ihr aus den menschenleeren , unbewohnten Zimmern entge entrat , die man sorglich bis zu ihrer Rückkehr verschlossen hatte . Ihr war , als öffne sich ein Gefängniß , wie sich der Schlüssel drehte und die verhaltne Luft aus der geöffneten Thür drang . So jung und so früh beendet , dachte sie , und sah betrübt im nahen Spiegel die blühende Gestalt , die in aller Frische der Jugend Anforderungen an ein freudigeres Dasein machte . Fernandos Worte drangen aus dem Grunde ihres Herzens herauf , und schienen eine Entsagung zu verspotten , der Schmerz und Reue folgten . Wehmüthig gedachte sie der vorüberrauschenden Klänge der Cither . Hier war alles stumm und todt . Nur die trägen Schritte ihrer müßigen Diener unterbrachen die tiefe Stille um sie her . Wochenlang schleppte sie dies beengte , dumpfe , Leben mühsam mit sich fort , als ein schöner Herbsttag mit seinen sinkenden Nebeln und der hell hervorbrechenden Sonne sie unwillkürlich in ' s Freie lockte . Ein klarer Luftstrom zog erfrischend durch das gepreßte Herz . Sie blickte um sich . Jenseits des Sees rollten sich die Dünste wie fallende Schleier zusammen , und zeigten ihr ein schönes , sonst so oft besuchtes Birkenwäldchen , das heut mit seinem goldgelben herbstlichen Schmuck fast fremd wie ein unbekanntes Eiland vor ihr lag . Sie ging den See entlang und trat in eine Fähre , die , durch ein Seil regiert , in das Wäldchen führte . Von dem ruhigen Wasserspiegel getragen , ward ihr leichter ; die trübe Welt schien von ihr abgeschnitten , die kleinen kreisenden Wellen führten sie spielend in eine neue Heimath . So betrat sie das Ufer , und ging zwischen den Bäumen hin , der Landstraße zu , die hier vorüberführte . Ein lauer Wind trug vom nahen Dorfe einzelne Töne eines Kirchenliedes zu ihr her . Sie erinnerte sich , daß es Sonntag und die Gemeine um den frommen Greis versammelt sei . Eine Liebe , dachte sie , wehet durch diese Stimmen . O mein Gott , du bist so groß und gut , du sänftigst in einem Augenblick alle Schmerzen einer trüben , langen Woche ! laß deinen Frieden auch über mich kommen . Da raschelte etwas neben ihr in den welken Blättern . Ein Reisender wollte vorübergehen . Georg ! rief Luise , ihn erkennend , Georg ! wie finde ich Dich hier ? Der Alte stand alsobald mit einem Briefe vor ihr , und reichte ihr denselben , ohne ein Wort zu sagen . Schnell das Siegel erbrechend , las Luise Folgendes : » Liebe Luise ! Ich versprach Dir bei Deinem Hiersein , bald diese Gegend zu verlassen . Ich halte schneller Wort , als ich es damals glaubte . In wenig Stunden trete ich eine lange , weite , Reise an . Mir ist wohl und wehe , nun es so weit kommt . Ach wir werden uns wohl so bald nicht wiedersehn ! Lebe denn wohl , meine Luise ! Lebe wohl , mein höchstes Glück auf Erden . « Wie denn , Georg , sagte Luise , und er blieb zurück ? Der Alte senkte weinend die Augen zur Erde . Wollte er mich doch nicht mitnehmen , stammelte er leise . Ging er denn so weit von uns ? fragte Luise . Ach ja ! ach ja ! wimmerte Georg , weit hin ! - wohin ihn die zunehmende Krankheit zeither unablässig rief , in den Tod ! der hat ihn nun gefaßt ! O mein Gott ! seufzte Luise . Beide konnten lange nicht reden . Schweigend wankten sie neben einander an das Ufer hin , und traten in die Fähre , ohne recht zu wissen , was sie thaten . Ueber das Wasser hin klangen die Töne aus der Kirche immer vernehmlicher . Georg faltete andächtig die Hände , und während Luise im dumpfen Schmerz das schlaffe Seil des Fahrzeugs aufrollte , begleitete er die fernen Stimmen folgendermaßen : Noch schauen wir im dunklen Wort ; Noch reißt uns mancher Irrthum fort , Und unser wankender Verstand Hat abgewandt Von Gott , oft Gottes Rath verkannt . Zweites Buch Ein Band nach dem andren hatte sich jetzt von Luisens Herzen gelöst . Die ausgestorbne Welt lag wie ein öder Kirchhof um sie her , in dessen kaltem Grabeshauch sie wie eine einsame Blume traurig hin und her schwankte . Ohne Liebe , ohne Hoffnung barg das Leben nichts mehr von allem , was allein Leben giebt . Jedes Geheimniß der innersten Seele schien ausgesprochen , jede Frage beantwortet , alles an seinem Ziel zu sein . Was sie that und was sie dachte , kehrte beziehungslos in sie selbst zurück , und drängte das Bild ihres verwaisten Daseins immer peinigender vor sie hin . Dazu verscheuchte der hereinbrechende Winter noch die letzten Spuren lebendiger Regsamkeit . Ueberall , überall war nichts als der Tod . Die einsamen Abende , die ewig langen Nächte , wanden sich drückend an der beklommnen Luise hin , die alles , bis auf die Träume , floh . Als lege sich der schwarze Saum der Nacht auf ihre Brust , so sah sie den Tag sinken und versank mit in die gestaltlose Dunkelheit . Aber wie auch Wünsche und Erwartungen welken , so daß sie wie dürre Halme höhnend auf den entschwundnen Frühling hinweisen , so regt sich dennoch tief an ihrer Wurzel die ewige Sehnsucht , die erst leise , dann immer mächtiger sich dehnend , das Innre plötzlich mit solcher Gewalt erfaßt , daß sich ' s , auf ' s neue aus sich herausgedrängt , mit schmerzlichem Verlangen in die bunte Welt stürzt und das ungekannte Gut an sich reißen möchte . Luise konnte sich tausendmal sagen , es ist vorbei , es ist alles vorbei ! so ergriff sie dabei eine Angst und eine Ungeduld , die zerstörend mit der gänzlichen Trostlosigkeit und dem Druck ihrer Lage stritt . Unwillkührlich sann sie auf Rettung , maß und erwog , überflog augenblicklich die scharfgezognen Linien weiblicher Beschränktheit , träumte sich in ferne Länder , unter fremde Menschen , die ein helleres , freudigeres , Dasein an das ihre anknüpften und so eine neue Welt um sie her schufen . Nach Italien wandte sich am liebsten ihr Blick . Dort , dachte sie , wehen laue Lüfte , dort müssen die innren Schmerzen heilen und alle Sorgen vor dem ewig reinen Himmel fliehen . Aber auch hier schreckte sie Fernandos Bild wie eine Aegide zurück . Und dennoch säuselten die lauen Lüfte so schmeichelnd und lockten sie hinüber in wunderliche , verworrne Träume , in denen Wille und Verlangen seltsam kämpften . So in Widersprüchen verstrickt , fiel ihr Auge einst auf das elfenbeinerne Kästchen , welches Violas Bild und jene versiegelten Papiere enthielt . Luise öffnete es , als einzige Besitzerin von allem , was Julius zugehörte , und als Theilhaberin eines Geheimnisses , das hier nur näher bestätigt sein konnte . Wie sie die Haarflechte löste und die Blätter einzeln in ihre Hand fielen , zeigten ihr sogleich die ersten Worte , daß es Briefe der Markise an Viola waren , in welchen sie Fernandos nur zu oft gedachte . Mehrere durchlesend , fand sie einen , der sie mehr als alle andre ergriff , und folgendermaßen lautete : » Wie dauerst Du mich , arme Viola ! in Deinem strengen , farblosen Norden , wenn ich den reichen Schmuck und die Fülle und die Gluth unsrer blumigen Heimath betrachte ! Kenne ich doch den lieben , beweglichen Sinn , der Dich wohl abwärts trieb , weil man ihn binden wollte , einst aber kosend , wie unsre erfrischende Seelüfte , über den bunten Schmelz des Lebens hinzog . Armes Herz ! und Du sollst nun welken und vergehn unter den schweren Wolken eines fremden Himmels ! Ich schreibe Dir aus meiner Villa , von dem wohlbekannten , niedren Balkon , nach der Wasserseite . Ach Viola ! wie muß ich hier unsrer Jugend gedenken , und wie nun alles , alles so anders kam , als wir damals träumten ! Erinnerst Du Dich der stillen Nächte , wenn wir von hier , über den Golf hinaus , nach den fernen Küsten schauten , und Dein Gesang Dich , halb sehnsüchtig , halb in frohem Uebermuth , zu den ungekannten Ländern trug , und Du vermessen aus der Ferne Dein Liebesglück heraufbeschworst . Es nahete Dir , aber von einer andern Seite , als Dir es ahndete . Noch sehe ich , unter den Pinien dort , den schlanken , blondlockigen , Nordländer hervortreten , und sein Erscheinen sittig und schmeichelnd mit dem Zauber Deiner Töne entschuldigen , die ihn unwillkührlich angelockt . Lieber , unglücklicher Eduard ! wo irrst Du jetzt umher , jene Nächte verwünschend , wie Du sie einst segnetest ! Viola , das Myrtenreis ist nicht wieder gewachsen , was damals brach , als er sich zuerst zu dem Balkon aufschwang . Dein schöner Knabe tritt jetzt auf den halbtrocknen Stamm und arbeitet sich zu mir herauf , um mich zum Spielen zu zwingen . Er wendet sich unwillig ab , da er mich schreiben sieht , was er in den Tod haßt , geht nach dem Ufer , sich zu baden , und ich Thörin überwinde mich kaum , ihn gehn zu lassen . Du tadelst es , daß er uns alle beherrscht . Aber sieh nur den süßen Trotz in Aug ' und Mienen , das schmeichelnde und gebietende Lächeln ; Du widerständest auch nicht . Und laß es doch ! Wem die Natur das Herrscherstegel so aufgedrückt , der herrscht , wie man ihn auch demüthige . Vor so einem beugt sich die Welt , und wo ihm das Geschick entgegensteht , da zertritt oder überspringt er es , und wird dennoch nicht unglücklich . Du willst ihn also nicht sehn ? Er soll nie Curen deutschen Boden betreten ? Du selbst wagst Dich nicht in Dein Vaterland zurück ? Und dies alles um eines Traumes willen ? Wie bist Du so anders geworden . Wehet dieser Geist in Euren Wäldern ? Du quälst und arbeitest Dich ab , eine Zukunft zu berechnen , die Dir so furchtbar in ihrer Dunkelheit ist . Liebe Viola , der Wurf ist gethan , Du setzest ihm kein Ziel . Stelle und sträube Dich , umbaue und verbirg Dich , thue was Du willst , das Unvermeidliche ereilt Dich dennoch ! Und Zeit und Ordnung überfliegend , wagst Du , das tief verborgne Geheimniß zweier kindlichen Herzen auszusprechen ? Im Saamen bestimmst Du die Frucht ; vor der Entwicklung die Reife ? Viola , erinnre Dich , daß das Glück solche flieht , die es mit Gewalt erfassen wollen . Weißst Du , ob , was Du bindest , sich nicht ewig meiden wird ? Was soll Dein trübsehender , in Schmerz und Reue erzeugter Julius mit der reizenden kleinen Luise , die Dir , wie Du selbst sagst , so ähnlich ist , bei deren heitrem Lächeln Du Dein eignes freudigeres Dasein noch einmal aufgehn siebst . Laß den armen Knaben Deine Schuld allein abbüßen und schicke mir das muntre Kind , damit ihr an Fernandos Seite ein blühenderes Loos werde . Aber ich tadle Dich und möchte eben jetzt dem Schicksal vorgreifen ! Was kommen soll , wird geschehn ! Niemand weiß , wie er endet ! O könntest Du nur , wie ich , unsern holden Liebling sehn , wie er hier vor mir die schönen Glieder auf dem weißen Schnee der bläulichen Wellen wiegt , wie alles , Licht und Luft und die kleinen kreisenden Fluthen , mit ihm zu spielen scheint , und er dann von Zeit zu Zeit das Köpfchen hebt , die dunklen Locken schüttelt und unter den hohen Brauen zu mir hinsteht , als wolle er das ernstre Geschäft bannen und mich unwiderstehlich zu sich herabziehn . Armer Eduard ! Arme Viola ! « O vermeßne , höchst vermeßne Viola ! rief Luise , mit blutendem , gewaltsam bewegtem Herzen . Wie hast Du Dich an das Heiligste gewagt , und uns alle in Dein finstres Loos verstrickt ! So nahe also , so ganz nahe lag mir mein Glück , und nun - ! Ihr war , als hätten die Worte der Markise jene oft beweinten , immer noch lebendigen , Gefühle gerechtfertigt ; ja sie sah sich als die frühere Verlobte Fernandos an , dem man sie absichtlich , widerrechtlich entrissen habe . Von da an wich jede stillere Ergebung , alle Süßigkeit sanfter , auflösender Schmerzen aus ihrer Seele . Verzweifelnd sträubte sie sich gegen die Hand des Schicksals , die fremde Gewalten vernichtend auf sie gelegt . Jener einzige Blick in eine hellere Welt zog ihre Umgebungen so eng zusammen , daß sie oft schreiend aus der gepreßten Brust athmete . Einzig beruhigte es sie , sich augenblicklich in die von der Markise flüchtig angedeuteten Verhältnisse zu versetzen . Die bange Zeit zurückdrängend , ging sie , ein glückliches Kind , spielend an Fernandos Hand , dem weiten Meer entlang , das so lockend und sehnsüchtig aus der Ferne herübersah . Leicht bewimpelte Fahrzeuge segelten vorüber , auf ihnen , Männer in fremder Tracht , oder leicht verschleierte Frauen . Von der Landseite beugten sich hohe Orangen zu ihnen herüber ; Fernando wand sich behend den schlanken Stamm hinan und ließ die glühenden Früchte in ihren Schoos fallen . Zwischen hin erschien die Markise , eine milde weibliche Gestalt , an deren Herzen beide ohne Schmerz und ohne Störung heranwuchsen und vereint die erweiterten Kreise einer geahndeten , unaussprechlich reizenden Welt betraten . Wie anders ! rief sie dann , von der nackten , dürren Gegenwart aufgeschreckt , wie anders wär ' es so gekommen ! Und warum durft ' es nicht so sein ? - Sie konnte über die Frage nicht hinaus , und verhärtete und erbitterte ihr Gemüth gegen alles , was das Leben ihr noch Trostreiches geben konnte . So umgewandelt , schroff und herbe , sich gegen das unvermeidliche Verhängniß auflehnend , sank ihr Innres immer mehr zusammen , ohne daß ein lebendes Wesen , ein vertrauliches Wort es erfrischend berührte . Die leichtgeknüpften , frühern Verbindungen hatte Julius Tod meist gelöst , entferntere Bekannte schwiegen , verlegen , wie sie ihre Theilnahme äußern sollten , ohne der störenden Mißverhältnisse zu gedenken . Der alte Geistliche lag krank , schon seit Monaten mit eignen Leiden kämpfend . Luise hatte es immer verschoben , ihn zu besuchen , weil sie , wie so viele Unglückliche , von jedem Tage etwas Neues , Ungewöhnliches , erwartete und mit beruhigterm Gemüth an das stille Lager zu treten hoffte . Als aber alles blieb wie es war , und das Verlangen nach dem sanften Trost ihres alten Freundes sie einmal recht lebendig erfaßte , machte sie sich auf den Weg , und trat durch das sauber geschnitzte , von dunkler Vinca umrankte Gitter des Pfarrhofes , als folgende Worte einer weiblichen Stimme aus dem Hause herüberklangen : Weiß auf weißem Grund gewoben , Blumen , seid so bleich und fremd , Hab ' zum Brautschmuck euch erhoben , Webte ja kein Todtenhemd . Ach , ihr blasset , bunte Seiden , Von der kranken Hand berührt , Die im Spiel die eignen Leiden Mühsam so herauf geführt . Thau ' ge Perlen , senkt euch nieder Auf das luftige Gewand ; Schlingt euch um die Blumen wieder In ein helles Thränenband . Luise war indeß hineingegangen , und öffnete , da die Stimme schwieg , die Thür der Wohnstube , in deren Grunde ein schönes , bleiches Mädchen an einem Stickrahmen saß , und , überrascht durch ihr Erscheinen , von der Arbeit aufsah . Luise erkannte auf den ersten Blick eine frühere Gespielin , des Predigers Nichte , die vor mehrern Jahren sein Haus verlassen hatte , und jetzt , Luisen unbewußt , darin zurückgekehrt war . Willkommen , liebes Minchen ! rief sie , von allen lieben Erinnrungen der Kindheit durchbebt , wie finde ich Sie so unerwartet hier ? Sie kennen mich also dennoch wieder ? fragte jene wehmüthig lächelnd . Wie sollte ich nicht , fiel Luise schnell ein ; mir ist in diesem Augenblick , als sei noch alles wie sonst ! wenn ich so kam und Sie abholte , und wir die ersten Veilchen auf dem Kirchhofe suchten . Ich werde das nie vergessen ! Ich sehe noch die kleinen Kränze , die wir dann an die Linden über die Kirchmauer hingen , und uns freueten , wenn sie nach mehrern Tagen noch frisch und duftend im Winde spielten . Beide wandten sich unwillkührlich nach dem Fenster , der Mauer gegenüber . Die alte Linde streckte ihre nackten Zweige in den kalten Winter hinaus , weißer Reif überzog sie und hing in starken Tropfen herunter . Wie in einem Spiegel den trüben Wechsel ihres eignen Lebens erkennend , senkten Beide die Blicke zur Erde . Sie hatten eine Schwester , hub Luise endlich wieder an , ein schönes , frohes Kind . Sie ist recht freudig herangewachsen , entgegnete Wilhelmine , und feiert in Kurzem ihr Hochzeitfest . Ich sticke eben jetzt das Brautkleid . Also nicht das Ihre ? fragte Luise . Ein leises nein , o nein ! bebte auf Wilhelminens Lippen . Sie war zum Rahmen getreten , und rollte in großer Bewegung den feinen Mußelin auseinander , um Luisen die Arbeit zu zeigen . Die weißen , leicht hingeworfnen Blumen riefen dieser die trüben Worte des Liedes zurück . Es ist wohl recht mühsam ? fragte sie , ihre Erschütterung zu verbergen . Gar nicht , erwiederte Minchen , wieder gefaßt und freundlich . Ich kann nur bei Tage so wenig dabei bleiben ; ich muß dem Onkel fast immer vorlesen , wenn er nicht schläft , wie jetzt , daher arbeite ich meist des Nachts . Des Nachts ? fragte Luise , so feine Stickerei ? Warum nicht , entgegnete jene , dann ist alles so still und heimlich , Lottchen steht wie ein freundlicher Geist vor mir , ich sehe ihre hellen Blicke , und denke wie schön sie in dem Kleide sein wird , und alles geht leicht und gut . Der Alte rief aus dem Nebenzimmer . Wilhelmine eilte schnell zu ihm , kehrte indeß sogleich zurück , um Luisen zu dem guten Onkel zu führen , der herzlich nach ihr verlangte . Während das sorgsame Mädchen , theils um den Kranken , theils in häuslichen Verrichtungen , auswärts beschäftigt war , sagte Luise dem Prediger , wie es sie überrascht habe , die alte Jugendfreundin so unerwartet zu finden , und wie sie sich freue , die liebreiche Pflegerin bei ihm zu wissen . Das fromme Herz ! rief jener gerührt . Sie ringt so still mit dem großen Leid , das an ihr nagt , und überfliegt es oft , indem sie sich unaufhörlich in die thätigste Wirksamkeit für Andre verliert . Sie drückt der Schmerz nicht ; er hebt sie und zieht sie unwiderstehlich zu denen , die noch etwas vom Leben erwarten , und denen sie freudig ihr ganzes Dasein opfert , ja sie schilt sich , wenn ihr eigne Sorgen den Sinn verfinstern und sie nicht mit der ganzen , lebendigen Kraft ihre seelige Bestimmung verfolgt . Und das ist alles so lieb und natürlich und so klar empfunden . Ich wüßte nicht , fuhr er nach einer Weile mit erheitertem Blicke fort , ich wüßte nicht was ich auf Erden noch wünschen könnte , als in den Armen dieses Engels zu sterben . Wilhelmine trat hier , mit einem Blumentopf im Arm , herein , und ihn auf ein Tischchen neben dem Bette des Kranken setzend , sagte sie : die Veilchen hat mir Gärtners Riekchen so mühsam gezogen , und nun ist sie noch früher als die kleinen Blumen verblüht . Also doch gestorben ? fragte der Prediger ; Du hofftest gestern noch . Ja , sagte sie , die Augen waren so klar und sie kannte mich auch ; aber das war auch das letzte Aufblitzen des kleinen Lichtchens . Die beiden andern Kleinen bringen mir eben den Blumentopf , und bitten mich um ein Krönchen für die Schwester . Das liebe Kind ! Sie starb so fromm , und wußte recht eigen um ihren Tod und dachte an mich und an Albert , von dem ich ihr gesagt , daß er im Himmel auf uns warte ! Das liebe , liebe Kind ! Große Tropfen fielen aus Wilhelminens Augen . Sie wandte sich ab und ging still zur Thür , als der Onkel sie fragte , wo sie hin wolle . Zu den Kleinen , erwiederte sie , die warten auf mich , sie wollen die Krone mitnehmen ; ich muß sie nur winden , die arme Mutter verlangt es nach dem letzten Schmuck ihres Kindes . Wer ist Albert ? fragte Luise , als Minchen sie verlassen hatte . Ein junger Arzt , erwiederte der Alte , dem das arme Mädchen verlobt war . Ihre stillen Gemüther schlossen sich während einer langen Krankheit , aus der der milde Freund Wilhelminens Mutter rettete , fest aneinander . Derselbe Zug durch die Bedürftigkeit und Sorgen des Lebens hin den einzelnen Freuden nachzugehen und die arme Menschenbrust augenblicklich von dem großen Druck eines beengten Daseins zu erretten , führte sie zusammen , und machte ihre Verbindung zu der innerlichsten und heiligsten , als der Tod ihn wenig Tage vor der Hochzeit aus ihren Armen riß . Sie trug das herbe Geschick mit großer Kraft , und ist seitdem nur noch fester und innerlicher geworden , da sie nun nichts mehr auf dieser Welt für sich hofft . Aber in dem Maaße , wie sie sich in sich selbst abschließt , giebt sie sich Andren hin . Sie ermüdet nicht , jedem die Hand zu reichen , um ihn schnell durch die dunklen Gewinde irdischer Mühseligkeit durchzuhelfen , den klaren Blick dabei auf ein höheres Ziel richtend , dem sie still entgegengeht , wie sehr sie auch Schmerz und Sehnsucht oft beengen . Der Alte redete noch lange so fort und erfrischte sich an dem reinen Stral des milden Gestirns , das den Abend seines Lebens erhellte , als Luise durch den sinkenden Tag an ihre Rückkehr erinnert ward . Wie sie zu Wilhelminen kam , fand sie diese mit dem Kranze beschäftigt . Die beiden Kinder standen vor ihr und spielten mit der kleinen Fahne von Zittergold , worauf eben Riekchens Nahme eingeschnitten war . Luise sah den blaßgrünen Roßmarin in einander flechten , und drüber hin in den spitzen Blättern flockige Purpurseide , wie den letzten Stral des sinkenden Abendroths spielen . Ach Minchen ! rief sie bewegt , an ihre Brust sinkend , Todtenkronen und Brautkleider gehen durch Deine Hände , Du umwindest Dir selbst den Pfeil , den Du so immer tiefer in die wunde Brust drückst . Dies also , dachte sie im Gehen , ist nun aller Lohn und aller Genuß des Lebens ? Schmerzenslust ! Wonne unter blutigen Thränen ! Wer sieht euer doppeltes Antlitz und bebt nicht vor seinem eignen Loose zurück ! Ein lautes Geräusch weckte sie indeß aus ihren Betrachtungen . Sie sah einen stattlichen Reisewagen an sich vorüber in ihren Hof fahren . Halb erfreut , halb verlegen , beflügelte sie die Schritte und trat fast zugleich mit zwei Damen in das Haus , in denen sie nicht ohne Erstaunen Augusten und Emilien erkannte Die Erstere ging ihr etwas feierlich entgegen , und sagte mit gehaltnem Ton , wie die kurze Bekanntschaft keinesweges ein so unerwartetes Erscheinen rechtfertige wohl aber die innigste Theilnahme , die ein Band sei , welches über Zeit und Verhältnisse hinausreiche . Emilie hingegen sank ihr weinend in die Arme und versicherte ihr liebkosend , daß sie so oft an sie gedacht und sich so herzlich nach ihr gesehnt habe , daß sie dem Wunsche nicht widerstehen könne , sie bei ihrer Durchreise zu begrüßen . Die Herzlichkeit des anschmiegenden Mädchen that Luisen wohl , und milderte einigermaßen die Verwirrung , welche Augustens Gegenwart in ihr erregte . Diese hatte sich ihr vormals mehr abstoßend als liebreich gezeigt , und sie war daher um so mehr verlegen , sich jetzt in ihrer Nähe zu befinden . Allein Luisens veränderte Lage war es gerade , was sie in Augustens Augen hob , welche es für eine Art zu lösender Aufgabe ansah , der Gefallnen ihren Schutz angedeihen zu lassen und deshalb willig in Emiliens Vorschlag einging , hier einen Tag zu verweilen . Sie haben den Frühling um sich her gezaubert , sagte Auguste , im Hereintreten Luisens reichen Blumenflor beachtend . Sie thaten sicher wohl , denn die kleinen Zungen reden oft wahrer zu uns , als die schwankenden Menschenworte . Ja wohl ! rief Emilie , ich muß bei ihrem Anblick an Alles denken , was ich lieb habe . Luise seufzte , und ein welkes Blatt zerdrückend , sagte sie : der Tod spricht nur so unmittelbar aus ihnen , wie schnell zerstiebt die Farbenpracht zwischen unsern Fingern , und wir sehen wehmuthig dem blassen Staube nach ! Das höchste Entzücken , fiel Auguste ein , ist schmerzlich . Das liegt im Wechsel der Erscheinungen , den wir im flüchtigen Genuß vorempfinden , und über den hinaus wir das Ewige binden möchten . Aber dieser Wechsel , liebe Freundin , fuhr sie fast vertraulich fort , sollte dem wahrhaften Menschen eigentlich nichts anhaben . Wer die volle , gesammte Einheit in sich trägt , der könne , dünkt mich , dem Spiel der bunten Oberfläche ruhig zusehn . Er kennt die tief verborgne Bedeutung desselben und sieht in jedem Schmerz das Saamenkorn neuer Offenbarungen . Ich für mein Theil habe keinen Begriff von der Ewigkeit , der Trauer und jenem sehnsüchtigen Schmachten , das einen welken Schein über die ganze Schöpfung ausgießt , die Menschen in kränkliche Träume wiegt und sie in träger Hingebung mit Andacht und Frömmigkeit äfft , statt daß ein frischer Lebenshauch den Phönix aus der Asche erweckt . Wie schön Du redest , sagte Emilie , die während dem beifällig mit dem Kopf genickt und Luisen wiederholt ihr Entzücken mitgetheilt hatte . Es wundert mich nicht , daß Du den kalten Sir Arthur gewannest . Du könntest Steine beleben . Aber Sie wissen wohl nicht , liebe Luise , fuhr sie fort , daß unsre Freundin mit dem jungen Engländer verlobt ist , den Sie bei meinen Eltern sahen . Luise wußte es nicht , und erinnerte sich kaum ein flüchtiges Zeichen der Zuneigung zwischen Beiden bemerkt zu haben . Die arme Auguste , sagte Emilie weiter , hat sich jetzt auf mehrere Monate von dem Geliebten getrennt , der erst kommenden Herbst , und vielleicht noch später , aus seinem Vaterlande zurückkehrt . Ich begreife kaum , wie sie den Schmerz der Trennung so überwindet . Den Menschen , hub Auguste sinnend an , den wir einmal wahrhaft sahen , den sahen wir , den werden wir ewig sehen ! Zeit und Raum sind in dieser Hinsicht höchst untergeordnete Begriffe , die dem Wesen tief empfundner Liebe entgegenstehn . Emilie bewunderte auf ' s neue diese Stärke der Gesinnung , und sagte sehr naiv , daß sie den Geliebten entweder gar nicht aus ihren Armen gelassen , oder ihn gleich aufgegeben hätte , denn sie kenne sich und die Menschen , und wisse , daß über den ersten , entsetzlichen Schmerz der Trennung hinaus , die Welt gar zu lockend und lieblich auf die Herzen eindringe , die solch gegebnes Wort nur peinlich hin und her zerre . Von hier ging sie freudig zu den Verhältnissen zur Welt im Allgemeinen über , lobte das beweglichere Leben in den Städten , erzählte von ihrem nahen Aufenthalt in der Residenz , und schloß damit , Luisen dringend um ihre Begleitung dorthin zu bitten . Wider alles Vermuthen stimmte Auguste mit in diese Einladung , und bot ihr sehr gastlich einen schicklichen Aufenthalt in ihrem Hause an . Hierdurch wurden nothwendig Luisens frühere Verhältnisse berührt . Theilnahme erweckt Vertrauen . Das weibliche Herz erschließt sich um so leichter , je dringender ihm in manchen Augenblicken Mittheilung wird . Emiliens liebreiches Entgegenkommen rührte Luisen , und wenn ihr auch die Denksprüche und geformelten Phrasen der belesenen Auguste fremd blieben , so klangen sie doch gewichtig , und zwangen sie mit einer Art von Achtung zu der Rednerin aufzusehn , deren Urtheil sie ihre Unerfahrenheit unterwarf , und daher ohne Rückhalt zu Beiden sprach . So verging dieser Tag und ein folgender , ohne daß sich Luise gleichwohl über jenen gethanen Antrag bestimmte . Allein Emilie hörte nicht auf , sie mit Liebe und Bitten zu bestürmen , und sagte ihr endlich in einem Augenblick , in welchem sie Auguste verlassen hatte , daß sie ihrer Theilnahme in einer ziemlich mißlichen Lage bedürfe , daß Auguste ihr zu fern stehe , und nur ein Herz wie das ihre sie verstehn könne . Hierauf entdeckte sie ihr ohne Weiteres ihre Liebe für den jungen Maler , die seit ihrer frühesten Kindheit ihr Herz erfüllte . Zugleich aber auch , wie lange Trennungen dies Verhältniß unterbrochen und ihre gegenseitige Zuneigung oftmals abwärts gelenkt hätten , weshalb auch ihre Mutter lange keinen Verdacht gehegt , neuerlich aber durch ein unvorsichtig verwahrtes Billet hinter die Wahrheit gekommen sei , und , ohne einen großen Zorn blicken zu lassen , nur erklärt habe , daß , da sie das Geschehene nicht ungeschehen machen könne , sie allein den Anstand für die Zukunft retten und so schnell als möglich eine schickliche Partie für sie suchen werde . Diese Partie , setzte Emilie hinzu , ist nun gefunden , und da wir Beide von der Unmöglichkeit einer gesetzlichen Verbindung nur zu sehr überzeugt sind , und die Gründe dagegen