hier sah Agathokles schärfer und weiter , als du . Seine Ungleichheit , sein Trübsinn , über den du klagtest , war nichts anders , als klare Einsicht in eure Lage , und zarte Schonung für dich , die er zu warnen nicht kalt genug war . Nun , ihr seyd getrennt , die Vorsicht hat sich eurer erbarmt , und wie ein gütiger Vater die hülflosen Kinder gerettet , die ohne seine Einwirkung verloren waren . Laß uns ihr dafür innig und herzlich danken . Ich habe es mit Theophron und Apelles gethan , der nun mit viel leichterem Herzen sich auf den Weg macht , um deinem wunden Gemüthe Beruhigung und Trost zu bringen . Er wird dir manches erzählen , was hier vorgefallen ist . Es steht bei weitem nicht mehr so , wie es vor vier Jahren stand ! Galerius Haß gegen die Christen hat viele Leiden über unsere Brüder verhängt . Es ist beinahe jetzt ein Verbrechen , ein Christ zu seyn , oder wenigstens ein Grund zu tausend Neckereien . Daher sind Einige ausgewandert , die Meisten halten sich verborgen . Es gibt nun mehr , wie sonst , Unglückliche zu trösten , Arme zu unterstützen , und viele Gelegenheiten , wodurch Einfluß , Geld und Verbindungen den Bedrängten zu Hülfe geeilt werden muß . Ich thue , was ich kann , und was die Pflichten gegen meine Kinder erlauben ; aber wie wenig ist , was ein Weib , eine Wittwe vermag , wo es darauf ankommt , außer dem Umfang ihres Hauses , in den Verhältnissen der Welt zu wirken ! Wie schmerzhaft , fühle ich dann den Verlust eines geliebten Gatten , den Gottes Rathschluß mir und seinen Kindern , so früh entriß ! Apelles wird Euch von Allem näher unterrichten , und Demetrius kann , wenn ihm das Beruhigung gibt , sich mit dem Gedanken aufrichten , daß er tausend Leidensgefährten hat , die des Cäsars wilder Haß , um ihres Glaubens willen , wie ihn , verfolgt , neckt , stürzt . Er wird euch auch noch mehr erzählen , und einen erhabenen Plan mittheilen , den der ehrwürdige strenge Heliodor - du wirst dich seiner wohl erinnern - entworfen hat . Die barbarischen Nationen umlagern von allen Seiten das römische Gebiet . Ihre ungezähmte Rohheit , ihre einfachen Sitten , gleichweit von unserer Cultur und unsern Lastern entfernt , erregtem längst in Heliodors eifrigem , menschenliebendem Gemüthe den Wunsch , diese wilden Naturen durch das Christenthum auf einem edleren Wege zur Bildung zu führen . Nicht unsere Künste , unsere Bedürfnisse , unsere Ueppigkeit sollen sie zuerst kennen lernen ; die christliche Religion soll vorher in ihren noch unverdorbenen Herzen Wurzel fassen , ihre rohen Tugenden veredeln , ihre Wildheit zähmen , damit , wenn sie , wie er vorher zu sehen , vorher zu wissen glaubt , einst über die gebildete Welt hereinbrechen werden , die Menschheit nicht so viel zu leiden habe , und das Christenthum , von reineren einfacheren Gemüthern aufgefaßt , siegend mit den Siegern sich über die Welt verbreite . Noch kann ich nichts als den erhabenen Entschluß bewundern , der ihn alle Beschwerlichkeiten , alle Gefahren , ja den Tod verachten lehrt , um in unbekannten Wildnissen den Barbaren die heiligen Lehren des Christenthums zu bringen ; aber ich sehe weder seine Nothwendigkeit ein , noch einen guten Erfolg bevor . Indessen ist Heliodor ganz durchdrungen von seinem Vorhaben , und sein glühender Eifer kann kaum den Augenblick erwarten , wo die Anstalten zu seiner Reise getroffen seyn werden . Er geht jetzt nach Nikomedien , wo er sich einzuschiffen , und über den Euxin zu seiner künftigen Bestimmung zu eilen denkt . Vielleicht siehst du ihn in Trachene . Noch eins habe ich dir mitzutheilen , das ich dir lieber schreiben , als Apelles anvertrauen wollte . Es gehört nicht unmittelbar zu dem , was er zu wissen braucht , um dich zu trösten , und in deinem Gemüth den Frieden herzustellen , und betrifft zu unbekannte Personen , um ohne Prüfung Mehreren mitgetheilt zu werden . Man sagt - aber ich bitte dich , wohl zu bedenken , liebe Larissa ! daß ich dir nur Gerüchte schreibe - man sagt , daß Agathokles nicht nur in Rom im Hause jener Calpurnia gelebt habe , daß sie ein sehr schönes , sehr geistreiches , aber ziemlich leichtsinniges Mädchen sey , sondern auch , daß sie sich beide nicht gleichgültig geblieben wären , und daß Agathokles nur auf Befehl seines Vaters , und sehr wider seinen Willen , ihre reizende Gesellschaft verlassen habe . Daß sie sich schreiben , weißt du , vielleicht aber nicht , daß ihr Vater das Proconsulat von Bythynien erhalten hat , und nächsten Frühling mit seiner ganzen Familie dahin kommen wird . Können diese Nachrichten beitragen , dein Gemüth in eine ruhigere , Verfassung zu bringen , indem sie einen Verlust , den du für unersetzlich hieltest , in deinen Augen etwas mindern : so bin ich froh , und der Eifer , mit dem ich jeder Spur seines Verhältnisses nachforschte , ist belohnt . Sollte es sich fügen , daß ich Gewißheit erhielte , so werde ich nicht säumen , sie dir mitzutheilen . Wenn sie dich auch im Anfange schmerzet , so denke , daß es unsere Pflicht ist , überall Wahrheit zu suchen , Alles zu prüfen , und nur nach richtiger Erkenntniß zu handeln , wenn auch darüber ein schöner Traum zerstört werden sollte ; bedenke ferner , daß es der Anfang deiner völligen Genesung seyn kann , und wenigstens ein sicherer Weg , um auf eine schnellere und ruhigere Art aus dem Labyrinthe zu kommen , in welches dein Herz und die Umstände dich verflochten haben . Leb ' wohl ! 33. Larissa an Junia Marcella . Trachene , im Nov . 301 . Da bin ich nun , geliebte Freundin ! auf unserm stillen Landgütchen . Die Natur verliert nach und nach ihre Reize , die Bäume streuen ihr welkes Laub auf den unbeblümten Boden nieder , kältere Winde regen die stillen Fluthen des Bosphorus auf , und in trüben Tagen , wo der Nebel die gegenüber liegenden Ufer verbirgt , unterbricht nichts die düstere Stille , als der Schall der stärkeren Brandung , die lautseufzend an das Gestade schlägt . Stundenlang sitze ich da oft am Meeresufer , sehe dem Spiel der Wellen zu , betrachte ihr heftiges Treiben , ihr unruhiges Emporstreben , und wie zuletzt jede wieder zurücksinkt in den dunkeln Schooß des Meers , wo keine Spur von ihrem Daseyn bleibt , das mit allen seinen Anstrengungen auf ewig versunken ist . Kann man nicht das Menschengeschlecht mit diesen Wogen vergleichen ? Ach so unruhig , so bewegt , so rastlos streben sie nach einem fernen Glücke , das Jeder anders nennt , und im Grunde Keiner kennt ; sie bemühen sich , sie matten sich ab , und versinken zuletzt alle im Schooß der Erde ; keine Spur bleibt zurück , sie sind dahin , wie ein Schatten - wie Gras auf dem Felde , das am Morgen grünt , und am Abend verwelkt ist . Meines Mannes Laufbahn ist nun aus . Vierzig Jahre sind unter Waffen , Gefahren , und mancherlei Sorgen und Verfolgungen hingearbeitet worden , wenige Tage der Erholung , selten ein Augenblick von Freude ! Und was ist sein Lohn ? Und was ist mein Loos ? Obgleich meine Jahre lange nicht an die Hälfte der seinigen reichen , was habe ich nicht ertragen , gekämpft , verloren ! Einsam , freudenlos , selten so geliebt , wie mein heißes Herz es wünschte , floß , seit ich denken kann , mein Leben hin . Der , für den mein Wesen gebildet schien , ward durch das Schicksal von mir gerissen ; der , dem ich angehöre , hat keinen Sinn für das , was ich bin , und ihm seyn möchte . So schwindet mein Daseyn zwecklos hin . Still , vergessen , unbedauert wird es endlich verlöschen , und Niemand darnach fragen , Niemand darum wissen , daß einst eine unglückliche Larissa lebte . Ach wenn ich nur sagen könnte : Dazu war ich auf der Welt ! Aber ich weiß ganz und gar keinen Zweck , warum ich geboren ward , als - einst die Wärterin eines kränklichen , gebeugten Greises zu werden , der meine Dienste noch meist verkennt , und fast immer ungütig aufnimmt . Dazu ward mir dies heiße Herz ? Dazu führten alle meine verworrenen Schicksale ? Ach Junia ! Wie viel Ergebung und Geduld brauchte ich nicht jetzt , um mich vom Murren zu enthalten ! Agathokles ist fern . Ich werde ihn nie wieder sehen . Das wußte ich , als ich mich von ihm in Nisibis trennte . Nie wieder sehen ! - Nie ! - Demetrius und Agathokles ! Trachene und Nisibis ! Laß mich einen Vorhang über meine Geschichte ziehen , die Asche nicht aufrühren , die über der schlecht gedämpften Gluth meines Herzens liegt ! Ich soll , ich muß ja vergessen ! O wenn es einen Lethe gäbe , und mir ein mitleidiger Engel eine Schaale davon bringen möchte ! Ich will ja leiden , tragen , und alle Geduld mit Unglücklichen haben , die in ihrem Kummer Andere nicht schonen . Aber an das , was war , muß ich nicht immer erinnert werden , nicht immer fühlen , wie es ist , und wie es seyn könnte . Mein Mann hat einen Briefwechsel mit Agathokles verabredet . Er ist zu bequem zum Schreiben , so hat er mir diesen Auftrag gegeben . Ich soll an Agathokles schreiben ! Ich ! Und wie ? So wie Demetrius schreiben würde ? Das ist unmöglich . So wie mein Herz es eingibt ? Das darf ich nicht ! Ich zittre vor dem neuen Sturm , den meine Weigerung erregen wird . Ja , du hast recht , Junia ! Ich war zu schwach , als ich meine Hand in diese Ketten fügte , aber jetzt - ist nichts mehr zu thun . Agathokles hat mir in den letzten Tagen Einiges von Calpurnien erzählt - vielleicht nicht ganz ohne Veranlassung von meiner Seite . Ach , wie er mir das erzählte , und wie er überhaupt die letzten zwei Tage sich betrug , das hätte jeden Funken von Verdacht , auslöschen , und das argwöhnischeste Gemüth entwaffnen müssen ! Ja , ich bin geliebt ! - Aber still , still , nichts mehr von jenen Tagen des Himmels , hier in dem Aufenthalte der büßenden Geister ! Wenn die schöne Calpurnia nach Nikomedien kommen soll - so - so will ich mich bemühen , mich darüber zu freuen . O möchte sie meinen Freund glücklich machen ! Mich betrachte ich als eine schon Verstorbene , und im Grabe hört Eigenthum und Eifersucht auf . Ich will seyn , wie der Geist seiner Geliebten , und mich in den Auen des Friedens freuen , daß mein Agathokles auf der Erde noch glücklich geworden ist . Nein , was ich für ihn fühle , ist keine sträfliche Leidenschaft . Ich bin ja todt , todt für ihn , für die Welt , für mich selbst , nur nicht für meine Pflicht ! Die öffentlichen Nachrichten tragen auch nicht bei , ein düsteres Gemüth aufzuheitern . Heimlich und verborgen glimmen die Funken der Zwietracht unter denen , in deren Hände die Vorsicht das Wohl des Menschengeschlechts gelegt hat . Alle Briefe , die mein Mann von seinen Freunden am Hofe und bei der Armee erhält , bestätigen die traurige Vermuthung , daß es zum Ausbruche bürgerlicher Kriege , und der Erneuerung jener blutigen Auftritte , die so lange Zeit das Unglück und die Schande des Römischen Reichs machten , nur an einer bequemen Gelegenheit fehlt . Zwischen Galerius und Diocletian sollen bedeutende Mißverständnisse walten . Dann sey uns der Himmel gnädig ! Bis jetzt erhielt Diocletian wenigstens Ruhe und Frieden im Innern . Von Außen drohet uns ohnedies ein anderes Unglück . Die Gotherr , eine von jenen wilden Völkerschaften , zu welchen der fromme Heliodor zu reisen , und die rohen Gemüther durch die christliche Religion zu zähmen gedenkt , fangen an , unsere Küsten durch Streifzüge zu beunruhigen1 . Sie kommen auf schlecht gezimmerten Kähnen in kleinerer oder größerer Anzahl längs dem Ufer des Euxin herabgefahren , landen an einsamen Plätzen , überfallen kleine Dörfer , einzelne Häuser , Reisende , rauben , was sie finden , ermorden , was sich widersetzt , und schleppen dann ihre Beute , auch oft Unglückliche , die lebend in ihre Hände fallen , mit sich an ihre unwirthbaren Ufer . Ihre Besuche werden immer häufiger , die Anzahl ihrer Streiter immer größer , der glückliche Erfolg gibt ihnen Muth ; denn nirgends ist eine militärische Macht in der Nähe , die ihrem räuberischen Beginnen Einhalt thun könnte . Wir sind ihnen ganz preisgegeben . Ich habe meinen Mann bereden wollen , unser einsames Landhaus zu verlassen , das so nahe am Ufer des Meeres , und so entfernt von aller Hülfe liegt ; aber er verwarf diesen Vorschlag mit Verachtung , er hält Alles , was man erzählt , für Uebertreibungen der Furcht , er kennt die Nordischen Barbaren nicht , und hofft sie - selbst , wenn sie einen Angriff in unserer Gegend machen sollten , leicht zu überwinden . Zu dem Ende hat er seine Sclaven bewaffnet , und übt sie regelmäßig alle Tage . Welche Auftritte stehen mir bevor ! Der einzige freundliche Punkt in dieser düstern Zukunft ist die Ankunft unseres verehrten Freundes Apelles , den ich nach deinem Briefe jeden Tag erwarte . Immer wäre mir seine Gegenwart erfreulich gewesen . Jetzt werde ich ihn als einen Boten des Himmels betrachten , der Licht , Ruhe und Trost in meine traurige Einsamkeit bringen soll . Du sandtest ihn mir . Habe Dank dafür , Junia ! Du wirst oft der Gegenstand unserer Gespräche seyn , mein Herz wird sich wieder dem sanften Einfluß der Freundschaft öffnen , und ich werde wenigstens auf einige Zeit minder unglücklich seyn . Leb ' wohl ! Fußnoten 1 Die ersten Raubzüge der Gothen , in welchen sie die Europäischen und Asiatischen Ufer des Euxin plünderten , fielen beinahe ein halbes Jahrhundert früher vor ; aber diese so wie noch einige kleine Abweichungen von der Geschichte , die man weiterhin finden wird , ist wohl jeder Leser geneigt , einem Buche zu verzeihen , das gar keinen Anspruch auf gelehrte Genauigkeit macht , und in welchem die Begebenheiten derselben , oder der nächsten Zeit , nur in der Rücksicht gewählt wurden , in welcher sie in den Plan des Ganzen paßten . 34. Agathokles an Phocion . Nikomedien , im Nov . 301 . Wenn du diesen Brief erhältst , ist mein Schicksal unwiderruflich entschieden , und Tod oder Leben über mich ausgesprochen . Larissa ist ermordet oder geraubt . Die Gothen haben einen Einfall auf die Ufer des Bosphorus gemacht , wo ihre Villa liegt . Im ersten Schrecken des Ueberfalls hat sich Demetrius mit seinen Sclaven zur Wehre gesetzt . Er soll erschlagen , das Haus geplündert , und Alles , was darin athmete , getödtet , oder in die Knechtschaft geschleppt worden seyn . Was an dieser fürchterlichen Nachricht wahr , was Erdichtung , Uebertreibung ist , eile ich mit bebendem Herzen zu untersuchen . Die Pferde sind gesattelt . Morgen bin ich an dem Orte der schaudervollen Entscheidung . Leb ' wohl ! 35. Apelles an Junia Marcella . Trachene , im Nov . 301 . Ein kleines Geschäft , welches ich auf dem Wege hierher bei einem Freunde abzuthun hatte , verzögerte meine Ankunft um zwei Tage , und setzt mich dadurch in den Stand , dir , meine verehrte Freundin , Nachricht von mir , von dem Schicksale der Gegend umher , und den Personen geben zu können , an denen dein Herz gewiß Antheil nehmen wird . Sehr glücklich würde ich mich schätzen , wenn es dem Himmel gefallen hätte , diese Schicksale so zu leiten , daß ich dir recht erfreuliche Nachrichten geben könnte . Leider aber ist hier Manches vorgefallen , das zu erzählen und mit der gehörigen Schonung und Treue vorzubringen , eine wahrhaft traurige Freundschaftspflicht ist . Bereite dich , höchst unangenehme , ja gewissermaßen schreckliche Neuigkeiten zu hören ; und vergiß nie den großen Gedanken , daß ohne Gottes Willen kein Sperling vom Dache , kein Haar von unserm Haupte fällt , daß unsere Tage gezählt sind , und daß ja nicht diese Erde allein der Schauplatz der Regierung , der Liebe , der Barmherzigkeit Gottes ist . Lege jetzt dies Blatt auf einen Augenblick aus der Hand , fasse dich in Ergebung und Geduld , und dann lies den traurigen Bericht zu Ende , den ich dir zu geben habe . Du weißt vielleicht , so wie ich es bei meiner Annäherung in diesen Gegenden erfuhr , daß die Gothen seit einiger Zeit wiederholte Ueberfälle auf den Küsten des Bosphorus , auf unserer als der Europäischen Seite gewagt haben . Hie und da erzählte man mir von ihrer Grausamkeit , von ihrer Kühnheit , ihrer Raubsucht sehr fürchterliche Beispiele , und ich kann dir nicht bergen , daß der Gedanke , an einen Ort zu reisen , der so nahe an der Meeresküste und ihren Raubzügen so ausgesetzt ist , mir nicht sehr erfreulich war . Indessen hoffte ich durch meinen Besuch , außer dem Troste , den ich Larissen überhaupt in ihrem Leiden zu bringen hatte , auch noch vielleicht in der Rücksicht etwas Gutes für sie zu bewirken , daß ich Demetrius zu überreden dachte , diese gefährliche Nachbarschaft zu verlassen , und den Winter an einem sicherern Orte zuzubringen . Ach , meine verehrte Freundin ! Was sind die Rathschlüsse und Vorsätze der Menschen vor dem Rathschluß Gottes , der sie wie Spreu vor dem Winde zerstreut ! Meine Hoffnungen , mein Vorhaben , meine Ankunft , Alles , Alles war zu spät . Zwei Tage , ehe ich in Trachene anlangte , hatten die Barbaren eine Landung gewagt , waren in der Nacht ausgestiegen und mit wildem Geschrei und Lärmen gerade auf Demetrius Villa zugeeilt . Demetrius , statt sich und die Seinigen durch eine eilige Flucht zu retten , die vielleicht noch möglich gewesen wäre , ging ihnen mit seinen bewaffneten Sclaven entgegen . Der Kampf begann , aber die Uebermacht war so sehr auf der Seite der Feinde , daß die im Hause Zurückgebliebenen keine Zeit hatten , sich vor den Siegern zu flüchten , oder zu verbergen . Demetrius ward ermordet , seine Sclaven starben neben ihm , die Gothen drangen in ' s Haus , die zitternden Sclavinnen , und - aller Wahrscheinlichkeit nach auch ihre unglückliche Gebieterin - fielen unter den Streichen der durch den heftigen Widerstand bis zur Raserei erhitzten Barbaren . Das Haus wurde geplündert , ein Theil davon in Brand gesteckt , und die Horde entfernte sich am Morgen mit wildem Siegsgeschrei wieder von dem verheerten Ufer . Erst lange nach ihrem Abzüge wagten es die nächsten Anwohner , zu denen sich ein paar Unglückliche aus der Villa gerettet hatten , den Schauplatz der Gräuel zu betreten , und zu sehen , ob vielleicht noch einige Hülfe zu bringen wäre . Sie fanden Alles leer , still - ausgestorben . Demetrius und seine Sclaven lagen todt auf dem Wahlplatze , aber unter so vielen Leichen von Barbaren , daß man sah , sie mußten heldenmüthig gefochten , und ihr Leben theuer verkauft haben . In dem Hause fand man noch einige ermordete Sclaven und Sclavinnen , und in Larissens Gemach eine weibliche Leiche , die durch Wunden zwar sehr entstellt , aber durch die Kleidung und einen goldreichen Schleier kenntlich war , der mit Blut bespritzt neben ihr lag . Einige Mädchen und ein paar Sclaven werden vermißt . Wahrscheinlich haben die Barbaren sie mit sich fortgeführt , oder sie sind in dem verbrannten Theil des Hauses ein Raub der Flammen geworden . Wie dem immer sey , es ist mehr als wahrscheinlich , ja , meine verehrte Freundin ! es ist gewiß , daß Gott sich des langen Leidens unserer unglücklichen Schwester erbarmt , und sie auf eine - freilich für die Übriggebliebenen schreckliche Art zu sich genommen hat . Sie hat wahrscheinlicher Weise weniger dabei gelitten , als wenn sie ihr Leben auf einem schmerzlichen Krankenlager geendigt hatte , eine schreckliche Stunde vielleicht während des Kampfes , von der sie vorher keine Ahnung hatte , und ein paar schmerzhafte Augenblicke , bis Wunden und Blutverlust ihrem Leben ein Ende gemacht hatten . Nach den Aussagen der Sclaven , die die Todten gesehen , und bestattet haben , waren ihrer Wunden so viel , und von solcher Art , daß sie unmöglich länger , als ein paar Minuten , kann gelebt haben . Dies muß bei dieser schrecklichen Catastrophe ihren Uebriggebliebenen zum Troste dienen . Ueberhaupt sind ja selten die zu beklagen , die hingehen , ein schwankendes Glück mit ewigen Freuden zu vertauschen ; am wenigsten dann , wenn ihr Daseyn ohnedies in steten Kämpfen , und ohne Aussicht auf eine Verbesserung ihres Schicksals dahin floß . Ich will aber nicht unternehmen , dich zu trösten . Ich sehe die Größe deines Verlustes zu wohl ein ; denn ich habe unsere Entrissene gekannt , und die Art , wie wir sie verloren , muß durch ihre Neuheit und Grausamkeit unsere Gemüther erschrecken und tief verwunden . Doch erwarte ich von deiner Standhaftigkeit , deiner Gottesfurcht und Theophrons freundschaftlichem Umgang das Beste für deine Beruhigung . Ich wäre auf der Stelle wieder umgekehrt , und diesem Briefe gefolgt , den ich blos in der Absicht anfing , um den Alles vergrößernden und oft so falschen Gerüchten , wo möglich , zuvorzukommen , und dich , meine verehrte Freundin ! auf eine schicklichere und bessere Art von dem Schicksale unterrichten ; aber den Morgen nach meiner Ankunft fand sich ein Geschäft , eine Bestimmung für mich , in deren Würde und Gehalt ich einen Fingerzeig der Vorsicht zu finden glaubte , warum sie mich gerade jetzt auf diesen Schauplatz der Zerstörung und Trauer geführt hatte . Abends war ich in Trachene angekommen , und hatte von den zitternden Nachbarn die Schrecken der vorletzten Nacht erfahren . Man hatte meinen Antheil an den unglücklichen Bewohnern der Villa gesehen , mir auf mein Bitten den Schleier Larissens ausgehändigt , den ich dir als das einzige Vermächtniß dieser theuren Verklärten zu bringen dachte , und versprochen , mich am Morgen auf die Brandstätte zu führen . Dies geschah auch . Indeß wir in dem verödeten Hause herumgingen , hörten wir auf einmal ein lautes Getöse , wie von mehreren Pferden . Ich trat an ein Fenster , und sah einen jungen Mann von edler Gestalt , von mehreren Sclaven zu Pferde begleitet , in den Hof sprengen . Die Fremden stiegen ab , es sammelten sich Leute um sie , ich sah den jungen Mann in heftiger Bewegung mit ihnen sprechen , sie befragen . Eine geheime Ahnung sagte mir , wer es seyn könnte . Ich eilte hinaus , um ihn selbst zu berichten . Leider kam ich zu spät . Agathokles - denn du wirst , wie ich , errathen haben , wer der Fremde war - lag ohne Besinnung in den Armen seiner Begleiter . Die Leute hatten ihm die traurige Geschichte ohne Vorsicht und mit allen Vergrößerungen und Verschlimmerungen erzählt , die solche Menschen dazu zu dichten pflegen . Ich ließ ihn in ' s Haus bringen . Nach einer Weile erholte er sich , aber sein Blick war wild , seine Reden unzusammenhängend . Als ich mich genannt hatte , schien ein Strahl von Ruhe in seine Seele zu fallen ; er sah mich an , sank an meine Brust , und seine Thränen , die zu fließen anfingen , erleichterten sein gepreßtes Herz . Ich trug ihm nun die Begebenheit so vor , wie ich sie ansah , wie sie eigentlich war , und wie ich sie dir berichtet habe . Das schien ihn etwas zu beruhigen , er faßte die Vorstellung begierig auf , daß seine Larissa nicht so viel gelitten hatte , daß ihr nun besser sey , als ihm . Dennoch blieb eine wilde Schwermuth , die an Verzweiflung grenzte , in seinem Wesen . Endlich stand er auf . » Verzeih , daß ich dich verlasse , mein Zustand bedarf der Einsamkeit , der Ruhe - in ein paar Stunden sehen wir uns wieder . « Ich sah ihn zweifelnd an : Fürchte nichts , antwortete er , indem er mit einem wehmüthigen Lächeln meine Hand ergriff : was dir deine Religion verbietet , erlauben mir meine Grundsätze auch nicht . Ich schämte mich meines Verdachts , und verließ ihn . Nach einer langen Zeit suchte er mich wieder auf : Er war gelassener als vorhaben und im Stande , zusammenhängend über die schreckliche Geschichte und seinen Verlust zu sprechen . Dann ordnete er an , daß Larissens Schlafgemach mir und ihm zur Wohnung eingerichtet werde . Ich wollte mich anfänglich diesem Vorhaben , aus Schonung für ihn , widersetzen ; aber ich sah bald , daß sein Herz nicht wie die gewöhnlichen Herzen war . Die Umgebungen , in denen sie gelebt hatte , die Erinnerung an ihre Tugenden , an ihre Geduld , an ehre Liebe zu ihm , schienen sein Gemüth zu erheben , statt seinem Schmerz zu vergrößern . Er fing am andern Morgen an , mit mir in der Gegend herumzugehen , sich nach Allem was vorgefallen war , zu erkundigen , und thätige , und sehr zweckmäßige Anstalten zur Verhütung eines neuen solchen Unglücks zu treffen . Die Einwohner wurden angewiesen , ihre besten Sachen in die nächste Stadt zu bringen . Er ließ den Männern Waffen austheilen , ordnete an , wie sie sich üben , und zur Vertheidigung vorbereiten sollen . Er veranstaltete Lärmsignale auf den Hügeln , wodurch in wenig Augenblicken die ganze Gegend aufgeschreckt , und unter den Waffen seyn kann . Kurz , es schien , als ob sein eigener Verlust vor der allgemeinen Gefahr verschwunden wäre , und er nur für Andere denken , für Andere sorgen könnte . Wenn wir dann allein waren , kehrte die schmerzliche Empfindung freilich mit doppelter Starke zurück ; aber ich bin versichert , daß sie seine Tugend nie überwältigen , nie seine Kraft zum Guten lähmen wird . Er hat mich gebeten , ihn nach Nikomedien zu begleiten , wohin er morgen abreiset , um noch kräftigere Anstalten zur Abtreibung der feindlichen Einfälle zu machen . Ich konnte ihm diese Bitte nicht versagen , denn ich gestehe dir , daß ich ihn liebe und verehre . Auch Larissens Schleier habe ich ihm gegeben . Er war dieses Vermächtnisses so würdig als du , und seiner vielleicht noch mehr bedürftig . Zwar schauderte er bei Erblickung desselben und der Spuren von Blut , die daran hafteten ; seitdem aber , glaube ich , ist er nie wieder von seiner Brust , auf der er ihn verwahrte gekommen . Ich weiß , meine Freundin ! daß du mir diesen Raub und mein längeres Außenbleiben verzeihst . Sage dasselbe auch unserm verehrten Vater Theophron , und erwirke mir von ihm Verlängerung meines Urlaubs . 36. Sulpicia an Calpurnien . Synthium bei Nikomedien , im Febr . 302 . Ich bin in Synthium , meine Geliebte ! auf dem Landhause unsers , deines Freundes Agathokles . Eine angenehme Stille umgibt mich , und wiegt nach einer langen Zeit voll Zerstreuungen und Erschütterungen meine ermüdeten Sinne in eine wohlthätige Ruhe . Agathokles besucht uns , so oft es seine Geschäfte erlauben , und mein Tiridates bringt alle Zeit , die er dem Hofe abmüssigen kann , bei mir zu . Ich bin frei , Galerius hat meine Scheidung bewilligt , und den Befehl darüber an den Senat von Rom und den Serranus Anicius gesandt . So sind denn alle Plane ausgeführt , alle Wünsche erfüllt , und ich kann ruhig dem Zeitpunkt entgegen sehen , wo keine Macht der Welt mich mehr den Armen meines Tiridates wird entreißen können . Nichts stört den vollkommenen Genuß meines Glücks , als die noch fortdauernde Schwäche meiner Gesundheit , eine Folge den langen Leiden und Kränkungen . Sie sind verschwunden , aber ihre Wirkungen fühle ich noch . Auch die Jahreszeit hatte während der Seereise nachtheilig auf mich gewirkte . Ich kam krank in Nikomedien an . Aber , meine Calpurnia ! um keinen Preis möchte ich die Erfahrung dieser Krankheit nicht gemacht haben . Sie hat mir Tiridates Liebe in noch glänzenderem Lichte gezeigt . Ich bin ganz glücklich . En ließ mich ohne weitere Vorbereitung , fest auf Agathokles Freundschaft rechnend , gerade in sein Haus führen , er trug mich auf seinen Armen aus der Sänfte in das Zimmer , das uns der freundliche Wirth selbst anwies . Agathokles bewährt sich auch jetzt , wie immer , als einen der besten Menschen , er empfing uns mit rührender Freude , und behandelt uns wie geliebte , Geschwister . Ich finde ihn sehr verändert - doch davon nachher . Jetzt laß mich dir nur erzählen , daß ich seinen Bemühungen für Alles , was er zur Erleichterung meiner Lage dienlich fand , und Tiridates zärtlicher Sorgfalt größtentheils meine Wiederherstellung verdanke . Das Geräusch , die Unruhe in der glänzenden Hauptstadt des Orients wurde mir bald zur Last . Agathokles errieth meinen Wunsch , und bot mir seine Villa Synthium , die einige Meilen von Nikomedien liegt , ein Erbtheil seiner Mutter , zum Aufenthalt an . Ich nahm es mit Vergnügen an . Das Einzige , was meine Freude störte , war die Bemerkung , daß Tiridates sich