ließ mich von dem ersten Miethwagen , den ich erblickte , nach Hause bringen . Unzufrieden mit mir selbst und schüchtern über den Werth meiner Fortschritte im Guten brachte ich die nächsten Tage zu . Fast hätte ich gewünscht , den beiden Damen , die eine so beschämende Herrschaft über meinen bessern Willen geübt hatten , recht bald wieder zu begegnen , um mich würdiger zu betragen . Diese Gelegenheit zeigte sich mir nicht , denn von dieser Zeit an blieb mir keine Freiheit mehr , Miß Mortimers Krankenbett zu verlassen . Vier Monate lang kämpfte sie mit der Ergebung einer Heiligen gegen die schmerzlichste Zerstörung . Wie oft , unfähig , ohne fremde Hülfe ihrem Haupt eine andre Lage zu geben , dankte sie Gott mit leuchtenden Augen für das Glück , von mir , von ihrer Ellen , diesen Dienst zu empfangen ! Wie oft , wenn ich ihr den Angstschweiß von der Stirn trocknete , flog ein sanftes Lächeln über ihre blassen Lippen , die sie , jeden Laut des Schmerzens sich versagend , krampfhaft verschlossen hielt ! Schüchtern und schwach , wie die Natur sie bildete , war diese Standhaftigkeit nicht die Folge von leichtem Ertragen des Uebels , sondern des frommen Zutrauens , daß Gott ihr helfen werde , wo ihr Kraft gebräche ; und in diesem Zutrauen bleibt unsre Kraft auch unerschöpflich . Sie sah den Tod als Siegerin , nicht als Besiegte herannahen , und die Heiterkeit , die während ihres Lebens liebenswürdig war , machte sie im Sterben erhaben . Endlich kam der große Augenblick ihrer Befreiung herbei . Ihre Erziehung für ein höheres Daseyn war vollendet , die Rückkehr in das Haus ihres Vaters ward ihr eröffnet . Eines Morgens , nachdem ich nach mancher ganz durchwachten Nacht einige Stunden geschlafen hatte , eilte ich zu ihr und fand sie von Schmerzen befreit . Unwissend über den Ausgang ihres Uebels , glaubte ich thörichterweise , daß die Krisis ihrer Krankheit nun überstanden sey , blickte vorwärts in Jahre einer heitern Zukunft und theilte ihr meine kindischen Hoffnungen mit . Sie war nicht gegen ihre Lage verblendet : » Theures Kind « , sagte sie , » warum willst Du mir ein Leben wünschen , das mir nur Schmerz bietet ? Bete doch vielmehr , daß mein Tod Dir zum Vortheil gereiche ! Betest Du nicht jeden Morgen : der heutige Tag möge Dir gesegnet seyn ? « - Ich hatte mir wohl die Unvermeidlichkeit der mir jetzt so nahen , unvermeidlichen Trennung gedacht ; aber heute , an dem nun eingetretnen Tage , zwischen dem kein Raum , kein Aufschub mehr war ! - Der Schmerz überwältigte mich , ich warf mich in unaussprechlichem Jammer an der Sterbenden Lager auf meine Kniee . » Ellen , mein Kind « , nahm sie wieder sanft tröstend das Wort , und ihre matte Hand suchte mein Haupt aus seiner Verhüllung aufzurichten , » halte meinen fesselentbundnen Geist nicht durch Deine Klagen an der Erde zurück ! Könnte mein leidenvolles Daseyn Dir helfen , so hätte ich meinen Gott um dessen Verlängerung gebeten ; aber Du brauchst mich nicht mehr . Ich habe es wahrgenommen , meine Ellen , Du hast das Eine , das Noth thut , gefunden , nun bedarfst Du meiner gebrechlichen Stütze nicht mehr . Wenn ein ganzer Himmel voll Glanzes Dir aufgeht , willst Du verzweifeln , wenn ein schwacher , dunkler Strahl Dir verschwindet ? « Der Arzt , den ich schnell berufen ließ , kam nur , um ihre Erwartung zu bekräftigen . Sie sollte die Sonne nicht wieder aufgehen sehen . Sie bot Jedem , der mit ihrer Pflege beschäftigt gewesen war , ein heitres , liebevolles Lebewohl , gab Jedem ein Andenken und schickte Alle von sich fort , nur ich und ihre alte Barbara blieben bei ihr . - » Ich habe sie auf meinen Armen gehalten , da sie an ' s Licht trat « , sagte diese gottergebne Greisin , » ich war Zeuge ihres Lebens vor dem Herrn ; es ist hart , daß ich ihr Grab erblicken muß und dann allein sterben - aber Sein Wille geschehe ! « Der Pfarrer des Kirchspiels , wohin ihre Hütte gehörte , kam auf ihre Bitte , mit ihr zu beten . » Sehen Sie , meine Ellen « , sagte sie , wie der würdige Mann sich eine Zeit lang entfernte , » das ist das Göttliche unsrer Religion - sie gibt , wie die Sonne jeder Pflanze die Wärme , die sie ihrer Natur nach gebraucht , so jedem Menschen , der es treu mit ihr meint , die Art Trost , die er nach seiner Eigenthümlichkeit bedarf . Der starke Geist im gesunden Körper betet , wie es ihm Noth thut , und der schwache , wie es ihn tröstet , ich endlich , deren Leben halb schon entflohen ist - ich sammle meine schwindenden Gedanken in den frommen Worten dieses ehrwürdigen Mannes . - Ellen , es ist , wie wenn ich mich eines schönes Liedes leichter erinnerte , wenn Ihre liebe Hand die Melodie auf der Harfe spielte . « - O du Engelmilde , die auch im Tod noch bedacht war , die erhabne Frömmigkeit ihrer Seele , um meiner Schwäche willen , menschlich zu schildern ! Nachdem sie gegen den Abend lange in Mattigkeit gelegen , bat sie mich , ihr Popens Sterbelied eines Christen herzusagen . Ich kniete an ihrem Bett und that es . Sie schien die Worte im Innern nachzusprechen , ich blickte sie noch einmal an , ihr Auge glänzte wie eines Ueberwinders Blick , meine Stimme brach , und wie eine Trostlose schluchzte ich : O Tod , wo ist dein Sieg ! und verhüllte mein Gesicht auf ihrem Deckbett . Sie legte ihre Hand auf mein Haupt , die Hand ward schwerer und schwerer , sie sank herab auf meine Schulter , ich blickte auf , und sie lag wie eine Schlafende - denn des Gerechten Tod gleicht dem Schlafe . Kein Mann , auch der zartfühlendste nicht , kann den Schmerz ermessen , der mich niederdrückte , wie ich meiner einzigen Freundin , meiner einzigen irdischen Stütze den letzten Dienst erwiesen , und ich nun den geliebten Leichnam von Miethlingshänden in den Sarg einsperren sah , wie ich endlich von der Grabstätte zurückkehrte und gezwungen war , die Leute aus dem Zimmer , wo sie lebte , die letzten Spuren ihres Daseyns forträumen , fortputzen , vertilgen zu sehen . Männer mögen unendlich tief den Schmerz fühlen , aber sie verlieren in ihrem Liebsten nie ihre Sicherheit , ihre Stütze - ja sich selbst - sie können hinausstürzen in die öde Welt und im Gedränge des Lebens , der Gefahr ihrem Daseyn einen Werth beilegen - das Weib muß hülflos an dem Platz stehen bleiben , wo ihr Lebensglück von ihr schied , muß in dem Moment , wo sie die Natur den Schrei des Schmerzens auszustoßen treibt , durch die Formen des Anstands sich von einer kalten Außenwelt die Vergünstigung , leise weinen zu dürfen , gewinnen . Wenige Tage nach Miß Mortimers Hinscheiden langte ihr natürlicher Erbe an und eilte durch Eröffnung ihres letzten Willens den Bestand ihrer Hinterlassenschaft zu erfahren . Sie befriedigte ihn sehr wenig , und diese Fehlschlagung erbitterte ihn vielleicht dergestalt , daß er der Verewigten später eigenhändig hinzugefügtem , aber nicht gerichtlich besiegeltem Befehl : der alten Barbara und mir den Genuß ihrer Wohnung , so lange es uns gut dünkte , zu gewähren , keine Folge leistete . Er erklärte mir ohne Rückhalt , daß er keine Verbindlichkeit hätte , diese Clausel zu achten , weshalb ich ihm einen Miethzins zu entrichten oder mir eine andre Wohnung zu suchen habe . Nach dieser Erklärung brannte mir der Boden unter den Füßen - allein wohin sollte ich gehen ? Die Verwandten meines Vaters waren mir stets fremd geblieben , die meiner Mutter waren mir während meines Pensionsaufenthalts fremd geworden , und späterhin hatte ich sie mit leichtsinnigem Hochmuth von mir entfernt ; in dem glänzenden Zirkel , in welchem ich mich im Taumel der Eitelkeit bewegt hatte , war Keiner , nicht Einer , der , wie des Unglücks Wogen mich verschlangen , nach mir gefragt hätte , und Keiner , dem ich jetzt zutraute , daß er mir Rath und Beistand schenken würde . Wie ärmlich der Ertrag weiblicher Arbeiten sey , hatte ich schon erfahren ; der einzige Weg , mir ein Unterkommen zu schaffen , schien mir eine Stelle als Erzieherin zu seyn . An den Kenntnissen , die ein reiches Mädchen braucht , fehlte es mir nicht : einige Sprachfertigkeit , zierliche Arbeiten des Luxus und der Fantasie , Musik , gründlicher und ausgebildeter , als man sie gewöhnlich antrifft , das waren meine Mittel des Unterrichts ; aber welches waren die der Erziehung ? - Ich wollte erziehen , die kaum den natürlichen Jahren der Kindheit entwachsen , nur eben Zeit gehabt hatte , zu erfahren , daß es mir selbst an Erziehung gefehlt habe ? - Allein diese Erfahrung war ja vielleicht ein Mittel , Andre erziehen zu können , und Gebet und fester Wille sollten das Uebrige ersetzen . Nur nicht in London , nicht auf dem Schauplatz meines schnell verschwundnen Glanzes wollte ich in so verschiedner Gestalt auftreten ; mir diese Prüfung ohne die dringendste Noth aufzulegen , schien sogar einer geziemenden Würde im Unglück nicht angemessen , und mein inneres Gefühl hieß diesen Widerwillen gut . Sobald mein Entschluß gefaßt war , eröffnete ich dem Geistlichen , welcher mit meiner sterbenden Freundin gebetet hatte , die Bedrängniß meiner Lage und meinen Wunsch , sie auf dem erwähnten Weg zu verbessern . Er ging mit warmer Theilnahme in meine Verhältnisse ein , erbot sich sogleich , an eine seiner verheiratheten Schwestern im fernen Norden des Reichs zu schreiben , und lud mich ein , bis ich ein anständiges Unterkommen gefunden , in dem Schoos seiner Familie zu verweilen . Ein sehr unerwarteter Vorfall sicherte mich , bei meiner gänzlichen Verarmung , in diesem Zeitpunct vor völliger Entblösung von Geld . Unter den Papieren meiner verewigten Freundin fand sich ein an mich überschriebner versiegelter Brief , er enthielt eine Banknote von dreihundert Pfund und im Umschlag folgende Worte : » Meine theure Ellen , brauchen Sie die beiliegende Summe ohne Bedenken und ohne Nachfrage ! Sie gehört Ihnen , ich hatte nie Ansprüche darauf , sie kam in einer sehr traurigen Stunde in meine Hand , aber aus Furcht , Sie möchten an die Sterbende nutzlos verschwenden , was der Ueberlebenden einst Noth thun könnte , richtete ich es so ein , daß sie Ihnen erst , wenn alles vorüber ist , übergeben werden kann . Elisabeth Mortimer . « Ich muthmaßte sogleich , daß diese Summe von Herrn Maitland herkommen müßte , und fast überzeugt , daß er jetzt gar keinen andern Antheil mehr an mir nehme , als den Mitleid mit einer Unglücklichen einflößt , konnte mir diese Gabe nur als eine Wohlthat erscheinen . Es war mir zu schwer , so unweigerlich Almosen zu empfangen , wenn gleich mein beßrer Sinn meinem Stolze sagen wollte , daß solche aus der geehrtesten Hand am wenigsten verwunden sollten . In der Hoffnung , daß sich unter Miß Mortimers Papieren eins finden möchte , das mir über Herrn Maitlands Denkart in Absicht auf mich irgend eine Spur geben könnte , bat ich den Erben der Verewigten , mir diese durchsehen zu lassen . - Er vergönnte es mir gern , aber meine Hoffnung ward betrogen . Eine Menge Briefe von Herrn Maitland erwähnten meiner nie anders , als im Ton gewöhnlicher Höflichkeit , nur in dem Fragment von einem , zur Hälfte abgerißnen , der wahrscheinlich durch ein Versehen von meiner Freundin nicht ganz vertilgt worden war , fand ich folgende Zeilen : » Ich will mich durch Ihre Beschreibung von Ihrer jungen Freundin Vervollkommnung nicht blenden lassen . Indem Sie ihre vortheilhafte Entwicklung schildern , haben Sie sie vor Augen in den Reizen geistigen Ausdrucks , in den schönsten Gesichtszügen . Ich weiß wohl , wie das kindliche Lächeln ihres Mundes , der helle Blick unter ihren seidnen Wimpern heraus das Herz besticht . Daß ich mich dessen noch erinnre , nachdem meine Vernunft ihre Herrschaft wiedergewann , beweist ja die mächtige Wirkung dieser holdseligen Gestalt . Ellen hat warme Leidenschaften , eine lebhafte Einbildungskraft , ihr Unglück hat sie heftig erschüttern müssen ; aber das bringt noch keine Gemüthsveränderung hervor . Was unserm ganzen Leben zur Richtschnur dienen soll , muß nicht auf Kräften beruhen , welche äußre Begebenheiten steigern und mindern können . Ellens guter Verstand muß mit ihrem tiefen Gefühl übereinstimmend erkannt haben , daß ihr ganzes irdisches Daseyn zu einem himmlischen führe , und daher kein Moment desselben bedeutungslos , keine Handlung gleichgültig sey . Nur dann ist sie sicher - nach menschlichen Kräften - im Wirken für Andre ihre Bestimmung und ihr wahres Leben zu finden . - Denn das , verehrte Freundin , ist doch Religion ? die Religion , die in jeder äußern Form unsere Wohlfahrt sichert . Doch das darf ich Ihnen nicht erst sagen , und gibt es eine Lage , welche Ihrer jungen Freundin zu dieser wahren Religion zu verhelfen vermag , so ist es das Beisammenseyn mit Ihnen , Ihr Beispiel , das Zeugniß , das Ihr Leben von der Wahrheit Ihrer Frömmigkeit ablegt . Sie sehen wohl , daß ich sehr fest entschlossen bin , weise zu bleiben , da ich mich trotz dem Zauber der Liebenswürdigkeit , der Ihre Freundin umstrahlt , über ihre Mängel selbst durch Ihre Lobreden nicht verblenden lasse . Die Ausführung meiner gegenwärtigen Plane wird mich noch Jahre lang von Großbritannien fern halten ; sonst könnte ich hoffen , ganz von dem Joche befreit , welches Miß Percy fast gelungen wäre mir aufzulegen , für ihr Glück wachen , zu ihrer Entwicklung beitragen zu können - ich hatte einigen Einfluß auf sie . Wäre es einem vernünftigen Wesen geziemend , sich mit Träumen zu beschäftigen , ich könnte träumen ... « Hier war das Blatt abgerissen , und meine Einbildungskraft konnte sich von der möglichen Vollendung dieses Redesatzes nicht losreißen . - Dieses Bruchstück überzeugte mich nur von dem , was ich zu meiner schmerzlichen Beschämung je länger je mehr einsah : daß ich Maitlands ganze Liebe besessen und durch meine Thorheit beharrlich an ihrer Zerstörung gearbeitet hatte , und daß sie endlich an dem tödtlichsten Gifte - von Schaamröthe glühend , konnte ich es nicht ausdenken - an Verachtung meiner Handlungsweise erstorben war . - Tief betrübt hatte mich dieser Brief wohl gemacht , aber den Muth benahm mir meine Betrübniß nicht . Ein schwacher Strahl des Lichts , welches Maitland allein Religion nennen wollte , war in meiner Seele entglommen , und es gab Augenblicke , wo das Andenken an ihn sich mit dem an meine verklärte Freundin solchergestalt verschmolz , daß mein Schmerz um ihn , aller Thorheit entwunden , nicht mehr ein irdischer Schmerz war . Woher die Banknote kam , blieb mir also ein Geheimniß , und wie sicher es mir schien , daß ich sie Herrn Maitlands Fürsorge verdankte , verbot mir doch meine weibliche Würde , sie ihm zurückzusenden , da ich , ohne allen Beweis für meine Voraussetzung , hätte aussehen können , als suche ich ein Verhältniß , das er offenbar nicht aufrecht erhalten wollte , wieder anzuknüpfen . Ich sah deshalb diese Summe als mein Eigenthum an , und der erste Gebrauch , den ich von ihr machte , befreite mich von einer Schuld , die , wäre mir auch das günstigste Schicksal zu Theil geworden , zuerst getilgt werden mußte , um mir Seelenruhe zu geben . Jener beschämende Vorschuß , den mir Lord Friedrich in den Tagen meiner Thorheit gemacht , und den zu tilgen , ich bisher kein Mittel vor mir gesehen hatte , wurde unverzüglich zurückgezahlt ; was mir übrig blieb , mußte ich mit der treuen alten Barbara theilen , die durch die Härte von Miß Mortimers Erben nach einem Leben , das sie ganz dem Dienst ihrer Herrschaft geweiht , sich ohne Unterstützung befand . Nachdem ich das kleine Denkmal bezahlt hatte , mit dem ich Miß Mortimers Ruhestätte bezeichnen ließ , und mir noch einige nothwendige Kleidungsstücke gekauft , verließ ich mit dreißig Guineen , als einziger Habe , die geliebte Hütte , wo ich aus dem Abgrund der Verzweiflung zum Vertrauen auf einen himmlischen Vater wiedergeboren ward , dessen Leitung auf dem finstern Pfade , den ich vor mir sah , ich mich , wenn nicht mit immer gleicher Heiterkeit , doch mit festem Vertrauen übergab . Es war ein stürmischer Winterabend , an dem ich meinen stillen Schutzort verließ ; ich hatte jeden Platz des Hauses , der mir meiner Freundin Gegenwart zurückrief , noch einmal besucht , hatte den Lehnsessel , wo sie , wenn ihre Krankheit sie in dem Zimmer festhielt , vom Fenster aus die Gegend und die untergehende Sonne betrachtete , gegenüber gesessen und mir die Worte voll frommen Sinns , die sie dann sagte , wiederholt ; ich hatte vor ihrem Sterbelager kniend gebetet , und die Fülle der Wehmuth hatte mich zu einer Ergebung gestimmt , die mich bei dem Abschied von der gastfreundlichen Hütte aufrecht erhielt . Bei dem Vorübergehen vor dem Gottesacker kehrte ich daselbst ein , um den einfachen Stein zu besehen , der seit meinem letzten Besuche daselbst auf meiner Verewigten Grabhügel aufgestellt ward . Ich fand ihn , wie ich gewünscht , einzig bestimmt , mir und spätern Verehrern ihres Andenkens nach mir den Rasen anzuzeigen , der sie deckte . Diese letzte Liebespflicht schien mir das Siegel der Unwiederruflichkeit auf ihren Verlust zu drücken , so daß ich , wie sich die Kirchhofsthür hinter mir schloß , noch einmal und bittrer den Schmerz empfand , der bei dem Getöse der ersten Erdschollen , die auf Miß Mortimers Sarg herabrollten , mich zerrissen hatte . Es war schon ziemlich dunkel , wie ich den Pfarrhof erreichte . Mein schüchternes Klopfen ward nicht gleich gehört , dennoch erwartete man mich in dieser Stunde , und der Gedemüthigte ist sich so lebendig bewußt , wie ihm neue Verletzung erspart werden könnte . Mein Entschluß , bei dem Eintritt in meine neue Freistätte den ersten Eindruck nicht über mich entscheiden zu lassen , wurde wankend , und statt mein Klopfen zu wiederholen , lehnte ich meinen Kopf weinend an diese Thür , die einzige auf Erden , die mir Aufnahme versprochen , und an die ich nun vergeblich geklopft hatte . Die Ankunft des Geistlichen endigte dieses schwächliche Hingegebenseyn in die Nebenumstände eines harten Looses , welches ich , im Ganzen , muthig übernommen hatte . Er klopfte heftig an , indem er mich um Verzeihung bat , durch unerläßliche Amtsverrichtungen , mich persönlich in sein Haus abzuholen , verhindert gewesen zu seyn . Auch auf sein Klopfen ward die Thür nicht sogleich geöffnet , doch man sah Lichter durch die Zimmer tragen , hörte Thüren schlagen , Treppen auf- und ablaufen , endlich ging die Thür auf , und eine Magd , athemlos vor Eile , leuchtete uns die Treppe hinauf . » Ich hoffe , liebe Miß « , sagte der Geistliche im Hinaufsteigen , » Sie sollen sich , sobald meine gute Frau ihre Geschäfte alle abgethan hat , einheimisch bei uns fühlen . « - Diese Bedingung schreckte mich auf ; » es würde mir sehr leid thun , wenn Frau * * * durch meine Gegenwart belästigt würde « , erwiederte ich bestürzt . - » Wenn das nur möglich seyn könnte , dann wäre sie recht in ihrem Element ! « rief mein neuer Wirth mit etwas erzwungner Heiterkeit und öffnete die Thür des Vorzimmers . Ich nahm in dem Augenblicke wahr , wie die Hausfrau von einem Stuhl herabstieg , von dem aus sie eine von der Decke herabhängende Lampe angezündet hatte , sie band schnell eine farbige Schürze ab , warf sie in einen Winkel und kam mit einem Schwall von Worten , die mich zu bewillkommnen gemeint waren , auf mich zu . Man hatte einmal in meiner Gegenwart gesagt , die Pfarrerin sey eine gebildete Frau , und diese Eigenschaft hatte vorzüglich meinen Widerwillen , die Wohlthat ihres Gatten anzunehmen , vermindert . Unsre Eitelkeit sucht sich bei der vollständigsten Ergebung doch noch eine Befriedigung vorzubehalten ; indem ich willig den Vorzügen entsagte , die mir das Schicksal entrissen , glaubte ich bei einer Frau von Bildung Anklänge gleicher Empfindungen mit den meinen hoffen zu können . Dieser Empfang schien meinen Hoffnungen wenig zu entsprechen . Mich mit lauter Entschuldigungen über die Einfachheit ihrer Bewirthung und Voraussetzung der Fülle , welche ich so eben verlassen habe , demüthigend , geleitete sie mich in das Gesellschaftszimmer und drückte mich durch die Unfeinheit , mit der sie ihren Mann , mir den ersten Platz anzuweisen , erinnerte , zu Boden . Ich hielt es für meine Pflicht , ein Gespräch mit ihr zu beginnen , allein ihre gespannte Aufmerksamkeit auf jedes Geräusch , das aus der nahen Küche zu uns hertönte , machte sie dazu ganz unfähig , sie wendete den Kopf mit dem Ausdruck der größten Ungeduld auf die Seite der Thür , rückte auf ihrem Stuhl hin und her , bis ein Scherbengeklingel von zerbrochnem Porzelan ihr die Fassung entriß , und sie , die Hände über dem Kopf zusammenschlagend , aus dem Zimmer lief . Der Pfarrer war diese Auftritte wahrscheinlich gewohnt , oder wollte durch seine Ruhe das durch seine Frau gestörte Gleichgewicht wieder herstellen ; er rückte , ohne sich stören zu lassen , seinen Stuhl näher zu mir und begann von einer neuen Flugschrift zu sprechen . Doch da war ' s eine Kunst , den Faden des Gesprächs festzuhalten , indeß in der anstoßenden Küche Zank , Scheltworte und Befehle abwechselten ; endlich aber griff ein unverkennbarer Ton und das darauf entstehende Geheul des Hundes des guten Pfarrers Herz an seiner empfindlichen Stelle an , er ward feuerroth , sprang auf , machte drei rasche Schritte und kehrte dann mit dem fragmentarischen Selbstgespräch : ein Glück , daß die Kinder alle zu Bett sind ! sein Gespräch wieder anzuknüpfen , auf seinen Sessel zurück . Endlich wurden wir zum Abendessen gerufen . Meine Wirthin suchte mich mit freundlichen Blicken zu empfangen , aber ihre zuckenden Mundmuskeln verriethen ihre innere Stimmung , und diese obsiegte auch , indem sie mich bitterlich beklagte , von alter , zersprungner Fayence essen zu müssen , weil die Dirne da - sie deutete auf das junge Dienstmädchen , das sichtbar verschüchtert uns aufwartete - ihr so eben drei Dutzend feine Porzelanteller auf Einer Tracht zerbrochen hätte . - » Das ist ein großes Glück , mein liebes Weib , bemerkte der Pfarrer , damit hat sie dir drei Dutzend Zorne erspart , und diesen einen wollen wir nun beseitigen . « - Das war aber nicht in der Gewalt dieses geplagten Ehemanns , sondern der Unmuth seiner Frau ergoß sich in bittere Anschuldigungen der ungeschickten Magd und Klagen über die überwältigenden Mühen einer Hausfrau , der es mit ihren Geschäften ein Ernst sey . - » Der Eifer , sie zu besorgen , ist rühmlich , meine Liebe « , bemerkte der Gemahl mit behutsamem Ton , » doch beurtheile selbst , ob du nicht für die wichtigern Erfordernisse mehr Kräfte erübrigtest , wenn Du kleine Verwaltungszweige , wie Fürsten zu thun pflegen , deinen Ministern überließest ! « - » Dann möchte es in meinem Hause aussehen wie in jener Staaten , und davor behüte mich der Himmel ! Sagen Sie selbst , Miß Percy , haben Sie während Miß Mortimers langer Krankheit nicht die Folgen davon erfahren , wenn die Herrin nicht überall selbst gegenwärtig ist ? « - » Verzeihen Sie « , erwiederte ich , unwillig über die gleichgültige Veranlassung , durch die sie sich an meiner Freundin Tod erinnern ließ , » in Miß Mortimers Hause war so viel Ordnung , so wenig Ansprüche , ein so mildes Regiment , daß ich in dieser Rücksicht ihren traurigen Gesundheitszustand nie angesehn habe . « - Sobald ich ausgesprochen hatte , bereute ich den versteckten Tadel , den meine Worte enthielten ; allein der war an meiner Wirthin verloren , sie sagte , nur zerstreut von dem Ungeschick , mit welchem das Dienstmädchen eine Schüssel aufhob : » So ? also wird Miß Mortimer wohl nicht so gar genau haben haushalten müssen ... « Ich fand einen Sinn in dieser Bemerkung , der mich verletzte , hatte aber Klugheit genug , mir die Antwort zu ersparen und diesem peinlichen Abend durch die Bitte , mir mein Zimmer anzuweisen , ein Ende zu machen . Ach es war nicht das einfache Gemach eines Familienmitglieds , wohin man mich führte , es war ein Putzzimmer , in dem nichts bequemen Gebrauch versprach , sondern alles nur sorgsames Schonen aufdrang . Doch müde von dem Kummer des Tags und der Disharmonie des Abends , legte ich mich mit der Hoffnung nieder , daß nun die Anstrengung des Empfangs von Seiten meiner Wirthin überstanden sey , die folgenden Tage geräuschlos in einfacher , häuslicher Beschäftigung hingehen würden ; denn so befremdlich mir die Art der Theilnahme an den Geschäften war , begriff ich wohl , daß es einer Pfarrfrau sehr zur Ehre gereichen könnte , sie selbstthätig zu besorgen . Allein meine Rechnung war falsch . So sanft mein Schlaf war , so früh und unsanft ward er unterbrochen . Fegen , Scheuern , Keifen , Befehlen , Thürenschlagen , Kindergeschrei , durch hörbare Acte der vollziehenden Gewalt auf kurze Zeit beschwichtigt , bewiesen mir , daß meine arme Hausfrau , bei dem Aufwand aller ihrer Kräfte , keine Ordnung , und bei steter Autokratie , keinen Gehorsam einzuführen vermochte . Die widerstandslose Ergebung des Pfarrers wäre mir verhaßt geworden , hätte ich sie der Fühllosigkeit zuschreiben müssen ; allein ich sah bald , daß sie die einzige seiner Individualität mögliche Art war , Aergerniß zu vermeiden . Sein ältestes Kind war in einer Pension ; in den Tagen , wo ich sein Gast war , brachte er das zweite aus dem Hause und gab mir zu verstehen , daß er die armen Kleinen auf diese Art dem Einfluß einer traurigen Häuslichkeit zu entziehen gedenke . Um diese Ausgaben bestreiten zu können , arbeitete er angestrengt für Buchhändler . - Ich bedauerte und achtete den Mann , der tägliches Märtyrerthum zu erleiden , die Kraft besaß , die ihm wahrscheinlich im Anfang seiner Ehe gefehlt hatte , um seiner Gattin fehlerhafte Neigungen zu zügeln . Allein der Aufenthalt in diesem Hause war mir so drückend , daß ich mich überzeugte , die härteste Dienstbarkeit könnte nicht quälender , als die Gastfreundschaft von Mistriß * * * seyn . Die Antwort auf den Brief , den der Pfarrer an seine Schwester geschrieben , ward daher mit der größten Ungeduld von mir erwartet und war mir , wie sie eintraf , tausendfach willkommener , da sie meinem Beschützer meldete , daß sie selbst mich in ihrem Hause aufzunehmen wünschte , um die Erziehung ihrer einzigen Tochter zu vollenden . Meine musikalischen Talente hatten mir bei ihr zu besonderer Empfehlung gedient . Mistriß Murray wünschte meine Bedingungen zu erfahren , von denen sie fürchtete , sie möchten ihre Mittel übersteigen , aber sehr geneigt wäre , das Aeußerste zu thun . Der Schwager des Pfarrers war Marineofficier und in diesem Augenblick zur See . Seine Gattin mit ihren Kindern , einem Sohn und einer Tochter , lebte in Edinburg , ein Umstand , der zu meiner Befriedigung beitrug , denn so sehr der wackre Herr Sidney mir zuredete , einen sehr vertheilhaften Platz , den er in London für mich gefunden hatte , anzunehmen , beharrte ich auf meinem Abscheu vor der Gefahr , dort meinen ehemaligen Bekannten zu begegnen . Herr Sidney sowohl wie der Pfarrer redeten mir zu , meine Abreise nicht auf eine so schwankende Aussicht hin bei einer so ungünstigen Jahreszeit zu unternehmen , sie stellten mir vor , daß mein Eintritt bei Mistriß Murray nur gewinnen könnte , wenn meine Verhältnisse in ihrem Hause vorher näher bestimmt würden . - Ueber diesen Umstand war ich ganz gleichgültig . Die Ungeduld , meine jetzige Lage zu verändern , machte mich blind gegen alle Unannehmlichkeiten , die eine andre , ganz unbekannte mir aufdringen könnte , und somit ward meine Abreise beschlossen . Der Landweg nach Edinburg war für meine Mittel zu kostbar , und wie sehr sich auch meine beiden Rathgeber widersetzten , verdingte ich mich doch auf ein Handelsschiff und ging , nach einem vierzehntägigen Aufenthalte in dem Pfarrhause , zur See . Die gewaltsame Steigerung meiner Geistesstärke , mit der ich meine Abreise betrieben , war in Gefahr , gänzlich zu sinken , wie der Pfarrer und Herr Sidney , nachdem sie mich an Bord begleitet , in ihrer Barke wieder ans Land ruderten . In einem feuchten Winternebel sah ich sie von meinem Schiff abstoßen , zuerst wurden mir ihre Züge , dann ihre Gestalten unkenntlich , bald sah ich nur noch ihre weißen Tücher in grauem Nebel wehen , und endlich war der dunkle Punct , den ihr Nachen auf den Wogen bildete , vor meinen thränentrüben Augen verschwunden . - Nun fühlte ich mich allein ! nun wäre ich gern zurückgekehrt in das Haus , das bei aller seiner unheimlichen Sitte mir jetzt eine Freistätte schien . Regen und Wind trieben mich vom Verdeck in ein dumpfes Behältniß , wo vierzig Mitreisende , von der ungestümen Bewegung des segelnden Schiffes mehr oder weniger angegriffen , umher lagen . Auch mich trieb diese unleidliche Beschwerde , mein Lager zu suchen . - Ich hatte kein zierlicheres