwermuth ausdrücken . Wo sich so viel strenge Absonderung offenbart , da kann nichts in natürlichem Zusammenhange , in nothwendiger Folge gedacht werden . Sagen Sie doch , wenn Ihre Freundin weniger abhängig von gewissen Erdenvortheilen war , würde sie es übersehen haben , daß sich Niemand weniger als Hugo zu ihrem Schwiegersohn paßte ? Wem wirft sie nun den Mißgriff vor ? dem Grafen ? Emma ? Mein Gott ! wann war die Jugend frei von Verblendung ? Und nun , da die Schiefgestellten schief stehen , was zeigt sie mit Fingern darauf , und macht die Welt zum Zeugen ihrer Verkehrtheit ? Es ist nicht zu läugnen , es ist wahr , es ist nicht wie es sein sollte mit dem ungleich zusammengewürfelten Paare . Aber , wenn dies Beide fühlen , und sich die peinliche Gemeinschaft , Jeder wie er kann , erleichtern , soll man sie nicht gewähren lassen ? Geht die Oberhofmeisterin von dem Grundsatz aus , sie könne auch Gemüther nach ihrem Willen umschaffen , so wird sie hier viel Unheil stiften . Der Graf verehrt sie , aber er ist unbiegsam gegen ihre Eingriffe . Sie sehen hieraus , liebe Sophie ! so wie aus frühern Mittheilungen , daß ich mit den Verhältnissen , wie mit der Sinnesart Ihrer jungen Freunde sehr vertraut bin . Ich hielt nie mit meinem Urtheile zurück . Ich verschwieg Ihnen nicht , daß mir Hugo den Eindruck umfassender , großartiger Geisteskraft , ungewöhnlicher Tiefe und Klarheit gemacht hat , daß ich ihn bewundern , verehren , und auch da an ihn glauben muß , wo ich ihn nicht immer verstehe . Dies sagte ich Ihnen längst . Meine Briefe sind voll von ihm und Emma . Noch kürzlich müssen Sie die ausführlichsten Berichte über jeden Umstand in dem Leben auf der Burg erhalten haben , was sollen nach dem Allen , Ihre dringend an mich gerichteten Fragen ? Was rufen Sie mich auf , unbefangen und offen zu sein ? Weshalb gedenken Sie meinem letzten Ausspruche mehr Glauben zu schenken , als dem frühern ? Ist denn irgend etwas Verstecktes , Zweideutiges in meinen Worten ? Warum sucht man bei mir nach etwas Anderm , als ich gebe ? Ich werde mir selbst ganz unverständlich . Auch Eduard wägt , mißt und ergründet , was ich thue und sage . Er ist von übler Laune , seit der letzten Reise . Mein verlängerter Aufenthalt auf dem Lande war ihm nicht recht . Und dann die mißlungene Darstellung auf dem Theater zu Ulmenstein ! Der Schatten einer Lächerlichkeit reicht hin , ihm den Himmel zu trüben . Die Gräfin hat ihm den Spaß ungeschickt vorgetragen , ob absichtlich ? oder durch Zufall ? ich weiß es nicht , aber gewiß ist es , ihre Gunst für mich hat einen Stoß erlitten , und in dem Falle kratzen Leute ihres Schlages , wenn sie liebkosen . So finden sich denn viele Unannehmlichkeiten auf meinem Wege , denen ich nicht mit der gewohnten Heiterkeit begegnen kann , da es nicht schwer ist , abzusehen , wo sie hinaus laufen werden . Eduard sucht Ursache an mir , um Georg fremder Leitung übergeben zu können . Er hat das längst gewünscht , doch traut er nicht , damit hervor zu treten . Jetzt ist er unzufrieden mit dem Kinde , er findet es vernachläßigt , er sucht den Grund davon in meinem getheilten Leben auf dem Lande . Ein Geistlicher ist schon gefunden , der bei uns einziehen , und mir den Knaben abnehmen soll , wie Eduard sich ausdrückt . Abnehmen ! Das Wort konnte nur ein Geschäftsmann finden , dessen lastende Wirksamkeit die Liebe ausschließt . Ich habe nichts darauf erwiedert , ich lasse es geschehen . Aber ich weiß , daß mit dem Riß das Leben vollends auseinander fallen wird ! Und in diesem Augenblick Ihr Brief ! Sophie ! Sie dachten nicht , da Sie ihn schrieben , daß er in schlimmer Stunde bei mir eintreffen würde ! Ich habe seitdem gegen einen fatalen Unwillen in mir gekämpft . Es ist nicht so leicht , als es die Philosophie vorschreibt , sich verkannt zu wissen , und es großmüthig zu übersehen ! Doch jetzt , da ich wieder einmal Abschied nehmen soll , mein Herz mir wehe thut , ich mich unbeschreiblich nach Ihnen sehne , jetzt wird es mir leicht ; Sophie , ich weiß nichts mehr von Allem , wodurch Sie mich kränkten . Hugo an Heinrich Du hast mich öfters abergläubisch gehalten , weil ich auf gewisse prophetische Winke in der Natur achte , sie in der Erinnerung festhalte , mit spätern Ereignissen zusammenfüge , und neue Belege für meine Theorie der innern Verwandtschaften darin suche . Unsere Discussionen bekehrten weder Dich noch mich . Du hast keine Vorstellung in Dir von der Herrschaft verborgener Wirkungen . Das Organ dazu fehlt manchem Menschen . Ich kann es Dir nicht geben , eben so wenig , wie Du mir die Ueberzeugung von einem Dualismus des Weltregiments wegraisonniren kannst . Mein Gefühl sagt mir es nur zu deutlich , daß ich abwechselnd Sclav und Herrscher bin , daß außer meinem Willen noch ein anderer Wille über mich bestimmt . Ob der Streit immer Streit bleiben soll ? Ob er eine Vermittlung finden kann ? und welche das sein wird ? Mein Theurer ! das ist die Region des Unerforschlichen . Wir streifen daran , aber wir können nicht hinein . In manchen Augenblicken zwar , wenn Du ein Wesen so recht , so überschwenglich liebst , dann ist , dann muß Dir sein , als wäre die Vermittlung längst geschehen . Doch laß das ! laß das ! Ich will Dich auch nicht für meine Ansicht gewinnen , ich will Dir nur etwas erzählen , was mir auffiel , was mich beschäftigt . Vor ein Paar Tagen kehrte ich Abends allein zu Pferde von einer Ausflucht nach der Stadt zur Burg zurück . Es war noch nicht eben allzu spät , doch der Jahreszeit gemäß , dunkel . Als ich mich dem Walde , durch den mein Weg führt , nahte , ging , wie bestellt , der Mond auf . Er stand im bläulichen Nachtdunst voll und feurig auf dem Scheitel hoher Wolkenberge . Ich ritt langsam . Die Luft war mild . Eine dünne Schneedecke lag am Boden . Unter den Bäumen , tiefer ins Dickicht hinein , entdeckte ich Spuren von Wild . Ich lenkte einer schmalen Hügelreihe am See , der Wall benannt , zu . Dort hat sich aus einem einsiedlerischen Plätzchen des Comthurs , zwischen dichten Schwarztannen versteckt , erst ein Haus , dann eine Meierei , zuletzt das Besitzthum einer ehemaligen Vertrauten gebildet . Landleute , Reisende , auch das benachbarte Jägervolk besuchen von Zeit zu Zeit die Tannenhäuserin . Ich ziehe öfters ohne Umstände mein Pferd dort in den Stall , wenn ich Lust habe , mich auf Rehe und Hirsche einige Stunden auf den Anstand zu stellen . So geschah es auch heute . Als ich über den Hof zurück ging , begegnete ich dem Burschen , der mit zwei andern Pferden an mir vorüber tappte . Ich rief ihm zu , das Meinige gut zu warten , ohne mich um sonst etwas zu bekümmern . Nachher fiel mir ' s wohl ein , wer noch so spät hier angekommen sein möchte ? aber es beschäftigte mich weiter nicht . Eine Strecke weiter hin ist der Wall , wo er das eigentliche Ufer des See ' s bildet , mit uralten Buchen besetzt . Die dichtgereihten Bäume verschlingen ihre hochgewölbten Kronen zu einem weiten , hallenartigen Dome zusammen . Gewisse Ideenverbindungen legen den Gegenständen oft eine Art Heiligkeit bei . Ich bin hier jedesmal auf unwiderstehliche Weise wie festgebannt . Es giebt da eine Stelle - kurz nach meiner Ankunft in dieser Gegend sah ich hier - genug ! die Stelle ist mir lieb . Ich suchte sie unvorzüglich auf , blieb an einen der Baumstämme gelehnt , und dachte , meine Beute kommen zu lassen . Indeß vergaß ich bald Jagd und Wild und was damit zusammen hängt . Der See lag zwischen den schneeigen Ufern blau und klar vor mir . In seinen leise bewegten Spiegel tauchte der Mond , wie eine herabgefallene Feuerkugel . Unwillkührlich suchte der Blick oberhalb nach dem ruhigeren Lichte . Die aufgethürmten Wolkenschichten hatten sich auseinander gethan . Ein schwarzer Streif umsäumte die Gränze des Horizonts , während leichte Dünste , in allerlei Gestalten zerfließend , den Himmel mit unzähligen Bildern besäeten . Es ist nicht zu glauben , was das Auge Alles sieht , wenn es , sich völlig selbst überlassen , bei einem Gegenstande verweilt ! Heinrich , ich ließ so Unsägliches an mir vorübergehen . Die duftigen Umrisse schrieben eine ganze Geschichte auf das blaue Feld über mir nieder . Wer verlor sich nicht einmal in das Treiben der Wolken ! Ich hätte stundenlang so stehen und die Riesenköpfe mit unförmlichem Bart und Nase , die fliegenden Engel mit weit ausgebreiteten , mächtigen Fittigen , die monstruösen Thierlarven betrachten , belachen , bewundern können ! Gott weiß , weshalb mir ein Ding , das wie ein vierrädriger Wagen aussah , so besonders auffiel ! Er rollte , wie aus tiefem Abgrunde , hinter den schwarzen Streifen hervor , und fuhr , von schneidendem Windzuge getrieben , sausend über das leuchtende Firmament an dem Monde vorüber , der zerschnitten und zermalmt unter den Rädern verschwand . Es war ganz deutlich ein Wagen . Ob Pferde oder andere fabelhafte Creaturen ihn zogen , kann ich Dir nicht sagen , allein , eine Gestalt mit gehobenem Arme , drohend , oder auch nur das Fahrzeug lenkend , stand mehr über als in demselben . Es war ein Weib mit lang flatterndem Schleier . Je höher das Wolkenbild heraufzog , je mehr dehnten sich die Massen ins Ungeheuere . Wagen , Schleier und menschliche Gestalt thürmten sich bald zu einem Gebirge zusammen , durch dessen duftige Kuppe der Mond plötzlich wie ein großes , gewaltiges Auge hindurch sah . Mein Blick heftete sich immer fester auf die majestätische Erscheinung . Trieben nun Zufall oder Phantasie ihr Spiel mit mir ? genug , ich glaubte mitten in dem Dunstknäuel die alten Umrisse des Wagens wieder zu erkennen . Aber dieser war jetzt dunkel und scharf , und sah eher wie ein Kasten , ja fast wie ein Sarg aus . Ich schauderte unwillkührlich bei dem Gedanken ; da sagte eine Stimme unter mir : » Um Gottes Willen , mache er , daß wir anlegen . « Zugleich hörte ich den verdoppelten Schlag nahender Ruderer . Nicht lange , so rauschte es im Rohr . Ein Kahn ward am Ufer befestigt Ich trat weiter vor . Ein Mann mit schwerer Bürde auf dem Rücken stieg zuerst ans Land . Ein keifendes , zorniges Weib folgte ihm mit einiger Schüchternheit . » Komme Sie nur getrost , alte Marthe ! « sagte der Mann . » Sie sieht , wir sind auf dem Trocknen . Was will Sie mehr ? Hier herum ist auch ein gutes Wirthshaus , worin es immer Narren genug giebt , denen Sie Ihre Hexenkünste vormachen kann . « » St ! St ! « flüsterte das Weib , den Kopf in die Schultern gezogen , den Finger drohend gehoben . » Bei Leibe nichts von Hexen , « sagte sie heimlich . » Den Leuten würde sonst bange vor mir . « » Der Name thut es Ihr nicht , Marthe , « lachte ihr Begleiter , indem er den schweren Kasten , den er trug , gegen einen Baum stemmte , und einen Augenblick ausruhte . » Laufen doch so schon die Kinder , wo Sie sich nur sehen läßt , drum fliegt Sie auch mit den Eulen erst Nachts aus . « Er kicherte bei den Worten selbstzufrieden . » So treffen wir doch einmal zusammen , « entgegnete sie spitz . » Es war gut , daß Er noch spät bei den Comtessen in Ulmenstein zu thun hatte . Nun machen wir den Weg mit einander . « » Hat Sie denn der Mutter und den Töchtern aus dem Kaffeegrunde prophezeiht ? « fragte der Mann , in welchem ich jetzt einen , in der Gegend umherstreifenden Hausirer , mit Namen Walter , erkannte . » Oder , « fuhr dieser fort , mußte Sie ihnen die Karten legen und die Freier anrücken lassen ? « » Nichts von allem dem , « brummte jene kopfschüttelnd . » Und wär ' s auch , was geht es Ihn an ! Die Paar alten Kleider , die ich von den hübschen Kindern in den Kauf kriege und spottwohlfeil wieder verkaufe , die thun seinem Verkehr keinen Abbruch . « » Spottwohlfeil , « höhnte sie Walter . » Geh ' Sie doch , Alte ! wir kennen uns ! Ihre Schliche sind weltbekannt . Aber erzähle Sie einmal , hat Sie es nicht auspunktirt , wird aus der Heirath mit dem jungen Baron etwas ? « » Hm ! « entgegnete Marthe , in einem Tone , als wolle sie sagen , daß ich eine Närrin wäre , und es ihm wissen ließe . Sie wandte sich zugleich ab , und ging ein Paar Schritte tiefer in den Wald hinein . » Bleibe Sie doch ! « rief Walter . » Sie weiß ja hier herum keinen Bescheid , und die schmucke , feine Tannenhäuserin läßt Sie in dem Aufzuge schwerlich ein , wenn ich Sie nicht begleite . « Dieser letzte Zusatz machte , daß ich die Frau genauer ins Auge faßte . Ein großer Hut und die zunehmende Dunkelheit versteckten ihr Gesicht . Doch war dem Hute selbst , mit seinem verbrauchten Putz von bunten Blumen und schlaffen , eingeknickten Federn , das widrig Fratzenhafte ihrer ganzen Erscheinung auf den ersten Blick anzusehen . Wahrscheinlich mochte sie die , in Ulmenstein erhandelten Herrlichkeiten nicht bequemer haben fortbringen können , als auf dem eigenen Körper . So hatte sie dann den fremden Staat übergeworfen , und streckte nun die nackten , gemeinen Hände , die auf einem knotigen Bettelstabe ruhten , aus Flor , Stoff und anderm farbigen Modetand hervor . Eben so ragten ihre schlecht und grob beschuheten Beine weit unter den kurzen , auf zierliche Figürchen angepaßten Röcken heraus . Es war ein rasender Anblick ! Sie blieb auf Walters Ruf stehen . Er schickte sich an , ihr zu folgen . Ich schlich hinten drein . Im Stalle drüben , wo ich mein Pferd abholen wollte , fand ich jetzt noch die beiden Vorerwähnten . » Wer ist von Fremden drinnen im Hause ? « fragte ich den Burschen . » Der junge Baron von Wildenau , « war die Antwort . » Der Baron ? « rief ich , » was will der hier ? « » O er besucht uns öfter , « entgegnete jener . » Er macht es , wie der Herr Graf , er läßt sein Pferd hier , und streift in der Gegend umher . « Sonderbar ! dachte ich , daß wir uns nie begegneten . Ich ging mechanisch nach dem Hause . Die Wirthin kam mir entgegen . Sie hat immer ein eigenes Zimmerchen für mich frei . Heute waren zwei Gäste darin , jener Leontin von Wildenau und ein Geistlicher . Ich begrüßte beide , und sagte , um etwas zu sagen : » Hier neben im Zimmer befindet sich eine Carricatur , wie sie nicht toller ersonnen wird ! « Das Ungewöhnliche reizt in Jedem die Neugier . Der Baron öffnete in demselben Augenblick die Thüre nach der anstoßenden Gaststube . Hier saß nun die alte Marthe so buntscheckig ausstaffirt , daß ich sie mit lautem Gelächter begrüßte . Auf das Geräusch wandte sie den Kopf nach mir hin . Sie sah nur aus einem Auge , mit halb wahnwitzigem , halb pfiffigem Blick , der Mund war nach einer Seite verzogen , so , als lächelte sie schalkhaft , während das graue , verschrumpfte Gesicht etwas Weinerliches hatte . Ich stand mit unterschlagenen Armen dem widrigen Geschöpfe gegenüber . Sie kam mir wie ein Spuk vor , der dem Sarge entschlüpft , mit den Lappen der Narrheit geschmückt , von der Welt nicht loskommen kann . Leontin hatte sich sogleich mit den trocknen Worten : » Ich kenne das ! « zu dem Geistlichen zurück gewandt . Der Hausirer näherte sich mir . Mein festgewurzelter Blick auf die fremde Erscheinung mochte ihn zu einer Erklärung über diese auffordern . » Es ist zu Zeiten nicht richtig mit ihr , « flüsterte er mir ins Ohr . » Eine Liebschaft , aus der nichts ward , späterhin Einsperrung und Krankheit haben sie gestört . « » Wer ist sie ? « fragte ich , eben so leise , ohne gleichwohl die Augen von ihr abzuwenden . » Was treibt sie sich Nachts so unstät umher ? hat sie kein bleibendes Obdach ? « Walter belehrte mich : sie sei eines Gärtners Tochter aus der Residenz , habe Blumen ausgetragen , und durch diese und ein hübsches Gesicht , Zutritt in vornehmen Häusern gefunden . Was sie dort sah und hörte , reizte sie über die Maaßen . Reichthum und Glanz dünkten ihr beneidenswerthe Güter . Sie fing an , sich herauszuputzen . Ein Theil ihres Verdienstes ging damit hin . Die Eltern verdroß das ; sie zankten mit ihr . Aus Aerger , und da sie längst auf ein besseres Glück hoffte , hing sie sich vollends an einen Mann , der ihr Kleider , Ringe , Bänder und andere Narrenspossen , aber nie seine Hand gab . Plötzlich war er fort . Sie hörte nichts weiter von ihm . Die Eltern hatten aus Schaam über die Tochter Stadt und Gegend verlassen . Marthe blieb , wie ausgesetzt in die Welt , allein zurück . Anfangs suchte sie einen Dienst in guten Familien zu bekommen . Ihr verrätherischer Putz , von dem sie nicht lassen konnte , erweckte Mißtrauen , die Thüren blieben ihr verschlossen . Gram und Noth hatten sie angegriffen . Sie wollte sich zu den Eltern hinbetteln . Aber sie vermochte es nicht , die Kräfte versagten ihr , auch hielten sie die Stadt mit ihrem immer noch lockenden Geräusch , den Kutschen und Pferden , prächtigen Häusern und geputzten Leuten , fest . Sie wankte wie ein Schatten zwischen dem Allen hin , und nährte sich von Almosen . An einem heißen Sommermorgen sank sie erschöpft auf die Stufen eines kleinen Ladens nieder . Eine Jüdin , welche Trödelkram führte , von Versatz und Borg lebte , verschmitzt war , Jegliches zu benutzen wußte , und eben eine Magd brauchte , die mit geringem Lohn und kargem Unterhalt zufrieden sein mußte , hatte nicht sobald den Fuß auf die Treppe gesetzt , und die ohnmächtige Person erblickt , als sie diese aufrüttelte , sie angebrannte Federn und Knoblauch riechen ließ , und mit Hülfe eines Handlangers von der Straße in ihre Wohnung trug . » Hier , « so schloß Walter , » ist Marthe so lange geblieben , bis sie , nach dem Tode der Israelitin , deren Gewerbe allein fortführte , und , obgleich nach jener Ohnmacht mit verzerrten Gesichtszügen und wirren Gedanken einhergehend , hat sie doch den Ruf einer klugen Frau , oder gar Prophetin in solchem Maaße behauptet , daß sie von Vornehmen besucht , in angesehene Häuser beschieden , und oft ihre List zu geheimen Zwecken benutzt wird . « » Was macht sie denn so berühmt ? « fragte ich , mit dem Scheine der Unwissenheit über die verbotenen Künste des Weibes . Der Hausirer zuckte die Achseln . Er wiederholte , was er dieser schon im Walde vorgeworfen hatte . In einem Anfall guter Laune sagte ich : » Nun , so kann sie ja gleich ihr Talent zeigen . « Walter sah mich überrascht an . » Um Ihren Spaß damit zu haben , « lächelte er . » Natürlich ! « entgegnete ich , ob mir gleich der Gedanke an etwas Spaßhaftes ganz unverträglich mit dem Anblick des gespenstigen Wesens dort drüben am Tische schien . » Hier geht es aber nicht , « raunte mir mein Nachbar zu . » So öffentlich darf sie es nicht treiben . Befehlen Sie , so will ich sie nach einer Weile in das kleine Zimmerchen hier neben führen , Sie schließen dann die Thüre ab , und « - - Es ist ein Kobold in uns , Heinrich , der lustig aufspringt , wenn man ihn von Außen anruft ! Der grillenhafte Schelm war gleich in mir bereit , Walters Vorschlag einzugehen . Er hatte » Ja « gesagt , ehe ich noch die nächsten Schwierigkeiten überlegte . Der Baron und sein Begleiter waren lästige Zeugen bei dem Possenspiel . Entfernen konnte ich sie einmal nicht , und sie in mein Interesse zu ziehen , schien mir zu langweilig für die geringe Ausbeute des Spaßes . Gleichwohl mußte das letzte versucht werden . Ich trat daher mit den Worten zu Leontin : » Sie haben ohne Zweifel von den Künsten gehört , die der Närrin drinnen den Ruf einer Prophetin erwarben . Ihr verrücktes Wesen ist mir verdächtig . Ich wittre dahinter mehr Absicht als Krankheit . Ich wäre neugierig zu sehen , wie sie es anfängt , gescheute Leute hinters Licht zu führen . Deshalb habe ich sie hierher zu uns ins Zimmer beschieden . Geben Sie Acht , wie verblüfft sie sein wird , wenn ihre List nicht glückt . « Ich hatte kaum geendet , so trat Walter mit seiner Begleiterin herein . Der Geistliche schien verlegen . Dem Baron war die Sache lästig , das sah man ihm an ; doch wußte er nicht sogleich loszukommen . Indeß fragte Marthe ziemlich mürrisch : was sie hier solle ? Ich sagte es ihr . Sie lachte . Ich bemerkte , daß sie unruhig nach dem Geistlichen hinschielte . Dieser sah ernsthaft , doch nicht unwillig aus . Jetzt stellte ich mich an einen Tisch neben die zaudernde Pythia . Sie zog darauf ein schmutziges Spiel Karten aus der Tasche , das sie Mühe hatte , mit ihren dürren , krummen Fingern auseinander zu bringen . Ich empfand großen Eckel daran , und bat sie , das Schicksal auf andere Weise zu befragen . Es schien ihr nicht recht . Indeß sagte sie auf kurze und abstoßende Weise : » Gleichviel ! « worauf sie ein Ei und ein Glas Wasser forderte . Als ihr beides gebracht ward , gab sie mir das Ei , hieß mich , es gegen das Glas zerschlagen , und den Dotter hineinzuschütten . Ich that , wie ich geheißen ward . Im Augenblick bildeten sich allerlei Gestalten im Wasser , die mir meine heutigen Himmelsbeobachtungen lebhaft hervorriefen ; neugieriger als zuvor , was die Sibylle daraus machen würde , sah ich mich forschend nach ihr um . Sie war sehr roth im Gesicht , eine finstere , häßliche Falte auf der Stirne zog sich immer tiefer zusammen , ungeduldig wischte sie das blitzende , wilde Auge , sah mich dann zornig an , und sagte halb verwundert , halb böse : » das sind lauter Teufeleien ! Was soll das vorstellen , he ? war das Wasser unrein ? Oder « - sie stellte die Lichter anders . » Sind das geweihte Kerzen ? Wollt ihr mich zum Narren haben ? « Walter beruhigte Marthe über alle geäusserte Zweifel . Sie schüttelte den Kopf . Der Baron war sehr aufmerksam geworden . Er trat näher zum Tisch . Ich winkte ihm lachend zu , daß sie mit ihrem Latein zu Ende sei . Marthe bemerkte es . Sie schob mit verbissenem Ingrimm das Glas von sich , und machte Miene , das Zimmer zu verlassen . » So wird es also heute nichts ? « sagte ich . Sie antwortete nicht . Ich hielt ihr einen Thaler hin , hieß sie einpacken , und ihrer Wege gehen . Sie drückte aber meine Hand und das Geld ärgerlich zurück . » Geduld ! « rief sie . » Ich werde es schon sagen , wenns Zeit ist . « Leontin kämpfte mit Neugier und Unwillen zugleich . Der Geistliche blieb ohne alle Theilnahme . Er hatte ein Fenster geöffnet , und sah , als ob er Jemand erwarte , nach der Straße hinaus . Marthe räusperte sich jetzt . » Nun , « lachte sie triumphirend , » da haben wir es ja , wollen Sie es hören ? « Sie sah erst Leontin , dann mich an . Es schien , als ob sie uns beide verwechselte , denn ohne , daß ich etwas erwiederte , fuhr sie ausschließend gegen mich gewendet , fort : » Es ist nichts als Unruhe und Wechsel in Ihrem Schicksalszeichen . Nehmen Sie sich in Acht . Es steht Ihnen eine große Veränderung bevor . Sie werden das Ihrige über kurz oder lang mit dem Rücken ansehen , und wie Sie mit Kutsch ' und Pferden früher in ein großes Schloß einzogen , so flüchten Sie dann unstäten Fußes daraus . Der Wittwerflor hängt an Ihrem Hute , und doch haben Sie zwei Frauen zugleich . Wenn das Gestirn des Wagens über Ihrem Hause steht , dann ist die Entscheidung nahe . Die , welche Ihnen die Nächsten sind - « » Genug ! « rief ich unangenehm erschüttert , » ich will nichts mehr hören . « Sie blickte mürrisch nach mir um , runzelte die