dem Gast ein kräftiges Habermus gekocht werden mußte , und dann - von der Küche ging ein kleines Fenster in die Stube , dorthin stellte sich die Mutter , um die Mienen des Junkers zu rekognoszieren . Bärbele stellte sich auf die Zehen und schaute ihrer Mutter über die Schulter durchs Fensterlein . Sie staunte und ihr Herz pochte seit siebzehn Jahren zum erstenmal recht ungestüm , denn so hübsch hatte sie sich doch den Junker nicht gedacht . Sie war zwar oft von seinem Anblick bis zu Tränen gerührt gewesen , wenn er mit starren Augen ohne Bewußtsein , beinahe ohne Leben , dalag ; seine bleichen , noch im Kampf mit dem Tode so schönen Züge hatten sie oft angezogen , wie ein rührendes , erhabenes Bild den frommen Sinn einer Betenden anziehet , aber jetzt , sie fühlte es , jetzt war es was ganz anderes . Die Augen waren wieder gefüllt von schönem , mutigem Feuer , es wollte » dem Bärbele auf den Zehen « bedünken , als habe sie , so alt sie geworden , noch gar keine solche gesehen . Das Haar lag nicht mehr in unordentlichen Strängen um die schöne Stirne , es fiel geordnet und reich in den Nacken hinab . Seine Wangen hatten sich wieder gerötet , seine Lippen waren so frisch wie die Kirschen an Peter und Paul ; und wie ihn das seidengestickte Wams gut kleidete ; und der breite weiße Halskragen , den er über das Kleid herausgelegt hatte . Aber das konnte das Mädchen nicht ergründen , warum er wohl immer auf eine aus weiß und blauer Seide geflochtene Schärpe niedersah ; so fest , so eifrig , als wären geheimnisvolle Zeichen eingewoben , die er zu entziffern bemüht sei . Ja , es kam ihr sogar vor als drücke er die Feldbinde an das Herz , als führe er sie an die Lippen voll Andacht und Inbrunst , wie man Reliquien zu verehren pflegt . Die runde Frau hatte indessen ihre Forschungen durch das Fensterlein vollendet . » ' s ist a Herr wie na Prenz « , sagte sie , indem sie das Habermus umrührte ; » was er a Wammes a hot ; dia Herra z ' Stuagerd kennets et schöner hau . Was duet er no mit dem Fetza , won er in der Hand hot ? Er guckta jo schier ausenander ! Es ist , ka sei , a bisle Bluat na komma , daß ens verzirnt . « A14 » Noi sell isch et « , entgegnete Bärbele , die jetzt bequemer das Zimmer übersehen konnte ; » aber wisseter Muater wia mers fürkommt ? er macht so gar fuirige Auga druf na ; sell ist gewiß ebbes von seim Schaz . « A15 Die runde Frau konnte sich nicht enthalten , über die richtige Vermutung ihres Kindes etwas weniges zu lächeln , doch schnell nahm sie ihre mütterliche Würde wieder zusammen , indem sie entgegnete : » A , was woist du von Schäz ! So na Kind wia du muaß gar an nix so denka . Gang jetzt weg vom Fensterle dort , lang mir sell Häfele her . Der Herr wird a fürnehms Fressa gwohnt sei , i muaß am a bisle viel Schmalz in da Brei dauh . « A16 Bärbele verließ etwas empfindlich das Fenster : sie wußte , daß sie ihrer Mutter nicht widersprechen dürfe , aber diesmal hatte sie offenbar unrecht . Ging nicht das Mädchen schon seit einem Jahr in den Lichtkarz , wo von den Mädchen des Dorfes über Schätzchen und Liebe viel gesprochen und gesungen wurde , hatten nicht einige ihrer Gespielinnen , die wenige Wochen älter waren als sie , schon jede einen erklärten Schatz , und sie allein sollte nicht davon sprechen , nicht einmal etwas davon wissen dürfen ? Nein , es war recht unbillig von der runden Frau , ihrem Töchterlein , das , wenn sie sich auf die Zehen stellte , der Mutter über die Schulter sehen konnte , solche Wissenschaft geradehin zu verbieten . Aber wie es zu geschehen pflegt : das Verbot reizt gewöhnlich zur Übertretung , und Bärbele nahm sich vor , nicht eher zu ruhen , als bis sie wisse , warum der junge Ritter mit so gar » fuirigen Augen « auf seine Feldbinde hinschaue . Das Frühstück des Junkers war indessen fertig geworden , es fehlte nichts mehr als ein Becher guten alten Weines ; auch dieser war bald herbeigebracht , denn der Pfeifer von Hardt war zwar ein geringer Mann , aber nicht so arm , daß er nicht für feierliche Gelegenheiten ein Fäßchen im Keller liegen hatte ; das Mädchen trug den Wein und das Brot , und die runde Frau ging im vollen Sonntagsstaat , die Schüssel mit Habermus in beiden Fäusten , ihrem holden Töchterlein voran in die Stube . Es kostete den jungen Mann nicht geringe Mühe , den vielen Knicksen der Pfeifersfrau Einhalt zu tun ; sie hatte in ihrer Jugend einmal auf dem Schloß zu Neuffen gedient , und wußte was Lebensart war ; daher blieb sie mit der rauchenden Schüssel an ihrer eigenen Schwelle stehen , bis ihr der gestrenge Junker ernstlich befahl , vorzutreten . Die Tochter aber stand errötend hinter der runden Frau , und ihr verschämtes Gesicht ward nur auf Augenblicke sichtbar , wenn die Mutter sich recht tief verneigte . Auch sie machte die gehörige Anzahl Knickse , doch mochten sie nicht so ungemein ehrerbietig sein , denn sie hatte ja schon ein halb Stündchen mit ihm geplaudert . Das Mädchen deckte jetzt den Tisch mit frischen Linnen ; setzte dem Junker das Habermus und den Wein an den Ehrenplatz in der Ecke der Bank unter dem Kruzifix ; dann steckte sie einen zierlich geschnitzten hölzernen Löffel in das Mus ; er blieb aufrecht darin stehen , und es war dies ein gutes Zeichen , daß das Frühstück delikat bereitet sei . Als der Junker sich niedergelassen hatte , setzten sich auch Mutter und Tochter an den Tisch zu ihrem Suppennapf , doch in bescheidener Entfernung und nicht ohne das Salzfaß zwischen sich und ihren vornehmen Gast zu stellen . Denn so wollte es die Sitte in den guten , alten Zeiten . Georg hatte , während sie das Frühmahl verzehrten , Muße genug , die beiden Frauen zu betrachten . Er gestand sich , daß die Hausehre des Pfeifers von Hardt eine stattliche Frau sei , die vielleicht manchen weniger kühnen Mann als seinen Führer und Erretter unter die Stelzen ihrer gewichtigen Schuhe ( Pantoffel hatte sie wohl nicht ) gebracht hätte . Auch das Kind des Spielmanns dünkte ihm eine liebliche Dirne , und ein so schöner Kopf , solche freundliche Augen hätten vielleicht in seinem Herzen einen nicht zu verachtenden Raum gewonnen , wäre es nicht von einem Bild schon ganz erfüllt gewesen , wäre nicht die Kluft so unendlich groß gewesen , welche Geburt und Verhältnisse zwischen den Erben des Namens Sturmfeder und der geringen Tochter des Pfeifers von Hardt befestigt hatte . Nichtsdestoweniger ruhten seine Blicke mit Wohlgefallen auf ihren reinen , unschuldigen Zügen , und wäre die runde Frau nicht mit ihrer Suppe zu beschäftigt gewesen , so wäre ihr wohl die Röte nicht entgangen , die auf den Wangen ihres Kindes aufstieg , wenn zufällig einer ihrer verstohlenen Blicke dem Auge des jungen Mannes begegnete . » Der Napf ist leer , jetzt ist es Zeit zu schwatzen . « Dieser richtige Spruch galt auch hier sobald das Tischtuch weggenommen war . Georg lagen vornehmlich zwei Dinge am Herzen ; er mußte gewiß sein , wann der Pfeifer von Lichtenstein zurückkommen würde , weil er nur seine Nachrichten über die Geliebte abwarten wollte , um dann sogleich zu ihr zu eilen ; und zweitens war es ihm sehr wichtig , zu erfahren , wo das Heer des Bundes in diesem Augenblick stehe . Über das erstere konnte er keine weitere Auskunft erhalten , als was ihm das Mädchen früher schon gesagt hatte ; der Vater sei etwa seit sechs Tagen abwesend ; habe aber versprochen am fünften Abend wieder hier zu sein , und sie erwarten ihn daher stündlich . Die runde Frau vergoß Tränen , indem sie dem Junker klagte , daß ihr Mann , seitdem dieser Krieg begonnen , kaum einige Stunden zu Haus gewesen sei ; er sei von früheren Zeiten her schon als ein unruhiger Mann berüchtigt ; jetzt murmeln die Leute auch wieder allerlei über ihn , und gewiß bringe er seine Frau und sein Kind durch sein gefährliches Leben noch in Unglück und Jammer . Georg suchte alle Trostgründe hervor , um ihre Tränen zu stillen ; es gelang ihm wenigstens insoweit , daß sie ihm seine Fragen nach dem Bundesheer beantwortete . » Ach Herr « , sagte sie ; » des ist a Graus und a Jomer ; ' s ist grad wie wenn der wild Jäger uf de Wolka reitet , und mit seine g ' schpenstige Hund übers Land wegzieht . ' s ganz Unterland hent se schau , und jetzt got ' s mit em hella Haufa ge Tibenga . « » So sind die Festungen alle schon in ihrer Hand ? « fragte Georg verwundert ; » Höllenstein , Schorndorf , Göppingen , Teck , Urach ? Sind sie alle schon eingenommen ? « » Älles hent se ; a Mann vo Schorndorf hot ' s g ' sait , daß se de Hollastoi , Schorndorf und Göppenga hent . Aber von Teck und Aurich kane Uich ganz gnau berichta , mer send jo koine drei , vier Stund davo . « Sie erzählte nun , am dritten April sei das Heer vor Teck gezogen ; sie haben einen Teil des Fußvolkes vor das eine Tor gesetzt , und sich mit der Besatzung über die Übergabe besprochen . Da seien alle Knechte zu diesem Tor geeilt und haben zugehört , und indessen sei das andere Tor von den Feinden bestiegen worden . Im Schloß Urach aber seien vierhundert herzogliche Fußknechte gewesen ; diese habe die Bürgerschaft nicht in die Stadt lassen wollen , als der Feind anrückte . Es sei zum Gefecht zwischen ihnen gekommen , worin die Knechte auf den Markt gedrungen seien , dort aber sei der Vogt von einer Kugel getroffen , und nachher mit Hellebarden niedergestoßen worden ; die Stadt habe sich dem Bunde ergeben . » Es ist koi Wunder « , schloß die runde Frau ihre Erzählung , » älle Burga und Schlösser nemmet se ei ; denn se hent lange Feldschlanga und Bombardierstuck , wo se Kugla draus schießet , graißer als mei Kopf , daß älle Maura zema brecha , und älle Tirn eifalle müaßet . « Georg konnte nach diesem Bericht ahnen , daß eine Reise von Hardt nach Lichtenstein nicht minder gefährlich sein werde , als jener Ritt über die Alb , denn er mußte gerade die Linie zwischen Urach und Tübingen durchschneiden . Doch war Urach schon seit mehreren Tagen von dem Heere verlassen ; die Belagerung von Tübingen mußte notwendig viele Mannschaft erfordern , und so konnte Georg dennoch hoffen , daß keine eigentlichen Posten mehr den Strich Landes , den er zu durchreisen hatte , besetzt halten werden . Mit Ungeduld erwartete er daher die Ankunft seines Führers . Seine Kopfwunde war geheilt ; sie war nicht tief gewesen , denn die Federn seines Barettes und sein dichtes Haar hatten dem Hiebe , der nach ihm geführt worden war , seine Schärfe benommen ; doch war der Schlag noch immer kräftig genug gewesen , um ihn auf so viele Tage des Bewußtseins zu berauben . Auch seine übrigen Wunden an Arm und Beinen waren geheilt , und die einzige körperliche Folge jener unglücklichen Nacht war eine Mattigkeit , die er dem Blutverlust , dem langen Liegen und dem Wundfieber zuschrieb ; doch auch diese schwand von Stunde zu Stunde , denn ein frischer Mut und sehnsüchtige Gedanken in die Ferne , verjagen gar bald solche schlimme Gäste . Es gehörte übrigens dieser frische Mut und ein wenig jugendliche Neugierde dazu , ihm die langsam hinschleichenden Stunden erträglich zu machen ; es gehörte die muntere Tochter des Pfeifers dazu , um ihn vergessen zu lassen , wie unerträglich lange ihr Vater auf sich warten lasse . Er sah hier , was er sich schon lange zu sehen gewünscht hatte , eine echte , schwäbische Bauernwirtschaft . Wie drollig kamen ihm ihre Sitten , ihre Sprache vor ; sein Franken , so nahe es an dieses Württemberg grenzte , hatte doch wieder einen anderen Schlag von Leuten ; es deuchte ihm , seine Bauern seien pfiffiger , verschlagener , in manchen Dingen weniger roh als diese . Aber die gutmütige Ehrlichkeit dieser Leute , die aus ihren Augen , aus ihrer Sprache , aus ihrem ganzen Wesen hervorblitzte ; ihre muntere , unverdrossene Arbeitsamkeit ; ihre Reinlichkeit , die ihrer Armut ein ehrbares , sogar schmuckes Ansehen gab , dies alles machte , daß er zu fühlen glaubte , es haben diese Leute als Menschen mehr inneren Gehalt als die , welche er in seinen Gauen kennengelernt hatte , wenn sie auch in manchen Dingen nicht so viel Verschlagenheit zeigten . Bewundern mußte er auch die trauliche gutmütige Geschwätzigkeit des Mädchens . Die runde Frau mochte schmälen wie sie wollte , mochte sie noch so oft ermahnen , den hohen Stand des Ritters zu bedenken , sie ließ es sich nicht nehmen , ihren Gast zu unterhalten , besonders da sie ihren geheimen Plan , zu erforschen , ob sie in Hinsicht auf die Feldbinde besser geraten habe als die Mutter , noch nicht aufgegeben hatte . Sie hatte hierüber noch ihre ganz besonderen Gedanken ; als nämlich der Junker so gar krank gelegen , war sie in der Nacht noch lange aufgeblieben , um dem Vater Gesellschaft zu leisten , der am Bette des Verwundeten wachte . Doch bald schlief sie über ihrer Arbeit ein ; es mochte ungefähr zehn Uhr in der Nacht sein , da sie von einem Geräusch im Zimmer aufgeschreckt wurde . Sie sah einen Mann mit dem Vater angelegentlich sprechen ; seine Züge entgingen ihr nicht , obgleich er sich in eine große Kappe gehüllt hatte , sie glaubte einen Diener des Ritters von Lichtenstein , der schon oft auf geheimnisvolle Weise zu dem Pfeifer von Hardt gekommen war , und bei dessen Anwesenheit sie immer das Zimmer hatte verlassen müssen , in ihm zu erkennen . Neugierig , endlich einmal zu hören was dieser Mann bei dem Vater zu tun habe , schloß sie ihre Augen wieder fest zu , denn es war ihr wahrscheinlich , daß ihr Vater sie nur im Zimmer ließ , weil er sie für fest eingeschlafen hielt . Der Mann erzählte von einem Fräulein , die über eine gewisse Nachricht untröstlich sei . Sie habe den fremden Mann gebeten und gefleht nach Hardt zu gehen und Nachricht einzuziehen , sie habe geschworen , wenn er nicht gute Nachricht bringe , ihrem Vater alles zu sagen , und zur Pflege des Kranken selbst zu kommen . Solches hatte der Lichtensteiner heimlich gesprochen ; der Vater hatte darauf das Fräulein beklagt , hatte dem Boten den ganzen Zustand des Kranken geschildert und versprochen , daß er , sobald sich der Kranke gebessert habe , selbst kommen werde , um dem Fräulein diesen Trost zu bringen . Der fremde Mann hatte sodann dem Kranken ein Löckchen von seinen langen Haaren abgeschnitten , es in ein Tuch geschlagen und unter dem Wams wohl verwahrt ; darauf war er vom Vater geführt , aus der Stube gegangen , und kurz nachher hörte sie ihn bei Nacht und Nebel wieder wegreiten . Diese Begebenheit hatten die vielerlei Geschäfte der folgenden Tage bald wieder aus dem leichten , jugendlichen Sinn der Tochter des Pfeifers von Hardt verdrängt , sie erwachten aber jetzt aufs neue , aufgeregt durch das , was Bärbele durchs Küchenfenster gesehen hatte . Sie wußte , daß der Ritter von Lichtenstein eine Tochter habe , denn die Schwester des Spielmanns war ja ihre Amme . Und dieses Fräulein mußte es wohl sein , die den Lichtensteiner Knecht gesandt hatte , um sich so angelegentlich nach dem Kranken zu erkundigen , die sogar selbst kommen wollte , um ihn zu pflegen . Alle Sagen von liebenden Königstöchtern , von Rittern , die krank in Gefangenschaft gelegen , und von holden Fräulein errettet wurden , alles , was über dieses Kapitel jemals in der traulichen Spinnstube erzählt worden war - und es gab viele » grausige « Geschichten hierüber - , kam ihr in das Gedächtnis . Sie wußte nun zwar nicht , wie es mit der Minne so vornehmer Leute beschaffen sei , aber sie dachte , es werde den hohen Fräulein wohl ungefähr ebenso ums Herz sein , wie den Mädchen von Hardt , wenn sie an einen schmucken Burschen von Ober-Ensingen oder Köngen ihr Herz verschenkt haben . Und in dieser Hinsicht kam ihr das Verhältnis , dem sie in Gedanken nachspürte , gar reizend vor , besonders dachte sie sich den Schmerz des Fräuleins auf ihrer fernen , hohen Burg recht grausam und rührend , wie sie nicht wisse , ob ihr Schatz lebendig oder tot sei , wie sie nicht zu ihm könne , um ihn zu sehen und zu pflegen . Sie wußte ein Lied , das man oft im Lichtkarz sang ; es hatte eine schöne Weise , und kam ihr unwillkürlich auch jetzt in den Sinn ; es hieß : » Wenn i im Bett lieg und bi krank , Wer führt mer mei Schätzle zum Tanz ; Und wenn i im Grab lieg und faule , Wer kußt no ihr Honigmaule ? « Tränen traten ihr in die sonst so fröhlichen Augen , als sie bedachte , wie leicht der Junker seinem Liebchen hätte wegsterben können , und wie sie dann so einsam und ohne Liebe gewesen wäre , und doch war sie gewiß recht schön und eines vornehmen reichen Ritters Kind . Doch ist nicht der Junker noch viel schlimmer daran ? dachte das gutherzige Schwabenkind weiter ; dem Fräulein hatte ja der Vater jetzt Nachricht von ihm gebracht , aber er , er wußte ja seit vielen Tagen kein Wörtchen von ihr ; denn früher wußte er nichts von sich selbst , und seit er wieder ganz bei Leben war , konnte er auch nichts wissen ; darum hatte er wohl die Binde , die er gewiß von ihr hatte , so beweglich angeschaut und ans Herz und den Mund gedrückt ? Sie nahm sich vor ihm zu erzählen , was in jener Nacht vorgegangen sei , vielleicht ist es ihm doch ein Trost , dachte sie . Georg hatte bemerkt , wie die fröhliche Miene des spinnenden Bärbeles nach und nach ernster geworden war , wie sie über etwas nachzusinnen schien , ja er glaubte sogar eine Träne in ihrem Auge bemerkt zu haben . » Was hast du , Mädchen « , sagte er , als die Mutter gerade das Zimmer verlassen hatte ; » warum wirst du auf einmal so still und ernst ? und netzt ja sogar deine Fäden mit Tränen ? « » Send denn Ihr so lustig , Junker ? « fragte Bärbele , und sah ihm recht fest ins Auge ; » i han gmoint , es sei vorig ebbes aus Eure Auga grollt , was selle Binde dort gnetzt hot . Sell hent Er gwiß vo Eurem Schätzle , und jetzt tuet Ichs loid , daß Er et bei er sind . « A17 Sie mochte nahe ans Ziel getroffen haben , denn der junge Mann errötete tief über ihre Frage . » Du hast vielleicht recht « sagte er lächelnd , » doch bin ich deswegen nicht gar zu traurig ich werde sie bald wiedersehen . « » Ach , was des für a Freud sein wird in Lichtastoi « , entgegnete Bärbele mit einem schelmischen Seitenblick . Georg erstaunte ; sollte ihr der Vater von dem Geheimnis seiner Liebe etwas gesagt haben ? » In Lichtenstein ? « fragte er sie , » was weißt du von mir und Lichtenstein ? « » Ach , i mag ' s dem gnädigen Fräule wohl gönna , daß se wieder amol a Freud hot ; mer hot mer gsait , sie häb rechtschaffa g ' jomeret , wie Er so krank gwe send . « A18 » Gejammert sagst du ? « rief Georg , indem er aufsprang und zu ihr trat ; » so wußte sie um meine Krankheit ? O sage , was weißt du von Marie ? kennst du sie ? Was sagte der Vater von ihr ? « » Der Vater hot koi Sterbeswörtle zu mer gsait , und i wißt au net , daß es a Fräule von Lichtastoi geit , wenn et mei Bas ihr Amm wär . Aber Er müeßet mer ' s et übel nemma , Junker , dasse a bissele g ' horcht hau ; gucket des Ding ist so ganga : « A19 Sie erzählte dem Junker wie sie hinter das Geheimnis gekommen sei , und daß der Vater , wahrscheinlich um guten Trost zu bringen , nach Lichtenstein gegangen sei . Georg wurde schmerzlich bewegt durch diese Nachricht , er hatte bis jetzt geglaubt , Marie werde die Nachricht seines Unfalls zugleich mit der tröstlichen Kunde seiner Genesung erhalten ; und jetzt mußte er erfahren , daß sie mehrere bange Tage in Ungewißheit geschwebt sei ; in der schrecklichen Ungewißheit , ob er nicht hier noch entdeckt werde , ob er gerettet werde , ob sie ihn je wiedersehen würde ; er kannte ihr treues Herz , und wie lebhaft konnte er sich ihren Kummer denken ! Wahrlich , sein eigenes Unglück schien ihm gering und nicht zu beachten , wenn er sich den Jammer des teuren Mädchens vorstellte . Wieviel hatte sie in Ulm gelitten , wie schmerzlich war ihr der Abschied von ihm geworden ; und kaum hatte ihr Herz wieder freier geatmet in dem Gedanken , daß er des Bundes Fahnen verlassen werde , kaum hatte sie ein wenig heiterer in die Zukunft gesehen , so kam ihr die Schreckensbotschaft von der tödlichen Wunde . Und dieses alles vor den Blicken des Vaters verschließen zu müssen , diesen großen Schmerz allein tragen müssen , ohne eine , auch nur eine Seele zu haben , bei welcher sie weinen , bei welcher sie Trost suchen konnte . Jetzt füllte er erst , wie notwendig es sei , schnell nach Lichtenstein zu eilen , und seine Ungeduld wurde zum Unmut , daß jener , sonst so kluge Mann , gerade in diesen kostbaren Augenblicken so lange ausbleibe . Das Mädchen mochte seine Gedanken erraten , » I sieh wohl , Er möchtet gern von ich fort ; wenn no der Vater do wär , denn alloi fendet Er da Weg noch Lichtastoi net ; Er send koi Witaberger , des merke an der Sproch , und so kennet Er leicht verirra . Wisseter was ? i lauf em Vater entgege und mach , daß er bald kommt . « A20 » Du wolltest ihm entgegengehen ? « sagte Georg , gerührt von der Gutmütigkeit des Mädchens , » weißt du denn , ob er schon in der Nähe ist ; vielleicht ist er noch stundenweit entfernt , und in einer Stunde wird es Nacht ! « » Und wär ' s so Nacht , daß mer da Weg mit de Händ greifa müeßt , und müeßet e laufa bis Lichtastoi , i wett ' s gern dauh , Er kommet jo no bälder zu - « A21 errötend schlug sie die Augen nieder , denn trieb sie auch ihr gutes Herz , sich zum Liebesboten des Ritters anzubieten , so schämte sie sich doch , jenes zarte Verhältnis , das ihr heute so klar , wie noch nie zuvor einleuchtete , zu berühren . » Und willst du mir zulieb gehen bis Lichtenstein , so wäre es ja töricht von mir , zurückzubleiben , und erst deinen Vater zu erwarten . Ich sattle geschwind mein Roß und reite neben dir her , und du zeigst mir den Weg , bis ich ihn nicht mehr verfehlen kann ! « Das Mädchen von Hardt schlug die Augen nieder und spielte mit dem langen Zopfband ; » aber es wird jo scho enera Stund Nacht « , A22 flüsterte sie kaum hörbar . » Ei , was schadet das , dann bin ich um den Hahnenschrei in Lichtenstein « , antwortete Georg , » du wolltest dich ja vorhin selbst bei Nacht und Nebel auf den Weg machen . « » Ja i wohl « , entgegnete Bärbele ohne aufzusehen , » aber Euch ist ' s gwiß et gsund , wo ner erst krank gwä sent , so in der kühla Nacht en Weg von sechs Stund z ' macha . « A23 » Das kann ich nicht beachten « , rief Georg , » und die Wunde ist ja geheilt , ich bin gesund wie zuvor ; nein ! rüste dich immer , gutes Kind , wir brechen sogleich auf , ich gehe mein Pferd zu satteln . « Er nahm den Zaum von einem Nagel an der Wand , wo er aufgehängt war , und schritt zur Türe . » Herr ! Euer Gnaden ! « rief ihm das Mädchen ängstlich nach ; » lasset ' s lieber geh . Gucket , ' s tuet se et , daß mer so selbander in der Nacht fortganget . D ' Leut in Hardt send so gar wunderlich , und mer tät mer gwiß ebbes ahänga , wenne -.A24 Wartet lieber bis morga früh , so wille Ich meitwega führa bis Pfullinga . « Der Junker ehrte die Gründe des guten Mädchens , und hing schweigend den Zaum wieder an die Wand . Es möchte ihm freilich lieber gewesen sein , wenn die Leute von Hardt weniger geneigt waren , Böses zu denken ; doch es war hier nichts zu tun , als sich schweigend in sein Schicksal zu ergeben . Er beschloß daher diesen Abend und die folgende Nacht noch auf den Pfeifer zu warten ; käme er nicht , so wollte er mit dem frühesten Morgen zu Pferd sein , und unter Leitung seiner schönen Tochter nach Lichtenstein aufbrechen . III Die linden Lüfte sind erwacht , Sie schaffen und weben Tag und Nacht , Sie säuseln an allen Enden , O frischer Duft , o neuer Klang ! Nun , armes Herze , sei nicht bang ! Nun muß sich alles , alles wenden . L. Uhland Aber der Pfeifer von Hardt kehrte auch in dieser Nacht nicht nach Haus zurück , und Georg , der seine Sehnsucht nach der Geliebten nicht mehr länger zügeln konnte , sattelte , als der Morgen graute , sein Pferd . Die runde Frau hatte nach einigen harten Kämpfen , mit ihrem Töchterlein , erlaubt , daß sie den Junker geleiten dürfe . Sie wußte zwar , daß ein so unerhörtes Ereignis viele Abende zur Unterhaltung in den Spinnstuben von Hardt dienen werde , und sah es deswegen nicht ganz gerne . Wenn sie aber bedachte , wieviel ihrem Eheherrn an dem jungen Ritter gelegen sein müsse , weil er ihn in sein Haus aufgenommen , und wie einen Sohn gepflegt hatte , so glaubte sie doch diesen letzten Dienst ihrem Gast nicht abschlagen zu dürfen ; doch machte sie die Bedingung , daß Bärbele vorausgehen , und ihn eine Viertelstunde hinwarfst an einem Markstein erwarten müsse . Georg nahm gerührt Abschied von der stattlichen , runden Frau , die ihm zu Ehren heute noch einmal in ihrem Sonntagsstaat prangte ; er hatte in den geschnitzten Schrank einen Goldgulden gelegt , ein wichtiges Geschenk für die damalige Zeit , und eine bedeutende Summe für die Reisekasse Georgs von Sturmfeder . Der Pfeifer von Hardt soll übrigens nie etwas von diesem Depositum erfahren haben ; sei es nun , daß die gute runde Frau den Goldgulden nicht gefunden hat , oder daß sie ihrem Eheherrn nichts davon berichtete , aus Angst , er möchte den Junker durch die Rückgabe des Geschenkes beleidigen . Nur so viel ist gewiß , daß die Frau des Spielmanns kurze Zeit nach diesem Vorfall mit einem nagelneuen Rock in der Kirche erschien , zur Verwunderung aller Weiber in der Gegend , und daß ihre Tochter Bärbele ein schönes Mieder von feinem Tuch mit Goldborden auf der nächsten Kirchweihe trug , das man früher nie an ihr gesehen . Auch soll sie jedesmal errötet sein , wenn die Mädchen das neue Mieder befühlten und lobten . Welch großen Staat konnte man in den guten Zeiten um einen Goldgulden machen ! Georg traf seine Führerin auf dem bezeichneten Markstein sitzen . Sie sprang auf , als er herankam , und ging mit raschen Schritten neben ihm her . Das Mädchen kam ihm heute noch viel hübscher vor als gestern . Ihre Wangen hatte der frische Aprilmorgen mit hohem Rot bedeckt , und ihre Augen glänzten freundlich . Ihre Tracht eignete sich ganz gut zu einem weiten Marsch , denn das kurze Röckchen hinderte den Fuß nicht , flink auszuschreiten . Sie hatte ein Körbchen an den Arm gehängt , als wolle sie zu Markt in die Stadt gehen . Sie trug aber weder Gemüs noch Früchte darin , was sie wohl sonst in die Stadt zu bringen pflegte , sondern ein Regentuch , mit dem sie sich gegen die wechselnden Launen eines Apriltages versehen hatte . Der Junker dachte bei sich , als sie so schmuck und rüstig neben ihm hinging , daß das Mädchen wohl einmal eine gute , tüchtige Hausfrau zu werden verspreche , und pries den jungen Burschen glücklich , der einst das Kleinod des Spielmannes von Hardt