ein zweiter Orpheus , griff er in die Saiten und es entstand ein neu Geschlecht ; die Mädchen , die bei den französischen Garnisonen etwas frivol geworden waren , wurden sittige , keusche , fromme Fräulein , die jungen Herren zogen die modischen Fracks aus , ließen Haar und Bart wachsen , an die Hemder eine halbe Elle Leinwand setzen , und Kleider machen Leute sagt ein Sprichwort , probatum est , auch sie waren tugendlich , tapfer und fromm . « » God damn ! Sie haben recht , ich habe solche Figuren gesehen « , unterbrach ihn der Engländer , » vor acht Jahren machte ich die große Tour und kam auch nach der Schweiz . Am Vierwaldstätter See ließ ich mir den Ort zeigen , wo die Schweizer ihre Republiken gestiftet haben . Ich traf auf der Wiese eine Gesellschaft , die wunderlich , halb modern , halb aus den Garderoben früherer Jahrhunderte sich gekleidet zu haben schien . Fünf bis sechs junge Männer saßen und standen auf der Wiese und blickten mit glänzenden Augen über den See hin . Sie hatten wunderbare Mützen auf dem Kopf , die fast anzusehen waren wie Pfannkuchen . Lange wallende Haare fielen in malerischer Unordnung auf den Rücken und die Schultern ; den Hals trugen sie frei und hatten breite , zierlich gestickte Krägen , wie heutzutage die Damen tragen , herausgelegt . Ein Rock , der offenbar von einem heutigen Meister , aber nach antiker Form gemacht war , kleidete sie nicht übel ; er schloß sich eng um den Leib und zeigte überall den schönen Wuchs der jungen Männer . In sonderbarem Kontrast damit standen weite Pluderhosen von grober Leinwand . Aus ihren Röcken sahen drohende Dolchgriffe hervor , und in der Hand trugen sie Beilstöcke , ungefähr wie die römischen Liktoren . Gar nicht recht wollte aber zu diesem Kostüm passen , daß sie Brillen auf der Nase hatten und gewaltig Tabak rauchten . Ich fragte meinen Führer , was das für eine sonderbare Armatur und Uniform wäre , und ob sie vielleicht eine Besatzung der Grütli-Wiese vorstellen sollten ? Er aber belehrte mich , daß es fahrende Schüler aus Deutschland wären . Unwillkürlich drängte sich mir der Gedanke an den fahrenden Ritter Don Quijote auf , ich stieg lachend in meinen Kahn und pries mein Glück , auf einem Platz , der durch die erhabenen Erinnerungen , die er erweckt , nur zu leicht zu träumerischen Vergleichungen führt , eine so groteske Erscheinung aus dem Leben gehabt zu haben . Die jungen Deutschen söhnten mich aber wieder mit sich aus , denn als mein Kahn über den See hingleitete , erhoben sie einen vierstimmigen Gesang in so erhabener Melodie , mit so würdigen , ergreifenden Wendungen , daß ich ihnen in Gedanken das Vorurteil abbat , welches ihr Kostüm in mir erweckt hatte . « » Nun ja , da haben wir ' s « , fuhr der Baron von Garnmacher fort , » so sah es damals unter alt und jung in Deutschland aus ; auch ich hatte Fouquésche Romane gelesen , wurde ein frommer Knab , trug mich wie alle meine Kameraden altdeutsch und war meiner Herrin , der wunnigen Maid mit einer keuschen , inniglichen Minne zugetan . Auf Amalien machte übrigens der Zauberring , die Fahrten Thiodolfs etc. nicht den gewünschten Eindruck ; sie verlachte die sittigen , lichtbraunen , blauäugigen Damen , besonders die Bertha von Lichtenrieth , und pries mir Lafontaine und Langbein , schlüpfrige Geschichten , welche ihr eine ihrer Freundinnen zugesteckt hatte . Ich war zu erfüllt von dem deutschen Wesen , das in mir aufging , als daß ich ihr Gehör gegeben hätte , aber der lüsterne Brennstoff jener Romane brannte fort in dem Mädchen , das sich , weil sie für ihr Alter schon ziemlich groß war , für eine angehende Jungfrau hielt , und kurz - es gab eine Josephsszene zwischen uns ; ich hüllte mich in meinen altdeutschen Rock und meine Fouquésche Tugend ein und floh vor den Lockungen der Sirene ; wie mein Held Thiodolf vor der herrlichen Zoe . Die Folge davon war , daß sie mich als einen Unwürdigen verachtete , und dem Prinzen , des Rektors Sohn , ihre Liebe schenkte . Ob er mit ihr Lafontaine und Langbein studierte , weiß ich nicht zu sagen , nur so viel ist mir bekannt , daß ihn der Fürst , Amaliens Vater , einige Wochen nachher eigenhändig aus dem Garten gepeitscht hat . Ich saß jetzt wieder auf meinem Dachkämmerlein , hatte die hebräische Bibel und die griechischen Unregelmäßigen vor mir liegen und auf ihnen meine Romane . An manchem Abend habe ich dort heiße Tränen geweint und durch die Jalousien in den Garten hinabgeschaut , denn die zuchtlose Jungfrau sollte meinen Jammer nicht erschauen , sie sollte den Kampf zwischen Haß und Liebe nicht auf meinem Antlitz lesen . Ich war fest überzeugt , daß so unglücklich wie ich , kein Mensch mehr sein könne und höchstens der unglückliche Otto von Trautwangen , als er in Frankreich mit seinem vernünftigen lichtbraunen Rößlein eine Höhle bewohnte , konnte vielleicht so kummervoll gewesen sein wie ich . Aber das Maß meiner Leiden war nicht voll ; hören Sie , wie aus entwölkter Höhe , mich ein zweiter Donner traf . Der alte Rektor hatte seinen Schülern ein Thema zu einem Aufsatz gegeben , worin wir die Frage beantworten sollten , wen wir für den größten Mann Deutschlands halten ? Es sollte sein Wert geschichtlich nachgewiesen , Gründe für und wider angegeben und überhaupt alles recht gelehrt abgemacht werden . Ich hatte , wie ich Ihnen schon bemerkt habe , meine Herren , immer einen harten Kopf , und Aufsätze mit Gründen waren mir von jeher zuwider gewesen , ich hatte also auch immer mittelmäßige oder schlechte Arbeit geliefert . Aber für diese Arbeit war ich ganz begeistert , ich fühlte eine hohe Freude in mir , meine Gedanken über die großen Männer meines Vaterlandes zu sagen und meine Ideale ( und wer hat in diesen Jahren nicht solche ) in gehöriges Licht setzen zu können . Geschichtlich sollte das Ding abgefaßt werden ? was war leichter für mich als dies ; jetzt erst fühlte ich den Nutzen meines eifrigen Lesens ; wo war einer , der so viele Geschichten gelesen hatte als ich ? Und wer , der irgendeinmal diese Bücher der Geschichten in die Hand nahm , wer konnte in Zweifel sein , wer die größten Männer meines Vaterlandes seien ? Zwar war ich noch nicht ganz mit mir selbst im reinen , wem ich die Krone zuerkennen sollte ; Hasper a Spada ? es ist wahr , es war ein Tapferer , der Schrecken seiner Feinde , die Liebe seiner Freunde ; aber , wie die Geschichte sagt , war er sehr stark dem Trinken ergeben und dies war doch schon eine Schlacke in seinem fürtrefflichen Charakter ; Adolph der Kühne , Raugraf von Dassel ? Er hat schon etwas mehr von einem großen Mann ; wie schrecklich züchtigt er die Pfaffen ! Wenn er nur nicht in der Historie nach Rom wandeln und Buße tun müßte , aber dies schwächt doch sein majestätisches Bild . Es ist wahr , Otto von Trautwangen glänzt als ein Stern erster Größe in der deutschen Geschichte , dachte ich weiter , aber auch er scheint doch nicht der größte gewesen zu sein , wiewohl seine Frömmigkeit , die sehr in Anschlag zu bringen ist , jeden Zauber überwand . Island gehörte wohl auch zum deutschen Reich , wahrhaftig unter allen deutschen Helden ist doch keiner , der dem Thiodolf das Wasser reicht . Stark wie Simson , ohne Falsch wie eine Taube , fromm wie ein Lamm , im Zorn ein Berserker , es kann nicht fehlen , er ist der größte Deutsche . Ich setzte mich hin und schrieb voll Begeisterung diese Rangordnung nieder ; wohl zehnmal sprang ich auf , meine Brust war zu voll , ich konnte nicht alles sagen , die Feder , die Worte versagten mir , wohl zehnmal las ich mir mit lauter Stimme die gelungensten Stellen vor ; wie erhaben lautete es , wenn ich von der Stärke des Isländers sprach , wie er einen Wolf zähmte , wie er in Konstantinopel ein Pferd nur ein wenig auf die Stirne klopfte , daß es auf der Stelle tot war , wie großmütig verschmäht er alle Belohnung , ja er schlägt einen Kaiserthron aus , um seiner Liebe treu zu bleiben , wie kindlich fromm ist er , obgleich er die christliche Religion nicht recht kannte , wie schön beschrieb ich das alles ; ja ! es mußte das harte Herz des alten Rektors rühren ! Ich konnte mir denken , wie er meine Arbeit mit steigendem Beifall lesen , wie er morgens in die Klasse kommen würde , um unsere Aufsätze zu zensieren ; dann sendet er gewiß einen milden , freundlichen Blick nach dem letzten Platze , wohin er sonst nur wie ein brüllender Löwe schaute , dann liest er meine Arbeit laut vor und spricht : Kann man etwas Gelungeneres lesen als dies , und ratet , wer es gemacht hat ? Die Letzten sollen die Ersten werden ; der Stein , den die Bauleute verworfen haben , soll zum Eckstein werden ; tritt hervor , mein Sohn , Garnmachere ! Ich habe immer gesagt , du seiest ein bête , konnte ich ahnen , daß du mit so vielem Eifer Geschichten studierst ? Nimm hin den Preis , der dir gebührt . So mußte er sagen , er konnte nicht anders , ohne das schreiendste Unrecht zu tun . Eifrig schrieb ich jetzt meinen Aufsatz ins reine , und um zu zeigen , daß ich auch in den neueren Geschichten nicht unbewandert sei , sagte ich am Schluß , daß ich nach Erfindung des Pulvers den deutschen Alcibiades , und nächst ihm Hermann von Nordenschild für die größten Männer halte . Man könne ihnen den Ritter Euros , welcher nachher als Domschütz mit seinen Gesellen10 so großes Aufsehen gemacht habe , was die Tapferkeit betreffe , vielleicht an die Seite stellen , doch stehen jene beiden auf einem viel höheren Standpunkt . Ich brachte dem Rektor triumphierend den Aufsatz und mußte ihm beinahe ins Gesicht lachen , als er mürrisch sagte : Er wird wieder ein schönes Geschmier haben , Garnmacher ! Lesen Sie , und dann - richten Sie , gab ich ihm stolz zur Antwort und verließ ihn . Wenn in Ihrem Vaterlande , Mylord , eine Preisfrage gestellt würde , über den würdigsten englischen Theologen , und es würden in einer gelehrten , mit Phrasen wohldurchspickten Antwort die Vorzüge des Vicar of Wakefield dargetan , wer würde da nicht lachen ? Wenn Sie , werter Marquis , nach der würdigsten Dame zu den Zeiten Louis XIV. gefragt würden und Sie priesen die Neue Heloise , würde man Sie nicht für einen Rasenden halten ? Hören Sie , welche Torheit ich begangen hatte ! Der Samstag , an welchem man unsere Arbeiten gewöhnlich zensierte , erschien endlich . Sooft dieser Tag sonst erschienen war , war er mir immer ein Tag des Unglücks gewesen ; gewöhnlich schlich ich da mit Herzklopfen zur Schule , denn ich durfte gewiß sein , wegen schlechter Arbeit getadelt , öffentlich geschmäht zu werden . Aber wieviel stolzer trat ich heute auf , ich hatte meinen besten Rock angezogen , den schönsten , feingestickten Hemdkragen angelegt , mein wallendes Haar war zierlich gescheitelt und gelockt , ich sah stattlich aus und gestand mir , ich sei auch im Äußeren des Preises nicht unwürdig , welcher mir heute zuteil werden sollte . Der Rektor fing an , die Aufsätze zu zensieren ; wie ärmliche , obskure Helden hatten sich meine Mitschüler gewählt : Hermann , Karl der Große , Kaiser Heinrich , Luther und dergleichen - er ging viele durch , immer kam er noch nicht an meine Arbeit ; ja es war offenbar , meine Helden hatte er auf die Letzt aufgespart - als die besten ! Endlich ruhte er einige Augenblicke , räusperte sich und nahm ein Heft mit rosenfarber Überdecke , das meinige , zur Hand ; mein Herz pochte laut vor Freude , ich fühlte , wie sich mein Mund zu einem triumphierenden Lächeln verziehen wollte , aber ich gab mir Mühe , bescheiden bei dem Lob auszusehen ; der Rektor begann : Und nun komme ich an eine Arbeit , welche ihresgleichen nicht hat auf der Erde ( earth ) ich will einige Stellen daraus vorlesen : er deklamierte mit ungemeinem Pathos gerade jene Kraftstellen , welche ich mit so großer Begeisterung niedergeschrieben hatte ; ein schallendes Gelächter aus mehr als vierzig Kehlen unterbrach jeden Satz , und als er endlich an den Schluß gelangte , wo ich mit einer kühnen Wendung dem furchtbaren Domschützen noch einige Blümchen gestreut hatte , erscholl Bravo ! Ancora ! und die Tische krachten unter den beifalltrommelnden Fäusten meiner Mitschüler . Der Rektor winkte Stille und fuhr fort : Es wäre dies eine gelungene Satire auf die Herren Spieß und Konsorten , wenn nicht der Verfasser selbst eine Satire auf die Menschheit wäre . Es ist unser lieber Garnmacher . Tritt hervor du dedecus naturae , hieher zu mir ! Zitternd folgte ich dem fürchterlichen Wink . Das erste war , als ich vor ihm stand , daß er mir das rosenfarbene Heft einmal rechts und einmal links um die Ohren schlug ; und jetzt donnerte eine Strafpredigt über mich herab , von der ich nur so viel verstand , daß ich ein bête war , und nicht wußte , was Geschichte sei . Es begegnet zuweilen , daß man im Traum von einer schönen , blumigen Sonnenhöhe in einen tiefen Abgrund herabfällt ; man schwindelt , indem man die unermeßlichen Höhen herabfliegt , man fühlt die unsanfte Erschütterung , wenn man am Boden zu liegen glaubt , man erwacht und sieht sich mit Staunen auf dem alten Boden wieder ; die Höhe , von der man herabstürzte , ist mit all ihren Blütengärten verschwunden , ach , sie war ja nur ein Traum ! So war mir damals , als mich der Rektor aus meinem Schlummer aufschüttelte , ein tiefer Seufzer war die einzige Antwort , die ich ihm geben konnte , ich war arm wie jener Krösus , als er vor seinem Sieger Cyrus stand , auch ich hatte ja alle meine Reiche verloren ! ! Ich sollte bekennen , woher ich die Romane bekommen , wer mir das Geld dazu gegeben habe ; konnte , durfte ich sie , die ich einst liebte , verraten ? Ich leugnete , ich hielt den ganzen Sturm des alten Mannes auf , ich stand wie Mucius Scaevola . Der langen Rede kurzer Sinn war übrigens der , daß ich von meinem Vater ein Attestat darüber bringen müsse , daß ich das Geld zu solchen Allotriis von ihm habe , und überdies habe ich am nächsten Montag vier Tage Karzer anzutreten . Verhöhnt von meinen Mitschülern , die mir Thiodolf , deutscher Alcibiades und dergleichen nachriefen ; in dumpfer Verzweiflung ging ich nach Hause . Es war gar kein Zweifel , daß mich mein Vater , wenn er diese Geschichte erfuhr , entweder sogleich totschlagen , oder wenigstens zum Schneidersjungen machen würde . Vor beidem war mir gleich bange ; ich besann mich also nicht lange , band etwas Weißzeug und einige seltene Dukaten und andere Münzen , welche mir meine Paten geschenkt hatten , in ein Tuch , warf noch einen Kuß , und den letzten Blick nach des Nachbars Garten , sagte meinem Dachstübchen Lebewohl , und eine Viertelstunde nachher wanderte ich schon auf der Straße nach Berlin , wo mir ein Oheim lebte , an welchen ich mich vors erste zu wenden gedachte . In meinem Herzen war es öde und leer , als ich so meine Straße zog ; meine Ideale waren zerronnen . Sie hatten also nicht gelebt , diese tapferen , frommen , liebevollen , biederen Männer , sie hatten nicht geatmet jene lieblichen Bilder holder Frauen ; jene bunte Welt voll Putz und Glanz , alle jene Stimmen , die aus fernen Jahrhunderten zu mir herübertönten , die mutigen Töne der Trompete , Rüdengebell , Waffengeklirr , Sporenklang , süße Akkorde der Laute - alles , alles dahin , alles nichts als eine löschpapierene Geschichte , im Hirn eines Poeten gehegt , in einer schmutzigen Druckpresse zur Welt gebracht ! Ich sah mich noch einmal nach der Gegend um , die ich verlassen hatte ; die Sonne war gesunken , die Nebel der Elbe verhüllten das liebe Dresden , nur die Spitzen der Türme ragten vergoldet vom Abendrot über dem Dunstmeer . So lag auch mein Träumen , mein Hoffen , Vergangenheit und Zukunft in Nebel gehüllt , nur einzelne hohe Gestalten standen hell beleuchtet wie jene Türme vor meiner Seele ; wohlan ! sprach ich bei mir selbst : O fortes , pejoraque passi Mecum saepe viri , nunc cantu pellite curas Cras ingens iterabimus aequor . Noch einmal breitete ich die Arme nach der Vaterstadt aus , da fühlte ich einen leichten Schlag auf die Schulter und wandte mich um . « Der Herausgeber ist in der größten Verlegenheit ; er hat bis auf den Tag , an welchem er dies schreibt , dem Verleger das Manuskript zum ersten Teil versprochen , und doch fehlt noch ein großer Teil des letzten Abschnittes ; er ist noch nicht geweiht , die Messe ist schon vorüber und eine eigene über die paar Bogen lesen zu lassen , findet sich weder ein gehöriger Vorwand , noch würde das Werkchen diese bedeutende Ausgabe wert sein . Wir versparen daher die Fortsetzung des Festtages in der Hölle auf den zweiten Teil . Zweiter Teil Vorspiel Worin von Prozessen , Justizräten die Rede , nebst einer stillschweigenden Abhandlung » was von Träumen zu halten sei ? « Dieser zweite Teil der Mitteilungen aus den Memoiren des Satan erscheint um ein völliges Halbjahr zu spät . Angenehm ist es dem Herausgeber , wenn die Leser des ersten sich darüber gewundert , am angenehmsten , wenn sie sich darüber geärgert haben ; es zeigt dies eine gewisse Vorliebe für die schriftstellerischen Versuche des Satan , die nicht nur ihm , sondern auch seinem Übersetzer und Herausgeber erwünscht sein muß . Die Schuld dieser Verspätung liegt aber weder in der zu heißen Temperatur des letzten Spätsommers , noch in der strengen Kälte des Winters , weder im Mangel an Zeit oder Stoff , noch in politischen Hindernissen ; die einzige Ursache ist ein sonderbarer Prozeß , in welchen der Herausgeber verwickelt wurde , und vor dessen Beendigung er diesen zweiten Teil nicht folgen lassen wollte . Kaum war nämlich der erste Teil dieser Memoiren in die Welt versandt und mit einigen Posaunenstößen in den verschiedenen Zeitungen begleitet worden , als plötzlich in allen diesen Blättern zu lesen war eine Warnung vor Betrug » Die bei Fr . Franckh in Stuttgart herausgekommenen Memoiren des Satan sind nicht von dem im Alten und Neuen Testament bekannten und durch seine Schriften : Elixiere des Teufels , Bekenntnisse des Teufels , als Schriftsteller berühmten Teufel , sondern gänzlich falsch und unrecht ; was hiemit dem Publikum zur Kenntnis gebracht wird . « Ich gestehe , ich ärgerte mich nicht wenig über diese Zeilen , die von niemand unterschrieben waren . Ich war meiner Sache so gewiß , hatte das Manuskript von niemand anders als dem Satan selbst erhalten , und nun , nach vielen Mühen und Sorgen , nachdem ich mich an den infernalischen Chiffern beinahe blind gelesen , soll ein solcher anonymer Totschläger über mich herfallen , meine literarische Ehre aus der Ferne totschlagen und besagte Memoiren für unecht erklären ? Während ich noch mit mir zu Rate ging , was wohl auf eine solche Beschuldigung des Betruges zu antworten sei , werde ich vor die Gerichte zitiert und mir angezeigt , daß ich einer Namensfälschung , eines literarischen Diebstahls angeklagt sei und zwar - vom Teufel selbst , der gegenwärtig als Geheimer Hofrat in persischen Diensten lebe . Er behaupte nämlich , ich habe seinen Namen Satan mißbraucht , um ihm eine miserable Scharteke , die er nie geschrieben , unterzuschieben ; ich habe seinen literarischen Ruhm benützt , um diesem schlechten Büchlein einen schnellen und einträglichen Abgang zu verschaffen ; kurz , er verlange nicht nur , daß ich zur Strafe gezogen , sondern auch daß ich angehalten werde , ihm Schadenersatz zu geben , » dieweil ihm ein Vorteil durch diesen Kniff entzogen worden « . Ich verstehe so wenig von juridischen Streitigkeiten , daß mir früher schon der Name Klage oder Prozeß Herzklopfen verursachte ; man kann sich also wohl denken , wie mir bei diesen schrecklichen Worten zumute ward . Ich ging niedergedonnert heim und schloß mich in mein Kämmerlein , um über diesen Vorfall nachzudenken . Es war mir kein Zweifel , daß es hier drei Fälle geben könne : entweder hatte mir der Teufel selbst das Manuskript gegeben , um mich nachher als Kläger recht zu ängstigen und auf meine Kosten zu lachen ; oder irgendein böser Mensch hatte mir die Komödie in Mainz vorgespielt , um das Manuskript in meine Hände zu bringen , und der Teufel selbst trat jetzt als erbitterter Kläger auf ; oder drittens , das Manuskript kam wirklich vom Teufel , und ein müßiger Kopf wollte jetzt den Satan spielen und mich in seinem Namen verklagen . Ich ging zu einem berühmten Rechtsgelehrten und trug ihm den Fall vor . Er meinte , es sei allerdings ein fataler Handel , besonders weil ich keine Beweise beibringen könne , daß das Manuskript von dem echten Teufel abstamme , doch er wolle das Seinige tun und aus der bedeutenden Anzahl Bücher , die seit Justinians Corpus juris bis auf das neue birmanische Strafgesetzbuch über solche Fälle geschrieben worden seien , einiges nachlesen . Das juridische Stiergefecht nahm jetzt förmlich seinen Anfang . Es wurde , wie es bei solchen Fällen herkömmlich ist , so viel darüber geschrieben , daß auf jeden Bogen der Memoiren des Satan ein Ries Akten kam , und nachdem die Sache ein Vierteljahr anhängig war , wurde sogar auf Unrechtskosten eine eigene Aktenkammer für diesen Prozeß eingeräumt ; über der Türe stand mit großen Buchstaben : » Acta in Sachen des persischen G. H. R. Teufels gegen Dr. H-f , betreffend die Memoiren des Satan . « Ein sehr günstiger Umstand für mich war der , daß ich auf dem Titel nicht » Memoiren des Teufels « , sondern » des Satan « gesagt hatte . Die Juristen waren mit sich ganz einig , daß der Name Teufel in Deutschland sein Familienname sei , ich habe also wenigstens diesen nicht zur Fälschung gebraucht ; Satan hingegen sei nur ein angenommener , willkürlicher , denn niemand im Staate sei berechtigt , zwei Namen zu führen . Ich fing an , aus diesem Umstand günstigere Hoffnungen zu schöpfen , aber nur zu bald sollte ich die bittere Erfahrung machen , was es heiße , den Gerichten anheimzufallen . Das Referat in Sachen des et cetera war nämlich dem berühmten Justizrat Wackerbart in die Hände gefallen , einem Mann , der schon bei Dämpfung einiger großen Revolutionen ungemeine Talente bewiesen hatte , und neuerdings sogar dazu verwendet wurde , bedeutende Unruhen in einem Gymnasium zu schlichten . Stand nicht zu erwarten , daß ein solcher berühmter Jurist meine Sache nur als eine cause célèbre ansehen , und sie also handhaben werde , daß sie , gleichviel , wem von beiden Recht , ihm am meisten Ruhm einbrächte ? Hiezu kam noch der Titel und Rang meines Gegners ; Wackerbart hatte seit einiger Zeit angefangen , sich an höhere Zirkel anzuschließen , mußte ihm da ein so wichtiger Mann , wie ein persischer geheimer Hofmann , nicht mehr gelten als ich Armer ? Es ging wie ich vorausgesehen hatte . Ich verlor meine Sache gegen den Teufel . Strafe , Schadenersatz , aller mögliche Unsinn wurde auf mich gewälzt , ich wunderte mich , daß man mich nicht einige Wochen ins Gefängnis sperrte oder gar hängte . Man hatte hauptsächlich folgendes gegen mich in Anwendung gebracht : » Entscheidungs-Gründe zu dem vor dem Kriminalgericht Klein-Justheim unter dem 4. Dezbr . 1825 , gefällten Erkenntnis in der Untersuchungssache gegen den Dr .... f wegen Betrugs . 1. Es ist durch das Zugeständnis des Angeklagten erhoben , daß er keine Beweise beizubringen weiß , daß die von ihm herausgegebenen Memoiren des Satan wirklich von dem bekannten , echten Teufel , so gegenwärtig als Geheimer Hofrat in persischen Diensten lebt , herrühren . Ferner hat der Angeschuldigte .... f zugegeben , daß die in den öffentlichen Blättern darüber enthaltene Ankündigung mit seinem Wissen gegeben sei . 2. Die letztgedachte Ankündigung ist also abgefaßt , daß hieraus die Absicht des Verfassers , die Lesewelt glauben zu machen , daß Die Memoiren des Satan von dem wahren , im Alten und Neuen Testament bekannten und neuerdings als Schriftsteller beliebten Teufel geschrieben sei , nur allzu deutlich hervorleuchten tut . 3. Durch diese Verfahrungsart hat sich der Angeklagte .... f eines Betruges , alldieweilen solcher im allgemeinen in jedweder auf inpermissen Commodum für sich oder Schaden anderer gerichteten unrechtlichen Täuschung anderer , entweder indem man falsche Tatsachen mitteilt oder wahre dito nicht angibt - besteht ; oder um uns näher auszudrücken , da hier die Sprache von einer Ware und gedrucktem Buch ist - einer Fälschung schuldig gemacht : Denn , durch den Titel Memoiren des Satan und die Anpreisung des Buches wurde der Lesewelt fälschlich vorgespiegelt , daß das Buch ausdrücklich von dem unter dem Namen Satan bekannten , k. persischen Geheimen Hofrat Teufel verfaßt sei , was beim Verkauf des Werkes verursachte , daß es schneller und in größerer Quantität abging , als wenn das Büchlein unter dem Namen des Herrn .... f , so dem Publico noch gar nicht bekannt ist , erschienen wäre , und wodurch die , so es kauften , in ihrer schönen Erwartung , ein echtes Werk des Teufels in Händen zu haben , schnöde betrogen wurden . 4. Wenn der Herr Dr .... f , um sich zu entschuldigen , dagegen einwendet , daß der Name Satan in Deutschland nur ein angenommener sei , worauf der Teufel , wie man ihn gewöhnlich nennt , keinen Anspruch zu machen habe , so bemerken wir Kriminalleute von Klein-Justheim sehr richtig , daß sich .... f auf den Gebrauch jenes angenommenen , übrigens bekanntermaßen den Teufel sehr wohl bezeichnenden Namen nicht beschränkt , sondern in dem Werke selbst überall durchblicken läßt , namentlich in der Einleitung , daß der Verfasser derjenige Teufel oder Satan sei , welcher dem Publico , besonders dem Frauenzimmer , wie auch denen Gelehrten durch frühere Opera , z.B. die Elixiere des Teufels et cetera rühmlichst bekannt ist , wodurch wohl ebenfalls niemand anders gemeint ist , als der Geheime Hofrat Teufel . 5. Man muß lachen über die Behauptung des Inkulpaten , daß das in Frage stehende Opusculum , wie auch nicht destoweniger seine Anzeige , eigentlich eine Satire auf den Teufel und jegliche Teufelei jetziger Zeit sei ! Denn diese Entschuldigung wird durch den Inhalt der Schrift selbst widerlegt ; ja , jeder Leser von Vernunft muß das auch wohl eher für eine etwas geringe Nachäffung der Teufeleien , als für - eine Satire auf dieselben erkennen . Wäre aber auch , was wir Juristen nicht einzusehen vermögen , das Werk dennoch eine Satire , so ist durchaus kein günstiger Umstand für .... f zu ziehen , weil derjenige Käufer , der etwas Echtes , vom Teufel Verfaßtes kaufen wollte , erst nach dem Kauf entdecken konnte , daß er betrogen sei . 6. Außer der völlig rechtswidrigen Täuschung der Lesewelt , Leihbibliotheken et cetera , ist in der vorliegenden Defraudation auch ein Verbrechen gegen den begangen , dessen Name oder Firma mißbraucht worden ; nämlich , und specialiter gegen den Geheimen Hofrat Teufel , welcher sowohl als Gelehrter und Schriftsteller , als von wegen des Honorars seiner übrigen Schriften , sehr dabei interessiert ist , daß nicht das Geschreibsel anderer als von ihm niedergeschrieben , wie auch erdacht , angezeigt und verkauft werde . 7. Wenn endlich der Angeklagte behauptet , daß er das Buch arglos herausgegeben , ohne das Klein-Justheimer Recht hierüber zu kennen , daß ihn auch bei der Fälschung durchaus keine gewinnsüchtigen Absichten geleitet hätten , so ist uns dies gleichgültig , und haben nicht darauf Rücksicht zu nehmen , denn Fälschung ist Fälschung , sei es , ob man englische Teppiche nachahmt und als echt verkauft , oder Bücher schreibt unter falschem Namen ; ist alles nur verkäufliche Ware und kann den Begriff des Vergehens nicht ändern , weil immer noch die Täuschung und Anschmierung der Käufer restiert und zwar ebenfalls nichts destominder auch alsdann , wenn die Memoiren des Satan gleichen Wert mit den übrigen Büchern des Teufels hätten ( was wir Klein-Justheimer übrigens bezweifeln , da jener Geheimer Hofrat ist ) , weil dem Ebengedachten schon durch das Unterschieben eines fremden Machwerkes unter seinem Namen ein Schaden in juridischem Sinne sein tut . Es ist daher , wie man getan hat , erkannt worden usw. usw. Gez . Präsident und Räte des Kriminalgerichtes zu Klein-Justheim . « Hast du , geneigter Leser , nie die berühmten Nürnberger Gliedermänner gesehen , so , kunstreich aus Holz geschnitzelt , ihre Gliedlein nach jedem Druck bewegen ? Hast du wohl selbst in deiner Jugend mit solchen Männern gespielt und allerlei Kurzweil mit ihnen getrieben , und probiert , ob es nicht schöner wäre , wenn er z.B. das Gesicht im Nacken trüge und den Rücken hinunterschaue , oder ob es nicht vernünftiger wäre , wenn ihm die Beine ein wenig umgedreht würden , daß er vor- und rückwärts spaziere , wie