hinter einen entfernten Stein . So waren wir denn allein , und die unermeßliche Seligkeit , welche uns fast den Busen zersprengte , machte sich in Tränen , Worten und Küssen Luft . Ich bin unfähig , Dir die ganze Wonne dieser ersten glücklichen Stunden zu schildern . Wir hatten nur Sinn für das ungehoffte Glück des Wiedersehens , keine andre Erinnerung trübte unsern sonnenhellen Himmel . Endlich langten unsere Führer und Mucius ' Freund bei uns an ; dieser war die sogenannten Indianerleitern hinuntergestiegen , um den östlichen Wasserfall recht in der Nähe zu sehen , während Mucius vorgezogen hatte , hier oben in der Einsamkeit seinen Gedanken Raum zu geben . Er wußte , es war mein Fest , und hier wollte er es in wehmütiger Erinnerung begehen . So seltsam , auf so wunderbarem Wege führte uns die liebende Vorsicht zusammen , denn nimmer kann ich es für den Glückswurf des blinden Zufalls halten . » Virginia ! « rief Mucius seinem Freunde entgegen . Der bloße Name erklärte diesem das Ganze , er stürzte sich jauchzend an Mucius ' Brust . » Gebenedeiet sei die Jungfrau und alle Jungfrauen , die ihr gleichen ! « rief er in toller Lustigkeit ; » nun wird doch dies Auge wieder lachen und dieser Mund nicht mehr seufzen , wenn ich das Leben preise mit all seinen Launen , Tücken und Fastnachtspossen . « Der Fremde , ein junger Maler aus Bassano im Venezianischen , welchen Mucius in Spanien kennenlernte , wo er mit ihm in einem Regimente diente , wurde mir vorgestellt . Er hat ein schönes freundliches Gesicht und ist voll unerschöpflich heiterer Laune . Seine treue Freundschaft könnte den Mustern des Altertums an die Seite gesetzt werden . Das Glück seines Freundes war jetzt das seinige , er hatte ihm lange genug die Last des Daseins ertragen helfen . Das Geräusch des Falls fiel seiner Redelust beschwerlich , und wir kehrten , auf seinen Wunsch , zu meinem Fuhrwerk zurück . Hier , um ein gutes Mahl gelagert , welches Ismael bereitgehalten , erzählten die beiden Freunde sich abwechselnd ihre Schicksale in französischer Sprache , welche ihnen die geläufigste , unseren Leuten aber wenig verständlich war . Pinelli lernte Mucius in den Tagen der Hoffnung kennen , wo dieser sich schon wieder die rosenfarbigsten Bilder der heimatlichen Zukunft schuf . Des Freundes heitere Laune erhöhete die hellen Farben des schönen Gemäldes , und beide fingen an , einander unentbehrlich zu werden . Nach einiger Zeit setzte das gänzliche Ausbleiben meiner Briefe Mucius in große Unruhe ; Pinelli tröstete nach Möglichkeit . Die Kriegsvorfälle konnten leicht die Ursache sein , wie sie es denn auch wirklich waren ; aber das leidenschaftliche Gemüt eines Liebenden , welcher schon so viel Trübes erfahren , fürchtet leicht das Ärgste . Am Morgen jenes Tages , als man sich zum Sturm auf eine spanische Festung anschickte , ward Mucius eines Soldaten gewahr , welchen er als Landsmann aus Aix erkannte und welcher erst vor kurzem bei dem Korps eingetroffen war . In seiner Nähe reitend , fragte er ihn , ob er den Besitzer von Chaumerive kenne . » Freilich kenne ich den guten Herren , er war sonst oft in Aix . « - » Weißt du jetzt nichts von ihm ? « fragte Mucius zitternd . » Als ich durch Avignon ging « , entgegnete jener , » war ihm vor einigen Tagen die Tochter gestorben . « - » Virginia ? « schrie Mucius mit Entsetzen . » Den Namen weiß ich nicht « , sagte jener , » man beklagte jedoch , ihrer Güte und Wohltätigkeit wegen , allgemein ihren frühen Hintritt . « - » Lebt die Mutter noch ? « stammelte Mucius . » Ich glaube nein « , sprach der Soldat . Wenige Sekunden darauf wurde der Unglückliche von einer Kanonenkugel zerschmettert . Mucius ' Zustand war halbe Geisteszerrüttung . Kurz darauf wurde der Sturmmarsch geschlagen . Wie außer sich sprang Mucius vom Pferde , ergriff gewaltsam einen Adler und eilte die Brücke hinauf , aber schwankend und halb bewustlos wurde er bald von der Menge hinabgedrängt . Pinelli war , in der größten Unruhe , dem Freunde gefolgt , er sahe ihn stürzen , noch ehe er zu ihm gelangen konnte , und nur die Stimme der Freundschaft hörend , warf er sein Pferd herum und jagte am Ufer des reifenden Flusses entlang . Nach einigen Minuten sahe er Mucius auftauchen und matt mit den Wellen kämpfen , der Strom schlang ihn immer wieder in seine Strudel . Endlich blieb der schon fast Entseelte mit den Kleidern an einem Gesträuch hangen , und mit der größten Mühe gelang es dem Freunde , ihn ans Ufer zu ziehn , mit noch größerer , ihn völlig ins Leben zurückzurufen . Beide waren weiter als eine Viertelstunde von der Festung entfernt . In dieser Lage wurden sie plötzlich von einer Abteilung englischer Reiterei umringt und gefangengenommen . Mucius fühlte und begriff wenig von dem , was um ihn her vorging , er glich einem Seelenlosen , sein Freund mußte für ihn denken und handeln . In diesem Zustande wurden sie bis Lissabon gebracht und von dort , mit mehreren Gefangenen , auf einem Transportschiffe nach England geführt . Der Kapitän schien gerührt von der tiefen Niedergeschlagenheit des einen und von der aufopfernden Freundschaft des andern und behandelte beide Freunde mit einiger Auszeichnung . Pinelli erkundigte sich oft nach dem Schicksale , welches ihnen bei ihrer Ankunft in England bevorstände . Die Antwort war allgemein , daß sie , wie alle Subalternen , nebst den Soldaten auf die Gefangenenschiffe gebracht werden würden . Er hatte von diesen Wassergefängnissen eine so furchtbare Vorstellung , daß er Tag und Nacht darauf sann , sich und seinen Freund diesem Elende zu entziehen . Das Glück , oder das Schicksal , erleichterte sein Vorhaben . Die Hitze , oder die Hand eines Frevlers , sprengte nach wenigen Tagen die beiden größten Wasserfässer des Fahrzeuges , zugleich trennte ein Windstoß dasselbe von der Konvoi und trieb es gegen die französische Küste . In dieser Verlegenheit zog der Kapitän die amerikanische Flagge auf und ging auf der Reede von La Rochelle vor Anker , wo eben kein französisches Fahrzeug von Bedeutung lag , sich aber zwei amerikanische Fregatten befanden . Man hielt sich soweit als möglich von den Batterien entfernt und schickte die Schaluppe ans Land , um einen Vorrat von Wasser einzunehmen . Die Amerikaner kümmerten sich wenig um die Ankömmlinge , sondern waren beschäftigt , die Anker zu lichten und die Segel beizusetzen , um mit dem eben umsetzenden Winde in See zu gehen . Der Mond war aufgegangen und erhellte wechselnd den wolkigen Himmel ; die Freunde waren auf dem Verdeck und betrachteten das eilende Gewölk . Da blitzte in Pinellis Seele ein Gedanke an Rettung auf . Unvermerkt ergriff er ein daliegendes Tau , schlang es um seinen Freund und stürzte sich mutig mit ihm über Bord . Die Wellen schlugen hoch auf , der kühne Schwimmer arbeitete sich jedoch mächtig empor und zog den Gefährten mit sich , welcher sich bald begriff und ebenfalls seine Kräfte anstrengte , ihm zu folgen . Gewölk verdunkelte den Mond , und man ward die Schwimmer vom Schiffe aus nicht gewahr . Sie nahmen ihre Richtung den absegelnden Fregatten zu , welche sie auch bald erreichten und von welchen sie , bei einem aufblitzenden Lichtstrahle , bemerkt wurden . Man warf ihnen ein Tau zu und brachte sie glücklich an Bord . Hier gaben sie Kunde von ihrem Schicksal und von der falschen Flagge des Engländers , ihre Rettung war vollendet . Die Fregatte war in wenigen Minuten außer dem Gesichte des Schiffes , welches ohnehin an kein Verfolgen denken konnte . Die Fahrt ging gerade auf Boston , wo man ohne alle Abenteuer einlief . Die beiden Freunde waren hinreichend mit Golde versehen , und man richtete sich genügsam ein . Pinellis froher Mut und seine Lebenslust halfen dem schwermütigen Mucius tragen . Er brachte , zu seiner Zerstreuung , eine Reise ins Innere in Vorschlag und zu den Denkmälern der Vorzeit am Ohio , zu den Wildenvölkern am Missouri , und wirklich hatte diese Reise einen günstigen Einfluß auf Mucius ' gramvolles Gemüt . Noch jetzt spricht er mit Entzücken von der Schönheit der südlichen Provinzen , verliert sich noch in philosophische Betrachtungen über den Urzustand dieses Weltteils , über die untergegangene Kultur dieser zersprengten Stämme . Nach fast zwei Jahren kehrten die Pilger nach Boston zurück , ihre Barschaft war indessen sehr verringert . Pinelli suchte seine Kunst , mit vielem Glück , geltend zu machen . Er führte die auf der Reise entworfenen Landschaften mit großem Fleiße aus und fand Käufer zu ihnen . Auch die Porträtmalerei übte er wieder , und man war entzückt von dem eigentümlichen Charakter und der Idealisierung , welche er seinen Physiognomien , bei aller Ähnlichkeit , zu geben wußte . Mucius beförderte seine Reise , mit seinen Altertumsforschungen , zum Druck und gab daneben Unterricht in alten Sprachen . Mitten unter diesen Beschäftigungen erhielten sie die Nachricht von den großen Umwälzungen im Vaterlande , welche ihnen für immer den Wunsch zur Rückkehr benahmen . Sie betrachteten nunmehr das fremde , freie Amerika als ihre Heimat und eilten , zu seiner Verteidigung die Waffen zu ergreifen , als es von den Engländern in seinem Innern bedroht wurde . In Baltimore hatte Mucius wirklich im Hause des Herrn Davson gewohnt , wie mein ahndendes Herz es mir damals sagte . Mistreß Davson fühlte sich von der sanften , freundlichen Schwermut ergriffen , welche den schönen jungen Mann so anziehend machte . Herr Davson fing nach und nach an , Eifersucht zu hegen , welches die Freunde veranlaßte , bald nach ihrer Rückkehr aus der Gegend von Washington eine Reise zu den Wasserfällen zu unternehmen . Sie durchstrichen lange die umliegenden Gegenden . Mucius konnte sich nicht wieder losreißen von dieser wildromantischen Natur , und hier , wo er nur Nahrung für seinen Schmerz suchte , fand er die Heilung desselben . Laut dankte ich Gott , nach Endigung jener Erzählung , für seine väterliche Führung ; nächst ihm dem treuen Pinelli , denn ohne ihn , den Schutzgeist meines Mucius , hätte ich diesen nicht wiedergesehen . Oh , wie unendlich teuer muß dieser neue Freund mir sein ! Aber auch ohne diese Rücksicht muß man den Mann liebgewinnen . Er lebt nur für seine Freunde und hegt ein gefühlvolles Herz für die ganze Welt . Seine gute Laune ist unerschöpflich , jeder Unannehmlichkeit weiß er eine heitere Seite abzugewinnen . Von unserer Reisegesellschaft wird er allgemein geliebt . Er unterhält sich mit Humphry , läßt sich von ihm über Amerika belehren und bewundert seine Kenntnisse ; John muß ihm von den wilden Stämmen erzählen , und er schüttelt ihm treuherzig die Hand ; den ehrlichen Ismael umarmt er und sagt der kleinen Corally tausend schmeichelhafte Dinge . Er will damit niemand gewinnen , es ist der notwendige Ausdruck seines heiteren Herzens , seiner warmen Menschenliebe , aber er nimmt jedermann ein . Mucius , bloß mit seiner Liebe beschäftigt , hat in dem Herzen unserer Reisegefährten nur den zweiten Rang , ja in Humphrys Augen begegne ich sogar zuweilen einem zweideutigen , vorwurfsvollen Blicke . Er ist wohl , nach und nach , von seinem ersten Gedanken zu Corallys Voraussetzung übergegangen , und dies muß dem ehrlichen Kerl wehe tun , welcher sich gewöhnt hatte , mich im stillen als die Braut seines Herrn zu betrachten . Sein stummer Vorwurf erinnert mich oft mit einiger Ängstlichkeit an Ellison , welcher jetzt meinetwegen die Meere durchkreuzt . Was wird der gute William sagen , wenn er zurückkehrt ? Zwar spricht mein Gewissen mich frei , ich habe ihn nicht getäuscht , aber ich habe nicht jede Hoffnung in ihm niedergeschlagen und werfe mir jetzt fast die kleinste freundschaftliche Äußerung vor , welche mein dankbares Herz für ihn gezeigt hat ; auch fürchte ich die unangenehmen Empfindungen seiner Familie , deren Güte ich mit getäuschter Hoffnung lohnen muß . Mein Glück wird nicht eher ganz rein sein , als bis bei diesen guten Menschen wieder Zufriedenheit herrscht . Mucius nimmt die Sache leichter , wie wohl meistens die Männer . » Konnte William die Vergänglichkeit der Liebe hoffen ? « spricht er , » begriff er das Herz meiner Virginia so wenig ? kennt er überhaupt wohl die wahre Liebe ? Wer die frühere Neigung eines anderen zu überwinden hofft , muß auch auf die Überwindlichkeit der seinigen schließen . Und seine Eltern ? Du lohnst ihnen Gastfreundschaft mit Dankbarkeit und kannst jeden Aufwand vergüten , welch ein Recht haben sie zu höheren Forderungen ? « Wenn der Geliebte so tröstend spricht , kann meine Vernunft nichts dagegen einwenden , aber mein Herz hört doch nicht auf , etwas ängstlich zu schlagen , und ich sehe es recht gern , daß unsere Reise sich noch länger verzögert . Wir sind bis zum Fort Niagara in kurzen Tagereisen , meist zu Fuß , gelangt . Hier haben sich Mucius und Pinelli beritten gemacht , ihren Führer verabschiedet und neue Lebensmittel eingehandelt . Dann sind wir bis zum See Ontario hinaufgezogen und haben auf mehreren herrlichen Pflanzungen verweilt . Heute sind wir bis Woodhouse zurückgekehrt , wo wir mit lauter Freude empfangen wurden und , auf inständiges Bitten der Familie , zwei Rasttage halten werden . Diese einzelnen Niederlassungen haben einen unbeschreiblichen Reiz für uns , besonders für Mucius , welcher sich , seit den neuesten Umwälzungen in unserem Vaterlande , mit dem Zeitgeiste von Europa entzweiet hat . Schon malen wir uns , mit wahrer Liebe , das Bild einer einsamen Kolonie aus , welche bei aller Geisteskultur der gebildeten Welt doch die ganze Einfachheit der Sitten des Goldenen Zeitalters bewahrt . Pinelli ist unerschöpflich an neuen Einfällen und Entwürfen für diesen unsern Lieblingsgedanken , welcher leicht in Wirklichkeit verwandelt werden könnte , wenn wir noch einige gleichgestimmte Menschen träfen . Wir begleiten hier die jüngeren Mitglieder der Familie bei ihren leichten Arbeiten . Heute abend gab uns der gute Vater vom Hause einen ländlichen Ball , wobei er die Geige mit vieler Leichtigkeit spielte . Wir tanzten sämtlich auf einem kurzen , ebenen Rasen mit gleicher , herzlicher Fröhlichkeit . Rümpfe nur das Näschen immer ein wenig , liebe Adele , über die Art unsrer Vergnügungen , ich ziehe sie euren glänzenden Hofbällen weit vor . Welch ein seliges Gefühl für mich , nichts als Mensch zu sein ! Ich bin nicht mehr die Gräfin Montorin , ich bin auf ewig nur Virginia . Philadelphia Ich habe Dir lange nicht geschrieben , meine Adele . Desto öfter denke ich an Dich und spreche von Dir , und unsere Freundschaft leidet nicht darunter , daß Du nicht mehr meines Busens einzige Vertraute bist . Gewiß , Du freuest Dich mit Deiner sonst so verlassenen und jetzt so glücklichen , so überreichen Virginia . Wir sind hier , nach einigen Umwegen , glücklich angekommen . Mucius und Pinelli haben eine Wohnung gemietet , und ich würde gern ein Gleiches getan haben , hätte ich nicht Ellisons dadurch noch mehr zu kränken geglaubt . Es gibt hier im Hause veränderte Gesichter , vorzüglich von seiten der Mutter , welche meine offene Erzählung mit einem ungläubigen Kopfschütteln anhörte und mit spitzen Anmerkungen begleitete . Sie hält die Begebenheit für eine offenbare Fabel und Reise und Zusammentreffen für einen heimlich verabredeten Plan , das schmerzt mich tief . Wäre nur erst William hier ; was wird er dazu sagen ? wird er seiner Freundin mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen ? Hätte ich doch erst hierüber Gewißheit ! Nur Philippine ist die alte . Sie warf sich mir , mit einem Freudengeschrei , in die Arme ; und als ich ihr Mucius vorstellte , hüpfte sie diesem mit kindlicher Fröhlichkeit entgegen und schüttelte ihm freundlich die Hand . Dieser findet das Mädchen so liebenswürdig als ich , und Pinelli schwört bei allen seinen mythologischen Göttern , sie sei die jüngste der Grazien . Ich fürchte sehr , er wird künftig keine andere Gestalten mehr malen wollen als ihren Nymphenwuchs und ihr liebliches griechisches Profil ; auch Philippinchen sieht den muntern Jüngling gern . » Es ist ein lieber Mensch « , sagt sie ganz offen und ohne Erröten , » man sieht ihm durch die klaren Augen bis in die Seele hinein . « Nun , wer weiß , was mir auch von dieser Seite für Glück erblüht , wenn mein eigenes Schicksal nur erst entschieden sein wird . Ein Brief von Dir , Adele , und von London ? Welche Neuigkeiten , welche unerwarteten Begebenheiten ! Du Arme wieder geflüchtet , wieder heimatlos ? Welch ein prophetischer Geist sprach aus mir , als ich sagte , Du ständest auf einem glimmenden Vulkane ! So habe ich mich doch nicht getäuscht über die Gesinnungen meiner Landsleute ; denn , was man auch sagen mag und wird , mit einigen hundert Mann erobert man kein Reich in wenigen Tagen . Auch werden die Geschichtsforscher künftiger Jahrhunderte schließen : daß , wer einen Thron zum zweiten Male besteigen konnte , bloß durch die Macht seines Namens und die Liebe seines Volkes , dieses Thrones nicht ganz unwürdig sein könne ; Millionen irren nicht leicht über ihr Interesse und ihre Neigung . Wird aber der wiederauftretende Held dem allgemeinen Sturme widerstehen können , welcher sich sogleich in seiner Nähe erheben muß , ehe seine Stellung noch Festigkeit gewinnt ? Ich zweifle sehr und beklage das unglückliche Frankreich . Hier ist man mit den Neuigkeiten sehr zufrieden , England wird dadurch wieder in Europa beschäftigt und läßt uns in Frieden . Ich sage uns ; denn welches auch immer Frankreichs Schicksal sein mag , ich kehre nimmer dahin zurück ! Hier ist nunmehr mein Vaterland ! mit ihm , dem Lande der Freiheit , kann sich kein europäischer Staat messen , wo dieses große Wort bedeutungslos ist . Alles , was Du mir übrigens schreibst , macht mir große Freude . Du liebst mich noch , das ist die Hauptsache . Du hast meinen Brief aus Marseille erhalten , auch den , welchen ich einem Kauffahrer am Ausfluß des Delaware mitgab , und hast Dich über mein Schicksal beruhigt . Deine gute Mutter zürnt mir nicht und hat Dir erlaubt , mir von London aus zu schreiben . Das ist viel ! fast mehr , als ich hoffte . Möge doch Dein Vater lebenslang dieses strenge Stillschweigen über mich beobachten , ich werde ihn niemals an mein Dasein erinnern . Man denkt auf eine Heirat für Dich ? Möge die Wahl glücklich sein , mögest Du so glücklich werden , als ich zu sein hoffe . Du gibst mir doppelte Adresse , unter welcher ich Dir schreiben soll . Das macht mir unbeschreibliche Freude , und ich danke Dir tausendmal für diese Maßregel . Nun scheint es mir , als wären wir gar nicht getrennt , höchstens nur durch Meilen , durch einige Berge , einige Flüsse . Was ist es denn mehr ? Ein Schnellsegler kann Dir meine Gedanken in wenigen Wochen überbringen , und ebensoschnell kann ich Deine Antwort erhalten ! Mucius grüßt Dich aufs herzlichste . Er liebt Dich in dem Bilde , welches ich ihm , immer von neuem , von Dir entwerfen muß und wozu ich jetzt oft einige Ähnlichkeiten von Philippinen borge , welche Dir wirklich , in manchen Stücken , verglichen werden kann . Auch sind es diese Ähnlichkeiten , welche mich zuerst zu dem lieben Mädchen hinzogen . Wir leben hier ein seliges , obwohl erwartungsvolles Leben und sehnen uns von allen Seiten nach Williams Ankunft , die Mutter , weil sie für ihn fürchtet , wir andern , weil wir auf ihn hoffen . Gewiß wird seine Gegenwart die Spannung lösen , welche man jetzt nur zu verbergen sucht . Philippine und Pinelli scheinen heimlich auf seine Verwendung zu rechnen . Ihre Wünsche stehn leserlich in ihren Mienen geschrieben , aber die Eltern geben sich das Ansehn , sie nicht zu verstehen ; zu reden wagt niemand , Philippine ist stumm , aus Schüchternheit , wir Fremden schweigen , aus Mangel an Recht . - Die Freunde haben die Bekanntschaft zweier trefflichen Männer gemacht , eines Schweizers und eines Deutschen namens Stauffach und Walter , und auch diese bei uns eingeführt ; beide gefallen uns sehr . Der erste ist ein junger Apotheker , welcher aus leidenschaftlicher Liebe zur Gewächskunde einen großen Teil der südlichen Provinzen bis Mexiko durchwandert hat ; der zweite stammt aus einer hannöverischen Familie und studierte in Hofwyl die Landwirtschaft , wo er mit Stauffach bekannt wurde . Seine Mutter gewann einst in einer englischen Lotterie ansehnliche , aber wüste Ländereien am Ohio . Bei der Entfernung und dem langen Kriege waren alle Nachforschungen fruchtlos . Man nannte die Besitzungen scherzend die Güter im Monde . Der Vater war tot , der Bruder blieb im Kriege , die Mutter folgte ihren Lieben in kurzem nach und hinterließ ihrem jüngsten Sohne ein kleines Vermögen nebst den Urkunden über die amerikanischen Ländereien . Walter hatte keine nahen Verwandten und keine lockenden Aussichten in den bedrängten Ländern der Alten Welt , daher nahm er sein ganzes Eigentum zusammen und folgte seinem schweizerischen Freunde lustig in die Neue . Er wurde der unzertrennliche Gefährte seiner Wanderungen und durchstreifte auf diesen auch seine Besitzungen . Ihre Lage und ihr ergiebiger Boden entzückten ihn . Sie wurden , unter Aufsicht der Ohio-Gesellschaft , verwaltet , doch nur äußerst nachlässig , da sich kein Eigentümer meldete ; kaum der fünfzigste Teil war urbar , und dennoch fand er diesen schon hinreichend , seinen Unterhalt zu sichern . Er eilte , sich als rechtmäßigen Besitzer auszuweisen , und denkt jetzt darauf , sich in den Stand zu setzen , dort angenehm und bequem zu leben . Diese Angelegenheit ist eine Hauptunterhaltung der jungen Männer , woran auch ich immer mehr teilnehme . Der Italiener nennt den jungen Mann scherzend bald Fürst Walter , bald Walter Robinson , Stauffach und Mucius nennen ihn nur den Penn von Kentucky . Einige Wochen später Große Freude ! gedrängte Neuigkeiten und Begebenheiten ! Was soll ich Dir zuerst erzählen ? und in welcher Reihefolge ? Doch mit dem , was das Herz beschäftigt , fange ich an . William ist angekommen , und ich habe Deine lieben Briefe erhalten . William ist hier , und ich atme aus voller leichter Brust . Als die Nachricht aus dem Hafen einlief , der » Washington « gehe vor Anker , erblaßten wir alle , und mein Herz schlug kaum hörbar . Doch als der edle Mensch , mit seiner festen Haltung , ins Zimmer trat und sein freundliches , Zutrauen forderndes Auge auf mich warf , da war plötzlich meine Ängstlichkeit verschwunden , und ich eilte ihm mit schwesterlicher Zärtlichkeit entgegen . Er bewillkommte mich mit seiner alten Herzlichkeit ; sein Blick ruhete lange auf mir und überflog dann die kleine Versammlung . » Ich finde Sie so glücklich wieder « , sagte er , » wie meine Freundschaft es nur wünschen konnte ; Ihre Gesundheit scheint auf Ihrer Reise viel blühender geworden , und der Kreis Ihrer Freunde hat sich angenehm vermehrt . « - » Ich habe den ältesten wiedergefunden « , erwiderte ich , und in demselben Augenblicke warf sich Mucius an seine Brust und bat mit seiner rührenden schönen Stimme : » O lassen Sie mich auch der ihrige werden , edler Mann . « William war betroffen , aber bald fragte er : » Mucius ? « - » Er ist ' s ! mein verlorener , wiedergefundener Mucius « , rief ich . Er blickte von ihm auf mich ; ein leichter Krampf zuckte um seinen Mund , und eine Blässe überflog plötzlich sein Gesicht , doch mit schnellem Übergange schoß der gehemmte Blutstrom verdoppelt in seine Wangen ; er schloß uns beide zugleich , mit Heftigkeit , in seine Arme und rief : » Willkommen an dem Herzen eures Bruders ! « Dann grüßte er die übrigen und beantwortete die Fragen seines Vaters mit der gewohnten Klarheit und Ruhe . Die Mutter betrachtete ihn oft unvermerkt von der Seite und schüttelte heimlich den Kopf , doch schien auch sie froh , daß der gefürchtete Augenblick vorüber war . Nun ging es an ein Erzählen und Erkundigen , daß die Mitternacht ganz unbemerkt über unsre Versammlung hereinbrach . Im ganzen hörten Mucius und ich nichts Unerwartetes . Daß ein einziger Schlag entscheiden würde , hatten wir freilich nicht voraussehn können ; wenn es aber doch so enden mußte , so war es gut für Frankreich , daß es schnell endete . Der Held des Trauerspiels wird hier sehr verschieden beurteilt . Bei Extremen , denke ich , liegt die Wahrheit ziemlich in der Mitte , die Zeit , das Endurteil zu sprechen , ist noch und lange nicht erschienen . Der Ort seines künftigen Aufenthalts interessiert mich sehr , ich kenne die glückliche Insel . Oh , könnte ich ihm meine Ruhe geben , er würde dort glücklich leben ! Freilich macht der Gedanke , gefangen zu sein , eine Änderung ; aber auch in Fesseln ist der Weise frei , und ein königlicher Gefangener gebietet seinen Wächtern . Wie sehr die neuesten Begebenheiten Europa erschüttern , davon spürt man hier besonders die Wirkungen an dem Heere der Ausgewanderten , welche in den hiesigen Häfen landen . Wie die Möwen beim drohenden Sturme an das Ufer eilen , so verlassen die Menschen den gärenden Weltteil und fliehen zu unseren Friedensküsten . Auch Ellisons Schiff hat interessante Flüchtlinge an Bord genommen , während es in einem niederländischen Hafen ankerte ; einen deutschen Mechaniker namens Frank nebst Frau und zwei Schwestern , einen Baumeister aus Verona , einen florentinischen Arzt mit seiner Schwester und einen niederländischen Kunstgärtner mit seiner Frau , sämtlich gebildete Menschen , jung und lebensfroh , welche hier ein besseres Fortkommen und ein freieres Dasein suchen . Die lange Reise hat sie mit William eng befreundet , welchem besonders die Mädchen mit unschuldiger Freundlichkeit entgegenkommen . Er zeichnet darunter die jüngste der deutschen , mit einigem Wohlgefallen , aus . Philippine ist innig vergnügt über diesen Zuwachs unserer weiblichen Gesellschaft und macht die Wirtin mit so vieler Anmut , daß die Fremden sich schon ganz einheimisch finden . Seit gestern abend ist unser munterer Kreis etwas verstört durch die Unpäßlichkeit des Vaters Ellison . Die Symptome sind bedenklich , unser Florentiner fürchtet das gelbe Fieber und ermahnt uns alle , einen andern Aufenthalt zu wählen , er selbst weicht nicht von dem Kranken , hat aber um den Beistand des Hausarztes gebeten . Die Gesellschaft versammelt sich jetzt auf dem Landhause . Ich werde die Nacht in der Stadt zubringen , um Philippinen abzulösen , welche , nebst der Mutter , die vorige Nacht durchwacht hat . Mucius und William wollten mich daran verhindern , ich stellte ihnen aber vor , wie oft der eine den Schlacht- , der andere den Seesturm bestanden , mit fester Treue in ihrem Beruf . » Des Weibes Beruf ist , am Krankenbette Pflege zu leisten « , setzte ich hinzu . Die Lage wird gefährlicher . Das gelbe Fieber ist nicht mehr zu bezweifeln ; auch die Mutter hütet das Bett . Das Haus ist gesperrt , die Gemeinschaft mit dem Landhause ist gänzlich aufgehoben , wozu ich freiwillig das meiste beigetragen habe . Wie könnte ich Mucius , Philippine und William in Gefahr wissen ! Ich habe den ersteren in einigen Zeilen beschworen , die Geschwister mit Gewalt zurückzuhalten , wie es selbst die Eltern wünschen ; über mich mag die Vorsicht walten . Sollte mich die Krankheit ergreifen , so konnte dies schon bei der ersten Nachtwache geschehen ; aber ich hoffe auf meinen Mut und vernachlässige keines der Mittel , welche mir Salvito , der Florentiner , empfiehlt . Dieser hält treulich mit mir aus . Das Studium seiner Kunst verdrängt bei ihm jede andere Rücksicht ; mich beseelt Dankbarkeit und Freundschaft , ich kann die guten Alten nicht unter fremden , bezahlten Wärtern wissen und teile meine Pflege zwischen ihnen . Ihr zufriedenes Winken , sooft sie zum Bewußtsein kommen , lohnt mir dafür . Es ist vorüber . Dieses Übel endet schnell . Armer William ! arme Philippine ! verwaist , ganz verwaist ! mein Herz blutet mit . Ach , ich habe ihren Schmerz empfunden ! Sie sind um vieles glücklicher , als ich es war , sie trauern gemeinschaftlich . Noch immer bin ich die Schaffnerin dieses verödeten Hauses , welches kein fremder Fuß zu betreten wagt . Heute , in der Stille der Mitternacht , werden Salvito und ich die dichtverschlossenen Särge der verstorbenen Gatten zur Gruft geleiten . Verhüllte , scheue Leichenträger werden die einzigen Begleiter sein und John , der treue John , welchen nichts abhalten konnte , seinen Wohltäter noch einmal zu sehen . William hat auch zu uns gewollt , aber man hat es verhindert . Philippine liegt krank , wie mir John sagt , Gott verhüte , daß sie schon von dieser fürchterlichen Krankheit ergriffen ist , deren Ausbreitung die Gesundheitspolizei , mit großer Wachsamkeit , zu verhindern strebt . Morgen werden wir auf dem Hofe des Hauses das sämtliche Mobiliar , mit Wäsche und Kleidungsstücken , verbrennen . Ich werde ein Bad nehmen und mich unmittelbar darauf in frische Wäsche und Kleider hüllen , welche man mir von außen reichen wird . Dann verlasse ich dies traurige Haus des Todes , um wieder aufzuleben in den Armen der Liebe und den leidenden Freunden beizustehn ; Salvito und John werden mich begleiten . Vom Landhause , nach 14 Tagen Alles ist glücklich überstanden . Trotz der beobachteten Vorsicht war ich doch nicht ohne Besorgnis für meine Lieben und näherte mich