den Schatten der Vergangenheit , wenn auch nicht mich rechtfertigend , doch mich entschuldigend , vor Sie zu treten . Werfen Sie einen Blick der unpartheiischen Prüfung auf meine erste Jugend , die mich ohne Grundsätze , ohne Festigkeit , ohne eine leitende Hand , die mich vom Abgrund der Verführung zurückgehalten hätte , in das betäubende Gewühl der großen Welt stieß , und mich bei lebhaftem , leicht gereiztem Gefühl allen Gefahren schlechter Gesellschaft , allen Lockungen glänzender Zerstreuungen Preis gab . Früh hatte ich meine Aeltern verloren , und nur wie ein immer undeutlicher werdender Traum dämmerte das Andenken der Lehren meiner frommen Mutter in meiner Seele , um bald von dem wüsten Treiben eines geräuschvollen Lebens verdrängt , obgleich nicht völlig verlöscht zu werden . Die Verhältnisse meines Standes , und das Vermögen , dessen Gebrauch , oder vielmehr Misbrauch mir von einem allzunachsichtigen Vormund schon sehr früh gestattet wurde , bahnte mir die gefahrvollsten Wege , und ich gerieth in Verbindungen , die in meinen Augen dem Heiligen seine Glorie , der Reinheit ihren Glanz , der Unschuld ihren Schleier entrissen . Das Leben in seinen tausendfachen Gestaltungen zu beobachten , und es in seinen leisesten Nüancen zu belauschen , schien mir allein der Aufmerksamkeit werth , und da ich viel Unwürdiges unter frommer Hülle entdeckte , dünkte ich mich mitten in der Frivolität eines wenigstens nicht durch Heuchelei befleckten Lebens weniger strafbar und verächtlich , als so mancher , der gleisnerisch den Schein beobachtend , mit Ansprüchen auf äußere Tadellosigkeit ein wohlgegründetes Recht auf innere Geringschätzung verband . So fand ich oft alle Laster mit der strengsten Ausübung religiöser Gebräuche vereinigt . Dies machte mein Urtheil einseitig , und erklältete mich gegen alle Form , aber Gott starb dennoch nicht in meinem Herzen , wenn auch mein Betragen ihn oft zu verläugnen schien . Aus den bunten Erfahrungen , die ein immerwährender Rausch mich sammeln ließ , bildete ich mir ein System der Lebensphilosophie , das , wie ich meinte , meiner Individualität am genauesten angepaßt war , und das mir genügte , indem es jede Foderung der Moral ausschloß , und es mir als vernünftig darstellte , die Blüthen freier Jugendlust nicht mit den scharf einschneidenden Faden der Pflicht in Straus oder Kranz zu winden , wie die kalte Gewohnheit verjährter Gebräuche es wollte . So im vollen Brausen aller Leidenschaften , die Freiheit als höchstes Gut betrachtend , und noch nicht übersättigt durch die zügellosen Genüsse , die sie mir bot , lernte ich Sie kennen , und früher noch die Absicht meiner Tante , uns zu verbinden . Gewöhnt an die schimmernde Koketterie eitler und blendender Modedamen , hätten nur die schlauen Intriguen einer solchen mich damals unmerklich in den Netzen der List und der Verstellung verstricken können , um mich zu einer immerwährenden Verbindung zu bewegen . Der hohen Einfalt , der stillen Würde Ihres Charakters und seiner oft an ' s Aengstliche gränzenden Schüchternheit gelang es nicht , mich zum Opfer meiner Freiheit zu verleiten , da der geheime Götzendienst der Eitelkeit in meinem Innern keine Nahrung fand , und mir der Sinn noch verschlossen war , der das tiefe und heilige Gemüth hätte erkennen können , das in solchen Zügen sich offenbart . So bebte ein leiser Schauer in mir vor der strengen , schmucklosen Wahrheit Ihrer Gesinnung so wie Ihres Wandels unwillkührlich zurück , und so wenig die Raupe ihr künftiges Schmetterlingsdaseyn zu ahnen im Stande ist , eben so wenig ahnete auch ich , daß spätere Zeiten , mit der Erkenntnis Ihres ganzen Werths , die bitterste Reue , mein Glück leichtsinnig verscherzt zu haben , in mir erwecken würden . Um den Zorn meiner Tante nicht durch Widerspruch zu reizen , beschloß ich , indem ich mich leichtsinniger und verdorbener stellte , als ich war , Ihre gute Meinung von meinem Charakter zu zerstören , ohne die - das wußte ich wohl - eine so fromme Gesinnung , wie die Ihrige , sich nie zu einer Verbindung auf ewig entschlossen haben würde . Der Erfolg rechtfertigte meine teufelische List . Sie wandten sich mit Abscheu von einem Menschen weg , der es frei bekannte , daß er ohne Religion und Grundsätze sei , und der dem Heiligen , was Ihre Seele verehrte , Hohn sprach . Dies unwürdige Spiel noch durch die erheuchelte Betrübnis krönend , mit welcher ich meiner Tante klagte , daß Sie mein Herz verschmäht , meine Hand verworfen hätten , kehrte ich , froh den Fesseln des Ehestandes entronnen zu seyn , in das seelenlose Geräusch der großen Welt zurück , das mich damals fester anzog , als alle Bilder eines reinen häuslichen Glücks in der Perspective meiner Zukunft . Mit bitterem Schmerz , mit nagender Reue war ich mein eigener Ankläger . Darf ich - zur Wahrheit nun zurückgekehrt und durch unauslöschliches Weh versöhnt mit ihr , die ich einst so freventlich verletzte , jetzt auch mein Vertheidiger seyn ? - Nicht lange dauerte der Rausch fort , der mein besseres Selbst umfing . Bald erkannte ich die Nichtigkeit der Freuden , denen ich nachgejagt war , und die Sehnsucht nach einem höheren Glück , als das schale Einerlei eines immer zerstreuten Lebens mir bot , wandte mich ab von dem betretenen Wege , um mich einem besseren zuzuführen . Aber ach , um mit Freudigkeit auf ihm fortzuwallen , hätt ' ich einer leitenden Hand bedurft ! Vergebens streckte ich die meinige aus - kalt , nicht von meinen Leiden bewegt , nicht von meiner Innigkeit ergriffen , nicht durch meine Reue erweicht , zog sich die von mir zurück , die allein mir hätte die Paradiese des Lebens öffnen können . Indessen - ich klage Sie nicht der Härte an , Erna , ohne Sie zugleich zu entschuldigen . Sie kannten mich zu wenig , um das Bild des Frevlers , das noch dunkel im Hintergrunde Ihrer Seele ruhte , von dem Bilde des Gebesserten , im Prüfungsfeuer des Entbehrens Geläuterten , sich selbst klar Gewordenen zu trennen . Denn daß mein Herz , diese Wohnung des regsten Gefühls , und - als ich auf Sie Verzicht leisten mußte - der wühlendsten Verzweiflung , dennoch nicht wieder zurücksank in den Abgrund früherer Vergehungen , aus denen das geistige Vermögen besserer Erkenntnis mich erhoben , daß ich mitten im Dunkel einer ewigen Hoffnungslosigkeit mich rein erhielt , als winke Ihr Besitz mir als Lohn aus der Ferne - das ists , worauf ich stolz bin , denn dies Bewußtseyn löscht den Schatten aus , den meine früheren Fehler auf die Vergangenheit werfen , und eben so wenig wie der Himmel den zerknirschten Sünder zurückstößt , der reuig aus den Labyrinthen weltlicher Verführung zu einem edleren Wandel zurückkehrt , eben so wenig fühl ' ich mich jetzt mehr durch meinen moralischen Werth von den besten Menschen auf Erden geschieden - folglich stehe ich auch Ihnen nahe , denn in herber Entsagung und unerschütterlicher Willenskraft hab ' ich die Stufen erklimmt , die zu Ihrer Höhe hinauf führen . Und nun , zurückgekehrt in die Gegend , wo Sie athmen , doch ohne es zu ahnen - durch Zufall - wenn es anders Zufälle giebt - in Ihr Haus versetzt , ohne es zu wissen oder zu wollen , ist die ganze Kraft der Leidenschaft , die Sie mir eingeflößt haben , wieder in mir emporgeflammt , so eifrig auch mein jahrelanges Streben war , sie durch Vernunft , Zerstreuung und die abkühlende Erinnerung gekränkten Stolzes und verschmähter Liebe zu ersticken . Sie wiedersehen und alles von Neuem zu empfinden , was ich einst empfand , als ich an Ihren Besitz das höchste Ziel meiner Wünsche knüpfte , war eins . Denn obgleich die Erfahrungen des Lebens nach und nach den Charakter abschleifen , wie der immer kreisende Umschwung von tausend und abermal tausend Wellen endlich den scharfen Kiesel glatt spült , so macht ein Herz , das wahrhaft geliebt hat , doch eine Ausnahme von dieser sonst so sicheren Regel , und der unheilbare Schmerz des meinigen überzeugt mich , daß mein Gefühl für Sie ewig eben so glühend bleiben wird , als die Hoffnungslosigkeit unüberwindlich ist , die uns scheidet . Diese Gewißheit in der tief verwundeten Brust , fragen Sie mich um den Zweck dieser Zeilen ? - Ach - weiß ich ihn selbst ? Ich habe Sie beleidigt , als ich das Schweigen brach , das Ehrfurcht für die Verhältnisse der Gattin und Mutter mir hätte auferlegen sollen - ich habe mit der ganzen Bitterkeit der Erkenntnis meines verlorenen Lebens die sanfte Milde zurückgewiesen , mit der Sie die Gährung meines Innern zu besänftigen strebten , und mit aller Ungerechtigkeit leidenschaftlicher Entrüstung die ganze Schuld meines Elends auf Ihr weiches Gemüth gewälzt - - das ists , was ein innerer Drang mich abzubitten und abzubüßen zwingt . Denn ich weiß es ja - Sie waren es nicht allein , die mein Urtheil bestimmte , sondern die , die es aussprach , hat unläugbar den größten Antheil an der Entscheidung desselben , da sie den Einfluß misbrauchte , den Gewohnheit und die verjährte Anhänglichkeit Ihres kindlichen Herzens ihr einräumen . Ich sehe ein , Auguste ist Ihnen lieber als ich , und Sie mögen Recht haben , wenn Sie in ihr die mütterliche Freundin ehren , die Ihre Kindheit pflegte und eine stets theilnehmende Zeugin Ihrer Schicksale blieb . Aber lassen Sie mich in der Zahl Ihrer Freunde nicht mit ihr in einer Klasse stehen - ich nehme eine geringere für eine Auszeichnung an . Denn ich verabscheue sie als den feindseligen Dämon , der mein Daseyn vergiften half , indem sie , meinen Charakter keiner näheren Prüfung würdigend , ihn nur durch das gefärbte Glas der Partheilichkeit betrachtete . Sie haßt mich im Geheim , und findet den Grund dazu wohl nur in sich - denn von einer einzigen Uebereilung , die ein gebessertes Leben wieder gut zu machen sich bemühte , konnte sie ohnmöglich die Veranlassung entlehnen , mit unversöhnlicher Rachsucht Ihren Entschluß zu meinem Nachtheil zu leiten und meine Existenz in eine unwandelbare Hölle umzuschaffen . Und nicht mich allein treffen die Folgen dieses heimtückischen Einwirkens . Auch Sie , Erna ! - ja ich bin mit wehmüthigem Stolz davon überzeugt - auch Sie würden glücklich an meiner Seite gewesen seyn . Daher ist sie mir hier und in der Ewigkeit verantwortlich für Ihren Frieden - denn wenn ich Ihnen und Linovsky gegenüber stehe , fühle ich es klar , auch Sie hat ihr kalt verwerfendes Gemüth um den Himmel betrogen , den gegenseitige Liebe gewährt . Doch nun genug . Mir bleibt nichts mehr im Leben zu wünschen und zu hoffen übrig , als daß Sie Sich herablassen werden , über meine Zukunft zu entscheiden . Schon habe ich , da die politische Lage der Dinge und die kriegerischen Rüstungen meines Vaterlandes uns den nahen Ausbruch gerechter Feindseligkeiten erwarten lassen , dem König meine Dienste angeboten , und das Versprechen einer zweckmäßigen Anstellung erhalten . Aber diese trübe Zwischenzeit , welche noch diese Erwartung von der Erfüllung des Verlangens trennt , das sich in mir nach beschwichtigender Thätigkeit sehnt - wie soll ich sie ausfüllen , Ihnen so nahe ? Soll ich Sie meiden , oder fortfahren , Sie zu sehen ? Soll ich , zu ewigem Schweigen verdammt , mich zwingen , stumm neben Ihnen den Schmerz Ihres unersetzlichen Verlustes zu ertragen , den jeder Blick , auf Sie gerichtet , mir erneuert - oder darf ich dem wunden Herzen Luft machen , und - ohne die Strenge Ihrer Grundsätze zu beleidigen , es zuweilen aussprechen , was ich leide , um in Ihrem Mitleid - ein Gefühl , das selbst die reinste Tugend nicht verbietet - den einzigen Balsam zu finden , der mir Linderung zu geben vermag ? Denn , Erna ! die Blume , die man nicht brechen darf , um sie an seinem Busen zu tragen - sie wird nicht durch die Thränen entweiht , mit denen Wehmuth sie benetzt . Entscheiden Sie - denn im Kampf mit mir selbst und mit den Dornen meines Schicksals traue ich , unsicher schwankend , dem eigenen Ausspruch nicht , und folge willig , wie einem höheren Gesetz , dem , was Ihre bessere Einsicht über mich verhängt . Und vor allem - senken Sie durch einen Blick der Güte , durch ein Wort der Vergebung den Frieden wenigstens wieder in meine zerrissene Seele , den es in Ihrer Macht steht , mir zurückzugeben - damit zu dem Schmerz , den zu dulden ich verurtheilt bin , sich nicht noch der Vorwurf gesellt , Ihren Unwillen verschuldet zu haben . X Ziemlich spät machte er sich am anderen Tage auf den Weg , der erhaltenen Einladung zu folgen , hauptsächlich aber : sein eigener Briefträger zu seyn . Er fand die Gesellschaft schon versammelt , und Erna , zierlich geputzt , und ihre Gäste mit Geist und Lebhaftigkeit unterhaltend , empfing ihn höflich , aber ohne alle , weder freundliche noch unfreundliche , Auszeichnung . Er fand sie heute so hlühend , daß ihre Schönheit ihn im Rosenschimmer der Gesundheit überraschte . Ein ganz eigener Glanz funkelte zauberisch in ihrem Auge - aber so sehr ihn auch der Anblick ihrer Reize gleich warmem Sonnenschein entzückend durchdrang , so schmerzte es ihn doch , daß diesmal auch nicht der leiseste Wechsel ihrer Farbe ihm verrieth , daß seine Erscheinung irgend einen Eindruck auf sie mache . Man schien nur auf ihn gewartet zu haben , um sich zu Tische zu setzen . Alexander wählte seinen Platz so , daß er die im Auge hatte , die er im Herzen trug , und sie scharf beobachtend , glaubte er endlich wahrzunehmen , daß die Munterkeit , die sie scheinbar beseelte , nur eine erkünstelte sei , die sie nicht ohne innere Anstrengung als eine Pflicht der Hausfrau übte . Als am Nachmittag die Gesellschaft sich in dem Garten zwanglos zerstreute , gelang es ihm sie einen Augenblick allein zu sprechen . Schüchtern , bewegt , mit dem vollen , warmen Ton der Liebe , die den geliebten Gegenstand gekränkt zu haben fürchtet , redete er sie an , und bat um die Erlaubnis , ihr in dem Brief , den er ihr übergab , sein ganzes Herz darlegen zu dürfen . Sie zögerte ein wenig , ihn anzunehmen . Doch als er die Versicherung hinzufügte , daß er nichts en halte , was ihr strenges Pflichtgefühl zu beleidigen im Stande sei - als er betheuerte , daß er , völlig resignirt auf jede Hoffnung des Glücks , nur Ihre Entscheidung über sein künftiges Benehmen gegen sie sich erbitte - und daß er keineswegs in der Absicht , irgend etwas dadurch zu gewinnen , sondern blos um sich eben sowohl anzuklagen als zu rechtfertigen , die Vergangenheit noch einmal , zum letztenmal , vor ihr ausgebreitet habe , um durch ihren Rath geleitet , nur das Betragen zu wählen , das weder ihrem inneren noch äußeren Frieden gefährlich zu werden drohe , nahm sie ihn hin , ihn uneröffnet zu verbergen . Das Wort : zum letztenmal , ist entscheidend für mich , sagte sie leise ; denn es entschuldigt mich allein , daß ich eine so geheimnisvolle Art , sich mir mitzutheilen , begünstige . Zum letztenmale denn will ich mit Ihnen in jene Zeit zurückschwärmen , die unwiederbringlich dahin ist , und in der wir nichts mehr zu ändern vermögen - - dann aber richten Sie gleich mir Ihr Auge muthig in die Zukunft , und gönnen mir die Freude , Sie in ihr gleichsam ein neues , froheres Leben beginnen zu sehen . Alexander wollte der Rührung nicht nachgeben die ihn erschütterte . Um sich daher die Fassung zu erhalten , die bei einer leicht möglichen Unterbrechung ihres Gesprächs ihm so nöthig war , erwiederte er nichts , sondern sprach ihr nur die Freude aus , sie heute so ungewöhnlich woh zu sehen . Mit einem wehmüthigen Lächeln blickte Erna ihn an , und leicht mit ihrem Tuch über de rosige Wange streifend , antwortete sie : Also haben diese tauben Blüthen auch Sie getäuscht ? Linovsky sieht mich ungern so bleich , wie ich nun einmal bin , weil seine Besorgnis mich dann gleich krank vermuthet . Ihm zu Ehren prange ich zuweilen mit erborgter Farbe , und vorzüglich , wenn er einen frohen Kreis um sich versammelt hat , damit ich nicht , einem bereits abgeschiedenen Schatten gleich , störend unter den Lebendigen erscheine . Wie ? so fühlen Sie Sich wirklich krank ? unterbrach sie Alexander betroffen . Nicht eben krank , aber matt und müde , versetzte sie ruhig . Schon seit längerer Zeit - ich darf es Ihnen wohl bekennen - ist mir das Leben selbst in seinen heiligsten Beziehungen so nichtig erschienen , daß es mich nicht Wunder nimmt , wenn mein Gemüth mitten im Genuß der reichsten Güter darbt . Wie eine Pflanze , in harten , ungewohnten Boden versetzt , trauert und welkt , mag auch Thau und Regen sie erfrischen und Sonnenwärme sie linde anstrahlen , so bietet auch mir die Erde keine Nahrung für meine Sehnsucht , keine Befriedigung des inneren Bedürfnisses , keine Gewährung der Ideale , die - vielleicht erträumt und nirgends in der Wirklichkeit existirend - doch so lebhaft vor meiner Seele schweben , als hätte ich sie einst gefunden , oder würde ihnen noch begegnen . Doch , setzte sie einlenkend hinzu , als habe ihr reges Gefühl sie unwillkührlich über die Schranken weiser Zurückhaltung hinübergeführt , wozu enthülle ich Ihrem fröhlichen Sinn , der das Leben nur erst , geprüft und geläutert und seinen wahren Werth erkennend , ergreift , um es zu genießen , die Schattenseite meiner Ansichten ? Vergeben Sie mir - nur die Hoffnung , ein besonnener , unserer würdige Umgang werde uns in reiner tadelloser Freundschaft einander nähern , konnte mich , die sonst gegen jedermann Verschlossene , so geschwätzig machen . Und diese Hoffnung , die Sie nicht täuschen soll , da sie sich auf die Kraft meines Charakters und auf die Festigkeit meines Willens gründet , versetzte Alexander bewegt , verleiht mir das Recht , schon jetzt auszusprechen , daß die Wehmuth Ihres Wesens ein Echo in meinem Innern findet , das der Schmerz geheiligt hat . Nicht der frohe , lebensmuthige Jüngling steht vor Ihnen , den Sie einst in der Zeit seiner Verirrungen kannten , sondern der ernst gereifte Mann , der bis über die Gränze des irrdischen Lebens hinaus das Bild seiner verfehlten Wünsche als das Höchste sich bewahrt , was ihm das Daseyn zu bieten vermochte . Glauben Sie , ich könnte noch hoffen ? könnte vielleicht Plane entwerfen für die entblätterte Zukunft , die vor mir liegt , der arabischen Wüste gleich , in der kein Labequell rieselt , der brennenden Schwüle Erquickung zu versprechen ? Erna wurde sichtbar gerührt . Sie suchte abzubrechen , und schlug das schöne Auge aufwärts , wo mit lautem Geschrei eine Schaar Zugvögel über ihr dahinbraußten . Seid mir gegrüßt in Euerer Höhe , Ihr geflügelten Pilger , die Ihr so fröhlich von dannen zieht , Euerem Süden entgegen ! sagte sie . Ach , wer mit Euch reisen könnte , in das schöne Land , zu dem Ihr hinstrebt ! - Wünschen Sie das ? fragte Alexander . Nun ja , erwiederte sie verlegen , denn selten steht ja der Mensch auf einem Punkte , von dem er sich nicht hinwegsehnt . Doch sind es eigentlich nicht die irrdischen Fittige , nach denen ich verlange - jene höheren dehnen sich in mir , als wollten sie die schwache Brust zersprengen , die empor tragen ins Land der Verheißung , zum Vater der Liebe . Sie sah ihn bei diesen Worten so hell und klar an , als wolle sie seinen Sinn erheben , wie ihre ahnenden Hoffnungen . Alexander konnte nichts erwiedern - thränenschwer schlug er die Augen nieder , und wandte sich in die Einsamkeit , da in demselben Moment Menschen ihnen nahten , die seine Stimmung weder zu begreifen noch zu schonen verstanden . XI Es wurde ihm an diesem Tage keine einsame Minute der Unterhaltung mehr mit Erna . An den Spieltisch gepflanzt , mußte er sich zwingen , seine Aufmerksamkeit für die geringfügigsten Dinge und für die unbedeutendsten Menschen , die an seiner Parthie Theil nahmen , wach zu erhalten , und nur selten durfte ein durstiger Blick zu ihr hinüberstreifen , die ruhig und in der ganzen Würde und Hoheit ihres Charakters , mit alle der milden Güte , die ihr eigen war , die Pflichten der Wirthin im Allgemeinen ausübte , ohne sich scheinbar um Einzelne ihrer Gäste auszeichnend zu bekümmern . Als nun die späten Abendstunden zur Trennung auffoderten , und Alexander zwischen Erna und einigen anderen Damen die Verabredung treffen hörte , morgen gemeinschaftlich die Oper besuchen zu wollen , wagte er mit dem leisen Wort des Abschiedes , das er ihr zuflüsterte , die Frage zu verbinden , ob er sich dann an sie anschließen dürfe , um - sei es auch im störendsten Gewühl - sie wieder zu sehen ? Erna besann sich einen Augenblick in scheinbarer Unentschlossenheit , die eine liebliche Röthe auf ihre bleichen Wangen trieb . Dann aber faßte sie sich , gleichsam in ihrem Innern die Kraft zu einem freien , nicht durch Convenienz bedungenen Entschluß auffindend , und indem sie freundlich sein Lebewohl erwiederte , setzte sie mit Würde hinzu , daß sie sich freuen werde , ihm dort zu begegnen . In tiefes Nachdenken versunken , kehrte Alexander nach der Stadt zurück , und lange noch hielten ihn die ungebändigten Wünsche , Hoffnungen , Zweifel und Besorgnisse wach , die von Erna ' s Bild ausströmten , das seine Seele so lebhaft im innersten Heiligthum derselben trug . Nein ! so benimmt sich die Gleichgültigkeit nicht , rief er endlich aus , nachdem er unter unsäglichen Quaalen ihr ganzes Betragen gegen ihn durchgegangen war , und jedes ihrer Worte prüfend auf die bebende Wagschaale der Furcht und des Unglaubens erwogen hatte . Jener Funke , der am frühen Morgen ihrer Jugend in ihr Herz fiel , und später mir durch beleidigten Stolz und gekränkte Empfindlichkeit wiederum verlöscht schien - er glimmt noch fort , von meiner Treue genährt , von meiner Ausdauer flammender als je ins Leben zurückgerufen . Und gewiß , mir sagen es die seligen Ahnungen , die meinen Busen schwellen , sie wird mich einst noch lieben , wie ich sie liebe - ja sie liebt mich schon , und die Stunde ist nicht mehr fern , in der sie es mir bekennen wird . Unglücklicher ! fuhr er fort , als während einer langen Pause trübes Nachdenken wiederum die Blüthen seiner Hoffnung zu knicken drohte - wie darfst du zu erlangen träumen , was so hoch und unerreichbar über dir steht , daß selbst dein mächtigstes Streben sich nicht zu ihm emporschwingen kann ? Vergebens sehnst du dich , den Tempel deines Glücks zu betreten , dessen Himmelsglanz dir trunken winkt - ach - Schreckenbilder bewachen seine Schwelle , und wehren dir den Eingang ! Ihre Tugenden sind es , ihre Pflichten , denen sie ja das ganze blühende Daseyn geopfert hat - ihnen wird sie auch Dich zum Opfer bringen und selbst als Opfer fallen ! Dumpfer Schmerz , wie er ihn niemals nagender empfunden , raubte ihm bei dieser Vorstellung fast die Besinnung , und um seine Marter noch zu erhöhen , trat wie der sichtbare Kakodämon seines Schicksals Linovsky ' s verhaßte Gestalt vor sein inneres Auge , ihn , gleichsam mit dem Hohngelächter der Hölle auf den übermüthigen Lippen , daran zu mahnen , daß er , er es sei , der die Herrliche besitze , und daß - wenn sie auch mit dem Gefühl des verlorenen , seiner Blüthen beraubten Lebens neben ihm wandele - sie doch eben so unbedingt sein Eigenthum sei , wie nur immer eine Sklavin ihrem Tyrannen gehört . Haß , Neid und Ingrimm in der kochenden Brust , fand er , es sei in Zukunft eine Aufgabe über seine Kräfte , den Gegenstand seiner Liebe neben dem seines bittersten Hasses , und diesem letzteren unterwürfig zu sehen . Hätte es ihm nur möglich geschienen , auf den Zauber ihrer süßen Nähe Verzicht zu leisten , er würde im Gefühle tobender , knirschender Eifersucht auf der Stelle das Gelübde ausgesprochen haben , des verhaßten Nebenbuhlers Haus nie wieder zu betreten . Gleichwohl zählte er , unfähig sich die herbe Prüfung einer strengen Entsagung aufzulegen , jede einzelne Stunde , die noch trennend zwischen dem nächsten ihm beschiedenen Wiedersehen stand , und als das Opernhaus geöffnet wurde , war er einer der Ersten , der in einer Loge , welche das Ganze zu übersehen gestattete , Platz nahm , um weder ihr Kommen , noch das Glück , sich ihr nähern zu dürfen , zu verfehlen . Endlich , die Symphonie rauschte bereits , erschien sie mit mehreren Begleiterinnen , und nahm in einer Loge ihm gegenüber Platz . Ehrerbietig grüßte er sie aus der Ferne , und als der erste Act vorüber war , wagte er es , sich den Damen zu nähern , und ganz zuletzt auch an sie , die seine zarte Scheu zu verstehen schien , einige Worte der innigsten Theilnahme , mit denen er nach ihrem Befinden fragte , zu richten . Mit der freundlichen Erwiederung , daß ihr wohl sei , zog Erna einen Brief hervor , den sie ihm ohne alle geheimnisvolle Umhüllung mit der Bitte übergab , ihn gelegentlich an seine Adresse zu besorgen . Sie wandte sich hierauf von ihm ab , und in ein eifriges Gespräch mit einer ihrer Nachbarinnen gerathend , schien es , als habe sie von jetzt an keinen Blick mehr für ihn . Gepeinigt durch diese Wahrnehmung zog er sich daher , aus Furcht , ihr durch sein Bleiben zu misfallen , in seine Loge zurück . Doch ehe er sie noch erreicht hatte , konnte er nicht umhin , an dem flackernden Schein eines Wandleuchters auf der übrigens dunkeln , unbemerkten Gallerie die Aufschrift zu lesen , und als er sie an sich gerichtet fand , erbrach er das Siegel mit fröhlicher Hast , und folgende Worte begegneten seinen sehnsuchtsvoll spähenden Blicken : Daß ich Sie angehört habe , und daß ich Ihnen antworte , ist der erste Schritt , der mich von dem streng mir vorgezeichneten Wege meiner Pflicht verlockt . Ich beschwöre Sie , lassen Sie es zugleich den letzten seyn , und stören Sie den stillen Wandel nicht , der mich zur Ruhe - dem einzigen Ziele , nach dem ich streben darf - hinleitet . Gewiß , auch ohne das erschütternde Geständnis , das Sie fodern , würden Sie nicht daran zweifeln können , daß ich Ihnen längst vergeben habe . Mein Betragen hat es Ihnen gesagt , wenn ich den stummen und mild gewordenen Empfindungen meiner Brust auch keine Worte verlieh . Daher ehren Sie die vertrauenvolle Offenheit , mit der ich es jetzt auch ausspreche , und betrachten Sie die Versicherung , daß ich Sie achte , als einen Zuruf , der aus Gräbern kommt , frommen Frieden in Ihr Gemüth zu flüstern - nicht als einen irrdischen Laut , der noch zu irgend einer Hoffnung berechtigen könnte . Wenige sind der Erfahrungen , die ich auf meinem Wege sammelte , aber in diesen wenigen reichte mir meine ernste Bestimmung den Kern des Lebens , und wenn ich ihn gleich bitter fand , so erwuchs mir doch daraus der Vortheil , alles übrige nur als dämmernden Schein , als traumähnliche Entwürfe betrachten zu lernen , mit denen der Mensch wie mit Seifenblasen spielt . Nur selten gestattete ich mir einen Rückblick auf die weit zurückgewichene Küste der Vergangenheit , deren Nebel mein frühestes Morgenroth verschlangen , aber mit Andacht trug ich , was ich einst gewünscht , geglaubt hatte , in meinem Herzen , und meiner Kraft und meinem festen Willen vertrauend , durfte ich es wagen , einen Bund zu schließen , dessen Heiligkeit mich tief durchschauerte , wenn ich den ganzen Umfang seiner Ansprüche an mich auch noch nicht kannte . Durch schwere Kämpfe bin ich gegangen , habe mich oft erschlafft in allen Triebfedern meines Seyns gefühlt - habe nur durch bang bestandene Prüfungen mir die Ergebung errungen , die nach vielem Schmerzesaufruhr erst die Seele läutert , und todeswund und todesmatt erschein ' ich mir am Ziele - nicht durch Sieg gekrönt , aber doch durch das Bewußtseyn gehoben , daß ich immer that , was ich für recht hielt . Auch ferner wird es noch mein ernstes Bestreben seyn , es zu thun . Ich ehre Linovsky als meinen Gemahl , dem ich mit Zutrauen die Leitung meines Schicksals übergeben habe - ich liebe ihn , als den Vater meiner Kinder , und dieses aus dem Anerkennen seines Werths und meiner vollsten Achtung hervorgehende Gefühl ist wenigstens dauerhafter , als der flüchtige Rausch , mit denen die erste Jugend so oft sich und Andere täuscht . Daher spreche ich zu Ihnen als seine Gattin , die - so weit es sich mit ihren Pflichten vereinigen läßt - Ihre Freundin seyn will . Doch niemals mehr sei zwischen uns die Rede von Empfindungen , denen wir uns sonst hätten überlassen dürfen , die aber jetzt der ernste Spruch der Verhältnisse uns auf ewig verbietet . Lassen Sie uns das Vergangene vergessen , oder - denn Unmögliches darf ich nicht fodern - wenigstens nie wieder erwähnen . Kommen Sie zuweilen zu uns , doch mit der Vorsicht und Schonung , die das reizbare Gefühl meines Mannes verlangt , der sich so leicht in einer auch nur geahneten Beeinträchtigung seiner Rechte an mein ausschließliches Wohlwollen verletzt sieht . Enge nur und häuslich , Wenigen geöffnet , ist unser Kreis