Bemerkung des jungen Künstlers muß ich aufzeichnen : » Wie am Handwerker so am bildenden Künstler kann man auf das deutlichste gewahr werden , daß der Mensch sich das am wenigsten zuzueignen vermag , was ihm ganz eigens angehört . Seine Werke verlassen ihn so wie die Vögel das Nest , worin sie ausgebrütet worden . « Der Baukünstler vor allen hat hierin das wunderlichste Schicksal . Wie oft wendet er seinen ganzen Geist , seine ganze Neigung auf , um Räume hervorzubringen , von denen er sich selbst ausschließen muß ! Die königlichen Säle sind ihm ihre Pracht schuldig , deren größte Wirkung er nicht mitgenießt . In den Tempeln zieht er eine Grenze zwischen sich und dem Allerheiligsten , er darf die Stufen nicht mehr betreten , die er zur herzerhebenden Feierlichkeit gründete , so wie der Goldschmied die Monstranz nur von fern anbetet , deren Schmelz und Edelsteine er zusammengeordnet hat . Dem Reichen übergibt der Baumeister mit dem Schlüssel des Palastes alle Bequemlichkeit und Behäbigkeit , ohne irgend etwas davon mitzugenießen . Muß sich nicht allgemach auf diese Weise die Kunst von dem Künstler entfernen , wenn das Werk wie ein ausgestattetes Kind nicht mehr auf den Vater zurückwirkt ? Und wie sehr mußte die Kunst sich selbst befördern , als sie fast allein mit dem Öffentlichen , mit dem , was allen und also auch dem Künstler gehörte , sich zu beschäftigen bestimmt war ! Eine Vorstellung der alten Völker ist ernst und kann furchtbar scheinen . Sie dachten sich ihre Vorfahren in großen Höhlen ringsumher auf Thronen sitzend in stummer Unterhaltung . Dem Neuen , der hereintrat , wenn er würdig genug war , standen sie auf und neigten ihm einen Willkommen . Gestern , als ich in der Kapelle saß und meinem geschnitzten Stuhle gegenüber noch mehrere umhergestellt sah , erschien mir jener Gedanke gar freundlich und anmutig . » Warum kannst du nicht sitzenbleiben ? « dachte ich bei mir selbst , » still und in dich gekehrt sitzenbleiben , lange , lange , bis endlich die Freunde kämen , denen du aufstündest und ihren Platz mit freundlichem Neigen anwiesest . « Die farbigen Scheiben machen den Tag zur ernsten Dämmerung , und jemand müßte eine ewige Lampe stiften , damit auch die Nacht nicht ganz finster bliebe . Man mag sich stellen , wie man will , und man denkt sich immer sehend . Ich glaube , der Mensch träumt nur , damit er nicht aufhöre zu sehen . Es könnte wohl sein , daß das innere Licht einmal aus uns herausträte , so daß wir keines andern mehr bedürften . Das Jahr klingt ab . Der Wind geht über die Stoppeln und findet nichts mehr zu bewegen ; nur die roten Beeren jener schlanken Bäume scheinen uns noch an etwas Munteres erinnern zu wollen , so wie uns der Taktschlag des Dreschers den Gedanken erweckt , daß in der abgesichelten Ähre soviel Nährendes und Lebendiges verborgen liegt . Viertes Kapitel Wie seltsam mußte nach solchen Ereignissen , nach diesem aufgedrungenen Gefühl von Vergänglichkeit und Hinschwinden Ottilie durch die Nachricht getroffen werden , die ihr nicht länger verborgen bleiben konnte , daß Eduard sich dem wechselnden Kriegsglück überliefert habe . Es entging ihr leider keine von den Betrachtungen , die sie dabei zu machen Ursache hatte . Glücklicherweise kann der Mensch nur einen gewissen Grad des Unglücks fassen ; was darüber hinausgeht , vernichtet ihn oder läßt ihn gleichgültig . Es gibt Lagen , in denen Furcht und Hoffnung eins werden , sich einander wechselseitig aufheben und in eine dunkle Fühllosigkeit verlieren . Wie könnten wir sonst die entfernten Geliebtesten in stündlicher Gefahr wissen und dennoch unser tägliches , gewöhnliches Leben immer so forttreiben . Es war daher , als wenn ein guter Geist für Ottilien gesorgt hätte , indem er auf einmal in diese Stille , in der sie einsam und unbeschäftigt zu versinken schien , ein wildes Heer hereinbrachte , das , indem es ihr von außen genug zu schaffen gab und sie aus sich selbst führte , zugleich in ihr das Gefühl eigener Kraft anregte . Charlottens Tochter , Luciane , war kaum aus der Pension in die große Welt getreten , hatte kaum in dem Hause ihrer Tante sich von zahlreicher Gesellschaft umgeben gesehen , als ihr Gefallenwollen wirklich Gefallen erregte und ein junger , sehr reicher Mann gar bald eine heftige Neigung empfand , sie zu besitzen . Sein ansehnliches Vermögen gab ihm ein Recht , das Beste jeder Art sein eigen zu nennen , und es schien ihm nichts weiter abzugehen als eine vollkommene Frau , um die ihn die Welt so wie um das übrige zu beneiden hätte . Diese Familienangelegenheit war es , welche Charlotten bisher sehr viel zu tun gab , der sie ihre ganze Überlegung , ihre Korrespondenz widmete , insofern diese nicht darauf gerichtet war , von Eduard nähere Nachricht zu erhalten ; deswegen auch Ottilie mehr als sonst in der letzten Zeit allein blieb . Diese wußte zwar um die Ankunft Lucianens ; im Hause hatte sie deshalb die nötigsten Vorkehrungen getroffen ; allein so nahe stellte man sich den Besuch nicht vor . Man wollte vorher noch schreiben , abreden , näher bestimmen , als der Sturm auf einmal über das Schloß und Ottilien hereinbrach . Angefahren kamen nun Kammerjungfern und Bediente , Brancards mit Koffern und Kisten ; man glaubte schon eine doppelte und dreifache Herrschaft im Hause zu haben ; aber nun erschienen erst die Gäste selbst : die Großtante mit Lucianen und einigen Freundinnen , der Bräutigam gleichfalls nicht unbegleitet . Da lag das Vorhaus voll Vachen , Mantelsäcke und anderer lederner Gehäuse . Mit Mühe sonderte man die vielen Kästchen und Futterale auseinander . Des Gepäckes und Geschleppes war kein Ende . Dazwischen regnete es mit Gewalt , woraus manche Unbequemlichkeit entstand . Diesem ungestümen Treiben begegnete Ottilie mit gleichmütiger Tätigkeit , ja ihr heiteres Geschick erschien im schönsten Glanze ; denn sie hatte in kurzer Zeit alles untergebracht und angeordnet . Jedermann war logiert , jedermann nach seiner Art bequem , und glaubte gut bedient zu sein , weil er nicht gehindert war , sich selbst zu bedienen . Nun hätten alle gern , nach einer höchst beschwerlichen Reise , einige Ruhe genossen ; der Bräutigam hätte sich seiner Schwiegermutter gern genähert , um ihr seine Liebe , seinen guten Willen zu beteuern ; aber Luciane konnte nicht rasten . Sie war nun einmal zu dem Glücke gelangt , ein Pferd besteigen zu dürfen . Der Bräutigam hatte schöne Pferde , und sogleich mußte man aufsitzen . Wetter und Wind , Regen und Sturm kamen nicht in Anschlag ; es war , als wenn man nur lebte , um naß zu werden und sich wieder zu trocknen . Fiel es ihr ein , zu Fuße auszugehen , so fragte sie nicht , was für Kleider sie anhatte und wie sie beschuht war : sie mußte die Anlagen besichtigen , von denen sie vieles gehört hatte . Was nicht zu Pferde geschehen konnte , wurde zu Fuß durchrannt . Bald hatte sie alles gesehen und abgeurteilt . Bei der Schnelligkeit ihres Wesens war ihr nicht leicht zu widersprechen . Die Gesellschaft hatte manches zu leiden , am meisten aber die Kammermädchen , die mit Waschen und Bügeln , Auftrennen und Annähen nicht fertig werden konnten . Kaum hatte sie das Haus und die Gegend erschöpft , als sie sich verpflichtet fühlte , rings in der Nachbarschaft Besuch abzulegen . Weil man sehr schnell ritt und fuhr , so reichte die Nachbarschaft ziemlich fern umher . Das Schloß ward mit Gegenbesuchen überschwemmt , und damit man sich ja nicht verfehlen möchte , wurden bald bestimmte Tage angesetzt . Indessen Charlotte mit der Tante und dem Geschäftsträger des Bräutigams die innern Verhältnisse festzustellen bemüht war und Ottilie mit ihren Untergebenen dafür zu sorgen wußte , daß es an nichts bei so großem Zugang fehlen möchte , da denn Jäger und Gärtner , Fischer und Krämer in Bewegung gesetzt wurden , zeigte sich Luciane immer wie ein brennender Kometenkern , der einen langen Schweif nach sich zieht . Die gewöhnlichen Besuchsunterhaltungen dünkten ihr bald ganz unschmackhaft . Kaum daß sie den ältesten Personen eine Ruhe am Spieltisch gönnte : wer noch einigermaßen beweglich war - und wer ließ sich nicht durch ihre reizenden Zudringlichkeiten in Bewegung setzen ? - , mußte herbei , wo nicht zum Tanze , doch zum lebhaften Pfand- , Straf- und Vexierspiel . Und obgleich das alles , so wie hernach die Pfänderlösung , auf sie selbst berechnet war , so ging doch von der andern Seite niemand , besonders kein Mann , er mochte von einer Art sein , von welcher er wollte , ganz leer aus ; ja es glückte ihr , einige ältere Personen von Bedeutung ganz für sich zu gewinnen , indem sie ihre eben einfallenden Geburts- und Namenstage ausgeforscht hatte und besonders feierte . Dabei kam ihr ein ganz eignes Geschick zustatten , so daß , indem alle sich begünstigt sahen , jeder sich für den am meisten Begünstigten hielt : eine Schwachheit , deren sich sogar der Älteste in der Gesellschaft am allermerklichsten schuldig machte . Schien es bei ihr Plan zu sein , Männer , die etwas vorstellten , Rang , Ansehen , Ruhm oder sonst etwas Bedeutendes für sich hatten , für sich zu gewinnen , Weisheit und Besonnenheit zuschanden zu machen und ihrem wilden , wunderlichen Wesen selbst bei der Bedächtlichkeit Gunst zu erwerben , so kam die Jugend doch dabei nicht zu kurz ; jeder hatte sein Teil , seinen Tag , seine Stunde , in der sie ihn zu entzücken und zu fesseln wußte . So hatte sie den Architekten schon bald ins Auge gefaßt , der jedoch aus seinem schwarzen , langlockigen Haar so unbefangen heraussah , so gerad und ruhig in der Entfernung stand , auf alle Fragen kurz und verständig antwortete , sich aber auf nichts weiter einzulassen geneigt schien , daß sie sich endlich einmal , halb unwillig halb listig , entschloß , ihn zum Helden des Tages zu machen und dadurch auch für ihren Hof zu gewinnen . Nicht umsonst hatte sie so vieles Gepäcke mitgebracht , ja es war ihr noch manches gefolgt . Sie hatte sich auf eine unendliche Abwechselung in Kleidern vorgesehen . Wenn es ihr Vergnügen machte , sich des Tages drei - , viermal umzuziehen und mit gewöhnlichen , in der Gesellschaft üblichen Kleidern vom Morgen bis in die Nacht zu wechseln , so erschien sie dazwischen wohl auch einmal im wirklichen Maskenkleid , als Bäuerin und Fischerin , als Fee und Blumenmädchen . Sie verschmähte nicht , sich als alte Frau zu verkleiden , um desto frischer ihr junges Gesicht aus der Kutte hervorzuzeigen ; und wirklich verwirrte sie dadurch das Gegenwärtige und das Eingebildete dergestalt , daß man sich mit der Saalnixe verwandt und verschwägert zu sein glaubte . Wozu sie aber diese Verkleidungen hauptsächlich benutzte , waren pantomimische Stellungen und Tänze , in denen sie verschiedene Charaktere auszudrücken gewandt war . Ein Kavalier aus ihrem Gefolge hatte sich eingerichtet , auf dem Flügel ihre Gebärden mit der wenigen nötigen Musik zu begleiten ; es bedurfte nur einer kurzen Abrede , und sie waren sogleich in Einstimmung . Eines Tages , als man sie bei der Pause eines lebhaften Balls auf ihren eigenen heimlichen Antrieb gleichsam aus dem Stegereife zu einer solchen Darstellung aufgefordert hatte , schien sie verlegen und überrascht und ließ sich wider ihre Gewohnheit lange bitten . Sie zeigte sich unentschlossen , ließ die Wahl , bat wie ein Improvisator um einen Gegenstand , bis endlich jener Klavier spielende Gehülfe , mit dem es abgeredet sein mochte , sich an den Flügel setzte , einen Trauermarsch zu spielen anfing und sie aufforderte , jene Artemisia zu geben , welche sie so vortrefflich einstudiert habe . Sie ließ sich erbitten , und nach einer kurzen Abwesenheit erschien sie , bei den zärtlich traurigen Tönen des Totenmarsches , in Gestalt der königlichen Witwe , mit gemessenem Schritt , einen Aschenkrug vor sich hertragend . Hinter ihr brachte man eine große schwarze Tafel und in einer goldenen Reißfeder ein wohlzugeschnitztes Stück Kreide . Einer ihrer Verehrer und Adjutanten , dem sie etwas ins Ohr sagte , ging sogleich den Architekten aufzufordern , zu nötigen und gewissermaßen herbeizuschieben , daß er als Baumeister das Grab des Mausolus zeichnen und also keineswegs einen Statisten , sondern einen ernstlich Mitspielenden vorstellen sollte . Wie verlegen der Architekt auch äußerlich erschien - denn er machte in seiner ganz schwarzen , knappen , modernen Zivilgestalt einen wunderlichen Kontrast mit jenen Flören , Kreppen , Fransen , Schmelzen , Quasten und Kronen - , so faßte er sich doch gleich innerlich , allein um so wunderlicher war es anzusehen . Mit dem größten Ernst stellte er sich vor die große Tafel , die von ein paar Pagen gehalten wurde , und zeichnete mit viel Bedacht und Genauigkeit ein Grabmal , das zwar eher einem longobardischen als einem karischen König wäre gemäß gewesen , aber doch in so schönen Verhältnissen , so ernst in seinen Teilen , so geistreich in seinen Zieraten , daß man es mit Vergnügen entstehen sah und , als es fertig war , bewunderte . Er hatte sich in diesem ganzen Zeitraum fast nicht gegen die Königin gewendet , sondern seinem Geschäft alle Aufmerksamkeit gewidmet . Endlich , als er sich vor ihr neigte und andeutete , daß er nun ihre Befehle vollzogen zu haben glaube , hielt sie ihm noch die Urne hin und bezeichnete das Verlangen , diese oben auf dem Gipfel abgebildet zu sehen . Er tat es , obgleich ungern , weil sie zu dem Charakter seines übrigen Entwurfs nicht passen wollte . Was Lucianen betraf , so war sie endlich von ihrer Ungeduld erlöst ; denn ihre Absicht war keineswegs , eine gewissenhafte Zeichnung von ihm zu haben . Hätte er mit wenigen Strichen nur hinskizziert , was etwa einem Monument ähnlich gesehen , und sich die übrige Zeit mit ihr abgegeben , so wäre das wohl dem Endzweck und ihren Wünschen gemäßer gewesen . Bei seinem Benehmen dagegen kam sie in die größte Verlegenheit ; denn ob sie gleich in ihrem Schmerz , ihren Anordnungen und Andeutungen , ihrem Beifall über das nach und nach Entstehende ziemlich abzuwechseln suchte und sie ihn einigemal beinahe herumzerrte , um nur mit ihm in eine Art von Verhältnis zu kommen , so erwies er sich doch gar zu steif , dergestalt daß sie allzuoft ihre Zuflucht zur Urne nehmen , sie an ihr Herz drücken und zum Himmel schauen mußte , ja zuletzt , weil sich doch dergleichen Situationen immer steigern , mehr einer Witwe von Ephesus als einer Königin von Karien ähnlich sah . Die Vorstellung zog sich daher in die Länge ; der Klavierspieler , der sonst Geduld genug hatte , wußte nicht mehr , in welchen Ton er ausweichen sollte . Er dankte Gott , als er die Urne auf der Pyramide stehn sah , und fiel unwillkürlich , als die Königin ihren Dank ausdrücken wollte , in ein lustiges Thema , wodurch die Vorstellung zwar ihren Charakter verlor , die Gesellschaft jedoch völlig aufgeheitert wurde , die sich denn sogleich teilte , der Dame für ihren vortrefflichen Ausdruck und dem Architekten für seine künstliche und zierliche Zeichnung eine freudige Bewunderung zu beweisen . Besonders der Bräutigam unterhielt sich mit dem Architekten . » Es tut mir leid , « sagte jener , » daß die Zeichnung so vergänglich ist . Sie erlauben wenigstens , daß ich sie mir auf mein Zimmer bringen lasse und mich mit Ihnen darüber unterhalte . « - » Wenn es Ihnen Vergnügen macht , « sagte der Architekt , » so kann ich Ihnen sorgfältige Zeichnungen von dergleichen Gebäuden und Monumenten vorlegen , wovon dieses nur ein zufälliger , flüchtiger Entwurf ist . « Ottilie stand nicht fern und trat zu den beiden . » Versäumen Sie nicht , « sagte sie zum Architekten , » den Herrn Baron gelegentlich Ihre Sammlung sehen zu lassen ; er ist ein Freund der Kunst und des Altertums ; ich wünsche , daß Sie sich näher kennenlernen . « Luciane kam herbeigefahren und fragte : » Wovon ist die Rede ? « » Von einer Sammlung Kunstwerke , « antwortete der Baron , » welche dieser Herr besitzt und die er uns gelegentlich zeigen will . « » Er mag sie nur gleich bringen ! « rief Luciane . » Nicht wahr , Sie bringen sie gleich ? « setzte sie schmeichelnd hinzu , indem sie ihn mit beiden Händen freundlich anfaßte . » Es möchte jetzt der Zeitpunkt nicht sein , « versetzte der Architekt . » Was ! « rief Luciane gebieterisch , » Sie wollen dem Befehl Ihrer Königin nicht gehorchen ? « Dann legte sie sich auf ein neckisches Bitten . » Sein Sie nicht eigensinnig ! « sagte Ottilie halb leise . Der Architekt entfernte sich mit einer Beugung ; sie war weder bejahend noch verneinend . Kaum war er fort , als Luciane sich mit einem Windspiel im Saale herumjagte . » Ach ! « rief sie aus , indem sie zufällig an ihre Mutter stieß , » wie bin ich nicht unglücklich ! Ich habe meinen Affen nicht mitgenommen ; man hat es mir abgeraten ; es ist aber nur die Bequemlichkeit meiner Leute , die mich um dieses Vergnügen bringt . Ich will ihn aber nachkommen lassen , es soll mir jemand hin , ihn zu holen . Wenn ich nur sein Bildnis sehen könnte , so wäre ich schon vergnügt . Ich will ihn aber gewiß auch malen lassen , und er soll mir nicht von der Seite kommen . « » Vielleicht kann ich dich trösten , « versetzte Charlotte , » wenn ich dir aus der Bibliothek einen ganzen Band der wunderlichsten Affenbilder kommen lasse . « Luciane schrie vor Freuden laut auf , und der Folioband wurde gebracht . Der Anblick dieser menschenähnlichen und durch den Künstler noch mehr vermenschlichten abscheulichen Geschöpfe machte Lucianen die größte Freude . Ganz glücklich aber fühlte sie sich , bei einem jeden dieser Tiere die Ähnlichkeit mit bekannten Menschen zu finden . » Sieht der nicht aus wie der Onkel ? « rief sie unbarmherzig , » der wie der Galanteriehändler M- , der wie der Pfarrer S- , und dieser ist der Dings- , der - leibhaftig . Im Grunde sind doch die Affen die eigentlichen Incroyables , und es ist unbegreiflich , wie man sie aus der besten Gesellschaft ausschließen mag . « Sie sagte das in der besten Gesellschaft , doch niemand nahm es ihr übel . Man war so gewohnt , ihrer Anmut vieles zu erlauben , daß man zuletzt ihrer Unart alles erlaubte . Ottilie unterhielt sich indessen mit dem Bräutigam . Sie hoffte auf die Rückkunft des Architekten , dessen ernstere , geschmackvollere Sammlungen die Gesellschaft von diesem Affenwesen befreien sollten . In dieser Erwartung hatte sie sich mit dem Baron besprochen und ihn auf manches aufmerksam gemacht . Allein der Architekt blieb aus , und als er endlich wiederkam , verlor er sich unter der Gesellschaft , ohne etwas mitzubringen und ohne zu tun , als ob von etwas die Frage gewesen wäre . Ottilie ward einen Augenblick - wie soll mans nennen ? - verdrießlich , ungehalten , betroffen ; sie hatte ein gutes Wort an ihn gewendet , sie gönnte dem Bräutigam eine vergnügte Stunde nach seinem Sinne , der bei seiner unendlichen Liebe für Lucianen doch von ihrem Betragen zu leiden schien . Die Affen mußten einer Kollation Platz machen . Gesellige Spiele , ja sogar noch Tänze , zuletzt ein freudeloses Herumsitzen und Wiederaufjagen einer schon gesunkenen Lust dauerten diesmal , wie sonst auch , weit über Mitternacht . Denn schon hatte sich Luciane gewöhnt , morgens nicht aus dem Bette und abends nicht ins Bette gelangen zu können . Um diese Zeit finden sich in Ottiliens Tagebuch Ereignisse seltner angemerkt , dagegen häufiger auf das Leben bezügliche und vom Leben abgezogene Maximen und Sentenzen . Weil aber die meisten derselben wohl nicht durch ihre eigene Reflexion entstanden sein können , so ist es wahrscheinlich , daß man ihr irgendeinen Heft mitgeteilt , aus dem sie sich , was ihr gemütlich war , ausgeschrieben . Manches Eigene von innigerem Bezug wird an dem roten Faden wohl zu erkennen sein . Aus Ottiliens Tagebuche Wir blicken so gern in die Zukunft , weil wir das Ungefähre , was sich in ihr hin und her bewegt , durch stille Wünsche so gern zu unsern Gunsten heranleiten möchten . Wir befinden uns nicht leicht in großer Gesellschaft , ohne zu denken , der Zufall , der so viele zusammenbringt , solle uns auch unsre Freunde herbeiführen . Man mag noch so eingezogen leben , so wird man , ehe man sichs versieht , ein Schuldner oder ein Gläubiger . Begegnet uns jemand , der uns Dank schuldig ist , gleich fällt es uns ein . Wie oft können wir jemand begegnen , dem wir Dank schuldig sind , ohne daran zu denken ! Sich mitzuteilen ist Natur ; Mitgeteiltes aufzunehmen , wie es gegeben wird , ist Bildung . Niemand würde viel in Gesellschaften sprechen , wenn er sich bewußt wäre , wie oft er die andern mißversteht . Man verändert fremde Reden beim Wiederholen wohl nur darum so sehr , weil man sie nicht verstanden hat . Wer vor andern lange allein spricht , ohne den Zuhörern zu schmeicheln , erregt Widerwillen . Jedes ausgesprochene Wort erregt den Gegensinn . Widerspruch und Schmeichelei machen beide ein schlechtes Gespräch . Die angenehmsten Gesellschaften sind die , in welchen eine heitere Ehrerbietung der Glieder gegeneinander obwaltet . Durch nichts bezeichnen die Menschen mehr ihren Charakter als durch das , was sie lächerlich finden . Das Lächerliche entspringt aus einem sittlichen Kontrast , der auf eine unschädliche Weise für die Sinne in Verbindung gebracht wird . Der sinnliche Mensch lacht oft , wo nichts zu lachen ist . Was ihn auch anregt , sein inneres Behagen kommt zum Vorschein . Der Verständige findet fast alles lächerlich , der Vernünftige fast nichts . Einem bejahrten Manne verdachte man , daß er sich noch um junge Frauenzimmer bemühte . » Es ist das einzige Mittel , « versetzte er , » sich zu verjüngen , und das will doch jedermann . « Man läßt sich seine Mängel vorhalten , man läßt sich strafen , man leidet manches um ihrer willen mit Geduld ; aber ungeduldig wird man , wenn man sie ablegen soll . Gewisse Mängel sind notwendig zum Dasein des einzelnen . Es würde uns unangenehm sein , wenn alte Freunde gewisse Eigenheiten ablegten . Man sagt : » Er stirbt bald « , wenn einer etwas gegen seine Art und Weise tut . Was für Mängel dürfen wir behalten , ja an uns kultivieren ? Solche , die den andern eher schmeicheln als sie verletzen . Die Leidenschaften sind Mängel oder Tugenden , nur gesteigerte . Unsre Leidenschaften sind wahre Phönixe . Wie der alte verbrennt , steigt der neue sogleich wieder aus der Asche hervor . Große Leidenschaften sind Krankheiten ohne Hoffnung . Was sie heilen könnte , macht sie erst recht gefährlich . Die Leidenschaft erhöht und mildert sich durchs Bekennen . In nichts wäre die Mittelstraße vielleicht wünschenswerter als im Vertrauen und Verschweigen gegen die , die wir lieben . Fünftes Kapitel So peitschte Luciane den Lebensrausch im geselligen Strudel immer vor sich her . Ihr Hofstaat vermehrte sich täglich , teils weil ihr Treiben so manchen erregte und anzog , teils weil sie sich andre durch Gefälligkeit und Wohltun zu verbinden wußte . Mitteilend war sie im höchsten Grade ; denn da ihr durch die Neigung der Tante und des Bräutigams soviel Schönes und Köstliches auf einmal zugeflossen war , so schien sie nichts Eigenes zu besitzen und den Wert der Dinge nicht zu kennen , die sich um sie gehäuft hatten . So zauderte sie nicht einen Augenblick , einen kostbaren Schal abzunehmen und ihn einem Frauenzimmer umzuhängen , das ihr gegen die übrigen zu ärmlich gekleidet schien , und sie tat das auf eine so neckische , geschickte Weise , daß niemand eine solche Gabe ablehnen konnte . Einer von ihrem Hofstaat hatte stets eine Börse und den Auftrag , in den Orten , wo sie einkehrten , sich nach den Ältesten und Kränksten zu erkundigen und ihren Zustand wenigstens für den Augenblick zu erleichtern . Dadurch entstand ihr in der ganzen Gegend ein Name von Vortrefflichkeit , der ihr doch auch manchmal unbequem ward , weil er allzuviel lästige Notleidende an sie heranzog . Durch nichts aber vermehrte sie so sehr ihren Ruf als durch ein auffallendes , gutes , beharrliches Benehmen gegen einen unglücklichen jungen Mann , der die Gesellschaft floh , weil er , übrigens schön und wohlgebildet , seine rechte Hand , obgleich rühmlich , in der Schlacht verloren hatte . Diese Verstümmlung erregte ihm einen solchen Mißmut , es war ihm so verdrießlich , daß jede neue Bekanntschaft sich auch immer mit seinem Unfall bekannt machen sollte , daß er sich lieber versteckte , sich dem Lesen und andern Studien ergab und ein für allemal mit der Gesellschaft nichts wollte zu schaffen haben . Das Dasein dieses jungen Mannes blieb ihr nicht verborgen . Er mußte herbei , erst in kleiner Gesellschaft , dann in größerer , dann in der größten . Sie benahm sich anmutiger gegen ihn als gegen irgendeinen andern ; besonders wußte sie durch zudringliche Dienstfertigkeit ihm seinen Verlust wert zu machen , indem sie geschäftig war , ihn zu ersetzen . Bei Tafel mußte er neben ihr seinen Platz nehmen ; sie schnitt ihm vor , so daß er nur die Gabel gebrauchen durfte . Nahmen Ältere , Vornehmere ihm ihre Nachbarschaft weg , so erstreckte sie ihre Aufmerksamkeit über die ganze Tafel hin , und die eilenden Bedienten mußten das ersetzen , was ihm die Entfernung zu rauben drohte . Zuletzt munterte sie ihn auf , mit der linken Hand zu schreiben ; er mußte alle seine Versuche an sie richten , und so stand sie , entfernt oder nah , immer mit ihm in Verhältnis . Der junge Mann wußte nicht , wie ihm geworden war , und wirklich fing er von diesem Augenblick ein neues Leben an . Vielleicht sollte man denken , ein solches Betragen wäre dem Bräutigam mißfällig gewesen ; allein es fand sich das Gegenteil . Er rechnete ihr diese Bemühungen zu großem Verdienst an und war um so mehr darüber ganz ruhig , als er ihre fast übertriebenen Eigenheiten kannte , wodurch sie alles , was im mindesten verfänglich schien , von sich abzulehnen wußte . Sie wollte mit jedermann nach Belieben umspringen , jeder war in Gefahr , von ihr einmal angestoßen , gezerrt oder sonst geneckt zu werden ; niemand aber durfte sich gegen sie ein Gleiches erlauben , niemand sie nach Willkür berühren , niemand auch nur im entferntesten Sinne eine Freiheit , die sie sich nahm , erwidern ; und so hielt sie die andern in den strengsten Grenzen der Sittlichkeit gegen sich , die sie gegen andere jeden Augenblick zu übertreten schien . Überhaupt hätte man glauben können , es sei bei ihr Maxime gewesen , sich dem Lobe und dem Tadel , der Neigung und der Abneigung gleichmäßig auszusetzen . Denn wenn sie die Menschen auf mancherlei Weise für sich zu gewinnen suchte , so verdarb sie es wieder mit ihnen gewöhnlich durch eine böse Zunge , die niemanden schonte . So wurde kein Besuch in der Nachbarschaft abgelegt , nirgends sie und ihre Gesellschaft in Schlössern und Wohnungen freundlich aufgenommen , ohne daß sie bei der Rückkehr auf das ausgelassenste merken ließ , wie sie alle menschlichen Verhältnisse nur von der lächerlichen Seite zu nehmen geneigt sei . Da waren drei Brüder , welche unter lauter Komplimenten , wer zuerst heiraten sollte , das Alter übereilt hatte ; hier eine kleine , junge Frau mit einem großen , alten Manne ; dort umgekehrt ein kleiner , munterer Mann und eine unbehülfliche Riesin . In dem einen Hause stolperte man bei jedem Schritt über ein Kind ; das andre wollte ihr bei der größten Gesellschaft nicht voll erscheinen , weil keine Kinder gegenwärtig waren . Alte Gatten sollten sich nur schnell begraben lassen , damit doch wieder einmal jemand im Hause zum Lachen käme , da ihnen keine Noterben gegeben waren . Junge Eheleute sollten reisen , weil das Haushalten sie gar nicht kleide . Und wie mit den Personen , so machte sie es auch mit den Sachen , mit den Gebäuden wie mit dem Haus- und Tischgeräte . Besonders alle Wandverzierungen reizten sie zu lustigen Bemerkungen . Von dem ältesten Hautelisseteppich bis zu der neusten Papiertapete , vom ehrwürdigsten Familienbilde bis zum frivolsten neuen Kupferstich , eins wie das andre mußte leiden , eins wie das andre wurde durch ihre spöttischen Bemerkungen gleichsam aufgezehrt , so daß man sich hätte verwundern sollen , wie fünf Meilen umher irgend etwas nur noch existierte . Eigentliche Bosheit war vielleicht nicht in diesem verneinenden Bestreben ; ein selbstischer Mutwille mochte sie gewöhnlich anreizen ; aber eine wahrhafte Bitterkeit hatte sich in ihrem Verhältnis zu Ottilien erzeugt . Auf die ruhige , ununterbrochene Tätigkeit des lieben Kindes , die von jedermann bemerkt und gepriesen wurde , sah sie mit Verachtung herab ; und als zur Sprache kam , wie sehr sich Ottilie der Gärten und der Treibhäuser annehme , spottete sie nicht allein darüber , indem sie uneingedenk des tiefen Winters , in dem man lebte , sich zu verwundern schien , daß man weder Blumen noch Früchte gewahr werde , sondern sie ließ auch von nun an so viel Grünes , so viel