zu sein , als zur Stadt zu gehören ; alles bewegte sich still und feierlich , selten von dem rasselnden Geräusch eines Wagens unterbrochen . Selbst in der Kleidung und in dem Anstande der Einwohner bis auf den gemeinen Mann herrschte eine gewisse Zierlichkeit , ein Streben , äußere Bildung zu zeigen . Der fürstliche Palast war nichts weniger als groß , auch nicht im großen Stil erbaut , aber rücksichts der Eleganz , der richtigen Verhältnisse eines der schönsten Gebäude , die ich jemals gesehen ; an ihn schloß sich ein anmutiger Park , den der liberale Fürst den Einwohnern zum Spaziergange geöffnet . Man sagte mir in dem Gasthause , wo ich eingekehrt , daß die fürstliche Familie gewöhnlich abends einen Gang durch den Park zu machen pflege und daß viele Einwohner diese Gelegenheit niemals versäumten , den gütigen Landesherrn zu sehen . Ich eilte um die bestimmte Stunde in den Park , der Fürst trat mit seiner Gemahlin und einer geringen Umgebung aus dem Schlosse . - Ach ! - bald sah ich nichts mehr als die Fürstin , sie , die meiner Pflegemutter so ähnlich war ! - Dieselbe Hoheit , dieselbe Anmut in jeder ihrer Bewegungen , derselbe geistvolle Blick des Auges , dieselbe freie Stirne , das himmlische Lächeln . - Nur schien sie mir im Wuchse voller und jünger als die Äbtissin . Sie redete liebreich mit mehreren Frauenzimmern , die sich eben in der Allee befanden , während der Fürst mit einem ernsten Mann im interessanten eifrigen Gespräch begriffen schien . - Die Kleidung , das Benehmen der fürstlichen Familie , ihre Umgebung , alles griff ein in den Ton des Ganzen . Man sah wohl , wie die anständige Haltung in einer gewissen Ruhe und anspruchslosen Zierlichkeit , in der sich die Residenz erhielt , von dem Hofe ausging . Zufällig stand ich bei einem aufgeweckten Mann , der mir auf alle mögliche Fragen Bescheid gab und manche muntere Anmerkung einzuflechten wußte . Als die fürstliche Familie vorüber war , schlug er mir vor , einen Gang durch den Park zu machen und mir , dem Fremden , die geschmackvollen Anlagen zu zeigen , welche überall in demselben anzutreffen ; das war mir nun ganz recht , und ich fand in der Tat , daß überall der Geist der Anmut und des geregelten Geschmacks verbreitet , wiewohl mir oft in den im Park zerstreuten Gebäuden das Streben nach der antiken Form , die nur die grandiosesten Verhältnisse duldet , den Bauherrn zu Kleinlichkeiten verleitet zu haben schien . Antike Säulen , deren Kapitäler ein großer Mann beinahe mit der Hand erreicht , sind wohl ziemlich lächerlich . Ebenso gab es in entgegengesetzter Art im andern Teil des Parks ein paar gotische Gebäude , die sich in ihrer Kleinheit gar zu kleinlich ausnahmen . Ich glaube , daß das Nachahmen gotischer Formen beinahe noch gefährlicher ist als jenes Streben nach dem Antiken . Denn ist es auch allerdings richtig , daß kleine Kapellen dem Baumeister , der rücksichts der Größe des Gebäudes und der darauf zu verwendenden Kosten eingeschränkt ist , Anlaß genug geben , in jenem Stil zu bauen , so möchte es doch wohl mit den Spitzbogen , bizarren Säulen , Schnörkeln , die man dieser oder jener Kirche nachahmt , nicht getan sein , da nur der Baumeister etwas Wahrhaftiges in der Art leisten wird , der sich von dem tiefen Sinn - wie er in den alten Meistern wohnte , welche das willkürlich , ja das heterogen Scheinende so herrlich zu einem sinnigen bedeutungsvollen Ganzen zu verbinden wußten , - beseelt fühlt . Es ist mit einem Wort der seltene Sinn für das Romantische , der den gotischen Baumeister leiten muß , da hier von dem Schulgerechten , an das er sich bei der antiken Form halten kann , nicht die Rede ist . Ich äußerte alles dieses meinem Begleiter ; er stimmte mir vollkommen bei und suchte nur für jene Kleinigkeiten darin eine Entschuldigung , daß die in einem Park nötige Abwechslung und selbst das Bedürfnis , hie und da Gebäude als Zufluchtsort bei plötzlich einbrechendem Unwetter oder auch nur zur Erholung , zum Ausruhen zu finden , beinahe von selbst jene Mißgriffe herbeiführe . - Die einfachsten , anspruchslosesten Gartenhäuser , Strohdächer , auf Baumstämme gestützt und in anmutige Gebüsche versteckt , die eben jenen angedeuteten Zweck erreichten , meinte ich dagegen , wären mir lieber als alle jene Tempelchen und Kapellchen ; und sollte denn nun einmal gezimmert und gemauert werden , so stehe dem geistreichen Baumeister , der rücksichts des Umfanges und der Kosten beschränkt sei , wohl ein Stil zu Gebote , der , sich zum antiken oder zum gotischen hinneigend , ohne kleinliche Nachahmerei , ohne Anspruch , das grandiose , alte Muster zu erreichen , nur das Anmutige , den dem Gemüte des Beschauers wohltuenden Eindruck bezwecke . » Ich bin ganz Ihrer Meinung , « erwiderte mein Begleiter , » indessen rühren alle diese Gebäude , ja die Anlage des ganzen Parks von dem Fürsten selbst her , und dieser Umstand beschwichtigt , wenigstens bei uns Einheimischen , jeden Tadel . - Der Fürst ist der beste Mensch , den es auf der Welt geben kann , von jeher hat er den wahrhaft landesväterlichen Grundsatz , daß die Untertanen nicht seinetwegen da wären , er vielmehr der Untertanen wegen da sei , recht an den Tag gelegt . Die Freiheit , alles zu äußern , was man denkt ; die Geringfügigkeit der Abgaben und der daraus entspringende niedrige Preis aller Lebensbedürfnisse ; das gänzliche Zurücktreten der Polizei , die nur dem boshaften Übermute ohne Geräusch Schranken setzt und weit entfernt ist , den einheimischen Bürger sowie den Fremden mit gehässigem Amtseifer zu quälen ; die Entfernung alles soldatischen Unwesens , die gemütliche Ruhe , womit Geschäfte , Gewerbe getrieben werden : alles das wird Ihnen den Aufenthalt in unserm Ländchen erfreulich machen . Ich wette , daß man Sie bis jetzt noch nicht nach Namen und Stand gefragt hat und der Gastwirt keinesweges , wie in andern Städten , in der ersten Viertelstunde mit dem großen Buche unterm Arm feierlich angerückt ist , worin man genötigt wird , seinen eignen Steckbrief mit stumpfer Feder und blasser Tinte hineinzukritzeln . Kurz , die ganze Einrichtung unseres kleinen Staats , in dem die wahre Lebensweisheit herrscht , geht von unserm herrlichen Fürsten aus , da vorher die Menschen , wie man mir gesagt hat , durch albernen Pedantismus eines Hofes , der die Ausgabe des benachbarten großen Hofes in Taschenformat war , gequält wurden . Der Fürst liebt Künste und Wissenschaft , daher ist ihm jeder geschickte Künstler , jeder geistreiche Gelehrte willkommen , und der Grad seines Wissens nur ist die Ahnenprobe , die die Fähigkeit bestimmt , in der nächsten Umgebung des Fürsten erscheinen zu dürfen . Aber eben in die Kunst und Wissenschaft des vielseitig gebildeten Fürsten hat sich etwas von dem Pedantismus geschlichen , der ihn bei seiner Erziehung einzwängte und der sich jetzt in dem sklavischen Anhängen an irgend eine Form ausspricht . Er schrieb und zeichnete den Baumeistern mit ängstlicher Genauigkeit jedes Detail der Gebäude vor , und jede geringe Abweichung von dem aufgestellten Muster , das er mühsam aus allen nur möglichen antiquarischen Werken herausgesucht , konnte ihn ebenso ängstigen , als wenn dieses oder jenes dem verjüngten Maßstab , den ihm die beengten Verhältnisse aufdrangen , sich durchaus nicht fügen wollte . Durch eben das Anhängen an diese oder jene Form , die er liebgewonnen , leidet auch unser Theater , das von der einmal bestimmten Manier , der sich die heterogensten Elemente fügen müssen , nicht abweicht . Der Fürst wechselt mit gewissen Lieblingsneigungen , die aber gewiß niemals irgend jemandem zu nahe treten . Als der Park angelegt wurde , war er leidenschaftlicher Baumeister und Gärtner , dann begeisterte ihn der Schwung , den seit einiger Zeit die Musik genommen , und dieser Begeisterung verdanken wir die Einrichtung einer ganz vorzüglichen Kapelle . - Dann beschäftigte ihn die Malerei , in der er selbst das Ungewöhnliche leistet . Selbst bei den täglichen Belustigungen des Hofes findet dieser Wechsel statt . - Sonst wurde viel getanzt , jetzt wird an Gesellschaftstagen eine Pharobank gehalten , und der Fürst , ohne im mindesten eigentlicher Spieler zu sein , ergötzt sich an den sonderbaren Verknüpfungen des Zufalls , doch bedarf es nur irgend eines Impulses , um wieder etwas anderes an die Tagesordnung zu bringen . Dieser schnelle Wechsel der Neigungen hat dem guten Fürsten den Vorwurf zugezogen , daß ihm diejenige Tiefe des Geistes fehle , in der sich , wie in einem klaren sonnenhellen See , das farbenreiche Bild des Lebens unverändert spiegelt ; meiner Meinung nach tut man ihm aber unrecht , da eine besondere Regsamkeit des Geistes nur ihn dazu treibt , diesem oder jenem nach erhaltenem Impuls mit besonderer Leidenschaft nachzuhängen , ohne daß darüber das ebenso Edle vergessen oder auch nur vernachlässigt werden sollte . Daher kommt es , daß Sie diesen Park so wohl erhalten sehen , daß unsere Kapelle , unser Theater fortdauernd auf alle mögliche Weise unterstützt und gehoben , daß die Gemäldesammlung nach Kräften bereichert wird . Was aber den Wechsel der Unterhaltungen bei Hofe betrifft , so ist das wohl ein heitres Spiel im Leben , das jeder dem regsamen Fürsten zur Erholung vom ernsten , oft mühevollen Geschäft recht herzlich gönnen mag . « Wir gingen eben bei ganz herrlichen , mit tiefem malerischem Sinn gruppierten Gebüschen und Bäumen vorüber , ich äußerte meine Bewunderung , und mein Begleiter sagte : » Alle diese Anlagen , diese Pflanzungen , diese Blumengruppen sind das Werk der vortrefflichen Fürstin . Sie ist selbst vollendete Landschaftsmalerin und außerdem die Naturkunde ihre Lieblingswissenschaft . Sie finden daher ausländische Bäume , seltene Blumen und Pflanzen , aber nicht wie zur Schau ausgestellt , sondern mit tiefem Sinn so geordnet und in zwanglose Partien verteilt , als wären sie ohne alles Zutun der Kunst aus heimatlichem Boden entsprossen . - Die Fürstin äußerte einen Abscheu gegen all die aus Sandstein unbeholfen gemeißelten Götter und Göttinnen , Najaden und Dryaden , wovon sonst der Park wimmelte . Diese Standbilder sind deshalb verbannt worden , und Sie finden nur noch einige gute Kopien nach der Antike , die der Fürst gewisser , ihm teurer Erinnerungen wegen gern im Park behalten wollte , die aber die Fürstin so geschickt - mit zartem Sinn des Fürsten innerste Willensmeinung ergreifend - aufstellen zu lassen wußte , daß sie auf jeden , dem auch die geheimeren Beziehungen fremd sind , ganz wunderbar wirken . « Es war später Abend geworden , wir verließen den Park , mein Begleiter nahm die Einladung an , mit mir im Gasthofe zu speisen , und gab sich endlich als den Inspektor der fürstlichen Bildergalerie zu erkennen . Ich äußerte ihm , als wir bei der Mahlzeit vertrauter geworden , meinen herzlichen Wunsch , der fürstlichen Familie näher zu treten , und er versicherte , daß nichts leichter sei als dieses , da jeder gebildete , geistreiche Fremde im Zirkel des Hofes willkommen wäre . Ich dürfe nur dem Hofmarschall den Besuch machen und ihn bitten , mich dem Fürsten vorzustellen . Diese diplomatische Art , zum Fürsten zu gelangen , gefiel mir um so weniger , als ich kaum hoffen konnte , gewissen lästigen Fragen des Hofmarschalls über das » Woher ? « , über Stand und Charakter zu entgehen ; ich beschloß daher , dem Zufall zu vertrauen , der mir vielleicht den kürzeren Weg zeigen würde , und das traf auch in der Tat bald ein . Als ich nämlich eines Morgens in dem zur Stunde gerade ganz menschenleeren Park lustwandelte , begegnete mir der Fürst in einem schlichten Oberrock . Ich grüßte ihn , als sei er mir gänzlich unbekannt , er blieb stehen und eröffnete das Gespräch mit der Frage , ob ich fremd hier sei . - Ich bejahte es , mit dem Zusatz , wie ich vor ein paar Tagen angekommen und bloß durchreisen wollen ; die Reize des Orts und vorzüglich die Gemütlichkeit und Ruhe , die hier überall herrsche , hätten mich aber vermocht , zu verweilen . Ganz unabhängig , bloß der Wissenschaft und der Kunst lebend , wäre ich gesonnen , recht lange hier zu bleiben , da mich die ganze Umgebung auf höchste Weise anspreche und anziehe . Dem Fürsten schien das zu gefallen , und er erbot sich mir als Cicerone alle Anlagen des Parks zu zeigen . Ich hütete mich zu verraten , daß ich das alles schon gesehen , sondern ließ mich durch alle Grotten , Tempel , gotische Kapellen , Pavillons führen und hörte geduldig die weitschweifigen Kommentare an , die der Fürst von jeder Anlage gab . Überall nannte er die Muster , nach welchen gearbeitet worden , machte mich auf die genaue Ausführung der gestellten Aufgaben aufmerksam und verbreitete sich überhaupt über die eigentliche Tendenz , die bei der ganzen Einrichtung dieses Parks zum Grunde gelegen und die bei jedem Park vorwalten sollte . Er frug nach meiner Meinung ; ich rühmte die Anmut des Orts , die üppige herrliche Vegetation , unterließ aber auch nicht rücksichts der Gebäude mich ebenso wie gegen den Galerie-Inspektor zu äußern . Er hörte mich aufmerksam an , er schien manches meiner Urteile nicht gerade zu verwerfen , indessen schnitt er jede weitere Diskussion über diesen Gegenstand durch die Äußerung ab , daß ich zwar in ideeller Hinsicht recht haben könne , indessen mir die Kenntnis des Praktischen und der wahren Art der Ausführung fürs Leben abzugehen scheine . Das Gespräch wandte sich zur Kunst , ich bewies mich als guter Kenner der Malerei und als praktischer Tonkünstler , ich wagte manchen Widerspruch gegen seine Urteile , die geistreich und präzis seine innere Überzeugung aussprachen , aber auch wahrnehmen ließen , daß seine Kunstbildung zwar bei weitem die übertraf , wie sie die Großen gemeinhin zu erhalten pflegen , indessen doch viel zu oberflächlich war , um nur die Tiefe zu ahnen , aus der dem wahren Künstler die herrliche Kunst aufgeht und in ihm den göttlichen Funken des Strebens nach dem Wahrhaftigen entzündet . Meine Widersprüche , meine Ansichten galten ihm nur als Beweis meines Dilettantismus , der gewöhnlich nicht von der wahren praktischen Einsicht erleuchtet werde . Er belehrte mich über die wahren Tendenzen der Malerei und der Musik , über die Bedingnisse des Gemäldes , der Oper . - Ich erfuhr viel von Kolorit , Draperie , Pyramidalgruppen , von ernster und komischer Musik , von Szenen für die Primadonna , von Chören , vom Effekt , vom Helldunkel , der Beleuchtung u.s.w. Ich hörte alles an , ohne den Fürsten , der sich in dieser Unterhaltung recht zu gefallen schien , zu unterbrechen . Endlich schnitt er selbst seine Rede ab mit der schnellen Frage : » Spielen Sie Pharo ? « - Ich verneinte es . » Das ist ein herrliches Spiel , « fuhr er fort , » in seiner hohen Einfachheit das wahre Spiel für geistreiche Männer . Man tritt gleichsam aus sich selbst heraus , oder besser , man stellt sich auf einen Standpunkt , von dem man die sonderbaren Verschlingungen und Verknüpfungen , die die geheime Macht , welche wir Zufall nennen , mit unsichtbarem Faden spinnt , zu erblicken imstande ist . Gewinn und Verlust sind die beiden Angeln , auf denen sich die geheimnisvolle Maschine bewegt , die wir angestoßen und die nun der ihr einwohnende Geist nach Willkür forttreibt . - Das Spiel müssen Sie lernen , ich will selbst Ihr Lehrmeister sein . « - Ich versicherte , bis jetzt nicht viel Lust zu einem Spiel in mir zu spüren , das , wie mir oft versichert worden , höchst gefährlich und verderblich sein solle . - Der Fürst lächelte und fuhr , mich mit seinen lebhaften klaren Augen scharf anblickend , fort : » Ei , das sind kindische Seelen , die das behaupten , aber am Ende halten Sie mich wohl für einen Spieler , der Sie ins Garn locken will . - Ich bin der Fürst ; gefällt es Ihnen hier in der Residenz , so bleiben Sie hier und besuchen Sie meinen Zirkel , in dem wir manchmal Pharo spielen , ohne daß ich zugebe , daß sich irgend jemand durch das Spiel derangiere , unerachtet das Spiel bedeutend sein muß , um zu interessieren , denn der Zufall ist träge , sobald ihm nur Unbedeutendes dargeboten wird . « Schon im Begriff , mich zu verlassen , kehrte der Fürst sich noch zu mir und frug : » Mit wem habe ich aber gesprochen ? « - Ich erwiderte , daß ich Leonard heiße und als Gelehrter privatisiere , ich sei übrigens keinesweges von Adel und dürfe vielleicht daher von der mir angebotenen Gnade , im Hofzirkel zu erscheinen , keinen Gebrauch machen . » Was Adel , was Adel , « rief der Fürst heftig , » Sie sind , wie ich mich überzeugt habe , ein sehr unterrichteter , geistreicher Mann . - Die Wissenschaft adelt Sie und macht Sie fähig , in meiner Umgebung zu erscheinen . Adieu , Herr Leonard , auf Wiedersehen ! « - So war denn mein Wunsch früher und leichter , als ich es mir gedacht hatte , erfüllt . Zum erstenmal in meinem Leben sollte ich an einem Hofe erscheinen , ja , in gewisser Art selbst am Hofe leben , und mir gingen all die abenteuerlichen Geschichten von den Kabalen , Ränken , Intrigen der Höfe , wie sie sinnreiche Roman- und Komödienschreiber aushecken , durch den Kopf . Nach Aussage dieser Leute mußte der Fürst von Bösewichtern aller Art umgeben und verblendet , insonderheit aber der Hofmarschall ein ahnenstolzer abgeschmackter Pinsel , der erste Minister ein ränkevoller habsüchtiger Bösewicht , die Kammerjunker müssen aber lockere Menschen und Mädchenverführer sein . - Jedes Gesicht ist kunstmäßig in freundliche Falten gelegt , aber im Herzen Lug und Trug ; sie schmelzen vor Freundschaft und Zärtlichkeit , sie bücken und krümmen sich , aber jeder ist des andern unversöhnlicher Feind und sucht ihm hinterlistig ein Bein zu stellen , daß er rettungslos umschlägt und der Hintermann in seine Stelle tritt , bis ihm ein gleiches widerfährt . Die Hofdamen sind häßlich , stolz , ränkevoll , dabei verliebt und stellen Netze und Sprenkeln , vor denen man sich zu hüten hat wie vor dem Feuer ! - So stand das Bild eines Hofes in meiner Seele , als ich im Seminar so viel davon gelesen ; es war mir immer , als treibe der Teufel da recht ungestört sein Spiel , und unerachtet mir Leonardus manches von Höfen , an denen er sonst gewesen , erzählte , was zu meinen Begriffen davon durchaus nicht passen wollte , so blieb mir doch eine gewisse Scheu vor allem Höfischen zurück , die noch jetzt , da ich im Begriff stand , einen Hof zu sehen , ihre Wirkung äußerte . Mein Verlangen , der Fürstin näher zu treten , ja eine innere Stimme , die mir unaufhörlich wie in dunklen Worten zurief , daß hier mein Geschick sich bestimmen werde , trieben mich unwiderstehlich fort , und um die bestimmte Stunde befand ich mich , nicht ohne innere Beklemmung , im fürstlichen Vorsaal . - Mein ziemlich langer Aufenthalt in jener Reichs-und Handelsstadt hatte mir dazu gedient , all das Ungelenke , Steife , Eckichte meines Betragens , das mir sonst noch vom Klosterleben anklebte , ganz abzuschleifen . Mein von Natur geschmeidiger , vorzüglich wohlgebauter Körper gewöhnte sich leicht an die ungezwungene freie Bewegung , die dem Weltmann eigen . Die Blässe , die den jungen Mönch auch bei schönem Gesicht entstellt , war aus meinem Gesicht verschwunden , ich befand mich in den Jahren der höchsten Kraft , die meine Wangen rötete und aus meinen Augen blitzte ; meine dunkelbraunen Locken verbargen jedes Überbleibsel der Tonsur . Zu dem allen kam , daß ich eine feine , zierliche schwarze Kleidung im neuesten Geschmack trug , die ich aus der Handelsstadt mitgebracht , und so konnte es nicht fehlen , daß meine Erscheinung angenehm auf die schon Versammelten wirken mußte , wie sie es durch ihr zuvorkommendes Betragen , das , sich in den Schranken der höchsten Feinheit haltend , nicht zudringlich wurde , bewiesen . So wie nach meiner aus Romanen und Komödien gezogenen Theorie der Fürst , als er mit mir im Parke sprach , bei den Worten : » Ich bin der Fürst « , eigentlich den Oberrock rasch aufknöpfen und mir einen großen Stern entgegenblitzen lassen mußte , so sollten auch all die Herren , die den Fürsten umgaben , in gestickten Röcken , steifen Frisuren u.s.w. einhergehen , und ich war nicht wenig verwundert , nur einfache geschmackvolle Anzüge zu bemerken . Ich nahm wahr , daß mein Begriff vom Leben am Hofe wohl überhaupt ein kindisches Vorurteil sein könne , meine Befangenheit verlor sich , und ganz ermutigte mich der Fürst , der mit den Worten auf mich zutrat : » Sieh da , Herr Leonard ! « und dann über meinen strengen kunstrichterlichen Blick scherzte , mit dem ich seinen Park gemustert . - Die Flügeltüren öffneten sich , und die Fürstin trat in den Konversationssaal , nur von zwei Hofdamen begleitet . Wie erbebte ich bei ihrem Anblick im Innersten , wie war sie nun beim Schein der Lichter meiner Pflegemutter noch ähnlicher als sonst . - Die Damen umringten sie , man stellte mich vor , sie sah mich an mit einem Blick , der Erstaunen , eine innere Bewegung verriet ; sie lispelte einige Worte , die ich nicht verstand , und kehrte sich dann zu einer alten Dame , der sie etwas leise sagte , worüber diese unruhig wurde und mich scharf anblickte . Alles dieses geschah in einem Moment . - Jetzt teilte sich die Gesellschaft in kleinere und größere Gruppen , lebhafte Gespräche begannen , es herrschte ein freier ungezwungener Ton , und doch fühlte man es , daß man sich im Zirkel des Hofes , in der Nähe des Fürsten befand , ohne daß dies Gefühl nur im mindesten gedrückt hätte . Kaum eine einzige Figur fand ich , die in das Bild des Hofes , wie ich ihn mir sonst dachte , gepaßt haben sollte . Der Hofmarschall war ein alter lebenslustiger , aufgeweckter Mann , die Kammerjunker muntre Jünglinge , die nicht im mindesten darnach aussahen , als führten sie Böses im Schilde . Die beiden Hofdamen schienen Schwestern , sie waren sehr jung und ebenso unbedeutend , zum Glück aber sehr anspruchslos geputzt . Vorzüglich war es ein kleiner Mann mit aufgestützter Nase und lebhaft funkelnden Augen , schwarz gekleidet , den langen Stahldegen an der Seite , der , indem er sich mit unglaublicher Schnelle durch die Gesellschaft wand und schlängelte und bald hier , bald dort war , nirgends weilend , keinem Rede stehend , hundert witzige , sarkastische Einfälle wie Feuerfunken umhersprühte , überall reges Leben entzündete . Es war des Fürsten Leibarzt . - Die alte Dame , mit der die Fürstin gesprochen , hatte unbemerkt mich so geschickt zu umkreisen gewußt , daß ich , ehe ich mir ' s versah , mit ihr allein im Fenster stand . Sie ließ sich alsbald in ein Gespräch mit mir ein , das , so schlau sie es anfing , bald den einzigen Zweck verriet , mich über meine Lebensverhältnisse auszufragen . - Ich war auf dergleichen vorbereitet , und überzeugt , daß die einfachste , anspruchloseste Erzählung in solchen Fällen die unschädlichste und gefahrloseste ist , schränkte ich mich darauf ein , ihr zu sagen , daß ich ehemals Theologie studiert , jetzt aber , nachdem ich den reichen Vater beerbt , aus Lust und Liebe reise . Meinen Geburtsort verlegte ich nach dem polnischen Preußen und gab ihm einen solchen barbarischen , Zähne und Zunge zerbrechenden Namen , der der alten Dame das Ohr verletzte und ihr jede Lust benahm , noch einmal zu fragen . » Ei , ei , « sagte die alte Dame , » Sie haben ein Gesicht , mein Herr , das hier gewisse traurige Erinnerungen wecken könnte , und sind vielleicht mehr als Sie scheinen wollen , da Ihr Anstand keinesweges auf einen Studenten der Theologie deutet . « Nachdem Erfrischungen gereicht worden , ging es in den Saal , wo der Pharotisch in Bereitschaft stand . Der Hofmarschall machte den Bankier , doch stand er , wie man mir sagte , mit dem Fürsten in der Art im Verein , daß er allen Gewinn behielt , der Fürst ihm aber jeden Verlust , insofern er den Fonds der Bank schwächte , ersetzte . Die Herren versammelten sich um den Tisch bis auf den Leibarzt , der durchaus niemals spielte , sondern bei den Damen blieb , die an dem Spiel keinen Anteil nahmen . Der Fürst rief mich zu sich , ich mußte neben ihm stehen , und er wählte meine Karten , nachdem er mir in kurzen Worten das Mechanische des Spiels erklärt . Dem Fürsten schlugen alle Karten um , und auch ich befand mich , so genau ich den Rat des Fürsten befolgte , fortwährend im Verlust , der bedeutend wurde , da ein Louisdor als niedrigster Point galt . Meine Kasse war ziemlich auf der Neige , und schon oft hatte ich gesonnen , wie es gehen würde , wenn die letzten Louisdors ausgegeben , um so mehr war mir das Spiel , welches mich auf einmal arm machen konnte , fatal . Eine neue Taille begann , und ich bat den Fürsten , mich nun ganz mir selbst zu überlassen , da es scheine , als wenn ich , als ein ausgemacht unglücklicher Spieler , ihn auch in Verlust brächte . Der Fürst meinte lächelnd , daß ich noch vielleicht meinen Verlust hätte einbringen können , wenn ich nach dem Rat des erfahrnen Spielers fortgefahren , indessen wolle er nun sehn , wie ich mich benehmen würde , da ich mir so viel zutraue . - Ich zog aus meinen Karten , ohne sie anzusehen , blindlings eine heraus , es war die Dame . - Wohl mag es lächerlich zu sagen sein , daß ich in diesem blassen leblosen Kartengesicht Aureliens Züge zu entdecken glaubte . Ich starrte das Blatt an , kaum konnte ich meine innere Bewegung verbergen ; der Zuruf des Bankiers , ob das Spiel gemacht sei , riß mich aus der Betäubung . Ohne mich zu besinnen , zog ich die letzten fünf Louisdors , die ich noch bei mir trug , aus der Tasche und setzte sie auf die Dame . Sie gewann , nun setzte ich immer fort und fort auf die Dame , und immer höher , sowie der Gewinn stieg . Jedesmal , wenn ich wieder die Dame setzte , riefen die Spieler : » Nein , es ist unmöglich , jetzt muß die Dame untreu werden « - und alle Karten der übrigen Spieler schlugen um . » Das ist mirakulos , das ist unerhört « , erscholl es von allen Seiten , indem ich still und in mich gekehrt , ganz mein Gemüt Aurelien zugewendet , kaum das Gold achtete , das mir der Bankier einmal übers andere zuschob . - Kurz , in den vier letzten Taillen hatte die Dame unausgesetzt gewonnen und ich die Taschen voll Gold . Es waren an zweitausend Louisdors , die mir das Glück durch die Dame zuzugeteilt , und unerachtet ich nun aller Verlegenheit enthoben , so konnte ich mich doch eines innern unheimlichen Gefühls nicht erwehren . - - Auf wunderbare Art fand ich einen geheimen Zusammenhang zwischen dem glücklichen Schuß aufs Geratewohl , der neulich die Hühner herabwarf , und zwischen meinem heutigen Glück . Es wurde mir klar , daß nicht ich , sondern die fremde Macht , die in mein Wesen getreten , alles das Ungewöhnliche bewirke und ich nur das willenlose Werkzeug sei , dessen sich jene Macht bediene zu mir unbekannten Zwecken . Die Erkenntnis dieses Zwiespalts , der mein Inneres feindselig trennte , gab mir aber Trost , indem sie mir das allmähliche Aufkeimen eigner Kraft , die , bald stärker und stärker werdend , dem Feinde widerstehen und ihn bekämpfen werde , verkündete . - Das ewige Abspiegeln von Aureliens Bild konnte nichts anderes sein , als ein verruchtes Verlocken zum bösen Beginnen , und eben dieser frevelige Mißbrauch des frommen lieben Bildes erfüllte mich mit Grausen und Abscheu . In der düstersten Stimmung schlich ich des Morgens durch den Park , als mir der Fürst , der um die Stunde auch zu lustwandeln pflegte , entgegentrat . » Nun , Herr Leonard , « rief er , » wie finden Sie mein Pharospiel ? - Was sagen Sie von der Laune des Zufalls , der Ihnen alles tolle Beginnen verzieh und das Gold zuwarf ? Sie hatten glücklicherweise die Karte Favorite getroffen , aber so blindlings dürfen Sie selbst der Karte Favorite nicht immer vertrauen . « - Er verbreitete sich weitläuftig über den Begriff der Karte Favorite , gab mir die wohlersonnensten Regeln , wie man dem Zufall in die Hand spielen müsse , und schloß mit der Äußerung , daß ich nun mein Glück im Spiel wohl eifrigst verfolgen werde . Ich versicherte dagegen freimütig , daß es mein fester Vorsatz sei , nie mehr eine Karte anzurühren . Der Fürst sah mich verwundert an . - » Eben mein gestriges wunderbares Glück « , fuhr ich fort , » hat diesen Entschluß erzeugt , denn alles das , was ich sonst von dem Gefährlichen , ja Verderblichen dieses Spiels gehört , ist dadurch bewährt worden . Es lag für mich etwas Entsetzliches darin , daß , indem