, sich nur mühsam und gebeugt fortbewegen konnte . Allwill , ein junger Dichter , und Wollmer , ein ausgezeichneter Tonkünstler , hatten sich auch dießmal , wie gewöhnlich , der Gesellschaft angeschlossen . Beide waren wegen ihrer Talente und ihres angenehmen Humors immer höchst willkommen . Ernestos Klage über den Mangel allgemeiner Geselligkeit regte sogleich alle Mitglieder des Kreises zum lebhaftesten Widerspruch auf , denn sie befanden sich in dieser Abgeschlossenheit von den übrigen nicht minder behäglich als im Grunde Ernesto selbst und nahmen sie deshalb gern gegen ihn in Schutz . Auguste und Rosalie von Wallburg überhäuften den italienisirten Signor , wie sie ihn spottend nannten , mit Vorwürfen über seinen Wankelmuth , der ihn verleite , sich nach andrer Gesellschaft zu sehnen , und die kleine zwölfjährige Luzie Wallburg sprang gar von der Stelle neben ihm auf , wo sie als seine erklärte Geliebte gewöhnlich zu sitzen pflegte , indem sie versicherte , von einem so ungetreuen Liebhaber wollte sie nichts weiter wissen . Friede und Ruhe wurden indessen bald wieder hergestellt , und Frau von Willnangen nahm den Faden des Gesprächs wieder auf , indem sie Karlsbad gegen Ernestos Tadel vertheidigte . » Kommen Sie nur nach Töplitz , Wiesbaden oder überall hin , « sprach sie , » wo nur gebadet wird und nicht getrunken . Dort , wo Morgens kein Brunnen Gelegenheit zum Bekanntschaftenmachen bietet , dort mag es Ihnen allenfalls erlaubt seyn , über Isolirung der Einzelnen und alle die tausend Schwierigkeiten zu klagen , die sich jeder nur einigermaaßen allgemeineren Geselligkeit entgegenstellen . « » Damit , daß es anderswo noch ärger ist , wird aber dem nicht abgeholfen , was ich hier als mangelhaft schelte , « erwiederte Ernesto . » Ich bleibe dabei , daß der größte Theil der Brunnengäste sich in Karlsbad noch immer mehr langweilt , als recht und billig ist , oder selbst bei einem solchen Zusammenfluß von Leuten möglich seyn sollte , die alle nichts zu thun haben , als sich zu belustigen . « » Ich muß hier auf Ernestos Seite treten , « nahm der Kapellmeister Wollmer das Wort . » Blicken Sie nur um sich her , die Sonne beginnt zu sinken , längstens in einer Stunde verweiset der Aerzte strenges Gebot uns alle aus der Abendluft unter Dach und Fach , und dennoch werden dann noch vor Schlafengehen ein paar Abendstündchen übrig bleiben , die wohl jedermann gern auf angenehme Weise in Gesellschaft zubrächte . Sehen sie indessen nur , wie sich schon alles vereinzelt und nach seiner vielleicht ziemlich unbequemen Wohnung hinzieht , während beide Säle leer bleiben , in denen man sich doch recht bequem noch zum erheiternden Gespräch versammeln könnte . « Leo von Wallburg meinte , wenigstens der Bälle lobend erwähnen zu dürfen , die zweimal die Woche einen allgemeinen Vereinigungspunkt bieten , ward aber von Ernesto schnell unterbrochen . » Geht mir , « sprach dieser , » mit euren Bällen , auf welchen niemand tanzt , als wer seine Mittänzer gleich mitbringt . Diese beweisen gerade , wie sehr der Kotterie-Geist hier herrschend ist . Tanzte wohl am verwichnen Sonntag im sächsischen Saal noch irgend eine Seele außer den verwünscht hübschen Polinnen ? und auch sie nur mit den Herren , welche sie auf den Ball geführt hatten . Freilich schweben diese Sarmatinnen wie Grazien einher ; aber ringsum an den Wänden des Saals saßen auch deutsche und andre Grazien die Menge in langen Reihen da , ohne daß es einem von den vielen jungen Herren eingefallen wäre , sie zum Tanz aufzufordern . » Eigentlich , « nahm der General wieder das Wort , » eigentlich fehlt es uns hier nur an jemanden , der Aufopferung , Geschicklichkeit und Ansehen genug besäße , um sich an die Spitze aller übrigen stellen zu können , und nicht nur bei Festen und Bällen , sondern überall als Wirth die Honneurs zu machen . Ohne einen solchen Mittelpunkt gedeiht bei uns keine Geselligkeit . Wir Deutsche sind nun einmal bei solchen Gelegenheiten nicht sowohl träge als unbehülflich . Genau wie die Kinder , die wenn sie zum erstenmal zusammen kommen , um mit einander zu spielen , lange verschämt dastehen , einander kaum ansehen , und dabei thun , als läge ihnen im mindesten nichts am Spiel , während sie sich vor innerlicher Ungeduld darnach nicht zu lassen wissen . Da muß durchaus jemand eintreten , der jedem zeigt , was es zu thun hat , um sich zu belustigen , und alle mit linder Gewalt an einander treibt , sonst bleibt jeder für sich und ärgert sich dabei über den Nachbar , der nicht den ersten Schritt thun will . « » Thun Sie diesen ersten Schritt und machen Sie der allgemeinen Noth ein Ende , lieber Herr General , « sprach lächelnd Frau von Willnangen ; » in jeder Hinsicht eignet sich niemand zu unserm Anführer besser als Sie , und ich bin im voraus überzeugt , daß jedermann dieß dankbar anerkennen wird . « Der General verbeugte sich und fuhr fort zu reden . » In jüngern Jahren habe ich oft aus eignem Antrieb es versucht , den Ehrenposten zu bekleiden , den Sie , meine gütige Freundin ! mir jetzt wieder zutheilen möchten , dem ich mich aber um keinen Preis wieder unterziehen würde . In Bädern , in Garnisonen oder wo sonst der Zufall eine ungewohnte Zahl Menschen aus den Ständen zusammenführt , welchen geselliges Vergnügen Bedürfniß ist , bin ich oft von eigner Lebenslust verleitet worden , mich zum maitre des plaisirs aufzuwerfen , aber lag es an meiner Ungeschicklichkeit oder an etwas anderm , ich weiß nur , es ist mir jedesmal so schlecht bekommen , daß ich noch jetzt nicht ohne Aerger daran denken kann . » In der That , « sprach Baron Wallburg , » das Amt eines Zeremonien- oder wenn sie wollen , Vergnügen- ist eines der anerkannt mühseligsten und unbelohnendsten , am Hofe wie in der Stadt , vor allem aber in einer Republik , wie doch jeder Brunnenort eine ist , und ich begreife nicht , wie man anders , als durch den Drang der Umstände dazu gezwungen , sich ihm unterziehen mag . « » Sollten Sie mich auch wieder der Anglomanie beschuldigen , lieber Vater ! « sprach Leo , » ich muß hier doch bemerken , daß das Talent der Britten , überall das komfortabelste zu erfinden , sich auch in dem vorliegenden Fall bewährt . Bei ihrer , jeder geselligen Verbindung mit Unbekannten noch weit mehr , als wir Deutschen , widerstrebenden Nation trafen sie dennoch den rechten Weg , alle zufrieden zu stellen . In jedem bedeutenden Brunnenort wählen die Badegäste einen Zeremonienmeister , dessen Anordnungen jeder gern Folge leistet , und der um einen anständigen Ehrensold für die gesellige Unterhaltung Aller , wie jedes Einzelnen , unermüdlich besorgt ist . So darf dort niemand über Vernachlässigung oder Langeweile klagen , der dieß nicht selbst durch sein Betragen verschuldet . « » Dacht ' ichs doch , daß die große Erfindung auf etwas Fabrikmäßiges hinaus laufen würde , « sprach Baron Wallburg , » denn hoffentlich hat dieser Zeremonienmeister auch Gehülfen , die ihm vorarbeiten , und der Fremde , der amüsirt werden soll , geht dabei aus einer Hand in die andre , wie ein englischer Knopf . « » Haben sie nicht auch aus Holz und Stahl vortrefflich gearbeitete Herrn und Damen , die eingeschoben werden , wenn es an lebendigen Tänzern fehlt ? « fragte Ernesto . Die Idee solcher unermüdlichen Tänzer erweckte großes Vergnügen bei dem jüngern Theil der Gesellschaft . Vor allem äußerte die kleine Luzie den sehnlichen Wunsch , daß auf dem nächsten Ball deren ein halbes Dutzend , wo möglich in Husarenuniform , erscheinen möchten . Dann , meinte sie , käme auch wohl einmal die Reihe an sie , mit so einem hölzernen Husaren zu tanzen , denn die großen Mädchen nähmen ihr die lebendigen Tänzer alle weg . » Auch ich kenne die Badekönige , denn so pflegt man in England sie zu nennen , « nahm endlich der Kapellmeister das Wort , » und ich habe mich während meines vieljährigen Aufenthalts in jenem Lande zu wohl unter ihrem sanften Scepter befunden , als daß ich mich nicht laut für sie erklären sollte . Aus Reisebeschreibungen ist zwar jedermann von den Statuten ihres Reichs unterrichtet , aber den ganzen wohlthätigen Einfluß derselben auf das Badeleben kann nur der ermessen , der wie ich einst zu ihren Unterthanen gezählt ward . « Noch vieles sprach man , bald lobend , bald tadelnd über diese englische Einrichtung , deren Einzelheiten selbst dabei sehr umständlich zur Sprache kamen . » Leo hatte in der That Recht , « entschied endlich der General , » und ich wünsche herzlich , recht bald solche Könige auf deutschem Grund und Boden zu begrüßen . Ernestos fromme Wünsche können wahrscheinlich nur durch ihre Einführung bei uns in Erfüllung gehen , aber ich fürchte aus mancherlei Gründen , daß sich unendliche Schwierigkeiten ihr entgegen stellen würden . Indessen käme es auf einen Versuch an , und wäre die Brunnenzeit nicht ihrem Ende so nahe , so möchte ich sie wohl , wenigstens als Probestück , auf einige Wochen in Vorschlag bringen , obgleich ich nicht weiß , wo ich sogleich einen würdigen Kandidaten zu diesem sehr schweren Posten finden würde . « » Ein Mann von Stande könnte sich doch unmöglich dazu entschließen , « meinte Frau von Wallburg . » Und warum denn nicht ? meine gnädige Frau ! « erwiederte ihr schnell Ernesto . » Ich halte die Stelle eines solchen Königs für recht ehrenvoll , und um so mehr , da nicht gemeine Eigenschaften dazu gehören , sie mit Würde zu bekleiden . « » Glauben Sie vielleicht , daß die Stelle eines Banquiers am Pharao-Tische , die so mancher Sprößling eines sehr edlen Stammes ausfüllt , für ehrenvoller gelten dürfe ? « setzte der General lächelnd hinzu . Die letzten Strahlen der sinkenden Sonne mahnten jetzt die Gesellschaft zum Aufbruch , doch traf man noch vorher die Verabredung , es an einem der nächsten Abende zu versuchen , ob nicht der größere Theil der in Karlsbad gegenwärtigen Fremden zu einer zahlreicheren Versammlung in einem der Säle zu veranlassen sey , um so vielleicht den Grund zu künftiger allgemeinerer Geselligkeit zu legen . Niemand wandte gegen diesen Plan etwas ein , außer Frau von Wallburg . » Ich weiß nicht , « sprach sie , » warum wir uns um die Uebrigen , die sich um uns nicht bekümmern , so viel Mühe geben wollen , da wir ihrer doch nicht bedürfen , um uns recht wohl zu befinden . Unser Zirkel genügt uns , er ist groß genug , um uns zu amüsiren , und wir werden uns da eine Menge Bekanntschaften aufladen , unter denen sich gewiß Leute befinden , die gar nicht zu uns passen , und die uns in Zukunft vielleicht recht lästig und beschwerlich in unserm eignen Hause werden können . « Herr von Wallburg tröstete indessen seine Frau mit der Versicherung , daß Badebekanntschaften sich nie über die wenigen Wochen hinaus erstrecken dürfen , die man mit einander verlebt , und daß es anerkannt herkömmlich sey , auch die genausten dieser Art in seiner Heimath zu ignoriren , sobald man nicht durch eigne Beweggründe sich veranlaßt finde sie fortzusetzen ; und so wanderte sie beruhigt mit der übrigen Gesellschaft ihrer Wohnung zu . Die letzten , auf eine eigne , gleichsam etwas bezeichnen sollende Weise betonten Worte des Baron Wallburg machten indessen auf Frau von Willnangen einen nichts weniger als angenehmen Eindruck . Sie hörte sie mit dem prophezeienden Vorgefühl , mit welchem der kundige Schiffer bei sonst heiterem Himmel das kleine dunkle Wölkchen am fernsten Horizonte erblickt , welches ihm den nahenden Orkan verkündigt . Ueberhaupt wohnt in vielen Frauen ein Vorahnen dessen , was sie von denen , welchen sie auf ihrem Lebenspfade begegnen , zu erwarten haben , sey es Freude , sey es Schmerz . Liebe oder Feindseligkeit , sie empfinden beide lange im Voraus , ehe sich noch die Person ihrer bewußt wird , in deren Brust diese Empfindungen später erwachen . Von diesem wunderbaren Gefühl geleitet , würde Frau von Willnangen den Umgang mit dem Baron Wallburg und seiner Frau vielleicht gänzlich vermieden haben , aber sie hielt es für unbillig und thöricht , auf eine Ahnung zu achten , für welche sich durchaus kein vernünftiger Grund erdenken ließ , und überdem erschien ihr der jüngere Theil dieser Familie so liebenswürdig , daß sie um seinetwillen manches ihr minder Angenehme gern übersehen mochte . Nicht ohne Wohlgefallen hatte sie das Aufkeimen einer Neigung Leos von Wallburg zu ihrer Tochter bemerkt , deren Erwiederung von Augustens Seite ihr durchaus nicht unerwünscht gekommen wäre . Leo zeichnete sich in der That auf eine vortheilhafte Weise vor andern jungen Männern aus . Mit einem sehr gebildeten Geist und einem angenehmen Aeußern verband er die schätzenswerthesten Eigenschaften des Gemüths , die sich auf das Unverkennbarste bei jeder Gelegenheit , besonders aber im Umgang mit den Seinen äußerten . Und so war es wohl sehr verzeihlich , wenn Frau von Willnangen sich bisweilen süßen , allmählig zu Wünschen und Hoffnungen ausartenden Träumen vom künftigen Glück ihrer Tochter überließ , besonders da der einstigen Erfüllung derselben sich auch im Aeußern nichts entgegen zu stellen schien . Dennoch hütete sie sich wohl , mit Augusten darüber zu sprechen , sie ließ das Herz ihrer Tochter ungestört seinen stillen Gang gehen ; der Reue Schmerzen , die sie noch immer bei Gabrielens Anblick empfand , lehrten sie jetzt Vorsicht üben , da es vielleicht der ganzen Zukunft ihres geliebten einzigen Kindes galt . Das vom Baron Wallburg über die Bade-Bekanntschaften ausgesprochene Urtheil wäre vielleicht von ihr unbeachtet geblieben , hätte es sie nicht plötzlich an ein Gespräch erinnert , welches sie mit dem General auf einem einsamen Spaziergange am nehmlichen Morgen gehalten hatte . Er , der immer offen zu Werke zu gehen gewohnt war , hatte mit einer höchst auffallenden Absichtlichkeit die Gelegenheit gesucht , vom Baron Wallburg und dessen Gemahlin zu sprechen . Beide wurden zwar als sehr vorzüglich in jeder Hinsicht von ihm gepriesen , dabei aber zu wiederholten Malen und fast warnend des Ahnenstolzes erwähnt , der in ihrem Vaterland überall mehr als in irgend einem andern Theile Deutschlands vorherrsche . Auch dieses sonst so liberal gesinnte Paar sollte , nach des Generals Versicherung , in dieser Hinsicht mit unüberwindlichen Vorurtheilen erfüllt seyn ; nur feine Sitte verhindre es , diese auch im gewöhnlichen Leben laut werden zu lassen . Die Dazwischenkunft des Barons selbst und die übrigen Zerstreuungen des Tages hatten Frau von Willnangen abgehalten , dieses Gespräch mit dem Ernst zu würdigen , zu welchem es augenscheinlich des Generals Absicht war , sie zu stimmen . Jetzt aber stand jedes Wort desselben plötzlich wieder vor ihrem Geist , und dabei fiel der Gedanke ihr mit Zentnerschwere auf das Herz , daß Augustens Stammbaum wirklich nicht von der Art sey , um vor strengen Richtern als gültig zu bestehen . Ihr Vater war der Sohn eines sehr angesehenen aber bürgerlichen Hauses , seinen später erworbnen Adel verdankte er nur seinen Verdiensten und dem Range , den er bekleidete . Die lange Reihe von Ahnen , welche Frau v. Willnangen als eine geborne Rosenberg zählte , vermochte es leider nicht , die ihm fehlenden zu ersetzen . Frau von Willnangen fühlte sich bei ihrer Zuhausekunft von diesen Gedanken so verstimmt , daß sie es ausschlug , noch , wie sonst gewöhnlich , ein paar Stunden bei der Gesellschaft zu bleiben , und sich vielmehr mit den Ihrigen in ihr Zimmer zurückzog . Diese Verstimmung theilte sich auch den Uebrigen mit , alle vereinzelten sich , und der Abend nach diesem so fröhlich begonnenen Nachmittag , der eine allgemeine Geselligkeit einzuführen bestimmt schien , war der erste , an dem jedermann sich bestmöglichst zu isoliren strebte . Ein wunderschöner , wenn gleich schwüler Morgen folgte diesem Abend . Die ganze , durch das Hinzutreten mehrerer entfernteren Bekannten sehr vergrößerte Gesellschaft beschloß deshalb , einen längst entworfnen Plan auszuführen . Das Frühstück sollte auf dem höchsten der über dem schönen Thal thronenden Berge eingenommen werden , neben den drei Kreuzen , die dessen Gipfel bezeichnen . Auch Frau von Willnangen hatte sich mit ihrer Tochter von dem allgemeinen Vergnügen nicht ausschließen mögen . Ernesto mit der fröhlichen Luzie waren als Heerführer an die Spitze der kleinen Schaar gestellt , die singend und jubelnd vom Brunnen weg durch den blinkenden Morgenthau hinzog . Allwill hatte einen eignen Rundgesang für diese Wallfahrt gedichtet , der Kapellmeister erfand auf der Stelle eine Melodie dazu , dieß erhöhte die laute Freude , mit der alle sich auf den Weg machten . Nur Adelbert und Gabriele blieben einsam zurück . Mit seinem gelähmten Fuß konnte ersterer gar nicht daran denken , eine solche Wanderung zu unternehmen , und Gabriele durfte es auch noch nicht wagen , sich der Ermüdung eines so weiten Spazierganges auszusetzen . Nach dem Scheiden der fröhlichen Gesellschaft begleitete Adelbert Gabrielen schweigend und langsam zu Hause , aber der Morgen war zu schön , um ihn ganz ungenossen vergehen zu lassen , und so wandten sie sich daher bald den lieblichen Schattengängen zu , die das anmuthige Thal von allen Seiten bekränzen . Nie zuvor hatten beide Gelegenheit gehabt , so ganz allein mit einander zu seyn . Adelbert fühlte sich zwar vom ersten Augenblick ihrer Bekanntschaft an durch die stille sanfte Schwermuth zu ihr hingezogen , die wie ein Schleier über Gabrielens ganzes Wesen sich verbreitete , und der milde Strahl ihres schönen dunkeln Auges war oft wie ein erwärmendes Licht in seine wunde Brust gedrungen , aber die reine Güte ihres Gemüths und selbst ihre hohe geistige Bildung konnten ihm dennoch nie zuvor , wie jetzt im ungestörten Gespräch mit ihr , in dieser Klarheit sichtbar werden . Auch hatte sie sich ihm noch nie so unaussprechlich freundlich und vertrauend gezeigt . Beide waren heute durch ähnliche Leiden von der allgemeinen Freude ausgeschlossen geblieben , und Gabriele fühlte sich dadurch Adelberten gewissermaaßen schwesterlich verwandt . Sie neigte sich deshalb zu ihm und sprach mit ihm , wie eine liebende Schwester mit ihrem kranken leidenden Bruder sprechen könnte . Ein wahrhaft und tief verwundetes Gemüth erkennt das andre ohne Worte , daher wußte Gabriele recht wohl , daß Adelbert freundlicher Theilnahme weit bedürftiger sey , als es selbst seine im Aeußern zerstörte Jugendblüthe vermuthen ließ , und daß vielleicht nur diese ihn von völligem Untergang in Tiefsinn und Schwermuth erretten könne . Sie wandte sich deshalb unendlich mitleidig zu ihm ; alles was sie sagte und that , drückte das Bestreben aus , ihm tröstlich zu werden . Ihre ohnehin sanfte melodische Stimme klang wie das Flöten einer Nachtigall , denn sie suchte sie noch mehr zu mildern , indem sie zu ihm sprach , und Adelberten ging dabei in lange nicht empfundner Seligkeit das Herz auf . So in ernstes und vertrauliches Gespräch verloren , wanderten beide langsam neben einander hin , länger und weiter , als sie selbst es bemerkten . An sich unbedeutende Anhöhen , die Adelberten aber noch gestern unübersteiglich geschienen hatten , ging er jetzt , seiner Krücke nicht gedenkend , an Gabrielens Seite hinauf und hinab , ohne es zu gewahren . An den Stellen , welche ihr am schwierigsten dünkten , bot sie ihm hülfreich die kleine weiße Hand , und indem er sie berührte , war ihm , als ob unsichtbare Engel ihn mit ihren Flügeln unterstützten . Zwar dachte Gabriele nicht ohne Sorge an den Rückweg , indem sie neben ihm herging , aber sie vermochte es nicht über sich zu gewinnen , ihn aus dem augenblicklichen Vergessen seines traurigen Zustandes zu erwecken , und verschwieg daher ihre Besorgnisse . Endlich erreichten sie den kleinen Tempel , welcher den Namen des Lords Finlater , des Verschönerers dieser Gegend , trägt , und mit ihm die beinahe äußerste Gränze der eigentlichen Promenaden . Bei ihrer , ihnen jetzt erst recht fühlbar werdenden Ermüdung und der ungewöhnlichen Schwüle des Tages war ihnen dieser Ruhepunkt höchst willkommen . Sie setzten sich traulich neben einander und fuhren in dem Gespräche fort , dessen Interesse sie so unvermerkt bis zu diesem , von ihrer Wohnung ziemlich weit abgelegnen Platz hingeführt hatte . Die Unterhaltung war zuerst von der Poesie und dem verschiednen Werth der neuesten Erzeugnisse unsrer Dichter ausgegangen , unmerklich aber hatte sie sich der Liebe und ihren Leiden und Freuden zugewendet . Gabrielens beredtes Auge hatte Adelberten längst eine unglückliche Liebe als das stille Geheimniß ihres Herzens verrathen , obgleich sie auch nicht auf die leiseste Art darauf hindeutete . Er strebte daher mit der zartesten Schonung , alles zu vermeiden , was ihm das Ansehen geben konnte , als suche er ihr Vertrauen zu erschleichen , oder wolle die nähern Umstände eines Geschicks erspähen , das er nicht umhin konnte , sich dem eigenen ähnlich zu denken . Der Anblick des unaussprechlich anmuthigen und doch so tief verletzten Wesens an seiner Seite stimmte ihn dabei immer wehmüthiger , indem er doch zugleich über seine eignen Schmerzen für den Augenblick sich beruhigter fühlte . » Nur eines kann ich mir denken , wogegen kein Trost zu finden wäre , « sprach Gabriele im Verlauf des Gesprächs zu Adelbert . » Trennung , Tod des Geliebten , sind zwar ein unnennbares Weh , das schwache Herz möchte darüber brechen , wenn nicht die Liebe selbst und der schöne Hoffnungsstrahl von jenseits es hielten , aber dieser Schmerz reicht doch nicht an jenen , alle Hoffnung , sogar jeden Wunsch nach Trost vernichtenden , für dessen Möglichkeit ich zurückbebe . - Er heißt Unwerth des Geliebten , Verachten dessen , was wir dennoch lieben müssen . - Nein , die menschliche Natur kann dieß Entsetzliche nicht ertragen ! « Todtenblässe überzog bei diesen Worten Adelberts Gesicht , das er im nächsten Moment , krampfhaft zitternd , mit beiden Händen verhüllte . » Und doch , mein Fräulein ! und doch , « stammelte er fast unhörbar . » Sie haben in zwei Worten die traurige Bestimmung meines Daseyns ausgesprochen . Lieben und Verachten ! Die menschliche Natur erträgt es wohl , Sie sehen , ich lebe noch . « Gabriele hätte vor Reue darüber vergehen mögen , daß sie ihn , den sie beruhigen und trösten zu wollen sich bewußt war , so unvorsichtig verletzt hatte . Sie fand und suchte kein Wort zu ihrer Entschuldigung , aber Adelbert hob den getrübten Blick zu ihr auf und las in ihrem schimmernden Auge innigere Theilnahme , schmerzlichere Reue , als sie mit aller Beredtsamkeit ihm hätte ausdrücken können . Sein Herz öffnete sich zum erstenmal wieder nach langer Zeit im Ergusse des reinsten Vertrauens ; auch sie fand allmählig herzliche beschwichtigende Worte für ihn , und bald vernahm sie die Geschichte seiner glücklich verlebten früheren Zeit und die Ursache des jetzt ihn zerstörenden Kummers , die er mit der , allen Unglücklichen eignen Umständlichkeit ihr vertrauend mittheilte . Früh verwaiset , wuchs Adelbert im Schlosse seines edlen Oheims auf , der das hoffnungsvolle Kind mit wahrhaft väterlicher Liebe erzog . Zwei Knaben und ein jüngeres Mädchen , Herminie genannt , theilten mit ihm die Stunden des Unterrichts wie die der Erholung . Sie waren die Kinder einer benachbarten Familie , welche durch enge Bande der Freundschaft mit seinem Oheim von jeher vereinigt , fast immer in seiner Nähe lebte . Adelberts Auge strahlte noch einmal im Wiederschein der untergegangnen Sonne seines Frühlingslebens , als er jetzt erwähnte , wie schon in früher Jugend die innigste Liebe zu Herminien ihn zu allem Guten entstammte , wie er stets sich auszuzeichnen strebte , um ihr zu gefallen , und wie auch sie mit unverkennbarer Zärtlichkeit an ihm hing . Sein Oheim und Herminiens Eltern blickten lächelnd auf die frühe Liebe ihrer Kinder , und bauten darauf goldne Pläne für ihre Zukunft . » O wäre ich damals gestorben ! « rief Adelbert mit schimmernden Augen , » damals in der Morgenröthe des Lebens , die den herrlichsten aller Tage schien verkünden zu wollen , der jetzt mir untergegangen ist in Nacht und Graus . « Die Kinder wuchsen zum Jünglingsalter heran ; mit diesem erschienen Jahre der Trennung , aber diese sollte ja den Zeitpunkt ewiger Vereinigung herbeiführen . Adelbert fühlte die Nothwendigkeit , sich erst für das Leben zu rüsten , sich Eigenschaften zu erwerben , die ihn einst berechtigen könnten , nach dem Preise zu streben , der in rosiger Glorie vor ihm stand . Auch lockte ihn , den in der Einsamkeit erzognen Jüngling , die ferne bunte Welt mit alle dem magischen Reiz , durch welchen sie jeden Unerfahrnen blendet , und so bestieg er , ziemlich gefaßt , den Reisewagen , der ihn nach einer entfernten Universität führen sollte , während Herminie in wildem Schmerz zu vergehen glaubte . Ein Briefwechsel mit dem Geliebten , zu welchem Eltern und Oheim , nach der feierlichen Verlobung des jungen Paars , ihre Einwilligung gegeben hatten , blieb ihr einziger Trost . So vergingen drei Jahre . Adelbert verlebte sie unter Arbeit , Sehnsucht und Hoffnung . Herminiens Andenken hielt ihn hoch über den Strudel wüster Verwilderung , in welchem viele seiner jugendlichen Genossen neben ihm versanken . Herminiens Briefe zu beantworten , sein ganzes Herz ihr offen darzulegen , war die höchste Wonne seines Lebens . Er fühlte ganz den hohen Zauber , mit der diese Art , uns das Geliebte zu vergegenwärtigen , zuweilen sogar das Glück der wirklichen Gegenwart besiegt . Auge in Auge , macht die Lippen verstummen , aber in der einsamen Beschäftigung mit einem geliebten Wesen reihen sich die Worte zum Ausdruck unsrer innigsten Gefühle von selbst an einander , und wir vermögen zu schreiben , was wir nimmermehr sagen könnten . Dennoch nannte Herminie Adelberts Briefe oft kalt und liebeleer , und obgleich sie von allem , was ihn nur auf die entfernteste Weise berührte , unterrichtet zu werden verlangte , so konnte sie doch auch oft darüber zürnen , daß er fähig wäre , irgend etwas anders zu erwähnen als seine Liebe . » Du kannst Mannigfaltigkeit in deine Briefe bringen , « schrieb sie ihm , » du bist ein Mann , du lebst in der Welt . Ich Einsame lebe nur in dir , ich kann nichts denken als dich , darum vergieb , wenn ich langweilig dir nur von dir schreibe ; du bist ja meine Welt , von der ich jetzt nur träumen darf . « Endlich war der Zeitpunkt ganz nahe , in welchem Adelbert zu seinem Oheim zurückkehren sollte , um wenige Wochen später mit Herminien auf ewig vereint zu werden . Mit kaum zu mäßigender Ungeduld sah er dem unfernen Tage seiner Abreise von der Universität entgegen , als ganz unerwartet ein vom General abgesandter Eilbote erschien , mit dem Auftrage , ihn zur möglichsten Beschleunigung seiner Rückkehr in die Heimath zu mahnen . Dieser an sich höchst willkommne Befehl seines Oheims überraschte dennoch Adelberten , besonders da der in höchster Eil abgesandte Bote ihn durchaus nichts näheres darüber zu sagen wußte . Adelbert eilte rastlos Tag und Nacht , bis er das Schloß seines Oheims erreichte . Dort fand er den edlen Greis gerüstet , um in den Kampf gegen die Feinde zu ziehen , deren Horden damals aufs neue unser Vaterland zerstörend zu überschwemmen drohten . Ob Adelbert ihn auf diesem Zuge begleiten würde , blieb nicht die Frage eines einzigen Augenblicks ; der General hatte schon alles dazu vorbereitet , der nächste Morgen war zur Abreise bestimmt , und beiden Liebenden blieb nur dieser einzige Abend zum Wiedersehn und zum Scheiden . Schweigend betrachteten sie einander in der Stunde des Wiedersehns . Mit süßem Erröthen schlug Herminie die langen seidnen Augenwimpern nieder vor den liebeglühenden Blicken des hoch und schön vor ihr stehenden , zum Mann heranblühenden Jünglings , während dieser , verloren in Entzücken , den unbegreiflichen Zauber anstaunte , welchen drei kurze Jahre hier geübt hatten . Die Stunde der Trennung schlug unter den heiligsten Schwüren ewiger Liebe in Noth und Tod . Bewußtlos sank Herminie aus Adelberts Armen in die ihrer Mutter , während er die glänzenden Augen seitwärts wendete , indem er sein Roß bestieg , damit keiner der alten Krieger , die mit ihm und seinem Oheim auszogen , die still über seine Wange hinrollende Thräne gewahren möge . Von neuem begann der Briefwechsel der Liebenden . Herminie lebte nur mit der Feder in der Hand , Adelbert verwandte für sie jede freie Minute , bis die immer steigenden Unruhen des Krieges alle Möglichkeit einer freien Mittheilung vernichteten . Unglück häufte sich auf Unglück , Jammer auf Jammer . Nach der Schlacht bei E ..... blieb Adelbert unter den Todten liegen , und ward nur durch ein halbes Wunder vom lebendig Begrabenwerden gerettet . Als Kriegsgefangner wurde er in ein Hospital gebracht . Seine Jugendkraft ließ ihn die Behandlung der französischen Wundärzte überleben . Nach abgeschloßnem Frieden erschien sein Oheim selbst , ihn abzuholen . Traurig wandten sich beide der Heimath zu , aber die Hoffnung , Herminien dort zu finden , glänzte wie ein heller Stern dem alten wie dem jungen Krieger durch die dunkle Nacht der Trauer , die jede andre Hoffnung ihnen verhüllte . » Herminiens sanfte Hand wird unsre Wunden heilen , sie wird künftig dich führen , dich stützen , armer Adelbert , « sprach der General , wenn er den Gelähmten sich mühsam an Krücken forthelfen sah . » Jetzt in einer Stunde sehen wir sie wieder , « sprach er endlich . Aber sie fanden sie nicht . Ihr Schloß war öde und leer , ihre Eltern waren mit ihr , aus Furcht vor den auf dem flachen