ich mich über unser Verhältniß hinlänglich orientirt hatte , um zu wissen , was sich daraus machen ließe , und was nicht . Im Grunde war es auch nur eine Art von Laune , welche meinem Manne diese Klagen eingab ; denn im Ganzen genommen lebten wir zufrieden und vergnügt , bis der Moment eintrat , der uns für immer trennen sollte . Dies geschah , nachdem wir eilf Jahre zusammen verlebt hatten . War es nun die Überzeugung , daß ich nie an einen anderen Mann gerathen könnte , der mich aufrichtiger liebte , als er , oder lag seiner Forderung irgend eine andere moralische oder religiöse Idee zum Grunde , die mir nicht ganz deutlich geworden ist - genug mein Mann verlangte auf seinem Sterbebette , daß ich mich nie wieder vermählen sollte ; und sobald ich ihm mein Wort gegeben hatte , band er an die gewissenhafte Erfüllung desselben den Besitz seines ganzen Vermögens , von welchem mir nur ein bedeutender Theil werden konnte , wenn die Ansprüche einiger Verwandten in Betrachtung gezogen wurden . Nach seinem Tode entstand die Frage , ob ich verbunden sey , mein Versprechen zu halten . Die Jurisprudenz sprach mich davon los , weil die ganze Sache meinem Gewissen überlassen war ; da ich aber mein Versprechen nicht aus Eigennutz gegeben hatte , und in mir selbst auch nicht die allermindeste Versuchung wahrnahm , über die freiwillig gesetzte Schranke hinauszugehen , so mochten mich meine Verwandten noch so sehr für den einen oder den andern Bewerber interessiren , ich blieb meinem Vorsatz , Wittwe zu seyn , nicht minder getreu . Einmal sagte ich zu mir selbst , daß derjenige , der ein freiwillig geleistetes Versprechen , das er halten kann , nicht hält , gewissermaßen zum Mörder seiner Moralität wird . Zweitens war es mir sehr problematisch , ob ich in einer zweiten Ehe finden würde , was ich in der ersten hatte entbehren müssen . Zwar hatte ich es jetzt in meiner Gewalt , zu verhindern , daß der Unterschied der Jahre die Gleichheit der Gefühle nicht aufhob ; allein lag nicht in dem Mittel , das ich zu diesem Endzweck anwenden konnte , ein anderes noch wesentlicheres Hinderniß der Gleichheit ? Ehemals hatten persönliche Eigenschaften mich wählbar gemacht . Diese waren zwar nicht verschwunden ; allein neben ihnen standen staatsbürgerliche Vorzüge von solcher Bedeutung , daß es ungewiß wurde , welche von beiden in einen höheren Anschlag gebracht würden . Ich verabscheuete aber nichts so sehr , als den Gedanken , einen Mann so sehr in Widerspruch mit sich selbst zu setzen , daß ein Heuchler aus ihm werden mußte . Überall konnt ' ich nie gewinnen , wohl aber verlieren . Dies gerade machte mich vorsichtig . Um aber meinen Vorsatz desto leichter auszuführen , faßte ich den Entschluß , bis zu einem gewissen Alter nirgend häuslich zu seyn ; und kraft dieses Entschlusses haben Sie mich zu Pisa angetroffen , nachdem ich schon seit einigen Jahren umhergereiset bin , die Welt , die ich sonst nur in dem kleinsten Fragment gekannt habe , mehr im Großen kennen zu lernen . Es ist nicht die zweite Ehe , der ich aus dem Wege gehe , sondern die unglückliche Ehe ; denn die Ehe selbst ist nach allen Erfahrungen , die ich darüber zu machen Gelegenheit gehabt habe , so wie das natürlichste und einfachste , so auch das genußreichste und edelste aller Verhältnisse , in welches ich ohne Bedenken zurücktreten würde , wenn ich glauben könnte , daß es für mich einen so unschuldigen Gatten gäbe , als ich eine unschuldige Gattin seyn würde . « Die letzte Bemerkung Eugenia ' s bezog sich auf neue Heirathsvorschläge , welche ihr in Pisa waren gemacht worden . Ob sie darauf eingehen sollte , oder nicht , darüber war sie nicht länger zweifelhaft , sobald der Zufall uns zusammen gebracht , und eine gewisse Sympathie uns mit einander verbunden hatte . Da sie keinen Beruf fühlte , noch länger in Italien zu verweilen , und ich von einer unbestimmten Sehnsucht in mein Vaterland zurückgetrieben wurde ; so vereinigten wir uns leicht , durch das Tyrolische nach Wien zu gehen . Unsere Abreise ging vor sich , sobald die Badezeit vorüber war . Wir kamen ohne Abentheuer in der Kaiserstadt an ; und weil der Aufenthalt in den Hauptstädten für Personen , die der Beobachtung noch nicht überdrüßig geworden sind , immer mit großen Reizen verbunden ist , so nahmen wir uns vor , einige Jahre unter den Wienern zu verleben . Schwerlich hätten wir uns an irgend einem anderen großen Orte so theuer werden können , als in der Hauptstadt der österreichischen Staaten . Hier lebten wir gewissermaßen wie in einer Einöde . Denn nicht genug , daß die Kraft der Hauptstadt eben so auf uns zurückwirkte , als auf die übrigen Bewohner derselben , in sofern sie uns isolirte , fanden wir durch Alles , was wir unsere Eigenthümlichkeit nennen konnten , ein besonderes Hinderniß freundschaftlicher Verbindungen . Dies war die mit Recht verschriene Sinnlichkeit des Volks , unter welchem wir lebten ; eine Sinnlichkeit , über welche wir hinaus waren , und die wir eben deswegen weder theilen noch achten konnten . Ist von den geselligen Tugenden der Wiener die Rede , so lasse ich ihnen alle Gerechtigkeit widerfahren ; sie sind gastfreundschaftlich und bieder , wie kein anderes Volk , das ich kennen gelernt habe . Allein in diesem Kreise dürften auch alle ihre Vorzüge eingeschlossen seyn ; denn sobald von etwas Höherem die Rede ist , strengen sie sich vergeblich an , es zu fassen , und erliegen ihrem geistigen Unvermögen nur allzubald . Mit dem besten Willen , nur Deutsche zu frequentiren , sahen wir uns genöthigt , unseren Geselligkeitstrieb im Umgange mit französischen Ausgewanderten zu stillen , wofern wir nicht ganz auf uns zurückgebracht seyn wollten . Jahr und Tag war auf diese Weise verflossen , als die französische Gräfin C ... sich enger an uns anzuschließen begann . Hätte sie es mit mir allein zu thun gehabt , so würde ihr die Lust dazu nach den ersten Versuchen vergangen seyn ; denn meine physiognomische Formel sagte mir gleich bei der ersten Bekanntschaft , daß diese Frau , obgleich , vermöge ihres sehr gebildeten Verstandes , für den Umgang wie geschaffen , zu denjenigen gehöre , mit welchen man sich in kein bleibendes Verhältniß einlassen muß , weil sie seiner unwürdig sind . Da Eugenia aber zwischen uns beiden stand , so war von ihrer Seite der Versuch zu wagen , von der meinigen zu erdulden . Ich war höchst begierig , die Triebfedern kennen zu lernen , welche sie in Bewegung gesetzt hatten ; allein wie gespannt auch meine Aufmerksamkeit auf alle ihre Reden seyn mochte , so konnte ich doch eine längere Zeit hindurch nichts Unedles entdecken ; und da meine Freundin mir den Vorwurf machte , daß ich in meinem Mißtrauen zu weit ginge , so wurde ich nach und nach sogar geneigt , an der Wahrheit meiner Regel wenigstens in sofern zu zweifeln , als ich einzelne Ausnahmen gestattete . Die Gräfin war weit häufiger bei uns , als wir bei ihr ; die Ursache lag in ihrer gegenwärtigen Lage , welche eine strenge Ökonomie nothwendig machte . Wie selten wir uns aber auch bei ihr zeigen mochten , so hatten wir doch nie das Vergnügen , irgend eine Spur von Reinlichkeit und Ordnung bei ihr zu finden . Eugenia verzieh auch dies , wiewohl sie eingestand , daß alles anders seyn würde , wenn die Gräfin aus Einem Stücke wäre . Ich mochte also noch so deutlich zu erkennen geben , daß wir durch eine engere Verbindung mit dieser Frau unserem Wesen entsagten ; meine Winke waren verloren , und Eugenia schien sogar ein gewisses Ergötzen daran zu finden , daß sie eine Frau kennen gelernt hatte , welche alle Weiblichkeit in den Wind schlug und das Gemüth unter die Füße trat . Wir mochten unsere Besuche drei bis viermal wiederholt haben , als wir bei der Gräfin eine gewisse Aurora kennen lernten , welche , um alles mit einem Worte zu sagen , die Gräfin in Ungebundenheit des Geistes noch übertraf , wiewohl es mir nicht entgehen konnte , daß sie sich , uns gegenüber , nicht wenig Gewalt anthat . Talentvoller und einschmeichelnder kann übrigens kein Weib seyn , als diese Aurora es war . Zu einer Tassonischen Armida fehlte ihr die Schönheit ; allein wer hätte diesen Mangel nicht verziehen , wenn er nur ein einzigesmal ein Zeuge ihrer heitern Laune , ihres sprudelnden Witzes , ihrer Sarkasmen auf sich selbst und der Kindlichkeit war , womit sie gelobte sich zu bessern ? Alle Männer waren von Auroren wie bezaubert , und die Weiber trösteten sich mit dem Besitz soliderer Eigenschaften , welche Aurora keiner von ihnen streitig machte . Wir wurden auf die Bekanntschaft des Chevalier de B ... vorbereitet , und nicht lange darauf führte die Gräfin ihn bei uns ein . Ein schöner Mann , wenn von bloßem Wuchse die Rede ist ! In seinen Mienen lag etwas Hartes , das er vergeblich durch Geschliffenheit und gut gewandte Phrasen zu mildern suchte . Er behauptete - und seine Manieren bewiesen es unwidersprechlich - daß er bis zum Ausbruche der Revolution in den besten Cirkeln der Hauptstadt gelebt und mit dem Hofe durch die Prinzessin Lamballe in der engsten Verbindung gestanden habe ; aber seine Auswanderung motivirte er so schlecht , daß er dem Titel eines Chevaliers die größte Schande machte . Übrigens war seine Parthie gleich nach der ersten Bekanntschaft genommen . Um nämlich Eugenien mit Erfolg den Hof machen zu können , glaubte er mich mit tausend Artigkeiten überschütten zu müssen . Was ihm durchaus nicht klar werden wollte , war das Verhältniß , worin wir standen . Denn anstatt Eugeniens Freundin in mir zu sehen , betrachtete er mich fortgesetzt in dem Lichte einer Duenna , und indem er mich als eine solche behandelte , konnte er nicht verfehlen , mir alle Vorsichtigkeit einer Duenna einzuflößen und sich dadurch selbst zu schaden . Nur allzuoft ist es im Leben der Fall , daß die Combinationen der Listigen in sich selbst zusammenstürzen , weil sie nicht umfaßt haben , was sie zu ihrem eigenen Gedeihen umfassen sollten ; und es ist mehr als merkwürdig , daß es , um solche Menschen mit Erfolg zu beherrschen und zu seinen Zwecken zu leiten , nur einer Ehrlichkeit bedarf , die alle List überflüssig macht . Für einen unbefangenen Einsichtsvollen hätte es ein Schauspiel ganz eigener Art seyn müssen , zwei deutsche Frauen ihre Eigenthümlichkeit gegen die Angriffe vertheidigen zu sehen , welche von zwei sehr gewiegten Französinnen , die von einem eben so gewiegten Franzosen unterstützt waren , darauf gemacht wurden . Ich will unsere Gegner nicht beschuldigen , daß sie es darauf anlegten , uns zu demoralisiren ; eine solche Absicht zu haben , hätten sie sich in ihrer wahren Gestalt erkennen müssen , welches durchaus nicht der Fall war . Allein die Demoralisation mußte ganz von selbst erfolgen , sobald wir nachgiebig genug waren , uns von ihnen gebieten zu lassen . Und wie dies vermeiden ? Die Unwiderstehlichkeit der Franzosen besteht gerade darin , daß sie es in der Kunst des Ausweichens so weit gebracht haben ; sie respektiren , dem Scheine nach , jede ihnen gegenüberstehende Individualität , weil sie wissen , daß man sich ihrer durch nichts so leicht bemächtigt , als durch diesen scheinbaren Respekt . Am allergefährlichsten war Aurora . Nach einem gewissen Maaßstab genommen , gab es für sie gar keine Tugend ; allein sie beschönigte alle ihre Laster oder Schwächen dadurch , daß sie kein Geheimniß daraus machte , und so oft die Sache ernsthaft zu werden begann , über sich selbst plaisantirte . Zwischen der Gräfin und dem Chevalier in der Mitte stehend , war sie ein ausgesuchtes Werkzeug zur Erreichung jedes egoistischen Zweckes ; denn so vollkommen war alles edlere Gemüth in ihr ausgestorben , daß sie sich den größten Abscheulichkeiten preisgegeben haben würde , ohne nur eine Ahnung davon zu haben , daß es Abscheulichkeiten wären . Bewundernswürdig war es , daß alle diese Personen sich mit Idealen trugen , welche nie von ihnen wichen ; allein sie blickten darauf hin , wie auf das goldene Zeitalter , und Asträa war für sie auf immer entflohen . Unpartheiisch gesagt , fanden sie alles , was einen Werth in ihren Augen haben konnte , in uns wieder , und die Art des Interesses , welches sie für uns fühlten , mochte zuletzt nur darauf beruhen , daß wir ihre Gegensätze waren ; allein , um dies anzuerkennen , hätten sie aus dem Gespinnst heraustreten müssen , womit sie sich umgeben hatten ; und so weit reichte ihre Kraft nicht . Über alle Veredelung hinaus , konnten sie es immer nur darauf anlegen , uns in ihren Wirbel zu ziehen ; und für uns bestand die Aufgabe darin , wie wir uns in unserem eigenen Wirbel halten möchten . Eugenien schien die Gefahr minder groß , als mir . Als ich sie eines Tages auf das Verhältniß aufmerksam machte , worein wir gerathen waren , antwortete sie mir : » Wir hätten es ja in unserer Gewalt , dies Verhältniß aufzuheben , sobald wir es für gut befänden . Sie selbst sähe sehr deutlich ein , daß sie dadurch nie gewinnen könnte ; allein so lange der Verlust erträglich wäre , würde sie nicht brechen , weil sie doch einigen Ersatz in dem Geistesreichthum dieser Personen fände . Überall begriffe sie nicht , wie wir den längeren Aufenthalt in der Kaiserstadt ohne diesen Umgang ertragen wollten . Das Casperle zu besuchen , fühlten wir uns zu gut , und ganz und gar in die Einsamkeit zurück zu treten , wäre weder heilsam noch unseren Planen entsprechend . Wie wenig Terrain der Chevalier bei ihr gewönne , davon wäre ich selbst Zeuge . Nur Aurora amüsire sie , als ein Wesen , das mit der ganzen Gesellschaft gebrochen habe und noch immer den Ausschlag geben wollte . Es gäbe ja zuletzt kein anderes Mittel , zum Gefühl seines Werthes zu gelangen , als der Umgang mit Personen dieser Art , die sich so treuherzig beredeten , die Geburt habe alles für sie gethan . « So lange Eugenia dieser Ansicht getreu blieb , konnte ich ganz ruhig seyn . Ich störte also den Chevalier auf keine Weise in seinen Bewerbungen um meine Freundin , und sah es ruhig an , wie Aurora , anstatt die Ungebundenheit zu predigen , sie auf das allerliebenswürdigste repräsentirte . Meine ganze Aufmerksamkeit war nur darauf gerichtet , welche Wendung diese Verbindung nehmen werde , um einen bestimmteren Charakter zu gewinnen . Die Gräfin ließ mich nicht lange warten . Nachdem sie einigemale in der Gesellschaft gegähnt hatte , brachte sie das Kartenspiel in Vorschlag . Der Chevalier und Aurora waren nicht abgeneigt davon ; und da Eugenia und ich die Wirthe waren , so durften wir uns nicht versagen , wie fremd uns auch der Spielgeist seyn mochte . Als aber die Sache einmal in Gang gebracht war , fand kein Stillstand statt . Wie bedeutend auch unsere Verluste seyn mochten , so durften wir sie nur in dem Lichte solcher Tribute betrachten , welche der Freundschaft dargebracht wurden . Dies war indessen der geringste Nachtheil , den wir von unserer Nachgiebigkeit hatten . Ein nicht zu berechnender stand uns dadurch bevor , daß wir uns durch das Spiel mit unseren Gegnern identifiziren mußten . Es ist nun einmal das Eigenthümliche des menschlichen Geistes , immer dahin zu neigen , wo er die meiste Beschäftigung findet , sollte er sich auch dadurch zerstören . So lange der Austausch von Ideen und Gefühlen unsere einzige Unterhaltung gewesen war , fanden Eugenia und ich darin das Mittel , unsere Individualität gegen jeden Angriff zu vertheidigen . Sobald hingegen alle Unterhaltung in Spiel ausgeartet war , kamen wir in eine so unvortheilhafte Stellung , daß aller Widerstand vergeblich wurde und in sich selbst verging . In der That , man braucht nur aus Neigung zu spielen , um das Gefühl seines Werthes zu verlieren und jeder Erhebung unfähig zu werden ; denn indem der Geist seine ganze Kraft auf das Spiel richtet , büßet er sie in Beziehung auf alle edleren Gegenstände ein , auf die sie gerichtet werden könnte . Indem ich diese Reflektionen machte , war ich auch auf den Rückzug bedacht . Aber wie ihn einleiten ? Eugenien zurücklassen und sie dem allerschlimmsten Schicksal preisgeben , war eins ; und dies vermochte ich nicht über meine Liebe für sie . Eugenien die Augen öffnen , war mißlich , da das Spiel , welches sie liebgewonnen hatte , zwischen ihr und mir in der Mitte stand , und der freundschaftlichen Wärme , womit sie mir sonst entgegen zu kommen pflegte , nur allzuviel Abbruch that . Ich machte den Anfang meiner Operationen damit , daß ich mich vom Spiele ausschloß und dadurch gewissermaßen aus der Schußweite setzte . Dies mußte sehr übel aufgenommen werden ; und dies wurde auch wirklich der Fall . Ohne mich indessen daran zu kehren , spielte ich die Beobachterin . Mir selbst zurückgegeben , bemerkte ich mit Entsetzen , welche Fortschritte durch das Spiel in der Familiarität gemacht waren . Aurora fand es gar nicht mehr der Mühe werth , ihre Gebrechen zu verschleiern ; sie sprach darüber , als ob es unmöglich wäre , Verstand zu haben und anders zu seyn , als sie . Der Chevalier hatte das Bischen Galanterie , das ihm vorher eigen gewesen war , an den Nagel gehangen , und behielt nur noch die Manieren eines Glücksritters . Die Gräfin gebot mit einer Unverschämtheit , als ob alle Vorrechte in ihr vereinigt worden wären . Und Eugenia blieb bei allen diesen widerwärtigen Äußerungen immer gelassen , weil sie für den Augenblick die Schärfe des Gefühls verloren hatte , wodurch man gegen fremde Anmaßung empört wird . Ich schauderte vor dem Abgrund zurück , in welchen ich meine Freundin stürzen sah ; aber ich hatte nicht den Muth , sie darauf hinzuweisen , so lange sie nicht aus ihrer Gleichgültigkeit hervortrat . Indessen hatten die Ausgewanderten nicht sobald wahrgenommen , daß ich ihrem Interesse abhold sey , als sie es darauf anlegten , Eugenien von mir zu trennen . Aurora wurde dazu gebraucht , dies Meisterstück der Intrigue zu Stande zu bringen . Niemand hatte dazu mehr Geschicklichkeit ; denn niemand war um den Unterschied zwischen Lüge und Wahrheit weniger verlegen , und niemand verstand sich auf die Kunst des Lächerlichmachens besser , als Aurora . Um aber noch von einer anderen Seite her zu wirken , verstärkten sich die Gräfin und der Chevalier dadurch , daß sie mehrere andere Ausgewanderte bei uns einführten . Dies mochte sich zuletzt ganz von selbst machen , da der Gewinn , den man von Eugenien zog , die Lockspeise war ; indessen wurde dadurch immer eine große Mehrheit zu Stande gebracht , in welcher sich Eugenia als die einzige Fremde erscheinen und alle Lust zum Widerstande verlieren mußte . Es war zum Erstaunen , mit welcher Freiheit sich alle diese Personen um meine Freundin hinbewegten . Sie , welche für alle der Mittelpunkt hätte seyn sollen , war nichts mehr und nichts weniger , als die Schußscheibe des Geldinteresses . So vollkommen war man hierüber mit sich selbst einig , daß man aus Poissardensinn gar kein Geheimniß mehr machte . Ich sah alle diese Manövres mit Gelassenheit an , weil meine Stunde noch nicht geschlagen hatte . Um Eugenien von diesen Vampyren zu befreien , mußte ich den Zeitpunkt abwarten , wo sie sich davon beschwert fühlte . Dieser Zeitpunkt konnte möglicherweise nicht eher eintreten , als bis meine Freundin in Geldverlegenheit gerieth und ihre Zuflucht zu meiner Casse nahm . Ich enthielt mich das erstemal aller Bemerkungen über ihre allzuweit getriebene Nachgiebigkeit ; aber das zweitemal legte ich ihr ganz unverholen die Frage vor : Ob sie denn dieses eckelhaften Einerleies nicht überdrüßig würde ? Sie betrachtete mich nicht ohne Verwunderung ; und als ich kühn genug war , meine Frage zu widerholen , anwortete sie : » Was soll ich machen ? Verstrickt , wie ich einmal bin , muß ich mein Schicksal ertragen . Ich selbst fühle wohl , daß ich mich von meiner Höhe herabgeworfen habe ; allein wie kann ich es anfangen , sie noch einmal zu erreichen ? « Ohne weder die Gräfin , noch den Chevalier , noch Auroren , noch irgend einen von den Übrigen anzuklagen , stellte ich sie Eugenien als Bedürftige dar , welche sie , aus irgend einem Instinkt , eben so behandelten , als sie ehemals den Hof behandelt hätten , und auf gleiche Weise von ihr abfallen würden , sobald sie nichts mehr zu geben hätte . » Es ist , « fügte ich hinzu , » ganz offenbar die Parasitenkunst , die sie treiben ; die eckelhafteste von allen Künsten , die es geben kann , weil sie ihre Grundlage weder im Verstande , noch im Gefühl , sondern in einem dumpfen Egoismus hat , der sich nicht besser zu verschleiern weiß , als dadurch , daß er die Miene annimmt , für das Vergnügen Anderer zu sorgen , während er nur den gröbsten Vortheil im Auge hat . Mag es doch in der Gesellschaft Personen geben , denen ihr Recht widerfährt , wenn sie von einem Parasitenheer umlagert werden ; allein zu ihnen zu gehören , kann weder angenehm seyn , so lange man die Wahrheit noch von der Lüge zu unterscheiden weiß , noch ehrenvoll , so lange man noch nicht in leerer Repräsentation untergegangen ist . Meine Freundin muß zu einem neuen Leben erwachen ; und dies kann nur dadurch geschehen , daß sie solchem Volke den Rücken weiset und es seinem Schicksal überläßt . Man muß die Kraft haben , einem Umgange zu entsagen , durch welchen man nicht veredelt werden kann ; denn sonst läuft man Gefahr , wo nicht selbst verunedelt zu werden , doch wenigstens solche Schrammen und Quetschungen davon zu tragen , daß es unmöglich wird , noch einmal zu einem heitern Lebensgenuß aufzusteigen . « Recht absichtlich drückte ich mich mit dieser Stärke aus , um einen tiefen Eindruck zu machen . Meinem Vorsatze nach wollte ich mich von Eugenien trennen , so bald sie dadurch beleidigt würde . Dies war aber so wenig der Fall , daß nur von den Mitteln die Rede war , sich aus der Schlinge zu ziehen . Eugenia wollte sogleich abreisen ; dagegen aber hatte ich Mehreres einzuwenden . Vor allen Dingen sollte meine Freundin die Kaiserstadt mit eben so unumwölkter Seele verlassen , als sie in dieselbe eingetreten war . Außerdem aber sollten diese Ausgewanderten , deren Rache ich vorhersah , nicht Raum gewinnen , hinter unserem Rücken zu sagen , was sie für gut befinden würden . Zu diesem doppelten Endzweck schlug ich Eugenien eine Reise in die Gebirgsgegenden Böhmens vor , deren bezaubernde Mannigfaltigkeit alle die peinlichen Gefühle zerstreuen mußte , die ihre Wangen mit Schaamröthe überzogen ; zugleich aber bat ich sie , davon nicht eher ein Wort zu sagen , als bis alle Reiseanstalten gemacht seyn würden , und alsdann der Gräfin in einem kurzen Billet außer der Abreise zugleich den Tag der Zurückkunft anzuzeigen . Eugenia gab sich meinen Anordnungen mit der Entsagung vertrauender Freundschaft hin . Nach wenig Tagen waren wir reisefertig . Welchen Eindruck unsere plötzliche Abreise auf die edle Gesellschaft machte , läßt sich nur dann berechnen , wenn man sie in ihrer Gemeinheit kannte . Sie mochte davon eben so betroffen seyn , als die National-Versammlung von der Flucht Ludwigs des Sechzehnten . Unsere Reise brachte alle die Wirkungen hervor , die ich beabsichtigt hatte , und Eugenia dankte dem Himmel für die Freiheit , die ihr zu Theil geworden war . Zur festgesetzten Zeit kehrten wir nach Wien zurück . Die Ausgewanderten unterließen nicht , sich wieder bei uns einzufinden , sobald sie unsere Ankunft erfahren hatten ; allein wir hatten es jetzt in unserer Gewalt , jede beliebige Stellung gegen sie anzunehmen . Aurora stellte sich zuerst ein , und ganz offenbar legte sie es darauf an , uns durch ihre Familiarität in das alte Geleise zurück zu führen . Doch die Feierlichkeit , die wir ihr entgegensetzten , verwirrte sie so , daß sie sich ein Dementi über das andere gab , bis sie mit Bekenntnissen hervortrat , auf welche wir gar nicht gefaßt waren . Ihrer Aussage zufolge war unter allen diesen Personen keine einzige ehrliche Seele . Was sie von jeder einzeln sagte , soll mit Stillschweigen übergangen werden . Genug , wir wurden , wenn auch nur die Hälfte von Aurorens Offenbarungen Glauben verdiente , hinlänglich überzeugt , daß wir es mit eigentlichem Auswurf zu thun hatten , der es wohl verdiente , von der Welt verlassen zu seyn und sich selbst zu bekämpfen . Aurora selbst wünschte sich an uns anschließen zu können ; allein wir lehnten ihre Bitte ab , weil , wie gut auch ihre Vorsätze für den Augenblick seyn mochten , ihr Inneres durch langen Mißbrauch allzusehr verdorben war , um noch einmal zu genesen . Wir verweilten noch einige Wochen in Wien , um der Welt zu zeigen , daß es zwischen uns und den Ausgewanderten zu einem förmlichen Bruch gekommen wäre , den wir selbst zu Stande gebracht hätten . Alle Billets der Gräfin , des Chevalier u. s. w. , die während dieser Zeit ankamen , wurden angenommen , aber nicht beantwortet . Der Verlust , den Eugenia gelitten hatte , war bedeutend genug ; indessen ließ er sich ertragen , wenn man in Anschlag brachte , daß sie bestimmt war , noch weit mehr zu verlieren , und nicht nur ihr Vermögen , sondern auch ihre Moralität und ihre Ehre einzubüßen . Hierüber hatte uns Aurora so vollständige Aufschlüsse gegeben , daß die Sache keinem Zweifel unterworfen war . Wien verließen wir mit der traurigen Reflektion , daß , mit allem guten Willen uns an Deutsche anzuschließen , wir unsere Zuflucht zu egoistischen Franzosen hatten nehmen müssen , die in uns nur die leichte Beute schätzten . Wir durchreiseten einen großen Theil des deutschen Reichs , um einen Aufenthalt zu finden , der unseren Neigungen entspräche ; allein wir kamen nicht eher zur Ruhe , als bis Eugenia sich entschloß , in der Nähe von W ... das Gut zu kaufen , das wir noch immer bewohnen . Seit dieser Zeit leben wir in unserer eigenen Welt , hinlänglich geschieden und hinlänglich berührt von unserer Umgebung , um in voller Freiheit zu existiren . Unsere Sorge ging gleich Anfangs dahin , das Nützliche dem Schönen so unterzuordnen , daß dieses ein hinreichendes Fundament in jenem erhielte ; und dies ist uns über alle Erwartung gelungen . Unser Gütchen ist der Wohnsitz der Reinlichkeit , der Ordnung , der Bequemlichkeit und Gastfreundlichkeit ; und in sofern diese Schöpfung von uns ausgegangen ist , macht sie , hoff ich , unserem Verstande keine Unehre . Die Angelegenheiten der Wirthschaft sind unter uns so getheilt , daß jede von uns ihren eigenen Wirkungskreis hat , ohne gleichwohl dadurch so beschäftigt zu seyn , daß wir außer Stande wären , uns im Nothfall zu ersetzen ; denn wir haben das Geheimniß aufgefunden : Alles so zu ordnen , daß es nur eines leichten Impulses bedarf , um das Ganze im Gange zu erhalten . Den Frieden neben die Thätigkeit zu stellen , dies ist die große Kunst bei allen Organisationen ; und diese Kunst ist von uns ausgeübt worden . Wir würden noch immer glücklich seyn , wenn wir auch ganz von der Welt getrennt lebten . Dies ist aber nicht der Fall ; wir leben vielmehr mitten in der Welt . Es kam darauf an , eine solche Stellung zu gewinnen , daß wir von dem Geräusch um uns her nur gerade so viel berührt würden , als sich mit der Bestimmung vertrug , die wir uns selbst gegeben hatten . Zu diesem Endzweck konnten wir uns nur dem Umgange solcher Personen hingeben , die wirklich zu uns paßten ; allein , indem wir in dieser Hinsicht so klug als vorsichtig waren , brachten wir es dahin , daß wir die ganze Welt durch wenige Personen in einem kurzen Auszuge um uns herstellten . Wer sich mit dem Volumen befaßt , wird davon erdrückt ; wer hingegen Verstand genug hat , nur nach der Quintessenz zu streben , behält seine ganze Freiheit und wird durch die höchsten Genüsse belohnt . Durch Sie , mein theurer Cäsar , wurde ich von neuem in die deutsche Literatur eingeweihet , die mir seit vielen Jahren fremd geworden war ; und dafür danke ich Ihnen , wenn es eines Dankes bedarf . Ich habe mich überzeugt , daß die Deutschen in jeder Kunst und Wissenschaft seit ungefähr dreißig Jahren Riesenschritte gemacht haben ; und weit entfernt , an einen nahen Stillstand zu glauben , erwarte ich vielmehr von der Zukunft noch glänzendere Perioden . Mag doch die große Mehrheit der Schriftsteller in gar keine Betrachtung kommen ; dies verschlägt demjenigen nichts , welcher einsieht , wie nothwendig sie sind , um einen ausgezeichneten hervor zu bringen . Auch das Gold erzeugt sich nur in Bleistufen ; und wer verlangt es , daß kein Blei existiren soll ? Alle materielle Industrie ist die Bedingung der immateriellen , und in dieser Ansicht mögen wir jene wohl verzeihen . In der That , ich freue mich , die Zeit erlebt zu haben , in welcher Göthe ' s natürliche Tochter erscheinen konnte . Höher als jedes andere Produkt desselben Meisters setz ' ich dieses . Mag die Mitwelt darüber urtheilen wie sie wolle , die Nachwelt wird darin nur