aus der Grüne sprangen , Berg und Wald verzaubert standen , Tausend Vögel schwirrend sangen . Golden blitzt es überm Grunde , Seltne Farben irrend schweifen , Wie zu lang entbehrtem Feste Will die Erde sich bereiten . Und nun kamen angezogen Freier bald von allen Seiten , Federn bunt im Winde flogen , Jäger schmuck im Walde reiten . Hörner lustig drein erschallen Auf und munter durch das Grüne , Pilger fromm dazwischen wallen , Die das Heimatsfieber spüren . Auf vielsonn ' gen Wiesen flöten Schäfer bei schneeflock ' gen Schafen , Ritter in der Abendröte Knieen auf des Berges Hange , Und die Nächte von Gitarren Und Gesängen weich erschallen , Daß der wunderliche Alte Wie verrückt beginnt zu tanzen . Die Prinzessin schmückt mit Kränzen Wieder sich die schönen Haare , Und die vollen Kränze glänzen Und sie blickt verlangend nieder . Doch die alten Helden alle , Draußen vor der Burg gelagert , Saßen dort im Morgenglanze , Die das schöne Kind bewachten . An das Tor die Freier kamen Nun gesprengt , gehüpft , gelaufen , Ritter , Jäger , Provenzalen , Bunte , helle , lichte Haufen . Und vor allen junge Recken Stolzen Blicks den Berg berannten , Die die alten Helden weckten , Sie vertraulich Brüder nannten , Doch wie diese uralt blicken , An die Eisenbrust geschlossen Brüderlich die Jungen drücken , Fallen die erdrückt zu Boden . Andre lagern sich zum Alten , Graust ihn ' n gleich bei seinen Mienen , Ordnen sein verworrnes Walten , Daß es jedem wohl gefiele ; Doch sie fühlen schauernd balde , Daß sie ihn nicht können zwingen , Selbst zu Spielzeug sich verwandeln , Und der Alte spielt mit ihnen . Und sie müssen töricht tanzen , Manche mit der Kron geschmücket Und im purpurnen Talare Feierlich den Reigen führen . Andre schweben lispelnd lose , Andre müssen männlich lärmen , Rittern reißen aus die Rosse Und die schreien gar erbärmlich . Bis sie endlich alle müde Wieder kommen zu Verstande , Mit der ganzen Welt in Frieden , Legen ab die Maskerade . Jäger sind wir nicht , noch Ritter , Hört man sie von fern noch summen , Spiel nur war das - wir sind Dichter ! - So vertost der ganze Plunder , Nüchtern liegt die Welt wie ehe , Und die Zaubrin bei dem Alten Spielt die vor ' gen Spiele wieder Einsam wohl noch lange Jahre . - « Die Gräfin , die zuletzt mit ihrem schönen , begeisterten Gesicht einer welschen Improvisatorin glich , unterbrach sich hier plötzlich selber , indem sie laut auflachte , ohne daß jemand wußte , warum . Verwundert fragte alles durcheinander : » Was lachen Sie ? Ist die Allegorie schon geschlossen ? Ist das nicht die Poesie ? « - » Ich weiß nicht , ich weiß nicht , ich weiß nicht « , sagte die Gräfin lustig und sprang auf . Von allen Seiten wurden nun die flüchtigen Verse besprochen . Einige hielten die Prinzessin im Gedicht für die Venus , andre nannten sie die Schönheit , andre nannten sie die Poesie des Lebens . Es mag wohl die Gräfin selber sein , dachte Friedrich . - » Es ist die Jungfrau Maria als die große Weltliebe « , sagte der genialische Reisende , der wenig achtgegeben hatte , mit vornehmer Nachlässigkeit . » Ei , daß Gott behüte ! « brach Friedrich , dem das Gedicht der Gräfin heidnisch und übermütig vorgekommen war , wie ihre ganze Schönheit , halb lachend und halb unwillig aus : » Sind wir doch kaum des Vernünftelns in der Religion los und fangen dagegen schon wieder an , ihre festen Glaubenssätze , Wunder und Wahrheiten zu verpoetisieren und zu verflüchtigen . In wem die Religion zum Leben gelangt , wer in allem Tun und Lassen von der Gnade wahrhaft durchdrungen ist , dessen Seele mag sich auch in Liedern ihrer Entzückung und des himmlischen Glanzes erfreuen . Wer aber hochmütig und schlau diese Geheimnisse und einfältigen Wahrheiten als beliebigen Dichtungsstoff zu überschauen glaubt , wer die Religion , die nicht dem Glauben , dem Verstande oder der Poesie allein , sondern allen dreien , dem ganzen Menschen , angehört , bloß mit der Phantasie in ihren einzelnen Schönheiten willkürlich zusammenrafft , der wird ebensogern an den griechischen Olymp glauben , als an das Christentum , und eins mit dem andern verwechseln und versetzen , bis der ganze Himmel furchtbar öde und leer wird . « - Friedrich bemerkte , daß er von mehreren sehr weise belächelt wurde , als könne er sich nicht zu ihrer freien Ansicht erheben . Man hatte indes an dem Tische die Geschichte der Gräfin Dolores aufgeschlagen und blätterte darin hin und her . Die mannigfaltigsten Urteile darüber durchkreuzten sich bald . Die Frau vom Hause und ihr Nachbar , der Schmachtende , sprachen vor allen andern bitter und mit einer auffallend gekränkten Empfindlichkeit und Heftigkeit darüber . Sie schienen das Buch aus tiefster Seele zu hassen . Friedrich erriet wohl die Ursache und schwieg . - » Ich muß gestehen « , sagte eine junge Dame , » ich kann mich darein nicht verstehen , ich wußte niemals , was ich aus dieser Geschichte mit den tausend Geschichten machen soll . « » Sie haben sehr recht « , fiel ihr einer von den Männern , der sonst unter allen immer am richtigsten geurteilt hatte , ins Wort , » es ist mir immer vorgekommen , als sollte dieser Dichter noch einige Jahre pausieren , um dichten zu lernen . Welche Sonderbarkeiten , Verrenkungen und schreienden Übertreibungen ! « - » Gerade das Gegenteil « , unterbrach ihn ein anderer , » ich finde das Ganze nur allzu prosaisch , ohne die himmlische Überschwenglichkeit der Phantasie . Wenn wir noch viele solche Romane erhalten , so wird unsere Poesie wieder eine bloße allegorische Person der Moral . « Hier hielt sich Friedrich , der dieses Buch hoch in Ehren hielt , nicht länger . » Alles ringsumher « , sagte er , » ist prosaisch und gemein , oder groß und herrlich , wie wir es verdrossen und träge , oder begeistert ergreifen . Die größte Sünde aber unsrer jetzigen Poesie ist meines Wissens die gänzliche Abstraktion , das abgestandene Leben , die leere , willkürliche , sich selbst zerstörende Schwelgerei in Bildern . Die Poesie liegt vielmehr in einer fortwährend begeisterten Anschauung und Betrachtung der Welt und der menschlichen Dinge , sie liegt ebensosehr in der Gesinnung als in den lieblichen Talenten , die erst durch die Art ihres Gebrauches groß werden . Wenn in einem sinnreichen , einfach strengen , männlichen Gemüte auf solche Weise die Poesie wahrhaft lebendig wird , dann verschwindet aller Zwiespalt : Moral , Schönheit , Tugend und Poesie , alles wird eins in den adeligen Gedanken , in der göttlichen , sinnigen Lust und Freude , und dann mag freilich das Gedicht erscheinen , wie ein in der Erde wohlgegründeter , tüchtiger , schlanker , hoher Baum , wo grob und fein erquicklich durcheinander wächst , und rauscht und sich rührt zu Gottes Lobe . Und so ist mir auch dieses Buch jedesmal vorgekommen , obgleich ich gern zugebe , daß der Autor in stolzer Sorglosigkeit sehr unbekümmert mit den Worten schaltet , und sich nur zu oft daran ergötzt , die kleinen Zauberdinger kurios auf den Kopf zu stellen . « Die Frauenzimmer machten große Augen , als Friedrich unerwartet so sprach . Was er gesagt , hatte wenigstens den gewissen , guten Klang , der ihnen bei allen solchen Dingen die Hauptsache war . Romana , die es von weitem flüchtig mit angehört , fing an , ihn mit ihren dunkelglühenden Augen bedeutender anzusehen . Friedrich aber dachte : in euch wird doch alles Wort nur wieder Wort , und wandte sich zu einem schlichten Manne , der vom Lande war und weniger mit der Literatur als mit dieser Art , sie zu behandeln , unbekannt zu sein schien . Dieser erzählte ihm , wie er jenem Romane eine seltsame Verwandlung seines ganzen Lebens zu verdanken habe . Auf dem Lande ausschließlich zur Ökonomie erzogen , hatte er nämlich von frühester Kindheit an nie Neigung zum Lesen und besonders einen gewissen Widerwillen gegen alle Poesie , als einen unnützen Zeitvertreib . Seine Kinder dagegen ließen seit ihrem zartesten Alter einen unüberwindlichen Hang und Geschicklichkeit zum Dichten und zur Kunst verspüren , und alle Mittel , die er anwandte , waren nicht imstande , sie davon abzubringen und sie zu tätigen , ordentlichen Landwirten zu machen . Vielmehr lief ihm der älteste Sohn fort und wurde wider seinen Willen Maler . Dadurch wurde er immer verschlossener , und seine Abneigung gegen die Kunst verwandelte sich immer bitterer in entschiedenen Haß gegen alles , was ihr nur anhing . Der Maler hatte indes eine unglückselige Liebe zu einem jungen , seltsamen Mädchen gefaßt . Es war gewiß das talentvollste , heftigste , beste und schlechteste Mädchen zugleich , das man nur finden konnte . Eine Menge unordentlicher Liebschaften , in die sie sich auch jetzt noch immerfort einließ , brachte den Maler oft auf das Äußerste , so daß es in Anfällen von Wut oft zwischen beiden zu Auftritten kam , die ebenso furchtbar als komisch waren . Ihre unbeschreibliche Schönheit zog ihn aber immer wieder unbezwinglich zu ihr hin , und so teilte er sein unruhvolles Leben zwischen Haß und Liebe und allen den heftigsten Leidenschaften , während er immerfort in den übrigen Stunden unermüdet und nur um desto eifriger an seinen großen Gemälden fortarbeitete . - » Ich machte mich endlich einmal nach der weit entlegenen Stadt auf den Weg « , fuhr der Mann in seiner Erzählung fort , » um die seltsame Wirtschaft meines Sohnes , von der ich schon so viel gehört hatte , mit eigenen Augen anzusehen . Schon unterweges hörte ich von einem seiner besten Freunde , daß sich manches verändert habe . Das Mädchen oder Weib meines Sohnes habe nämlich von ohngefähr ein Buch in die Hände bekommen , worin sie mehrere Tage unausgesetzt und tiefsinnig gelesen . Keiner ihrer Liebhaber habe sie seitdem zu sehen bekommen und sie sei endlich darüber in eine schwere Krankheit verfallen . Das Buch war kein anderes , als ebendiese Geschichte von der Gräfin Dolores . Als ich in die Stadt ankomme , eile ich sogleich nach der Wohnung meines Sohnes . Ich finde niemand im ganzen Hause , die Tür offen , alles öde . Ich trete in die Stube : das Mädchen lag auf einem Bette , blaß und wie vor Mattigkeit eingeschlafen . Ich habe niemals etwas Schöneres gesehen . In dem Zimmer standen fertige und halb vollendete Gemälde auf Staffeleien umher , Malergerätschaften , Bücher , Kleider , halbbezogene Gitarren , alles sehr unordentlich durcheinander . Durch das Fenster , welches offenstand , hatte man über die Stadt weg eine entzückende Aussicht auf den weit gewundenen Strom und die Gebirge . In der Stube fand ich auf einem Tische ein Buch aufgeschlagen , es war die Dolores . Ich wollte die Kranke nicht wecken , setzte mich hin und fing an in dem Buche zu lesen . Ich las und las , vieles Dunkle zog mich immer mehr an , vieles kam mir so wahrhaft vor , wie meine verborgene innerste Meinung oder wie alte , lange wieder verlorne und untergegangene Gedanken , und ich vertiefte mich immer mehr . Ich las bis es finster wurde . Die Sonne war draußen untergegangen , und nur noch einzelne Scheine des Abendrots fielen seltsam auf die Gemälde , die so still auf ihren Staffeleien umherstanden . Ich betrachtete sie aufmerksamer , es war , als fingen sie an lebendig zu werden , und mir kam in diesem Augenblicke die Kunst , der unüberwindliche Hang und das Leben meines Sohnes , begreiflich vor . Ich kann überhaupt nicht beschreiben , wie mir damals zumute war ; es war das erstemal in meinem Leben , daß ich die wunderbare Gewalt der Poesie im Innersten fühlte , und ich erschrak ordentlich vor mir selber . - Es war mir unterdes aufgefallen , daß sich das Mädchen auf dem Bette noch immer nicht rühre , ich trat zu ihr , schüttelte sie und rief . Sie gab keine Antwort mehr , sie war tot . - Ich hörte nachher , daß mein Sohn heute , sowie sie gestorben war , fortgereist sei und alles in seiner Stube so stehn gelassen habe . « Hier hielt der Mann ernsthaft inne . » Ich lese seitdem fleißig « , fuhr er nach einer kleinen Pause gesammelt fort ; » vieles in den Dichtern bleibt mir durchaus unverständlich , aber ich lerne täglich in mir und in den Menschen und Dingen um mich vieles einsehen und lösen , was mir sonst wohl unbegreiflich war und mich unbeschreiblich bedrückte . Ich befinde mich jetzt viel wohler . « Friedrich hatte diese einfache Erzählung gerührt . Er sah den Mann aufmerksam an und bemerkte in seinem stark gezeichneten Gesicht einen einzigen , sonderbar dunklen Zug , der aussah wie Unglück und vor dem ihm schauderte . Er wollte ihn eben noch um einiges fragen , das in der Geschichte besonders seine Aufmerksamkeit erregt hatte , aber der dithyrambische Thyrsusschwinger , der unterdes bei den Damen seinen Witz unermüdet hatte leuchten lassen , lenkte ihn davon ab , indem er sich plötzlich mit sehr heftigen Bitten zu dem guten Schmachtenden wandte , ihnen noch einige seiner vortrefflichen Sonette vorzulesen , obschon er , wie Friedrich gar wohl gehört , die ganze Zeit über gerade diese Gedichte vor den Damen zum Stichblatt seines Witzes und Spottes gemacht hatte . Friedrich empörte diese herzlose , doppelzüngige Teufelei ; er kehrte sich schnell zu dem Schmachtenden , der neben ihm stand , und sagte : » Ihre Gedichte gefallen mir ganz und gar nicht . « Der Schmachtende machte große Augen , und niemand von der Gesellschaft verstand Friedrichs großmütige Meinung . Der Dithyrambist aber fühlte die Schwere der Beschämung wohl , er wagte nicht weiter mit seinen Bitten in den Schmachtenden zu dringen und fürchtete Friedrich seitdem wie ein richtendes Gewissen . Friedrich wandte sich darauf wieder zu dem Landmanne und sagte zu ihm laut genug , daß es der Thyrsusschwinger hören konnte : » Fahren Sie nur fort , sich ruhig an den Werken der Dichter zu ergötzen , mit schlichtem Sinne und redlichem Willen wird Ihnen nach und nach alles in denselben klar werden . Es ist in unsern Tagen das größte Hindernis für das wahrhafte Verständnis aller Dichterwerke , daß jeder , statt sich recht und auf sein ganzes Leben davon durchdringen zu lassen , sogleich ein unruhiges , krankhaftes Jucken verspürt , selber zu dichten und etwas dergleichen zu liefern . Adler werden sogleich hochgeboren und schwingen sich schon vom Neste in die Luft , der Strauß aber wird oft als König der Vögel gepriesen , weil er mit großem Getös seinen Anlauf nimmt , aber er kann nicht fliegen . « Es ist nichts künstlicher und lustiger , als die Unterhaltung einer solchen Gesellschaft . Was das Ganze noch so leidlich zusammenhält , sind tausend feine , fast unsichtbare Fäden von Eitelkeit , Lob und Gegenlob usw. , und sie nennen es denn gar zu gern ein Liebesnetz . Arbeitet dann unverhofft einmal einer , der davon nichts weiß , tüchtig darin herum , geht die ganze Spinnewebe von ewiger Freundschaft und heiligem Bunde auseinander . So hatte auch heute Friedrich den ganzen Tee versalzen . Keiner konnte das künstlerische Weberschiffchen , das sonst , fein im Takte , so zarte ästhetische Abende wob , wieder in Gang bringen . Die meisten wurden mißlaunisch , keiner konnte oder mochte , wie beim babylonischen Baue , des andern Wortgepräng verstehen , und so beleidigte einer den andern in der gänzlichen Verwirrung . Mehrere Herren nahmen endlich unwillig Abschied , die Gesellschaft wurde kleiner und vereinzelter . Die Damen gruppierten sich hin und wieder auf den Ottomanen in malerischen und ziemlich unanständigen Stellungen . Friedrich bemerkte bald ein heimliches Verständnis zwischen der Frau vom Hause und dem Schmachtenden . Doch glaubte er zugleich an ihr ein feines Liebäugeln zu entdecken , das ihm selber zu gelten schien . Er fand sie überhaupt viel schlauer , als man anfänglich ihrer lispelnden Sanftmut hätte zutrauen mögen ; sie schien ihren schmachtenden Liebhaber bei weitem zu übersehen und , sehr aufgeklärt , selber nicht so viel von ihm zu halten , als sie vorgab und er aus ganzer Seele glaubte . Wie ein rüstiger Jäger in frischer Morgenschönheit stand Friedrich unter diesen verwischten Lebensbildern . Nur die einzige Gräfin Romana zog ihn an . Schon das Gedicht , das sie rezitiert , hatte ihn auf sie aufmerksam gemacht und auf die eigentümliche , von allen den andern verschiedene Richtung ihres Geistes . Er glaubte schon damals eine tiefe Verachtung und ein scharfes Überschauen der ganzen Teegesellschaft in derselben zu bemerken , und seine jetzigen Gespräche mit ihr bestätigten seine Meinung . Er erstaunte über die Freiheit ihres Blicks und die Keckheit , womit sie alle Menschen aufzufassen und zu behandeln wußte . Sie hatte sich im Augenblick in alle Ideen , die Friedrich in seinen vorigen Äußerungen berührt , mit einer unbegreiflichen Lebhaftigkeit hineinverstanden und kam ihm nun in allen seinen Gedanken entgegen . Es war in ihrem Geiste , wie in ihrem schönen Körper ein zauberischer Reichtum ; nichts schien zu groß in der Welt für ihr Herz ; sie zeigte eine tiefe , begeisterte Einsicht ins Leben wie in alle Künste , und Friedrich unterhielt sich daher lange Zeit ausschließlich mit ihr , die übrige Gesellschaft vergessend . Die Damen fingen unterdes schon an zu flüstern und über die neue Eroberung der Gräfin die Nasen zu rümpfen . Das Gespräch der beiden wurde endlich durch Rosa unterbrochen , die zu der Gräfin trat und verdrüßlich nach Hause zu fahren begehrte . Friedrich , der eine große Betrübnis in ihrem Gesichte bemerkte , faßte ihre Hand . Sie wandte sich aber schnell weg und eilte in ein abgelegenes Fenster . Er ging ihr nach . Sie sah mit abgewendetem Gesicht in den stillen Garten hinaus , er hörte , daß sie schluchzte . Eifersucht vielleicht und das schmerzlichste Gefühl ihres Unvermögens , in allen diesen Dingen mit der Gräfin zu wetteifern , arbeitete in ihrer Seele . Friedrich drückte das schöne , trostlose Mädchen an sich . Da fiel sie ihm schnell und heftig um den Hals und sagte aus Grund der Seele : » Mein lieber Mann ! « Es war das erstemal in seinem Leben , daß sie ihn so genannt . Es kamen soeben mehrere andere hinzu und alles fing an Abschied zu nehmen und auseinanderzugehen ; er konnte nichts mehr mit ihr sprechen . Noch im Weggehn trat der Minister zu ihm und fragte ihn , wie es ihm hier gefallen habe ? Er antwortete mit einer zweideutigen Höflichkeit . Der Minister sah ihn ernsthaft und ausforschend an und ging fort . Friedrich aber eilte durch die nächtliche Stadt seiner Wohnung zu . Ein rauher Wind ging durch die Straßen . Er hatte sich noch nie so unbehaglich , leer und müde gefühlt . Dreizehntes Kapitel Es war ein schöner Herbstmorgen , da ritt Friedrich eine von den langen Straßenalleen hinunter , die von der Residenz ins Land hinausführten . Er hatte es schon längst der schönen Gräfin Romana versprechen müssen , sie auf ihrem Landgute , das einige Meilen von der Stadt entfernt lag , zu besuchen , und der blaue Himmel hatte ihn heute hinausgelockt . Sie war seit seiner Trennung von Leontin die einzige , zu der er von allem reden konnte , was er dachte , wußte und wollte , die Unterhaltung mit ihr war ihm fast schon zum Bedürfnis geworden . Der Weg war ebenso anmutig als der Morgen . Er kam bald an einen von beiden Seiten eng von Bergen eingeschlossenen Fluß , an dem die Straße hinablief . Die Wälder , welche die schönen Berge bedeckten , waren schon überall mit gelben und roten Blättern bunt geschmückt , Vögel reisten hoch über ihm weg dem Strome nach und erfüllten die Luft mit ihren abgebrochenen Abschiedstönen , die Friedrich jedesmal wunderbar an seine Kindheit erinnerten , wo er , der Natur noch nicht entwachsen , einzig von ihren Blicken und Gaben lebte . Einige Stunden war er so zwischen den einsamen Bergschluchten hingeritten , als er am jenseitigen Ufer eine Stimme rufen hörte , die ihn immerfort zu begleiten schien und vom Echo in den grünen Windungen unaufhörlich wiederholt wurde . Je länger er nachhorchte , je mehr kam es ihm vor , als kenne er die Stimme . Plötzlich hörte das Rufen wieder auf und Friedrich fing nun an zu bemerken , daß er einen unrechten Weg eingeschlagen haben müsse , denn die grünen Bergesgänge wollten kein Ende nehmen . Er verdoppelte daher seine Eile und kam bald darauf an den Ausgang des Gebirges und an ein Dorf , das auf einmal sehr reizend im Freien vor ihm lag . Das erste , was ihm in die Augen fiel , war ein Wirtshaus , vor welchem sich ein schöner grüner Platz bis an den Fluß ausbreitete . Auf dem Platze sah er einen , mit ungewöhnlichem und rätselhaftem Geräte schwer bepackten Wagen stehen und mehrere sonderbare Gestalten , die wunderlich mit der Luft zu fechten schienen . Wie erstaunte er aber , als er näher kam und mitten unter ihnen Leontin und Faber erkannte . - Leontin , der ihn schon von weitem über den Hügel kommen sah , rief ihm sogleich entgegen : » Kommst du auch angezogen , neumodischer Don Quijote , Lamm Gottes , du sanfter Vogel , der immer voll schöner Weisen ist , haben sie dir noch nicht die Flügel gebrochen ? Mir war schon lange zum Sterben bange nach dir ! « Friedrich sprang schnell vom Pferde und fiel ihm um den Hals . Er hielt Leontins Hand mit seinen beiden Händen und sah ihm mit grenzenloser Freude in das lebhafte Gesicht ; es war , als entzünde sich sein innerstes Leben jedesmal neu an seinen schwarzen Augen . Er bemerkte indes , daß die Menschen ringsum , die ihm schon von weitem aufgefallen waren , auf das abenteuerlichste in lange , spanische Mäntel gehüllt waren und sich immerfort , ohne sich von ihm stören zu lassen , wie Verrückte miteinander unterhielten . » Ha , verzweifelte Sonne ! « rief einer von ihnen , der eine Art von Turban auf dem Kopfe und ein gewisses tyrannisches Ansehn hatte , » willst du mich ewig bescheinen ? Die Fliegen spielen in deinem Licht , die Käfer im - ruhen selig in deinem Schoße , Natur ! Und ich - und ich - warum bin ich nicht ein Käfer geworden , unerforschlich waltendes Schicksal ? - Was ist der Mensch ? - Ein Schaum . Was ist das Leben ? - Ein nichtswürdiger Wurm . « - » Umgekehrt , gerade umgekehrt , wollen Sie wohl sagen « , rief eine andere Stimme . - » Was ist die Welt ? « fuhr jener fort , ohne sich stören zu lassen , » was ist die Welt ? « - Hier hielt er inne und lachte grinsend und weltverachtend wie Abällino unter seinem Mantel hervor , wendete sich darauf schnell um und faßte unvermutet Herrn Faber , der eben neben ihm stand , bei der Brust . » Ich verbitte mir das « , sagte Faber ärgerlich , » wie oft soll ich noch erklären , daß ich durchaus nicht mit in den Plan gehöre ! « - - » Laß dich ' s nicht wundern « , sagte endlich Leontin zu Friedrich , der aus dem allen nicht gescheit werden konnte , » das ist eine Bande Schauspieler , mit denen ich auf der Straße zusammengetroffen und seit gestern reise . Wir probieren soeben eine Komödie aus dem Stegreif , zu der ich die Lineamente unterwegs entworfen habe . Sie heißt : Bürgerlicher Seelenadel und Menschheitsgröße , oder der tugendhafte Bösewicht , ein psychologisches Trauerspiel in fünf Verwirrungen der menschlichen Leidenschaften , und wird heute abend in dem nächsten Städtchen gegeben werden , wo der gebildete Magistrat zum Anfang durchaus ein schillerndes Stück verlangt hat . Ich werde der Vorstellung mit beiwohnen und habe alle Folgen über mich genommen . « » Ja , wahrhaftig « , sagte Faber , » wenn das noch lange so fortgeht , so sage ich aller gebildeten Welt Lebewohl und fange an auf dem Seile zu tanzen , oder die Zigeunersprache zu studieren . Ich bin des Herumziehens in der Tat von Herzen satt . « - » Verstellen Sie sich nur nicht immer so « , fiel ihm Leontin ins Wort , » Sie kommen doch am Ende nicht weg von mir . Wir zanken uns immer und treffen doch immer wieder auf einerlei Wegen zusammen . Übrigens sind diese Schauspieler ein gar vortrefflicher Künstlerverein ; sie wollen nicht gepriesen , sondern gespeist sein , und gehen daher in der Verzweiflung der Natur noch keck und beherzt auf den Leib . « Es war unterdes an einen jungen Menschen von der Truppe , der auch eine Rolle in dem Stücke übernommen hatte , die Reihe gekommen , ebenfalls seinen Teil vorzustellen . Er benahm sich aber sehr ungeschickt und war durchaus nicht imstande , etwas zu erfinden und vorzubringen . Ein schönes Mädchen , mit welcher er eben die Szene spielen sollte , wurde ungeduldig , erklärte , sie wolle hier nicht länger einen Narren abgeben , und sprang lachend fort , der andere , ältere Schauspieler lief ihr nach , um sie zurückzuholen , und so war die ganze Probe gestört . Der junge Mann war indes näher getreten . Friedrich sah ihm genauer ins Gesicht , er traute seinen Augen kaum , es war einer von den Studenten , die ihm bei seinem Abzuge von der Universität das Geleit gegeben hatten . - » Mein Gott ! wie kommst du unter diese Leute ? « rief Friedrich voll Erstaunen , denn er hatte ihn damals als einen stillen und fleißigen Menschen gekannt , der vor den Ausgelassenheiten der andern jederzeit einen heimlichen Widerwillen hegte . Der Student gestand , daß er den Grafen sogleich wiedererkannt , aber gehofft habe , von ihm übersehen zu werden . Er schien sehr verlegen . Friedrich , der sich an seinem Gesichte aller alten Freuden und Leiden erinnerte , zog ihn erfreut und vertraulich an den Tisch und der Student erzählte ihnen endlich den ganzen Hergang seiner Geschichte . Nicht lange nach Friedrichs Abreise hatte sich nämlich auf der Universität eine reisende Gesellschaft von Seiltänzern eingefunden , worunter besonders eine Springerin durch ihre Schönheit alle Augen auf sich zog . Viele Studenten versuchten und fanden ihr Glück . Er aber mit seiner stillen und tiefern Gemütsart verliebte sich im Ernste in das Mädchen , und wie ihr Herz bisher in ihrer tollen Lebensweise von der Gewalt der Liebe ungerührt geblieben war , wurde sie von seiner zarten , ungewohnten Art , sie zu behandeln und zu gewinnen , überrascht und gefangen . Sie beredeten sich , einander zu heiraten ; sie verließ die Bande und er arbeitete von nun an Tag und Nacht , um seine Studien zu vollenden und sich ein Einkommen zu erwerben . Es verging indes längere Zeit , als er geglaubt hatte , das Mädchen fing an , von Zeit zu Zeit launisch zu werden , bekam häufige Anfälle von Langeweile und - eh er sich ' s versah , war sie verschwunden . » Mein mühsam erspartes Geld « , fuhr der Student weiter fort , » hatte ich indes immer wieder auf verschiedene Einfälle und Launen des Mädchens zersplittert , meine Eltern wollten nichts von mir wissen , mein innerstes Leben hatte mich auf einmal betrogen , die Studenten lachten entsetzlich , es war der schmerzlichste und unglücklichste Augenblick meines Lebens . Ich ließ alles und reiste dem Mädchen nach . Nach langem Irren fand ich sie endlich bei diesen Komödianten wieder , denn es ist dieselbe , die vorhin hier weggegangen . Sie kam sehr freudig auf mich zugesprungen , als sie mich erblickte , doch ohne ihre Flucht zu entschuldigen oder im geringsten unnatürlich zu finden . - Meine Mutter ist seitdem aus Gram gestorben . Ich weiß , daß ich ein Narr bin und kann doch nicht anders . « Die Tränen standen ihm in den Augen , als er das sagte . Friedrich , der wohl einsah , daß der gute Mensch sein Herz und sein Leben nur wegwerfe , riet ihm mit Wärme , sich ernstlich zusammenzunehmen und das Mädchen zu verlassen , er wolle für sein Auskommen sorgen . - Der Verliebte schwieg still . - » Laß doch die Jugend fahren ! « sagte Leontin , » jeder Schiffmann hat seine Sterne und das Alter treibt uns zeitig genug auf den Sand . Du brichst dem tollen Nachtwandler doch den Hals , wenn du ihn bei seinem prosaischen , bürgerlichen Namen rufst . Aber härter müssen Sie sein « , sagte er zu dem Studenten , » denn die Welt ist hart und drückt Sie sonst zuschanden . « Das Mädchen kam unterdes wieder und trällerte ein Liedchen . Ihre Gestalt war herrlich , aber ihr schönes Gesicht hatte etwas Verwildertes . Sie antwortete auf alle Fragen sehr unterwürfig und keck zugleich , und schien nicht üble Lust zu haben , noch länger bei den beiden Grafen zurückzubleiben , als der Theaterprinzipal kam und ankündigte , daß alles zur Abreise fertig sei . Der Student drückte Friedrich herzlich die Hand und eilte zu dem aufbrechenden Haufen . Der mit allerhand Dekorationen schwer bepackte Wagen , von dessen schwankender Höhe