den Kreisler noch immer in den Händen hielt , und den er ihr nun hinreichte . Selbst wußte er nicht , wie es sich begab , daß er dabei der Prinzessin Hand berührte . Aber ein heftiger Pulsschlag dröhnte ihm durch alle Nerven , und es war , als wollten ihm die Sinne vergehen . - Wie einen Lichtstrahl , der durch finstere Wolken bricht , vernahm Kreisler Juliens Stimme . » Ich soll , « sprach sie , » ich soll noch mehr singen , lieber Kreisler , man läßt mir keine Ruhe . - Wohl möchte ich das schöne Duett versuchen , das Sie mir letzthin gebracht . « - » Sie dürfen das , « nahm die Benzon das Wort , » Sie dürfen das meiner Julie nicht abschlagen , lieber Kapellmeister - fort an den Flügel ! « - Kreisler , keines Wortes mächtig , saß am Flügel , schlug die ersten Akkorde des Duetts an , wie von einem seltsamen Rausch betört und befangen . Julia begann : » Ah che mi manca l ' anima in si fatal momento « - - Es ist nötig zu sagen , daß die Worte dieses Duetts nach gewöhnlicher italischer Weise ganz einfach die Trennung eines liebenden Paars aussprachen , daß auf momento natürlicherweise sento und tormento gereimt war , und daß es , wie in hundert andern Duetten ähnlicher Art , auch nicht an dem Abbi pietade o cielo und an der pena di morir fehlte . Kreisler hatte indessen diese Worte in der höchsten Aufregung des Gemüts mit einer Inbrunst komponiert , die beim Vortrage jeden , dem der Himmel nur passable Ohren gegeben , unwiderstehlich hinreißen mußte . Das Duett war den leidenschaftlichsten dieser Art an die Seite zu stellen und , da Kreisler nur nach dem höchsten Ausdruck des Moments und nicht darnach strebte , was eben ganz ruhig und bequem von der Sängerin aufzufassen , in der Intonation ziemlich schwer geraten . So kam es , daß Julia schüchtern , mit beinahe ungewisser Stimme begann , und daß Kreisler eben nicht viel besser eintrat . Bald erhoben sich aber beide Stimmen auf den Wellen des Gesanges wie schimmernde Schwäne und wollten bald mit rauschendem Flügelschlag emporsteigen zu dem goldnen strahlenden Gewölk , bald in süßer Liebesumarmung sterbend untergehen in dem brausenden Strom der Akkorde , bis tief aufatmende Seufzer den nahen Tod verkündeten und das letzte Addio in dem Schrei des wilden Schmerzes wie ein blutiger Springquell herausstürzte aus der zerrissenen Brust . Niemand befand sich in dem Kreise , den das Duett nicht tief ergriffen , vielen standen die hellen Tränen in den Augen , selbst die Benzon gestand , daß sie selbst im Theater bei irgendeiner gut dargestellten Abschiedsszene Ähnliches noch nicht empfunden . Man überhäufte Julien und den Kapellmeister mit Lobsprüchen , man sprach von der wahren Begeisterung , die beide beseelt , und stellte die Komposition vielleicht noch höher , als sie es verdiente . Der Prinzessin Hedwiga hatte man während des Gesanges die innere Bewegung wohl angemerkt , unerachtet sie bemüht war , ruhig zu scheinen , ja durchaus jede Teilnahme zu verbergen . Neben ihr saß ein junges Ding von Hofdame mit roten Wangen , zum Weinen und Lachen gleich aufgelegt , der raunte sie allerlei in die Ohren , ohne daß es ihr gelang , irgend andere Antwort zu erhalten als einzelne Wörter , in der Angst der höfischen Konvenienz ausgestoßen . Auch der Benzon , die an der andern Seite saß , flüsterte sie gleichgültige Dinge zu , als höre sie gar nicht auf das Duett ; die nach ihrer strengen Manier bat aber die Gnädigste , die Unterhaltung aufzusparen bis nach geendetem Duett . Jetzt aber sprach die Prinzessin , im ganzen Gesicht glühend , mit blitzenden Augen so laut , daß sie die Lobsprüche der ganzen Gesellschaft übertönte : » Es wird mir nun wohl erlaubt sein , auch meine Meinung zu sagen . Ich gebe zu , daß das Duett als Komposition seinen Wert haben mag , daß meine Julie vortrefflich gesungen hat , aber ist es recht , ist es billig , daß man im gemütlichen Zirkel , wo freundliche Unterhaltung obenanstehen soll , wo wechselseitige Anregungen Rede , Gesang forttreiben sollen wie einen zwischen Blumenbeeten sanft murmelnden Bach , daß man da extravagante Sachen auftischt , die das Innere zerschneiden , deren gewaltsamen zerstörenden Eindruck man nicht verwinden kann ? Ich habe mich bemüht , mein Ohr , meine Brust zu verschließen dem wilden Schmerz des Orkus , den Kreisler mit unser leicht verletzliches Inneres verhöhnender Kunst in Tönen aufgefaßt hat , aber niemand war so gütig , sich meiner anzunehmen . Gern will ich meine Schwäche Ihrer Ironie preisgeben , Kapellmeister , gern will ich gestehen , daß der üble Eindruck Ihres Duetts mich ganz krank gemacht hat . - Gibt es denn keinen Cimarosa , keinen Paesiello , deren Kompositionen recht für die Gesellschaft geschrieben sind ? « » O Gott , « rief Kreisler , indem sein Gesicht in dem mannigfaltigsten Muskelspiel vibrierte , wie es allemal zu geschehen pflegte , wenn der Humor aufstieg in dem Innern , » o Gott , gnädigste Prinzessin ! - wie ganz bin ich ärmster Kapellmeister Ihrer gütigen gnädigen Meinung ! - Ist es nicht gegen alle Sitte und Kleiderordnung , die Brust mit all der Wehmut , mit all dem Schmerz , mit all dem Entzücken , das darin verschlossen , anders in die Gesellschaft zu tragen , als dick verhüllt mit dem Fichu vortrefflicher Artigkeit und Konvenienz ? Taugen denn alle Löschanstalten , die der gute Ton überall bereitet , taugen sie wohl was , sind sie wohl hinlänglich , um das Naphthafeuer zu dämpfen , das hie und da hervorlodern will ? Spült man noch so viel Tee , noch so viel Zuckerwasser , noch so viel honettes Gespräch , ja noch so viel angenehmes Dudeldumdei hinunter , doch gelingt es diesem , jenem freveligen Mordbrenner , eine Congrevische Rakete ins Innere zu werfen , und die Flamme leuchtet empor , leuchtet und brennt sogar , welches dem puren Mondschein niemals geschieht ! - Ja ! gnädigste Prinzessin ! - ja , ich ! - aller Kapellmeister hienieden unseligster , ich habe schändlich gefrevelt mit dem entsetzlichen Duett , das wie ein höllisches Feuerwerk mit allerlei Leuchtkugeln , Schwanzraketen , Schwärmern und Kanonenschlägen durch die ganze Gesellschaft gefahren ist und , leider merk ' ich ' s , fast überall gezündet hat ! - Ha ! - Feuer - Feuer - Mordio ! - es brennt - Spritzenhaus auf - Wasser - Wasser- Hilfe , rettet ! « Kreisler stürzte zu auf den Notenkasten , zog ihn hervor unter dem Flügel , öffnete ihn - warf die Noten umher , riß eine Partitur heraus , es war Paesiellos » Molinara « , setzte sich an das Instrument , begann das Ritornell der bekannten hübschen Ariette : » La Rachelina molinarina « , mit der die Müllerin auftritt - » Aber lieber Kreisler ! « sprach Julie ganz schüchtern und erschrocken . Doch Kreisler warf sich vor Julien nieder auf beide Knie und flehte : » Teuerste , holdseligste Julia ! Erbarmen Sie sich der hochverehrten Gesellschaft , gießen Sie Trost in die hoffnungslosen Gemüter , singen Sie die Rachelina ! - Tun Sie es nicht , so bleibt mir nichts übrig , als mich hier vor Ihren sichtlichen Augen hinabzustürzen in die Verzweiflung , an deren Rand ich mich bereits befinde , und Sie halten den verlornen Maitre de la Chapelle vergebens am Rockschoß , denn indem Sie gutmütig rufen : Bleibe bei uns , o Johannes ! so ist er schon hinabgefahren zum Acheron und wagt im dämonischen Shawltanz die allerzierlichsten Sprünge : darum singen Sie , Werte ! « Julia tat , wiewohl , so schien es , mit einigem Widerwillen , warum Kreisler sie gebeten . Sowie die Ariette geendet , begann Kreisler sofort das bekannte komische Duett des Notars mit der Müllerin . - Julias Gesang in Stimme und Methode neigte sich ganz zum Ernsten , Pathetischen , demungeachtet stand ihr eine Laune zu Gebote , wenn sie komische Sachen vortrug , die die reizendste Liebenswürdigkeit selbst war . Kreisler hatte sich den seltsamen , aber unwiderstehlich hinreißenden Vortrag der italienischen Buffi zu eigen gemacht , das ging heute aber beinahe bis zur Übertreibung , denn indem Kreislers Stimme nicht dieselbe schien , da sie dem höchsten dramatischen Ausdruck in tausend Nuancen sich fügte , so schnitt er dabei auch solche absonderliche Gesichter , die einen Cato zum Lachen gebracht hätten . Es konnte nicht fehlen , daß alle laut aufjauchzten , losbrachen in schallendem Gelächter . Kreisler küßte Julien entzückt die Hand , die sie ihm ganz unmutig schnell wegzog . » Ach , « sprach Julie , » ach , Kapellmeister , ich kann mich nun einmal in Ihre seltsame Launen - abenteuerliche möcht ' ich sie nennen , ich kann mich nun einmal gar nicht darin finden ! - Dieser Todessprung von einem Extrem zum andern zerschneidet nur die Brust ! - Ich bitte Sie , lieber Kreisler , verlangen Sie nicht mehr , daß ich mit tief bewegtem Gemüt , wenn noch die Töne der tiefsten Wehmut widerklingen in meinem Innern , daß ich dann Komisches singe , sei es auch noch so artig und hübsch . Ich weiß es - ich vermag es , ich setze es durch , aber es macht mich ganz matt und krank . - Verlangen Sie es nicht mehr ! - Nicht wahr , Sie versprechen mir das , lieber Kreisler ? « - Der Kapellmeister wollte antworten , in dem Augenblick umarmte aber die Prinzessin Julien , stärker , ausgelassener lachend , als es irgendeine Oberhofmeisterin für schicklich halten oder verantworten kann . » Komm an meine Brust , « rief sie , » du aller Müllerinnen holdeste , stimmreichste , launigste ! - Du mystifizierst alle Barone , Amtsverweser , Notare in der ganzen Welt , und wohl noch gar - « Das übrige , was sie noch sagen wollte , ging unter in der dröhnenden Lache , die sie von neuem aufschlug . Und dann sich rasch zum Kapellmeister wendend : » Sie haben mich ganz mit sich ausgesöhnt , lieber Kreisler ! O , jetzt verstehe ich Ihren springenden Humor . - Er ist köstlich , in der Tat köstlich ! - Nur in dem Zwiespalt der verschiedensten Empfindungen , der feindlichsten Gefühle geht das höhere Leben auf ! - Haben Sie Dank , herzlichen Dank - da ! - ich erlaube Ihnen , mir die Hand zu küssen ! « Kreisler faßte die ihm dargebotene Hand , und wiederum , wiewohl nicht so heftig als zuvor , durchdröhnte ihn der Pulsschlag , so daß er einen Moment zu zögern genötigt , ehe er nun die zarten enthandschuhten Finger an den Mund drückte , sich mit solchem Anstand verbeugend , als sei er noch Legationsrat . Selbst wußte er nun nicht , wie es kam , daß ihm diese physische Empfindung bei dem Berühren der fürstlichen Hand ungemein lächerlich bedünken wollte . » Am Ende , « sprach er zu sich selbst , als die Prinzessin ihn verlassen , » am Ende ist die Gnädigste eine Art von Leydner Flasche und walkt honette Leute durch mit elektrischen Schlägen nach fürstlichem Belieben ! « - Die Prinzessin hüpfte , tänzelte im Saal umher , lachte , trällerte dazwischen : » La Rachelina molinarina « und herzte und küßte bald diese , bald jene Dame versicherte , nie in ihrem Leben sei sie froher gewesen , und das habe sie dem wackern Kapellmeister zu verdanken . Der ernsten Benzon war das alles im höchsten Grade zuwider , sie konnte es nicht lassen , die Prinzessin endlich beiseite zu ziehen und ihr ins Ohr zu flüstern : » Hedwiga , ich bitte Sie , welch ein Betragen ! « » Ich dächte , « erwiderte die Prinzessin mit funkelnden Augen , » ich dächte , liebe Benzon , wir ließen heute das Hofmeistern und gingen alle zu Bette ! - Ja ! - zu Bette - zu Bette ! « Und damit rief sie nach ihrem Wagen . Schweifte die Prinzessin aus in krampfhafter Lustigkeit , so war Julia indessen still und trübe geworden . Den Kopf auf die Hand gestützt , saß sie am Flügel , und ihr sichtliches Verbleichen , das umflorte Auge bewies , daß ihr Unmut bis zum physischen Weh sich gesteigert . Auch Kreislern war das Brillantfeuer des Humors verlöscht . Jedem Gespräch ausweichend , tappte er mit leisen Schritten nach der Türe . Die Benzon trat ihm in den Weg . » Ich weiß nicht , « sprach sie , » welche sonderbare Verstimmung heute mir - - « ( M. f. f. ) alles so bekannt , so heimisch vor , ein süßes Aroma , selbst wußt ' ich nicht , von welchen vortrefflichen Braten , wallte in bläulichen Wolken über die Dächer daher , und wie aus weiter - weiter Ferne , im Säuseln des Abendwindes , lispelten holde Stimmen : » Murr , mein Geliebter , wo weiltest du so lange ? « - » Was ist ' s , das die beengte Brust Mit Wonneschauer so durchbebt , Den Geist zum Himmel hoch erhebt , Ist ' s Ahnung hoher Götterlust ? Ja - springe auf , du armes Herz , Ermut ' ge dich zu kühnen Taten , Umwandelt ist in Lust und Scherz Der trostlos bittre Todesschmerz , Die Hoffnung lebt - ich rieche Braten ! « So sang ich und verlor mich , des entsetzlichen Feuerlärms nicht achtend , in die angenehmsten Träume ! Doch auch hier auf dem Dache sollten mich noch die schreckhaften Erscheinungen des grotesken Weltlebens , in das ich hineingesprungen , verfolgen . Denn ehe ich mir ' s versah , stieg aus dem Rauchfange eines jener seltsamen Ungetüme empor , die die Menschen Schornsteinfeger nennen . Kaum mich gewahrend , rief der schwarze Schlingel : » Husch Katz ! « und warf den Besen nach mir . Dem Wurfe ausweichend , sprang ich über das nächste Dach hinweg und hinunter in die Dachrinne . Doch wer schildert mein frohes Erstaunen , ja , meinen freudigen Schreck , als ich wahrnahm , daß ich mich auf dem Hause meines wackern Herrn befand . Behende kletterte ich von Dachluke zu Dachluke , doch alle waren verschlossen . Ich erhob meine Stimme , jedoch umsonst , niemand hörte mich . Indessen wirbelten die Rauchwolken von dem brennenden Hause hoch auf , Wasserstrahlen zischten dazwischen , tausend Stimmen schrieen durcheinander , das Feuer schien bedrohlicher zu werden . Da öffnete sich die Dachluke , und Meister Abraham schaute heraus in seinem gelben Schlafrock . » Murr , mein guter Kater Murr , da bist du ja - Komm hinein , komm hinein , kleiner Graupelz ! « So rief der Meister freudig , als er mich erblickte . Ich unterließ nicht , ihm durch alle Zeichen , die mir zu Gebote standen , auch meine Freude zu erkennen zu geben : es war ein schöner herrlicher Moment des Wiedersehens , den wir feierten . Der Meister streichelte mich , als ich zu ihm hinein in den Dachboden gesprungen , so daß ich vor Wohlbehagen in jenes sanfte , süße Knurren ausbrach , das die Menschen in höhnender Verspottung mit dem Worte » spinnen « bezeichnen . » Ha , ha , « sprach der Meister lachend , » ha ha , mein Junge , dir ist wohl , da du vielleicht von weiter Wanderung zurückgekehrt bist in die Heimat , du erkennst nicht die Gefahr , in der wir schweben . - Beinahe möchte ich wie du ein glücklicher harmloser Kater sein , der sich den Teufel was schert um Feuer und Spritzenmeister , und dem kein Mobiliare verbrennen kann , da das einzige Mobile , dessen sein unsterblicher Geist mächtig , er selbst ist . « - Damit nahm mich der Meister auf den Arm und stieg herab in sein Zimmer . Kaum waren wir hineingetreten , als Professor Lothario uns nachstürzte , dem noch zwei Männer folgten . » Ich bitte Euch , « rief der Professor , » ich bitte Euch um des Himmels willen , Meister ! Ihr seid in der dringendsten Gefahr , das Feuer schlägt schon über Euer Dach . - Erlaubt , daß wir Eure Sachen wegtragen . « - Der Meister erklärte sehr trocken , daß in solcher Gefahr der jähe Eifer der Freunde viel verderblicher sich gestalte , als die Gefahr selbst , da das , was vor dem Feuer geborgen , gewöhnlich zum Teufel ginge , wiewohl auf schönere Art. Er selbst habe in früherer Zeit einem Freunde , der von Feuer bedroht , in dem wohlwollendsten Enthusiasmus beträchtliches chinesisches Porzellan durchs Fenster geworfen , damit es nur ja nicht verbrenne . Wollten sie aber fein ruhig drei Nachtmützen , ein paar graue Röcke und andere Kleidungsstücke , worunter eine seidne Hose vorzüglich zu beachten , nebst einiger Wäsche in einen Koffer , Bücher und Manuskripte in ein paar Körbe packen , seine Maschinen aber nicht mit einem Finger anrühren , so werde es ihm lieb sein . Stehe dann das Dach in Flammen , so wolle er samt dem Mobiliar sich von dannen machen . » Erst aber , « ( so schloß er ) » erst aber erlaubt , daß ich meinen Hausgenossen und Stubenkameraden , der soeben von weiten Reisen müde , ermattet zurückgekommen , mit Speis ' und Trank erquicke , nachher möget ihr wirtschaften ! « - Alle lachten sehr , da sie gewahrten , daß der Meister niemanden anders gemeint als mich . Es schmeckte mir herrlich , und die schöne Hoffnung , die ich auf dem Dach in sehnsuchtsvollen süßen Tönen ausgesprochen , wurde ganz erfüllt . Als ich mich erquickt , setzte mich der Meister in einen Korb ; neben mir , es war dazu Platz , stellte er eine kleine Schüssel mit Milch hin und deckte den Korb sorgfältig zu . » Wart ' s ruhig ab , « sprach der Meister , » wart ' s ruhig ab , mein Kater , in dunkler Behausung , was aus uns noch werden wird , nippe zum Zeitvertreib von deinem Lieblingstrank , denn springst oder trottierst du hier im Zimmer umher , so treten sie dir den Schwanz , die Beine entzwei im Tumult des Rettens . Kommt es zur Flucht , so trage ich dich selbst mit mir fort , damit du dich nicht wieder verläufst , wie es schon geschehen . Sie glauben nicht , « wandte sich nun der Meister zu den andern , » Sie glauben nicht , verehrteste Herren und Helfer in der Not , was der kleine graue Mann im Korbe , was das für ein herrlicher grundgescheiter Kater ist . Naturhistorische Galls behaupten , daß sonst mit den vortrefflichsten Organen , als da sind Mordlust , Diebessinn , Schelmerei u.s.w. , ausgerüsteten Katern von leidlicher Edukation doch der Ortsinn gänzlich mangele , daß sie , einmal sich verlaufen , die Heimat nie wiederfänden , aber mein guter Murr macht davon eine glänzende Ausnahme . Seit ein paar Tagen vermißte ich ihn und betrauerte recht herzlich seinen Verlust , heut , soeben ist er zurückgekehrt und hat , wie ich mit Recht vermuten darf , noch dazu die Dächer benutzt als angenehme Kunststraße . Die gute Seele hat nicht allein Klugheit bewiesen und Verstand , sondern auch die treueste Anhänglichkeit an seinen Herrn , weshalb ich ihn nun noch viel mehr liebe als vorher . « - Mich erfreute des Meisters Lob ganz ungemein , mit innerm Wohlbehagen fühlte ich meine Überlegenheit über mein ganzes Geschlecht , über ein ganzes Heer verirrter Kater ohne Ortsinn und wunderte mich , daß ich selbst das ganz Ungemeine meines Verstandes nicht hinlänglich eingesehen . Zwar dacht ' ich daran , daß eigentlich der junge Ponto mich auf den rechten Weg und der Wurf des Schornsteinfegers auf das rechte Dach gebracht , indessen glaubte ich doch nicht im mindesten an meiner Sagazität und an der Wahrheit des Lobes , das mir der Meister erteilte , zweifeln zu dürfen . Wie gesagt , ich fühlte meine innere Kraft , und dies Gefühl bürgte mir für jene Wahrheit . Daß unverdientes Lob viel mehr erfreue und den Gelobten viel mehr aufblähe als verdientes , wie ich einmal las oder jemanden behaupten hörte , das gilt wohl nur von den Menschen , gescheite Kater sind frei von solcher Torheit , und ich glaube bestimmt , daß ich vielleicht ohne Ponto und Schornsteinfeger den Rückweg nach Hause gefunden hätte , und daß beide sogar nur den richtigen Ideengang im Innern verwirrten . Das bißchen Weltklugheit , womit der junge Ponto so prahlte , wäre mir auch wohl zugekommen auf andere Weise , wenngleich die mancherlei Begebenheiten , die ich mit dem liebenswürdigen Pudel - mit dem aimable roué erlebte , mir guten Stoff gaben zu den freundschaftlichen Briefen , in welche ich meine Reisebeschreibung einkleidete . In allen Morgen- und Abendzeitungen , in allen eleganten und freimütigen Blättern könnten diese Briefe mit Effekt abgedruckt stehen , da mit Geist und Verstand darin die glänzendsten Seiten meines Ichs hervorgehoben sind , was doch jedem Leser am interessantesten sein muß . Aber ich weiß es schon , die Herren Redakteurs und Verleger fragen : » Wer ist dieser Murr ? « und erfahren sie denn , daß ich ein Kater bin , wiewohl der vortrefflichste auf Erden , so sprechen sie verächtlich : » Ein Kater und will schreiben ! « - Und hätt ' ich Lichtenbergs Humor und Hamanns Tiefe - von beiden habe ich viel Gutes vernommen , sie sollen für Menschen nicht übel geschrieben haben , sind aber Todes verblichen , welches für jeden Schriftsteller und Dichter , der leben will , eine durchaus riskante Sache ist - und , sag ' ich noch einmal , hätt ' ich Lichtenbergs Humor und Hamanns Tiefe , doch erhielte ich das Manuskript zurück , bloß weil man mir vielleicht meiner Krallen halber keine amüsante Schreibart zutraut . So was chagriniert ! - O Vorurteil , himmelschreiendes Vorurteil , wie befängst du doch die Menschen und vorzüglich diejenigen , die da heißen Verleger ! Der Professor und die , die mit ihm gekommen , machten nun einen grimmigen Spektakel um mich her , der meines Bedünkens wenigstens bei dem Verpacken der Nachtmützen und der grauen Röcke nicht nötig gewesen wäre . Auf einmal rief draußen eine hohle Stimme : » Das Haus brennt ! « - » Hoho , « sprach der Meister Abraham , » da muß ich auch dabei sein , bleibt nur ruhig , ihr Herren ! Wenn die Gefahr da ist , bin ich wieder hier , und wir packen an ! « - Und damit verließ er eilig das Zimmer . Mir wurde in meinem Korbe wirklich bange . Das wilde Getöse - der Rauch , der nun in das Zimmer zu dringen begann , alles mehrte meine Angst ! Allerlei schwarze Gedanken stiegen in mir auf ! - Wie wenn der Meister mich vergäße , wenn ich schmachvoll umkommen müßte in den Flammen ! - Ich fühlte , die furchtbare Angst mochte es verschulden , ein besonderes häßliches Kneifen im Leibe . - » Ha ! « dacht ' ich , » wenn im Herzen falsch , wenn neidisch ob meiner Wissenschaft , mich los zu werden , enthoben jeder Sorg ' zu sein , nun mich der Meister noch in diesen Korb gespunden . - Wie wenn selbst dieser unschuldsweiße Trank - wie , wär ' es Gift , das er mit schlauer Kunst hier zubereitet , mir den Tod zu geben ? « - Herrlicher Murr , selbst in der Todesangst denkst du in Jamben , läßt nicht aus der Acht , was du im Shakespeare-Schlegel einst gelesen ! - Meister Abraham steckte jetzt den Kopf zur Türe hinein und sprach : » Die Gefahr ist vorüber , ihr Herren ! Setzt euch nur ruhig hin an jenen Tisch und trinkt die paar Flaschen Wein aus , die ihr in dem Wandschrank gefunden , ich meinesteils begebe mich noch ein wenig aufs Dach und will erklecklich spritzen . - Doch halt , erst muß ich nachsehen , was mein guter Kater macht . « Der Meister trat vollends hinein , nahm den Deckel von dem Korbe , in dem ich saß , sprach mir zu mit freundlichen Worten , erkundigte sich nach meinem Wohlbefinden , fragte , ob ich vielleicht noch einen gebratenen Vogel verspeisen wolle , welches alles ich mit mehrmaligem süßen Miau erwiderte und mich recht bequem ausstreckte , welches mein Meister mit Recht für das beredte Zeichen nahm , daß ich satt sei , noch im Korbe zu bleiben wünsche , und stülpte den Deckel wieder auf . Wie wurde ich nun von der guten freundlichen Gesinnung überzeugt , die Meister Abraham für mich hegte . Ich hätte mich meines schnöden Mißtrauens schämen müssen , wenn es überhaupt für einen Mann von Verstande schicklich wäre , sich zu schämen . » Am Ende « , dacht ' ich , » war auch die fürchterliche Angst , das ganze Unheil ahnende Mißtrauen weiter nichts als poetische Schwärmerei , wie sie jungen genialen Enthusiasten eigen , die dergleichen oft förmlich brauchen als berauschendes Opium . « Das beruhigte mich ganz und gar . Kaum hatte der Meister die Stube verlassen , als der Professor , ich könnt ' es durch eine kleine Ritze des Korbes bemerken , sich mit mißtrauischen Blicken nach dem Korbe umschaute und dann den andern zuwinkte , als habe er ihnen irgend Wichtiges zu entdecken . Dann sprach er mit so leiser Stimme , daß ich kein Wörtlein verstanden , hätte der Himmel nicht in meine spitze Ohren mir unglaublich scharfes Gehör gelegt : » Wißt ihr wohl , wozu ich eben jetzt Lust hätte ? - Wißt ihr wohl , daß ich hingehen zu jenem Korbe , ihn öffnen und dem verfluchten Kater , der drinnen sitzt , und der uns jetzt vielleicht alle mit seinem übermütigen Selbstgenugsein verhöhnt , dies spitze Messer in die Kehle stoßen möchte ? « » Was fällt Euch ein , « rief ein anderer , » was fällt Euch ein , Lothario , den hübschen Kater , den Liebling unseres wackern Meisters , wolltet Ihr umbringen ? - Und warum sprecht Ihr denn so leise ? « Der Professor , ebenso mit gedämpfter Stimme wie vorher weiter sprechend , erklärte , daß ich alles verstehe , daß ich lesen und schreiben könne , daß mir Meister Abraham auf eine , freilich geheimnisvolle , unerklärliche Weise die Wissenschaften beigebracht , so daß ich schon jetzt , wie ihm der Pudel Ponto verraten , schriftstellere und dichte , und daß das alles dem schelmischen Meister zu nichts anderm dienen werde als zur Verspottung der vortrefflichsten Gelehrten und Dichter . » O , « sprach Lothario mit unterdrückter Wut , » o , ich seh ' es kommen , daß Meister Abraham , der ohnedem das Vertrauen des Großherzogs in vollem Maße besitzt , daß er mit dem unglückseligen Kater alles durchsetzt , was er nur will . Die Bestie wird Magister legens werden , die Doktorwürde erhalten , zuletzt als Professor der Ästhetik Collegia lesen über den Aeschylos - Corneille - Shakespeare ! - ich komme von Sinnen ! - der Kater wird in meinen Eingeweiden wühlen und hat ganz infame Krallen ! « - Alle gerieten bei diesen Reden Lotharios , des Professors der Ästhetik , in das tiefste Erstaunen . Einer meinte , es sei ganz unmöglich , daß ein Kater lesen und schreiben lernen könne , da diese Elemente aller Wissenschaft nächst der Geschicklichkeit , der nur der Mensch fähig , eine gewisse Überlegung , man möchte sagen , Verstand erforderten , der sogar nicht allemal bei dem Menschen , dem Meisterstück der Schöpfung , anzutreffen , viel weniger bei gemeinem Vieh ! » Bester , « nahm ein anderer , wie mir ' s in meinem Korbe schien , sehr ernsthafter Mann das Wort , » Bester , was nennen Sie gemeines Vieh ? - Es gibt gar kein gemeines Vieh . Oft in stille Selbstbetrachtung versunken , empfinde ich den tiefsten Respekt vor Eseln und andern nützlichen Tieren . Ich begreife nicht , warum einer angenehmen Hausbestie von glücklichen natürlichen Anlagen nicht sollte das Lesen und Schreiben beigebracht werden , ja , warum - sich ein solches Tierlein nicht sollte erheben können zum Gelehrten und Dichter ? - Ist denn das so etwas Beispielloses ? - An Tausendundeine Nacht , als der besten historischen Quelle voll pragmatischer Authentizität , mag ich gar nicht denken , sondern Sie , mein Allerliebster , nur an den gestiefelten Kater erinnern , einen Kater , der voll Edelmut , durchdringendem Verstande war und tiefer Wissenschaft . « Voll Freude über dieses Lob eines Katers , der , wie mir eine deutliche Stimme im Innern sagte , mein würdiger Ahnherr sein mußte , konnt ' ich mir nicht enthalten , zwei- , dreimal ziemlich stark zu niesen . - Der Redner hielt inne , und alle schauten sich ganz verschüchtert um nach meinem Korbe . » Contentement mon cher , « rief endlich der ernsthafte Mann , der eben gesprochen , und fuhr dann weiter fort : » Irre ich nicht , so erwähnten Sie , teurer Ästhetiker , vorhin eines Pudels Ponto , der Ihnen des Katers dichterisches und wissenschaftliches Treiben verraten . Dies bringt mich denn auf Cervantes höchst vorzügliche Berganza , von dessen neuesten Schicksalen in einem gewissen neuen , höchst abenteuerlichen Buche Nachricht gegeben wird . Auch dieser Hund gibt ein entscheidendes Beispiel über das Naturell und über die Bildungsfähigkeit der Tiere