; und damit gieng er ohne weiteres zum Zimmer hinaus in sein Komtoir . Anna freute sich des leichten Sieges , und war dabei billig genug , nicht mehr zu fordern als sie eben bedurfte , denn sie glaubte , mit dieser stummen Bewilligung könne sie völlig zufrieden sein , und sie ohne alles Bedenken benutzen . Der Morgen des zu Raimunds Abreise bestimmten Tages brach endlich an , und die Liebenden sahen in den lezten Minuten vor dieser sich wieder , denn so hatten beide es gewollt . Doch welch ein Wiedersehen war das ! Wiederfinden und Trennung , Seeligkeit des Himmels und unaussprechlich tiefes Leiden , drängten auf der Spitze eines einzigen kurzen Augenblicks sich zusammen . So gränzen in dem Stunden-Dasein der Ephemere die erste Regung des Lebens und das Erstarren des Todes enge an einander . Seelig und trostlos , ohne Worte und doch unendlich beredt , hielten Raimund und Vicktorine sich umfangen bis die Stunde der Trennung schlug . Die Tante hörte den Ton der Glocke , die sie verkündete , sie hatte so lange in sich versunken da gesessen , jezt richtete sie sich auf und ihr Blick fiel zuerst auf Raimund . Ein die Wolken durchbrechender schwacher Sonnenstrahl verklärte in diesem Augenblick die schmerzlich bewegten Züge seines edeln Gesichts ; Anna fuhr wie von einem gewaltsamen Schmerz plötzlich ergriffen schaudernd zusammen , und ihre Hand zuckte unwillkührlich nach ihrem Herzen , während ihr Auge mit einem unbeschreiblichen Ausdruck an Raimunds trüber Gestalt hieng . Ein halb unterdrückter Schmerzenslaut drängte sich ihr aus tiefster Brust herauf , sie schwankte erbleichend und drohte zu sinken . Erschrocken eilten Vicktorine und Raimund sie zu unterstützen und sie aufs Sofa zu geleiten , doch sie erholte sich noch früher , indem ein Strom von Thränen ihrem bangebeklommnen Herzen Erleichterung zu gewähren schien . Jezt drückte Raimund noch einmal die vereinten Hände beider ihm so theuren Wesen an seine brennenden Lippen , an seine hochschlagende Brust , und entfernte sich dann schnell . Sie sahen die geliebte Gestalt durch die Thüre verschwinden , die sich in langer Zeit nicht , vielleicht nie wieder , ihr öffnen sollte . Raimunds Schritte tönten den langen Corridor entlang , immer schwächer , immer mehr aus der Ferne . Vicktorine ohne einen Laut von sich zu geben , horchte dem Ton bis er sich ganz verlor , dann warf sie sich in die geöffneten Arme , an die treue Brust , die fast eben so bewegt als ihre eigene , mit nicht minder heftigem Schmerz zu ringen schien . Das Schreckbild einer weiten gefahrvollen Reise des Geliebten , das vor wenigen Wochen Vicktorinen fast zu Tode geängstigt hatte , war jezt zur Wirklichkeit geworden . So , sagt man , glauben die Perser , daß jedes ausgesprochne Wort zu einem geisterartigen Wesen sich umwandle , welches unabläßig so lange die Welt bis an die Pforten des Paradieses durchstreife , bis es zur That sich gestaltet habe . Indessen war es doch merkwürdig , wie Vicktorine diesen wahrhaften Schmerz mit weit größerer Fassung ertrug , als jenen erträumten , der sein Vorbild gewesen war . Daß sie mit Bewußtsein , aus freiem Willen , ihn auf sich genommen , erleichterte ihn ihr vielleicht nicht minder , als die innige Theilnahme ihrer mütterlichen Freundin ; vor allem aber erhob die Hoffnung einer aus diesem Opfer entspringenden glücklicheren Zukunft sie über sich selbst , und wiegte die oft bis zur Ungeduld sich steigernde Sehnsucht wieder zur Ruhe ein , von der sie in einsamen Stunden nur gar zu oft sich ergriffen fühlte . Ihr körperliches Befinden bedurfte jezt keiner besonderen Pflege mehr , doch ihr Gemüth bedurfte der zartesten Schonung , und diese fand sie nur bei der Tante und ihrer Angelika . In den stillen geräuschlosen Abendstunden , welche Babet und Agathe jezt öftrer als sonst außer dem Hause , bei ihren Freundinnen , zubringen durften , gab die Tante den Bitten ihrer beiden Lieblinge gerne nach , und nahm den Faden der Geschichte ihres Lebens dort wieder auf , wo sie am ersten Abende ihn hatte fallen lassen . Wir geben ihre Erzählung so viel möglich mit ihren eignen Worten , doch ohne der Zwischenreden ihrer Zuhörerinnen oder der mitunter eintretenden Störungen und Pausen weiter zu erwähnen . Fortsetzung der früheren Lebensgeschichte der Tante . » Schwer und undurchdringlich in ihrer Finsternis lastete die Nacht nach jenem furchtbaren Abende auf mir , « sprach Anna von Falkenhayn im Verfolg ihrer Erzählung . » Sie schien nimmer enden zu wollen und meine brennend heißen thränenlosen Augen erstarrten an ihrer von keinem Stern erhellten Dunkelheit , ohne daß es mir möglich gewesen wäre auch nur Minuten lang in tröstendem Selbstvergessen sie zu schließen . Es war die erste Nacht , die ich gefoltert von innern Vorwürfen durchwachte , ihr düsterer Schatten hat sich über mein ganzes Leben verbreitet und ist nie wieder ganz aus demselben verschwunden . Unzählige trübe schlaflose Nächte sind seitdem dieser ersten gefolgt , doch gottlob keine so ganz trostlose als diese , denn nie war ich wieder so durchaus mit mir selbst zerfallen wie damals . Vergebens strebte ich an dem sonst mir eignen Stolz mich wieder aufzurichten , vergebens wollte ich eine Thörin mich schelten und die Last leicht zu nehmen suchen , die mich zu erdrücken drohte . Die glühendste Liebe sprach laut in meinem Herzen , jeder Schlag desselben erhöhte das Gefühl der bittersten , an Selbstverachtung gränzenden Reue , und mein ehemaliges eitles Bewußtsein verschwand unter der angestrengtesten Bemühung es fest zu halten . Endlich kam der Tag ; jedem auch dem unglücklichsten Wesen pflegt er wenigstens für einen kurzen Moment Muth und Trost zu bringen , und auch ich begann jezt zu hoffen , Bernhard könne so nicht auf immer von mir geschieden sein , oder ich suchte es vielmehr mir selbst wahrscheinlich zu machen , daß ich diese Hoffnung noch hege . Ich stand auf um nur so schnell als möglich jedes nächtliche Grauen abzustreifen , doch der erste Blick in meinen Spiegel flößte mir neues Entsetzen ein , so schattenähnlich , so bleich und zerstört trat mein Bild aus ihm mir entgegen . Zum erstenmal in meinem Leben sah ich mich gezwungen , jene kleinen Toilettenkünste zu üben , die ich bis jezt immer mit Verachtung verschmäht hatte , denn ich war zwar fest entschlossen , dem Mann , den ich liebte , mit edler Freimüthigkeit entgegen zu treten , ich wollte ohne Rückhalt und wahr mein ganzes Herz ihm eröffnen , sogar , im Fall dies nöthig würde , zum Bekenntnis des Gefühls meiner übermüthigen Thorheit mich herablassen ; aber zu deutlich in meinem Gesichte lesen , was in meinem Gemüth indessen vorgegangen war , das sollte Bernhard denn doch auch nicht . Der Morgen vergieng größtentheils über dieser Beschäftigung , die ich um mich selbst zu täuschen so zögernd als möglich betrieb . Auch späterhin noch wandte ich alles an , um nur nicht zu bemerken , wie weit der Tag schon vorgerückt , und daß die Stunde längst vorüber sei , in der Bernhard sonst zu kommen pflegte , mein armes Herz schlug aber immer voller und schwerer . Endlich brachte man mir eine nur mit seinem Namen bezeichnete Abschiedskarte , und meinem Vater ein versiegeltes Billet , in welchem Bernhard in ziemlich allgemeinen Ausdrücken für alle bisher ihm gewährte Beweise seines Wohlwollens dankte , und auf unbestimmte Zeit Abschied nahm , ohne jedoch das Ziel seiner Reise dabei zu erwähnen . Mein Vater vermied es mich anzusehen , indem er das Billet , so wie er es still für sich gelesen , mir hinreichte , und nie hat mich etwas tiefer und demüthigender gekränkt . Ich zog mich bald darauf unter dem gewiß nicht ganz ersonnenen Vorwande körperlichen Uebelbefindens in mein Zimmer zurück , und verlebte dort ganz allein ein paar stille einsame Tage ; denn ich bedurfte dieser gar sehr , um nur einigermaßen mich mit mir selbst zu berathen . Nur fort von hier ! war das einzige Ziel meiner Gedanken ; denn die Gesellschaft wieder zu sehen , in der ich Bernhard vermissen sollte , schien mir unmöglich zu sein . Doch wohin sollte ich mich wenden ? ich hatte keine Freundin , sogar nicht einmal eine Bekannte meines Geschlechts , die mir in dieser Verlegenheit Schutz und Obdach hätte gewähren können oder wollen ; sie waren alle vor dem blendenden Glanz entwichen , mit dem meine Eitelkeit mich bis dahin umgab . Einen Augenblick dachte ich zwar daran , zur Herzogin von P * * zu reisen , die beim Abschiede mich mit einer Einladung auf unbestimmte Zeit beehrt hatte ; aber wer konnte mir dafür stehen , daß nicht auch Bernhard mit seinem wunden Herzen zu ihr geflohen sei ? War es in diesem Fall schicklich , oder auch nur verständig , den Verdacht auf mich zu laden , als sei ich absichtlich ihm gefolgt ? Und gesezt ich fände alles dort wie sonst , nur ihn nicht , wie wollte ich das ertragen ! wie alle die Fragen nach ihm ! wie sollte ich täglich und stündlich von ihm reden , ihn preisen hören , ohne zu verzweifeln . Je länger ich über meine Lage nachdachte , je hoffnungsloser erschien sie mir , so daß ich zulezt wahres Mitleid mit mir selbst empfand . Ich konnte nicht fortleben wie ich bis jezt es gethan , das allein war mir deutlich . Das gewohnte schaale Treiben , das ihn , das Bernhard mir verscheucht hatte , widerte jezt mich unbeschreiblich an , doch wie sollte ich hinaustreten ohne lächerlich zu werden , was mir herber dünkte als selbst der Tod ? Meinem Vater , meinem geliebten Vater konnte ich es doch unmöglich zumuthen , meinetwegen Gesellschaften und Gewohnheiten zu entsagen , die Jahre lang seine einzige Freude gewesen waren . So war denn jeder Ausweg mir verschlossen und ich verzehrte mich vergeblich in fruchtlosem Nachsinnen , wie ich es anfangen könne , die Welt zu verlassen , die noch vor wenigen Tagen , als der Schauplatz meines Triumphs , mir unentbehrlich schien und die mir jezt so fürchterlich war . Wahrscheinlich wäre meine Gesundheit diesem Zustande endlich unterlegen , wenn er länger gedauert hätte , doch ganz unvermuthet , wie ein vom Himmel gesendeter Bote des Friedens , kam jezt ein Brief , der aller meiner Verlegenheit ein Ende machte . Ich las ihn mit Entzücken und wäre doch nur noch vor wenig Tagen trostlos gewesen , wenn ich damals ihn empfangen hätte . Er enthielt nichts anders als eine auf Befehl der Pröbstin meines Stiftes an mich gerichtete Aufforderung , doch endlich das von mir schon zu lange umgangene Gesez zu erfüllen , das mir seit ich mündig war die Verbindlichkeit auferlegte , jährlich wenigstens einige Monate im Stifte zu verleben ; dabei versicherte man mich , daß man mir keine fernere Verzögerung dieser Verpflichtung nachsehen könne , indem dieses schon zu lange geschehen sei . Mit kaum zu unterdrückender Freude theilte ich dieses Schreiben meinem Vater mit , und zugleich meinen Entschluß , die Verbindlichkeit , zu der man mich aufforderte , sobald als möglich zu erfüllen . Der gute Vater widersprach mir nicht , er eilte sogar , alle nöthigen Anstalten zu meiner schnellen Abreise zu treffen , aber er war dabei so still , so recht im Herzen traurig , daß es mir durch die Seele gieng . In jedem seiner Blicke , aus seinem ganzen Benehmen gegen mich , sah ich deutlich , daß er nicht nur alles , was in mir vorgieng , errathen hatte , sondern daß auch bange Zweifel in ihm aufstiegen , ob er denn auch wirklich , durch die ausgezeichnete Erziehung , die er mir gegeben , mein wahres Glück begründet habe . Diese Besorgnis , die denn doch wohl in jedem Fall zu spät kam , beugte sichtlich ihn nieder , denn wenige sind stark genug , wenn ein Lieblingsplan mislingt , nur die Absicht , nicht den Erfolg , sich zuzurechnen , und nicht zu vergessen , daß wir in unsrer Beschränkung uns damit beruhigen sollten , nur das Beste gewollt zu haben , wenn gleich die Freude des Gelingens uns versagt blieb . Froh , als entrönne ich einem Gefängnis , verlies ich endlich an einem trüben Herbstmorgen zum erstenmal das väterliche Haus , um mich mit meinem Schmerz in die Einsamkeit eines mir ganz fremden Aufenthaltes zu flüchten . Karoline , meine damals zwölfjährige Schwester , war nach dem Wunsch meines Vaters meine liebe Begleiterin auf der Reise . Unser Weg gieng durch eine reiche üppig-fruchtbare Gegend , die aber wie so manche reizende Mädchengestalt durchaus der Jugend des Jahres bedurfte , um zu gefallen . Jezt im Spätherbst , wo der Wind kalt und schneidend über Stoppelfelder wehte , und im spärlichen gelben Laub der Bäume schauerlich rauschte , jezt hatte alles , was ich erblickte , ein düstres unfreundliches Ansehen , ohne die kleinste Spur früherer Anmuth . Mit nicht zu unterdrückender Aengstlichkeit klammerte meine arme kleine Karoline sich an mich an , als wir endlich mit einbrechendem Abend durch das dunkle niedrige Gewölbe des Thores fuhren , welches den Eingang zu einem ehemaligen Kloster bildete , das jezt einem Theil der Stiftsdamen zur Wohnung diente . Mich selbst sogar kam ein kleiner Schauder an , als wir durch den schon halbdunkeln langen Kreuzgang wanderten , an dessen äußerstem Ende die mir bestimmten Zimmer lagen . Wir kamen auf diesem Wege an mehreren niedrig gewölbten Thüren vorbei , die in die ehemaligen Klosterzellen zu führen schienen . Hinter einer derselben hörte ich im Vorbeigehen laute weibliche Stimmen , wie im heftigen Streit ; hinter andern schmetterten Kanarienvögel , heisere Möpschen bellten , und Kakadus und Papageien kreischten dazwischen mit widrigem Geschrei . Karoline hielt mich immer ängstlicher am Arm , auch unser Kammermädchen drängte sich so nahe als möglich an uns an , und blickte ganz verschüchtert in alle Ecken , bis eine Thüre ganz ähnlich denen , an welchen wir vorbeigekommen , aufgeschlossen ward . Wir standen jezt vor meinem geöffneten Wohnzimmer ; die Abendsonne , schon ganz unten am Rande des Horizonts , durchbrach in diesem Moment die schwere graue Wolkendecke , welche den ganzen Tag über sie verhüllt hatte , und leuchtete uns durch die purpurrothen Blätter der das Fenster umrankenden wilden Rebe freundlich ins Gesicht ; die hüpfenden Schatten der Zweige spielten lustig auf der blaßgrünen Wand , alles sah freundlich und bequem aus , so daß wir mit neuem Muth den erquickenden Sonnenstrahl wie ein Zeichen von guter Vorbedeutung annahmen . Die kleine Wohnung war für uns geräumig genug ; mit sehr wenigem konnte sie recht wöhnlich und behaglich eingerichtet werden , und Karoline gieng mit unserm Mädchen so eifrig an das Auspacken und Anordnen , als käme es darauf an , uns gleich auf der Stelle hier für eine ganze Lebenszeit häuslich niederzulassen . Ich aber suchte indessen den einsamsten Winkel auf , um mich ungestört in mich selbst zu versenken . Die Einsamkeit , in der ich von nun an mehrere Monate zubrachte , war in der That klösterlich zu nennen , und stach fast gewaltsam gegen mein ehemaliges Leben ab . Mein Gefühl glich in der ersten Zeit jenem beklemmenden Streben nach Besinnung , wie es uns nach einer überstandnen großen Gefahr oft noch lange beängstigt ; doch nach und nach ward mein Gemüth wieder ruhiger und ich blickte mit klarerem Sinn um mich her . Mit dem aufrichtigsten Willen auch gegen mich selbst nicht nur wahr , sondern auch gerecht zu sein , überschaute ich meine Vergangenheit wie meine Zukunft , und wandte Alles daran , um aus diesem , einem Stillstand ähnlichen Ruhepunct meines Lebens die ersprieslichsten Folgen zu ziehen . Daß keine Zeit , keine Macht der Umstände Bernhards Bild je aus meinem Herzen reißen könne , fühlte ich schon damals mit voller Ueberzeugung , es mußte von nun an ewig darin wohnen wie in einem stillen Heiligthum . Je deutlicher ich das Unrecht einsah , das ich frevelnd an mir selbst uns beiden zugefügt hatte , desto inniger wandte all mein Trachten und Sinnen sich dem schwer beleidigten Freunde zu , um so fester nahm ich mir vor , mich über mich selbst zu erheben , um seiner würdiger zu werden . Ich gelobte mir , mich als ihm allein angehörig zu betrachten , selbst wenn ich nie ihn wieder sehen sollte , alles übrige wollte ich dem Schicksal getrost überlassen . Heimlich und stille lebte indessen doch die Hoffnung in mir , daß ein günstiger Stern , oder vielmehr sein eignes Herz , ihn mir wieder zuführen müsse - und dann - ach ich wagte es nicht über dieses dann hinaus zu denken . Meine nächsten Umgebungen überließen mich in ziemlich ungestörter Ruhe mir selbst . Ich widmete regelmäßig dem Unterricht meiner Karoline einige Stunden des Tages ; die übrige Zeit brachte das liebenswürdige Kind größtentheils bei einer benachbarten Familie zu , in welcher sie nicht nur an den Töchtern des Hauses Gespielinnen ihres Alters fand , sondern auch noch außerdem alle Annehmlichkeiten eines in ruhiger Häuslichkeit hingebrachten stillen Familienlebens kennen und lieben lernte . Ich selbst blieb beinah immer allein in meinem Zimmer , die jüngern Stiftsdamen waren fast alle abwesend , um den nahenden Winter bei ihren Verwandten zuzubringen , die zurückgebliebenen von den ältern Damen bekümmerten sich wenig um mich . Sobald nur die erste Neubegier mich zu sehen gestillt war , welche meine unerwartet schnelle Ankunft erregt hatte , so kehrten alle recht gern zu ihren gewohnten Vergnügungen , zu ihren Kaffeevisiten , Trißett und l ' Hombreparthien wieder zurück , ohne mir es weiter zu verargen , daß ich keine Lust bezeigte , daran Theil zu nehmen . So beschränkte sich denn zulezt mein Umgang im Stifte fast einzig auf die Pröbstin , einer gebornen Stiftsgräfin von * * * . Sie war aus einem der ältesten und edelsten Häuser in Deutschland , aber ihr innerer Adel hob sie noch weit über den ihr angebornen Rang und Stand . Ein unheilbares langsam und schmerzlich sie verzehrendes Uebel hielt sie schon Jahre lang fast immer an ihr Lager gefesselt . Ihr schweres Leiden zog mich zuerst zu ihr hin , doch ihre ächt-christliche Demuth , die fromme Ergebung in den Willen Gottes , mit der sie ohne Klage , ja fast freudig alles trug , was ihr auferlegt ward , erweckten , wie ich sie näher kennen lernte , mein innigstes bewunderndes Mitgefühl . Auch ich war so glücklich , mir sehr bald ihre herzlichste Zuneigung zu erwerben , daß sie in jeder schmerzensfreien Stunde mich um sich zu haben wünschte . Ihr Gespräch , die Bücher , größtentheils religiösen Inhalts , die ich ihr vorlas , vor allem aber das wahrhaft große Beispiel dieser Frommen , ihr festes kindliches Vertrauen auf Gott gewann den wohlthuendsten Einfluß auf mein Gemüth , in eben dem Grade wie früher die kurze Bekanntschaft mit der Herzogin von P * * * auf die höhere und angemessenere Bildung meines Geistes eingewirkt hatte . Nie kann ich es dankbar genug erkennen , daß die Hand , die mein Leben leitete , mich so zur rechten Zeit diesen beiden edlen Frauen zuführte ; von denen die eine in gewisser Hinsicht vollendete , was die andere begonnen hatte , denn alles , was ich später geworden bin , alles , was mir in dem Labyrinthe des Lebens Trost und Licht verlieh , verdanke ich hauptsächlich ihnen . Leidende erkennen einander schnell , und auch meine neuerworbne edle Freundin fühlte gar bald , daß auch ich nicht glücklich sei , obgleich ich mir eben so wenig eine Klage als sie sich eine Frage erlaubte . Der eigne Schmerz machte sie scharfsichtig genug , um in meinem Herzen wie in einem offnen Buche zu lesen , und sie benutzte den Einfluß , den sie auf dasselbe gewonnen , um mit leiser linder Hand und wahrhaft mütterlicher Sorge dem vom Himmel gesandten Lichte mich zuzuführen , das auch die Nacht ihrer eignen Leiden zu erhellen vermochte . Ich lernte von ihr Glauben und Hoffen , selbst wenn jeder irdische Trost und jedes irdische Glück vor unserm enttäuschten Blicke im Nichts zerflattern . Mit bereichertem erhobnen Gemüth , mit mühsam erworbnem aber desto festerem Muth , und mit dem treu gemeinten Torsatz , dem Schein nie wieder das kleinste Opfer zu bringen , verließ ich endlich nach einem Aufenthalte von acht Monaten die mir so lieb gewordne Einsamkeit . Ich eilte zu meinem Vater zurück , dessen sehr schwankender Gesundheitszustand jezt mehr als jemals der Pflege seiner Kinder bedurfte . Nächst der Sorge für die Erhaltung und Erheiterung des ehrwürdigen Greises , den ich leider weit schwächer wieder fand , als ich gefürchtet hatte , war jezt Karolinens fernere Bildung das Hauptgeschäft meines Lebens . Ihre schöne Jugendblüthe drang jezt immer lieblicher sich entfaltend aus der Knospe der Kindheit mächtig hervor , und ihr Anblick erfreute nicht nur ihren Vater , sondern auch jeden , der ihr nahte . Ich fand zu meiner großen Beruhigung , daß während meiner Abwesenheit , in der Lebensweise unsers Hauses , eine bedeutende Veränderung vorgegangen sei . Mein Vater hatte bei seiner zunehmenden Kränklichkeit den großen Kreis , der sich sonst bei uns zu versammeln pflegte , unmöglich zusammenhalten können , da in mir die Wirthin des Hauses ihm fehlte , um die Honneurs desselben zu machen . Die Gesellschaft hatte sich also bis auf wenige unserer ältern Freunde allmählig von selbst aufgelöst ; ein kleinerer gewählter Kreis , der sich ebenfalls alle Abende um meinen Vater versammelte , war an ihre Stelle getreten ; denn dieser war von Jugend auf der Geselligkeit zu gewohnt , um ihr , selbst in seinem jetzigen hohen Alter , gänzlich entsagen zu können . Die Unterhaltung in diesen kleinen Abendgesellschaften war freilich von dem vormals bei uns herrschenden brillanten Ton himmelweit verschieden , doch ich selbst war ja auch in der Zwischenzeit ein anderes Wesen geworden , und daher sehr damit zufrieden , auch ein anderes Leben führen zu können . Der Gedanke an meinen hoffentlich nicht auf immer verlornen Freund füllte jede Lücke in meinem jetzigen Dasein ; oft erweckte ich mich selbst , aus schönen Träumen von einer glücklichern Zeit , in der ich uns beiden alles zu vergüten hoffte , was wir durch meine Schuld erlitten ; nur sah ich freilich noch nicht ein , welcher glückliche Zufall diese Zeit herbeiführen dürfe , und verlor mich dann wieder aufs neue im Reich der Möglichkeiten . Meine gänzliche Unwissenheit in Hinsicht auf alles , was auf Bernhards gegenwärtigen Aufenthalt und sein Ergehen Bezug hatte , begann indessen doch mit jedem Tage schmerzlicher mich zu betrüben . Seit er uns verließ , war er für mich wie von der Erde weggehaucht und nie hatte ich nur seinen Namen wieder nennen hören . Mir selbst band ein sehr natürliches Gefühl die Zunge , wenn ich es einmal unternehmen wollte , nach ihm zu fragen ; aber auch mein Vater erwähnte seiner so wenig , als ob er nie ihn gekannt hätte ; theils wohl aus Schonung für mich , doch mehr vielleicht noch aus Verdruß über uns beide . Obgleich wir die Zahl der uns täglich Besuchenden sehr beschränkt hatten , so stand doch unser Haus nach wie vor durchreisenden Fremden noch immer gastfreundlich offen . Meines Vaters große und vielfältige Verbindungen im Auslande schickten uns sehr oft Reisende aus fernen Gegenden zu , und so empfingen wir fast täglich manchen mitunter recht interessanten Besuch , dessen flüchtige Gegenwart unsrer einförmigen Häuslichkeit Leben und Wechsel verlieh . Eines Abends , es mochte wohl beinahe ein Jahr seit Bernhards Entfernung vergangen sein , hatte auf diese Weise der Zufall mehrere Fremde bei uns versammelt , von denen einige durch ihre angenehme Unterhaltungsgabe dem Gespräch einen rascheren Umschwung zu geben wußten . Besonders zeichnete sich einer unter ihnen durch die etwas kurz absprechende Art aus , mit der er Paradoxen einzig deshalb nachzujagen schien , um durch deren Behauptung , wenn nicht die ganze Welt , doch wenigstens den kleinen Theil derselben , der ihm eben zuhörte , in Erstaunen und Bewunderung zu versetzen . Dieser streitbare Held war aber bei alle dem weit weniger unangenehm und überlästig , als man nach dieser Beschreibung glauben könnte . Er schien nicht bösartig , er hatte das Wort in seiner Gewalt , er zeigte mitunter recht viel Witz und Humor , und war dabei gewandt genug , sobald er gewahr ward , daß er es zu weit getrieben , sich gleich auf der Stelle abmerken zu lassen , wie es ihm mit seinen Behauptungen eigentlich gar kein rechter Ernst sei . Man sah deutlich , daß es hauptsächlich ihm nur um den Lärm zu thun war , den seine Redensarten herbei führten ; er glich hierin einem Kinde , das mit dem Munde den Trommelschlag überlaut nachzuahmen sucht , ohne sich weiter etwas dabei zu denken , und so war es denn unmöglich , ihm zu zürnen , obgleich er es mitunter recht arg machte . Ich weis nicht , wie es zugieng , daß gegen das Ende des Abends das Gespräch sich zulezt um ausgezeichnet edle , mit bedeutenden Aufopferungen vollbrachte Handlungen drehte , von denen beinahe jeder der Anwesenden ein paar Beispiele , zum Theil mit großem Wortaufwande , der Gesellschaft zum Besten gab . Nichts ist ansteckender , und zugleich dem guten Geist der Konversazion verderblicher , als diese Lust zu erzählen , die gewöhnlich alle ergreift , sobald nur einer den Ton dazu angiebt ; und doch ist auch nichts seltner als die Gabe , eine gute Geschichte gut vortragen zu können . Auch an jenem Abende hatten wir nur zu oft Gelegenheit , die Wahrheit dieser Bemerkung bestätigt zu finden , und zulezt kam sogar einer der unbarmherzigsten Erzähler an die Reihe ; einer von der Art , die nie das Ende der Geschichte finden kann , weil sie bei jedem Wort immer sich selbst wiederholt , um das schon Gesagte noch zu verbessern . Lothario , so laßt mich den streitsüchtigen Fremden nennen , dessen eigentlichen Namen ich nie recht erfahren habe , weil ich nur dies einemal ihn sah , Lothario ließ eine Weile den gewaltigen Wortschwall ziemlich gelassen an sich vorüber gehen , in welchem jener Grosmuth und Dankbarkeit und Edelmuth durcheinander wirrte ; doch endlich riß ihm die Geduld , besonders da er in unser Aller verlängerten Gesichtern Ueberdruß und Langeweile in deutlichen Zügen lesen mochte . Er sprang auf ; geht mir , rief er , in fast kläglichem Ton , indem er auf eine höchst komische Weise die Hände faltete , geht mir , ich bitte euch um Gotteswillen ! geht mir mit euern verwünschten Tugenden , die beim Lichte besehen nichts sind als Affektazion , Eitelkeit oder wohl gar Ungerechtigkeit , denn die kann man auch an sich selbst üben . Der Mensch trachte doch nur ja vor allen Dingen fürs erste gegen sich , wie gegen andere gerecht zu sein , ehe er es sich beikommen läßt , Grosmuth üben zu wollen , sezte Lothario sehr ernsthaft hinzu . Was wir Grosmuth nennen , ist gewöhnlich nur verkleideter Uebermuth , gerecht sein aber ist jedem unerläßliche Pflicht , und wem es ein rechter Ernst ist , diese vollkommen und überall auszuüben , der wird wahrscheinlich lange vorher zu seinen Vätern versammelt werden , ehe er bis zur Erlaubnis grosmüthig sein zu dürfen sich durchgearbeitet hat . Mit der Dankbarkeit kommt mir nur vollends gar nicht , rief Lothario fast überlaut , als mehrere Stimmen dieses Wort nannten , indem sie gegen ihn sich erhoben . Die Dankbarkeit ist eigentlich nichts weiter , als eine schlechte Gewohnheit , fuhr er fort , eigentlich und unter gewissen Modifikazionen könnte man sogar ein Laster sie nennen . Wer von andern sie fordert , ist , um ihn nicht noch jemanden schlimmern zu vergleichen , wenigstens eine Art Sklavenhändler , der mit einer miserablen Gefälligkeit oder mit ein wenig lumpigen Goldes , die Seele dessen , dem er nach seiner Meinung wohlthat , sich auf ewig erkauft zu haben meint ; der aber , der sich einem andern auf immer zu eigen giebt , weil dieser ihm einmal irgendwo aus der Flamme half , der ist aufs höflichste benannt , wenigstens ein Schwachkopf , weil er nicht fühlt , daß jeder , der eine honette That vollbringt , schon in der Freude daran seinen Lohn dahin nahm . Lothario ' s Worte machten einen unbeschreiblich traurigen Eindruck auf mich , denn sie erinnerten mich lebhaft an eine Zeit , an welche ich jezt nur mit sehr bitterer Empfindung denken konnte , in der auch ich , um genial zu erscheinen , ähnliche aus Wahrheit und Trug zusammengesezte Meinungen aufstellte und eifrig vertheidigte . Indessen erhob sich fast alle Welt gegen ihn , und er hatte alle Hände voll zu thun , um jedem , der ihn angriff , gebührend Rede zu stehen . Ohne eigentlich in beleidigende Heftigkeit auszuarten , ward das Disputiren immer lauter und lebhafter , zulezt blieb man bei dem Satz stehen , den alle bekämpften und den Lothario gewandt genug zu behaupten suchte : daß es eben so sträflich und unrecht sei , aus Partheilichkeit für andere das eigne Glück zum Opfer zu bringen , als wenn man um des eignen Nutzens willen andre zu bevortheilen suche . Wohlan denn ! rief Lothario endlich aus , da er in Gefahr stand , mit seiner Stimme durch den immer mehr überhand nehmenden Lärmen nicht mehr durchdringen zu können . Wohlan , ich fordre das Wort ! Beinahe ein jeder hat ein Geschichtchen erzählt , nur ich nicht . Ich bitte um die Erlaubnis , ein einziges Beispiel aufstellen zu dürfen , welches meine Behauptung erläutern soll ; denn es scheint mir , als wolle man nicht recht verstehen , wie ich es