, als du denkst ? denn eine ganz bestimmte Nachricht hast du ja doch niemals gehabt . « Solche Vermutungen wechselten hin und her , indem der Hausherr anspannen ließ , um seine Gattin holen zu lassen , die in der Nachbarschaft einen Besuch machte . » Wenn ich Sie indessen , bis meine Frau kommt , auf meine Weise unterhalten und zugleich meine Geschäfte fortsetzen darf , so machen Sie einige Schritte mit mir aufs Feld und sehen sich um , wie ich meine Wirtschaft betreibe : denn gewiß ist Ihnen , als einem großen Gutsbesitzer , nichts angelegener als die edle Wissenschaft , die edle Kunst des Feldbaues . « Lenardo widersprach nicht ; Wilhelm unterrichtete sich gern ; und der Landmann hatte seinen Grund und Boden , den er unumschränkt besaß und beherrschte , vollkommen gut inne ; was er vornahm , war der Absicht gemäß ; was er säete und pflanzte , durchaus am rechten Ort ; er wußte die Behandlung und die Ursachen derselben so deutlich anzugeben , daß es ein jeder begriff und für möglich gehalten hätte , dasselbe zu tun und zu leisten : ein Wahn , in den man leicht verfällt , wenn man einem Meister zusieht , dem alles bequem von der Hand geht . Die Fremden erzeigten sich sehr zufrieden und konnten nichts als Lob und Billigung erteilen . Er nahm es dankbar und freundlich auf , fügte jedoch hinzu : » Nun muß ich Ihnen aber auch meine schwache Seite zeigen , die freilich an jedem zu bemerken ist , der sich einem Gegenstand ausschließlich ergibt . « Er führte sie auf seinen Hof , zeigte ihnen seine Werkzeuge , den Vorrat derselben sowie den Vorrat von allem erdenklichen Geräte und dessen Zubehör . » Man tadelte mich oft « , sagte er dabei , » daß ich hierin zu weit gehe ; allein ich kann mich deshalb nicht schelten . Glücklich ist der , dem sein Geschäft auch zur Puppe wird , der mit demselbigen zuletzt noch spielt und sich an dem ergötzt , was ihm sein Zustand zur Pflicht macht . « Die beiden Freunde ließen es an Fragen und Erkundigungen nicht fehlen . Besonders erfreute sich Wilhelm an den allgemeinen Bemerkungen , zu denen dieser Mann aufgelegt schien , und verfehlte nicht , sie zu erwidern ; indessen Lenardo , mehr in sich gekehrt , an dem Glück Valerinens , das er in diesem Zustande für gewiß hielt , stillen Teil nahm , obgleich mit einem leisen Gefühl von Unbehagen , von dem er sich keine Rechenschaft zu geben wußte . Man war schon ins Haus zurückgekehrt , als der Wagen der Besitzerin vorfuhr . Man eilte ihr entgegen ; aber wie erstaunte , wie erschrak Lenardo , als er sie aussteigen sah . Sie war es nicht , es war das nußbraune Mädchen nicht , vielmehr gerade das Gegenteil ; zwar auch eine schöne , schlanke Gestalt , aber blond , mit allen Vorteilen , die Blondinen eigen sind . Diese Schönheit , diese Anmut erschreckte Lenardon . Seine Augen hatten das braune Mädchen gesucht ; nun leuchtete ihm ein ganz anderes entgegen . Auch dieser Züge erinnerte er sich ; ihre Anrede , ihr Betragen versetzten ihn bald aus jeder Ungewißheit : es war die Tochter des Gerichtshalters , der bei dem Oheim in großem Ansehen stand , deshalb denn auch dieser bei der Ausstattung sehr viel getan und dem neuen Paare behülflich gewesen . Dies alles und mehr noch wurde von der jungen Frau zum Antrittsgruße fröhlich erzählt , mit einer Freude , wie sie die Überraschung eines Wiedersehens ungezwungen äußern läßt . Ob man sich wiedererkenne , wurde gefragt ; die Veränderungen der Gestalt wurden beredet , welche merklich genug bei Personen dieses Alters gefunden werden . Valerine war immer angenehm , dann aber höchst liebenswürdig , wenn Fröhlichkeit sie aus dem gewöhnlichen gleichgültigen Zustande herausriß . Die Gesellschaft ward gesprächig und die Unterhaltung so lebhaft , daß Lenardo sich fassen und seine Bestürzung verbergen konnte . Wilhelm , dem der Freund geschwind genug von diesem seltsamen Ereignis einen Wink gegeben hatte , tat sein mögliches , um diesem beizustehen ; und Valerinens kleine Eitelkeit , daß der Baron , noch ehe er die Seinigen gesehen , sich ihrer erinnert , bei ihr eingekehrt sei , ließ sie auch nicht den mindesten Verdacht schöpfen , daß hier eine andere Absicht oder ein Mißgriff obwalte . Man blieb bis tief in die Nacht beisammen , obgleich beide Freunde nach einem vertraulichen Gespräch sich sehnten , das denn auch sogleich begann , als sie sich in dem Gastzimmer allein sahen . » Ich soll , so scheint es « , sagte Lenardo , » meine Qual nicht loswerden . Eine unglückliche Verwechslung des Namens , merke ich , verdoppelt sie . Diese blonde Schönheit habe ich oft mit jener Braunen , die man keine Schönheit nennen durfte , spielen sehen ; ja ich trieb mich selbst mit ihnen , obgleich so vieles älter , in den Feldern und Gärten herum . Beide machten nicht den geringsten Eindruck auf mich , ich habe nur den Namen der einen behalten und ihn der andern beigelegt . Nun finde ich die , die mich nichts angeht , nach ihrer Weise über die Maßen glücklich , indessen die andere , wer weiß wohin , in die Welt geworfen ist . « Den folgenden Morgen waren die Freunde beinahe früher auf als die tätigen Landleute . Das Vergnügen , ihre Gäste zu sehen , hatte Valerinen gleichfalls zeitig geweckt . Sie ahnete nicht , mit welchen Gesinnungen sie zum Frühstück kamen . Wilhelm , der wohl einsah , daß ohne Nachricht von dem nußbraunen Mädchen Lenardo sich in der peinlichsten Lage befinde , brachte das Gespräch auf frühere Zeiten , auf Gespielen , aufs Lokal , das er selbst kannte , auf andere Erinnerungen , so daß Valerine zuletzt ganz natürlich darauf kam , des nußbraunen Mädchens zu erwähnen und ihren Namen auszusprechen . Kaum hatte Lenardo den Namen Nachodine gehört , so entsann er sich dessen vollkommen ; aber auch mit dem Namen kehrte das Bild jener Bittenden zurück , mit einer solchen Gewalt , daß ihm das Weitere ganz unerträglich fiel , als Valerine mit warmem Anteil die Auspfändung des frommen Pachters , seine Resignation und seinen Auszug erzählte , und wie er sich auf seine Tochter gelehnt , die ein kleines Bündel getragen . Lenardo glaubte zu versinken . Unglücklicher- und glücklicherweise erging sich Valerine in einer gewissen Umständlichkeit , die , Lenardon das Herz zerreißend , ihm dennoch möglich machte , mit Beihülfe seines Gefährten , einige Fassung zu zeigen . Man schied unter vollen , aufrichtigen Bitten des Ehepaars um baldige Wiederkunft und einer halben , geheuchelten Zusage beider Gäste . Und wie dem Menschen , der sich selbst was Gutes gönnt , alles zum Glück schlägt , so legte Valerine zuletzt das Schweigen Lenardos , seine sichtbare Zerstreuung beim Abschied , sein hastiges Wegeilen zu ihrem Vorteil aus und konnte sich , obgleich treue und liebevolle Gattin eines wackern Landmanns , doch nicht enthalten , an einer wiederaufwachenden oder neuentstehenden Neigung , wie sie sich ' s auslegte , ihres ehemaligen Gutsherrn einiges Behagen zu finden . Nach diesem sonderbaren Ereignis sagte Lenardo : » Daß wir , bei so schönen Hoffnungen , ganz nahe vor dem Hafen scheitern , darüber kann ich mich nur einigermaßen trösten , mich nur für den Augenblick beruhigen und den Meinen entgegengehen , wenn ich betrachte , daß der Himmel Sie mir zugeführt hat , Sie , dem es bei seiner eigentümlichen Sendung gleichgültig ist , wohin und wozu er seinen Weg richtet . Nehmen Sie es über sich , Nachodinen aufzusuchen und mir Nachricht von ihr zu geben . Ist sie glücklich , so bin ich zufrieden ; ist sie unglücklich , so helfen Sie ihr auf meine Kosten . Handeln Sie ohne Rücksichten , sparen , schonen Sie nichts . « » Nach welcher Weltgegend aber « , sagte Wilhelm lächelnd , » hab ' ich denn meine Schritte zu richten ? Wenn Sie keine Ahnung haben , wie soll ich damit begabt sein ? « » Hören Sie ! « antwortete Lenardo . » In voriger Nacht , wo Sie mich als einen Verzweifelnden rastlos auf und ab gehen sahen , wo ich leidenschaftlich in Kopf und Herzen alles durcheinanderwarf , da kam ein alter Freund mir vor den Geist , ein würdiger Mann , der , ohne mich eben zu hofmeistern , auf meine Jugend großen Einfluß gehabt hat . Gern hätt ' ich mir ihn , wenigstens teilweise , als Reisegefährten erbeten , wenn er nicht wundersam durch die schönsten Kunst- und altertümlichen Seltenheiten an seine Wohnung geknüpft wäre , die er nur auf Augenblicke verläßt . Dieser , weiß ich , genießt einer ausgebreiteten Bekanntschaft mit allem , was in dieser Welt durch irgendeinen edlen Faden verbunden ist ; zu ihm eilen Sie , ihm erzählen Sie , wie ich es vorgetragen , und es steht zu hoffen , daß ihm sein zartes Gefühl irgend einen Ort , eine Gegend andeuten werde , wo sie zu finden sein möchte . In meiner Bedrängnis fiel es mir ein , daß der Vater des Kindes sich zu den Frommen zählte , und ich ward im Augenblick fromm genug , mich an die moralische Weltordnung zu wenden und zu bitten : sie möge sich hier zu meinen Gunsten einmal wunderbar gnädig offenbaren . « » Noch eine Schwierigkeit « , versetzte Wilhelm , » bleibt jedoch zu lösen : wo soll ich mit meinem Felix hin ? denn auf so ganz ungewissen Wegen möcht ' ich ihn nicht mit mir führen und ihn doch auch nicht gerne von mir lassen ; denn mich dünkt , der Sohn entwickele sich nirgends besser als in Gegenwart des Vaters . « » Keineswegs ! « erwiderte Lenardo , » dies ist ein holder väterlicher Irrtum : der Vater behält immer eine Art von despotischem Verhältnis zu seinem Sohn , dessen Tugenden er nicht anerkennt und an dessen Fehlern er sich freut ; deswegen die Alten schon zu sagen pflegten : Der Helden Söhne werden Taugenichtse , und ich habe mich weit genug in der Welt umgesehen , um hierüber ins klare zu kommen . Glücklicherweise wird unser alter Freund , an den ich Ihnen sogleich ein eiliges Schreiben verfasse , auch hierüber die beste Auskunft geben . Als ich ihn vor Jahren das letztemal sah , erzählte er mir gar manches von einer pädagogischen Verbindung , die ich nur für eine Art von Utopien halten konnte ; es schien mir , als sei , unter dem Bilde der Wirklichkeit , eine Reihe von Ideen , Gedanken , Vorschlägen und Vorsätzen gemeint , die freilich zusammenhingen , aber in dem gewöhnlichen Laufe der Dinge wohl schwerlich zusammentreffen möchten . Weil ich ihn aber kenne , weil er gern durch Bilder das Mögliche und Unmögliche verwirklichen mag , so ließ ich es gut sein , und nun kommt es uns zugute ; er weiß gewiß Ihnen Ort und Umstände zu bezeichnen , wie Sie Ihren Knaben getrost vertrauen und von einer weisen Leitung das Beste hoffen können . « Im Dahinreiten sich auf diese Weise unterhaltend , erblickten sie eine edle Villa , die Gebäude im ernst-freundlichen Geschmack , freien Vorraum und in weiter , würdiger Umgebung wohlbestandene Bäume ; Türen und Schaltern aber durchaus verschlossen , alles einsam , doch wohlerhalten anzusehn . Von einem ältlichen Manne , der sich am Eingang zu beschäftigen schien , erfuhren sie , dies sei das Erbteil eines jungen Mannes , dem es von seinem in hohem Alter erst kurz verstorbenen Vater soeben hinterlassen worden . Auf weiteres Befragen wurden sie belehrt : dem Erben sei hier leider alles zu fertig , er habe hier nichts mehr zu tun und das Vorhandene zu genießen sei gerade nicht seine Sache ; deswegen er sich denn ein Lokal näher am Gebirge ausgesucht , wo er für sich und seine Gesellen Mooshütten baue und eine Art von jägerischer Einsiedelei anlegen wolle . Was den Berichtenden selbst betraf , vernahmen sie , er sei der mitgeerbte Kastellan , sorge aufs genaueste für Erhaltung und Reinlichkeit , damit irgendein Enkel , in die Neigung und Besitzung des Großvaters eingreifend , alles finde , wie dieser es verlassen hat . Nachdem sie ihren Weg einige Zeit stillschweigend fortgesetzt , begann Lenardo mit der Betrachtung , daß es die Eigenheit des Menschen sei , von vorn anfangen zu wollen ; worauf der Freund erwiderte , dies lasse sich wohl erklären und entschuldigen , weil doch , genau genommen , jeder wirklich von vorn anfängt . » Sind doch « , rief er aus , » keinem die Leiden erlassen , von denen seine Vorfahren gepeinigt wurden ; kann man ihm verdenken , daß er von ihren Freuden nichts missen will ? « Lenardo versetzte hierauf : » Sie ermutigen mich zu gestehen , daß ich eigentlich auf nichts gerne wirken mag als auf das , was ich selbst geschaffen habe . Niemals mocht ' ich einen Diener , den ich nicht vom Knaben heraufgebildet , kein Pferd , das ich nicht selbst zugeritten . In Gefolg dieser Sinnesart will ich denn auch gern bekennen , daß ich unwiderstehlich nach uranfänglichen Zuständen hingezogen werde , daß meine Reisen durch alle hochgebildeten Länder und Völker diese Gefühle nicht abstumpfen können , daß meine Einbildungskraft sich über dem Meer ein Behagen sucht und daß ein bisher vernachlässigter Familienbesitz in jenen frischen Gegenden mich hoffen läßt , ein im stillen gefaßter , meinen Wünschen gemäß nach und nach heranreifender Plan werde sich endlich ausführen lassen . « » Dagegen wüßt ' ich nichts einzuwenden « , versetzte Wilhelm , » ein solcher Gedanke , ins Neue und Unbestimmte gewendet , hat etwas Eigenes , Großes . Nur bitt ' ich zu bedenken , daß ein solches Unternehmen nur einer Gesamtheit glücken kann . Sie gehen hinüber und finden dort schon Familienbesitzungen , wie ich weiß ; die Meinigen hegen gleiche Plane und haben sich dort schon angesiedelt ; vereinigen Sie sich mit diesen umsichtigen , klugen und kräftigen Menschen , für beide Teile muß sich dadurch das Geschäft erleichtern und erweitern . « Unter solchen Gesprächen waren die Freunde an den Ort gelangt , wo sie nunmehr scheiden sollten . Beide setzten sich nieder , zu schreiben ; Lenardo empfahl seinen Freund dem oberwähnten sonderbaren Mann , Wilhelm trug den Zustand seines neuen Lebensgenossen den Verbündeten vor , woraus , wie natürlich , ein Empfehlungsschreiben entstand ; worin er zum Schluß auch seine mit Jarno besprochene Angelegenheit empfahl und die Gründe nochmals auseinandersetzte , warum er von der unbequemen Bedingung , die ihn zum ewigen Juden stempelte , baldmöglichst befreit zu sein wünsche . Beim Auswechseln dieser Briefe jedoch konnte sich Wilhelm nicht erwehren , seinem Freund nochmals gewisse Bedenklichkeiten ans Herz zu legen . » Ich halte es « , sprach er , » in meiner Lage für den wünschenswertesten Auftrag , Sie , edler Mann , von einer Gemütsunruhe zu befreien und zugleich ein menschliches Geschöpf aus dem Elende zu retten , wenn es sich darin befinden sollte . Ein solches Ziel kann man als einen Stern ansehen , nach dem man schifft , wenn man auch nicht weiß , was man unterwegs antreffen , unterwegs begegnen werde . Doch darf ich mir dabei die Gefahr nicht leugnen , in der Sie auf jeden Fall noch immer schweben . Wären Sie nicht ein Mann , der durchaus sein Wort zu geben ablehnt , ich würde von Ihnen das Versprechen verlangen , dieses weibliche Wesen , das Ihnen so teuer zu stehen kommt , nicht wiederzusehen , sich zu begnügen , wenn ich Ihnen melde , daß es ihr wohlgeht ; es sei nun , daß ich sie wirklich glücklich finde oder ihr Glück zu befördern imstande bin . Da ich Sie aber zu einem Versprechen weder vermögen kann noch will , so beschwöre ich Sie bei allem , was Ihnen wert und heilig ist , sich und den Ihrigen und mir , dem neuerworbenen Freund zuliebe , keine Annäherung , es sei unter welchem Vorwand es wolle , zu jener Vermißten sich zu erlauben ; von mir nicht zu verlangen , daß ich den Ort und die Stelle , wo ich sie finde , die Gegend , wo ich sie lasse , näher bezeichne oder gar ausspreche : Sie glauben meinem Wort , daß es ihr wohl geht , und sind losgesprochen und beruhigt . « Lenardo lächelte und versetzte : » Leisten Sie mir diesen Dienst , und ich werde dankbar sein . Was Sie tun wollen und können , sei Ihnen anheimgegeben , und mich überlassen Sie der Zeit , dem Verstande und wo möglich der Vernunft . « » Verzeihen Sie « , versetzte Wilhelm ; » wer jedoch weiß , unter welchen seltsamen Formen die Neigung sich bei uns einschleicht , dem muß es bange werden , wenn er voraussieht , ein Freund könne dasjenige wünschen , was ihm in seinen Zuständen , seinen Verhältnissen notwendig Unglück und Verwirrung bringen müßte . « » Ich hoffe « , sagte Lenardo , » wenn ich das Mädchen glücklich weiß , bin ich sie los . « Die Freunde schieden , jeder nach seiner Seite . Zwölftes Kapitel Auf einem kurzen und angenehmen Wege war Wilhelm nach der Stadt gekommen , wohin sein Brief lautete . Er fand sie heiter und wohlgebaut ; allein ihr neues Ansehn zeigte nur allzudeutlich , daß sie kurz vorher durch einen Brand müsse gelitten haben . Die Adresse seines Briefes führte ihn zu dem letzten , kleinen , verschonten Teil , an ein Haus von alter , ernster Bauart , doch wohlerhalten und reinlichen Ansehns . Trübe Fensterscheiben , wundersam gefügt , deuteten auf erfreuliche Farbenpracht von innen . Und so entsprach denn auch wirklich das Innere dem Äußern . In saubern Räumen zeigten sich überall Gerätschaften , die schon einigen Generationen mochten gedient haben , untermischt mit wenigem Neuen . Der Hausherr empfing ihn freundlich in einem gleich ausgestatteten Zimmer . Diese Uhren hatten schon mancher Geburts- und Sterbestunde geschlagen , und was umherstand , erinnerte , daß Vergangenheit auch in die Gegenwart übergehen könne . Der Ankommende gab seinen Brief ab , den der Empfänger aber , ohne ihn zu eröffnen , beiseitelegte und in einem heitern Gespräche seinen Gast unmittelbar kennen zu lernen suchte . Sie wurden bald vertraut , und als Wilhelm , gegen sonstige Gewohnheit , seine Blicke beobachtend im Zimmer umherschweifen ließ , sagte der gute Alte : » Meine Umgebung erregt Ihre Aufmerksamkeit . Sie sehen hier , wie lange etwas dauern kann , und man muß doch auch dergleichen sehen , zum Gegengewicht dessen , was in der Welt so schnell wechselt und sich verändert . Dieser Teekessel diente schon meinen Eltern und war ein Zeuge unserer abendlichen Familienversammlungen ; dieser kupferne Kaminschirm schützt mich noch immer vor dem Feuer , das diese alte , mächtige Zange anschürt ; und so geht es durch alles durch . Anteil und Tätigkeit konnt ' ich daher auf gar viele andere Gegenstände wenden , weil ich mich mit der Veränderung dieser äußern Bedürfnisse , die so vieler Menschen Zeit und Kräfte wegnimmt , nicht weiter beschäftigte . Eine liebevolle Aufmerksamkeit auf das , was der Mensch besitzt , macht ihn reich , indem er sich einen Schatz der Erinnerung an gleichgültigen Dingen dadurch anhäuft . Ich habe einen jungen Mann gekannt , der eine Stecknadel dem geliebten Mädchen , Abschied nehmend , entwendete , den Busenstreif täglich damit zusteckte und diesen gehegten und gepflegten Schatz von einer großen , mehrjährigen Fahrt wieder zurückbrachte . Uns andern kleinen Menschen ist dies wohl als eine Tugend anzurechnen . « » Mancher bringt wohl auch « , versetzte Wilhelm , » von einer so weiten , großen Reise einen Stachel im Herzen mit zurück , den er vielleicht lieber los wäre . « Der Alte schien von Lenardos Zustande nichts zu wissen , ob er gleich den Brief inzwischen erbrochen und gelesen hatte , denn er ging zu den vorigen Betrachtungen wieder zurück . » Die Beharrlichkeit auf dem Besitz « , fuhr er fort , » gibt uns in manchen Fällen die größte Energie . Diesem Eigensinn bin ich die Rettung meines Hauses schuldig . Als die Stadt brannte , wollte man auch bei mir flüchten und retten . Ich verbot ' s , befahl , Fenster und Türen zu schließen , und wandte mich mit mehreren Nachbarn gegen die Flamme . Unserer Anstrengung gelang es , diesen Zipfel der Stadt aufrechtzuerhalten . Den andern Morgen stand alles noch bei mir , wie Sie es sehen und wie es beinahe seit hundert Jahren gestanden hat . « - » Mit allem dem « , sagte Wilhelm , » werden Sie mir gestehen , daß der Mensch der Veränderung nicht widersteht , welche die Zeit hervorbringt . « - » Freilich « , sagte der Alte , » aber doch der am längsten sich erhält , hat auch etwas geleistet . Ja sogar über unser Dasein hinaus sind wir fähig , zu erhalten und zu sichern ; wir überliefern Kenntnisse , wir übertragen Gesinnungen so gut als Besitz , und da mir es nun vorzüglich um den letzten zu tun ist , so hab ' ich deshalb seit langer Zeit wunderliche Vorsicht gebraucht , auf ganz eigene Vorkehrungen gesonnen ; nur spät aber ist mir ' s gelungen , meinen Wunsch erfüllt zu sehen . Gewöhnlich zerstreut der Sohn , was der Vater gesammelt hat , sammelt etwas anders , oder auf andere Weise . Kann man jedoch den Enkel , die neue Generation abwarten , so kommen dieselben Neigungen , dieselben Ansichten wieder zum Vorschein . Und so hab ' ich denn endlich , durch Sorgfalt unserer pädagogischen Freunde , einen tüchtigen jungen Mann erworben , welcher womöglich noch mehr auf hergebrachten Besitz hält als ich selbst und eine heftige Neigung zu wunderlichen Dingen empfindet . Mein Zutrauen hat er entschieden durch die gewaltsamen Anstrengungen erworben , womit ihm das Feuer von unserer Wohnung abzuwehren gelang ; doppelt und dreifach hat er den Schatz verdient , dessen Besitz ich ihm zu überlassen gedenke ; ja er ist ihm schon übergeben , und seit der Zeit mehrt sich unser Vorrat auf eine wundersame Weise . Nicht alles jedoch , was Sie hier sehen , ist unser . Vielmehr , wie Sie sonst bei Pfandinhabern manches fremde Juwel erblicken , so kann ich Ihnen bei uns Kostbarkeiten bezeichnen , die man , unter den verschiedensten Umständen , besserer Aufbewahrung halber hier niedergestellt . « Wilhelm gedachte des herrlichen Kästchens , das er ohnehin nicht gern auf der Reise mit sich herumführen wollte , und enthielt sich nicht , es dem Freunde zu zeigen . Der Alte betrachtete es mit Aufmerksamkeit , gab die Zeit an , wann es verfertigt sein könnte , und wies etwas Ähnliches vor . Wilhelm brachte zur Sprache : ob man es wohl eröffnen sollte ? Der Alte war nicht der Meinung . » Ich glaube zwar , daß man es ohne sonderliche Beschädigung tun könne « , sagte er ; » allein da Sie es durch einen so wunderbaren Zufall erhalten haben , so sollten Sie daran Ihr Glück prüfen . Denn wenn Sie glücklich geboren sind und wenn dieses Kästchen etwas bedeutet , so muß sich gelegentlich der Schlüssel dazu finden , und gerade da , wo Sie ihn am wenigsten erwarten . « - » Es gibt wohl solche Fälle « , versetzte Wilhelm . » Ich habe selbst einige erlebt « , erwiderte der Alte ; » und hier sehen Sie den merkwürdigsten vor sich . Von diesem elfenbeinernen Kruzifix besaß ich seit dreißig Jahren den Körper mit Haupt und Füßen aus einem Stücke , der Gegenstand sowohl als die herrlichste Kunst ward sorgfältig in dem kostbarsten Lädchen aufbewahrt ; vor ungefähr zehn Jahren erhielt ich das dazugehörige Kreuz mit der Inschrift , und ich ließ mich verführen , durch den geschicktesten Bildschnitzer unserer Zeit die Arme ansetzen zu lassen ; aber wie weit war der Gute hinter seinem Vorgänger zurückgeblieben ; doch es mochte stehen , mehr zu erbaulichen Betrachtungen als zu Bewunderung des Kunstfleißes . Nun denken Sie mein Ergötzen ! Vor kurzem erhielt ich die ersten , echten Arme , wie Sie solche zur lieblichsten Harmonie hier angefügt sehen , und ich , entzückt über ein so glückliches Zusammentreffen , enthalte mich nicht , die Schicksale der christlichen Religion hieran zu erkennen , die , oft genug zergliedert und zerstreut , sich doch endlich immer wieder am Kreuze zusammenfinden muß . « Wilhelm bewunderte das Bild und die seltsame Fügung . » Ich werde Ihrem Rat folgen « , setzte er hinzu ; » bleibe das Kästchen verschlossen , bis der Schlüssel sich findet , und wenn es bis ans Ende meines Lebens liegen sollte . « - » Wer lange lebt « , sagte der Alte , » sieht manches versammelt und manches auseinanderfallen . « Der junge Besitzgenosse trat soeben herein , und Wilhelm erklärte seinen Vorsatz , das Kästchen ihrem Gewahrsam zu übergeben . Nun ward ein großes Buch herbeigeschafft , das anvertraute Gut eingeschrieben ; mit manchen beobachteten Zeremonien und Bedingungen ein Empfangschein ausgestellt , der zwar auf jeden Vorzeigenden lautete , aber nur auf ein mit dem Empfänger verabredetes Zeichen honoriert werden sollte . Als dieses alles vollbracht war , überlegte man den Inhalt des Briefes , zuerst sich über das Unterkommen des guten Felix beratend , wobei der alte Freund sich ohne weiteres zu einigen Maximen bekannte , welche der Erziehung zum Grunde liegen sollten . » Allem Leben , allem Tun , aller Kunst muß das Handwerk vorausgehen , welches nur in der Beschränkung erworben wird . Eines recht wissen und ausüben gibt höhere Bildung als Halbheit im Hundertfältigen . Da , wo ich Sie hinweise , hat man alle Tätigkeiten gesondert ; geprüft werden die Zöglinge auf jedem Schritt ; dabei erkennt man , wo seine Natur eigentlich hinstrebt , ob er sich gleich mit zerstreuten Wünschen bald da- , bald dorthin wendet . Weise Männer lassen den Knaben unter der Hand dasjenige finden , was ihm gemäß ist , sie verkürzen die Umwege , durch welche der Mensch von seiner Bestimmung , nur allzu gefällig , abirren mag . Sodann « , fuhr er fort , » darf ich hoffen , aus jenem herrlich gegründeten Mittelpunkt wird man Sie auf den Weg leiten , wo jenes gute Mädchen zu finden ist , das einen so sonderbaren Eindruck auf Ihren Freund machte , der den Wert eines unschuldigen , unglücklichen Geschöpfes durch sittliches Gefühl und Betrachtung so hoch erhöht hat , daß er dessen Dasein zum Zweck und Ziel seines Lebens zu machen genötigt war . Ich hoffe , Sie werden ihn beruhigen können ; denn die Vorsehung hat tausend Mittel , die Gefallenen zu erheben und die Niedergebeugten aufzurichten . Manchmal sieht unser Schicksal aus wie ein Fruchtbaum im Winter . Wer sollte bei dem traurigen Ansehn desselben wohl denken , daß diese starren Äste , diese zackigen Zweige im nächsten Frühjahr wieder grünen , blühen , sodann Früchte tragen könnten ; doch wir hoffen ' s , wir wissen ' s. « Zweites Buch Erstes Kapitel Die Wallfahrenden hatten nach Vorschrift den Weg genommen und fanden glücklich die Grenze der Provinz , in der sie so manches Merkwürdige erfahren sollten ; beim ersten Einritt gewahrten sie sogleich der fruchtbarsten Gegend , welche an sanften Hügeln den Feldbau , auf höhern Bergen die Schafzucht , in weiten Talflächen die Viehzucht begünstigte . Es war kurz vor der Ernte und alles in größter Fülle ; das , was sie jedoch gleich in Verwunderung setzte , war , daß sie weder Frauen noch Männer , wohl aber durchaus Knaben und Jünglinge beschäftigt sahen , auf eine glückliche Ernte sich vorzubereiten , ja auch schon auf ein fröhliches Erntefest freundliche Anstalt zu treffen . Sie begrüßten einen und den andern und fragten nach dem Obern , von dessen Aufenthalt man keine Rechenschaft geben konnte . Die Adresse ihres Briefs lautete : » An den Obern , oder die Dreie . « Auch hierin konnten sich die Knaben nicht finden ; man wies die Fragenden jedoch an einen Aufseher , der eben das Pferd zu besteigen sich bereitete ; sie eröffneten ihre Zwecke ; des Felix Freimütigkeit schien ihm zu gefallen , und so ritten sie zusammen die Straße hin . Schon hatte Wilhelm bemerkt , daß in Schnitt und Farbe der Kleider eine Mannigfaltigkeit obwaltete , die der ganzen kleinen Völkerschaft ein sonderbares Ansehn gab ; eben war er im Begriff , seinen Begleiter hiernach zu fragen , als noch eine wundersamere Bemerkung sich ihm auftat : alle Kinder , sie mochten beschäftigt sein , wie sie wollten , ließen ihre Arbeit liegen und wendeten sich mit besondern , aber verschiedenen Gebärden gegen die Vorbeireitenden , und es war leicht zu folgern , daß es dem Vorgesetzten galt . Die jüngsten legten die Arme kreuzweis über die Brust und blickten fröhlich gen Himmel , die mittlern hielten die Arme auf den Rücken und schauten lächelnd zur Erde , die dritten standen strack und mutig ; die Arme niedergesenkt , wendeten sie den Kopf nach der rechten Seite und stellten sich in eine Reihe , anstatt daß jene vereinzelt blieben , wo man sie traf . Als man darauf haltmachte und abstieg , wo eben mehrere Kinder nach verschiedener Weise sich aufstellten und von dem Vorgesetzten gemustert wurden , fragte Wilhelm nach der Bedeutung dieser Gebärden ; Felix fiel ein und sagte munter : » Was für eine Stellung hab ' ich denn einzunehmen ? « - » Auf alle Fälle « , versetzte der Aufseher